Also sprach Zarathustra
Friedrich Nietzsche
VERSIONE ELETTRONICA - PER I NON VEDENTI - ADATTATA DA AMEDEO MARCHINI

Ein Buch fr Alle und Keinen

Inhaltsverzeichnis
Erster Theil
Zarathustra's Vorrede
Die Reden Zarathustra's
Von den drei Verwandlungen
Von den Lehrsthlen der Tugend
Von den Hinterweltlern
Von den Verchtern des Leibes
Von den Freuden- und Leidenschaften
Vom bleichen Verbrecher
Vom Lesen und Schreiben
Vom Baum am Berge
Von den Predigern des Todes
Vom Krieg und Kriegsvolke
Vom neuen Gtzen
Von den Fliegen des Marktes
Von der Keuschheit
Vom Freunde
Von tausend und Einem Ziele
Von der Nchstenliebe
Vom Wege des Schaffenden
Von alten und jungen Weiblein
Vom Biss der Natter
Von Kind und Ehe
Vom freien Tode
Von der schenkenden Tugend
Zweiter Theil
Das Kind mit dem Spiegel
Auf den glckseligen Inseln
Von den Mitleidigen
Von den Priestern
Von den Tugendhaften
Vom Gesindel
Von den Taranteln
Von den berhmten Weisen
Das Nachtlied
Das Tanzlied
Das Grablied
Von der Selbst-Ueberwindung
Von den Erhabenen
Vom Lande der Bildung
Von der unbefleckten Erkenntniss
Von den Gelehrten
Von den Dichtern
Von grossen Ereignissen
Der Wahrsager
Von der Erlsing
Von der Menschen-Klugheit
Die stillste Stunde
Dritter Theil
Der Wanderer
Vom Gesicht und Rthsel
Von der Seligkeit wider Willen
Vor Sonnen-Aufgang
Von der verkleinernden Tugend
Auf dem Oelberge
Vom Vorbergehen
Von den Abtrnnigen
Die Heimkehr
Von den drei Bsen
Vom Geist der Schwere
Von alten und neuen Tafeln
Der Genesende
Von der grossen Sehnsucht
Das andere Tanzlied
Die sieben Siegel (Oder: das Ja- und Amen-Lied)
Vierter und letzter Theil
Das Honig-Opfer
Der Nothschrei
Gesprch mit den Knigen
Der Blutegel
Der Zauberer
Ausser Dienst
Der hsslichste Mensch
Der freiwillige Bettler
Der Schatten
Mittags
Die Begrssung
Das Abendmahl
Vom hheren Menschen
Das Lied der Schwermuth
Von der Wissenschaft
Unter Tchtern der Wste
Die Erweckung
Das Eselsfest
Das Nachtwandler-Lied
Das Zeichen

Erster Theil
Zarathustra's Vorrede.
1
Als Zarathustra dreissig Jahr alt war, verliess er seine Heimat und den See
seiner Heimat und ging in das Gebirge. Hier genoss er seines Geistes und seiner
Einsamkeit und wurde dessen zehn Jahr nicht mde. Endlich aber verwandelte sich
sein Herz, - und eines Morgens stand er mit der Morgenrthe auf, trat vor die
Sonne hin und sprach zu ihr also:
"Du grosses Gestirn! Was wre dein Glck, wenn du nicht Die httest, welchen du
leuchtest!
Zehn Jahre kamst du hier herauf zu meiner Hhle: du wrdest deines Lichtes und
dieses Weges satt geworden sein, ohne mich, meinen Adler und meine Schlange.
Aber wir warteten deiner an jedem Morgen, nahmen dir deinen berfluss ab und
segneten dich dafr.
Siehe! Ich bin meiner Weisheit berdrssig, wie die Biene, die des Honigs zu
viel gesammelt hat, ich bedarf der Hnde, die sich ausstrecken.
Ich mchte verschenken und austheilen, bis die Weisen unter den Menschen wieder
einmal ihrer Thorheit und die Armen einmal ihres Reichthums froh geworden sind.
Dazu muss ich in die Tiefe steigen: wie du des Abends thust, wenn du hinter das
Meer gehst und noch der Unterwelt Licht bringst, du berreiches Gestirn!
Ich muss, gleich dir, untergehen, wie die Menschen es nennen, zu denen ich hinab
will.
So segne mich denn, du ruhiges Auge, das ohne Neid auch ein allzugrosses Glck
sehen kann!
Segne den Becher, welche berfliessen will, dass das Wasser golden aus ihm
fliesse und berallhin den Abglanz deiner Wonne trage!
Siehe! Dieser Becher will wieder leer werden, und Zarathustra will wieder Mensch
werden."
- Also begann Zarathustra's Untergang.

2
Zarathustra stieg allein das Gebirge abwrts und Niemand begegnete ihm. Als er
aber in die Wlder kam, stand auf einmal ein Greis vor ihm, der seine heilige
Htte verlassen hatte, um Wurzeln im Walde zu suchen. Und also sprach der Greis
zu Zarathustra:
Nicht fremd ist mir dieser Wanderer: vor manchen Jahre gieng er her vorbei.
Zarathustra hiess er; aber er hat sich verwandelt. Damals trugst du deine Asche
zu Berge: willst du heute dein Feuer in die Thler tragen? Frchtest du nicht
des Brandstifters Strafen?
Ja, ich erkenne Zarathustra. Rein ist sein Auge, und an seinem Munde birgt sich
kein Ekel. Geht er nicht daher wie ein Tnzer?
Verwandelt ist Zarathustra, zum Kind ward Zarathustra, ein Erwachter ist
Zarathustra: was willst du nun bei den Schlafenden?
Wie im Meere lebtest du in der Einsamkeit, und das Meer trug dich. Wehe, du
willst an's Land steigen? Wehe, du willst deinen Leib wieder selber schleppen?
Zarathustra antwortete: "Ich liebe die Menschen."
Warum, sagte der Heilige, gieng ich doch in den Wald und die Einde? War es
nicht, weil ich die Menschen allzu sehr liebte?
Jetzt liebe ich Gott: die Menschen liebe ich nicht. Der Mensch ist mir eine zu
unvollkommene Sache. Liebe zum Menschen wrde mich umbringen.
Zarathustra antwortete: "Was sprach ich von Liebe! Ich bringe den Menschen ein
Geschenk."
Gieb ihnen Nichts, sagte der Heilige. Nimm ihnen lieber Etwas ab und trage es
mit ihnen - das wird ihnen am wohlsten thun: wenn er dir nur wohlthut!
Und willst du ihnen geben, so gieb nicht mehr, als ein Almosen, und lass sie
noch darum betteln!
"Nein, antwortete Zarathustra, ich gebe kein Almosen. Dazu bin ich nicht arm
genug."
Der Heilige lachte ber Zarathustra und sprach also: So sieh zu, dass sie deine
Schtze annehmen! Sie sind misstrauisch gegen die Einsiedler und glauben nicht,
dass wir kommen, um zu schenken.
Unse Schritte klingen ihnen zu einsam durch die Gassen. Und wie wenn sie Nachts
in ihren Betten einen Mann gehen hren, lange bevor die Sonne aufsteht, so
fragen sie sich wohl: wohin will der Dieb?
Gehe nicht zu den Menschen und bleibe im Walde! Gehe lieber noch zu den Thieren!
Warum willst du nicht sein, wie ich, - ein Br unter Bren, ein Vogel unter
Vgeln?
"Und was macht der Heilige im Walde?" fragte Zarathustra.
Der Heilige antwortete: Ich mache Lieder und singe sie, und wenn ich Lieder
mache, lache, weine und brumme ich: also lobe ich Gott.
Mit Singen, Weinen, Lachen und Brummen lobe ich den Gott, der mein Gott ist.
Doch was bringst du uns zum Geschenke?
Als Zarathustra diese Worte gehrt hatte, grsste er den Heiligen und sprach:
"Was htte ich euch zu geben! Aber lasst mich schnell davon, dass ich euch
Nichts nehme!" - Und so trennten sie sich von einander, der Greis und der Mann,
lachend, gleichwie zwei Knaben lachen.
Als Zarathustra aber allein war, sprach er also zu seinem Herzen: "Sollte es
denn mglich sein! Dieser alte Heilige hat in seinem Walde noch Nichts davon
gehrt, dass Gott todt ist!" -

3
Als Zarathustra in die Nchste Stadt kam, die an den Wldern liegt, fand er
daselbst viel Volk versammelt auf dem Markte: denn es war verheissen worden, das
man einen Seiltnzer sehen solle. Und Zarathustra sprach also zum Volke:
Ich lehre euch den bermenschen. Der Mensch ist Etwas, das berwunden werden
soll. Was habt ihr gethan, ihn zu berwinden?
Was ist der Affe fr en Menschen? Ein Gelchter oder eine schmerzliche Scham.
Und ebendas soll der Mensch fr den bermenschen sein: ein Gelchter oder eine
schmerzliche Scham.
Ihr habt den Weg vom Wurme zum Menschen gemacht, und Vieles ist in euch noch
Wurm. Einst wart ihr Affen, und auch jetzt ist der Mensch mehr Affe, als irgend
ein Affe.
Wer aber der Weiseste von euch ist, der ist auch nur ein Zwiespalt und Zwitter
von Pflanze und von Gespenst. Aber heisse ich euch zu Gespenstern oder Pflanzen
werden?
Seht, ich lehre euch den bermenschen!
Der bermensch ist der Sinn der Erde. Euer Wille sage: der bermensch sei der
Sinn der Erde!
Ich beschwre euch, meine Brder, bleibt der Erde treu und glaubt Denen nicht,
welche euch von berirdischen Hoffnungen reden! Giftmischer sind es, ob sie es
wissen oder nicht.
Verchter des Lebens sind es, Absterbende und selber Vergiftete, deren die Erde
mde ist: so mgen sie dahinfahren!
Einst war der Frevel an Gott der grsste Frevel, aber Gott starb, und damit auch
diese Frevelhaften. An der Erde zu freveln ist jetzt das Furchtbarste und die
Eingeweide des Unerforschlichen hher zu achten, als der Sinn der Erde!
Einst blickte die Seele verchtlich auf den Leib: und damals war diese
Verachtung das Hchste: - sie wollte ihn mager, grsslich, verhungert. So dachte
sie ihm und der Erde zu entschlpfen.
Oh diese Seele war selbst noch mager, grsslich und verhungert: und Grausamkeit
war die Wollust dieser Seele!
Aber auch ihr noch, meine Brder, sprecht mir: was kndet euer Leib von eurer
Seele? Ist eure Seele nicht Armuth und Schmutz und ein erbrmliches Behagen?
Wahrlich, ein schmutziger Strom ist der Mensch. Man muss schon ein Meer sein, um
einen schmutzigen Strom aufnehmen zu knnen, ohne unrein zu werden.
Seht, ich lehre euch den bermenschen: der ist diess Meer, in ihm kann eure
grosse Verachtung untergehn.
Was ist das Grsste, das ihr erleben knnt? Das ist die Stunde der grossen
Verachtung. Die Stunde, in der euch auch euer Glck zum Ekel wird und ebenso
eure Vernunft und eure Tugend.
Die Stunde, wo ihr sagt: "Was liegt an meinem Glcke! Es ist Armuth und
Schmutz, und ein erbrmliches Behagen. Aber mein Glck sollte das Dasein selber
rechtfertigen!"
Die Stunde, wo ihr sagt: "Was liegt an meiner Vernunft! Begehrt sie nach Wissen
wie der Lwe nach seiner Nahrung? Sie ist Armuth und Schmutz und ein
erbrmliches Behagen!"
Die Stunde, wo ihr sagt: "Was liegt an meiner Tugend! Noch hat sie mich nicht
rasen gemacht. Wie mde bin ich meines Guten und meines Bsen! Alles das ist
Armuth und Schmutz und ein erbrmliches Behagen!"
Die Stunde, wo ihr sagt: "Was liegt an meiner Gerechtigkeit! Ich sehe nicht,
dass ich Gluth und Kohle wre. Aber der Gerecht ist Gluth und Kohle!"
Die Stunde, wo ihr sagt: "Was liegt an meinem Mitleiden! Ist nicht Mitleid das
Kreuz, an das Der genagelt wird, der die Menschen liebt? Aber mein Mitleiden ist
keine Kreuzigung."
Spracht ihr schon so? Schriet ihr schon so? Ach, dass ich euch schon so schreien
gehrt hatte!
Nicht eure Snde - eure Gengsamkeit schreit gen Himmel, euer Geiz selbst in
eurer Snde schreit gen Himmel!
Wo ist doch der Blitz, der euch mit seiner Zunge lecke? Wo ist der Wahnsinn, mit
dem ihr geimpft werden msstet?
Seht, ich lehre euch den bermenschen: der ist dieser Blitz, der ist dieser
Wahnsinn! -
Als Zarathustra so gesprochen hatte, schrie Einer aus dem Volke: "Wir hrten
nun genug von dem Seiltnzer; nun lasst uns ihn auch sehen!" Und alles Volk
lachte ber Zarathustra. Der Seiltnzer aber, welcher glaubte, dass das Wort ihm
glte, machte sich an sein Werk.

4
Zarathustra aber sahe das Volk an und wunderte sich. Dann sprach er also:
Der Mensch ist ein Seil, geknpft zwischen Thier und bermensch, - ein Seil ber
einem Abgrunde.
Ein gefhrliches Hinber, ein gefhrliches Auf-dem-Wege, ein gefhrliches
Zurckblicken, ein gefhrliches Schaudern und Stehenbleiben.
Was gross ist am Menschen, das ist, dass er eine Brcke und kein Zweck ist: was
geliebt werden kann am Menschen, das ist, dass er ein bergang und ein Untergang
ist.
Ich liebe Die, welche nicht zu leben wissen, es sei denn als Untergehende, denn
es sind die Hinbergehenden.
Ich liebe die grossen Verachtenden, weil sie die grossen Verehrenden sind und
Pfeile der Sehnsucht nach dem andern Ufer.
Ich liebe Die, welche nicht erst hinter den Sternen einen Grund suchen,
unterzugehen und Opfer zu sein: sondern die sich der Erde opfern, dass die Erde
einst der bermenschen werde.
Ich liebe Den, welcher lebt, damit er erkenne, und welcher erkennen will, damit
einst der bermensch lebe. Und so will er seinen Untergang.
Ich liebe Den, welcher arbeitet und erfindet, dass er dem bermenschen das Haus
baue und zu ihm Erde, Thier und Pflanze vorbereite: denn so will er seinen
Untergang.
Ich liebe Den, welcher seine Tugend liebt: denn Tugend ist Wille zum Untergang
und ein Pfeil der Sehnsucht.
Ich liebe Den, welcher nicht einen Tropfen Geist fr sich zurckbehlt, sondern
ganz der Geist seiner Tugend sein will: so schreitet er als Geist ber die
Brcke.
Ich liebe Den, welcher aus seiner Tugend seinen Hang und sein Verhngniss macht:
so will er um seiner Tugend willen noch leben und nicht mehr leben.
Ich liebe Den, welcher nicht zu viele Tugenden haben will. Eine Tugend ist mehr
Tugend, als zwei, weil sie mehr Knoten ist, an den sich das Verhngniss hngt.
Ich liebe Den, dessen Seele sich verschwendet, der nicht Dank haben will und
nicht zurckgiebt: denn er schenkt immer und will sich nicht bewahren.
Ich liebe Den, welcher sich schmt, wenn der Wrfel zu seinem Glcke fllt und
der dann fragt: bin ich denn ein falscher Spieler? - denn er will zu Grunde
gehen.
Ich liebe Den, welcher goldne Worte seinen Thaten voraus wirft und immer noch
mehr hlt, als er verspricht: denn er will seinen Untergang.
Ich liebe Den, welcher die Zuknftigen rechtfertigt und die Vergangenen erlst:
denn er will an den Gegenwrtigen zu Grunde gehen.
Ich liebe Den, welcher seinen Gott zchtigt, weil er seinen Gott liebt: denn er
muss am Zorne seines Gottes zu Grunde gehen.
Ich liebe Den, dessen Seele tief ist auch in der Verwundung, und der an einem
kleinen Erlebnisse zu Grunde gehen kann: so geht er gerne ber die Brcke.
Ich liebe Den, dessen Seele bervoll ist, so dass er sich selber vergisst, und
alle Dinge in ihm sind: so werden alle Dinge sein Untergang.
Ich liebe Den, der freien Geistes und freien Herzes ist: so ist sein Kopf nur
das Eingeweide seines Herzens, sein Herz aber treibt ihn zum Untergang.
Ich liebe alle Die, welche schwere Tropfen sind, einzeln fallend aus der dunklen
Wolke, die ber den Menschen hngt: sie verkndigen, dass der Blitz kommt, und
gehn als Verkndiger zu Grunde.
Seht, ich bin ein Verkndiger des Blitzes und ein schwerer Tropfen aus der
Wolke: dieser Blitz aber heisst bermensch. -

5
Als Zarathustra diese Worte gesprochen hatte, sahe er wieder das Volk an und
schwieg. "Da stehen sie", sprach er zu seinem Herzen, "da lachen sie: sie
verstehen mich nicht, ich bin nicht der Mund fr diese Ohren.
Muss man ihnen erst die Ohren zerschlagen, dass sie lernen, mit den Augen hren.
Muss man rasseln gleich Pauken und Busspredigern? Oder glauben sie nur dem
Stammelnden?
Sie haben etwas, worauf sie stolz sind. Wie nennen sie es doch, was sie stolz
macht? Bildung nennen sie's, es zeichnet sie aus vor den Ziegenhirten.
Drum hren sie ungern von sich das Wort "Verachtung". So will ich denn zu
ihrem Stolze reden.
So will ich ihnen vom Verchtlichsten sprechen: das aber ist der letzte
Mensch."
Und also sprach Zarathustra zum Volke:
Es ist an der Zeit, dass der Mensch sich sein Ziel stecke. Es ist an der Zeit,
dass der Mensch den Keim seiner hchsten Hoffnung pflanze.
Noch ist sein Boden dazu reich genug. Aber dieser Boden wird einst arm und zahm
sein, und kein hoher Baum wird mehr aus ihm wachsen knnen.
Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch nicht mehr den Pfeil seiner Sehnsucht
ber den Menschen hinaus wirft, und die Sehne seines Bogens verlernt hat, zu
schwirren!
Ich sage euch: man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern
gebren zu knnen. Ich sage euch: ihr habt noch Chaos in euch.
Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch keinen Stern mehr gebren wird. Wehe! Es
kommt die Weit des verchtlichsten Menschen, der sich selber nicht mehr
verachten kann.
Seht! Ich zeige euch den letzten Menschen.
"Was ist Liebe? Was ist Schpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern" - so
fragt der letzte Mensch und blinzelt.
Die Erde ist dann klein geworden, und auf ihr hpft der letzte Mensch, der Alles
klein macht. Sein Geschlecht ist unaustilgbar, wie der Erdfloh; der letzte
Mensch lebt am lngsten.
"Wir haben das Glck erfunden" - sagen die letzten Menschen und blinzeln.
Sie haben den Gegenden verlassen, wo es hart war zu leben: denn man braucht
Wrme. Man liebt noch den Nachbar und reibt sich an ihm: denn man braucht Wrme.
Krankwerden und Misstrauen-haben gilt ihnen sndhaft: man geht achtsam einher.
Ein Thor, der noch ber Steine oder Menschen stolpert!
Ein wenig Gift ab und zu: das macht angenehme Trume. Und viel Gift zuletzt, zu
einem angenehmen Sterben.
Man arbeitet noch, denn Arbeit ist eine Unterhaltung. Aber man sorgt dass die
Unterhaltung nicht angreife.
Man wird nicht mehr arm und reich: Beides ist zu beschwerlich. Wer will noch
regieren? Wer noch gehorchen? Beides ist zu beschwerlich.
Kein Hirt und Eine Heerde! Jeder will das Gleiche, Jeder ist gleich: wer anders
fhlt, geht freiwillig in's Irrenhaus.
"Ehemals war alle Welt irre" - sagen die Feinsten und blinzeln.
Man ist klug und weiss Alles, was geschehn ist: so hat man kein Ende zu spotten.
Man zankt sich noch, aber man vershnt sich bald - sonst verdirbt es den Magen.
Man hat sein Lstchen fr den Tag und sein Lstchen fr die Nacht: aber man ehrt
die Gesundheit.
"Wir haben das Glck erfunden" - sagen die letzten Menschen und blinzeln -
Und hier endete die erste Rede Zarathustra's, welche man auch "die Vorrede"
heisst: denn an dieser Stelle unterbrach ihn das Geschrei und die Lust der
Menge. "Gieb uns diesen letzten Menschen, oh Zarathustra, - so riefen sie -
mache uns zu diesen letzten Menschen! So schenken wir dir den bermenschen!"
Und alles Volk jubelte und schnalzte mit der Zunge. Zarathustra aber wurde
traurig und sagte zu seinem Herzen:
Sie verstehen mich nicht: ich bin nicht den Mund fr diese Ohren.
Zu lange wohl lebte ich im Gebirge, zu viel horchte ich auf Bche und Bume: nun
rede ich ihnen gleich den Ziegenhirten.
Unbewegt ist meine Seele und hell wie das Gebirge am Vormittag. Aber sie meinen,
ich sei kalt und ein Sptter in furchtbaren Spssen.
Und nun blicken sie mich an und lachen: und indem sie lachen, hassen sie mich
noch. Es ist Eis in ihrem Lachen.

6
Da aber geschah Etwas, das jeden Mund stumm und jedes Auge starr machte.
Inzwischen nmlich hatte der Seiltnzer sein Werk begonnen: er war aus einer
kleiner Thr hinausgetreten und gieng ber das Seil, welches zwischen zwei
Thrmen gespannt war, also, dass es ber dem Markte und dem Volke hieng. Als er
eben in der Mitte seines Weges war, ffnete sich die kleine Thr noch einmal,
und ein bunter Gesell, einem Possenreisser gleich, sprang heraus und gieng mit
schnellen Schritten dem Ersten nach. "Vorwrts, Lahmfuss, rief seine
frchterliche Stimme, vorwrts Faulthier, Schleichhndler, Bleichgesicht! Dass
ich dich nicht mit meiner Ferse kitzle! Was treibst du hier zwischen Thrmen? In
den Thurm gehrst du, einsperren sollte man dich, einem Bessern, als du bist,
sperrst du die freie Bahn!" - Und mit jedem Worte kam er ihm nher und nher:
als er aber nur noch einen Schritt hinter ihm war, da geschah das
Erschreckliche, das jeden Mund stumm und jedes Auge starr machte: - er stiess
ein Geschrei aus wie ein Teufel und sprang ber Den hinweg, der ihm im Wege war.
Dieser aber, als er so seinen Nebenbuhler siegen sah, verlor dabei den Kopf und
das Seil; er warf seine Stange weg und schoss schneller als diese, wie ein
Wirbel von Armen und Beinen, in die Tiefe. Der Markt und das Volk glich dem
Meere, wenn der Sturm hineinfhrt: Alles floh aus einander und bereinander, und
am meisten dort, wo der Krper niederschlagen musste.
Zarathustra aber blieb stehen, und gerade neben ihn fiel der Krper hin, bel
zugerichtet und zerbrochen, aber noch nicht todt. Nach einer Weile kam dem
Zerschmetterten das Bewusstsein zurck, und er sah Zarathustra neben sich
knieen. "Was machst du da? sagte er endlich, ich wusste es lange, dass mir der
Teufel ein Bein stellen werde. Nun schleppt er mich zur Hlle: willst du's ihm
wehren?"
"Bei meiner Ehre, Freund, antwortete Zarathustra, das giebt es Alles nicht,
wovon du sprichst: es giebt keinen Teufel und keine Hlle. Deine Seele wird noch
schneller todt sein als dein Leib: frchte nun Nichts mehr!"
Der Mann blickte misstrauisch auf. "Wenn du die Wahrheit sprichst, sagte er
dann, so verliere ich Nichts, wenn ich das Leben verliere. Ich bin nicht viel
mehr als ein Thier, das man tanzen gelehrt hat, durch Schlge und schmale
Bissen."
"Nicht doch, sprach Zarathustra; du hast aus der Gefahr deinen Beruf gemacht,
daran ist Nichts zu verachten. Nun gehst du an deinem Beruf zu Grunde: dafr
will ich dich mit meinen Hnden begraben."
Als Zarathustra diess gesagt hatte, antwortete der Sterbende nicht mehr; aber er
bewegte die Hand, wie als ob er die Hand Zarathustra's zum Danke suche. -

7
Inzwischen kam der Abend, und der Markt barg sich in Dunkelheit: da verlief sich
das Volk, denn selbst Neugierde und Schrekken werde mde. Zarathustra aber sass
neben dem Todten auf der Erde und war in Gedanken versunken: so vergass er die
Zeit. Endlich aber wurde es Nacht, und ein kalter Wind blies ber den Einsamen.
Da erhob sich Zarathustra und sagte zu seinem Herzen:
Wahrlich, einen schnen Fischfang that heute Zarathustra! Keinen Menschen fieng
er, wohl aber einen Leichnam.
Unheimlich ist das menschliche Dasein und immer noch ohne Sinn: ein
Possenreisser kann ihm zum Verhngniss werden.
Ich will die Menschen den Sinn ihres Seins lehren: welcher ist der bermensch,
der Blitz aus der dunklen Wolke Mensch.
Aber noch bin ich ihnen ferne, und mein Sinn redet nicht zu ihren Sinnen. Eine
Mitte bin ich noch den Menschen zwischen einem Narren und einem Leichnam.
Dunkel ist die Nacht, dunkel sind die Wege Zarathustra's. Komm, du kalter und
steifer Gefhrte! Ich trage dich dorthin, wo ich dich mit meinen Hnden begrabe.

8
Als Zarathustra diess zu seinem Herzen gesagt hatte, lud er den Leichnam auf
seinem Rcken und machte sich auf den Weg. Und noch nicht war er hundert
Schritte gegangen, da schlich ein Mensch an ihn heran und flsterte ihm in's Ohr
- und siehe! Der, welcher redete, war der Possenreisser vom Thurme. "Geh weg
von dieser Stadt, oh Zarathustra, sprach er; es hassen dich hier zu Viele. Es
hassen dich die Guten und Gerechten und sie nennen dich ihren Feind und
Verchter; es hassen dich die Glubigen des rechten Glaubens, und sie nennen
dich die Gefahr der Menge. Dein Glck war es, dass man ber dich lachte: und
wahrlich, du redetest gleich einem Possenreisser. Dein Glck war es, dass du
dich dem todten Hunde geselltest; als du dich so erniedrigtest, hast du dich
selber fr heute errettet. Geh aber fort aus dieser Stadt - oder morgen springe
ich ber dich hinweg, ein Lebendiger ber einen Todten." Und als er diess
gesagt hatte, verschwand der Mensch; Zarathustra aber gieng weiter durch die
dunklen Gassen.
Am Thore der Stadt begegneten ihm die Todtengrber: sie leuchteten ihm mit der
Fackel in's Gesicht, erkannten Zarathustra und spotteten sehr ber ihn.
"Zarathustra trgt den todten Hund davon: brav, dass Zarathustra zum
Todtengrber wurde! Denn unsere Hnde sind zu reinlich fr diesen Braten. Will
Zarathustra wohl dem Teufel seinen Bissen stehlen? Nun wohlan! Und gut Glck zur
Mahlzeit! Wenn nur nicht der Teufel ein besserer Dieb ist, als Zarathustra! - er
stiehlt die Beide, er frisst sie Beide!" Und sie lachten mit einander und
steckten die Kpfe zusammen.
Zarathustra sagte dazu kein Wort und gieng seines Weges. Als er zwei Stunden
gegangen war, an Wldern und Smpfen vorbei, da hatte er zu viel das hungrige
Geheul der Wlfe gehrt, und ihm selber kam der Hunger. So blieb er an einem
einsamen Hause stehn, in dem ein Licht brannte.
Der Hunger berfllt mich, sagte Zarathustra, wie ein Ruber. In Wldern und
Smpfen berfllt mich mein Hunger und in tiefer Nacht.
Wunderliche Launen hat mein Hunger. Oft kommt er mir erst nach der Mahlzeit, und
heute kam er den ganzen Tag nicht: wo weilte er doch?
Und damit schlug Zarathustra an das Thor des Hauses. Ein alter Mann erschien; er
trug das Licht und fragte: "Wer kommt zu mir und zu meinem schlimmen Schlafe?"
"Ein Lebendiger und ein Todter, sagte Zarathustra. Gebt mir zu essen und zu
trinken, ich vergass es am Tage. Der, welcher den Hungrigen speiset, erquickt
seine eigene Seele: so spricht die Weisheit."
Der Alte gieng fort, kam aber gleich zurck und bot Zarathustra Brod und Wein.
"Eine bse Gegend ist's fr Hungernde, sagte er; darum wohne ich hier. Thier
und Mensch kommen zu mir, dem Einsiedler. Aber heisse auch deinen Gefhrten
essen und trinken, er ist mder als du." Zarathustra antwortete: "Todt ist
mein Gefhrte, ich werde ihn schwerlich dazu berreden." "Das geht mich Nichts
an, sagte der Alte mrrisch; wer an meinem Hause anklopft, muss auch nehmen, was
ich ihm biete. Esst und gehabt euch wohl!" -
Darauf gieng Zarathustra wieder zwei Stunden und vertraute dem Wege und dem
Lichte der Sterne: denn er war ein gewohnter Nachtgnger und liebte es, allem
Schlafenden in's Gesicht zu sehn. Als aber der Morgen graute, fand sich
Zarathustra in einem tiefen Walde, und kein Weg zeigte sich ihm mehr. Da legte
er den Todten in einen hohlen Baum sich zu Hupten - denn er wollte ihn vor den
Wlfen schtzen - und sich selber auf den Boden und das Moos. Und alsbald
schlief er ein, mden Leibes, aber mit einer unbewegten Seele.

9
Lange schlief Zarathustra, und nicht nur die Morgenrthe gieng ber sein
Antlitz, sondern auch der Vormittag. Endlich aber that sein Auge sich auf:
verwundert sah Zarathustra in den Wald und die Stille, verwundert sah er in sich
hinein. Dann erhob er sich schnell, wie ein Seefahrer, der mit Einem Male Land
sieht, und jauchzte: denn er sah eine neue Wahrheit. Und also redete er dann zu
seinem Herzen:
Ein Licht gieng mir auf: Gefhrten brauche ich und lebendige, - nicht todte
Gefhrten und Leichname, die ich mit mir trage, wohin ich will.
Sondern lebendige Gefhrten brauche ich, die mir folgen, weil sie sich selber
folgen wollen - und dorthin, wo ich will.
Ein Licht gieng mir auf: nicht zum Volke rede Zarathustra, sondern zu Gefhrten!
Nicht soll Zarathustra einer Heerde Hirt und Hund werden!
Viele wegzulocken von der Heerde - dazu kam ich. Zrnen soll mir Volk und
Heerde: Ruber will Zarathustra den Hirten heissen.
Hirten sage ich, aber sie nennen sich die Guten und Gerechten. Hirten sage ich:
aber sie nennen sich die Glubigen des rechten Glaubens.
Siehe die Guten und Gerechten! Wen hassen sie am meisten? Den, der zerbricht
ihre Tafeln der Werthe, den Brecher, den Verbrecher: - das aber ist der
Schaffende.
Siehe die Glubigen aller Glauben! Wen hassen sie am meisten? Den, der zerbricht
ihre Tafeln der Werthe, den Brecher, den Verbrecher: - das aber ist der
Schaffende.
Gefhrten sucht der Schaffende und nicht Leichname, und auch nicht Heerden und
Glubige. Die Mitschaffenden sucht der Schaffende, Die, welche neue Werthe auf
neue Tafeln schreiben.
Gefhrten sucht der Schaffende, und Miterntende: denn Alles steht bei ihm reif
zur Ernte. Aber ihm fehlen die hundert Sicheln: so rauft er hren aus und ist
rgerlich.
Gefhrten sucht der Schaffende, und solche, die ihre Sicheln zu wetzen wissen.
Vernichter wird man sie heissen und Verchter des Guten und Bsen. Aber die
Erntenden sind es und die Feiernden.
Mitschaffende sucht Zarathustra, Miterntende und Mitfeiernde sucht Zarathustra:
was hat er mit Heerden und Hirten und Leichnamen zu schaffen!
Und du, mein erster Gefhrte, gehab dich wohl! Gut begrub ich dich in deinem
hohlen Baume, gut barg ich dich vor den Wlfen.
Aber ich scheide von dir, die Zeit ist um. Zwischen Morgenrthe und Morgenrthe
kam mir eine neue Wahrheit.
Nicht Hirt soll ich sein, nicht Todtengrber. Nicht reden einmal will ich wieder
mit dem Volke; zum letzten Male sprach ich zu einem Todten.
Den Schaffenden, den Erntenden, den Feiernden will ich mich zugesellen: den
Regenbogen will ich ihnen zeigen und alle die Treppen des bermenschen.
Den Einsiedlern werde ich mein Lied singen und den Zweisiedlern; und wer noch
Ohren hat fr Unerhrtes, dem will ich sein Herz schwer machen mit meinem
Glcke.
Zu meinem Ziele will ich, ich gehe meinen Gang; ber die Zgernden und
Saumseligen werde ich hinwegspringen. Also sei mein Gang ihr Untergang!

10
Diess hatte Zarathustra zu seinem Herzen gesprochen, als die Sonne im Mittag
stand: da blickte er fragend in die Hhe - denn er hrte ber sich den scharfen
Ruf eines Vogels. Und siehe! Ein Adler zog in weiten Kreisen durch die Luft, und
an ihm hieng eine Schlange, nicht einer Beute gleich, sondern einer Freundin:
denn sie hielt sich um seinen Hals geringelt.
"Es sind meine Thiere!" sagte Zarathustra und freute sich von Herzen.
Das stolzeste Thier unter der Sonne und das klgste Thier unter der Sonne - sie
sind ausgezogen auf Kundschaft.
Erkunden wollen sie, ob Zarathustra noch lebe. Wahrlich, lebe ich noch?
Gefhrlicher fand ich's unter Menschen als unter Thieren, gefhrlicher Wege geht
Zarathustra. Mgen mich meine Thiere fhren!"
Als Zarathustra diess gesagt hatte, gedachte er der Worte des Heiligen im Walde,
seufzte und sprach also zu seinem Herzen:
Mchte ich klger sein! Mchte ich klug von Grund aus sein, gleich meiner
Schlange!
Aber Unmgliches bitte ich da: so bitte ich denn meinen Stolz, dass er immer mit
meiner Klugheit gehe!
Und wenn mich einst meine Klugheit verlsst: - ach, sie liebt es,
davonzufliegen! - mge mein Stolz dann noch mit meiner Thorheit fliegen!
- Also begann Zarathustra's Untergang.

Die Reden Zarathustra's
Von den drei Verwandlungen
Drie Verwandlungen nenne ich euch des Geistes: wie der Geist zum Kameele wird,
und zum Lwen das Kameel, und zum Kinde zuletzt der Lwe.
Vieles Schwere giebt es dem Geiste, dem starken, tragsamen Geiste, dem Ehrfurcht
innewohnt: nach dem Schweren und Schwersten verlangt seine Strke.
Was ist schwer? so fragt der tragsame Geist, so kniet er nieder, dem Kameele
gleich, und will gut beladen sein.
Was ist das Schwerste, ihr Helden? so fragt der tragsame Geist, dass ich es auf
mich nehme und meiner Strke froh werde.
Ist es nicht das: sich erniedrigen, um seinem Hochmuth wehe zu thun? Seine
Thorheit leuchten lassen, um seiner Weisheit zu spotten?
Oder ist es das: von unserer Sache scheiden, wenn sie ihren Sieg feiert? Auf
hohe Berge steigen, um den Versucher zu versuchen?
Oder ist es das: sich von Eicheln und Gras der Erkenntniss nhren und um der
Wahrheit willen an der Seele Hunger leiden?
Oder ist es das: krank sein und die Trster heimschicken und mit Tauben
Freundschaft schliessen, die niemals hren, was du willst?
Oder ist es das: in schmutziges Wasser steigen, wenn es das Wasser der Wahrheit
ist, und kalte Frsche und heisse Krten nicht von sich weisen?
Oder ist es das: Die lieben, die uns verachten, und dem Gespenste die Hand
reichen, wenn es uns frchten machen will?
Alles diess Schwerste nimmt der tragsame Geist auf sich: dem Kameele gleich, das
beladen in die Wste eilt, also eilt er in seine Wste.
Aber in der einsamsten Wste geschieht die zweite Verwandlung: zum Lwen wird
hier der Geist, Freiheit will er sich erbeuten und Herr sein in seiner eignen
Wste.
Seinen letzten Herrn sucht er sich hier: feind will er ihm werden und seinem
letzten Gotte, um Sieg will er mit dem grossen Drachen ringen.
Welches ist der grosse Drache, den der Geist nicht mehr Herr und Gott heissen
mag? "Du-sollst" heisst der grosse Drache. Aber der Geist des Lwen sagt "Ich
will".
"Du-sollst" liegt ihm am Wege, goldfunkelnd, ein Schuppenthier, und auf jeder
Schuppe glnzt golden "Du-sollst!"
Tausendjhrige Werthe glnzen an diesen Schuppen, und also spricht der
mchtigste aller Drachen "aller Werth der Dinge - der glnzt an mir."
"Aller Werth ward schon geschaffen, und aller geschaffene Werth - das bin ich.
Wahrlich, es soll kein "Ich will" mehr geben!" Also spricht der Drache.
Meine Brder, wozu bedarf es des Lwen im Geiste? Was gengt nicht das lastbare
Thier, das entsagt und ehrfrchtig ist?
Neue Werthe schaffen - das vermag auch der Lwe noch nicht: aber Freiheit sich
schaffen zu neuem Schaffen - das vermag die Macht des Lwen.
Freiheit sich schaffen und ein heiliges Nein auch vor der Pflicht: dazu, meine
Brder bedarf es des Lwen.
Recht sich nehmen zu neuen Werthen - das ist das furchtbarste Nehmen fr einen
tragsamen und ehrfrchtigen Geist. Wahrlich, ein Rauben ist es ihm und eines
raubenden Thieres Sache.
Als sein Heiligstes liebte er einst das "Du-sollst": nun muss er Wahn und
Willkr auch noch im Heiligsten finden, dass er sich Freiheit raube von seiner
Liebe: des Lwen bedarf es zu diesem Raube.
Aber sagt, meine Brder, was vermag noch das Kind, das auch der Lwe nicht
vermochte? Was muss der raubende Lwe auch noch zum Kinde werden?
Unschuld ist das Kind und Vergessen, ein Neubeginnen, ein Spiel, ein aus sich
rollendes Rad, eine erste Bewegung, ein heiliges Ja-sagen.
Ja, zum Spiele des Schaffens, meine Brder, bedarf es eines heiligen Ja-sagens:
seinen Willen will nun der Geist, seine Welt gewinnt sich der Weltverlorene.
Drei Verwandlungen nannte ich euch des Geistes: wie der Geist zum Kameele ward,
und zum Lwen das Kameel, und der Lwe zuletzt zum Kinde. -
Also sprach Zarathustra. Und damals weilte er in der Stadt, welche genannt wird:
die bunte Kuh.

Von den Lehrsthlen der Tugend
Man rhmte Zarathustra einen Weisen, der gut vom Schlafe und von der Tugend zu
reden wisse: sehr werde er geehrt und gelohnt dafr, und alle Jnglinge sssen
vor seinem Lehrstuhle. Zu ihm gieng Zarathustra, und mit allen Jnglingen sass
er vor seinem Lehrstuhle. Und also sprach der Weise:
Ehre und Scham vor dem Schlafe! Das ist das Erste! Und Allen aus dem Wege gehn,
die schlecht schlafen und Nachts wachen!
Schamhaft ist noch der Dieb vor dem Schlafe: stets stiehlt er sich leise durch
die Nacht. Schamlos aber ist der Wchter der Nacht, schamlos trgt er sein Horn.
Keine geringe Kunst ist schlafen: es thut schon Noth, den ganzen Tag darauf hin
zu wachen.
Zehn Mal musst du des Tages dich selber berwinden: das macht eine gute
Mdigkeit und ist Mohn der Seele.
Zehn Mal musst du dich wieder dir selber vershnen; denn berwindung ist
Bitterniss, und schlecht schlft der Unvershnte.
Zehn Wahrheiten musst du des Tages finden: sonst suchst du noch des Nachts nach
Wahrheit, und deine Seele blieb hungrig.
Zehn Mal musst du lachen am Tage und heiter sein: sonst strt dich der Magen in
der Nacht, dieser Vater der Trbsal.
Wenige wissen das: aber man muss alle Tugenden haben, um gut zu schlafen. Werde
ich falsch Zeugniss reden? Werde ich ehebrechen?
Werde ich mich gelsten lassen meines Nchsten Magd? Das Alles vertrge sich
schlecht mit gutem Schlafe.
Und selbst wenn man alle Tugenden hat, muss man sich noch auf Eins verstehn:
selber die Tugenden zur rechten Zeit schlafen schicken.
Dass sie sich nicht mit einander zanken, die artigen Weiblein! Und ber dich, du
Unglckseliger!
Friede mit Gott und dem Nachbar: so will es der gute Schlaf. Und Friede auch
noch mit des Nachbars Teufel! Sonst geht er bei dir des Nachts um.
Ehre der Obrigkeit und Gehorsam, und auch der krummen Obrigkeit! So will es der
gute Schlaf. Was kann ich dafr, dass die Macht gerne auf krummen Beinen
Wandelt?
Der soll mir immer der beste Hirt heissen, der sein Schaf auf die grnste Aue
fhrt: so vertrgt es sich mit dem gutem Schlafe.
Viel Ehren will ich nicht, noch grosse Schtze: das entzndet die Milz. Aber
schlecht schlft es sich ohne einen guten Namen und einen kleinen Schatz.
Eine kleine Gesellschaft ist mir willkommener als eine bse: doch muss sie gehn
und kommen zur rechten Zeit. So vertrgt es sich mit gutem Schlafe.
Sehr gefallen mir auch die Geistig-Armen: sie frdern den Schlaf. Selig sind
die, sonderlich, wenn man ihnen immer Recht giebt.
Also luft der Tag dem Tugendsamen. Kommt nun die Nacht, so hte ich mich wohl,
den Schlaf zu rufen! Nicht will er gerufen sein, der Schlaf, der der Herr der
Tugenden ist!
Sondern ich denke, was ich des Tages gethan und gedacht. Wiederkuend frage ich
mich, geduldsam gleich einer Kuh: welches waren doch deine zehn berwindungen?
Und welches waren die zehn Vershnungen und die zehn Wahrheiten und die zehn
Gelchter, mit denen sich mein Herz gtlich that?
Solcherlei erwgend und gewiegt von vierzig Gedanken, berfllt mich auf einmal
der Schlaf, der Ungerufne, der Herr der Tugenden.
Der Schlaf klopft mir auf meine Auge: da wird es schwer. Der Schlaf berhrt mir
den Mund: da bleibt er offen.
Wahrlich, auf weichen Sohlen kommt er mir, der liebste der Diebe, und stiehlt
mir meine Gedanken: dumm stehe ich da wie dieser Lehrstuhl.
Aber nicht lange mehr stehe ich dann: da liege ich schon. -
Als Zarathustra den Weisen also sprechen hrte, lachte er bei sich im Herzen:
denn ihm war dabei ein Licht aufgegangen. Und also sprach er zu seinem Herzen:
Ein Narr ist mir dieser Weise da mit seinen vierzig Gedanken: aber ich glaube,
dass er sich wohl auf das Schlafen versteht.
Glcklich schon, wer in der Nhe dieses Weisen wohnt! Solch ein Schlaf steckt
an, noch durch eine dicke Wand hindurch steckt er an.
Ein Zauber wohnt selbst in seinem Lehrstuhle. Und nicht vergebens sassen die
Jnglinge vor dem Prediger der Tugend.
Seine Weisheit heisst: wachen, um gut zu schlafen. Und wahrlich, htte das Leben
keinen Sinn und msste ich Unsinn whlen, so wre auch mir diess der
whlenswrdigste Unsinn.
Jetzo verstehe ich klar, was einst man vor Allem suchte, wenn man Lehrer der
Tugend suchte. Guten Schlaf suchte man sich und mohnblumige Tugenden dazu!
Allen diesen gelobten Weisen der Lehrsthle war Weisheit der Schlaf ohne Trume:
sie kannten keinen bessern Sinn des Lebens.
Auch noch heute wohl giebt es Einige, wie diesen Prediger der Tugend, und nicht
immer so Ehrliche: aber ihre Zeit ist um. Und nicht mehr lange stehen sie noch:
da liegen sie schon.
Selig sind diese Schlfrigen: denn sie sollen bald einnicken. -
Also sprach Zarathustra.

Von den Hinterweltlern
Einst warf auch Zarathustra seinen Wahn jenseits des Menschen, gleich allen
Hinterweltlern. Eines leidenden und zerqulten Gottes Werk schien mir da die
Welt.
Traum schien mir da die Welt und Dichtung eines Gottes; farbiger Rauch vor den
Augen eines gttlich Unzufriednen.
Gut und bse und Lust und Leid und Ich und Du - farbiger Rauch dnkte mich's vor
schpferischen Augen. Wegsehn wollte der Schpfer von sich, - da schuf er die
Welt.
Trunkne Lust ist's dem Leidenden, wegzusehn von seinem Leiden und sich zu
verlieren. Trunkne Lust Und Selbst-sich-Verlieren dnkte mich einst die Welt.
Diese Welt, die ewig unvollkommene, eines ewigen Widerspruches Abbild und
unvollkommnes Abbild - eine trunkne Lust ihrem unvollkommnen Schpfer: - also
dnkte mich einst die Welt.
Also warf auch ich einst meinen Wahn jenseits des Menschen, gleich allen
Hinterweltlern. Jenseits des Menschen in Wahrheit?
Ach, ihr Brder, dieser Gott, den ich schuf, war Menschen-Werk und -Wahnsinn,
gleich allen Gttern!
Mensch war er, und nur ein armes Stck Mensch und Ich: aus der eigenen Asche und
Gluth kam es mir, dieses Gespenst, und wahrlich! Nicht kam es mir von Jenseits!
Was geschah, meine Brder? Ich berwand mich, den Leidenden, ich trug meine
eigne Asche zu Berge, eine hellere Flamme erfand ich mir. Und siehe! Da wich das
Gespenst von mir!
Leiden wre es mir jetzt und Qual dem Genesenen, solche Gespenster zu glauben:
Leiden wre es mir jetzt und Erniedrigung. Also rede ich zu den Hinterweltlern.
Leiden war's und Unvermgen - das schuf alle Hinterwelten; und jener kurze
Wahnsinn des Glcks, den nur der Leidendste erfhrt.
Mdigkeit, die mit Einem Sprunge zum Letzten will, mit einem Todessprunge, eine
arme unwissende Mdigkeit, die nicht einmal mehr wollen will: die schuf alle
Gtter und Hinterwelten.
Glaubt es mir, meine Brder! Der Leib war's, der am Leibe verzweifelte, - der
tastete mit den Fingern des bethrten Geistes an die letzten Wnde.
Glaubt es mir, meine Brder! Der Leib war's, der an der Erde verzweifelte, - der
hrte den Bauch des Seins zu sich reden.
Und da wollte er mit dem Kopfe durch die letzten Wnde, und nicht nur mit dem
Kopfe, - hinber zu "jener Welt".
Aber "jene Welt" ist gut verborgen vor dem Menschen, jene entmenschte
unmenschliche Welt, die ein himmlisches Nichts ist; und der Bauch des Seins
redet gar nicht zum Menschen, es sei denn als Mensch.
Wahrlich, schwer zu beweisen ist alles Sein und schwer zum Reden zu bringen.
Sagt mir, ihr Brder, ist nicht das Wunderlichste aller Dinge noch am besten
bewiesen?
Ja, diess Ich und des Ich's Widerspruch und Wirrsal redet noch am redlichsten
von seinem Sein, dieses schaffende, wollende, werthende Ich, welches das Maass
und der Werth der Dinge ist.
Und diess redlichste Sein, das Ich - das redet vom Leibe, und es will noch den
Leib, selbst wenn es dichtet und schwrmt und mit zerbrochnen Flgeln flattert.
Immer redlicher lernt es reden, das Ich: und je mehr es lernt, um so mehr findet
es Worte und Ehren fr Leib und Erde.
Einen neuen Stolz lehrte mich mein Ich, den lehre ich die Menschen: - nicht mehr
den Kopf in den Sand der himmlischen Dinge zu stecken, sondern frei ihn zu
tragen, einen Erden-Kopf, der der Erde Sinn schafft!
Einen neuen Willen lehre ich die Menschen: diesen Weg wollen, den blindlings der
Mensch gegangen, und gut ihn heissen und nicht mehr von ihm bei Seite
schleichen, gleich den Kranken und Absterbenden!
Kranke und Absterbende waren es, die verachteten Leib und Erde und erfanden das
Himmlische und die erlsenden Blutstropfen: aber auch noch diese sssen und
dstern Gifte nahmen sie von Leib und Erde!
Ihrem Elende wollten sie entlaufen, und die Sterne waren ihnen zu weit. Da
seufzten sie: "Oh dass es doch himmlische Wege gbe, sich in ein andres Sein
und Glck zu schleichen!" - da erfanden sie sich ihre Schliche und blutigen
Trnklein!
Ihrem Leibe und dieser Erde nun entrckt whnten sie sich, diese Undankbaren.
Doch wem dankten sie ihrer Entrckung Krampf und Wonne? Ihrem Leibe und dieser
Erde.
Milde ist Zarathustra den Kranken. Wahrlich, er zrnt nicht ihren Arten des
Trostes und Undanks. Mgen sie Genesende werden und berwindende und einen
hheren Leib sich schaffen!
Nicht auch zrnt Zarathustra dem Genesenden, wenn er zrtlich nach seinem Wahne
blickt und Mitternachts um das Grab seines Gottes schleicht: aber Krankheit und
kranker Leib bleiben mir auch seine Thrnen noch.
Vieles krankhafte Volk gab es immer unter Denen, welche dichten und gottschtig
sind; wthend hassen sie den Erkennenden und jene jngste der Tugenden, welche
heisst: Redlichkeit.
Rckwrts blicken sie immer nach dunklen Zeiten: da freilich war Wahn und Glaube
ein ander Ding; Raserei der Vernunft war Gotthnlichkeit, und Zweifel Snde.
Allzugut kenne ich diese Gotthnlichen: sie wollen, dass an sie geglaubt werde,
und Zweifel Snde sei. Allzugut weiss ich auch, woran sie selber am besten
glauben.
Wahrlich nicht an Hinterwelten und erlsende Blutstropfen: sondern an den Leib
glauben auch sie am besten, und ihr eigener Leib ist ihnen ihr Ding an sich.
Aber ein krankhaftes Ding ist er ihnen: und gerne mchten sie aus der Haut
fahren. Darum horchen sie nach den Predigern des Todes und predigen selber
Hinterwelten.
Hrt mir lieber, meine Brder, auf die Stimme des gesunden Leibes: eine
redlichere und reinere Simme ist diess.
Redlicher redet und reiner der gesunde Leib, der vollkommne und rechtwinklige:
und er redet vom Sinn der Erde.
Also sprach Zarathustra.

Von den Verchtern des Leibes
Den Verchtern des Leibes will ich mein Wort sagen. Nicht umlernen und umlehren
sollen sie mir, sondern nur ihrem eignen Leibe Lebewohl sagen - und also stumm
werden.
"Leib bin ich und Seele" - so redet das Kind. Und warum sollte man nicht wie
die Kinder reden?
Aber der Erwachte, der Wissende sagt: Leib bin ich ganz und gar, und Nichts
ausserdem; und Seele ist nur ein Wort fr ein Etwas am Leibe.
Der Leib ist eine grosse Vernunft, eine Vielheit mit Einem Sinne, ein Krieg und
ein Frieden, eine Heerde und ein Hirt.
Werkzeug deines Leibes ist auch deine kleine Vernunft, mein Bruder, die du
"Geist" nennst, ein kleines Werk- und Spielzeug deiner grossen Vernunft.
"Ich" sagst du und bist stolz auf diess Wort. Aber das Grssere ist, woran du
nicht glauben willst, - dein Leib und seine grosse Vernunft: die sagt nicht Ich,
aber thut Ich.
Was der Sinn fhlt, was der Geist erkennt, das hat niemals in sich sein Ende.
Aber Sinn und Geist mchten dich berreden, sie seien aller Dinge Ende: so eitel
sind sie.
Werk- und Spielzeuge sind Sinn und Geist: hinter ihnen liegt noch das Selbst.
Das Selbst sucht auch mit den Augen der Sinne, es horcht auch mit den Ohren des
Geistes.
Immer horcht das Selbst und sucht: es vergleicht, bezwingt, erobert, zerstrt.
Es herrscht und ist auch des Ich's Beherrscher.
Hinter deinen Gedanken und Gefhlen, mein Bruder, steht ein mchtiger Gebieter,
ein unbekannter Weiser - der heisst Selbst. In deinem Leibe wohnt er, dein Leib
ist er.
Es ist mehr Vernunft in deinem Leibe, als in deiner besten Weisheit. Und wer
weiss denn, wozu dein Leib gerade deine beste Weisheit nthig hat?
Dein Selbst lacht ber dein Ich und seine stolzen Sprnge. "Was sind mir diese
Sprnge und Flge des Gedankens? sagt es sich. Ein Umweg zu meinem Zwecke. Ich
bin das Gngelband des Ich's und der Einblser seiner Begriffe."
Das Selbst sagt zum Ich: "hier fhle Schmerz!" Und da leidet es und denkt
nach, wie es nicht mehr leide - und dazu eben soll es denken.
Das Selbst sagt zum Ich: "hier fhle Lust!" Da freut es sich und denkt nach,
wie es noch oft sich freue - und dazu eben soll es denken.
Den Verchtern des Leibes will ich ein Wort sagen. Dass sie verachten, das macht
ihr Achten. Was ist es, das Achten und Verachten und Werth und Willen schuf?
Das schaffende Selbst schuf sich Achten und Verachten, es schuf sich Lust und
Weh. Der schaffende Leib schuf sich den Geist als eine Hand seines Willens.
Noch in eurer Thorheit und Verachtung, ihr Verchter des Leibes, dient ihr eurem
Selbst. Ich sage euch: euer Selbst selber will sterben und kehrt sich vom Leben
ab.
Nicht mehr vermag es das, was es am liebsten wilI: - ber sich hinaus zu
schaffen. Das will es am liebsten, das ist seine ganze Inbrunst.
Aber zu spt ward es ihm jetzt dafr: - so will euer Selbst untergehn, ihr
Verchter des Leibes.
Untergehn will euer Selbst, und darum wurdet ihr zu Verchtern des Leibes! Denn
nicht mehr vermgt ihr ber euch hinaus zu schaffen.
Und darum zrnt ihr nun dem Leben und der Erde. Ein ungewusster Neid ist im
scheelen Blick eurer Verachtung.
Ich gehe nicht euren Weg, ihr Verchter des Leibes! Ihr seid mir keine Brcken
zum bermenschen! -
Also sprach Zarathustra.

Von den Freuden- und Leidenschaften
Mein Bruder, wenn du eine Tugend hast, und es deine Tugend ist, so hast du sie
mit Niemandem gemeinsam.
Freilich, du willst sie bei Namen nennen und liebkosen; du willst sie am Ohre
zupfen und Kurzweil mit ihr treiben.
Und siehe! Nun hast du ihren Namen mit dem Volke gemeinsam und bist Volk und
Heerde geworden mit deiner Tugend!
Besser thtest du, zu sagen: "unaussprechbar ist und namenlos, was meiner Seele
Qual und Ssse macht und auch noch der Hunger meiner Eingeweide ist."
Deine Tugend sei zu hoch fr die Vertraulichkeit der Namen: und musst du von ihr
reden, so schme dich nicht, von ihr zu stammeln.
So sprich und stammle: "Das ist mein Gutes, das liebe ich, so gefllt es mir
ganz, so allein will ich das Gute.
Nicht will ich es als eines Gottes Gesetz, nicht will ich es als eine
Menschen-Satzung und -Nothdurft: kein Wegweiser sei es mir fr ber-Erden und
Paradiese.
Eine irdische Tugend ist es, die ich liebe: wenig Klugheit ist darin und am
wenigsten die Vernunft Aller.
Aber dieser Vogel baute bei mir sich das Nest: darum liebe und herze ich ihn, -
nun sitze er bei mir auf seinen goldnen Eiern."
So sollst du stammeln und deine Tugend loben.
Einst hattest du Leidenschaften und nanntest sie bse. Aber jetzt hast du nur
noch deine Tugenden: die wuchsen aus deinen Leidenschaften.
Du legtest dein hchstes Ziel diesen Leidenschaften an's Herz: da wurden sie
deine Tugenden und Freudenschaften.
Und ob du aus dem Geschlechte der Jhzornigen wrest oder aus dem der
Wollstigen oder der Glaubens-Wthigen oder der Rachschtigen:
Am Ende wurden alle deine Leidenschaften zu Tugenden und alle deine Teufel zu
Engeln.
Einst hattest du wilde Hunde in deinem Keller: aber am Ende verwandelten sie
sich zu Vgeln und lieblichen Sngerinnen.
Aus deinen Giften brautest du dir deinen Balsam; deine Kuh Trbsal melktest du,
- nun trinkst du die ssse Milch ihres Euters.
Und nichts Bses wchst mehr frderhin aus dir, es sei denn das Bse, das aus
dem Kampfe deiner Tugenden wchst.
Mein Bruder, wenn du Glck hast, so hast du Eine Tugend und nicht mehr: so gehst
du leichter ber die Brcke.
Auszeichnend ist es, viele Tugenden zu haben, aber ein schweres Loos; und
Mancher gieng in die Wste und tdtete sich, weil er mde war, Schlacht und
Schlachtfeld von Tugenden zu sein.
Mein Bruder, ist Krieg und Schlacht bse? Aber nothwendig ist diess Bse,
nothwendig ist der Neid und das Misstrauen und die Verleumdung unter deinen
Tugenden.
Siehe, wie jede deiner Tugenden begehrlich ist nach dem Hchsten: sie will
deinen ganzen Geist, dass er ihr Herold sei, sie will deine ganze Kraft in Zorn,
Hass und Liebe.
Eiferschtig ist jede Tugend auf die andre, und ein furchtbares Ding ist
Eifersucht. Auch Tugenden knnen an der Eifersucht zu Grunde gehn.
Wen die Flamme der Eifersucht umringt, der wendet zuletzt, gleich dem Scorpione,
gegen sich selber den vergifteten Stachel.
Ach, mein Bruder, sahst du noch nie eine Tugend sich selber verleumden und
erstechen?
Der Mensch ist Etwas, das berwunden werden muss: und darum sollst du deine
Tugenden lieben, - denn du wirst an ihnen zu Grunde gehn. -
Also sprach Zarathustra.

Vom bleichen Verbrecher
Ihr wollt nicht tdten, ihr Richter und Opferer, bevor das Thier nicht genickt
hat? Seht, der bleiche Verbrecher hat genickt: aus seinem Auge redet die grosse
Verachtung.
"Mein Ich ist Etwas, das berwunden werden soll: mein Ich ist mir die grosse
Verachtung des Menschen": so redet es aus diesem Auge.
Dass er sich selber richtete, war sein hchster Augenblick: lasst den Erhabenen
nicht wieder zurck in sein Niederes!
Es giebt keine Erlsung fr Den, der so an sich selber leidet, es sei denn der
schnelle Tod.
Euer Tdten, ihr Richter, soll ein Mitleid sein und keine Rache. Und indem ihr
tdtet, seht zu, dass ihr selber das Leben rechtfertiget!
Es ist nicht genug, dass ihr euch mit Dem vershnt, den ihr tdtet. Eure
Traurigkeit sei Liebe zum bermenschen: so rechtfertigt ihr euer Noch-Leben!
"Feind" sollt ihr sagen, aber nicht "Bsewicht"; "Kranker" sollt ihr
sagen, aber nicht "Schuft"; "Thor" sollt ihr sagen, aber nicht "Snder".
Und du, rother Richter, wenn du laut sagen wolltest, was du Alles schon in
Gedanken gethan hast: so wrde Jedermann schreien: "Weg mit diesem Unflath und
Giftwurm!"
Aber ein Anderes ist der Gedanke, ein Anderes die That, ein Anderes das Bild der
That. Das Rad des Grundes rollt nicht wischen ihnen.
Ein Bild machte diesen bleichen Menschen bleich. Gleichwchsig war er seiner
That, als er sie that: aber ihr Bild ertrug er nicht, als sie gethan war.
Immer sah er sich nun als Einer That Thter. Wahnsinn heisse ich diess: die
Ausnahme verkehrte sich ihm zum Wesen.
Der Strich bannt die Henne; der Streich, den er fhrte, bannte seine arme
Vernunft - den Wahnsinn nach der That heisse ich diess.
Hrt, ihr Richter! Einen anderen Wahnsinn giebt es noch: und der ist vor der
That. Ach, ihr krocht mir nicht tief genug in diese Seele!
So spricht der rothe Richter: "was mordete doch dieser Verbrecher? Er wollte
rauben." Aber ich sage euch: seine Seele wollte Blut, nicht Raub: er drstete
nach dem Glck des Messers!
Seine arme Vernunft aber begriff diesen Wahnsinn nicht und berredete ihn. "Was
liegt an Blut! sprach sie; willst du nicht zum mindesten einen Raub dabei
machen? Eine Rache nehmen?"
Und er horchte auf seine arme Vernunft: wie Blei lag ihre Rede auf ihm, - da
raubte er, als er mordete. Er wollte sich nicht seines Wahnsinns schmen.
Und nun wieder liegt das Blei seiner Schuld auf ihm, und wieder ist seine arme
Vernunft so steif, so gelhmt, so schwer.
Wenn er nur den Kopf schtteln knnte, so wrde seine Last herabrollen: aber wer
schttelt diesen Kopf?
Was ist dieser Mensch? Ein Haufen von Krankheiten, welche durch den Geist in die
Welt hinausgreifen: da wollen sie ihre Beute machen.
Was ist dieser Mensch? Ein Knuel wilder Schlangen, welche selten bei einander
Ruhe haben, - da gehn sie fr sich fort und suchen Beute in der Welt.
Seht diesen armen Leib! Was er litt und begehrte, das deutete sich diese arme
Seele, - sie deutete es als mrderische Lust und Gier nach dem Glck des
Messers.
Wer jetzt krank wird, den berfllt das Bse, das jetzt bse ist: wehe will er
thun, mit dem, was ihm wehe thut. Aber es gab andre Zeiten und ein andres Bses
und Gutes.
Einst war der Zweifel bse und der Wille zum Selbst. Damals wurde der Kranke zum
Ketzer und zur Hege: als Ketzer und Hexe litt er und wollte leiden machen.
Aber diess will nicht in eure Ohren: euren Guten schade es, sagt ihr mir. Aber
was liegt mir an euren Guten!
Vieles an euren Guten macht mir Ekel, und wahrlich nicht ihr Bses. Wollte ich
doch, sie htten einen Wahnsinn, an dem sie zu Grunde giengen, gleich diesem
bleichen Verbrecher!
Wahrlich, ich wollte, ihr Wahnsinn hiesse Wahrheit oder Treue oder
Gerechtigkeit: aber sie haben ihre Tugend, um lange zu leben und in einem
erbrmlichen Behagen.
Ich bin ein Gelnder am Strome: fasse mich, wer mich fassen kann! Eure Krcke
aber bin ich nicht. -
Also sprach Zarathustra.

Vom Lesen und Schreiben
Von allem Geschriebenen liebe ich nur Das, was Einer mit seinem Blute schreibt.
Schreibe mit Blut: und du wirst erfahren, dass Blut Geist ist.
Es ist nicht leicht mglich, fremdes Blut zu verstehen: ich hasse die lesenden
Mssiggnger.
Wer den Leser kennt, der thut Nichts mehr fr den Leser. Noch ein Jahrhundert
Leser - und der Geist selber wird stinken.
Dass Jedermann lesen lernen darf, verdirbt auf die Dauer nicht allein das
Schreiben, sondern auch das Denken.
Einst war der Geist Gott, dann wurde er zum Menschen und jetzt wird er gar noch
Pbel.
Wer in Blut und Sprchen schreibt, der will nicht gelesen, sondern auswendig
gelernt werden.
Im Gebirge ist der nchste Weg von Gipfel zu Gipfel: aber dazu musst du lange
Beine haben. Sprche sollen Gipfel sein: und Die, zu denen gesprochen wird,
Grosse und Hochwchsige.
Die Luft dnn und rein, die Gefahr nahe und der Geist voll einer frhlichen
Bosheit: so passt es gut zu einander.
Ich will Kobolde um mich haben, denn ich bin muthig. Muth, der die Gespenster
verscheucht, schafft sich selber Kobolde, - der Muth will lachen.
Ich empfinde nicht mehr mit euch: diese Wolke, die ich unter mir sehe, diese
Schwrze und Schwere, ber die ich lache, - gerade das ist eure Gewitterwolke.
Ihr seht nach Oben, wenn ihr nach Erhebung verlangt. Und ich sehe hinab, weil
ich erhoben bin.
Wer von euch kann zugleich lachen und erhoben sein?
Wer auf den hchsten Bergen steigt, der lacht ber alle Trauer-Spiele und
Trauer-Ernste.
Muthig, unbekmmert, spttisch, gewaltthtig - so will uns die Weisheit: sie ist
ein Weib und liebt immer nur einen Kriegsmann.
Ihr sagt mir: "das Leben ist schwer zu tragen." Aber wozu httet ihr
Vormittags euren Stolz und Abends eure Ergebung?
Das Leben ist schwer zu tragen: aber so thut mir doch nicht so zrtlich! Wir
sind allesammt hbsche lastbare Esel und Eselinnen.
Was haben wir gemein mit der Rosenknospe, welche zittert, weil ihr ein Tropfen
Thau auf dem Leibe liegt?
Es ist wahr: wir lieben das Leben, nicht, weil wir an's Leben, sondern weil wir
an's Lieben gewhnt sind.
Es ist immer etwas Wahnsinn in der Liebe. Es ist aber immer auch etwas Vernunft
im Wahnsinn.
Und auch mir, der ich dem Leben gut bin, scheinen Schmetterlinge und
Seifenblasen und was ihrer Art unter Menschen ist, am meisten vom Glcke zu
wissen.
Diese leichten thrichten zierlichen beweglichen Seelchen flattern zu sehen -
das verfhrt Zarathustra zu Thrnen und Liedern.
Ich wrde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstnde.
Und als ich meinen Teufel sah, da fand ich ihn ernst, grndlich, tief,
feierlich: es war der Geist der Schwere, - durch ihn fallen alle Dinge.
Nicht durch Zorn, sondern durch Lachen tdtet man. Auf, lasst uns den Geist der
Schwere tdten!
Ich habe gehen gelernt: seitdem lasse ich mich laufen. Ich habe fliegen gelernt:
seitdem will ich nicht erst gestossen sein, um von der Stelle zu kommen.
Jetzt bin ich leicht, jetzt fliege ich, jetzt sehe ich mich unter mir, jetzt
tanzt ein Gott durch mich.
Also sprach Zarathustra.

Vom Baum am Berge
Zarathustra's Auge hatte gesehn, dass ein Jngling ihm auswich. Und als er eines
Abends allein durch die Berge gieng, welche die Stadt umschliessen, die genannt
wird "die bunte Kuh": siehe, da fand er im Gehen diesen Jngling, wie er an
einen Baum gelehnt sass und mden Blickes in das Thal schaute. Zarathustra
fasste den Baum an, bei welchem der Jngling sass, und sprach also:
Wenn ich diesen Baum da mit meinen Hnden schtteln wollte, ich wrde es nicht
vermgen.
Aber der Wind, den wir nicht sehen, der qult und biegt ihn, wohin er will. Wir
werden am schlimmsten von unsichtbaren Hnden gebogen und geqult.
Da erhob sich der Jngling bestrzt und sagte: "ich hre Zarathustra und eben
dachte ich an ihn." Zarathustra entgegnete:
"Was erschrickst du desshalb? - Aber es ist mit dem Menschen wie mit dem Baume.
Je mehr er hinauf in die Hhe und Helle will, um so strker streben seine
Wurzeln erdwrts, abwrts, in's Dunkle, Tiefe, - in's Bse."
"Ja in's Bse! rief der Jngling. Wie ist es mglich, dass du meine Seele
entdecktest?"
Zarathustra lchelte und sprach: "Manche Seele wird man nie entdecken, es sei
denn, dass man sie zuerst erfindet." "Ja in's Bse! rief der Jngling
nochmals.
Du sagtest die Wahrheit, Zarathustra. Ich traue mir selber nicht mehr, seitdem
ich in die Hhe will, und Niemand traut mir mehr, - wie geschieht diess doch?
Ich verwandele mich zu schnell: mein Heute widerlegt mein Gestern. Ich
berspringe oft die Stufen, wenn ich steige, - das verzeiht mir keine Stufe.
Bin ich oben, so finde ich mich immer allein. Niemand redet mit mir, der Frost
der Einsamkeit macht mich zittern. Was will ich doch in der Hhe?
Meine Verachtung und meine Sehnsucht wachsen mit einander; je hher ich steige,
um so mehr verachte ich Den, der steigt. Was will er doch in der Hhe?
Wie schme ich mich meines Steigens und Stolperns! Wie spotte ich meines
heftigen Schnaubens! Wie hasse ich den Fliegenden! Wie mde bin ich in der
Hhe!"
Hier schwieg der Jngling. Und Zarathustra betrachtete den Baum, an dem sie
standen, und sprach also:
Dieser Baum steht einsam hier am Gebirge; er wuchs hoch hinweg ber Mensch und
Thier.
Und wenn er reden wollte, er wrde Niemanden haben, der ihn verstnde: so hoch
wuchs er.
Nun wartet er und wartet, - worauf wartet er doch? Er wohnt dem Sitze der Wolken
zu nahe: er wartet wohl auf den ersten Blitz?
Als Zarathustra diess gesagt hatte, rief der Jngling mit heftigen Gebrden:
"Ja, Zarathustra, du sprichst die Wahrheit. Nach meinem Untergange verlangte
ich, als ich in die Hhe wollte, und du bist der Blitz, auf den ich wartete!
Siehe, was bin ich noch, seitdem du uns erschienen bist? Der Neid auf dich
ist's, der mich zerstrt hat!" - So sprach der Jngling und weinte bitterlich.
Zarathustra aber legte seinen Arm um ihn und fhrte ihn mit sich fort.
Und als sie eine Weile mit einander gegangen waren, hob Zarathustra also an zu
sprechen:
Es zerreisst mir das Herz. Besser als deine Worte es sagen, sagt mir dein Auge
alle deine Gefahr.
Noch bist du nicht frei, du suchst noch nach Freiheit. bernchtig machte dich
dein Suchen und berwach.
In die freie Hhe willst du, nach Sternen drstet deine Seele. Aber auch deine
schlimmen Triebe drsten nach Freiheit.
Deine wilden Hunde wollen in die Freiheit; sie bellen vor Lust in ihrem Keller,
wenn dein Geist alle Gefngnisse zu lsen trachtet.
Noch bist du mir ein Gefangner, der sich Freiheit ersinnt: ach, klug wird
solchen Gefangnen die Seele, aber auch arglistig und schlecht.
Reinigen muss sich noch der Befreite des Geistes. Viel Gefngniss und Moder ist
noch in ihm zurck: rein muss noch sein Auge werden.
Ja, ich kenne deine Gefahr. Aber bei meiner Liebe und Hoffnung beschwre ich
dich: wirf deine Liebe und Hoffnung nicht weg!
Edel fhlst du dich noch, und edel fhlen dich auch die Andern noch, die dir
gram sind und bse Blicke senden. Wisse, dass Allen ein Edler im Wege steht.
Auch den Guten steht ein Edler im Wege: und selbst wenn sie ihn einen Guten
nennen, so wollen sie ihn damit bei Seite bringen.
Neues will der Edle schaffen und eine neue Tugend. Altes will der Gute, und dass
Altes erhalten bleibe.
Aber nicht das ist die Gefahr des Edlen, dass er ein Guter werde, sondern ein
Frecher, ein Hhnender, ein Vernichter.
Ach, ich kannte Edle, die verloren ihre hchste Hoffnung. Und nun verleumdeten
sie alle hohen Hoffnungen.
Nun lebten sie frech in kurzen Lsten, und ber den Tag hin warfen sie kaum noch
Ziele.
"Geist ist auch Wollust" - so sagten sie. Da zerbrachen ihrem Geiste die
Flgel: nun kriecht er herum und beschmutzt im Nagen.
Einst dachten sie Helden zu werden: Lstlinge sind es jetzt. Ein Gram und ein
Grauen ist ihnen der Held.
Aber bei meiner Liebe und Hoffnung beschwre ich dich: wirf den Helden in deiner
Seele nicht weg! Halte heilig deine hchste Hoffnung! -
Also sprach Zarathustra.

Von den Predigern des Todes
Es giebt Prediger des Todes: und die Erde ist voll von Solchen, denen Abkehr
gepredigt werden muss vom Leben.
Voll ist die Erde von berflssigen, verdorben ist das Leben durch die
Viel-zu-Vielen. Mge man sich mit dem "ewigen Leben" aus diesem Leben
weglocken!
"Gelbe": so nennt man die Prediger des Todes, oder "Schwarze". Aber ich will
sie euch noch in andern Farben zeigen.
Da sind die Frchterlichen, welche in sich das Raubthier herumtragen und keine
Wahl haben, es sei denn Lste oder Selbstzerfleischung. Und auch ihre Lste sind
noch Selbstzerfleischung.
Sie sind noch nicht einmal Menschen geworden, diese Frchterlichen: mgen sie
Abkehr predigen vom Leben und selber dahinfahren!
Da sind die Schwindschtigen der Seele: kaum sind sie geboren, so fangen sie
schon an zu sterben und sehnen sich nach Lehren der Mdigkeit und Entsagung.
Sie wollen gerne todt sein, und wir sollten ihren Willen gut heissen! Hten wir
uns, diese Todten zu erwecken und diese lebendigen Srge zu versehren!
Ihnen begegnet ein Kranker oder ein Greis oder ein Leichnam; und gleich sagen
sie "das Leben ist widerlegt!"
Aber nur sie sind widerlegt und ihr Auge, welches nur das Eine Gesicht sieht am
Dasein.
Eingehllt in dicke Schwermuth und begierig auf die kleinen Zuflle, welche den
Tod bringen: so warten sie und beissen die Zhne auf einander.
Oder aber: sie greifen nach Zuckerwerk und spotten ihrer Kinderei dabei: sie
hngen an ihrem Strohhalm Leben und spotten, dass sie noch an einem Strohhalm
hngen.
Ihre Weisheit lautet: "ein Thor, der leben bleibt, aber so sehr sind wir
Thoren! Und das eben ist das Thrichtste am Leben!" -
"Das Leben ist nur Leiden" - so sagen Andre und lgen nicht: so sorgt doch,
dass ihr aufhrt! So sorgt doch, dass das Leben aufhrt, welches nur Leiden ist!
Und also laute die Lehre eurer Tugend "du sollst dich selber tdten! Du sollst
dich selber davonstehlen!" -
"Wollust ist Snde, - so sagen die Einen, welche den Tod predigen - lasst uns
bei Seite gehn und keine Kinder zeugen!"
"Gebren ist mhsam, - sagen dich Andern - wozu noch gebren? Man gebiert nur
Unglckliche!" Und auch sie sind Prediger des Todes.
"Mitleid thut noth - so sagen die Dritten. Nehmt hin, was ich habe! Nehmt hin,
was ich bin! Um so weniger bindet mich das Leben!"
Wren sie Mitleidige von Grund aus, so wrden sie ihren Nchsten das Leben
verleiden. Bse sein - das wre ihre rechte Gte.
Aber sie wollen loskommen vom Leben: was schiert es sie, dass sie Andre mit
ihren Ketten und Geschenken noch fester binden! -
Und auch ihr, denen das Leben wilde Arbeit und Unruhe ist: seid ihr nicht sehr
mde des Lebens? Seid ihr nicht sehr reif fr die Predigt des Todes?
Ihr Alle, denen die wilde Arbeit lieb ist und das Schnelle, Neue, Fremde, - ihr
ertragt euch schlecht, euer Fleiss ist Flucht und Wille, sich selber zu
vergessen.
Wenn ihr mehr an das Leben glaubtet, wrdet ihr weniger euch dem Augenblicke
hinwerfen. Aber ihr habt zum Warten nicht Inhalt genug in euch - und selbst zur
Faulheit nicht!
berall ertnt die Stimme Derer, welche den Tod predigen: und die Erde ist voll
von Solchen, welchen der Tod gepredigt werden muss.
Oder "das ewige Leben": das gilt mir gleich, - wofern sie nur schnell
dahinfahren!
Also sprach Zarathustra.

Vom Krieg und Kriegsvolke
Von unsern besten Feinden wollen wir nicht geschont sein, und auch von Denen
nicht, welche wir von Grund aus lieben. So lasst mich denn euch die Wahrheit
sagen!
Meine Brder im Kriege! Ich liebe euch von Grund aus, ich bin und war
Euresgleichen. Und ich bin auch euer bester Feind. So lasst mich denn euch die
Wahrheit sagen!
Ich weiss um den Hass und Neid eures Herzens. Ihr seid nicht gross genug, um
Hass und Neid nicht zu kennen. So seid denn gross genug, euch ihrer nicht zu
schmen!
Und wenn ihr nicht Heilige der Erkenntniss sein knnt, so seid mir wenigstens
deren Kriegsmnner. Das sind die Gefhrten und Vorlufer solcher Heiligkeit.
Ich sehe viel Soldaten: mchte ich viel Kriegsmnner sehn! "Ein-form" nennt
man's, was sie tragen: mge es nicht Ein-form sein, was sie damit verstecken!
Ihr sollt mir Solche sein, deren Auge immer nach einem Feinde sucht - nach eurem
Feinde. Und bei Einigen von euch giebt es einen Hass auf den ersten Blick.
Euren Feind sollt ihr suchen, euren Krieg sollt ihr fhren und fr eure
Gedanken! Und wenn euer Gedanke unterliegt, so soll eure Redlichkeit darber
noch Triumph rufen!
Ihr sollt den Frieden lieben als Mittel zu neuen Kriegen. Und den kurzen Frieden
mehr, als den langen.
Euch rathe ich nicht zur Arbeit, sondern zum Kampfe. Euch rathe ich nicht zum
Frieden, sondern zum Siege. Eure Arbeit sei ein Kampf, euer Friede sei ein Sieg!
Man kann nur schweigen und stillsitzen, wenn man Pfeil und Bogen hat: sonst
schwtzt und zankt man. Euer Friede sei ein Sieg!
Ihr sagt, die gute Sache sei es, die sogar den Krieg heilige? Ich sage euch: der
gute Krieg ist es, der jede Sache heiligt.
Der Krieg und der Muth haben mehr grosse Dinge gethan, als die Nchstenliebe.
Nicht euer Mitleiden, sondern eure Tapferkeit rettete bisher die Verunglckten.
Was ist gut? fragt ihr. Tapfer sein ist gut. Lasst die kleinen Mdchen reden:
"gut sein ist, was hbsch zugleich und rhrend ist."
Man nennt euch herzlos: aber euer Herz ist cht, und ich liebe die Scham eurer
Herzlichkeit. Ihr schmt euch eurer Fluth, und Andre schmen sich ihrer Ebbe.
Ihr seid hsslich? Nun wohlan, meine Brder! So nehmt das Erhabne um euch, den
Mantel des Hsslichen!
Und wenn eure Seele gross wird, so wird sie bermthig, und in eurer Erhabenheit
ist Bosheit. Ich kenne euch.
In der Bosheit begegnet sich der bermthige mit dem Schwchlinge. Aber sie
missverstehen einander. Ich kenne euch.
Ihr drft nur Feinde haben, die zu hassen sind, aber nicht Feinde zum Verachten.
Ihr msst stolz auf euern Feind sein: dann sind die Erfolge eures Feindes auch
eure Erfolge.
Auflehnung - das ist die Vornehmheit am Sclaven. Eure Vornehmheit sei Gehorsam!
Euer Befehlen selber sei ein Gehorchen!
Einem guten Kriegsmanne klingt "du sollst" angenehmer, als "ich will". Und
Alles, was euch lieb ist, sollt ihr euch erst noch befehlen lassen.
Eure Liebe zum Leben sei Liebe zu eurer hchsten Hoffnung: und eure hchste
Hoffnung sei der hchste Gedanke des Lebens!
Euren hchsten Gedanken aber sollt ihr euch von mir befehlen lassen - und er
lautet: der Mensch ist Etwas, das berwunden werden soll.
So lebt euer Leben des Gehorsams und des Krieges! Was liegt am Lang-Leben!
Welcher Krieger will geschont sein!
Ich schone euch nicht, ich liebe euch von Grund aus, meine Brder im Kriege! -
Also sprach Zarathustra.

Vom neuen Gtzen
Irgendwo giebt es noch Vlker und Heerden, doch nicht bei uns, meine Brder: da
giebt es Staaten.
Staat? Was ist das? Wohlan! Jetzt thut mir die Ohren auf, denn jetzt sage ich
euch mein Wort vom Tode der Vlker.
Staat heisst das klteste aller kalten Ungeheuer. Kalt lgt es auch; und diese
Lge kriecht aus seinem Munde: "Ich, der Staat, bin das Volk."
Lge ist's! Schaffende waren es, die schufen die Vlker und hngten einen
Glauben und eine Liebe ber sie hin: also dienten sie dem Leben.
Vernichter sind es, die stellen Fallen auf fr Viele und heissen sie Staat: sie
hngen ein Schwert und hundert Begierden ber sie hin.
Wo es noch Volk giebt, da versteht es den Staat nicht und hasst ihn als bsen
Blick und Snde an Sitten und Rechten.
Dieses Zeichen gebe ich euch: jedes Volk spricht seine Zunge des Guten und
Bsen: die versteht der Nachbar nicht. Seine Sprache erfand es sich in Sitten
und Rechten.
Aber der Staat lgt in allen Zungen des Guten und Bsen; und was er auch redet,
er lgt - und was er auch hat, gestohlen hat er's.
Falsch ist Alles an ihm; mit gestohlenen Zhnen beisst er, der Bissige. Falsch
sind selbst seine Eingeweide.
Sprachverwirrung des Guten und Bsen: dieses Zeichen gebe ich euch als Zeichen
des Staates. Wahrlich, den Willen zum Tode deutet dieses Zeichen! Wahrlich, es
winkt den Predigern des Todes!
Viel zu Viele werden geboren: fr die berflssigen ward der Staat erfunden!
Seht mir doch, wie er sie an sich lockt, die Viel-zu-Vielen! Wie er sie schlingt
und kaut und wiederkut!
"Auf der Erde ist nichts Grsseres als ich: der ordnende Finger bin ich
Gottes" - also brllt das Unthier. Und nicht nur Langgeohrte und Kurzgeugte
sinken auf die Kniee!
Ach, auch in euch, ihr grossen Seelen, raunt er seine dsteren Lgen! Ach, er
errth die reichen Herzen, die gerne sich verschwenden!
Ja, auch euch errth er, ihr Besieger des alten Gottes! Mde wurdet ihr im
Kampfe, und nun dient eure Mdigkeit noch dem neuen Gtzen!
Helden und Ehrenhafte mchte er um sich aufstellen, der neue Gtze! Gerne sonnt
er sich im Sonnenschein guter Gewissen, - das kalte Unthier!
Alles will er euch geben, wenn ihr ihn anbetet, der neue Gtze: also kauft er
sich den Glanz eurer Tugend und den Blick eurer stolzen Augen.
Kdern will er mit euch die Viel-zu-Vielen! Ja, ein Hllenkunststck ward da
erfunden, ein Pferd des Todes, klirrend im Putz gttlicher Ehren!
Ja, ein Sterben fr Viele ward da erfunden, das sich selber als Leben preist:
wahrlich, ein Herzensdienst allen Predigern des Todes!
Staat nenne ich's, wo Alle Gifttrinker sind, Gute und Schlimme: Staat, wo Alle
sich selber verlieren, Gute und Schlimme: Staat, wo der langsame Selbstmord
Aller - "das Leben" heisst.
Seht mir doch diese berflssigen! Sie stehlen sich die Werke der Erfinder und
die Schtze der Weisen: Bildung nennen sie ihren Diebstahl - und Alles wird
ihnen zu Krankheit und Ungemach!
Seht mir doch diese berflssigen! Krank sind sie immer, sie erbrechen ihre
Galle und nennen es Zeitung. Sie verschlingen einander und knnen sich nicht
einmal verdauen.
Seht mir doch diese berflssigen! Reichthmer erwerben sie und werden rmer
damit. Macht wollen sie und zuerst das Brecheisen der Macht, viel Geld, - diese
Unvermgenden!
Seht sie klettern, diese geschwinden Affen! Sie klettern ber einander hinweg
und zerren sich also in den Schlamm und die Tiefe.
Hin zum Throne wollen sie Alle: ihr Wahnsinn ist es, - als ob das Glck auf dem
Throne ssse! Oft sitzt der Schlamm auf dem Thron - und oft auch der Thron auf
dem Schlamme.
Wahnsinnige sind sie mir Alle und kletternde Affen und berheisse. bel riecht
mir ihr Gtze, das kalte Unthier: bel riechen sie mir alle zusammen, diese
Gtzendiener.
Meine Brder, wollt ihr denn ersticken im Dunste ihrer Muler und Begierden!
Lieber zerbrecht doch die Fenster und springt in's Freie!
Geht doch dem schlechten Geruche aus dem Wege! Geht fort von der Gtzendienerei
der berflssigen!
Geht doch dem schlechten Geruche aus dem Wege! Geht fort von dem Dampfe dieser
Menschenopfer!
Frei steht grossen Seelen auch jetzt noch die Erde. Leer sind noch viele Sitze
fr Einsame und Zweisame, um die der Geruch stiller Meere weht.
Frei steht noch grossen Seelen ein freies Leben. Wahrlich, wer wenig besitzt,
wird um so weniger besessen: gelobt sei die kleine Armuth!
Dort, wo der Staat aufhrt, da beginnt erst der Mensch, der nicht berflssig
ist: da beginnt das Lied des Nothwendigen, die einmalige und unersetzliche
Weise.
Dort, wo der Staat aufhrt, - so seht mir doch hin, meine Brder! Seht ihr ihn
nicht, den Regenbogen und die Brkken des bermenschen? -
Also sprach Zarathustra.

Von den Fliegen des Marktes
Fliehe, mein Freund, in deine Einsamkeit! Ich sehe dich betubt vom Lrme der
grossen Mnner und zerstochen von den Stacheln der kleinen.
Wrdig wissen Wald und Fels mit dir zu schweigen. Gleiche wieder dem Baume, den
du liebst, dem breitstigen: still und aufhorchend hngt er ber dem Meere.
Wo die Einsamkeit aufhrt, da beginnt der Markt; und wo der Markt beginnt, da
beginnt auch der Lrm der grossen Schauspieler und das Geschwirr der giftigen
Fliegen.
In der Welt taugen die besten Dinge noch Nichts, ohne Einen, der sie erst
auffhrt: grosse Mnner heisst das Volk diese Auffhrer.
Wenig begreift das Volk das Grosse, das ist: das Schaffende. Aber Sinne hat es
fr alle Auffhrer und Schauspieler grosser Sachen.
Um die Erfinder von neuen Werthen dreht sich die Welt: - unsichtbar dreht sie
sich. Doch um die Schauspieler dreht sich das Volk und der Ruhm: so ist es der
Welt Lauf.
Geist hat der Schauspieler, doch wenig Gewissen des Geistes. Er glaubt immer an
Das, womit er am strksten glauben macht, - glauben an sich macht!
Morgen hat er einen neuen Glauben und bermorgen einen neueren. Rasche Sinne hat
er, gleich dem Volke, und vernderliche Witterungen.
Umwerfen - das heisst ihm: beweisen. Toll machen - das heisst ihm: berzeugen.
Und Blut gilt ihm als aller Grnde bester.
Eine Wahrheit, die nur in feine Ohren schlpft, nennt er Lge und Nichts.
Wahrlich, er glaubt nur an Gtter, die grossen Lrm in der Welt machen!
Voll von feierlichen Possenreissern ist der Markt - und das Volk rhmt sich
seiner grossen Mnner! das sind ihm die Herrn der Stunde.
Aber die Stunde drngt sie: so drngen sie dich. Und auch von dir wollen sie Ja
oder Nein. Wehe, du willst zwischen Fr und Wider deinen Stuhl setzen?
Dieser Unbedingten und Drngenden halber sei ohne Eifersucht, du Liebhaber der
Wahrheit! Niemals noch hngte sich die Wahrheit an den Arm eines Unbedingten.
Dieser Pltzlichen halber gehe zurck in deine Sicherheit: nur auf dem Markt
wird man mit Ja? oder Nein? berfallen.
Langsam ist das Erleben allen tiefen Brunnen: lange mssen sie warten, bis sie
wissen, was in ihre Tiefe fiel.
Abseits vom Markte und Ruhme begiebt sich alles Grosse: abseits vom Markte und
Ruhme wohnten von je die Erfinder neuer Werthe.
Fliehe, mein Freund, in deine Einsamkeit: ich sehe dich von giftigen Fliegen
zerstochen. Fliehe dorthin, wo rauhe, starke Luft weht!
Fliehe in deine Einsamkeit! Du lebtest den Kleinen und Erbrmlichen zu nahe.
Fliehe vor ihrer unsichtbaren Rache! Gegen dich sind sie Nichts als Rache.
Hebe nicht mehr den Arm gegen sie! Unzhlbar sind sie, und es ist nicht dein
Loos, Fliegenwedel zu sein.
Unzhlbar sind diese Kleinen und Erbrmlichen; und manchem stolzen Baue
gereichten schon Regentropfen und Unkraut zum Untergange.
Du bist kein Stein, aber schon wurdest du hohl von vielen Tropfen. Zerbrechen
und zerbersten wirst du mir noch von vielen Tropfen.
Ermdet sehe ich dich durch giftige Fliegen, blutig geritzt sehe ich dich an
hundert Stellen; und dein Stolz will nicht einmal zrnen.
Blut mchten sie von dir in aller Unschuld, Blut begehren ihre blutlosen Seelen
- und sie stechen daher in aller Unschuld.
Aber, du Tiefer, du leidest zu tief auch an kleinen Wunden; und ehe du dich noch
geheilt hast, kroch dir der gleiche Giftwurm ber die Hand.
Zu stolz bist du mir dafr, diese Naschhaften zu tdten. Hte dich aber, dass es
nicht dein Verhngniss werde, all ihr giftiges Unrecht zu tragen!
Sie summen um dich auch mit ihrem Lobe: Zudringlichkeit ist ihr Loben. Sie
wollen die Nhe deiner Haut und deines Blutes.
Sie schmeicheln dir wie einem Gotte oder Teufel; sie winseln vor dir wie vor
einem Gotte oder Teufel. Was macht es ! Schmeichler sind es und Winsler und
nicht mehr.
Auch geben sie sich dir oft als Liebenswrdige. Aber das war immer die Klugheit
der Feigen. Ja, die Feigen sind klug!
Sie denken viel ber dich mit ihrer engen Seele, - bedenklich bist du ihnen
stets! Alles, was viel bedacht wird, wird bedenklich.
Sie bestrafen dich fr alle deine Tugenden. Sie verzeihen dir von Grund aus nur
- deine Fehlgriffe.
Weil du milde bist und gerechten Sinnes, sagst du: "unschuldig sind sie an
ihrem kleinen Dasein." Aber ihre enge Seele denkt: "Schuld ist alles grosse
Dasein."
Auch wenn du ihnen milde bist, fhlen sie sich noch von dir verachtet; und sie
geben dir deine Wohlthat zurck mit versteckten Wehthaten.
Dein wortloser Stolz geht immer wider ihren Geschmack; sie frohlocken, wenn du
einmal bescheiden genug bist, eitel zu sein.
Das, was wir an einem Menschen erkennen, das entznden wir an ihm auch. Also
hte dich vor den Kleinen !
Vor dir fhlen sie sich klein, und ihre Niedrigkeit glimmt und glht gegen dich
in unsichtbarer Rache.
Merktest du nicht, wie oft sie stumm wurden, wenn du zu ihnen tratest, und wie
ihre Kraft von ihnen gieng wie der Rauch von einem erlschenden Feuer?
Ja, mein Freund, das bse Gewissen bist du deinen Nchsten: denn sie sind deiner
unwerth. Also hassen sie dich und mchten gerne an deinem Blute saugen.
Deine Nchsten werden immer giftige Fliegen sein; Das, was gross an dir ist, -
das selber muss sie giftiger machen und immer fliegenhafter.
Fliehe, mein Freund, in deine Einsamkeit und dorthin, wo eine rauhe, starke Luft
weht. Nicht ist es dein Loos, Fliegenwedel zu sein. -
Also sprach Zarathustra.

Von der Keuschheit
Ich liebe den Wald. In den Stdten ist schlecht zu leben: da giebt es zu Viele
der Brnstigen.
Ist es nicht besser, in die Hnde eines Mrders zu gerathen, als in die Trume
eines brnstigen Weibes?
Und seht mir doch diese Mnner an: ihr Auge sagt es - sie wissen nichts Besseres
auf Erden, als bei einem Weibe zu liegen.
Schlamm ist auf dem Grunde ihrer Seele; und wehe, wenn ihr Schlamm gar noch
Geist hat!
Dass ihr doch wenigstens als Thiere vollkommen wret! Aber zum Thiere gehrt die
Unschuld.
Rathe ich euch, eure Sinne zu tdten? Ich rathe euch zur Unschuld der Sinne.
Rathe ich euch zur Keuschheit? Die Keuschheit ist bei Einigen eine Tugend, aber
bei Vielen beinahe ein Laster.
Diese enthalten sich wohl: aber die Hndin Sinnlichkeit blickt mit Neid aus
Allem, was sie thun.
Noch in die Hhen ihrer Tugend und bis in den kalten Geist hinein folgt ihnen
diess Gethier und sein Unfrieden.
Und wie artig weiss die Hndin Sinnlichkeit um ein Stck Geist zu betteln, wenn
ihr ein Stuck Fleisch versagt wird!
Ihr liebt Trauerspiele und Alles, was das Herz zerbricht? Aber ich bin
misstrauisch gegen eure Hndin.
Ihr habt mir zu grausame Augen und blickt lstern nach Leidenden. Hat sich nicht
nur eure Wollust verkleidet und heisst sich Mitleiden?
Und auch diess Gleichniss gebe ich euch: nicht Wenige, die ihren Teufel
austreiben wollten, fuhren dabei selber in die Sue.
Wem die Keuschheit schwer fllt, dem ist sie zu widerrathen: dass sie nicht der
Weg zur Hlle werde - das ist zu Schlamm und Brunst der Seele.
Rede ich von schmutzigen Dingen? Das ist mir nicht das Schlimmste.
Nicht, wenn die Wahrheit schmutzig ist, sondern wenn sie seicht ist, steigt der
Erkennende ungern in ihr Wasser.
Wahrlich, es giebt Keusche von Grund aus: sie sind milder von Herzen, sie lachen
lieber und reichlicher als ihr.
Sie lachen auch ber die Keuschheit und fragen: "was ist Keuschheit!
"Ist Keuschheit nicht Thorheit? Aber diese Thorheit kam zu uns und nicht wir
zur ihr.
"Wir boten diesem Gaste Herberge und Herz: nun wohnt er bei uns, - mag er
bleiben, wie lange er will!"
Also sprach Zarathustra.

Vom Freunde
"Einer ist immer zu viel um mich" - also denkt der Einsiedler. "Immer Einmal
Eins - das giebt auf die Dauer Zwei!"
Ich und Mich sind immer zu eifrig im Gesprche: wie wre es auszuhalten, wenn es
nicht einen Freund gbe?
Immer ist fr den Einsiedler der Freund der Dritte: der Dritte ist der Kork, der
verhindert, dass das Gesprch der Zweie in die Tiefe sinkt.
Ach, es giebt zu viele Tiefen fr alle Einsiedler. Darum sehnen sie sich so nach
einem Freunde und nach seiner Hhe.
Unser Glaube an Andre verrth, worin wir gerne an uns selber glauben mchten.
Unsre Sehnsucht nach einem Freunde ist unser Verrther.
Und oft will man mit der Liebe nur den Neid berspringen. Und oft greift man an
und macht sich einen Feind, um zu verbergen, dass man angreifbar ist.
"Sei wenigstens mein Feind!" - so spricht die wahre Ehrfurcht, die nicht um
Freundschaft zu bitten wagt.
Will man einen Freund haben, so muss man auch fr ihn Krieg fhren wollen: und
um Krieg zu fhren, muss man Feind sein knnen.
Man soll in seinem Freunde noch den Feind ehren. Kannst du an deinen Freund
dicht herantreten, ohne zu ihm berzutreten?
In seinem Freunde soll man seinen besten Feind haben. Du sollst ihm am nchsten
mit dem Herzen sein, wenn du ihm widerstrebst.
Du willst vor deinem Freunde kein Kleid tragen? Es soll deines Freundes Ehre
sein, dass du dich ihm giebst, wie du bist? Aber wnscht dich darum zum Teufel!
Wer aus sich kein Hehl macht, emprt: so sehr habt ihr Grund, die Nacktheit zu
frchten! Ja, wenn ihr Gtter wret, da drftet ihr euch eurer Kleider schmen!
Du kannst dich fr deinen Freund nicht schn genug putzen: denn du sollst ihm
ein Pfeil und eine Sehnsucht nach dem bermenschen sein.
Sahst du deinen Freund schon schlafen, - damit du erfahrest, wie er aussieht?
Was ist doch sonst das Gesicht deines Freundes? Es ist dein eignes Gesicht, auf
einem rauhen und unvollkommnen Spiegel.
Sahst du deinen Freund schon schlafen? Erschrakst du nicht, dass dein Freund so
aussieht? Oh, mein Freund, der Mensch ist Etwas, das berwunden werden muss.
Im Errathen und Stillschweigen soll der Freund Meister sein: nicht Alles musst
du sehn wollen. Dein Traum soll dir verrathen, was dein Freund im Wachen thut.
Ein Errathen sei dein Mitleiden: dass du erst wissest, ob dein Freund Mitleiden
wolle. Vielleicht liebt er an dir das ungebrochne Auge und den Blick der
Ewigkeit.
Das Mitleiden mit dem Freunde berge sich unter einer harten Schale, an ihm
sollst du dir einen Zahn ausbeissen. So wird es seine Feinheit und Ssse haben.
Bist du reine Luft und Einsamkeit und Brod und Arznei deinem Freunde? Mancher
kann seine eignen Ketten nicht lsen und doch ist er dem Freunde ein Erlser.
Bist du ein Sclave? So kannst du nicht Freund sein. Bist du ein Tyrann? So
kannst du nicht Freunde haben.
Allzulange war im Weibe ein Sclave und ein Tyrann versteckt. Desshalb ist das
Weib noch nicht der Freundschaft fhig: es kennt nur die Liebe.
In der Liebe des Weibes ist Ungerechtigkeit und Blindheit gegen Alles, was es
nicht liebt. Und auch in der wissenden Liebe des Weibes ist immer noch berfall
und Blitz und Nacht neben dem Lichte.
Nodl ist das Weib nicht der Freundschaft fhig: Katzen sind immer noch die
Weiber, und Vgel. Oder, besten Falles, Khe.
Noch ist das Weib nicht der Freundschaft fhig. Aber sagt mir, ihr Mnner, wer
von euch ist denn fhig der Freundschaft?
Oh ber eure Armuth, ihr Mnner, und euren Geiz der Seele! Wie viel ihr dem
Freunde gebt, das will ich noch meinem Feinde geben, und will auch nicht rmer
damit geworden sein.
Es giebt Kameradschaft: mge es Freundschaft geben!
AIso sprach Zarathustra.

Von tausend und Einem Ziele
VieIe Lnder sah Zarathustra und viele Vlker: so entdeckte er vieler Vlker
Gutes und Bses. Keine grssere Macht fand Zarathustra auf Erden, als gut und
bse.
Leben knnte kein Volk, das nicht erst schtzte; will es sich aber erhalten, so
darf es nicht schtzen, wie der Nachbar schtzt.
Vieles, das diesem Volke gut hiess, hiess einem andern Hohn und Schmach: also
fand ich's. Vieles fand ich hier bse genannt und dort mit purpurnen Ehren
geputzt.
Nie verstand ein Nachbar den andern: stets verwunderte sich seine Seele ob des
Nachbarn Wahn und Bosheit.
Eine Tafel der Gter hngt ber jedem Volke. Siehe, es ist seiner berwindungen
Tafel; siehe, es ist die Stimme seines Willens zur Macht.
Lblich ist, was ihm schwer gilt; was unerlsslich und schwer, heisst gut, und
was aus der hchsten Noth noch befreit, das Seltene, Schwerste, - das preist es
heilig.
Was da macht, dass es herrscht und siegt und glnzt, seinem Nachbarn zu Grauen
und Neide: das gilt ihm das Hohe, das Erste, das Messende, der Sinn aller Dinge.
Wahrlich, mein Bruder, erkanntest du erst eines Volkes Noth und Land und Himmel
und Nachbar: so errthst du wohl das Gesetz seiner berwindungen und warum es
auf dieser Leiter zu seiner Hoffnung steigt.
"Immer sollst du der Erste sein und den Andern vorragen: Niemanden soll deine
eiferschtige Seele lieben, es sei denn den Freund" - diess machte einem
Griechen die Seele zittern: dabei gieng er seinen Pfad der Grsse.
"Wahrheit reden und gut mit Bogen und Pfeil verkehren" - so dnkte es jenem
Volke zugleich lieb und schwer, aus dem mein Name kommt - der Name, welcher mir
zugleich lieb und schwer ist.
"Vater und Mutter ehren und bis in die Wurzel der Seele hinein ihnen zu Willen
sein": diese Tafel der berwindung hngte ein andres Volk ber sich auf und
wurde mchtig und ewig damit.
"Treue ben und um der Treue Willen Ehre und Blut auch an bse und fhrliche
Sachen setzen": also sich lehrend bezwang sich ein anderes Volk, und also sich
bezwingend wurde es schwanger und schwer von grossen Hoffnungen.
Wahrlich, die Menschen gaben sich alles ihr Gutes und Bses. Wahrlich, sie
nahmen es nicht, sie fanden es nicht, nicht fiel es ihnen als Stimme vom Himmel.
Werthe legte erst der Mensch in die Dinge, sich zu erhalten, - er schuf erst den
Dingen Sinn, einen Menschen-Sinn! Darum nennt er sich "Mensch", das ist: der
Schtzende.
Schtzen ist Schaffen: hrt es, ihr Schaffenden! Schtzen selber ist aller
geschtzten Dinge Schatz und Kleinod.
Durch das Schtzen erst giebt es Werth: und ohne das Schtzen wre die Nuss des
Daseins hohl. Hrt es, ihr Schaffenden!
Wandel der Werthe, - das ist Wandel der Schaffenden. Immer vernichtet, wer ein
Schpfer sein muss.
Schaffende waren erst Vlker und spt erst Einzelne; wahrlich, der Einzelne
selber ist noch die jngste Schpfung.
Vlker hngten sich einst eine Tafel des Guten ber sich. Liebe, die herrschen
will, und Liebe, die gehorchen will, erschufen sich zusammen solche Tafeln.
lter ist an der Heerde die Lust, als die Lust am Ich: und so lange das gute
Gewissen Heerde heisst, sagt nur das schlechte Gewissen: Ich.
Wahrlich, das schlaue Ich, das lieblose, das seinen Nutzen im Nutzen Vieler
will: das ist nicht der Heerde Ursprung, sondern ihr Untergang.
Liebende waren es stets und Schaffende, die schufen Gut und Bse. Feuer der
Liebe glht in aller Tugenden Namen und Feuer des Zorns.
Viele Lnder sah Zarathustra und viele Vlker: keine grssere Macht fand
Zarathustra auf Erden, als die Werke der Liebenden: "gut" und "bse" ist ihr
Name.
Wahrlich, ein Ungethm ist die Macht dieses Lobens und Tadelns. Sagt, wer
bezwingt es mir, ihr Brder? Sagt, wer wirft diesem Thier die Fessel ber die
tausend Nacken?
Tausend Ziele gab es bisher, denn tausend Vlker gab es. Nur die Fessel der
tausend Nacken fehlt noch, es fehlt das Eine Ziel. Noch hat die Menschheit kein
Ziel.
Aber sagt mir doch, meine Brder: wenn der Menschheit das Ziel noch fehlt, fehlt
da nicht auch - sie selber noch? -
Also sprach Zarathustra.

Von der Nchstenliebe
Ihr drngt euch um den Nchsten und habt schne Worte dafr. Aber ich sage euch:
eure Nchstenliebe ist eure schlechte Liebe zu euch selber.
Ihr flchtet zum Nchsten vor euch selber und mchtet euch daraus eine Tugend
machen: aber ich durchschaue euer "Selbstloses".
Das Du ist lter als das Ich; das Du ist heilig gesprochen, aber noch nicht das
Ich: so drngt sich der Mensch hin zum Nchsten.
Rathe ich euch zur Nchstenliebe? Lieber noch rathe ich euch zur Nchsten-Flucht
und zur Fernsten-Liebe!
Hher als die Liebe zum Nchsten ist die Liebe zum Fernsten und Knftigen; hher
noch als die Liebe zu Menschen ist die Liebe zu Sachen und Gespenstern.
Diess Gespenst, das vor dir herluft, mein Bruder, ist schner als du; warum
giebst du ihm nicht dein Fleisch und deine Knochen? Aber du frchtest dich und
lufst zu deinem Nchsten.
Ihr haltet es mit euch selber nicht aus und liebt euch nicht genug: nun wollt
ihr den Nchsten zur Liebe verfhren und euch mit seinem Irrthum vergolden.
Ich wollte, ihr hieltet es nicht aus mit allerlei Nchsten und deren Nachbarn;
so msstet ihr aus euch selber euren Freund und sein berwallendes Herz
schaffen.
Ihr ladet euch einen Zeugen ein, wenn ihr von euch gut reden wollt; und wenn ihr
ihn verfhrt habt, gut von euch zu denken, denkt ihr selber gut von euch.
Nicht nur Der lgt, welcher wider sein Wissen redet, sondern erst recht Der,
welcher wider sein Nichtwissen redet. Und so redet ihr von euch im Verkehre und
belgt mit euch den Nachbar.
Also spricht der Narr: "der Umgang mit Menschen verdirbt den Charakter,
sonderlich wenn man keinen hat."
Der Eine geht zum Nchsten, weil er sich sucht, und der Andre, weil er sich
verlieren mchte. Eure schlechte Liebe zu euch selber macht euch aus der
Einsamkeit ein Gefngniss.
Die Ferneren sind es, welche eure Liebe zum Nchsten bezahlen; und schon wenn
ihr zu fnfen mit einander seid, muss immer ein sechster sterben.
Ich liebe auch eure Feste nicht: zu viel Schauspieler fand ich dabei, und auch
die Zuschauer gebrdeten sich oft gleich Schauspielern.
Nicht den Nchsten lehre ich euch, sondern den Freund. Der Freund sei euch das
Fest der Erde und ein Vorgefhl des bermenschen.
Ich lehre euch den Freund und sein bervolles Herz. Aber man muss verstehn, ein
Schwamm zu sein, wenn man von bervollen Herzen geliebt sein will.
Ich lehre euch den Freund, in dem die Welt fertig dasteht, eine Schale des
Guten, - den schaffenden Freund, der immer eine fertige Welt zu verschenken hat.
Und wie ihm die Welt auseinander rollte, so rollt sie ihm wieder in Ringen
zusammen, als das Werden des Guten durch das Bse, als das Werden der Zwecke aus
dem Zufalle.
Die Zukunft und das Fernste sei dir die Ursache deines Heute: in deinem Freunde
sollst du den bermenschen als deine Ursache lieben.
Meine Brder, zur Nchstenliebe rathe ich euch nicht: ich rathe euch zur
Fernsten-Liebe.
Also sprach Zarathustra.

Vom Wege des Schaffenden
Willst du, mein Bruder, in die Vereinsamung gehen? Willst du den Weg zu dir
selber suchen? Zaudere noch ein Wenig und hre mich.
"Wer sucht, der geht leicht selber verloren. Alle Vereinsamung ist Schuld":
also spricht die Heerde. Und du gehrtest lange zur Heerde.
Die Stimme der Heerde wird auch in dir noch tnen. Und wenn du sagen wirst "ich
habe nicht mehr Ein Gewissen mit euch", so wird es eine Klage und ein Schmerz
sein.
Siehe, diesen Schmerz selber gebar noch das Eine Gewissen: und dieses Gewissens
letzter Schimmer glht noch auf deiner Trbsal.
Aber du willst den Weg deiner Trbsal gehen, welches ist der Weg zu dir selber?
So zeige mir dein Recht und deine Kraft dazu!
Bist du eine neue Kraft und ein neues Recht? Eine erste Bewegung? Ein aus sich
rollendes Rad? Kannst du auch Sterne zwingen, dass sie um dich sich drehen?
Ach, es giebt so viel Lsternheit nach Hhe! Es giebt so viel Krmpfe der
Ehrgeizigen! Zeige mir, dass du keiner der Lsternen und Ehrgeizigen bist!
Ach, es giebt so viel grosse Gedanken, die thun nicht mehr als ein Blasebalg:
sie blasen auf und machen leerer.
Frei nennst du dich? Deinen herrschenden Gedanken will ich hren und nicht, dass
du einem Joche entronnen bist.
Bist du ein Solcher, der einem Joche entrinnen durfte ? Es giebt Manchen, der
seinen letzten Werth wegwarf, als er seine Dienstbarkeit wegwarf.
Frei wovon? Was schiert das Zarathustra! Hell aber soll mir dein Auge knden:
frei wozu ?
Kannst du dir selber dein Bses und dein Gutes geben und deinen Willen ber dich
aufhngen wie ein Gesetz? Kannst du dir selber Richter sein und Rcher deines
Gesetzes?
Furchtbar ist das Alleinsein mit dem Richter und Rcher des eignen Gesetzes.
Also wird ein Stern hinausgeworfen in den den Raum und in den eisigen Athem des
Alleinseins.
Heute noch leidest du an den Vielen, du Einer: heute noch hast du deinen Muth
ganz und deine Hoffnungen.
Aber einst wird dich die Einsamkeit mde machen, einst wird dein Stolz sich
krmmen und dein Muth knirschen. Schreien wirst du einst "ich bin allein!"
Einst wirst du dein Hohes nicht mehr sehn und dein Niedriges allzunahe; dein
Erhabnes selbst wird dich frchten machen wie ein Gespenst. Schreien wirst du
einst: "Alles ist falsch!"
Es giebt Gefhle, die den Einsamen tdten wollen; gelingt es ihnen nicht, nun,
so mssen sie selber sterben! Aber vermagst du das, Mrder zu sein?
Kennst du, mein Bruder, schon das Wort "Verachtung"? Und die Qual deiner
Gerechtigkeit, Solchen gerecht zu sein, die dich verachten?
Du zwingst Viele, ber dich umzulernen; das rechnen sie dir hart an. Du kamst
ihnen nahe und giengst doch vorber: das verzeihen sie dir niemals.
Du gehst ber sie hinaus: aber je hher du steigst, um so kleiner sieht dich das
Auge des Neides. Am meisten aber wird der Fliegende gehasst.
"Wie wolltet ihr gegen mich gerecht sein! - musst du sprechen - ich erwhle mir
eure Ungerechtigkeit als den mir zugemessnen Theil."
Ungerechtigkeit und Schmutz werfen sie nach dem Einsamen: aber, mein Bruder,
wenn du ein Stern sein willst, so musst du ihnen desshalb nicht weniger
leuchten!
Und hte dich vor den Guten und Gerechten! Sie kreuzigen gerne Die, welche sich
ihre eigne Tugend erfinden, - sie hassen den Einsamen.
Hte dich auch vor der heiligen Einfalt! Alles ist ihr unheilig, was nicht
einfltig ist; sie spielt auch gerne mit dem Feuer - der Scheiterhaufen.
Und hte dich auch vor den Anfllen deiner Liebe! Zu schnell streckt der Einsame
Dem die Hand entgegen, der ihm begegnet.
Manchem Menschen darfst du nicht die Hand geben, sondern nur die Tatze: und ich
will, dass deine Tatze auch Krallen habe.
Aber der schlimmste Feind, dem du begegnen kannst, wirst du immer dir selber
sein; du selber lauerst dir auf in Hhlen und Wldern.
Einsamer, du gehst den Weg zu dir selber! Und an dir selber fuhrt dein Weg
vorbei und an deinen sieben Teufeln!
Ketzer wirst du dir selber sein und Hexe und Wahrsager und Narr und Zweifler und
Unheiliger und Bsewicht.
Verbrennen musst du dich wollen in deiner eignen Flamme: wie wolltest du neu
werden, wenn du nicht erst Asche geworden bist!
Einsamer, du gehst den Weg des Schaffenden: einen Gott willst du dir schaffen
aus deinen sieben Teufeln!
Einsamer, du gehst den Weg des Liebenden: dich selbst liebst du und desshalb
verachtest du dich, wie nur Liebende verachten.
Schaffen will der Liebende, weil er verachtet! Was weiss Der von Liebe, der
nicht gerade verachten musste, was er liebte!
Mit deiner Liebe gehe in deine Vereinsamung und mit deinem Schaffen, mein
Bruder; und spt erst wird die Gerechtigkeit dir nachhinken.
Mit meinen Thrnen gehe in deine Vereinsamung, mein Bruder. Ich liebe Den, der
ber sich selber hinaus schaffen will und so zu Grunde geht. -
Also sprach Zarathustra.

Von alten und jungen Weiblein
"Was schleichst du so scheu durch die Dmmerung, Zarathustra? Und was birgst du
behutsam unter deinem Mantel?
"Ist es ein Schatz, der dir geschenkt? Oder ein Kind, das dir geboren wurde?
Oder gehst du jetzt selber auf den Wegen der Diebe, du Freund der Bsen?" -
Wahrlich, mein Bruder! sprach Zarathustra, es ist ein Schatz, der mir geschenkt
wurde: eine kleine Wahrheit ist's, die ich trage.
Aber sie ist ungebrdig wie ein junges Kind; und wenn ich ihr nicht den Mund
halte, so schreit sie berlaut.
Als ich heute allein meines Weges gieng, zur Stunde, wo die Sonne sinkt,
begegnete mir ein altes Weiblein und redete also zu meiner Seele:
"Vieles sprach Zarathustra auch zu uns Weibern, doch nie sprach er uns ber das
Weib."
Und ich entgegnete ihr: "ber das Weib soll man nur zu Mnnern reden."
"Rede auch zu mir vom Weibe, sprach sie; ich bin alt genug, um es gleich wieder
zu vergessen."
Und ich willfahrte dem alten Weiblein und sprach also zu ihm:
Alles am Weibe ist ein Rthsel, und Alles am Weibe hat Eine Lsung: sie heisst
Schwangerschaft.
Der Mann ist fr das Weib ein Mittel: der Zweck ist immer das Kind. Aber was ist
das Weib fr den Mann?
Zweierlei will der chte Mann: Gefahr und Spiel. Desshalb will er das Weib, als
das gefhrlichste Spielzeug.
Der Mann soll zum Kriege erzogen werden und das Weib zur Erholung des Kriegers:
alles Andre ist Thorheit.
Allzussse Frchte - die mag der Krieger nicht. Darum mag er das Weib; bitter
ist auch noch das ssseste Weib.
Besser als ein Mann versteht das Weib die Kinder, aber der Mann ist kindlicher
als das Weib.
Im chten Manne ist ein Kind versteckt: das will spielen. Auf, ihr Frauen, so
entdeckt mir doch das Kind im Manne!
Ein Spielzeug sei das Weib, rein und fein, dem Edelsteine gleich, bestrahlt von
den Tugenden einer Welt, welche noch nicht da ist.
Der Strahl eines Sternes glnze in eurer Liebe! Eure Hoffnung heisse: "mge ich
den bermenschen gebren!"
In eurer Liebe sei Tapferkeit! Mit eurer Liebe sollt ihr auf Den losgehn, der
euch Furcht einflsst!
In eurer Liebe sei eure Ehre! Wenig versteht sich sonst das Weib auf Ehre. Aber
diess sei eure Ehre, immer mehr zu lieben, als ihr geliebt werdet, und nie die
Zweiten zu sein.
Der Mann frchte sich vor dem Weibe, wenn es liebt: da bringt es jedes Opfer,
und jedes andre Ding gilt ihm ohne Werth.
Der Mann frchte sich vor dem Weibe, wenn es hasst: denn der Mann ist im Grunde
der Seele nur bse, das Weib aber ist dort schlecht.
Wen hasst das Weib am meisten? - Also sprach das Eisen zum Magneten: "ich hasse
dich am meisten, weil du anziehst, aber nicht stark genug bist, an dich zu
ziehen."
Das Glck des Mannes heisst: ich will. Das Glck des Weibes heisst: er will.
"Siehe, jetzt eben ward die Welt vollkommen!" - also denkt ein jedes Weib,
wenn es aus ganzer Liebe gehorcht.
Und gehorchen muss das Weib und eine Tiefe finden zu seiner Oberflche.
Oberflche ist des Weibes Gemth, eine bewegliche strmische Haut auf einem
seichten Gewsser.
Des Mannes Gemth aber ist tief, sein Strom rauscht in unterirdischen Hhlen:
das Weib ahnt seine Kraft, aber begreift sie nicht. -
Da entgegnete mir das alte Weiblein: "Vieles Artige sagte Zarathustra und
sonderlich fr Die, welche jung genug dazu sind.
"Seltsam ist's, Zarathustra kennt wenig die Weiber, und doch hat er ber sie
Recht! Geschieht diess desshalb, weil beim Weibe kein Ding unmglich ist?
"Und nun nimm zum Danke eine kleine Wahrheit! Bin ich doch alt genug fr sie!
"Wickle sie ein und halte ihr den Mund: sonst schreit sie berlaut, diese
kleine Wahrheit."
"Gieb mir, Weib, deine kleine Wahrheit!" sagte ich. Und also sprach das alte
Weiblein:
"Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht!" -
Also sprach Zarathustra.

Vom Biss der Natter
Eines Tages war Zarathustra unter einem Feigenbaume eingeschlafen, da es heiss
war, und hatte seine Arme ber das Gesicht gelegt. Da kam eine Natter und biss
ihn in den Hals, so dass Zarathustra vor Schmerz aufschrie. Als er den Arm vom
Gesicht genommen hatte, sah er die Schlange an: da erkannte sie die Augen
Zarathustra's, wand sich ungeschickt und wollte davon. "Nicht doch, sprach
Zarathustra; noch nahmst du meinen Dank nicht an! Du wecktest mich zur Zeit,
mein Weg ist noch lang." "Dein Weg ist noch kurz, sagte die Natter traurig;
mein Gift tdtet." Zarathustra lchelte. "Wann starb wohl je ein Drache am
Gift einer Schlange? - sagte er. Aber nimm dein Gift zurck! Du bist nicht reich
genug, es mir zu schenken." Da fiel ihm die Natter von Neuem um den Hals und
leckte ihm seine Wunde.
Als Zarathustra diess einmal seinen Jngern erzhlte, fragten sie: "Und was, oh
Zarathustra, ist die Moral deiner Geschichte?" Zarathustra antwortete darauf
also:
Den Vernichter der Moral heissen mich die Guten und Gerechten: meine Geschichte
ist unmoralisch. -
So ihr aber einen Feind habt, so vergeltet ihm nicht Bses mit Gutem: denn das
wrde beschmen. Sondern beweist, dass er euch etwas Gutes angethan hat.
Und lieber zrnt noch, als dass ihr beschmt! Und wenn euch geflucht wird, so
gefllt es mir nicht, dass ihr dann segnen wollt. Lieber ein Wenig mitfluchen!
Und geschah euch ein grosses Unrecht, so thut mir geschwind fnf kleine dazu!
Grsslich ist Der anzusehn, den allein das Unrecht drckt.
Wusstet ihr diess schon? Getheiltes Unrecht ist halbes Recht. Und Der soll das
Unrecht auf sich nehmen, der es tragen kann!
Eine kleine Rache ist menschlicher, als gar keine Rache. Und wenn die Strafe
nicht auch ein Recht und eine Ehre ist fr den bertretenden, so mag ich auch
euer Strafen nicht.
Vornehmer ist's, sich Unrecht zu geben als Recht zu behalten, sonderlich wenn
man Recht hat. Nur muss man reich genug dazu sein.
Ich mag eure kalte Gerechtigkeit nicht; und aus dem Auge eurer Richter blickt
mir immer der Henker und sein kaltes Eisen.
Sagt, wo findet sich die Gerechtigkeit, welche Liebe mit sehenden Augen ist?
So erfindet mir doch die Liebe, welche nicht nur alle Strafe, sondern auch alle
Schuld trgt!
So erfindet mir doch die Gerechtigkeit, die Jeden freispricht, ausgenommen den
Richtenden!
Wollt ihr auch diess noch hren? An Dem, der von Grund aus gerecht sein will,
wird auch noch die Lge zur Menschen-Freundlichkeit.
Aber wie wollte ich gerecht sein von Grund aus! Wie kann ich Jedem das Seine
geben! Diess sei mir genug: ich gebe Jedem das Meine.
Endlich, meine Brder, htet euch Unrecht zu thun allen Einsiedlern! Wie knnte
ein Einsiedler vergessen! Wie knnte er vergelten!
Wie ein tiefer Brunnen ist ein Einsiedler. Leicht ist es, einen Stein
hineinzuwerfen; sank er aber bis zum Grunde, sagt, wer will ihn wieder
hinausbringen?
Htet euch, den Einsiedler zu beleidigen! Thatet ihr's aber, nun, so tdtet ihn
auch noch!
Also sprach Zarathustra.

Von Kind und Ehe
Ich habe eine Frage fr dich allein, mein Bruder: wie ein Senkblei werfe ich
diese Frage in deine Seele, dass ich wisse, wie tief sie sei.
Du bist jung und wnschest dir Kind und Ehe. Aber ich frage dich: bist du ein
Mensch, der ein Kind sich wnschen darf ?
Bist du der Siegreiche, der Selbstbezwinger, der Gebieter der Sinne, der Herr
deiner Tugenden? Also frage ich dich.
Oder redet aus deinem Wunsche das Thier und die Nothdurft? Oder Vereinsamung?
Oder Unfriede mit dir?
Ich will, dass dein Sieg und deine Freiheit sich nach einem Kinde sehne.
Lebendige Denkmale sollst du bauen deinem Siege und deiner Befreiung.
ber dich sollst du hinausbauen. Aber erst musst du mir selber gebaut sein,
rechtwinklig an Leib und Seele.
Nicht nur fort sollst du dich pflanzen, sondern hinauf! Dazu helfe dir der
Garten der Ehe!
Einen hheren Leib sollst du schaffen, eine erste Bewegung, ein aus sich
rollendes Rad, - einen Schaffenden sollst du schaffen.
Ehe: so heisse ich den Willen zu Zweien, das Eine zu schaffen, das mehr ist, als
die es schufen. Ehrfurcht vor einander nenne ich Ehe als vor den Wollenden eines
solchen Willens.
Diess sei der Sinn und die Wahrheit deiner Ehe. Aber Das, was die Viel-zu-Vielen
Ehe nennen, diese berflssigen, - ach, wie nenne ich das?
Ach, diese Armuth der Seele zu Zweien! Ach, dieser Schmutz der Seele zu Zweien!
Ach diess erbrmliche Behagen zu Zweien!
Ehe nennen sie diess Alles; und sie sagen, ihre Ehen seien im Himmel
geschlossen.
Nun, ich mag ihn nicht, diesen Himmel der berflssigen! Nein, ich mag sie
nicht, diese im himmlischen Netz verschlungenen Thiere!
Ferne bleibe mir auch der Gott, der heranhinkt, zu segnen, was er nicht
zusammenfgte!
Lacht mir nicht ber solche Ehen! Welches Kind htte nicht Grund, ber seine
Eltern zu weinen?
Wrdig schien mir dieser Mann und reif fr den Sinn der Erde: aber als ich sein
Weib sah, schien mir die Erde ein Haus fr Unsinnige.
Ja, ich wollte, dass die Erde in Krmpfen bebte, wenn sich ein Heiliger und eine
Gans mit einander paaren.
Dieser gieng wie ein Held auf Wahrheiten aus und endlich erbeutete er sich eine
kleine geputzte Lge. Seine Ehe nennt er's.
Jener war sprde im Verkehre und whlte whlerisch. Aber mit Einem Male verdarb
er fr alle Male seine Gesellschaft: seine Ehe nennt er's.
Jener suchte eine Magd mit den Tugenden eines Engels. Aber mit Einem Male wurde
er die Magd eines Weibes, und nun thte es Noth, dass er darber noch zum Engel
werde.
Sorgsam fand ich jetzt alle Kufer, und Alle haben listige Augen. Aber seine
Frau kauft auch der Listigste noch im Sack.
Viele kurze Thorheiten - das heisst bei euch Liebe. Und eure Ehe macht vielen
kurzer Thorheiten ein Ende, als Eine lange Dummheit.
Eure Liebe zum Weibe und des Weibes Liebe zum Manne: ach, mchte sie doch
Mitleiden sein mit leidenden und verhllten Gttern! Aber zumeist errathen zwei
Thiere einander.
Aber auch noch eure beste Liebe ist nur ein verzcktes Gleichniss und eine
schmerzhafte Gluth. Eine Fackel ist sie, die euch zu hheren Wegen leuchten
soll.
ber euch hinaus sollt ihr einst lieben! So lernt erst lieben! Und darum musstet
ihr den bittern Kelch eurer Liebe trinken.
Bitterniss ist im Kelch auch der besten Liebe: so macht sie Sehnsucht zum
bermenschen, so macht sie Durst dir, dem Schaffenden!
Durst dem Schaffenden, Pfeil und Sehnsucht zum bermenschen: sprich, mein
Bruder, ist diess dein Wille zur Ehe?
Heilig heisst mir solch ein Wille und solche Ehe. -
Also sprach Zarathustra.

Vom freien Tode
Viele sterben zu spt, und Einige sterben zu frh. Noch klingt fremd die Lehre:
"stirb zur rechten Zeit!"
Stirb zur rechten Zeit: also lehrt es Zarathustra.
Freilich, wer nie zur rechten Zeit lebt, wie sollte der je zur rechten Zeit
sterben? Mchte er doch nie geboren sein! - Also rathe ich den berflssigen.
Aber auch die berflssigen thun noch wichtig mit ihrem Sterben, und auch die
hohlste Nuss will noch geknackt sein.
Wichtig nehmen Alle das Sterben: aber noch ist der Tod kein Fest. Noch erlernten
die Menschen nicht, wie man die schnsten Feste weiht.
Den vollbringenden Tod zeige ich euch, der den Lebenden ein Stachel und ein
Gelbniss wird.
Seinen Tod stirbt der Vollbringende, siegreich, umringt von Hoffenden und
Gelobenden.
Also sollte man sterben lernen; und es sollte kein Fest geben, wo ein solcher
Sterbender nicht der Lebenden Schwre weihte!
Also zu sterben ist das Beste; das Zweite aber ist: im Kampfe zu sterben und
eine grosse Seele zu verschwenden.
Aber dem Kmpfenden gleich verhasst wie dem Sieger ist euer grinsender Tod, der
heranschleicht wie ein Dieb - und doch als Herr kommt.
Meinen Tod lobe ich euch, den freien Tod, der mir kommt, weil ich will.
Und wann werde ich wollen? - Wer ein Ziel hat und einen Erben, der will den Tod
zur rechten Zeit fr Ziel und Erben.
Und aus Ehrfurcht vor Ziel und Erben wird er keine drren Krnze mehr im
Heiligthum des Lebens aufhngen.
Wahrlich, nicht will ich den Seildrehern gleichen: sie ziehen ihren Faden in die
Lnge und gehen dabei selber immer rckwrts.
Mancher wird auch fr seine Wahrheiten und Siege zu alt; ein zahnloser Mund hat
nicht mehr das Recht zu jeder Wahrheit.
Und Jeder, der Ruhm haben will, muss sich bei Zeiten von der Ehre verabschieden
und die schwere Kunst ben, zur rechten Zeit zu - gehn.
Man muss aufhren, sich essen zu lassen, wenn man am besten schmeckt: das wissen
Die, welche lange geliebt werden wollen.
Saure pfel giebt es freilich, deren Loos will, dass sie bis auf den letzten Tag
des Herbstes warten: und zugleich werden sie reif, gelb und runzelig.
Andern altert das Herz zuerst und Andern der Geist. Und Einige sind greis in der
Jugend: aber spt jung erhlt lang jung.
Manchem missrth das Leben: ein Giftwurm frisst sich ihm an's Herz. So mge er
zusehn, dass ihm das Sterben um so mehr gerathe.
Mancher wird nie sss, er fault im Sommer schon. Feigheit ist es, die ihn an
seinem Aste festhlt.
Viel zu Viele leben und viel zu lange hngen sie an ihren sten. Mchte ein
Sturm kommen, der all diess Faule und Wurmfressne vom Baume schttelt!
Mchten Prediger kommen des schnellen Todes ! Das wren mir die rechten Strme
und Schttler an Lebensbumen Aber ich hre nur den langsamen Tod predigen und
Geduld mit allem "Irdischen".
Ach, ihr predigt Geduld mit dem Irdischen? Dieses Irdische ist es, das zu viel
Geduld mit euch hat, ihr Lstermuler!
Wahrlich, zu frh starb jener Hebrer, den die Prediger des langsamen Todes
ehren: und Vielen ward es seitdem zum Verhngniss, dass er zu frh starb.
Noch kannte er nur Thrnen und die Schwermuth des Hebrers, sammt dem Hasse der
Guten und Gerechten, - der Hebrer Jesus: da berfiel ihn die Sehnsucht zum
Tode.
Wre er doch in der Wste geblieben und ferne von den Guten und Gerechten!
Vielleicht htte er leben gelernt und die Erde lieben gelernt - und das Lachen
dazu!
Glaubt es mir, meine Brder! Er starb zu frh; er selber htte seine Lehre
widerrufen, wre er bis zu meinem Alter gekommen! Edel genug war er zum
Widerrufen!
Aber ungereift war er noch. Unreif liebt der Jngling und unreif hasst er auch
Mensch und Erde. Angebunden und schwer ist ihm noch Gemth und Geistesflgel.
Aber im Manne ist mehr Kind als im Jnglinge, und weniger Schwermuth: besser
versteht er sich auf Tod und Leben.
Frei zum Tode und frei im Tode, ein heiliger Nein-sager, wenn es nicht Zeit mehr
ist zum Ja: also versteht er sich auf Tod und Leben.
Dass euer Sterben keine Lsterung sei auf Mensch und Erde, meine Freunde: das
erbitte ich mir von dem Honig eurer Seele.
In eurem Sterben soll noch euer Geist und eure Tugend glhn, gleich einem
Abendroth um die Erde: oder aber das Sterben ist euch schlecht gerathen.
Also will ich selber sterben, dass ihr Freunde um meinetwillen die Erde mehr
liebt; und zur Erde will ich wieder werden, dass ich in Der Ruhe habe, die mich
gebar.
Wahrlich, ein Ziel hatte Zarathustra, er warf seinen Ball: nun seid ihr Freunde
meines Zieles Erbe, euch werfe ich den goldenen Ball zu.
Lieber als Alles sehe ich euch, meine Freunde, den goldenen Ball werfen! Und so
verziehe ich noch ein Wenig auf Erden: verzeiht es mir!
Also sprach Zarathustra.

Von der schenkenden Tugend
1
Als Zarathustra von der Stadt Abschied genommen hatte, welcher sein Herz
zugethan war und deren Name lautet: "die bunte Kuh" - folgten ihm Viele, die
sich seine Jnger nannten und gaben ihm das Geleit. Also kamen sie an einen
Kreuzweg: da sagte ihnen Zarathustra, dass er nunmehr allein gehen wolle; denn
er war ein Freund des Alleingehens. Seine Jnger aber reichten ihm zum Abschiede
einen Stab, an dessen goldnem Griffe sich eine Schlange um die Sonne ringelte.
Zarathustra freute sich des Stabes und sttzte sich darauf; dann sprach er also
zu seinen Jngern.
Sagt mir doch: wie kam Gold zum hchsten Werthe? Darum, dass es ungemein ist und
unntzlich und leuchtend und mild im Glanze; es schenkt sich immer.
Nur als Abbild der hchsten Tugend kam Gold zum hchsten Werthe. Goldgleich
leuchtet der Blick dem Schenkenden. Goldes-Glanz schliesst Friede zwischen Mond
und Sonne.
Ungemein ist die hchste Tugend und unntzlich, leuchtend ist sie und mild im
Glanze: eine schenkende Tugend ist die hchste Tugend.
Wahrlich, ich errathe euch wohl, meine Jnger: ihr trachtet, gleich mir, nach
der schenkenden Tugend. Was httet ihr mit Katzen und Wlfen gemeinsam?
Das ist euer Durst, selber zu Opfern und Geschenken zu werden: und darum habt
ihr den Durst, alle Reichthmer in euren Seele zu hufen.
Unersttlich trachtet eure Seele nach Schtzen und Kleinodien, weil eure Tugend
unersttlich ist im Verschenken-Wollen.
Ihr zwingt alle Dinge zu euch und in euch, dass sie aus eurem Borne
zurckstrmen sollen als die Gaben eurer Liebe.
Wahrlich, zum Ruber an allen Werthen muss solche schenkende Liebe werden; aber
heil und heilig heisse ich diese Selbstsucht.
Eine andre Selbstsucht giebt es, eine allzuarme, eine hungernde, die immer
stehlen will, jene Selbstsucht der Kranken, die kranke Selbstsucht.
Mit dem Auge des Diebes blickt sie auf alles Glnzende; mit der Gier des Hungers
misst sie Den, der reich zu essen hat; und immer schleicht sie um den Tisch der
Schenkenden.
Krankheit redet aus solcher Begierde und unsichtbare Entartung; von siechem
Leibe redet die diebische Gier dieser Selbstsucht.
Sagt mir, meine Brder: was gilt uns als Schlechtes und Schlechtestes? Ist es
nicht Entartung? - Und auf Entartung rathen wir immer, wo die schenkende Seele
fehlt.
Aufwrts geht unser Weg, von der Art hinber zur ber-Art. Aber ein Grauen ist
uns der entartende Sinn, welcher spricht: "Alles fr mich."
Aufwrts fliegt unser Sinn: so ist er ein Gleichniss unsres Leibes, einer
Erhhung Gleichniss. Solcher Erhhungen Gleichnisse sind die Namen der Tugenden.
Also geht der Leib durch die Geschichte, ein Werdender und ein Kmpfender. Und
der Geist - was ist er ihm? Seiner Kmpfe und Siege Herold, Genoss und
Wiederhall.
Gleichnisse sind alle Namen von Gut und Bse: sie sprechen nicht aus, sie winken
nur. Ein Thor, welcher von ihnen Wissen will!
Achtet mir, meine Brder, auf jede Stunde, wo euer Geist in Gleichnissen reden
will: da ist der Ursprung eurer Tugend.
Erhht ist da euer Leib und auferstanden; mit seiner Wonne entzckt er den
Geist, dass er Schpfer wird und Schtzer und Liebender und aller Dinge
Wohlthter.
Wenn euer Herz breit und voll wallt, dem Strome gleich, ein Segen und eine
Gefahr den Anwohnenden: da ist der Ursprung eurer Tugend.
Wenn ihr erhaben seid ber Lob und Tadel, und euer Wille allen Dingen befehlen
will, als eines Liebenden Wille: da ist der Ursprung eurer Tugend.
Wenn ihr das Angenehme verachtet und das weiche Bett, und von den Weichlichen
euch nicht weit genug betten knnt: da ist der Ursprung eurer Tugend.
Wenn ihr Eines Willens Wollende seid, und diese Wende aller Noth euch
Nothwendigkeit heisst: da ist der Ursprung eurer Tugend.
Wahrlich, ein neues Gutes und Bses ist sie! Wahrlich, ein neues tiefes Rauschen
und eines neuen Quelles Stimme!
Macht ist sie, diese neue Tugend; ein herrschender Gedanke ist sie und um ihn
eine kluge Seele: eine goldene Sonne und um sie die Schlange der Erkenntniss
2
Hier schwieg Zarathustra eine Weile und sah mit Liebe auf seine Jnger. Dann
fuhr er also fort zu reden: - und seine Stimme hatte sich verwandelt.
Bleibt mir der Erde treu, meine Brder, mit der Macht eurer Tugend! Eure
schenkende Liebe und eure Erkenntniss diene dem Sinn der Erde! Also bitte und
beschwre ich euch.
Lasst sie nicht davon fliegen vom Irdischen und mit den Flgeln gegen ewige
Wnde schlagen! Ach, es gab immer so viel verflogene Tugend!
Fhrt, gleich mir, die verflogene Tugend zur Erde zurck - ja, zurck zu Leib
und Leben: dass sie der Erde ihren Sinn gebe, einen Menschen-Sinn!
Hundertfltig verflog und vergriff sich bisher so Geist wie Tugend. Ach, in
unserm Leibe wohnt jetzt noch all dieser Wahn und Fehlgriff: Leib und Wille ist
er da geworden.
Hundertfltig versuchte und verirrte sich bisher so Geist wie Tugend. Ja, ein
Versuch war der Mensch. Ach, viel Unwissen und Irrthum ist an uns Leib geworden!
Nicht nur die Vernunft von Jahrtausenden - auch ihr Wahnsinn bricht an uns aus.
Gefhrlich ist es, Erbe zu sein.
Noch kmpfen wir Schritt um Schritt mit dem Riesen Zufall, und ber der ganzen
Menschheit waltete bisher noch der Unsinn, der Ohne-Sinn.
Euer Geist und eure Tugend diene dem Sinn der Erde, meine Brder: und aller
Dinge Werth werde neu von euch gesetzt! Darum sollt ihr Kmpfende sein! Darum
sollt ihr Schaffende sein!
Wissend reinigt sich der Leib; mit Wissen versuchend erhht er sich; dem
Erkennenden heiligen sich alle Triebe; dem Erhhten wird die Seele frhlich.
Arzt, hilf dir selber: so hilfst du auch deinem Kranken noch. Das sei seine
beste Hlfe, dass er Den mit Augen sehe, der sich selber heil macht.
Tausend Pfade giebt es, die nie noch gegangen sind; tausend Gesundheiten und
verborgene Eilande des Lebens. Unerschpft und unentdeckt ist immer noch Mensch
und Menschen-Erde.
Wachet und horcht, ihr Einsamen! Von der Zukunft her kommen Winde mit heimlichem
Flgelschlagen; und an feine Ohren ergeht gute Botschaft.
Ihr Einsamen von heute, ihr Ausscheidenden, ihr sollt einst ein Volk sein: aus
euch, die ihr euch selber auswhltet, soll ein auserwhltes Volk erwachsen: -
und aus ihm der bermensch.
Wahrlich, eine Sttte der Genesung soll noch die Erde werden! Und schon liegt
ein neuer Geruch um sie, ein Heil bringender, - und eine neue Hoffnung!
3
Als Zarathustra diese Worte gesagt hatte, schwieg er, wie Einer, der nicht sein
letztes Wort gesagt hat; lange wog er den Stab zweifelnd in seiner Hand. Endlich
sprach er also: - und seine Stimme hatte sich verwandelt.
Allein gehe ich nun, meine Jnger! Auch ihr geht nun davon und allein! So will
ich es.
Wahrlich, ich rathe euch: geht fort von mir und wehrt euch gegen Zarathustra!
Und besser noch: schmt euch seiner! Vielleicht betrog er euch.
Der Mensch der Erkenntniss muss nicht nur seine Feinde lieben, sondern auch
seine Freunde hassen knnen.
Man vergilt einem Lehrer schlecht, wenn man immer nur der Schler bleibt. Und
warum wollt ihr nicht an meinem Kranze rupfen?
Ihr verehrt mich; aber wie, wenn eure Verehrung eines Tages umfllt? Htet euch,
dass euch nicht eine Bildsule erschlage!
Ihr sagt, ihr glaubt an Zarathustra? Aber was liegt an Zarathustra! Ihr seid
meine Glubigen: aber was liegt an allen Glubigen!
Ihr hattet euch noch nicht gesucht: da fandet ihr mich. So thun alle Glubigen;
darum ist es so wenig mit allem Glauben.
Nun heisse ich euch, mich verlieren und euch finden; und erst, wenn ihr mich
Alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren.
Wahrlich, mit andern Augen, meine Brder, werde ich mir dann meine Verlorenen
suchen; mit einer anderen Liebe werde ich euch dann lieben.
Und einst noch sollt ihr mir Freunde geworden sein und Kinder Einer Hoffnung:
dann will ich zum dritten Male bei euch sein, dass ich den grossen Mittag mit
euch feiere.
Und das ist der grosse Mittag, da der Mensch auf der Mitte seiner Bahn steht
zwischen Thier und bermensch und seinen Weg zum Abende als seine hchste
Hoffnung feiert: denn es ist der Weg zu einem neuen Morgen.
Alsda wird sich der Untergehende selber segnen, dass er ein Hinbergehender sei;
und die Sonne seiner Erkenntniss wird ihm im Mittage stehn.
"Todt sind alle Gtter: nun wollen wir, dass der bermensch lebe." - diess sei
einst am grossen Mittage unser letzter Wille! -
Also sprach Zarathustra.

Zweiter Theil
"- und erst, wenn ihr mich Alle verleugnet habt, will ich euch wiederkehren.
Wahrlich, mit andern Augen, meine Brder, werde ich mir dann meine Verlorenen
suchen; mit einer andern Liebe werde ich euch dann lieben".
Zarathustra, von der schenkenden Tugend
Das Kind mit dem Spiegel
Hierauf gieng Zarathustra wieder zurck in das Gebirge und in die Einsamkeit
seiner Hhle und entzog sich den Menschen: wartend gleich einem Semann, der
seinen Samen ausgeworfen hat. Seine Seele aber wurde voll von Ungeduld und
Begierde nach Denen, welche er liebte: denn er hatte ihnen noch Viel zu geben.
Diess nmlich ist das Schwerste, aus Liebe die offne Hand schliessen und als
Schenkender die Scham bewahren.
Also vergiengen dem Einsamen Monde und Jahre; seine Weisheit aber wuchs und
machte ihm Schmerzen durch ihre Flle.
Eines Morgens aber wachte er schon vor der Morgenrthe auf, besann sich lange
auf seinem Lager und sprach endlich zu seinem Herzen:
"Was erschrak ich doch so in meinem Traume, dass ich aufwachte? Trat nicht ein
Kind zu mir, das einen Spiegel trug?
"Oh Zarathustra - sprach das Kind zu mir - schaue Dich an im Spiegel!"
Aber als ich in den Spiegel schaute, da schrie ich auf, und mein Herz war
erschttert: denn nicht mich sahe ich darin, sondern eines Teufels Fratze und
Hohnlachen.
Wahrlich, allzugut verstehe ich des Traumes Zeichen und Mahnung: meine Lehre ist
in Gefahr, Unkraut will Weizen heissen!
Meine Feinde sind mchtig worden und haben meiner Lehre Bildniss entstellt,
also, dass meine Liebsten sich der Gaben schmen mssen, die ich ihnen gab.
Verloren giengen mir meine Freunde; die Stunde kam mir, meine Verlornen zu
suchen!' -
Mit diesen Worten sprang Zarathustra auf, aber nicht wie ein Gengstigter, der
nach Luft sucht, sondern eher wie ein Seher und Snger, welchen der Geist
anfllt. Verwundert sahen sein Adler und seine Schlange auf ihn hin: denn gleich
dem Morgenrothe lag ein kommendes Glck auf seinem Antlitze.
Was geschah mir doch, meine Thiere? - sagte Zarathustra. Bin ich nicht
verwandelt! Kam mir nicht die Seligkeit wie ein Sturmwind?
"Thricht ist mein Glck und Thrichtes wird es reden: zu jung noch ist es - so
habt Geduld mit ihm!
Verwundet bin ich von meinem Glcke: alle Leidenden sollen mir Arzte sein!
Zu meinen Freunden darf ich wieder hinab und auch zu meinen Feinden! Zarathustra
darf wieder reden und schenken und Lieben das Liebste thun!
Meine ungeduldige Liebe fliesst ber in Strmen, abwrts, nach Aufgang und
Niedergang. Aus schweigsamem Gebirge und Gewittern des Schmerzes rauscht meine
Seele in die Thler.
Zu lange sehnte ich mich und schaute in die Ferne. Zu lange gehrte ich der
Einsamkeit: so verlernte ich das Schweigen.
Mund bin ich worden ganz und gar, und Brausen eines Bachs aus hohen Felsen:
hinab will ich meine Rede strzen in die Thler.
Und mag mein Strom der Liebe in Unwegsames strzen! Wie sollte ein Strom nicht
endlich den Weg zum Meere finden!
Wohl ist ein See in mir, ein einsiedlerischer, selbstgenugsamer; aber mein Strom
der Liebe reisst ihn mit sich hinab - zum Meere!
Neue Wege gehe ich, eine neue Rede kommt mir; mde wurde ich, gleich allen
Schaffenden, der alten Zungen. Nicht will mein Geist mehr auf abgelaufnen Sohlen
wandeln.
Zu langsam luft mir alles Reden: - in deinen Wagen springe ich, Sturm! Und auch
dich will ich noch peitschen mit meiner Bosheit!
Wie ein Schrei und ein jauchzen will ich ber weite Meere hinfahren, bis ich die
glckseligen Inseln finde, wo meine Freunde weilen: -
Und meine Feinde unter ihnen! Wie liebe ich nun jeden, zu dem ich nur reden
darf! Auch meine Feinde gehren zu meiner Seligkeit.
Und wenn ich auf mein wildestes Pferd steigen will, so hilft mir mein Speer
immer am besten hinauf: der ist meines Fusses allzeit bereiter Diener: -
Der Speer, den ich gegen meine Feinde schleudere! Wie danke ich es meinen
Feinden, dass ich endlich ihn schleudern darf!
Zu gross war die Spannung meiner Wolke: zwischen Gelchtern der Blitze will ich
Hagelschauer in die Tiefe werfen.
Gewaltig wird sich da meine Brust heben, gewaltig wird sie ihren Sturm ber die
Berge hinblasen: so kommt ihr Erleichterung.
Wahrlich, einem Sturme gleich kommt mein Glck und meine Freiheit! Aber meine
Feinde sollen glauben, der Bse rase ber ihren Huptern.
Ja, auch ihr werdet erschreckt sein, meine Freunde, ob meiner wilden Weisheit;
und vielleicht flieht ihr davon sammt meinen Feinden.
Ach, dass ich's verstnde, euch mit Hirtenflten zurck zu locken! Ach, dass
meine Lwin Weisheit zrtlich brllen lernte! Und Vieles lernten wir schon mit
einander!
Meine wilde Weisheit wurde trchtig auf einsamen Bergen; auf rauhen Steinen
gebar sie ihr Junges, Jngstes.
Nun luft sie nrrisch durch die harte Wste und sucht und sucht nach sanftem
Rasen - meine alte wilde Weisheit!
Auf eurer Herzen sanften Rasen, meine Freunde! - auf eure Liebe mchte sie ihr
Liebstes betten!
Also sprach Zarathustra.

Auf den glckseligen Inseln
Die Feigen fallen von den Bumen, sie sind gut und sss; und indem sie fallen,
reisst ihnen die rothe Haut. Ein Nordwind bin ich reifen Feigen.
Also, gleich Feigen, fallen euch diese Lehren zu, meine Freunde: nun trinkt
ihren Saft und ihr ssses Fleisch! Herbst ist es umher und reiner Himmel und
Nachmittag.
Seht, welche Flle ist um uns! Und aus dem berflusse heraus ist es schn hinaus
zu blicken auf ferne Meere.
Einst sagte man Gott, wenn man auf ferne Meere blickte; nun aber lehrte ich euch
sagen: bermensch.
Gott ist eine Muthmaassung; aber ich will, dass euer Muthmaassen nicht weiter
reiche, als euer schaffender Wille.
Knntet ihr einen Gott schaffen ? - So schweigt mir doch von allen Gttern! Wohl
aber knntet ihr den bermenschen schaffen.
Nicht ihr vielleicht selber, meine Brder! Aber zu Vtern und Vorfahren knntet
ihr euch umschaffen des bermenschen: und Diess sei euer bestes Schaffen! -
Gott ist eine Muthmaassung: aber ich will, dass euer Muthmaassen begrenzt sei in
der Denkbarkeit.
Knntet ihr einen Gott denken ? - Aber diess bedeute euch Wille zur Wahrheit,
dass Alles verwandelt werde in Menschen - Denkbares, Menschen - Sichtbares,
Menschen - Fhlbares! Eure eignen Sinne sollt ihr zu Ende denken!
Und was ihr Welt nanntet, das soll erst von euch geschaffen werden: eure
Vernunft, euer Bild, euer Wille, eure Liebe soll es selber werden! Und wahrlich,
zu eurer Seligkeit, ihr Erkennenden!
Und wie wolltet ihr das Leben ertragen ohne diese Hoffnung, ihr Erkennenden?
Weder in's Unbegreifliche drftet ihr eingeboren sein, noch in's Unvernnftige.
Aber dass ich euch ganz mein Herz offenbare, ihr Freunde: wenn es Gtter gbe,
wie hielte ich's aus, kein Gott zu sein! Also giebt es keine Gtter.
Wohl zog ich den Schluss; nun aber zieht er mich. -
Gott ist eine Muthmaassung: aber wer trnke alle Qual dieser Muthmaassung, ohne
zu sterben? Soll dem Schaffenden sein Glaube genommen sein und dem Adler sein
Schweben in Adler-Fernen?
Gott ist ein Gedanke, der macht alles Gerade krumm und Alles, was steht,
drehend. Wie? Die Zeit wre hinweg, und alles Vergngliche nur Lge?
Diess zu denken ist Wirbel und Schwindel menschlichen Gebeinen und noch dem
Magen ein Erbrechen: wahrlich, die drehende Krankheit heisse ich's, Solches zu
muthmaassen.
Bse heisse ich's und menschenfeindlich: all diess Lehren vom Einen und Vollen
und Unbewegten und Satten und Unvergnglichen!
Alles Unvergngliche - das ist nur ein Gleichniss! Und die Dichter lgen zuviel.
-
Aber von Zeit und Werden sollen die besten Gleichnisse reden: ein Lob sollen sie
sein und eine Rechtfertigung aller Vergnglichkeit!
Schaffen - das ist die grosse Erlsung vom Leiden, und des Lebens Leichtwerden.
Aber dass der Schaffende sei, dazu selber thut Leid noth und viel Verwandelung.
Ja, viel bitteres Sterben muss in eurem Leben sein, ihr Schaffenden! Also seid
ihr Frsprecher und Rechtfertiger aller Vergnglichkeit.
Dass der Schaffende selber das Kind sei, das neu geboren werde, dazu muss er
auch die Gebrerin sein wollen und der Schmerz der Gebrerin.
Wahrlich, durch hundert Seelen gieng ich meinen Weg und durch hundert Wiegen und
Geburtswehen. Manchen Abschied nahm ich schon, ich kenne die herzbrechenden
letzten Stunden.
Aber so will's mein schaffender Wille, mein Schicksal. Oder, dass ich's euch
redlicher sage: solches Schicksal gerade - will mein Wille.
Alles Fhlende leidet an mir und ist in Gefngnissen: aber mein Wollen kommt mir
stets als mein Befreier und Freudebringer.
Wollen befreit: das ist die wahre Lehre von Wille und Freiheit - so lehrt sie
euch Zarathustra.
Nicht-mehr-wollen und Nicht-mehr-schtzen und Nicht-mehr-schaffen! ach, dass
diese grosse Mdigkeit mir stets ferne bleibe!
Auch im Erkennen fhle ich nur meines Willens Zeuge- und Werde-Lust; und wenn
Unschuld in meiner Erkenntniss ist, so geschieht diess, weil Wille zur Zeugung
in ihr ist.
Hinweg von Gott und Gttem lockte mich dieser Wille; was wre denn zu schaffen,
wenn Gtter - da wren!
Aber zum Menschen treibt er mich stets von Neuem, mein inbrnstiger
Schaffens-Wille; so treibt's den Hammer hin zum Steine.
Ach, ihr Menschen, im Steine schlft mir ein Bild, das Bild meiner Bilder! Ach,
dass es im hrtesten, hsslichsten Steine schlafen muss!
Nun wthet mein Hammer grausam gegen sein Gefngniss. Vom Steine stuben Stcke:
was schiert mich das?
Vollenden will ich's: denn ein Schatten kam zu mir - aller Dinge Stillstes und
Leichtestes kam einst zu mir!
Des bermenschen Schnheit kam zu mir als Schatten. Ach, meine Brder! Was gehen
mich noch - die Gtter an! -
Also sprach Zarathustra.

Von den Mitleidigen
Meine Freunde, es kam eine Spottrede zu eurem Freunde: "seht nur Zarathustra!
Wandelt er nicht unter uns wie unter Thieren?"
Aber so ist es besser geredet: "der Erkennende wandelt unter Menschen als unter
Thieren."
Der Mensch selber aber heisst dem Erkennenden: das Thier, das rothe Backen hat.
Wie geschah ihm das? Ist es nicht, weil er sich zu oft hat schmen mssen?
Oh meine Freunde! So spricht der Erkennende: Scham, Scham, Scham - das ist die
Geschichte des Menschen!
Und darum gebeut sich der Edle, nicht zu beschmen: Scham gebeut er sich vor
allem Leidenden.
Wahrlich, ich mag sie nicht, die Barmherzigen, die selig sind in ihrem
Mitleiden: zu sehr gebricht es ihnen an Scham.
Muss ich mitleidig sein, so will ich's doch nicht heissen; und wenn ich's bin,
dann gern aus der Ferne.
Gerne verhlle ich auch das Haupt und fliehe davon, bevor ich noch erkannt bin:
und also heisse ich euch thun, meine Freunde!
Mge mein Schicksal mir immer Leidlose, gleich euch, ber den Weg fhren, und
Solche, mit denen mir Hoffnung und Mahl und Honig gemein sein darf!
Wahrlich, ich that wohl Das und jenes an Leidenden: aber Besseres schien ich mir
stets zu thun, wenn ich lernte, mich besser freuen.
Seit es Menschen giebt, hat der Mensch sich zu wenig gefreut: Das allein, meine
Brder, ist unsre Erbsnde!
Und lernen wir besser uns freuen, so verlernen wir am besten, Andern wehe zu
thun und Wehes auszudenken.
Darum wasche ich mir die Hand, die dem Leidenden half, darum wische ich mir auch
noch die Seele ab.
Denn dass ich den Leidenden leidend sah, dessen schmte ich mich um seiner Scham
willen; und als ich ihm half, da vergieng ich mich hart an seinem Stolze.
Grosse Verbindlichkeiten machen nicht dankbar, sondern rachschtig; und wenn die
kleine Wohlthat nicht vergessen wird, so wird noch ein Nage-Wurm daraus.
"Seid sprde im Annehmen! Zeichnet aus damit, dass ihr annehmt!" - also rathe
ich Denen, die Nichts zu verschenken haben.
Ich aber bin ein Schenkender: gerne schenke ich, als Freund den Freunden. Fremde
aber und Arme mgen sich die Frucht selber von meinem Baume pflcken: so
beschmt es weniger.
Bettler aber sollte man ganz abschaffen! Wahrlich, man rgert sich ihnen zu
geben und, rgert sich ihnen nicht zu geben.
Und insgleichen die Snder und bsen Gewissen! Glaubt mir, meine Freunde:
Gewissensbisse erziehn zum Beissen.
Das Schlimmste aber sind die kleinen Gedanken. Wahrlich, besser noch bs gethan,
als klein gedacht!
Zwar ihr sagt: "die Lust an kleinen Bosheiten erspart uns manche grosse bse
That." Aber hier sollte man nicht sparen wollen.
Wie ein Geschwr ist die bse That: sie juckt und kratzt und bricht heraus, -
sie redet ehrlich.
"Siehe, ich bin Krankheit" - so redet die bse That; das ist ihre Ehrlichkeit.
Aber dem Pilze gleich ist der kleine Gedanke: er kriecht und duckt sich und will
nirgendswo sein - bis der ganze Leib morsch und welk ist vor kleinen Pilzen.
Dem aber, der vom Teufel besessen ist, sage ich diess Wort in's Ohr: "besser
noch, du ziehest deinen Teufel gross! Auch fr dich giebt es noch einen Weg der
Grsse!" -
Ach, meine Brder! Man weiss von Jedermann Etwas zu viel! Und Mancher wird uns
durchsichtig, aber desshalb knnen wir noch lange nicht durch ihn hindurch.
Es ist schwer, mit Menschen zu leben, weil Schweigen so schwer ist.
Und nicht gegen Den, der uns zuwider ist, sind wir am unbilligsten, sondern
gegen Den, welcher uns gar Nichts angeht.
Hast du aber einen leidenden Freund, so sei seinem Leiden eine Ruhesttte, doch
gleichsam ein hartes Bett, ein Feldbett: so wirst du ihm am besten ntzen.
Und thut dir ein Freund bles, so sprich: "ich vergebe dir, was du mir thatest;
dass du es aber dir thatest, - wie knnte ich das vergeben!"
Also redet alle grosse Liebe: die berwindet auch noch Vergebung und Mitleiden.
Man soll sein Herz festhalten; denn lsst man es gehn, wie bald geht Einem da
der Kopf durch!
Ach, wo in der Welt geschahen grssere Thorheiten, als bei den Mitleidigen? Und
was in der Welt stiftete mehr Leid, als die Thorheiten der Mitleidigen?
Wehe allen Liebenden, die nicht noch eine Hhe haben, welche ber ihrem
Mitleiden ist!
Also sprach der Teufel einst zu mir: "auch Gott hat seine Hlle: das ist seine
Liebe zu den Menschen."
Und jngst hrte ich ihn diess Wort sagen: "Gott ist todt; an seinem Mitleiden
mit den Menschen ist Gott gestorben." -
So seid mir gewarnt vordem Mitleiden: daher kommt noch den Menschen eine schwere
Wolke! Wahrlich, ich verstehe mich auf Wetterzeichen!
Merket aber auch diess Wort: alle grosse Liebe ist noch ber all ihrem
Mitleiden: denn sie will das Geliebte noch - schaffen!
"Mich selber bringe ich meiner Liebe dar, und meinen Nchsten gleich mir" - so
geht die Rede allen Schaffenden.
Alle Schaffenden aber sind hart. -
Also sprach Zarathustra.

Von den Priestern
Und einstmals gab Zarathustra seinen Jngern ein Zeichen und sprach diese Worte
zu ihnen:
"Hier sind Priester: und wenn es auch meine Feinde sind, geht mir still an
ihnen vorber und mit schlafendem Schwerte!
Auch unter ihnen sind Helden; Viele von ihnen litten zuviel -: so wollen sie
Andre leiden machen.
Bse Feinde sind sie: Nichts ist rachschtiger als ihre Demuth. Und leicht
besudelt sich Der, welcher sie angreift.
Aber mein Blut ist mit dem ihren verwandt; und ich will mein Blut auch noch in
dem ihren geehrt wissen." -
Und als sie vorber gegangen waren, fiel Zarathustra der Schmerz an; und nicht
lange hatte er mit seinem Schmerze gerungen, da hub er also an zu reden:
Es jammert mich dieser Priester. Sie gehen mir auch wider den Geschmack; aber
das ist mir das Geringste, seit ich unter Menschen bin.
Aber ich leide und litt mit ihnen: Gefangene sind es mir und Abgezeichnete. Der,
welchen sie Erlser nennen, schlug sie in Banden: -
In Banden falscher Werthe und Wahn-Worte! Ach dass Einer sie noch von ihrem
Erlser erlste!
Auf einem Eilande glaubten sie einst zu landen, als das Meer sie herumriss; aber
siehe, es war ein schlafendes Ungeheuer!
Falsche Werthe und Wahn-Worte: das sind die schlimmsten Ungeheuer fr
Sterbliche, - lange schlft und wartet in ihnen das Verhngniss.
Aber endlich kommt es und wacht und frisst und schlingt, was auf ihm sich Htten
baute.
Oh seht mir doch diese Htten an, die sich diese Priester bauten! Kirchen
heissen sie ihre sssduftenden Hhlen.
Oh ber diess verflschte Licht, diese versumpfte Luft! Hier, wo die Seele zu
ihrer Hhe hinauf - nicht fliegen darf!
Sondern also gebietet ihr Glaube: "auf den Knien die Treppe hinan, ihr
Snder!"
Wahrlich, lieber sehe ich noch den Schamlosen, als die verrenkten Augen ihrer
Scham und Andacht!
Wer schuf sich solche Hhlen und Buss-Treppen? Waren es nicht Solche, die sich
verbergen wollten und sich vor dem reinen Himmel schmten?
Und erst wenn der reine Himmel wieder durch zerbrochne Decken blickt, und hinab
auf Gras und rothen Mohn an zerbrochnen Mauern, - will ich den Sttten dieses
Gottes wieder mein Herz zuwenden.
Sie nannten Gott, was ihnen widersprach und wehe that: und wahrlich, es war viel
Helden-Art in ihrer Anbetung!
Und nicht anders wussten sie ihren Gott zu lieben, als indem sie den Menschen
an's Kreuz schlugen!
Als Leichname gedachten sie zu leben, schwarz schlugen sie ihren Leichnam aus;
auch aus ihren Reden rieche ich noch die ble Wrze von Todtenkammern.
Und wer ihnen nahe lebt, der lebt schwarzen Teichen nahe, aus denen heraus die
Unke ihr Lied mit sssem Tiefsinne singt.
Bessere Lieder mssten sie mir singen, dass ich an ihren Erlser glauben lerne:
erlster mssten mir seine jnger aussehen!
Nackt mchte ich sie sehn: denn allein die Schnheit sollte Busse predigen. Aber
wen berredet wohl diese vermummte Trbsal!
Wahrlich, ihre Erlser selber kamen nicht aus der Freiheit und der Freiheit
siebentem Himmel! Wahrlich, sie selber wandelten niemals auf den Teppichen der
Erkenntniss!
Aus Lcken bestand der Geist dieser Erlser; aber in jede Lcke hatten sie ihren
Wahn gestellt, ihren Lckenbsser, den sie Gott nannten.
In ihrem Mitleiden war ihr Geist ertrunken, und wenn sie schwollen und
berschwollen von Mitleiden, schwamm immer obenauf eine grosse Thorheit.
Eifrig trieben sie und mit Geschrei ihre Heerde ber ihren Steg: wie als ob es
zur Zukunft nur Einen Steg gbe! Wahrlich, auch diese Hirten gehrten noch zu
den Schafen!
Kleine Geister und umfngliche Seelen hatten diese Hirten: aber, meine Brder,
was fr kleine Lnder waren bisher auch die umfnglichsten Seelen!
Blutzeichen schrieben sie auf den Weg, den sie giengen, und ihre Thorheit
lehrte, dass man mit Blut die Wahrheit beweise.
Aber Blut ist der schlechteste Zeuge der Wahrheit; Blut vergiftet die reinste
Lehre noch zu Wahn und Hass der Herzen.
Und wenn Einer durch's Feuer geht fr seine Lehre, - was beweist diess! Mehr
ist's wahrlich, dass aus eignem Brande die eigne Lehre kommt!
Schwles Herz und kalter Kopf: wo diess zusammentrifft, da entsteht der
Brausewind, der "Erlser".
Grssere gab es wahrlich und Hher-Geborene, als Die, welche das Volk Erlser
nennt, diese hinreissenden Brausewinde!
Und noch von Grsseren, als alle Erlser waren, msst ihr, meine Brder, erlst
werden, wollt ihr zur Freiheit den Weg finden!
Niemals noch gab es einen bermenschen. Nackt sah ich Beide, den grssten und
den kleinsten Menschen: -
Allzuhnlich sind sie noch einander. Wahrlich, auch den Grssten fand ich -
allzumenschlich!
Also sprach Zarathustra.

Von den Tugendhaften
Mit Donnern und himmlischen Feuerwerken muss man zu schlaffen und schlafenden
Sinnen reden.
Aber der Schnheit Stimme redet leise: sie schleicht sich nur in die
aufgewecktesten Seelen.
Leise erbebte und lachte mir heut mein Schild; das ist der Schnheit heiliges
Lachen und Beben.
ber euch, ihr Tugendhaften, lachte heut meine Schnheit. Und also kam ihre
Stimme zu mir: "sie wollen noch - bezahlt sein!"
Ihr wollt noch bezahlt sein, ihr Tugendhaften! Wollt Lohn fr Tugend und Himmel
fr Erden und Ewiges fr euer Heute haben?
Und nun zrnt ihr mir, dass ich lehre, es giebt keinen Lohn- und Zahlmeister?
Und wahrlich, ich lehre nicht einmal, dass Tugend ihr eigener Lohn ist.
Ach, das ist meine Trauer: in den Grund der Dinge hat man Lohn und Strafe
hineingelogen - und nun auch noch in den Grund eurer Seelen, ihr Tugendhaften!
Aber dem Rssel des Ebers gleich soll mein Wort den Grund eurer Seelen
aufreissen; Pflugschar will ich euch heissen.
Alle Heimlichkeiten eures Grundes sollen an's Licht; und wenn ihr aufgewhlt und
zerbrochen in der Sonne liegt, wird auch eure Lge von eurer Wahrheit
ausgeschieden sein.
Denn diess ist eure Wahrheit: ihr seid zu reinlich fr den Schmutz der Worte:
Rache, Strafe, Lohn, Vergeltung.
Ihr liebt eure Tugend, wie die Mutter ihr Kind; aber wann hrte man, dass eine
Mutter bezahlt sein wollte fr ihre Liebe?
Es ist euer liebstes Selbst, eure Tugend. Des Ringes Durst ist in euch: sich
selber wieder zu erreichen, dazu ringt und dreht sich jeder Ring.
Und dem Sterne gleich, der erlischt, ist jedes Werk eurer Tugend: immer ist sein
Licht noch unterwegs und wandert - und wann wird es nicht mehr unterwegs sein?
Also ist das Licht eurer Tugend noch unterwegs, auch wenn das Werk gethan ist.
Mag es nun vergessen und todt sein: sein Strahl von Licht lebt noch und wandert.
Dass eure Tugend euer Selbst sei und nicht ein Fremdes, eine Haut, eine
Bemntelung: das ist die Wahrheit aus dem Grunde eurer Seele, ihr Tugendhaften!
-
Aber wohl giebt es Solche, denen Tugend der Krampf unter einer Peitsche heisst:
und ihr habt mir zuviel auf deren Geschrei gehrt!
Und Andre giebt es, die heissen Tugend das Faulwerden ihrer Laster; und wenn ihr
Hass und ihre Eifersucht einmal die Glieder strecken, wird ihre
"Gerechtigkeit" munter und reibt sich die verschlafenen Augen.
Und Andre giebt es, die werden abwrts gezogen: ihre Teufel ziehn sie. Aber je
mehr sie sinken, um so glhender leuchtet ihr Auge und die Begierde nach ihrem
Gotte.
Ach, auch deren Geschrei drang zu euren Ohren, ihr Tugendhaften: was ich nicht
bin, das, das ist mir Gott und Tugend!'
Und Andre giebt es, die kommen schwer und knarrend daher, gleich Wgen, die
Steine abwrts fahren: die reden viel von Wrde und Tugend, - ihren Hemmschuh
heissen sie Tugend!
Und Andre giebt es, die sind gleich Alltags-Uhren, die aufgezogen wurden; sie
machen ihr Tiktak und wollen, dass man Tiktak - Tugend heisse.
Wahrlich, an Diesen habe ich meine Lust: wo ich solche Uhren finde, werde ich
sie mit meinem Spotte aufziehn; und sie sollen mir dabei noch schnurren!
Und Andre sind stolz ber ihre Handvoll Gerechtigkeit und begehen um ihrerwillen
Frevel an allen Dingen: also dass die Welt in ihrer Ungerechtigkeit ertrnkt
wird.
Ach, wie bel ihnen das Wort "Tugend" aus dem Munde luft! Und wenn sie sagen:
"ich bin gerecht," so klingt es immer gleich wie: "ich bin gercht!"
Mit ihrer Tugend wollen sie ihren Feinden die Augen auskratzen; und sie erheben
sich nur, um Andre zu erniedrigen.
Und wiederum giebt es Solche, die sitzen in ihrem Sumpfe und reden also heraus
aus dem Schilfrohr: "Tugend - das ist still im Sumpfe sitzen.
Wir beissen Niemanden und gehen Dem aus dem Wege, der beissen will; und in Allem
haben wir die Meinung, die man uns giebt."
Und wiederum giebt es Solche, die lieben Gebrden und denken: Tugend ist eine
Art Gebrde.
Ihre Kniee beten immer an, und ihre Hnde sind Lobpreisungen der Tugend, aber
ihr Herz weiss Nichts davon.
Und wiederum giebt es Solche, die halten es fr Tugend, zu sagen: "Tugend ist
nothwendig"; aber sie glauben im Grunde nur daran, dass Polizei nothwendig ist.
Und Mancher, der das Hohe an den Menschen nicht sehen kann, nennt es Tugend,
dass er ihr Niedriges allzunahe sieht: also heisst er seinen bsen Blick Tugend.
Und Einige wollen erbaut und aufgerichtet sein und heissen es Tugend; und Andre
wollen umgeworfen sein - und heissen es auch Tugend.
Und derart glauben fast Alle daran, Antheil zu haben an der Tugend; und zum
Mindesten will ein jeder Kenner sein ber "gut" und "bse".
Aber nicht dazu kam Zarathustra, allen diesen Lgnern und Narren zu sagen: "was
wisst ihr von Tugend! Was knntet ihr von Tugend wissen!" -
Sondern, dass ihr, meine Freunde, der alten Worte mde wrdet, welche ihr von
den Narren und Lgnern gelernt habt:
Mde wrdet der Worte "Lohn," "Vergeltung," "Strafe," "Rache in der
Gerechtigkeit" -
Mde wrdet zu sagen: "dass eine Handlung gut ist, das macht, sie ist
selbstlos."
Ach, meine Freunde! Dass euer Selbst in der Handlung sei, wie die Mutter im
Kinde ist: das sei mir euer Wort von Tugend!
Wahrlich, ich nahm euch wohl hundert Worte und eurer Tugend liebste Spielwerke;
und nun zrnt ihr mir, wie Kinder zrnen.
Sie spielten am Meere, - da kam die Welle und riss ihnen ihr Spielwerk in die
Tiefe: nun weinen sie.
Aber die selbe Welle soll ihnen neue Spielwerke bringen und neue bunte Muscheln
vor sie hin ausschtten!
So werden sie getrstet sein; und gleich ihnen sollt auch ihr, meine Freunde,
eure Trstungen haben - und neue bunte Muscheln! -
Also sprach Zarathustra.

Vom Gesindel
Das Leben ist ein Born der Lust; aber wo das Gesindel mit trinkt, da sind alle
Brunnen vergiftet.
Allem Reinlichen bin ich hold; aber ich mag die grinsenden Muler nicht sehn und
den Durst der Unreinen.
Sie warfen ihr Auge hinab in den Brunnen: nun glnzt mir ihr widriges Lcheln
herauf aus dem Brunnen.
Das heilige Wasser haben sie vergiftet mit ihrer Lsternheit; und als sie ihre
schmutzigen Trume Lust nannten, vergifteten sie auch noch die Worte.
Unwillig wird die Flamme, wenn sie ihre feuchten Herzen an's Feuer legen; der
Geist selber brodelt und raucht, wo das Gesindel an's Feuer tritt.
Ssslich und bermrbe wird in ihrer Hand die Frucht: windfllig und wipfeldrr
macht ihr Blick den Fruchtbaum.
Und Mancher, der sich vom Leben abkehrte, kehrte sich nur vom Gesindel ab: er
wollte nicht Brunnen und Flamme und Frucht mit dem Gesindel theilen.
Und Mancher, der in die Wste gieng und mit Raubthieren Durst litt, wollte nur
nicht mit schmutzigen Kameeltreibern um die Cisterne sitzen.
Und Mancher, der wie ein Vernichter daher kam und wie ein Hagelschlag allen
Fruchtfeldern, wollte nur seinen Fuss dem Gesindel in den Rachen setzen und also
seinen Schlund stopfen.
Und nicht das ist der Bissen, an dem ich am meisten wrgte, zu wissen, dass das
Leben selber Feindschaft nthig hat und Sterben und Marterkreuze: -
Sondern ich fragte einst und erstickte fast an meiner Frage: wie? hat das Leben
auch das Gesindel nthig?
Sind vergiftete Brunnen nthig und stinkende Feuer und beschmutzte Trume und
Maden im Lebensbrode?
Nicht mein Hass, sondern mein Ekel frass mir hungrig am Leben! Ach, des Geistes
wurde ich oft mde, als ich auch das Gesindel geistreich fand!
Und den Herrschenden wandt'ich den Rcken, als ich sah, was sie jetzt Herrschen
nennen: schachern und markten um Macht - mit dem Gesindel!
Unter Vlkern wohnte ich fremder Zunge, mit verschlossenen Ohren: dass mir ihres
Schacherns Zunge fremd bliebe und ihr Markten um Macht.
Und die Nase mir haltend, gieng ich unmuthig durch alles Gestern und Heute:
wahrlich, bel riecht alles Gestern und Heute nach dem schreibenden Gesindel!
Einem Krppel gleich, der taub und blind und stumm wurde: also lebte ich lange,
dass ich nicht mit Macht- und Schreib- und Lust-Gesindel lebte.
Mhsam stieg mein Geist Treppen, und vorsichtig; Almosen der Lust waren sein
Labsal; am Stabe schlich dem Blinden das Leben.
Was geschah mir doch? Wie erlste ich mich vom Ekel? Wer verjngte mein Auge?
Wie erflog ich die Hhe, wo kein Gesindel mehr am Brunnen sitzt?
Schuf mein Ekel selber mir Flgel und quellenahnende Krfte? Wahrlich, in's
Hchste musste ich fliegen, dass ich den Born der Lust wiederfnde!
Oh, ich fand ihn, meine Brder! Hier im Hchsten quillt mir der Born der Lust!
Und es giebt ein Leben, an dem kein Gesindel mit trinkt!
Fast zu heftig strmst du mir, Quell der Lust! Und oft leerst du den Becher
wieder, dadurch dass du ihn fllen willst!
Und noch muss ich lernen, bescheidener dir zu nahen: allzuheftig strmt dir noch
mein Herz entgegen: -
Mein Herz, auf dem mein Sommer brennt, der kurze, heisse, schwermthige,
berselige: wie verlangt mein Sommer-Herz nach deiner Khle!
Vorbei die zgernde Trbsal meines Frhlings! Vorber die Bosheit meiner
Schneeflocken im Juni! Sommer wurde ich ganz und Sommer-Mittag!
Ein Sommer im Hchsten mit kalten Quellen und seliger Stille: oh kommt, meine
Freunde, dass die Stille noch seliger werde! Denn diess ist unsre Hhe und unsre
Heimat: zu hoch und steil wohnen wir hier allen Unreinen und ihrem Durste. Werft
nur eure reinen Augen in den Born meiner Lust, ihr Freunde! Wie sollte er darob
trbe werden! Entgegenlachen soll er euch mit seiner Reinheit.
Auf dem Baume Zukunft bauen wir unser Nest; Adler sollen uns Einsamen Speise
bringen in ihren Schnbeln!
Wahrlich, keine Speise, an der Unsaubere mitessen drften! Feuer wrden sie zu
fressen whnen und sich die Muler verbrennen!
Wahrlich, keine Heimsttten halten wir hier bereit fr Unsaubere! Eishhle wrde
ihren Leibern unser Glck heissen und ihren Geistern!
Und wie starke Winde wollen wir ber ihnen leben, Nachbarn den Adlern, Nachbarn
dem Schnee, Nachbarn der Sonne: also leben starke Winde.
Und einem Winde gleich will ich einst noch zwischen sie blasen und mit meinem
Geiste ihrem Geiste den Athem nehmen: so will es meine Zukunft.
Wahrlich, ein starker Wind ist Zarathustra allen Niederungen; und solchen Rath
rth er seinen Feinden und Allem, was spuckt und speit: htet euch gegen den
Wind zu speien!"
Also sprach Zarathustra.

Von den Taranteln
Siehe, das ist der Tarantel Hhle! Willst du sie selber sehn? Hier hngt ihr
Netz: rhre daran, dass es erzittert.
Da kommt sie willig: willkommen, Tarantel! Schwarz sitzt auf deinem Rcken dein
Dreieck und Wahrzeichen; und ich weiss auch, was in deiner Seele sitzt.
Rache sitzt in deiner Seele: wohin du beissest, da wchst schwarzer Schorf; mit
Rache macht dein Gift die Seele drehend!
Also rede ich zu euch im Gleichniss, die ihr die Seelen drehend macht, ihr
Prediger der Gleichheit! Taranteln seid ihr mir und versteckte Rachschtige!
Aber ich will eure Verstecke schon an's Licht bringen: darum lache ich euch in's
Antlitz mein Gelchter der Hhe.
Darum reisse ich an eurem Netze, dass eure Wuth euch aus eurer Lgen-Hhle
locke, und eure Rache hervorspringe hinter eurem Wort "Gerechtigkeit."
Denn dass der Mensch erlst werde von der Rache: das ist mir die Brcke zur
hchsten Hoffnung und ein Regenbogen nach langen Unwettern.
Aber anders wollen es freilich die Taranteln. "Das gerade heisse uns
Gerechtigkeit, dass die Welt voll werde von den Unwettern unsrer Rache" - also
reden sie mit einander.
"Rache wollen wir ben und Beschimpfung an Allen, die uns nicht gleich sind" -
so geloben sich die Tarantel-Herzen.
Und "Wille zur Gleichheit" - das selber soll frderhin der Name fr Tugend
werden; und gegen Alles, was Macht hat, wollen wir unser Geschrei erheben!"
Ihr Prediger der Gleichheit, der Tyrannen-Wahnsinn der Ohnmacht schreit also aus
euch nach "Gleichheit": eure heimlichsten Tyrannen-Gelste vermummen sich also
in Tugend-Worte!
Vergrmter Dnkel, verhaltener Neid, vielleicht eurer Vter Dnkel und Neid: aus
euch bricht's als Flamme heraus und Wahnsinn der Rache.
Was der Vater schwieg, das kommt im Sohne zum Reden; und oft fand ich den Sohn
als des Vaters entblsstes Geheimniss.
Den Begeisterten gleichen sie: aber nicht das Herz ist es, was sie begeistert, -
sondern die Rache. Und wenn sie fein und kalt werden, ist's nicht der Geist,
sondern der Neid, der sie fein und kalt macht.
Ihre Eifersucht fhrt sie auch auf der Denker Pfade; und diess ist das Merkmal
ihrer Eifersucht - immer gehn sie zu weit: dass ihre Mdigkeit sich zuletzt noch
auf Schnee schlafen legen muss.
Aus jeder ihrer Klagen tnt Rache, in jedem ihrer Lobsprche ist ein Wehethun;
und Richter-sein scheint ihnen Seligkeit.
Also aber rathe ich euch, meine Freunde: misstraut Allen, in welchen der Trieb,
zu strafen, mchtig ist!
Das ist Volk schlechter Art und Abkunft; aus ihren Gesichtern blickt der Henker
und der Sprhund.
Misstraut allen Denen, die viel von ihrer Gerechtigkeit reden! Wahrlich, ihren
Seelen fehlt es nicht nur an Honig.
Und wenn sie sich selber "die Guten und Gerechten" nennen, so vergesst nicht,
dass ihnen zum Phariser Nichts fehlt als - Macht!
Meine Freunde, ich will nicht vermischt und verwechselt werden.
Es giebt Solche, die predigen meine Lehre vom Leben: und zugleich sind sie
Prediger der Gleichheit und Taranteln.
Dass sie dem Leben zu Willen reden, ob sie gleich in ihrer Hhle sitzen, diese
Gift-Spinnen, und abgekehrt vom Leben: das macht, sie wollen damit wehethun.
Solchen wollen sie damit wehethun, die jetzt die Macht haben: denn bei diesen
ist noch die Predigt vom Tode am besten zu Hause.
Wre es anders, so wrden die Taranteln anders lehren: und gerade sie waren
ehemals die besten Welt-Verleumder und Ketzer-Brenner.
Mit diesen Predigern der Gleichheit will ich nicht vermischt und verwechselt
sein. Denn so redet mir die Gerechtigkeit: "die Menschen sind nicht gleich."
Und sie sollen es auch nicht werden! Was wre denn meine Liebe zum bermenschen,
wenn ich anders sprche?
Auf tausend Brcken und Stegen sollen sie sich drngen zur Zukunft, und immer
mehr Krieg und Ungleichheit soll zwischen sie gesetzt sein: so lsst mich meine
grosse Liebe reden!
Erfinder von Bildern und Gespenstern sollen sie werden in ihren Feindschaften,
und mit ihren Bildern und Gespenstern sollen sie noch gegeneinander den hchsten
Kampf kmpfen!
Gut und Bse, und Reich und Arm, und Hoch und Gering, und alle Namen der Werthe:
Waffen sollen es sein und klirrende Merkmale davon, dass das Leben sich immer
wieder selber berwinden muss!
In die Hhe will es sich bauen mit Pfeilern und Stufen, das Leben selber: in
weite Fernen will es blicken und hinaus nach seligen Schnheiten, - darum
braucht es Hhe!
Und weil es Hhe braucht, braucht es Stufen und Widerspruch der Stufen und
Steigenden! Steigen will das Leben und steigend sich berwinden.
Und seht mir doch, meine Freunde! Hier, wo der Tarantel Hhle ist, heben sich
eines alten Tempels Trmmer aufwrts, - seht mir doch mit erleuchteten Augen
hin!
Wahrlich, wer hier einst seine Gedanken in Stein nach Oben thrmte, um das
Geheimniss alles Lebens wusste er gleich dem Weisesten!
Dass Kampf und Ungleiches auch noch in der Schnheit sei und Krieg um Macht und
bermacht: das lehrt er uns hier im deutlichsten Gleichniss.
Wie sich gttlich hier Gewlbe und Bogen brechen, im Ringkampfe: wie mit Licht
und Schatten sie wider einander streben, die gttlich-Strebenden -
Also sicher und schn lasst uns auch Feinde sein, meine Freunde! Gttlich wollen
wir wider einander streben! -
Wehe! Da biss mich selber die Tarantel, meine alte Feindin! Gttlich sicher und
schn biss sie mich in den Finger!
"Strafe muss sein und Gerechtigkeit - so denkt sie: nicht umsonst soll er hier
der Feindschaft zu Ehren Lieder singen!"
Ja, sie hat sich gercht! Und wehe! nun wird sie mit Rache auch noch meine Seele
drehend machen!
Dass ich mich aber nicht drehe, meine Freunde, bindet mich fest hier an diese
Sule! Lieber noch Sulen-Heiliger will ich sein, als Wirbel der Rachsucht!
Wahrlich, kein Dreh- und Wirbelwind ist Zarathustra; und wenn er ein Tnzer ist,
nimmermehr doch ein Tarantel-Tnzer! -
Also sprach Zarathustra.

Von den berhmten Weisen
Dem Volke habt ihr gedient und des Volkes Aberglauben, ihr berhmten Weisen
alle! - und nicht der Wahrheit! Und gerade darum zollte man euch Ehrfurcht.
Und darum auch ertrug man euren Unglauben, weil er ein Witz und Umweg war zum
Volke. So lsst der Herr seine Sclaven gewhren und ergtzt sich noch an ihrem
bermuthe.
Aber wer dem Volke verhasst ist wie ein Wolf den Hunden: das ist der freie
Geist, der Fessel-Feind, der Nicht-Anbeter, der in Wldern Hausende.
Ihn zu jagen aus seinem Schlupfe - das hiess immer dem Volke "Sinn fr das
Rechte": gegen ihn hetzt es noch immer seine scharfzahnigsten Hunde.
"Denn die Wahrheit ist da: ist das Volk doch da! Wehe, wehe den Suchenden!" -
also scholl es von jeher.
Eurem Volke wolltet ihr Recht schaffen in seiner Verehrung: das hiesset ihr
"Wille zur Wahrheit," ihr berhmten Weisen!
Und euer Herz sprach immer zu sich: "vom Volke kam ich: von dort her kam mir
auch Gottes Stimme."
Hart-nackig und klug, dem Esel gleich, wart ihr immer als des Volkes
Frsprecher.
Und mancher Mchtige, der gut fahren wollte mit dem Volke, spannte vor seine
Rosse noch - ein Eselein, einen berhmten Weisen.
Und nun wollte ich, ihr berhmten Weisen, ihr wrfet endlich das Fell des Lwen
ganz von euch!
Das Fell des Raubthiers, das buntgefleckte, und die Zotten des Forschenden,
Suchenden, Erobernden!
Ach, dass ich an eure "Wahrhaftigkeit" glauben lerne, dazu msstet ihr mir
erst euren verehrenden Willen zerbrechen.
Wahrhaftig - so heisse ich Den, der in gtterlose Wsten geht und sein
verehrendes Herz zerbrochen hat.
Im gelben Sande und verbrannt von der Sonne schielt er wohl durstig nach den
quellenreichen Eilanden, wo Lebendiges unter dunkeln Bumen ruht.
Aber sein Durst berredet ihn nicht, diesen Behaglichen gleich zu werden: denn
wo Oasen sind, da sind auch Gtzenbilder.
Hungernd, gewaltthtig, einsam, gottlos: so will sich selber der Lwen-Wille.
Frei von dem Glck der Knechte, erlst von Gttern und Anbetungen, furchtlos und
frchterlich, gross und einsam: so ist der Wille des Wahrhaftigen.
In der Wste wohnten von je die Wahrhaftigen, die freien Geister, als der Wste
Herren; aber in den Stdten wohnen die gutgeftterten, berhmten Weisen, - die
Zugthiere.
Immer nmlich ziehen sie, als Esel - des Volkes Karren!
Nicht dass ich ihnen darob zrne: aber Dienende bleiben sie mir und
Angeschirrte, auch wenn sie von goldnem Geschirre glnzen.
Und oft waren sie gute Diener und preiswrdige. Denn so spricht die Tugend:
musst du Diener sein, so suche Den, welchem dein Dienst am besten ntzt!
"Der Geist und die Tugend deines Herrn sollen wachsen, dadurch dass du sein
Diener bist: so wchsest du selber mit seinem Geiste und seiner Tugend!"
Und wahrlich, ihr berhmten Weisen, ihr Diener des Volkes! Ihr selber wuchset
mit des Volkes Geist und Tugend - und das Volk durch euch! Zu euren Ehren sage
ich das!
Aber Volk bleibt ihr mir auch noch in euren Tugenden, Volk mit blden Augen, -
Volk, das nicht weiss, was Geist ist!
Geist ist das Leben, das selber in's Leben schneidet: an der eignen Qual mehrt
es sich das eigne Wissen, - wusstet ihr das schon?
Und des Geistes Glck ist diess: gesalbt zu sein und durch Thrnen geweiht zum
Opferthier, - wusstet ihr das schon?
Und die Blindheit des Blinden und sein Suchen und Tappen soll noch von der Macht
der Sonne zeugen, in die er schaute, - wusstet ihr das schon?
Und mit Bergen soll der Erkennende bauen lernen! Wenig ist es, dass der Geist
Berge versetzt, - wusstet ihr das schon?
Ihr kennt nur des Geistes Funken: aber ihr seht den Ambos nicht, der er ist, und
nicht die Grausamkeit seines Hammers!
Wahrlich, ihr kennt des Geistes Stolz nicht! Aber noch weniger wrdet ihr des
Geistes Bescheidenheit ertragen, wenn sie einmal reden wollte!
Und niemals noch durftet ihr euren Geist in eine Grube von Schnee werfen: ihr
seid nicht heiss genug dazu! So kennt ihr auch die Entzckungen seiner Klte
nicht.
In Allem aber thut ihr mir zu vertraulich mit dem Geiste; und aus der Weisheit
machtet ihr oft ein Armen- und Krankenhaus fr schlechte Dichter.
Ihr seid keine Adler: so erfuhrt ihr auch das Glck im Schrekken des Geistes
nicht. Und wer kein Vogel ist, soll sich nicht ber Abgrnden lagern.
Ihr seid mir Laue: aber kalt strmt jede tiefe Erkenntniss. Eiskalt sind die
innersten Brunnen des Geistes: ein Labsal heissen Hnden und Handelnden.
Ehrbar steht ihr mir da und steif und mit geradem Rcken, ihr berhmten Weisen!
- euch treibt kein starker Wind und Wille.
Saht ihr nie ein Segel ber das Meer gehn, gerndet und geblht und zitternd vor
dem Ungestm des Windes?
Dem Segel gleich, zitternd vor dem Ungestm des Geistes, geht meine Weisheit
ber das Meer - meine wilde Weisheit!
Aber ihr Diener des Volkes, ihr berhmten Weisen, - wie knntet ihr mit mir
gehn! -
Also sprach Zarathustra.

Das Nachtlied
Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen. Und auch meine Seele
ist ein springender Brunnen.
Nacht ist es: nun erst erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch meine Seele
ist das Lied eines Liebenden.
Ein Ungestilltes, Unstillbares ist in mir; das will laut werden. Eine Begierde
nach Liebe ist in mir, die redet selber die Sprache der Liebe.
Licht bin ich: ach, dass ich Nacht wre! Aber diess ist meine Einsamkeit, dass
ich von Licht umgrtet bin.
Ach, dass ich dunkel wre und nchtig! Wie wollte ich an den Brsten des Lichts
saugen!
Und euch selber wollte ich noch segnen, ihr kleinen Funkelsterne und
Leuchtwrmer droben! - und selig sein ob eurer Licht-Geschenke.
Aber ich lebe in meinem eignen Lichte, ich trinke die Flammen in mich zurck,
die aus mir brechen.
Ich kenne das Glck des Nehmenden nicht; und oft trumte mir davon, dass Stehlen
noch seliger sein msse, als Nehmen.
Das ist meine Armuth, dass meine Hand niemals ausruht vom Schenken; das ist mein
Neid, dass ich wartende Augen sehe und die erhellten Nchte der Sehnsucht.
Oh Unseligkeit aller Schenkenden! Oh Verfinsterung meiner Sonne! Oh Begierde
nach Begehren! Oh Heisshunger in der Sttigung!
Sie nehmen von mir: aber rhre ich noch an ihre Seele? Eine Kluft ist zwischen
Geben und Nehmen; und die kleinste Kluft ist am letzten zu berbrcken.
Ein Hunger wchst aus meiner Schnheit: wehethun mchte ich Denen, welchen ich
leuchte, berauben mchte ich meine Beschenkten: - also hungere ich nach Bosheit.
Die Hand zurckziehend, wenn sich schon ihr die Hand entgegenstreckt; dem
Wasserflle gleich zgernd, der noch im Sturze zgert: - also hungere ich nach
Bosheit.
Solche Rache sinnt meine Flle aus; solche Tcke quillt aus meiner Einsamkeit.
Mein Glck im Schenken erstarb im Schenken, meine Tugend wurde ihrer selber mde
an ihrem berflusse!
Wer immer schenkt, dessen Gefahr ist, dass er die Scham verliere; wer immer
austheilt, dessen Hand und Herz hat Schwielen vor lauter Austheilen.
Mein Auge quillt nicht mehr ber vor der Scham der Bittenden; meine Hand wurde
zu hart fr das Zittern gefllter Hnde.
Wohin kam die Thrne meinem Auge und der Flaum meinem Herzen? Oh Einsamkeit
aller Schenkenden! Oh Schweigsamkeit aller Leuchtenden!
Viel Sonnen kreisen im den Rume: zu Allem, was dunkel ist, reden sie mit ihrem
Lichte, - mir schweigen sie.
Oh diess ist die Feindschaft des Lichts gegen Leuchtendes, erbarmungslos wandelt
es seine Bahnen.
Unbillig gegen Leuchtendes im tiefsten Herzen: kalt gegen Sonnen, - also wandelt
jede Sonne.
Einem Sturme gleich fliegen die Sonnen ihre Bahnen, das ist ihr Wandeln. Ihrem
unerbittlichen Willen folgen sie, das ist ihre Klte.
Oh, ihr erst seid es, ihr Dunklen, ihr Nchtigen, die ihr Wrme schafft aus
Leuchtendem! Oh, ihr erst trinkt euch Milch und Labsal aus des Lichtes Eutern!
Ach, Eis ist um mich, meine Hand verbrennt sich an Eisigem! Ach, Durst ist in
mir, der schmachtet nach eurem Durste!
Nacht ist es: ach dass ich Licht sein muss! Und Durst nach Nchtigem! Und
Einsamkeit!
Nacht ist es: nun bricht wie ein Born aus mir mein Verlangen, - nach Rede
verlangt mich.
Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen. Und auch meine Seele
ist ein springender Brunnen.
Nacht ist es: nun erst erwachen alle Lieder der Liebenden. Und auch meine Seele
ist das Lied eines Liebenden. -
Also sang Zarathustra.

Das Tanzlied
Eines Abends gieng Zarathustra mit seinen Jngern durch den Wald; und als er
nach einem Brunnen suchte, siehe, da kam er auf eine grne Wiese, die von Bumen
und Gebsch still umstanden war: auf der tanzten Mdchen mit einander. Sobald
die Mdchen Zarathustra erkannten, liessen sie vom Tanze ab; Zarathustra aber
trat mit freundlicher Gebrde zu ihnen und sprach diese Worte:
"Lasst vom Tanze nicht ab, ihr lieblichen Mdchen! Kein Spielverderber kam zu
euch mit bsem Blick, kein Mdchen-Feind.
Gottes Frsprecher bin ich vor dem Teufel: der aber ist der Geist der Schwere.
Wie sollte ich, ihr Leichten, gttlichen Tnzen feind sein? Oder Mdchen-Fssen
mit schnen Kncheln?
Wohl bin ich ein Wald und eine Nacht dunkler Bume: doch wer sich vor meinem
Dunkel nicht scheut, der findet auch Rosenhnge unter meinen Cypressen.
Und auch den kleinen Gott findet er wohl, der den Mdchen der liebste ist: neben
dem Brunnen liegt er, still, mit geschlossenen Augen.
Wahrlich, am hellen Tage schlief er mir ein, der Tagedieb! Haschte er wohl zu
viel nach Schmetterlingen?
Zrnt mir nicht, ihr schnen Tanzenden, wenn ich den kleinen Gott ein Wenig
zchtige! Schreien wird er wohl und weinen, - aber zum Lachen ist er noch im
Weinen!
Und mit Thrnen im Auge soll er euch um einen Tanz bitten; und ich selber will
ein Lied zu seinem Tanze singen:
Ein Tanz- und Spottlied auf den Geist der Schwere, meinen allerhchsten
grossmchtigsten Teufel, von dem sie sagen, dass er "der Herr der Welt" sei."
-
Und diess ist das Lied, welches Zarathustra sang, als Cupido und die Mdchen
zusammen tanzten.
In dein Auge schaute ich jngst, oh Leben! Und in's Unergrndliche schien ich
mir da zu sinken.
Aber du zogst mich mit goldner Angel heraus; spttisch lachtest du, als ich dich
unergrndlich nannte.
"So geht die Rede aller Fische, sprachst du; was sie nicht ergrnden, ist
unergrndlich.
"Aber vernderlich bin ich nur und wild und in Allem ein Weib, und kein
tugendhaftes:
"Ob ich schon euch Mnnern "die Tiefe" heisse oder "die Treue", "die
Ewige", "die Geheimnissvolle." -
"Doch ihr Mnner beschenkt uns stets mit den eignen Tugenden - ach, ihr
Tugendhaften!"
Also lachte sie, die Unglaubliche; aber ich glaube ihr niemals und ihrem Lachen,
wenn sie bs von sich selber spricht.
Und als ich unter vier Augen mit meiner wilden Weisheit redete, sagte sie mir
zornig: "Du willst, du begehrst, du liebst, darum allein lobst du das Leben!"
Fast htte ich da bs geantwortet und der Zornigen die Wahrheit gesagt; und man
kann nicht bser antworten, als wenn man seiner Weisheit "die Wahrheit sagt."
So nmlich steht es zwischen uns Dreien. Von Grund aus liebe ich nur das Leben -
und, wahrlich, am meisten dann, wenn ich es hasse!
Dass ich aber der Weisheit gut bin und oft zu gut: das macht, sie erinnert mich
gar sehr an das Leben!
Sie hat ihr Auge, ihr Lachen und sogar ihr goldnes Angelrthchen: was kann ich
dafr, dass die Beiden sich so hnlich sehen?
Und als mich einmal das Leben fragte: Wer ist denn das, die Weisheit? - da sagte
ich eifrig: "Ach ja! die Weisheit!
Man drstet um sie und wird nicht satt, man blickt durch Schleier, man hascht
durch Netze.
Ist sie schn? Was weiss ich! Aber die ltesten Karpfen werden noch mit ihr
gekdert.
Vernderlich ist sie und trotzig; oft sah ich sie sich die Lippe beissen und den
Kamm wider ihres Haares Strich fhren.
Vielleicht ist sie bse und falsch, und in Allem ein Frauenzimmer; aber wenn sie
von sich selber schlecht spricht, da gerade verfhrt sie am meisten."
Als ich diess zu dem Leben sagte, da lachte es boshaft und machte die Augen zu.
Von wem redest du doch? sagte sie, wohl von mir?
Und wenn du Recht httest, - sagt man das mir so in's Gesicht! Aber nun sprich
doch auch von deiner Weisheit!"
Ach, und nun machtest du wieder dein Auge auf, oh geliebtes Leben! Und in's
Unergrndliche schien ich mir wieder zu sinken. -
Also sang Zarathustra. Als aber der Tanz zu Ende und die Mdchen fortgegangen
waren, wurde er traurig.
"Die Sonne ist lange schon hinunter, sagte er endlich; die Wiese ist feucht,
von den Wldern her kommt Khle.
Ein Unbekanntes ist um mich und blickt nachdenklich. Was! Du lebst noch,
Zarathustra?
Warum? Wofr? Wodurch? Wohin? Wo? Wie? Ist es nicht Thorheit, noch zu leben? -
Ach, meine Freunde, der Abend ist es, der so aus mir fragt. Vergebt mir meine
Traurigkeit!
Abend ward es: vergebt mir, dass es Abend ward!"
Also sprach Zarathustra.

Das Grablied
"Dort ist die Grberinsel, die schweigsame; dort sind auch die Grber meiner
Jugend. Dahin will ich einen immergrnen Kranz des Lebens tragen."
Also im Herzen beschliessend fuhr ich ber das Meer. -
Oh ihr, meiner Jugend Gesichte und Erscheinungen! Oh, ihr Blicke der Liebe alle,
ihr gttlichen Augenblicke! Wie starbt ihr mir so schnell! Ich gedenke eurer
heute wie meiner Todten.
Von euch her, meinen liebsten Todten, kommt mir ein ssser Geruch, ein herz- und
thrnenlsender. Wahrlich, er erschttert und lst das Herz dem einsam
Schiffenden.
Immer noch bin ich der Reichste und Bestzubeneidende - ich der Einsamste! Denn
ich hatte euch doch, und ihr habt mich noch: sagt, wem fielen, wie mir, solche
Rosenpfel vom Baume?
Immer noch bin ich eurer Liebe Erbe und Erdreich, blhend zu eurem Gedchtnisse
von bunten wildwachsenen Tugenden, oh ihr Geliebtesten!
Ach, wir waren gemacht, einander nahe zu bleiben, ihr holden fremden Wunder; und
nicht schchternen Vgeln gleich kamt ihr zu mir und meiner Begierde - nein, als
Trauende zu dem Trauenden!
Ja, zur Treue gemacht, gleich mir, und zu zrtlichen Ewigkeiten: muss ich nun
euch nach eurer Untreue heissen, ihr gttlichen Blicke und Augenblicke: keinen
andern Namen lernte ich noch.
Wahrlich, zu schnell starbt ihr mir, ihr Flchtlinge. Doch floht ihr mich nicht,
noch floh ich euch: unschuldig sind wir einander in unsrer Untreue.
Mich zu tdten, erwrgte man euch, ihr Singvgel meiner Hoffnungen! Ja, nach
euch, ihr Liebsten, schoss immer die Bosheit Pfeile - mein Herz zu treffen!
Und sie traf! Wart ihr doch stets mein Herzlichstes, mein Besitz und mein
Besessen-sein: darum musstet ihr jung sterben und allzu frhe!
Nach dem Verwundbarsten, das ich besass, schoss man den Pfeil: das waret ihr,
denen die Haut einem Flaume gleich ist und mehr noch dem Lcheln, das an einem
Blick erstirbt!
Aber diess Wort will ich zu meinen Feinden reden: was ist alles Menschen-Morden
gegen Das, was ihr mir thatet!
Bseres thatet ihr mir, als aller Menschen-Mord ist; Unwiederbringliches nahmt
ihr mir: - also rede ich zu euch, meine Feinde!
Mordetet ihr doch meiner Jugend Gesichte und liebste Wunder! Meine Gespielen
nahmt ihr mir, die seligen Geister! Ihrem Gedchtnisse lege ich diesen Kranz und
diesen Fluch nieder.
Diesen Fluch gegen euch, meine Feinde! Machtet ihr doch mein Ewiges kurz, wie
ein Ton zerbricht in kalter Nacht! Kaum als Aufblinken gttlicher Augen kam es
mir nur, - als Augenblick!
Also sprach zur guten Stunde einst meine Reinheit: "gttlich sollen mir alle
Wesen sein."
Da berfielt ihr mich mit schmutzigen Gespenstern; ach, wohin floh nun jene gute
Stunde!
"Alle Tage sollen mir heilig sein" - so redete einst die Weisheit meiner
Jugend: wahrlich, einer frhlichen Weisheit Rede!
Aber da stahlt ihr Feinde mir meine Nchte und verkauftet sie zu schlafloser
Qual: ach, wohin floh nun jene frhliche Weisheit?
Einst begehrte ich nach glcklichen Vogelzeichen: da fhrtet ihr mir ein
Eulen-Unthier ber den Weg, ein widriges. Ach, wohin floh da meine zrtliche
Begierde?
Allem Ekel gelobte ich einst zu entsagen: da verwandeltet ihr meine Nahen und
Nchsten in Eiterbeulen. Ach, wohin floh da mein edelstes Gelbniss"
Als Blinder gieng ich einst selige Wege: da warft ihr Unflath auf den Weg des
Blinden: und nun ekelte ihn des alten Blinden-Fusssteigs.
Und als ich mein Schwerstes that und meiner berwindungen Sieg feierte: da
machtet ihr Die, welche mich liebten, schrein, ich thue ihnen am wehesten.
Wahrlich, das war immer euer Thun: ihr verglltet mir meinen besten Honig und
den Fleiss meiner besten Bienen.
Meiner Mildthtigkeit sandtet ihr immer die frechsten Bettler zu; um mein
Mitleiden drngtet ihr immer die unheilbar Schamlosen. So verwundetet ihr meine
Tugend in ihrem Glauben.
Und legte ich noch mein Heiligstes zum Opfer hin: flugs stellte eure
"Frmmigkeit" ihre fetteren Gaben dazu: also dass im Dampfe eures Fettes noch
mein Heiligstes erstickte.
Und einst wollte ich tanzen, wie nie ich noch tanzte: ber alle Himmel weg
wollte ich tanzen. Da berredetet ihr meinen liebsten Snger.
Und nun stimmte er eine schaurige dumpfe Weise an; ach, er tutete mir, wie ein
dsteres Horn, zu Ohren!
Mrderischer Snger, Werkzeug der Bosheit, Unschuldigster! Schon stand ich
bereit zum besten Tanze: da mordetest du mit deinen Tnen meine Verzckung!
Nur im Tanze weiss ich der hchsten Dinge Gleichniss zu reden: - und nun blieb
mir mein hchstes Gleichniss ungeredet in einen Gliedern!
Ungeredet und unerlst blieb mir die hchste Hoffnung! Und es starben mir alle
Gesichte und Trstungen meiner Jugend!
Wie ertrug ich's nur? Wie verwand und berwand ich solche Wunden? Wie erstand
meine Seele wieder aus diesen Grbern?
Ja, ein Unverwundbares, Unbegrabbares ist an mir, ein Felsensprengendes: das
heisst mein Wille. Schweigsam schreitet es und unverndert durch die Jahre.
Seinen Gang will er gehn auf meinen Fssen, mein alter Wille; herzenshart ist
ihm der Sinn und unverwundbar.
Unverwundbar bin ich allein an meiner Ferse. Immer noch lebst du da und bist dir
gleich, Geduldigster! Immer noch brachst du dich durch alle Grber!
In dir lebt auch noch das Unerlste meiner Jugend; und als Leben und Jugend
sitzest du hoffend hier auf gelben Grab-Trmmern.
Ja, noch bist du mir aller Grber Zertrmmerer: Heil dir, mein Wille! Und nur wo
Grber sind, giebt es Auferstehungen. -
Also sang Zarathustra. -

Von der Selbst-Ueberwindung
"Wille zur Wahrheit" heisst ihr's, ihr Weisesten, was euch treibt und brnstig
macht?
Wille zur Denkbarkeit alles Seienden: also heisse ich euren Willen!
Alles Seiende wollt ihr erst denkbar machen : denn ihr zweifelt mit gutem
Misstrauen, ob es schon denkbar ist.
Aber es soll sich euch fgen und biegen! So will's euer Wille. Glatt soll es
werden und dem Geiste unterthan, als sein Spiegel und Widerbild.
Das ist euer ganzer Wille, ihr Weisesten, als ein Wille zur Macht; und auch wenn
ihr vom Guten und Bsen redet und von den Werthschtzungen. Schaffen wollt ihr
noch die Welt, vor der ihr knien knnt: so ist es eure letzte Hoffnung und
Trunkenheit.
Die Unweisen freilich, das Volk, - die sind gleich dem Flusse, auf dem ein
Nachen weiter schwimmt: und im Nachen sitzen feierlich und vermummt die
Werthschtzungen.
Euren Willen und eure Werthe setztet ihr auf den Fluss des Werdens; einen alten
Willen zur Macht verrth mir, was vom Volke als gut und bse geglaubt wird.
Ihr wart es, ihr Weisesten, die solche Gste in diesen Nachen setzten und ihnen
Prunk und stolze Namen gaben, - ihr und euer herrschender Wille!
Weiter trgt nun der Fluss euren Nachen: er muss ihn tragen. Wenig thut's, ob
die gebrochene Welle schumt und zornig dem Kiele widerspricht!
Nicht der Fluss ist eure Gefahr und das Ende eures Guten und Bsen, ihr
Weisesten: sondern jener Wille selber, der Wille zur Macht, - der unerschpfte
zeugende Lebens-Wille.
Aber damit ihr mein Wort versteht vom Guten und Bsen: dazu will ich euch noch
mein Wort vom Leben sagen und von der Art alles Lebendigen.
Dem Lebendigen gieng ich nach, ich gieng die grssten und die kleinsten Wege,
dass ich seine Art erkenne.
Mit hundertfachem Spiegel fieng ich noch seinen Blick auf, wenn ihm der Mund
geschlossen war: dass sein Auge mir rede. Und sein Auge redete mir.
Aber, wo ich nur Lebendiges fand, da hrte ich auch die Rede vom Gehorsame.
Alles Lebendige ist ein Gehorchendes.
Und diess ist das Zweite: Dem wird befohlen, der sich nicht selber gehorchen
kann. So ist es des Lebendigen Art.
Diess aber ist das Dritte, was ich hrte: dass Befehlen schwerer ist, als
Gehorchen. Und nicht nur, dass der Befehlende die Last aller Gehorchenden trgt,
und dass leicht ihn diese Last zerdrckt: -
Ein Versuch und Wagniss erschien mir in allem Befehlen; und stets, wenn es
befiehlt, wagt das Lebendige sich selber dran.
Ja noch, wenn es sich selber befiehlt: auch da noch muss es sein Befehlen
bssen. Seinem eignen Gesetze muss es Richter und Rcher und Opfer werden.
Wie geschieht diess doch! so fragte ich mich. Was berredet das Lebendige, dass
es gehorcht und befiehlt und befehlend noch Gehorsam bt?
Hrt mir nun mein Wort, ihr Weisesten! Prft es ernstlich, ob ich dem Leben
selber in's Herz kroch und bis in die Wurzeln seines Herzens!
Wo ich Lebendiges fand, da fand ich Willen zur Macht; und noch im Willen des
Dienenden fand ich den Willen, Herr zu sein.
Dass dem Strkeren diene das Schwchere, dazu berredet es sein Wille, der ber
noch Schwcheres Herr sein will: dieser Lust allein mag es nicht entrathen.
Und wie das Kleinere sich dem Grsseren hingiebt, dass es Lust und Macht am
Kleinsten habe: also giebt sich auch das Grsste noch hin und setzt um der Macht
willen - das Leben dran.
Das ist die Hingebung des Grssten, dass es Wagniss ist und Gefahr und um den
Tod ein Wrfelspielen.
Und wo Opferung und Dienste und Liebesblicke sind: auch da ist Wille, Herr zu
sein. Auf Schleichwegen schleicht sich da der Schwchere in die Burg und bis
in's Herz dem Mchtigeren - und stiehlt da Macht.
Und diess Geheimniss redete das Leben selber zu mir. Siehe, sprach es, ich bin
das, was sich immer selber berwinden muss.
"Freilich, ihr heisst es Wille zur Zeugung oder Trieb zum Zwecke, zum Hheren,
Ferneren, Vielfacheren: aber all diess ist Eins und Ein Geheimniss.
"Lieber noch gehe ich unter, als dass ich diesem Einen absagte; und wahrlich,
wo es Untergang giebt und Bltterfallen, siehe, da opfert sich Leben - um Macht!
"Dass ich Kampf sein muss und Werden und Zweck und der Zwecke Widerspruch: ach,
wer meinen Willen errth, errth wohl auch, auf welchen krummen Wegen er gehen
muss!
"Was ich auch schaffe und wie ich's auch liebe, - bald muss ich Gegner ihm sein
und meiner Liebe: so will es mein Wille.
"Und auch du, Erkennender, bist nur ein Pfad und Fusstapfen meines Willens:
wahrlich, mein Wille zur Macht wandelt auch auf den Fssen deines Willens zur
Wahrheit!
"Der traf freilich die Wahrheit nicht, der das Wort nach ihr schoss vom
"Willen zum Dasein": diesen Willen - giebt es nicht!
"Denn: was nicht ist, das kann nicht wollen; was aber im Dasein ist, wie knnte
das noch zum Dasein wollen!
"Nur, wo Leben ist, da ist auch Wille: aber nicht Wille zum Leben, sondern - so
lehre ich's dich - Wille zur Macht!
"Vieles ist dem Lebenden hher geschtzt, als Leben selber; doch aus dem
Schtzen selber heraus redet - der Wille zur Macht!" -
Also lehrte mich einst das Leben: und daraus lse ich euch, ihr Weisesten, noch
das Rthsel eures Herzens.
Wahrlich, ich sage euch: Gutes und Bses, das unvergnglich wre - das giebt es
nicht! Aus sich selber muss es sich immer wieder berwinden.
Mit euren Werthen und Worten von Gut und Bse bt ihr Gewalt, ihr
Werthschtzenden: und diess ist eure verborgene Liebe und eurer Seele Glnzen,
Zittern und berwallen.
Aber eine strkere Gewalt wchst aus euren Werthen und eine neue berwindung: an
der zerbricht Ei und Eierschale.
Und wer ein Schpfer sein muss im Guten und Bsen: wahrlich, der muss ein
Vernichter erst sein und Werthe zerbrechen.
Also gehrt das hchste Bse zur hchsten Gte: diese aber ist die
schpferische. -
Reden wir nur davon, ihr Weisesten, ob es gleich schlimm ist. Schweigen ist
schlimmer; alle verschwiegenere Wahrheiten werden giftig.
Und mag doch Alles zerbrechen, was an unseren Wahrheiten zerbrechen - kann!
Manches Haus giebt es noch zu bauen!
Also sprach Zarathustra.

Von den Erhabenen
Still ist der Grund meines Meeres: wer erriethe wohl, dass er scherzhafte
Ungeheuer birgt!
Unerschtterlich ist meine Tiefe: aber sie glnzt von schwimmenden Rthseln und
Gelchtern.
Einen Erhabenen sah ich heute, einen Feierlichen, einen Bsser des Geistes: oh
wie lachte meine Seele ob seiner Hsslichkeit!
Mit erhobener Brust und Denen gleich, welche den Athem an sich ziehn: also stand
er da, der Erhabene, und schweigsam:
Behngt mit hsslichen Wahrheiten, seiner Jagdbeute, und reich an zerrissenen
Kleidern; auch viele Dornen hiengen an ihm - aber noch sah ich keine Rose.
Noch lernte er das Lachen nicht und die Schnheit. Finster kam dieser Jger
zurck aus dem Walde der Erkenntniss.
Vom Kampfe kehrte er heim mit wilden Thieren: aber aus seinem Ernste blickt auch
noch ein wildes Thier - ein unberwundenes!
Wie ein Tiger steht er immer noch da, der springen will; aber ich mag diese
gespannten Seelen nicht, unhold ist mein Geschmack allen diesen Zurckgezognen.
Und ihr sagt mir, Freunde, dass nicht zu streiten sei ber Geschmack und
Schmecken? Aber alles Leben ist Streit um Geschmack und Schmecken!
Geschmack: das ist Gewicht zugleich und Wagschale und Wgender; und wehe allem
Lebendigen, das ohne Streit um Gewicht und Wagschale und Wgende leben wollte!
Wenn er seiner Erhabenheit mde wrde, dieser Erhabene: dann erst wrde seine
Schnheit anheben, - und dann erst will ich ihn schmecken und schmackhaft
finden.
Und erst, wenn er sich von sich selber abwendet, wird er ber seinen eignen
Schatten springen - und, wahrlich! hinein in seine Sonne.
Allzulange sass er im Schatten, die Wangen bleichten dem Bsser des Geistes;
fast verhungerte er an seinen Erwartungen.
Verachtung ist noch in seinem Auge; und Ekel birgt sich an seinem Munde. Zwar
ruht er jetzt, aber seine Ruhe hat sich noch nicht in die Sonne gelegt.
Dem Stiere gleich sollte er thun; und sein Glck sollte nach Erde riechen und
nicht nach Verachtung der Erde.
Als weissen Stier mchte ich ihn sehn, wie er schnaubend und brllend der
Pflugschar vorangeht: und sein Gebrll sollte noch alles Irdische preisen!
Dunkel noch ist sein Antlitz; der Hand Schatten spielt auf ihm. Verschattet ist
noch der Sinn seines Auges.
Seine That selber ist noch der Schatten auf ihm: die Hand verdunkelt den
Handelnden. Noch hat er seine That nicht berwunden.
Wohl liebe ich an ihm den Nacken des Stiers: aber nun will ich auch noch das
Auge des Engels sehn.
Auch seinen Helden-Willen muss er noch verlernen: ein Gehobener soll er mir sein
und nicht nur ein Erhabener: - der Aether selber sollte ihn heben, den
Willenlosen!
Er bezwang Unthiere, er lste Rthsel: aber erlsen sollte er auch noch seine
Unthiere und Rthsel, zu himmlischen Kindern sollte er sie noch verwandeln.
Noch hat seine Erkenntniss nicht lcheln gelernt und ohne Eifersucht sein; noch
ist seine strmende Leidenschaft nicht stille geworden in der Schnheit.
Wahrlich, nicht in der Sattheit soll sein Verlangen schweigen und untertauchen,
sondern in der Schnheit! Die Anmuth gehrt zur Grossmuth des Grossgesinnten.
Den Arm ber das Haupt gelegt: so sollte der Held ausruhn, so sollte er auch
noch sein Ausruhen berwinden.
Aber gerade dem Helden ist das Schne aller Dinge Schwerstes. Unerringbar ist
das Schne allem heftigen Willen.
Ein Wenig mehr, ein Wenig weniger: das gerade ist hier Viel, das ist hier das
Meiste.
Mit lssigen Muskeln stehn und mit abgeschirrtem Willen: das ist das Schwerste
euch Allen, ihr Erhabenen!
Wenn die Macht gndig wird und herabkommt in's Sichtbare: Schnheit heisse ich
solches Herabkommen.
Und von Niemandem will ich so als von dir gerade Schnheit, du Gewaltiger: deine
Gte sei deine letzte Selbst- berwltigung.
Alles Bse traue ich dir zu: darum will ich von dir das Gute.
Wahrlich, ich lachte oft der Schwchlinge, welche sich gut glauben, weil sie
lahme Tatzen haben!
Der Sule Tugend sollst du nachstreben: schner wird sie immer und zarter, aber
inwendig hrter und tragsamer, je mehr sie aufsteigt.
Ja, du Erhabener, einst sollst du noch schn sein und deiner eignen Schnheit
den Spiegel vorhalten.
Dann wird deine Seele vor gttlichen Begierden schaudern; und Anbetung wird noch
in deiner Eitelkeit sein!
Diess nmlich ist das Geheimniss der Seele: erst, wenn sie der Held verlassen
hat, naht ihr, im Traume, - der ber-Held.
Also sprach Zarathustra.

Vom Lande der Bildung
Zu weit hinein flog ich in die Zukunft: ein Grauen berfiel mich.
Und als ich um mich sah, siehe! da war die Zeit mein einziger Zeitgenosse.
Da floh ich rckwrts, heimwrts - und immer eilender: so kam ich zu euch, ihr
Gegenwrtigen, und in's Land der Bildung.
Zum ersten Male brachte ich ein Auge mit fr euch, und gute Begierde: wahrlich,
mit Sehnsucht im Herzen kam ich.
Aber wie geschah mir? So angst mir auch war, - ich musste lachen! Nie sah mein
Auge etwas so Buntgesprenkeltes!
Ich lachte und lachte, whrend der Fuss mir noch zitterte und das Herz dazu:
"hier ist ja die Heimat aller Farbentpfe!" - sagte ich.
Mit fnfzig Klexen bemalt an Gesicht und Gliedern: so sasset ihr da zu meinem
Staunen, ihr Gegenwrtigen!
Und mit fnfzig Spiegeln um euch, die eurem Farbenspiele schmeichelten und
nachredeten!
Wahrlich, ihr knntet gar keine bessere Maske tragen, ihr Gegenwrtigen, als
euer eignes Gesicht ist! Wer knnte euch - erkennen!
Vollgeschrieben mit den Zeichen der Vergangenheit, und auch diese Zeichen
berpinselt mit neuen Zeichen: also habt ihr euch gut versteckt vor allen
Zeichendeutern!
Und wenn man auch Nierenprfer ist: wer glaubt wohl noch, dass ihr Nieren habt!
Aus Farben scheint ihr gebacken und aus geleimten Zetteln.
Alle Zeiten und Vlker blicken bunt aus euren Schleiern; alle Sitten und Glauben
reden bunt aus euren Gebrden.
Wer von euch Schleier und berwrfe und Farben und Gebrden abzge: gerade genug
wrde er brig behalten, um die Vgel damit zu erschrecken.
Wahrlich, ich selber bin der erschreckte Vogel, der euch einmal nackt sah und
ohne Farbe; und ich flog davon, als das Gerippe mir Liebe zuwinkte.
Lieber wollte ich doch noch Tagelhner sein in der Unterwelt und bei den
Schatten des Ehemals! - feister und voller als ihr sind ja noch die
Unterweltlichen!
Diess, ja diess ist Bitterniss meinen Gedrmen, dass ich euch weder nackt, noch
bekleidet aushalte, ihr Gegenwrtigen!
Alles Unheimliche der Zukunft, und was je verflogenen Vgeln Schauder machte,
ist wahrlich heimlicher noch und traulicher als eure "Wirklichkeit".
Denn so sprecht ihr: "Wirkliche sind wir ganz, und ohne Glauben und
Aberglauben": also brstet ihr euch - ach, auch noch ohne Brste!
Ja, wie solltet ihr glauben knnen, ihr Buntgesprenkelten! - die ihr Gemlde
seid von Allem, was je geglaubt wurde!
Wandelnde Widerlegungen seid ihr des Glaubens selber, und aller Gedanken
Gliederbrechen. Unglaubwrdige : also heisse ich euch, ihr Wirklichen!
Alle Zeiten schwtzen wider einander in euren Geistern; und aller Zeiten Trume
und Geschwtz waren wirklicher noch als euer Wachsein ist!
Unfruchtbare seid ihr: darum fehlt es euch an Glauben. Aber wer schaffen musste,
der hatte auch immer seine Wahr-Trume und Stern-Zeichen - und glaubte an
Glauben! -
Halboffne Thore seid ihr, an denen Todtengrber warten. Und das ist eure
Wirklichkeit: "Alles ist werth, dass es zu Grunde geht."
Ach, wie ihr mir dasteht, ihr Unfruchtbaren, wie mager in den Rippen! Und
Mancher von euch hatte wohl dessen selber ein Einsehen.
Und er sprach: "es hat wohl da ein Gott, als ich schlief, mir heimlich Etwas
entwendet? Wahrlich, genug, sich ein Weibchen daraus zu bilden!
Wundersam ist die Armuth meiner Rippen!" also sprach schon mancher
Gegenwrtige.
Ja, zum Lachen seid ihr mir, ihr Gegenwrtigen! Und sonderlich, wenn ihr euch
ber euch selber wundert!
Und wehe mir, wenn ich nicht lachen knnte ber eure Verwunderung, und alles
Widrige aus euren Npfen hinunter trinken msste!
So aber will ich's mit euch leichter nehmen, da ich Schweres zu tragen habe; und
was thut's mir, wenn sich Kfer und Flgelwrmer noch auf mein Bndel setzen!
Wahrlich, es soll mir darob nicht schwerer werden! Und nicht aus euch, ihr
Gegenwrtigen, soll mir die grosse Mdigkeit kommen. - Ach, wohin soll ich nun
noch steigen mit meiner Sehnsucht! Von allen Bergen schaue ich aus nach Vater-
und Mutterlndern.
Aber Heimat fand ich nirgends: unstt bin ich in allen Stdten und ein Aufbruch
an allen Thoren.
Fremd sind mir und ein Spott die Gegenwrtigen, zu denen mich jngst das Herz
trieb; und vertrieben bin ich aus Vater- und Mutterlndern.
So liebe ich allein noch meiner Kinder Land, das unentdeckte, im fernsten Meere:
nach ihm heisse ich meine Segel suchen und suchen.
An meinen Kindern will ich es gut machen, dass ich meiner Vter Kind bin: und an
aller Zukunft - diese Gegenwart!
Also sprach Zarathustra.

Von der unbefleckten Erkenntniss
Als gestern der Mond aufgieng, whnte ich, dass er eine Sonne gebren wolle: so
breit und trchtig lag er am Horizonte.
Aber ein Lgner war er mir mit seiner Schwangerschaft; und eher noch will ich an
den Mann im Monde glauben als an das Weib.
Freilich, wenig Mann ist er auch, dieser schchterne Nachtschwrmer. Wahrlich,
mit schlechtem Gewissen wandelt er ber die Dcher.
Denn er ist lstern und eiferschtig, der Mnch im Monde, lstern nach der Erde
und nach allen Freuden der Liebenden.
Nein, ich mag ihn nicht, diesen Kater auf den Dchern! Widerlich sind mir Alle,
die um halbverschlossne Fenster schleichen!
Fromm und schweigsam wandelt er hin auf Sternen-Teppichen: - aber ich mag alle
leisetretenden Mannsfsse nicht, an denen auch nicht ein Sporen klirrt.
Jedes Redlichen Schritt redet; die Katze aber stiehlt sich ber den Boden weg.
Siehe, katzenhaft kommt der Mond daher und unredlich. -
Dieses Gleichniss gebe ich euch empfindsamen Heuchlern, euch, den
"Rein-Erkennenden!" Euch heisse ich - Lsterne!
Auch ihr liebt die Erde und das Irdische: ich errieth euch wohl! - aber Scham
ist in eurer Liebe und schlechtes Gewissen, - dem Monde gleicht ihr!
Zur Verachtung des Irdischen hat man euren Geist berredet, aber nicht eure
Eingeweide: die aber sind das Strkste an euch!
Und nun schmt sich euer Geist, dass er euren Eingeweiden zu willen ist und geht
vor seiner eignen Scham Schleich- und Lgenwege.
"Das wre mir das Hchste - also redet euer verlogner Geist zu sich - auf das
Leben ohne Begierde zu schaun und nicht gleich dem Hunde mit hngender Zunge:
"Glcklich zu sein im Schauen, mit erstorbenem Willen, ohne Griff und Gier der
Selbstsucht - kalt und aschgrau am ganzen Leibe, aber mit trunkenen
Mondesaugen!"
"Das wre mir das Liebste, - also verfhrt sich selber der Verfhrte - die Erde
zu lieben, wie der Mond sie liebt, und nur mit dem Auge allein ihre Schnheit zu
betasten.
"Und das heisse mir aller Dinge unbefleckte Erkenntniss, dass ich von den
Dingen Nichts will: ausser dass ich vor ihnen da liegen darf wie ein Spiegel mit
hundert Augen." -
Oh, ihr empfindsamen Heuchler, ihr Lsternen! Euch fehlt die Unschuld in der
Begierde: und nun verleumdet ihr drum das Begehren!
Wahrlich, nicht als Schaffende, Zeugende, Werdelustige liebt ihr die Erde!
Wo ist Unschuld? Wo der Wille zur Zeugung ist. Und wer ber sich hinaus schaffen
will, der hat mir den reinsten Willen.
Wo ist Schnheit? Wo ich mit allem Willen wollen muss; wo ich lieben und
untergehn will, dass ein Bild nicht nur Bild bleibe.
Lieben und Untergehn: das reimt sich seit Ewigkeiten. Wille zur Liebe: das ist,
willig auch sein zum Tode. Also rede ich zu euch Feiglingen!
Aber nun will euer entmanntes Schielen "Beschaulichkeit" heissen! Und was mit
feigen Augen sich tasten lsst, soll "schn" getauft werden! oh, ihr
Beschmutzer edler Namen!
Aber das soll euer Fluch sein, ihr Unbefleckten, ihr Rein-Erkennenden, dass ihr
nie gebren werdet: und wenn ihr auch breit und trchtig am Horizonte liegt!
Wahrlich, ihr nehmt den Mund voll mit edlen Worten: und wir sollen glauben, dass
euch das Herz bergehe, ihr Lgenbolde?
Aber in eine Worte sind geringe, verachtete, krumme Worte: gerne nehme ich auf,
was bei eurer Mahlzeit unter den Tisch fllt.
Immer noch kann ich mit ihnen - Heuchlern die Wahrheit sagen! ja, meine Grten,
Muscheln und Stachelbltter sollen - Heuchlern die Nasen kitzeln!
Schlechte Luft ist immer um euch und eure Mahlzeiten: eure lsternen Gedanken,
eure Lgen und Heimlichkeiten sind ja in der Luft!
Wagt es doch erst, euch selber zu glauben - euch und euren Eingeweiden! Wer sich
selber nicht glaubt, lgt immer.
Eines Gottes Larve hngtet ihr um vor euch selber, ihr "Reinen": in eines
Gottes Larve verkroch sich euer greulicher Ringelwurm.
Wahrlich, ihr tuscht, ihr "Beschaulichen"! Auch Zarathustra war einst der
Narr eurer gttlichen Hute; nicht errieth er das Schlangengeringel, mit denen
sie gestopft waren.
Eines Gottes Seele whnte ich einst spielen zu sehn in euren Spielen, ihr
Rein-Erkennenden! Keine bessere Kunst whnte ich einst als eure Knste!
Schlangen-Unflath und schlimmen Geruch verhehlte mir die Ferne: und dass einer
Eidechse List lstern hier herumschlich.
Aber ich kam euch nah: da kam mir der Tag - und nun kommt er euch, - zu Ende
gieng des Mondes Liebschaft!
Seht doch hin! Ertappt und bleich steht er da - vor der Morgenrthe!
Denn schon kommt sie, die Glhende, - ihre Liebe zur Erde kommt! Unschuld und
Schpfer-Begier ist alle Sonnen-Liebe!
Seht doch hin, wie sie ungeduldig ber das Meer kommt! Fhlt ihr den Durst und
den heissen Athem ihrer Liebe nicht?
Am Meere will sie saugen und seine Tiefe zu sich in die Hhe trinken: da hebt
sich die Begierde des Meeres mit tausend Brsten.
Geksst und gesaugt will es sein vom Durste der Sonne; Luft will es werden und
Hhe und Fusspfad des Lichts und selber Licht!
Wahrlich, der Sonne gleich liebe ich das Leben und alle tiefen Meere.
Und diess heisst mir Erkenntniss: alles Tiefe soll hinauf - zu meiner Hhe!
Also sprach Zarathustra.

Von den Gelehrten
Als ich im Schlafe lag, da frass ein Schaf am Epheukranze meines Hauptes, -
frass und sprach dazu: "Zarathustra ist kein Gelehrter mehr."
Sprach's und gieng stotzig davon und stolz. Ein Kind erzhlte mir's.
Gerne liege ich hier, wo die Kinder spielen, an der zerbrochnen Mauer, unter
Disteln und rothen Mohnblumen.
Ein Gelehrter bin ich den Kindern noch und auch den Disteln und rothen
Mohnblumen. Unschuldig sind sie, selbst noch in ihrer Bosheit.
Aber den Schafen bin ich's nicht mehr: so will es mein Loos - gesegnet sei es!
Denn diess ist die Wahrheit: ausgezogen bin ich aus dem Hause der Gelehrten: und
die Thr habe ich noch hinter mir zugeworfen.
Zu lange sass meine Seele hungrig an ihrem Tische; nicht, gleich ihnen, bin ich
auf das Erkennen abgerichtet wie auf das Nsseknacken.
Freiheit liebe ich und die Luft ber frischer Erde; lieber noch will ich auf
Ochsenhuten schlafen, als auf ihren Wrden und Achtbarkeiten.
Ich bin zu heiss und verbrannt von eigenen Gedanken: oft will es mir den Athem
nehmen. Da muss ich in's Freie und weg aus allen verstaubten Stuben.
Aber sie sitzen khl in khlem Schatten: sie wollen in Allem nur Zuschauer sein
und hten sich dort zu sitzen, wo die Sonne auf die Stufen brennt.
Gleich Solchen, die auf der Strasse stehn und die Leute angaffen, welche
vorbergehn: also warten sie auch und gaffen Gedanken an, die Andre gedacht
haben.
Greift man sie mit Hnden, so stuben sie um sich gleich Mehlscken, und
unfreiwillig. aber wer erriethe wohl, dass ihr Staub vom Korne stammt und von
der gelben Wonne der Sommerfelder?
Geben sie sich weise, so frstelt mich ihrer kleinen Sprche und Wahrheiten: ein
Geruch ist oft an ihrer Weisheit, als ob sie aus dem Sumpfe stamme: und
wahrlich, ich hrte auch schon den Frosch aus ihr quaken!
Geschickt sind sie, sie haben kluge Finger: was will meine Einfalt bei ihrer
Vielfalt! Alles Fdeln und Knpfen und Weben verstehn ihre Finger: also wirken
sie die Strmpfe des Geistes!
Gute Uhrwerke sind sie: nur sorge man, sie richtig aufzuziehn! Dann zeigen sie
ohne Falsch die Stunde an und machen einen bescheidnen Lrm dabei.
Gleich Mhlwerken arbeiten sie und Stampfen: man werfe ihnen nur seine
Fruchtkrner zu! - sie wissen schon, Korn klein zu mahlen und weissen Staub
daraus zu machen.
Sie sehen einander gut auf die Finger und trauen sich nicht zum Besten.
Erfinderisch in kleinen Schlauheiten warten sie auf Solche, deren Wissen auf
lahmen Fssen geht, - gleich Spinnen warten sie.
Ich sah sie immer mit Vorsicht Gift bereiten; und immer zogen sie glserne
Handschuhe dabei an ihre Finger.
Auch mit falschen Wrfeln wissen sie zu spielen; und so eifrig fand ich sie
spielen, dass sie dabei schwitzten.
Wir sind einander fremd, und ihre Tugenden gehn mir noch mehr wider den
Geschmack, als ihre Falschheiten und falschen Wrfel.
Und als ich bei ihnen wohnte, da wohnte ich ber ihnen. Darber wurden sie mir
gram.
Sie wollen Nichts davon hren, dass Einer ber ihren Kpfen wandelt; und so
legten sie Holz und Erde und Unrath zwischen mich und ihre Kpfe.
Also dmpften sie den Schall meiner Schritte: und am schlechtesten wurde ich
bisher von den Gelehrtesten gehrt.
Aller Menschen Fehl und Schwche legten sie zwischen sich und mich: -
"Fehlboden" heissen sie das in ihren Husern.
Aber trotzdem wandele ich mit meinen Gedanken ber ihren Kpfen; und selbst,
wenn ich auf meinen eignen Fehlern wandeln wollte, wrde ich noch ber ihnen
sein und ihren Kpfen.
Denn die Menschen sind nicht gleich: so spricht die Gerechtigkeit. Und was ich
will, drften sie nicht wollen!
Also sprach Zarathustra.

Von den Dichtern
"Seit ich den Leib besser kenne, - sagte Zarathustra zu einem seiner Jnger -
ist mir der Geist nur noch gleichsam Geist; und alles das "Unvergngliche" -
das ist auch nur ein Gleichniss."
"So hrte ich dich schon einmal sagen, antwortete der Jnger; und damals
fgtest du hinzu: "aber die Dichter lgen zuviel." Warum sagtest du doch, dass
die Dichter zuviel lgen?"
"Warum? sagte Zarathustra. Du fragst warum? Ich gehre nicht zu Denen, welche
man nach ihrem Warum fragen darf.
Ist denn mein Erleben von Gestern? Das ist lange her, dass ich die Grnde meiner
Meinungen erlebte.
Msste ich nicht ein Fass sein von Gedchtniss, wenn ich auch meine Grnde bei
mir haben wollte?
Schon zuviel ist mir's, meine Meinungen selber zu behalten; und mancher Vogel
fliegt davon.
Und mitunter finde ich auch ein zugezogenes Thier in meinem Taubenschlage, das
mir fremd ist, und das zittert, wenn ich meine Hand darauf lege.
Doch was sagte dir einst Zarathustra? Dass die Dichter zuviel lgen? - Aber auch
Zarathustra ist ein Dichter.
Glaubst du nun, dass er hier die Wahrheit redete? Warum glaubst du das?"
Der Jnger antwortete: "ich glaube an Zarathustra." Aber Zarathustra
schttelte den Kopf und lchelte.
Der Glaube macht mich nicht selig, sagte er, zumal nicht der Glaube an mich.
Aber gesetzt, dass jemand allen Ernstes sagte, die Dichter lgen zuviel: so hat
er Recht, - wir lgen zuviel.
Wir wissen auch zu wenig und sind schlechte Lerner: so mssen wir schon lgen.
Und wer von uns Dichtern htte nicht seinen Wein verflscht? Manch giftiger
Mischmasch geschah in unsern Kellern, manches Unbeschreibliche ward da gethan.
Und weil wir wenig wissen, so gefallen uns von Herzen die geistig Armen,
sonderlich wenn es junge Weibchen sind!
Und selbst nach den Dingen sind wir noch begehrlich, die sich die alten Weibchen
Abends erzhlen. Das heissen wir selber an uns das Ewig-Weibliche.
Und als ob es einen besondren geheimen Zugang zum Wissen gbe, der sich Denen
verschtte, welche Etwas lernen: so glauben wir an das Volk und seine
"Weisheit."
Das aber glauben alle Dichter: dass wer im Grase oder an einsamen Gehngen
liegend die Ohren spitze, Etwas von den Dingen erfahre, die zwischen Himmel und
Erde sind.
Und kommen ihnen zrtliche Regungen, so meinen die Dichter immer, die Natur
selber sei in sie verliebt:
Und sie schleiche zu ihrem Ohre, Heimliches hinein zu sagen und verliebte
Schmeichelreden: dessen brsten und blhen sie sich vor allen Sterblichen!
Ach, es giebt so viel Dinge zwischen Himmel und Erden, von denen sich nur die
Dichter Etwas haben trumen lassen!
Und zumal ber dem Himmel: denn alle Gtter sind Dichter-Gleichniss,
Dichter-Erschleichniss!
Wahrlich, immer zieht es uns hinan - nmlich zum Reich der Wolken: auf diese
setzen wir unsre bunten Blge und heissen sie dann Gtter und bermenschen: -
Sind sie doch gerade leicht genug fr diese Sthle! - alle diese Gtter und
bermenschen.
Ach, wie bin ich all des Unzulnglichen mde, das durchaus Ereigniss sein soll!
Ach, wie bin ich der Dichter mde!
Als Zarathustra so sprach, zrnte ihm sein Jnger, aber er schwieg. Und auch
Zarathustra schwieg; und sein Auge hatte sich nach innen gekehrt, gleich als ob
es in weite Fernen she. Endlich seufzte er und holte Athem.
Ich bin von Heute und Ehedem, sagte er dann; aber Etwas ist in mir, das ist von
Morgen und bermorgen und Einstmals.
Ich wurde der Dichter mde, der alten und der neuen: Oberflchliche sind sie mir
Alle und seichte Meere.
Sie dachten nicht genug in die Tiefe: darum sank ihr Gefhl nicht bis zu den
Grnden.
Etwas Wollust und etwas Langeweile: das ist noch ihr bestes Nachdenken gewesen.
Gespenster-Hauch und -Huschen gilt mir all ihr Harfen-Klingklang; was wussten
sie bisher von der Inbrunst der Tne! -
Sie sind mir auch nicht reinlich genug: sie trben Alle ihr Gewsser, dass es
tief scheine.
Und gerne geben sie sich damit als Vershner: aber Mittler und Mischer bleiben
sie mir und Halb-und-Halbe und Unreinliche! -
Ach, ich warf wohl mein Netz in ihre Meere und wollte gute Fische fangen; aber
immer zog ich eines alten Gottes Kopf herauf.
So gab dem Hungrigen das Meer einen Stein. Und sie selber mgen wohl aus dem
Meere stammen.
Gewiss, man findet Perlen in ihnen: um so hnlicher sind sie selber harten
Schalthieren. Und statt der Seele fand ich oft bei ihnen gesalzenen Schleim.
Sie lernten vom Meere auch noch seine Eitelkeit: ist nicht das Meer der Pfau der
Pfauen?
Noch vor dem hsslichsten aller Bffel rollt es seinen Schweif hin, nimmer wird
es seines Spitzenfchers von Silber und Seide mde.
Trutzig blickt der Bffel dazu, dem Sande nahe in seiner Seele, nher noch dem
Dickicht, am nchsten aber dem Sumpfe.
Was ist ihm Schnheit und Meer und Pfauen-Zierath! Dieses Gleichniss sage ich
den Dichtern.
Wahrlich, ihr Geist selber ist der Pfau der Pfauen und ein Meer von Eitelkeit!
Zuschauer will der Geist des Dichters: sollten's auch Bffel sein! -
Aber dieses Geistes wurde ich mde: und ich sehe kommen, dass er seiner selber
mde wird.
Verwandelt sah ich schon die Dichter und gegen sich selber den Blick gerichtet.
Bsser des Geistes sah ich kommen: die wuchsen aus ihnen.
Also sprach Zarathustra.

Von grossen Ereignissen
Es giebt eine Insel im Meere - unweit den glckseligen Inseln Zarathustra's -
auf welcher bestndig ein Feuerberg raucht; von der sagt das Volk, und
sonderlich sagen es die alten Weibchen aus dem Volke, dass sie wie ein Felsblock
vor das Thor der Unterwelt gestellt sei: durch den Feuerberg selber aber fhre
der schmale Weg abwrts, der zu diesem Thore der Unterwelt geleite.
Um jene Zeit nun, als Zarathustra auf den glckseligen Inseln weilte, geschah
es, dass ein Schiff an der Insel Anker warf, auf welcher der rauchende Berg
steht; und seine Mannschaft gieng an's Land, um Kaninchen zu schiessen. Gegen
die Stunde des Mittags aber, da der Capitn und seine Leute wieder beisammen
waren, sahen sie pltzlich durch die Luft einen Mann auf sich zukommen, und eine
Stimme sagte deutlich: "es ist Zeit! Es ist die hchste Zeit!" Wie die Gestalt
ihnen aber am nchsten war - sie flog aber schnell gleich einem Schatten vorbei,
in der Richtung, wo der Feuerberg lag - da erkannten sie mit grsster
Bestrzung, dass es Zarathustra sei; denn sie hatten ihn Alle schon gesehn,
ausgenommen der Capitn selber, und sie liebten ihn, wie das Volk liebt: also
dass zu gleichen Theilen Liebe und Scheu beisammen sind.
"Seht mir an! sagte der alte Steuermann, da fhrt Zarathustra zur Hlle!" -
Um die gleiche Zeit, als diese Schiffer an der Feuerinsel landeten, lief das
Gercht umher, dass Zarathustra verschwunden sei; und als man seine Freunde
fragte, erzhlten sie, er sei bei Nacht zu Schiff gegangen, ohne zu sagen, wohin
er reisen wolle.
Also entstand eine Unruhe; nach drei Tagen aber kam zu dieser Unruhe die
Geschichte der Schiffsleute hinzu - und nun sagte alles Volk, dass der Teufel
Zarathustra geholt habe. Seine jnger lachten zwar ob dieses Geredes; und einer
von ihnen sagte sogar: "eher glaube ich noch, dass Zarathustra sich den Teufel
geholt hat.' Aber im Grunde der Seele waren sie Alle voll Besorgniss und
Sehnsucht: so war ihre Freude gross, als am fnften Tage Zarathustra unter ihnen
erschien.
Und diess ist die Erzhlung von Zarathustra's Gesprch mit dem Feuerhunde.
Die Erde, sagte er, hat eine Haut; und diese Haut hat Krankheiten. Eine dieser
Krankheiten heisst zum Beispiel: "Mensch."
Und eine andere dieser Krankheiten heisst "Feuerhund": ber den haben sich die
Menschen Viel vorgelogen und vorlgen lassen.
Diess Geheimniss zu ergrnden gieng ich ber das Meer: und ich habe die Wahrheit
nackt gesehn, wahrlich! barfuss bis zum Halse.
Was es mit dem Feuerhund auf sich hat, weiss ich nun; und insgleichen mit all
den Auswurf- und Umsturz-Teufeln, vor denen sich nicht nur alte Weibchen
frchten.
Heraus mit dir, Feuerhund, aus deiner Tiefe! rief ich, und bekenne, wie tief
diese Tiefe ist! Woher ist das, was du da heraufschnaubst?
Du trinkst reichlich am Meere: das verrth deine versalzte Beredsamkeit!
Frwahr, fr einen Hund der Tiefe nimmst du deine Nahrung zu sehr von der
Oberflche!
Hchstens fr den Bauchredner der Erde halt' ich dich: und immer, wenn ich
Umsturz- und Auswurf-Teufel reden hrte, fand ich sie gleich dir: gesalzen,
lgnerisch und flach.
Ihr versteht zu brllen und mit Asche zu verdunkeln! Ihr seid die besten
Grossmuler und lerntet sattsam die Kunst, Schlamm heiss zu sieden.
Wo ihr seid, da muss stets Schlamm in der Nhe sein, und viel Schwammichtes,
Hhlichtes, Eingezwngtes: das will in die Freiheit.
"Freiheit" brllt ihr Alle am liebsten: aber ich verlernte den Glauben an
"grosse Ereignisse," sobald viel Gebrll und Rauch um sie herum ist.
Und glaube mir nur, Freund Hllenlrm! Die grssten Ereignisse - das sind nicht
unsre lautesten, sondern unsre stillsten Stunden.
Nicht um die Erfinder von neuem Lrme: um die Erfinder von neuen Werthen dreht
sich die Welt; unhrbar dreht sie sich.
Und gesteh es nur! Wenig war immer nur geschehn, wenn dein Lrm und Rauch sich
verzog. Was liegt daran, dass eine Stadt zur Mumie wurde, und eine Bildsule im
Schlamme liegt!
Und diess Wort sage ich noch den Umstrzern von Bildsulen. Das ist wohl die
grsste Thorheit, Salz in's Meer und Bildsulen in den Schlamm zu werfen.
Im Schlamme eurer Verachtung lag die Bildsule: aber das ist gerade ihr Gesetz,
dass ihr aus der Verachtung wieder Leben und lebende Schnheit wchst!
Mit gttlicheren Zgen steht sie nun auf und leidendverfhrerisch; und wahrlich!
sie wird euch noch Dank sagen, dass ihr sie umstrztet, ihr Umstrzer!
Diesen Rath aber rathe ich Knigen und Kirchen und Allem, was alters- und
tugendschwach ist - lasst euch nur umstrzen! Dass ihr wieder zum Leben kommt,
und zu euch - die Tugend! -
Also redete ich vor dem Feuerhunde: da unterbrach er mich mrrisch und fragte:
"Kirche? Was ist denn das?"
Kirche? antwortete ich, das ist eine Art von Staat, und zwar die verlogenste.
Doch schweig still, du Heuchelhund! Du kennst deine Art wohl am besten schon!
Gleich dir selber ist der Staat ein Heuchelhund; gleich dir redet er gern mit
Rauch und Gebrlle, - dass er glauben mache, gleich dir, er rede aus dem Bauch
der Dinge.
Denn er will durchaus das wichtigste Thier auf Erden sein, der Staat; und man
glaubt's ihm auch. -
Als ich das gesagt hatte, gebrdete sich der Feuerhund wie unsinnig vor Neid.
"Wie? schrie er, das wichtigste Thier auf Erden? Und man glaubt's ihm auch?"
Und so viel Dampf und grssliche Stimmen kamen ihm aus dem Schlunde, dass ich
meinte, er werde vor Arger und Neid ersticken.
Endlich wurde er stiller, und sein Keuchen liess nach; sobald er aber stille
war, sagte ich lachend:
"Du rgerst dich, Feuerhund: also habe ich ber dich Recht!
Und dass ich auch noch Recht behalte, so hre von einem andern Feuerhunde: der
spricht wirklich aus dem Herzen der Erde.
Gold haucht sein Athem und goldigen Regen: so will's das Herz ihm. Was ist ihm
Asche und Rauch und heisser Schleim noch!
Lachen flattert aus ihm wie ein buntes Gewlke; abgnstig ist er deinem Gurgeln
und Speien und Grimmen der Ein- geweide!
Das Gold aber und das Lachen - das nimmt er aus dem Herzen der Erde: denn dass
du's nur weisst, - das Herz der Erde ist von Gold."
Als diess der Feuerhund vernahm, hielt er's nicht mehr aus, mir zuzuhren.
Beschmt zog er seinen Schwanz ein, sagte auf eine kleinlaute Weise Wau! Wau!
und kroch hinab in seine Hhle. -
Also erzhlte Zarathustra. Seine Jnger aber hrten ihm kaum zu: so gross war
ihre Begierde, ihm von den Schiffsleuten, den Kaninchen und dem fliegenden Manne
zu erzhlen.
"Was soll ich davon denken! sagte Zarathustra. Bin ich denn ein Gespenst?
Aber es wird mein Schatten gewesen sein. Ihr hrtet wohl schon Einiges vom
Wanderer und seinem Schatten?
Sicher aber ist das: ich muss ihn krzer halten, - er verdirbt mir sonst noch
den Ruf."
Und nochmals schttelte Zarathustra den Kopf und wunderte sich. "Was soll ich
davon denken!" sagte er nochmals.
"Warum schrie denn das Gespenst: es ist Zeit! Es ist die hchste Zeit!
Wozu ist es denn - hchste Zeit?" -
Also sprach Zarathustra.

Der Wahrsager
"- und ich sahe eine grosse Traurigkeit ber die Menschen kommen. Die Besten
wurden ihrer Werke mde.
Eine Lehre ergieng, ein Glauben lief neben ihr: "Alles ist leer, Alles ist
gleich, Alles war!"
Und von allen Hgeln klang es wieder: "Alles ist leer, Alles ist gleich, Alles
war!"
Wohl haben wir geerntet: aber warum wurden alle Frchte uns faul und braun? Was
fiel vom bsen Monde bei der letzten Nacht hernieder?
Umsonst war alle Arbeit, Gift ist unser Wein geworden, bser Blick sengte unsre
Felder und Herzen gelb.
Trocken wurden wir Alle; und fllt Feuer auf uns, so stuben wir der Asche
gleich: - ja das Feuer selber machten wir mde.
Alle Brunnen versiegten uns, auch das Meer wich zurck. Aller Grund will
reissen, aber die Tiefe will nicht schlingen!
"Ach, wo ist noch ein Meer, in dem man ertrinken knnte": so klingt unsre
Klage - hinweg ber flache Smpfe.
Wahrlich, zum Sterben wurden wir schon zu mde; nun wachen wir noch und leben
fort - in Grabkammern!" -
Also hrte Zarathustra einen Wahrsager reden; und seine Weissagung gieng ihm zu
Herzen und verwandelte ihn. Traurig gieng er umher und mde; und er wurde Denen
gleich, von welchen der Wahrsager geredet hatte.
Wahrlich, so sagte er zu seinen Jngern, es ist um ein Kleines, so kommt diese
lange Dmmerung. Ach, wie soll ich mein Licht hinber retten!
Dass es mir nicht ersticke in dieser Traurigkeit! Ferneren Welten soll es ja
Licht sein und noch fernsten Nchten!
Dergestalt im Herzen bekmmert gieng Zarathustra umher; und drei Tage lang nahm
er nicht Trank und Speise zu sich, hatte keine Ruhe und verlor die Rede. Endlich
geschah es, dass er in einen tiefen Schlaf verfiel. Seine jnger aber sassen um
ihn in langen Nachtwachen und warteten mit Sorge, ob er wach werde und wieder
rede und genesen sei von seiner Trbsal.
Diess aber ist die Rede, welche Zarathustra sprach, als er aufwachte; seine
Stimme aber kam zu seinen Jngern wie aus weiter Ferne.
Hrt mir doch den Traum, den ich trumte, ihr Freunde, und helft mir seinen Sinn
rathen!
Ein Rthsel ist er mir noch, dieser Traum; sein Sinn ist verborgen in ihm und
eingefangen und fliegt noch nicht ber ihn hin mit freien Flgeln.
Allem Leben hatte ich abgesagt, so trumte mir. Zum Nacht- und Grabwchter war
ich worden, dort auf der einsamen Berg-Burg des Todes.
Droben htete ich seine Srge: voll standen die dumpfen Gewlbe von solchen
Siegeszeichen. Aus glsernen Srgen blickte mich berwundenes Leben an.
Den Geruch verstaubter Ewigkeiten athmete ich: schwl und verstaubt lag meine
Seele. Und wer htte dort auch seine Seele lften knnen!
Helle der Mitternacht war immer um mich, Einsamkeit kauerte neben ihr; und,
zudritt, rchelnde Todesstille, die schlimmste meiner Freundinnen.
Schlssel fhrte ich, die rostigsten aller Schlssel; und ich verstand es, damit
das knarrendste aller Thore zu ffnen.
Einem bitterbsen Gekrchze gleich lief der Ton durch die langen Gnge, wenn
sich des Thores Flgel hoben: unhold schrie dieser Vogel, ungern wollte er
geweckt sein.
Aber furchtbarer noch und herzzuschnrender war es, wenn es wieder schwieg und
rings stille ward, und ich allein sass in diesem tckischen Schweigen.
So gieng mir und schlich die Zeit, wenn Zeit es noch gab: was weiss ich davon!
Aber endlich geschah das, was mich weckte.
Dreimal schlugen Schlge an's Thor, gleich Donnern, es hallten und heulten die
Gewlbe dreimal wieder: da gieng ich zum Thore.
Alpa! rief ich, wer trgt seine Asche zu Berge? Alpa! Alpa! Wer trgt seine
Asche zu Berge?
Und ich drckte den Schlssel und hob am Thore und mhte mich. Aber noch keinen
Fingerbreit stand es offen:
Da riss ein brausender Wind seine Flgel auseinander: pfeifend, schrillend und
schneidend warf er mir einen schwarzen Sarg zu:
Und im Brausen und Pfeifen und Schrillen zerbarst der Sarg und spie
tausendfltiges Gelchter aus.
Und aus tausend Fratzen von Kindern, Engeln, Eulen, Narren und kindergrossen
Schmetterlingen lachte und hhnte und brauste es wider mich.
Grsslich erschrak ich darob: es warf mich nieder. Und ich schrie vor Grausen,
wie nie ich schrie.
Aber der eigne Schrei weckte mich auf: - und ich kam zu mir. -
Also erzhlte Zarathustra seinen Traum und schwieg dann: denn er wusste noch
nicht die Deutung seines Traumes. Aber der jnger, den er am meisten lieb hatte,
erhob sich schnell, fasste die Hand Zarathustra's und sprach:
"Dein Leben selber deutet uns diesen Traum, oh Zarathustra!
Bist du nicht selber der Wind mit schrillem Pfeifen, der den Burgen des Todes
die Thore aufreisst?
Bist du nicht selber der Sarg voll bunter Bosheiten und Engelsfratzen des
Lebens?
Wahrlich, gleich tausendfltigem Kindsgelchter kommt Zarathustra in alle
Todtenkammern, lachend ber diese Nacht- und Grabwchter, und wer sonst mit
dstern Schlsseln rasselt.
Schrecken und umwerfen wirst du sie mit deinem Gelchter; Ohnmacht und
Wachwerden wird deine Macht ber sie beweisen.
Und auch, wenn die lange Dmmerung kommt und die Todesmdigkeit, wirst du an
unserm Himmel, nicht untergehn, du Frsprecher des Lebens!
Neue Sterne liessest du uns sehen und neue Nachtherrlichkeiten; wahrlich, das
Lachen selber spanntest du wie ein buntes Gezelt ber uns.
Nun wird immer Kindes-Lachen aus Srgen quellen; nun wird immer siegreich ein
starker Wind kommen aller Todesmdigkeit: dessen bist du uns selber Brge und
Wahrsager!
Wahrlich, sie selber trumtest du, deine Feinde: das war dein schwerster Traum!
Aber wie du von ihnen aufwachtest und zu dir kamst, also sollen sie selber von
sich aufwachen - und zu dir kommen!" -
So sprach der jnger; und alle Anderen drngten sich nun um Zarathustra und
ergriffen ihn bei den Hnden und wollten ihn bereden, dass er vom Bette und von
der Traurigkeit lasse und zu ihnen zurckkehre. Zarathustra aber sass
aufgerichtet auf seinem Lager, und mit fremdem Blicke. Gleichwie Einer, der aus
langer Fremde heimkehrt, sah er auf seine Jnger und prfte ihre Gesichter; und
noch erkannte er sie nicht. Als sie aber ihn hoben und auf die Fsse stellten,
siehe, da verwandelte sich mit Einem Male sein Auge; er begriff Alles, was
geschehen war, strich sich den Bart und sagte mit starker Stimme:
"Wohlan! Diess nun hat seine Zeit; sorgt mir aber dafr, meine jnger, dass wir
eine gute Mahlzeit machen, und in Krze! Also gedenke ich Busse zu thun fr
schlimme Trume!
Der Wahrsager aber soll an meiner Seite essen und trinken: und wahrlich, ich
will ihm noch ein Meer zeigen, in dem er ertrinken kann!"
Also sprach Zarathustra. Darauf aber blickte er dem jnger, welcher den
Traumdeuter abgegeben hatte, lange in's Gesicht und schttelte dabei den Kopf. -

Von der Erlsung
Als Zarathustra eines Tags ber die grosse Brcke gieng, umringten ihn die
Krppel und Bettler, und ein Bucklichter redete also zu ihm:
"Siehe, Zarathustra! Auch das Volk lernt von dir und gewinnt Glauben an deine
Lehre: aber dass es ganz dir glauben soll, dazu bedarf es noch Eines - du musst
erst noch uns Krppel berreden! Hier hast du nun eine schne Auswahl und
wahrlich, eine Gelegenheit mit mehr als Einem Schopfe! Blinde kannst du heilen
und Lahme laufen machen; und Dem, der zuviel hinter sich hat, knntest du wohl
auch ein Wenig abnehmen: - das, meine ich, wre die rechte Art, die Krppel an
Zarathustra glauben zu machen!"
Zarathustra aber erwiderte Dem, der da redete, also: "Wenn man dem Bucklichten
seinen Buckel nimmt, so nimmt man ihm seinen Geist - also lehrt das Volk. Und
wenn man dem Blinden seine Augen giebt, so sieht er zuviel schlimme Dinge auf
Erden: also dass er Den verflucht, der ihn heilte. Der aber, welcher den Lahmen
laufen macht, der thut ihm den grssten Schaden an: denn kaum kann er laufen, so
gehn seine Laster mit ihm durch - also lehrt das Volk ber Krppel. Und warum
sollte Zarathustra nicht auch vom Volke lernen, wenn das Volk von Zarathustra
lernt?
Das ist mir aber das Geringste, seit ich unter Menschen bin, dass ich sehe:
"Diesem fehlt ein Auge und jenem ein Ohr und einem Dritten das Bein, und Andre
giebt es, die verloren die Zunge oder die Nase oder den Kopf."
Ich sehe und sah Schlimmeres und mancherlei so Abscheuliches, dass ich nicht von
Jeglichem reden und von Einigem nicht einmal schweigen mchte: nmlich Menschen,
denen es an Allem fehlt, ausser dass sie Eins zuviel haben - Menschen, welche
Nichts weiter sind als ein grosses Auge, oder ein grosses Maul oder ein grosser
Bauch oder irgend etwas Grosses, - umgekehrte Krppel heisse ich Solche.
Und als ich aus meiner Einsamkeit kam und zum ersten Male ber diese Brcke
gieng: da traute ich meinen Augen nicht und sah hin, und wieder hin, und sagte
endlich: "das ist ein Ohr! Ein Ohr, so gross wie ein Mensch!" Ich sah noch
besser hin: und wirklich, unter dem Ohre bewegte sich noch Etwas, das zum
Erbarmen klein und rmlich und schmchtig war. Und wahrhaftig, das ungeheure Ohr
sass auf einem kleinen dnnen Stiele, - der Stiel aber war ein Mensch! Wer ein
Glas vor das Auge nahm, konnte sogar noch ein kleines neidisches Gesichtchen
erkennen; auch, dass ein gedunsenes Seelchen am Stiele baumelte. Das Volk sagte
mir aber, das grosse Ohr sei nicht nur ein Mensch, sondern ein grosser Mensch,
ein Genie. Aber ich glaubte dem Volke niemals, wenn es von grossen Menschen
redete - und behielt meinen Glauben bei, dass es ein umgekehrter Krppel sei,
der an Allem zu wenig und an Einem zu viel habe."
Als Zarathustra so zu dem Bucklichten geredet hatte und zu Denen, welchen er
Mundstck und Frsprecher war, wandte er sich mit tiefem Unmuthe zu seinen
Jngern und sagte:
"Wahrlich, meine Freunde, ich wandle unter den Menschen wie unter den
Bruchstcken und Gliedmaassen von Menschen!
Diess ist meinem Auge das Frchterliche, dass ich den Menschen zertrmmert finde
und zerstreuet wie ber ein Schlacht- und Schlchterfeld hin.
Und flchtet mein Auge vom Jetzt zum Ehemals: es findet immer das Gleiche:
Bruchstcke und Gliedmaassen und grause Zuflle - aber keine Menschen!
Das jetzt und das Ehemals auf Erden - ach! meine Freunde - das, ist mein
Unertrglichstes; und ich wsste nicht zu leben, wenn ich nicht noch ein Seher
wre, dessen, was kommen muss.
Ein Seher, ein Wollender, ein Schaffender, eine Zukunft selber und eine Brcke
zur Zukunft - und ach, auch noch gleichsam ein Krppel an dieser Brcke: das
Alles ist Zarathustra.
Und auch ihr fragtet euch oft: "wer ist uns Zarathustra? Wie soll er uns
heissen?" Und gleich mir selber gabt ihr euch Fragen zur Antwort.
Ist er ein Versprechender? Oder ein Erfller? Ein Erobernder? Oder ein Erbender?
Ein Herbst? Oder eine Pflugschar? Ein Arzt? Oder ein Genesener?
Ist er ein Dichter? Oder ein Wahrhaftiger? Ein Befreier? Oder ein Bndiger? Ein
Guter? Oder ein Bser?
Ich wandle unter Menschen als den Bruchstcken der Zukunft: jener Zukunft, die
ich schaue.
Und das ist all mein Dichten und Trachten, dass ich in Eins dichte und
zusammentragen was Bruchstck ist und Rthsel und grauser Zufall.
Und wie ertrge ich es, Mensch zu sein, wenn der Mensch nicht auch Dichter und
Rthselrather und der Erlser des Zufalls wre!
Die Vergangnen zu erlsen und alles "Es war" umzuschauen in ein "So wollte
ich es!" - das hiesse mir erst Erlsung!
Wille - so heisst der Befreier und Freudebringer: also lehrte ich euch, meine
Freunde! Und nun lernt diess hinzu: der Wille selber ist noch ein Gefangener.
Wollen befreit: aber wie heisst Das, was auch den Befreier noch in Ketten
schlgt?
"Es war": also heisst des Willens Zhneknirschen und einsamste Trbsal.
Ohnmchtig gegen Das, was gethan ist - ist er allem Vergangenen ein bser
Zuschauer.
Nicht zurck kann der Wille wollen; dass er die Zeit nicht brechen kann und der
Zeit Begierde, - das ist des Willens einsamste Trbsal.
Wollen befreit: was ersinnt sich das Wollen selber, dass es los seiner Trbsal
werde und seines Kerkers spotte?
Ach, ein Narr wird jeder Gefangene! Nrrisch erlst sich auch der gefangene
Wille.
Dass die Zeit nicht zurckluft, das ist sein Ingrimm; "Das, was war" - so
heisst der Stein, den er nicht wlzen kann.
Und so wlzt er Steine aus Ingrimm und Unmuth und bt Rache an dem, was nicht
gleich ihm Grimm und Unmuth fhlt.
Also wurde der Wille, der Befreier, ein Wehethter: und an Allem, was leiden
kann, nimmt er Rache dafr, dass er nicht zurck kann.
Diess, ja diess allein ist Rache selber: des Willens Widerwille gegen die Zeit
und ihr "Es war."
Wahrlich, eine grosse Narrheit wohnt in unserm Willen; und zum Fluche wurde es
allem Menschlichen, dass diese Narrheit Geist lernte!
Der Geist der Rache: meine Freunde, das war bisher der Menschen bestes
Nachdenken; und wo Leid war, da sollte immer Strafe sein.
"Strafe" nmlich, so heisst sich die Rache selber: mit einem Lgenwort
heuchelt sie sich ein gutes Gewissen.
Und weil im Wollenden selber Leid ist, darob dass es nicht zurck wollen kann, -
also sollte Wollen selber und alles Leben - Strafe sein!
Und nun wlzte sich Wolke auf Wolke ber den Geist: bis endlich der Wahnsinn
predigte: "Alles vergeht, darum ist Alles werth zu vergehn!"
"Und diess ist selber Gerechtigkeit, jenes Gesetz der Zeit, dass sie ihre
Kinder fressen muss": also predigte der Wahnsinn.
"Sittlich sind die Dinge geordnet nach Recht und Strafe. Oh wo ist die Erlsung
vom Fluss der Dinge und der Strafe Dasein"? Also predigte der Wahnsinn.
"Kann es Erlsung geben, wenn es ein ewiges Recht giebt? Ach, unwlzbar ist der
Stein "Es war": ewig mssen auch alle Strafen sein!" Also predigte der
Wahnsinn.
"Keine That kann vernichtet werden: wie knnte sie durch die Strafe ungethan
werden! Diess, diess ist das Ewige an der Strafe "Dasein", dass das Dasein
auch ewig wieder That und Schuld sein muss!
"Es sei denn, dass der Wille endlich sich selber erlste und Wollen zu
Nicht-Wollen wrde -": doch ihr kennt, meine Brder, diess Fabellied des
Wahnsinns!
Weg fhrte ich euch von diesen Fabelliedern, als ich euch lehrte: "der Wille
ist ein Schaffender."
Alles "Es war" ist ein Bruchstck, ein Rthsel, ein grauser Zufall - bis der
schaffende Wille dazu sagt: aber so wollte ich es!"
Bis der schaffende Wille dazu sagt: "Aber so will ich es! So werde ich's
wollen!"
Aber sprach er schon so? Und wann geschieht diess? Ist der Wille schon
abgeschirrt von seiner eignen Thorheit?
Wurde der Wille sich selber schon Erlser und Freudebringer? Verlernte er den
Geist der Rache und alles Zhneknirschen?
Und wer lehrte ihn Vershnung mit der Zeit, und Hheres als alle Vershnung ist?
Hheres als alle Vershnung muss der Wille wollen, welcher der Wille zur Macht
ist -: doch wie geschieht ihm das? Wer lehrte ihn auch noch das Zurckwollen?"
- Aber an dieser Stelle seiner Rede geschah es, dass Zarathustra pltzlich
innehielt und ganz einem Solchen gleich sah, der auf das usserste erschrickt.
Mit erschrecktem Auge blickte er auf seine Jnger; sein Auge durchbohrte wie mit
Pfeilen ihre Gedanken und Hintergedanken. Aber nach einer kleinen Weile lachte
er schon wieder und sagte begtigt:
"Es ist schwer, mit Menschen zu leben, weil Schweigen so schwer ist. Sonderlich
fr einen Geschwtzigen." -
Also sprach Zarathustra. Der Bucklichte aber hatte dem Gesprche zugehrt und
sein Gesicht dabei bedeckt; als er aber Zarathustra lachen hrte, blickte er
neugierig auf und sagte langsam:
"Aber warum redet Zarathustra anders zu uns als zu seinen Jngern?"
Zarathustra antwortete: "Was ist da zum Verwundern! Mit Bucklichten darf man
schon bucklicht reden!"
"Gut, sagte der Bucklichte; und mit Schlern darf man schon aus der Schule
schwtzen.
Aber warum redet Zarathustra anders zu seinen Schlern - als zu sich selber?" -

Von der Menschen-Klugheit
Nicht die Hhe: der Abhang ist das Furchtbare!
Der Abhang, wo der Blick hinunter strzt und die Hand hinauf greift. Da
schwindelt dem Herzen vor seinem doppelten Willen.
Ach, Freunde, errathet ihr wohl auch meines Herzens doppelten Willen?
Das, Das ist mein Abhang und meine Gefahr, dass mein Blick in die Hhe strzt,
und dass meine Hand sich halten und sttzen mchte - an der Tiefe!
An den Menschen klammert sich mein Wille, mit Ketten binde ich mich an den
Menschen, weil es mich hinauf reisst zum Obermenschen: denn dahin will mein
andrer Wille.
Und dazu lebe ich blind unter den Menschen; gleich als ob ich sie nicht kennte:
dass meine Hand ihren Glauben an Festes nicht ganz verliere.
Ich kenne euch Menschen nicht: diese Finsterniss und Trstung ist oft um mich
gebreitet.
Ich sitze am Thorwege fr jeden Schelm und frage: wer will mich betrgen?
Das ist meine erste Menschen-Klugheit, dass ich mich betrgen lasse, um nicht
auf der Hut zu sein vor Betrgern.
Ach, wenn ich auf der Hut wre vor dem Menschen: wie knnte meinem Balle der
Mensch ein Anker sein! Zu leicht risse es mich hinauf und hinweg!
Diese Vorsehung ist ber meinem Schicksal, dass ich ohne Vorsicht sein muss.
Und wer unter Menschen nicht verschmachten will, muss lernen, aus allen Glsern
zu trinken; und wer unter Menschen rein bleiben will, muss verstehn, sich auch
mit schmutzigem Wasser zu waschen.
Und also sprach ich oft mir zum Troste: "Wohlan! Wohlauf! Altes Herz! Ein
Unglck missrieth dir: geniesse diess als dein - Glck!"
Diess aber ist meine andre Menschen-Klugheit: ich schone die Eitlen mehr als die
Stolzen.
Ist nicht verletzte Eitelkeit die Mutter aller Trauerspiele? Wo aber Stolz
verletzt wird, da wchst wohl etwas Besseres noch, als Stolz ist.
Damit das Leben gut anzuschaun sei, muss sein Spiel gut gespielt werden: dazu
aber bedarf es guter Schauspieler.
Gute Schauspieler fand ich alle Eitlen: sie spielen und wollen, dass ihnen gern
zugeschaut werde, - all ihr Geist ist bei diesem Willen.
Sie fhren sich auf, sie erfinden sich; in ihrer Nhe liebe ich's, dem Leben
zuzuschaun, - es heilt von der Schwermuth.
Darum schone ich die Eitlen, weil sie mir Arzte sind meiner Schwermuth und mich
am Menschen fest halten als an einem Schauspiele.
Und dann: wer ermisst am Eitlen die ganze Tiefe seiner Bescheidenheit! Ich bin
ihm gut und mitleidig ob seiner Bescheidenheit.
Von euch will er seinen Glauben an sich lernen; er nhrt sich an euren Blicken,
er frisst das Lob aus euren Hnden.
Euren Lgen glaubt er noch, wenn ihr gut ber ihn lgt: denn im Tiefsten seufzt
sein Herz: was bin ich!"
Und wenn das die rechte Tugend ist, die nicht um sich selber weiss: nun, der
Eitle weiss nicht um seine Bescheidenheit! -
Das ist aber meine dritte Menschen-Klugheit, dass ich mir den Anblick der Bsen
nicht verleiden lasse durch eure Furchtsamkeit.
Ich bin selig, die Wunder zu sehn, welche heisse Sonne ausbrtet: Tiger und
Palmen und Klapperschlangen.
Auch unter Menschen giebt es schne Brut heisser Sonne und viel Wunderwrdiges
an den Bsen.
Zwar, wie eure Weisesten mir nicht gar so weise erschienen: so fand ich auch der
Menschen Bosheit unter ihrem Rufe.
Und oft fragte ich mit Kopfschtteln: Warum noch klappern, ihr Klapperschlangen?
Wahrlich, es giebt auch fr das Bse noch eine Zukunft! Und der heisseste Sden
ist noch nicht entdeckt fr den Menschen.
Wie Manches heisst jetzt schon rgste Bosheit, was doch nur zwlf Schuhe breit
und drei Monate lang ist! Einst aber werden grssere Drachen zur Welt kommen.
Denn dass dem bermenschen sein Drache nicht fehle, der ber-Drache, der seiner
wrdig ist: dazu muss viel heisse Sonne noch auf feuchten Urwald glhen!
Aus euren Wildkatzen mssen erst Tiger geworden sein und aus euren Giftkrten
Krokodile: denn der gute Jger soll eine gute Jagd haben!
Und wahrlich, ihr Guten und Gerechten! An euch ist Viel zum Lachen und zumal
eure Furcht vor dem, was bisher "Teufel" hiess!
So fremd seid ihr dem Grossen mit eurer Seele, dass euch der bermensch
furchtbar sein wrde in seiner Gte!
Und ihr Weisen und Wissenden, ihr wrdet vor dem Sonnenbrande der Weisheit
flchten, in dem der bermensch mit Lust seine Nacktheit badet!
Ihr hchsten Menschen, denen mein Auge begegnete! das ist mein Zweifel an euch
und mein heimliches Lachen: ich rathe, ihr wrdet meinen bermenschen - Teufel
heissen!
Ach, ich ward dieser Hchsten und Besten mde: aus ihrer "Hhe" verlangte mich
hinauf, hinaus, hinweg zu dem bermenschen!
Ein Grausen berfiel mich, als ich diese Besten nackend sah: da wuchsen mir die
Flgel, fortzuschweben in ferne Zuknfte.
In fernere Zuknfte, in sdlichere Sden, als je ein Bildner trumte: dorthin,
wo Gtter sich aller Kleider schmen!
Aber verkleidet will ich euch sehn, ihr Nchsten und Mitmenschen, und gut
geputzt, und eitel, und wrdig, als "die Guten und Gerechten," -
Und verkleidet will ich selber unter euch sitzen, - dass ich euch und mich
verkenne: das ist nmlich meine letzte Menschen-Klugheit.
Also sprach Zarathustra.

Die stillste Stunde
Was geschah mir, meine Freunde? Ihr seht mich verstrt, fortgetrieben,
unwillig-folgsam, bereit zu gehen - ach, von euch fortzugehen!
Ja, noch Ein Mal muss Zarathustra in seine Einsamkeit: aber unlustig geht
diessmal der Br zurck in seine Hhle!
Was geschah mir? Wer gebeut diess? - Ach, meine zornige Herrin will es so, sie
sprach zu mir: nannte ich je euch schon ihren Namen?
Gestern gen Abend sprach zu mir meine stillste Stunde: das ist der Name meiner
furchtbaren Herrin.
Und so geschah's, - denn Alles muss ich euch sagen, dass euer Herz sich nicht
verhrte gegen den pltzlich Scheidenden!
Kennt ihr den Schrecken des Einschlafenden? -
Bis in die Zehen hinein erschrickt er, darob, dass ihm der Boden weicht und der
Traum beginnt.
Dieses sage ich euch zum Gleichniss. Gestern, zur stillsten Stunde, wich mir der
Boden: der Traum begann.
Der Zeiger rckte, die Uhr meines Lebens holte Athem - nie hrte ich solche
Stille um mich: also dass mein Herz erschrak.
Dann sprach es ohne Stimme zu mir: "Du weisst es, Zarathustra?" -
Und ich schrie vor Schrecken bei diesem Flstern, und das Blut wich aus meinem
Gesichte: aber ich schwieg.
Da sprach es abermals ohne Stimme zu mir: "Du weisst es, Zarathustra, aber du
redest es nicht!" -
Und ich antwortete endlich gleich einem Trotzigen: "Ja, ich weiss es, aber ich
will es nicht reden!"
Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: "Du willst nicht, Zarathustra? Ist
diess auch wahr? Verstecke dich nicht in deinen Trotz!" -
Und ich weinte und zitterte wie ein Kind und sprach: "Ach, ich wollte schon,
aber wie kann ich es! Erlass mir diess nur! Es ist ber meine Kraft!"
Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: "Was liegt an dir, Zarathustra! Sprich
dein Wort und zerbrich!" -
Und ich antwortete: "Ach, ist es mein Wort? Wer bin ich? Ich warte des
Wrdigeren; ich bin nicht werth, an ihm auch nur zu zerbrechen."
Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: "Was liegt an dir? Du bist mir noch
nicht demthig genug. Die Demuth hat das hrteste Fell." -
Und ich antwortete: "Was trug nicht schon das Fell meiner Demuth! Am Fusse
wohne ich meiner Hhe: wie hoch meine Gipfel sind? Niemand sagte es mir noch.
Aber gut kenne ich meine Thler."
Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: "Oh Zarathustra, wer Berge zu versetzen
hat, der versetzt auch Thler und Niederungen." -
Und ich antwortete: "Noch versetzte mein Wort keine Berge, und was ich redete,
erreichte die Menschen nicht. Ich gieng wohl zu den Menschen, aber noch langte
ich nicht bei ihnen an."
Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: "Was weisst du davon! Der Thau fllt
auf das Gras, wenn die Nacht am verschwiegensten ist." -
Und ich antwortete: "sie verspotteten mich, als ich meinen eigenen Weg fand und
gieng; und in Wahrheit zitterten damals meine Fsse.
Und so sprachen sie zu mir: du verlerntest den Weg, nun verlernst du auch das
Gehen!"
Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: "Was liegt an ihrem Spotte! Du bist
Einer, der das Gehorchen verlernt hat: nun sollst du befehlen!
Weisst du nicht, wer Allen am nthigsten thut? Der Grosses befiehlt.
Grosses vollfhren ist schwer: aber das Schwerere ist, Grosses befehlen.
Das ist dein Unverzeihlichstes: du hast die Macht, und du willst nicht
herrschen." -
Und ich antwortete: "Mir fehlt des Lwen Stimme zu allem Befehlen."
Da sprach es wieder wie ein Flstern zu mir: "Die stillsten Worte sind es,
welche den Sturm bringen. Gedanken, die mit Taubenfssen kommen, lenken die
Welt.
Oh Zarathustra, du sollst gehen als ein Schatten dessen, was kommen muss: so
wirst du befehlen und befehlend vorangehen." -
Und ich antwortete: "Ich schme mich."
Da sprach es wieder ohne Stimme zu mir: "Du musst noch Kind werden und ohne
Scham.
Der Stolz der Jugend ist noch auf dir, spt bist du jung geworden: aber wer zum
Kinde werden will, muss auch noch seine Jugend berwinden." -
Und ich besann mich lange und zitterte. Endlich aber sagte ich, was ich zuerst
sagte: "Ich will nicht."
Da geschah ein Lachen um mich. Wehe, wie diess Lachen mir die Eingeweide zerriss
und das Herz aufschlitzte!
Und es sprach zum letzten Male zu mir: "Oh Zarathustra, deine Frchte sind
reif, aber du bist nicht reif fr deine Frchte!
So musst du wieder in die Einsamkeit: denn du sollst noch mrbe werden." -
Und wieder lachte es und floh: dann wurde es stille um mich wie mit einer
zwiefachen Stille. Ich aber lag am Boden, und der Schweiss floss mir von den
Gliedern.
- Nun hrtet ihr Alles, und warum ich in meine Einsamkeit zurck muss. Nichts
verschwieg ich euch, meine Freunde.
Aber auch diess hrtet ihr von mir, wer immer noch aller Menschen
Verschwiegenster ist - und es sein will!
Ach meine Freunde! Ich htte euch noch Etwas zu sagen, ich htte euch noch Etwas
zu geben! Warum gebe ich es nicht? Bin ich denn geizig?" -
Als Zarathustra aber diese Worte gesprochen hatte, berfiel ihn die Gewalt des
Schmerzes und die Nhe des Abschieds von seinen Freunden, also dass er laut
weinte; und Niemand wusste ihn zu trsten. Des Nachts aber gieng er allein fort
und verliess seine Freunde.

Dritter Theil
"Ihr seht nach Oben, wenn ihr nach Erhebung verlangt. Und ich sehe hinab, weil
ich erhoben bin.
Wer von euch kann zugleich lachen und erhoben sein?
Wer auf den hchsten Bergen steigt, der lacht ber alle Trauer-Spiele und
Trauer-Ernste."
Zarathustra, vom Lesen und Schreiben.
Der Wanderer
Um Mitternacht war es, da nahm Zarathustra seinen Weg ber den Rcken der Insel,
dass er mit dem frhen Morgen an das andre Gestade kme: denn dort wollte er zu
Schiff steigen. Es gab nmlich allda eine gute Rhede, an der auch fremde Schiffe
gern vor Anker giengen; die nahmen Manchen mit sich, der von den glckseligen
Inseln ber das Meer wollte. Als nun Zarathustra so den Berg hinanstieg,
gedachte er unterwegs des vielen einsamen Wanderns von Jugend an, und wie viele
Berge und Rcken und Gipfel er schon gestiegen sei.
Ich bin ein Wanderer und ein Bergsteiger, sagte er zu seinem Herzen, ich liebe
die Ebenen nicht und es scheint, ich kann nicht lange still sitzen.
Und was mir nun auch noch als Schicksal und Erlebniss komme, - ein Wandern wird
darin sein und ein Bergsteigen: man erlebt endlich nur noch sich selber.
Die Zeit ist abgeflossen, wo mir noch Zuflle begegnen durften; und was knnte
jetzt noch zu mir fallen, was nicht schon mein Eigen wre!
Es kehrt nur zurck, es kommt mir endlich heim - mein eigen Selbst, und was von
ihm lange in der Fremde war und zerstreut unter alle Dinge und Zuflle.
Und noch Eins weiss ich: ich stehe jetzt vor meinem letzten Gipfel und vor dem,
was mir am lngsten aufgespart war. Ach, meinen hrtesten Weg muss ich hinan!
Ach, ich begann meine einsamste Wanderung!
Wer aber meiner Art ist, der entgeht einer solchen Stunde nicht: der Stunde, die
zu ihm redet: "Jetzo erst gehst du deinen Weg der Grsse! Gipfel und Abgrund -
das ist jetzt in Eins beschlossen!
Du gehst deinen Weg der Grsse: nun ist deine letzte Zuflucht worden, was bisher
deine letzte Gefahr hiess!
Du gehst deinen Weg der Grsse: das muss nun dein bester Muth sein, dass es
hinter dir keinen Weg mehr giebt!
Du gehst deinen Weg der Grsse; hier soll dir Keiner nachschleichen! Dein Fuss
selber lschte hinter dir den Weg aus, und ber ihm steht geschrieben:
Unmglichkeit.
Und wenn dir nunmehr alle Leitern fehlen, so musst du verstehen, noch auf deinen
eigenen Kopf zu steigen: wie wolltest du anders aufwrts steigen?
Auf deinen eigenen Kopf und hinweg ber dein eigenes Herz! Jetzt muss das
Mildeste an dir noch zum Hrtesten werden.
Wer sich stets viel geschont hat, der krnkelt zuletzt an seiner vielen
Schonung. Gelobt sei, was hart macht! Ich lobe das Land nicht, wo Butter und
Honig - fliesst!
Von sich absehn lernen ist nthig, um Viel zu sehn: - diese Hrte thut jedem
Berge-Steigenden Noth.
Wer aber mit den Augen zudringlich ist als Erkennender, wie sollte der von allen
Dingen mehr als ihre vorderen Grnde sehn!
Du aber, oh Zarathustra, wolltest aller Dinge Grund schaun und Hintergrund: so
musst du schon ber dich selber steigen, - hinan, hinauf, bis du auch deine
Sterne noch unter dir hast!
Ja! Hinab auf mich selber sehn und noch auf meine Sterne: das erst hiesse mir
mein Gipfel, das blieb mir noch zurck als mein letzter Gipfel! -
Also sprach Zarathustra im Steigen zu sich, mit harten Sprchlein sein Herz
trstend: denn er war wund am Herzen wie noch niemals zuvor. Und als er auf die
Hhe des Bergrckens kam, siehe, da lag das andere Meer vor ihm ausgebreitet:
und er stand still und schwieg lange. Die Nacht aber war kalt in dieser Hhe und
klar und hellgestirnt.
Ich erkenne mein Loos, sagte er endlich mit Trauer. Wohlan! Ich bin bereit. Eben
begann meine letzte Einsamkeit.
Ach, diese schwarze traurige See unter mir! Ach, diese schwangere nchtliche
Verdrossenheit! Ach, Schicksal und See! Zu euch muss ich nun hinab steigen!
Vor meinem hchsten Berge stehe ich und vor meiner lngsten Wanderung: darum
muss ich erst tiefer hinab als ich jemals stieg:
- tiefer hinab in den Schmerz als ich jemals stieg, bis hinein in seine
schwrzeste Fluth! So will es mein Schicksal: Wohlan! Ich bin bereit.
Woher kommen die hchsten Berge? so fragte ich einst. Da lernte ich, dass sie
aus dem Meere kommen.
Diess Zeugniss ist in ihr Gestein geschrieben und in die Wnde ihrer Gipfel. Aus
dem Tiefsten muss das Hchste zu seiner Hhe kommen. -
Also sprach Zarathustra auf der Spitze des Berges, wo es kalt war; als er aber
in die Nhe des Meeres kam und zuletzt allein unter den Klippen stand, da war er
unterwegs mde geworden und sehnschtiger als noch zuvor.
Es schlft jetzt Alles noch, sprach er; auch das Meer schlft. Schlaftrunken und
fremd blickt sein Auge nach mir.
Aber es athmet warm, das fhle ich. Und ich fhle auch, dass es trumt. Es
windet sieh trumend auf harten Kissen.
Horch! Horch! Wie es sthnt von bsen Erinnerungen! Oder bsen Erwartungen?
Ach, ich bin traurig mit dir, du dunkles Ungeheuer, und mir selber noch gram um
deinetwillen.
Ach, dass meine Hand nicht Strke genug hat! Gerne, wahrlich, mchte ich dich
von bsen Trumen erlsen! -
Und indem Zarathustra so sprach, lachte er mit Schwermuth und Bitterkeit ber
sich selber. "Wie! Zarathustra! sagte er, willst du noch dem Meere Trost
singen?
Ach, du liebreicher Narr Zarathustra, du Vertrauens-berseliger! Aber so warst
du immer: immer kamst du vertraulich zu allem Furchtbaren.
Jedes Ungethm wolltest du noch streicheln. Ein Hauch warmen Athems, ein Wenig
weiches Gezottel an der Tatze -: und gleich warst du bereit, es zu lieben und zu
locken.
Die Liebe ist die Gefahr des Einsamsten, die Liebe zu Allem, wenn es nur lebt!
Zum Lachen ist wahrlich meine Narrheit und meine Bescheidenheit in der Liebe!"
-
Also sprach Zarathustra und lachte dabei zum andern Male: da aber gedachte er
seiner verlassenen Freunde -, und wie als ob er sich mit seinen Gedanken an
ihnen vergangen habe, zrnte er sich ob seiner Gedanken. Und alsbald geschah es,
dass der Lachende weinte: - vor Zorn und Sehnsucht weinte Zarathustra
bitterlich.

Vom Gesicht und Rthsel
1
Als es unter den Schiffsleuten ruchbar wurde, dass Zarathustra auf dem Schiffe
sei, - denn es war ein Mann zugleich mit ihm an Bord gegangen, der von den
glckseligen Inseln kam - da entstand eine grosse Neugierde und Erwartung. Aber
Zarathustra schwieg zwei Tage und war kalt und taub vor Traurigkeit, also, dass
er weder auf Blicke noch auf Fragen antwortete. Am Abende aber des zweiten Tages
that er seine Ohren wieder auf, ob er gleich noch schwieg: denn es gab viel
Seltsames und Gefhrliches auf diesem Schiffe anzuhren, welches weither kam und
noch weiterhin wollte. Zarathustra aber war ein Freund aller Solchen, die weite
Reisen thun und nicht ohne Gefahr leben mgen. Und siehe! zuletzt wurde ihm im
Zuhren die eigne Zunge gelst, und das Eis seines Herzens brach: - da begann er
also zu reden:
Euch, den khnen Suchern, Versuchern, und wer je sich mit listigen Segeln auf
furchtbare Meere einschiffte, -
euch, den Rthsel-Trunkenen, den Zwielicht-Frohen, deren Seele mit Flten zu
jedem Irr-Schlunde gelockt wird:
- denn nicht wollt ihr mit feiger Hand einem Faden nachtasten; und, wo ihr
errathen knnt, da hasst ihr es, zu erschliessen -
euch allein erzhle ich das Rthsel, das ich sah, - das Gesicht des Einsamsten.
-
Dster gierig ich jngst durch leichenfarbne Dmmerung, - dster und hart, mit
gepressten Lippen. Nicht nur Eine Sonne war mir untergegangen.
Ein Pfad, der trotzig durch Gerll stieg, ein boshafter, einsamer, dem nicht
Kraut, nicht Strauch mehr zusprach: ein Bergpfad knirschte unter dem Trotz
meines Fusses.
Stumm ber hhnischem Geklirr von Kieseln schreitend, den Stein zertretend, der
ihn gleiten liess: also zwang mein Fuss sich aufwrts.
Aufwrts: - dem Geiste zum Trotz, der ihn abwrts zog, abgrundwrts zog, dem
Geiste der Schwere, meinem Teufel und Erzfeinde.
Aufwrts: - obwohl er auf mir sass, halb Zwerg, halb Maulwurf; lahm; lhmend;
Blei durch mein Ohr, Bleitropfen-Gedanken in mein Hirn trufelnd.
"Oh Zarathustra, raunte er hhnisch Silb' um Silbe, du Stein der Weisheit! Du
warfst dich hoch, aber jeder geworfene Stein muss - fallen!
Oh Zarathustra, du Stein der Weisheit, du Schleuderstein, du Stern-Zertrmmerer!
Dich selber warfst du so hoch, - aber jeder geworfene Stein - muss fallen!
Verurtheilt zu dir selber und zur eignen Steinigung: oh Zarathustra, weit warfst
du ja den Stein, - aber auf dich wird er zurckfallen!"
Drauf schwieg der Zwerg; und das whrte lange. Sein Schweigen aber drckte mich;
und solchermaassen zu Zwein ist man wahrlich einsamer als zu Einem!
Ich stieg, ich stieg, ich trumte, ich dachte, - aber Alles drckte mich. Einem
Kranken glich ich, den seine schlimme Marter mde macht, und den wieder ein
schlimmerer Traum aus dem Einschlafen weckt. -
Aber es giebt Etwas in mir, das ich Muth heisse: das schlug bisher mir jeden
Unmuth todt. Dieser Muth hiess mich endlich stille stehn und sprechen: "Zwerg!
Du! Oder ich!" -
Muth nmlich ist der beste Todtschlger, - Muth, welcher angreift : denn in
jedem Angriffe ist klingendes Spiel.
Der Mensch aber ist das muthigste Thier: damit berwand er jedes Thier. Mit
klingendem Spiele berwand er noch jeden Schmerz; Menschen-Schmerz aber ist der
tiefste Schmerz.
Der Muth schlgt auch den Schwindel todt an Abgrnden: und wo stnde der Mensch
nicht an Abgrnden! Ist Sehen nicht selber - Abgrnde sehen?
Muth ist der beste Todtschlger: der Muth schlgt auch das Mitleiden todt.
Mitleiden aber ist der tiefste Abgrund: so tief der Mensch in das Leben sieht,
so tief sieht er auch in das Leiden.
Muth aber ist der beste Todtschlger, Muth, der angreift: der schlgt noch den
Tod todt, denn er spricht: "War das das Leben? Wohlan! Noch Ein Mal!"
In solchem Spruche aber ist viel klingendes Spiel. Wer Ohren hat, der hre. -
2
"Halt! Zwerg! sprach ich. Ich! Oder du! Ich aber bin der Strkere von uns
Beiden -: du kennst meinen abgrndlichen Gedanken nicht! Den - knntest du nicht
tragen!" -
Da geschah, was mich leichter machte: denn der Zwerg sprang mir von der
Schulter, der Neugierige! Und er hockte sich auf einen Stein vor mich hin. Es
war aber gerade da ein Thorweg, wo wir hielten.
"Siehe diesen Thorweg! Zwerg! sprach ich weiter: der hat zwei Gesichter. Zwei
Wege kommen hier zusammen: die gieng noch Niemand zu Ende.
Diese lange Gasse zurck: die whrt eine Ewigkeit. Und jene lange Gasse hinaus -
das ist eine andre Ewigkeit.
Sie widersprechen sich, diese Wege; sie stossen sich gerade vor den Kopf: - und
hier, an diesem Thorwege, ist es, wo sie zusammen kommen. Der Name des Thorwegs
steht oben geschrieben: "Augenblick".
Aber wer Einen von ihnen weiter gienge - und immer weiter und immer ferner:
glaubst du, Zwerg, dass diese Wege sich ewig widersprechen?" -
"Alles Gerade lgt, murmelte verchtlich der Zwerg. Alle Wahrheit ist krumm,
die Zeit selber ist ein Kreis."
"Du Geist der Schwere! sprach ich zrnend, mache dir es nicht zu leicht! Oder
ich lasse dich hocken, wo du hockst, Lahmfuss, - und ich trug dich hoch!
Siehe, sprach ich weiter, diesen Augenblick! Von diesem Thorwege Augenblick
luft eine lange ewige Gasse rckwrts hinter uns liegt eine Ewigkeit.
Muss nicht, was laufen kann von allen Dingen, schon einmal diese Gasse gelaufen
sein? Muss nicht, was geschehn kann von allen Dingen, schon einmal geschehn,
gethan, vorbergelaufen sein?
Und wenn Alles schon dagewesen ist: was hltst du Zwerg von diesem Augenblick?
Muss auch dieser Thorweg nicht schon - dagewesen sein?
Und sind nicht solchermaassen fest alle Dinge verknotet, dass dieser Augenblick
alle kommenden Dinge nach sich zieht? Also - sich selber noch?
Denn, was laufen kann von allen Dingen: auch in dieser langen Gasse hinaus -
muss es einmal noch laufen! -
Und diese langsame Spinne, die im Mondscheine kriecht, und dieser Mondschein
selber, und ich und du im Thorwege, zusammen flsternd, von ewigen Dingen
flsternd - mssen wir nicht Alle schon dagewesen sein?
- und wiederkommen und in jener anderen Gasse laufen, hinaus, vor uns, in dieser
langen schaurigen Gasse - mssen wir nicht ewig wiederkommen? -"
Also redete ich, und immer leiser: denn ich frchtete mich vor meinen eignen
Gedanken und Hintergedanken. Da, pltzlich, hrte ich einen Hund nahe heulen.
Hrte ich jemals einen Hund so heulen? Mein Gedanke lief zurck. Ja! Als ich
Kind war, in fernster Kindheit:
- da hrte ich einen Hund so heulen. Und sah ihn auch, gestrubt, den Kopf nach
Oben, zitternd, in stillster Mitternacht, wo auch Hunde an Gespenster glauben:
- also dass es mich erbarmte. Eben nmlich gieng der volle Mond, todtschweigsam,
ber das Haus, eben stand er still, eine runde Gluth, - still auf flachem Dache,
gleich als auf fremdem Eigenthume: -
darob entsetzte sich damals der Hund: denn Hunde glauben an Diebe und
Gespenster. Und als ich wieder so heulen hrte, da erbarmte es mich abermals.
Wohin war jetzt Zwerg? und Thorweg? Und Spinne? Und alles Flstern? Trumte ich
denn? Wachte ich auf? Zwischen wilden Klippen stand ich mit Einem Male, allein,
de, im desten Mondscheine.
Aber da lag ein Mensch! Und da! Der Hund, springend, gestrubt, winselnd, -
jetzt sah er mich kommen - da heulte er wieder, da schrie er: - hrte ich je
einen Hund so Hlfe schrein?
Und, wahrlich, was ich sah, desgleichen sah ich nie. Einen jungen Hirten sah
ich, sich windend, wrgend, zuckend, verzerrten Antlitzes, dem eine schwarze
schwere Schlange aus dem Munde hieng.
Sah ich je so viel Ekel und bleiches Grauen auf Einem Antlitze? Er hatte wohl
geschlafen? Da kroch ihm die Schlange in den Schlund - da biss sie sich fest.
Meine Hand riss die Schlange und riss: - umsonst! sie riss die Schlange nicht
aus dem Schlunde. Da schrie es aus mir: "Beiss zu! Beiss zu!
Den Kopf ab! Beiss zu!" - so schrie es aus mir, mein Grauen, mein Hass, mein
Ekel, mein Erbarmen, all mein Gutes und Schlimmes schrie mit Einem Schrei aus
mir. -
Ihr Khnen um mich! Ihr Sucher, Versucher, und wer von euch mit listigen Segeln
sich in unerforschte Meere einschiffte! Ihr Rthsel-Frohen!
So rathet mir doch das Rthsel, das ich damals schaute, so deutet mir doch das
Gesicht des Einsamsten!
Denn ein Gesicht war's und ein Vorhersehn: - was sah ich damals im Gleichnisse?
Und wer ist, der einst noch kommen muss?
Wer ist der Hirt, dem also die Schlange in den Schlund kroch? Wer ist der
Mensch, dem also alles Schwerste, Schwrzeste in den Schlund kriechen wird?
- Der Hirt aber biss, wie mein Schrei ihm rieth; er biss mit gutem Bisse! Weit
weg spie er den Kopf der Schlange -: und sprang empor. -
Nicht mehr Hirt, nicht mehr Mensch, - ein Verwandelter, ein Umleuchteter,
welcher lachte ! Niemals noch auf Erden lachte je ein Mensch, wie er lachte!
Oh meine Brder, ich hrte ein Lachen, das keines Menschen Lachen war, - und
nun frisst ein Durst an mir, eine Sehnsucht, die nimmer stille wird.
Meine Sehnsucht nach diesem Lachen frisst an mir: oh wie ertrage ich noch zu
leben! Und wie ertrge ich's, jetzt zu sterben! -
Also sprach Zarathustra.

Von der Seligkeit wider Willen
Mit solchen Rthseln und Bitternissen im Herzen fuhr Zarathustra ber das Meer.
Als er aber vier Tagereisen fern war von den glckseligen Inseln und von seinen
Freunden, da hatte er allen seinen Schmerz berwunden -: siegreich und mit
festen Fssen stand er wieder auf seinem Schicksal. Und damals redete
Zarathustra also zu seinem frohlockenden Gewissen:
Allein bin ich wieder und will es sein, allein mit reinem Himmel und freiem
Meere; und wieder ist Nachmittag um mich.
Des Nachmittags fand ich zum ersten Male einst meine Freunde, des Nachmittags
auch zum anderen Male: - zur Stunde, da alles Licht stiller wird.
Denn was von Glck noch unterwegs ist zwischen Himmel und Erde, das sucht sich
nun zur Herberge noch eine lichte Seele: vor Glck ist alles Licht jetzt stiller
worden.
Oh Nachmittag meines Lebens! Einst stieg auch mein Glck zu Thale, dass es sich
eine Herberge suche: da fand es diese offnen gastfreundlichen Seelen.
Oh Nachmittag meines Lebens! Was gab ich nicht hin, dass ich Eins htte: diese
lebendige Pflanzung meiner Gedanken und diess Morgenlicht meiner hchsten
Hoffnung!
Gefhrten suchte einst der Schaffende und Kinder seiner Hoffnung: und siehe, es
fand sich, dass er sie nicht finden knne, es sei denn, er schaffe sie selber
erst.
Also bin ich mitten in meinem Werke, zu meinen Kindern gehend und von ihnen
kehrend: um seiner Kinder willen muss Zarathustra sich selbst vollenden.
Denn von Grund aus liebt man nur sein Kind und Werk; und wo grosse Liebe zu sich
selber ist, da ist sie der Schwangerschaft Wahrzeichen: so fand ich's.
Noch grnen mir meine Kinder in ihrem ersten Frhlinge, nahe bei einander
stehend und gemeinsam von Winden geschttelt, die Bume meines Gartens und
besten Erdreichs.
"Und wahrlich! Wo solche Bume bei einander stehn, da sind glckselige Inseln!
Aber einstmals will ich sie ausheben und einen jeden fr sich allein stellen:
dass er Einsamkeit lerne und Trotz und Vorsicht.
Knorrig und gekrmmt und mit biegsamer Hrte soll er mir dann am Meere dastehn,
ein lebendiger Leuchtthurm unbesiegbaren Lebens.
Dort, wo die Strme hinab in's Meer strzen, und des Gebirgs Rssel Wasser
trinkt, da soll ein jeder einmal seine Tag- und Nachtwachen haben, zu seiner
Prfung und Erkenntniss.
Erkannt und geprft soll er werden, darauf, ob er meiner Art und Abkunft ist, -
ob er eines langen Willens Herr sei, schweigsam, auch wenn er redet, und
nachgebend also, dass er im Geben nimmt: -
- dass er einst mein Gefhrte werde und ein Mitschaffender und Mitfeiernder
Zarathustra's -: ein Solcher, der mir meinen Willen auf meine Tafeln schreibt:
zu aller Dinge vollerer Vollendung.
Und um seinetwillen und seines Gleichen muss ich selber mich vollenden: darum
weiche ich jetzt meinem Glcke aus und biete mich allem Unglcke an - zu meiner
letzten Prfung und Erkenntniss.
Und wahrlich, Zeit war's, dass ich gierig; und des Wanderers Schatten und die
lngste Weile und die stillste Stunde - alle redeten mir zu: "es ist hchste
Zeit!"
Der Wind blies mir durch's Schlsselloch und sagte "Komm!" Die Thr sprang mir
listig auf und sagte "Geh!"
Aber ich lag angekettet an die Liebe zu meinen Kindern: das Begehren legte mir
diese Schlinge, das Begehren nach Liebe, dass ich meiner Kinder Beute wrde und
mich an sie verlre.
Begehren - das heisst mir schon: mich verloren haben. Ich habe euch, meine
Kinder! In diesem Haben soll Alles Sicherheit und Nichts Begehren sein.
Aber brtend lag die Sonne meiner Liebe auf mir, im eignen Safte kochte
Zarathustra, - da flogen Schatten und Zweifel ber mich weg.
Nach Frost und Winter gelstete mich schon: "oh dass Frost und Winter mich
wieder knacken und knirschen machten!" seufzte ich: - da stiegen eisige Nebel
aus mir auf.
Meine Vergangenheit brach ihm Grber, manch lebendig begrabner Schmerz wachte
auf -: ausgeschlafen hatte er sich nur, versteckt in Leichen-Gewnder.
Also rief mir Alles in Zeichen zu: "es ist Zeit!" - Aber ich - hrte nicht:
bis endlich mein Abgrund sich rhrte und mein Gedanke mich biss.
Ach, abgrndlicher Gedanke, der du mein Gedanke bist! Wann finde ich die Strke,
dich graben zu hren und nicht mehr zu zittern?
Bis zur Kehle hinauf klopft mir das Herz, wenn ich dich graben hre! Dein
Schweigen noch will mich wrgen, du abgrndlich Schweigender!
Noch wagte ich niemals, dich herauf zu rufen: genug schon, dass ich dich mit mir
- trug! Noch war ich nicht stark genug zum letzten Lwen-bermuthe und
-Muthwillen.
Genug des Furchtbaren war mir immer schon deine Schwere: aber einst soll ich
noch die Strke finden und die Lwen-Stimme, die dich herauf ruft!
Wenn ich mich dessen erst berwunden habe, dann will ich mich auch des Grsseren
noch berwinden; und ein Sieg soll meiner Vollendung Siegel sein! -
Inzwischen treibe ich noch auf ungewissen Meeren; der Zufall schmeichelt mir,
der glattzngige; vorwrts und rckwrts schaue ich -, noch schaue ich kein
Ende.
Noch kam mir die Stunde meines letzten Kampfes nicht, - oder kommt sie wohl mir
eben? Wahrlich, mit tckischer Schnheit schaut mich rings Meer und Leben an!
Oh Nachmittag meines Lebens! Oh Glck vor Abend! Oh Hafen auf hoher See! Oh
Friede im Ungewissen! Wie misstraue ich euch Allen!
Wahrlich, misstrauisch bin ich gegen eure tckische Schnheit! Dem Liebenden
gleiche ich, der allzusammtenem Lcheln misstraut.
Wie er die Geliebteste vor sich her stsst, zrtlich noch in seiner Hrte, der
Eiferschtige -, also stosse ich diese selige Stunde vor mir her.
Hinweg mit dir, du selige Stunde! Mit dir kam mir eine Seligkeit wider Willen!
Willig zu meinem tiefsten Schmerze stehe ich hier: - zur Unzeit kamst du!
Hinweg mit dir, du selige Stunde! Lieber nimm Herberge dort - bei meinen
Kindern! Eile! und segne sie vor Abend noch mit meinem Glcke!
Da naht schon der Abend: die Sonne sinkt. Dahin - mein Glck! -
Also sprach Zarathustra. Und er wartete auf sein Unglck die ganze Nacht: aber
er wartete umsonst. Die Nacht blieb hell und still, und das Glck selber kam ihm
immer nher und nher. Gegen Morgen aber lachte Zarathustra zu seinem Herzen und
sagte spttisch: "das Glck luft mir nach. Das kommt davon, dass ich nicht den
Weibern nachlaufe. Das Glck aber ist ein Weib."

Vor Sonnen-Aufgang
Oh Himmel ber mir, du Reiner! Tiefer! Du Licht-Abgrund! Dich schauend schaudere
ich vor gttlichen Begierden.
In deine Hhe mich zu werfen - das ist meine Tiefe! In deine Reinheit mich zu
bergen - das ist meine Unschuld!
Den Gott verhllt seine Schnheit: so verbirgst du deine Sterne. Du redest
nicht: so kndest du mir deine Weisheit.
Stumm ber brausendem Meere bist du heut mir aufgegangen, deine Liebe und deine
Scham redet Offenbarung zu meiner brausenden Seele.
Dass du schn zu mir kamst, verhllt in deine Schnheit, dass du stumm zu mir
sprichst, offenbar in deiner Weisheit:
Oh wie erriethe ich nicht alles Schamhafte deiner Seele! Vor der Sonne kamst du
zu mir, dem Einsamsten.
Wir sind Freunde von Anbeginn: uns ist Gram und Grauen und Grund gemeinsam; noch
die Sonne ist uns gemeinsam.
Wir reden nicht zu einander, weil wir zu Vieles wissen -: wir schweigen uns an,
wir lcheln uns unser Wissen zu.
Bist du nicht das Licht zu meinem Feuer? Hast du nicht die Schwester-Seele zu
meiner Einsicht?
Zusammen lernten wir Alles; zusammen lernten wir ber uns zu uns selber
aufsteigen und wolkenlos lcheln: -
- wolkenlos hinab lcheln aus lichten Augen und aus meilenweiter Ferne, wenn
unter uns Zwang und Zweck und Schuld wie Regen dampfen.
Und wanderte ich allein: wes hungerte meine Seele in Nchten und Irr-Pfaden? Und
stieg ich Berge, wen suchte ich je, wenn nicht dich, auf Bergen?
Und all mein Wandern und Bergsteigen: eine Noth war's nur und ein Behelf des
Unbeholfenen: - fliegen allein will mein ganzer Wille, in dich hinein fliegen!
Und wen hasste ich mehr, als ziehende Wolken und Alles, was dich befleckt? Und
meinen eignen Hass hasste ich noch, weil er dich befleckte!
Den ziehenden Wolken bin ich gram, diesen schleichenden Raub-Katzen: sie nehmen
dir und mir, was uns gemein ist, - das ungeheure unbegrenzte Ja- und Amen-sagen.
Diesen Mittlern und Mischern sind wir gram, den ziehenden Wolken: diesen Halb-
und Halben, welche weder segnen lernten, noch von Grund aus fluchen.
Lieber will ich noch unter verschlossnem Himmel in der Tonne sitzen, lieber ohne
Himmel im Abgrund sitzen, als dich, Licht-Himmel, mit Zieh-Wolken befleckt sehn!
Und oft gelstete mich, sie mit zackichten Blitz-Golddrhten festzuheften, dass
ich, gleich dem Donner, auf ihrem Kessel-Bauche die Pauke schlge: -
- ein zorniger Paukenschlger, weil sie mir dein Ja! und Amen! rauben, du Himmel
ber mir, du Reiner! Lichter! Du Licht-Abgrund! - weil sie dir mein Ja! und
Amen! rauben.
Denn lieber noch will ich Lrm und Donner und Wetter-Flche, als diese
bedchtige zweifelnde Katzen-Ruhe; und auch unter Menschen hasse ich am besten
alle Leisetreter und Halb- und Halben und zweifelnde, zgernde Zieh-Wolken.
Und "wer nicht segnen kann, der soll fluchen lernen!" - diese helle Lehre fiel
mir aus hellem Himmel, dieser Stern steht auch noch in schwarzen Nchten an
meinem Himmel.
Ich aber bin ein Segnender und ein Ja-sager, wenn du nur um mich bist, du
Reiner! Lichter! Du Licht-Abgrund! - in alle Abgrnde trage ich da noch mein
segnendes Ja-sagen.
Zum Segnenden bin ich worden und zum Ja-sagenden: und dazu rang ich lange und
war ein Ringer, dass ich einst die Hnde frei bekme zum Segnen.
Das aber ist mein Segnen: ber jedwedem Ding als sein eigener Himmel stehn, als
sein rundes Dach, seine azurne Glocke und ewige Sicherheit: und selig ist, wer
also segnet!
Denn alle Dinge sind getauft am Borne der Ewigkeit und jenseits von Gut und
Bse; Gut und Bse selber aber sind nur Zwischenschatten und feuchte Trbsale
und Zieh-Wolken.
Wahrlich, ein Segnen ist es und kein Lstern, wenn ich lehre: "ber allen
Dingen steht der Himmel Zufall, der Himmel Unschuld, der Himmel Ohngefhr, der
Himmel bermuth."
"Von Ohngefhr" - das ist der lteste Adel der Welt, den gab ich allen Dingen
zurck, ich erlste sie von der Knechtschaft unter dem Zwecke.
Diese Freiheit und Himmels-Heiterkeit stellte ich gleich azurner Glocke ber
alle Dinge, als ich lehrte, dass ber ihnen und durch sie kein "ewiger Wille"
- will.
Diesen bermuth und diese Narrheit stellte ich an die Stelle jenes Willens, als
ich lehrte: "bei Allem ist Eins unmglich - Vernnftigkeit!"
Ein Wenig Vernunft zwar, ein Same der Weisheit zerstreut von Stern zu Stern, -
dieser Sauerteig ist allen Dingen eingemischt: um der Narrheit willen ist
Weisheit allen Dingen eingemischt!
Ein Wenig Weisheit ist schon mglich; aber diese selige Sicherheit fand ich an
allen Dingen: dass sie lieber noch auf den Fssen des Zufalls - tanzen.
Oh Himmel ber mir, du Reiner! Hoher! Das ist mir nun deine Reinheit, dass es
keine ewige Vernunft-Spinne und -Spinnennetze giebt: -
- dass du mir ein Tanzboden bist fr gttliche Zuflle, dass du mir ein
Gttertisch bist fr gttliche Wrfel und Wrfelspieler! -
Doch du errthest? Sprach ich Unaussprechbares? Lsterte ich, indem ich dich
segnen wollte?
Oder ist es die Scham zu Zweien, welche dich errthen machte? - Heissest du mich
gehn und schweigen, weil nun - der Tag kommt?
Die Welt ist tief -: und tiefer als je der Tag gedacht hat. Nicht Alles darf vor
dem Tage Worte haben. Aber der Tag kommt: so scheiden wir nun!
Oh Himmel ber mir, du Schamhafter! Glhender! Oh du mein Glck vor
Sonnen-Aufgang! Der Tag kommt: so scheiden wir nun! -
Also sprach Zarathustra.

Von der verkleinernden Tugend
1
Als Zarathustra wieder auf dem festen Lande war, gieng er nicht stracks auf sein
Gebirge und seine Hhle los, sondern that viele Wege und Fragen und erkundete
diess und das, also, dass er von sich selber im Scherze sagte: "siehe einen
Fluss, der in vielen Windungen zurck zur Quelle fliesst!" Denn er wollte in
Erfahrung bringen, was sich inzwischen mit dem Menschen zugetragen habe: ob er
grsser oder kleiner geworden sei. Und ein Mal sah er eine Reihe neuer Huser;
da wunderte er sich und sagte:
Was bedeuten diese Huser? Wahrlich, keine grosse Seele stellte sie hin, sich
zum Gleichnisse!
Nahm wohl ein bldes Kind sie aus seiner Spielschachtel? Dass doch ein anderes
Kind sie wieder in seine Schachtel thte!
Und diese Stuben und Kammern: knnen Mnner da aus- und eingehen? Gemacht dnken
sie mich fr Seiden-Puppen; oder fr Naschkatzen, die auch wohl an sich naschen
lassen.
Und Zarathustra blieb stehn und dachte nach. Endlich sagte er betrbt: "Es ist
Alles kleiner geworden!"
berall sehe ich niedrigere Thore: wer meiner Art ist, geht da wohl noch
hindurch, aber - er muss sich bcken!
Oh wann komme ich wieder in meine Heimat, wo ich mich nicht mehr bcken muss -
nicht mehr bcken muss vor den Kleinen!" - Und Zarathustra seufzte und blickte
in die Ferne. -
Desselbigen Tages aber redete er seine Rede ber die verkleinernde Tugend.
2
Ich gehe durch diess Volk und halte meine Augen offen: sie vergeben mir es
nicht, dass ich auf ihre Tugenden nicht neidisch bin.
Sie beissen nach mir, weil ich zu ihnen sage: fr kleine Leute sind kleine
Tugenden nthig - und weil es mir hart eingeht, dass kleine Leute nthig sind!
Noch gleiche ich dem Hahn hier auf fremdem Gehfte, nach dem auch die Hennen
beissen; doch darob bin ich diesen Hennen nicht ungut.
Ich bin hflich gegen sie wie gegen alles kleine Aergerniss; gegen das Kleine
stachlicht zu sein dnkt mich eine Weisheit fr Igel.
Sie reden Alle von mir, wenn sie Abends um's Feuer sitzen, - sie reden von mir,
aber Niemand denkt - an mich!
Diess ist die neue Stille, die ich lernte: ihr Lrm um mich breitet einen Mantel
ber meine Gedanken.
Sie lrmen unter einander: "was will uns diese dstere Wolke? sehen wir zu,
dass sie uns nicht eine Seuche bringe!"
Und jngst riss ein Weib sein Kind an sich, das zu mir wollte: "nehmt die
Kinder weg! schrie es; solche Augen versengen Kinder-Seelen."
Sie husten, wenn ich rede: sie meinen, Husten sei ein Einwand gegen starke
Winde, - sie errathen Nichts vom Brausen meines Glckes!
"Wir haben noch keine Zeit fr Zarathustra" - so wenden sie ein; aber was
liegt an einer Zeit, die fr Zarathustra "keine Zeit hat"?
Und wenn sie gar mich rhmen: wie knnte ich wohl auf ihrem Ruhme einschlafen?
Ein Stachel-Grtel ist mir ihr Lob: es kratzt mich noch, wenn ich es von mir
thue.
Und auch das lernte ich unter ihnen: der Lobende stellt sich, als gbe er
zurck, in Wahrheit aber will er mehr beschenkt sein!
Fragt meinen Fuss, ob ihm ihre Lob- und Lock-Weise gefllt! Wahrlich, nach
solchem Takt und Tiktak mag er weder tanzen, noch stille stehn.
Zur kleinen Tugend mchten sie mich locken und loben; zum Tiktak des kleinen
Glcks mchten sie meinen Fuss berreden.
Ich gehe durch diess Volk und halte die Augen offen: sie sind kleiner geworden
und werden immer kleiner: - das aber macht ihre Lehre von Glck und Tugend.
Sie sind nmlich auch in der Tugend bescheiden - denn sie wollen Behagen. Mit
Behagen aber vertrgt sich nur die bescheidene Tugend.
Wohl lernen auch sie auf ihre Art Schreiten und Vorwrts-Schreiten: das heisse
ich ihr Humpeln -. Damit werden sie jedem zum Anstosse, der Eile hat.
Und Mancher von ihnen geht vorwrts und blickt dabei zurck, mit versteiftem
Nacken: dem renne ich gern wider den Leib.
Fuss und Augen sollen nicht lgen, noch sich einander Lgen strafen. Aber es ist
viel Lgnerei bei den kleinen Leuten.
Einige von ihnen wollen, aber die Meisten werden nur gewollt. Einige von ihnen
sind cht, aber die Meisten sind schlechte Schauspieler.
Es giebt Schauspieler wider Wissen unter ihnen und Schauspieler wider Willen -,
die chten sind immer selten, sonderlich die chten Schauspieler.
Des Mannes ist hier wenig: darum vermnnlichen sich ihre Weiber. Denn nur wer
Mannes genug ist, wird im Weibe das Weib - erlsen.
Und diese Heuchelei fand ich unter ihnen am schlimmsten: dass auch Die, welche
befehlen, die Tugenden Derer heucheln, welche dienen.
"Ich diene, du dienst, wir dienen" - so betet hier auch die Heuchelei der
Herrschenden, - und wehe, wenn der erste Herr nur der erste Diener ist!
Ach, auch in ihre Heucheleien verflog sich wohl meines Auges Neugier; und gut
errieth ich all ihr Fliegen-Glck und ihr Summen um besonnte Fensterscheiben.
Soviel Gte, soviel Schwche sehe ich. Soviel Gerechtigkeit und Mitleiden,
soviel Schwche.
Rund, rechtlich und gtig sind sie mit einander, wie Sandkrnchen rund,
rechtlich und gtig mit Sandkrnchen sind.
Bescheiden ein kleines Glck umarmen - das heissen sie "Ergebung"! und dabei
schielen sie bescheiden schon nach einem neuen kleinen Glcke aus.
Sie wollen im Grunde einfltiglich Eins am meisten: dass ihnen Niemand wehe
thue. So kommen sie jedermann zuvor und thun ihm wohl.
Diess aber ist Feigheit : ob es schon "Tugend" heisst. -
Und wenn sie einmal rauh reden, diese kleinen Leute: ich hre darin nur ihre
Heiserkeit, - jeder Windzug nmlich macht sie heiser.
Klug sind sie, ihre Tugenden haben kluge Finger. Aber ihnen fehlen die Fuste,
ihre Finger wissen nicht, sich hinter Fuste zu verkriechen.
Tugend ist ihnen das, was bescheiden und zahm macht: damit machten sie den Wolf
zum Hunde und den Menschen selber zu des Menschen bestem Hausthiere.
"Wir setzten unsern Stuhl in die Mitte - das sagt mir ihr Schmunzeln - und
ebenso weit weg von sterbenden Fechtern wie von vergngten Suen."
Diess aber ist - Mittelmssigkeit: ob es schon Mssigkeit heisst. -
3
Ich gehe durch diess Volk und lasse manches Wort fallen: aber sie wissen weder
zu nehmen noch zu behalten.
Sie wundern sich, dass ich nicht kam, auf Lste und Laster zu lstern; und
wahrlich, ich kam auch nicht, dass ich vor Taschendieben warnte!
Sie wundern sich, dass ich nicht bereit bin, ihre Klugheit noch zu witzigen und
zu spitzigen: als ob sie noch nicht genug der Klglinge htten, deren Stimme mir
gleich Schieferstiften kritzelt!
Und wenn ich rufe: "Flucht allen feigen Teufeln in euch, die gerne winseln und
Hnde falten und anbeten mchten": so rufen sie: "Zarathustra ist gottlos".
Und sonderlich rufen es ihre Lehrer der Ergebung -; aber gerade ihnen liebe
ich's, in das Ohr zu schrein: Ja! Ich bin Zarathustra, der Gottlose!
Diese Lehrer der Ergebung! berall hin, wo es klein und krank und grindig ist,
kriechen sie, gleich Lusen; und nur mein Ekel hindert mich, sie zu knacken.
Wohlan! Diess ist meine Predigt fr ihre Ohren: ich bin Zarathustra, der
Gottlose, der da spricht "wer ist gottloser denn ich, dass ich mich seiner
Unterweisung freue?"
Ich bin Zarathustra, der Gottlose: wo finde ich Meines-Gleichen? Und alle Die
sind Meines-Gleichen, die sich selber ihren Willen geben und alle Ergebung von
sich abthun.
Ich bin Zarathustra, der Gottlose: ich koche mir noch jeden Zufall in meinem
Topfe. Und erst, wenn er da gar gekocht ist, heisse ich ihn willkommen, als
meine Speise.
Und wahrlich, mancher Zufall kam herrisch zu mir: aber herrischer noch sprach zu
ihm mein Wille, - da lag er schon bittend auf den Knieen -
- bittend, dass er Herberge finde und Herz bei mir, und schmeichlerisch
zuredend: "sieh doch; oh Zarathustra, wie nur Freund zu Freunde kommt!" -
Doch was rede ich, wo Niemand meine Ohren hat! Und so will ich es hinaus in alle
Winde rufen:
Ihr werdet immer kleiner, ihr kleinen Leute! Ihr brckelt ab, ihr Behaglichen!
Ihr geht mir noch zu Grunde -
- an euren vielen kleinen Tugenden, an eurem vielen kleinen Unterlassen, an
eurer vielen kleinen Ergebung!
Zu viel schonend, zu viel nachgebend: so ist euer Erdreich! Aber dass ein Baum
gross werde, dazu will er um harte Felsen harte Wurzeln schlagen!
Auch was ihr unterlasse, webt am Gewebe aller Menschen-Zukunft; auch euer Nichts
ist ein Spinnennetz und eine Spinne, die von der Zukunft Blute lebt.
Und wenn ihr nehmt, so ist es wie stehlen, ihr kleinen Tugendhaften; aber noch
unter Schelmen spricht die Ehre : "man soll nur stehlen, wo man nicht rauben
kann."
"Es giebt sich" - das ist auch eine Lehre der Ergebung. Aber ich sage euch,
ihr Behaglichen: es nimmt sich und wird immer mehr noch von euch nehmen!
Ach, dass ihr alles halbe Wollen von euch abthtet und entschlossen wrdet zur
Trgheit wie zur That!
Ach, dass ihr mein Wort verstndet: "thut immerhin, was ihr wollt, - aber seid
erst Solche, die wollen knnen!"
"Liebt immerhin euren Nchsten gleich euch, - aber seid mir erst solche, die
sich selber lieben -
- mit der grossen Liebe lieben, mit der grossen Verachtung lieben!" Also
spricht Zarathustra, der Gottlose. -
Doch was rede ich, wo Niemand meine Ohren hat! Es ist hier noch eine Stunde zu
frh fr mich.
Mein eigner Vorlufer bin ich unter diesem Volke, mein eigner Hahnen-Ruf durch
dunkle Gassen.
Aber ihre Stunde kommt! Und es kommt auch die meine! Stndlich werden sie
kleiner, rmer, unfruchtbarer, - armes Kraut! armes Erdreich!
Und bald sollen sie mir dastehn wie drres Gras und Steppe, und wahrlich! ihrer
selber mde - und mehr, als nach Wasser, nach Feuer lechzend!
Oh gesegnete Stunde des Blitzes! Oh Geheimniss vor Mittag! - Laufende Feuer will
ich einst noch aus ihnen machen und Verknder mit Flammen-Zungen: -
- verknden sollen sie einst noch mit Flammen-Zungen: Er kommt, er ist nahe, der
grosse Mittag!
Also sprach Zarathustra.

Auf dem Oelberge
Der Winter, ein schlimmer Gast, sitzt bei mir zu Hause; blau sind meine Hnde
von seiner Freundschaft Hndedruck.
Ich ehre ihn, diesen schlimmen Gast, aber lasse gerne ihn allein sitzen. Gerne
laufe ich ihm davon; und, luft man gut, so entluft man ihm!
Mit warmen Fssen und warmen Gedanken laufe ich dorthin, wo der Wind stille
steht, - zum Sonnen-Winkel meines Oelbergs.
Da lache ich meines gestrengen Gastes und bin ihm noch gut, dass er zu Hause mir
die Fliegen wegfngt und vielen kleinen Lrm stille macht.
Er leidet es nmlich nicht, wenn eine Mcke singen will, oder gar zwei; noch die
Gasse macht er einsam, dass der Mondschein drin Nachts sich frchtet.
Ein harter Gast ist er, - aber ich ehre ihn, und nicht bete ich, gleich den
Zrtlingen, zum dickbuchichten Feuer-Gtzen.
Lieber noch ein Wenig zhneklappern als Gtzen anbeten! - so will's meine Art.
Und sonderlich bin ich allen brnstigen dampfenden dumpfigen Feuer-Gtzen gram.
Wen ich liebe, den liebe ich Winters besser als Sommers; besser spotte ich jetzt
meiner Feinde und herzhafter, seit der Winter mir im Hause sitzt.
Herzhaft wahrlich, selbst dann noch, wenn ich zu Bett krieche -: da lacht und
muthwillt noch mein verkrochenes Glck; es lacht noch mein Lgen-Traum.
Ich - ein Kriecher? Niemals kroch ich im Leben vor Mchtigen; und log ich je, so
log ich aus Liebe. Desshalb bin ich froh auch im Winter-Bette.
Ein geringes Bett wrmt mich mehr als ein reiches, denn ich bin eiferschtig auf
meine Armuth. Und im Winter ist sie mir am treuesten.
Mit einer Bosheit beginne ich jeden Tag, ich spotte des Winters mit einem kalten
Bade: darob brummt mein gestrenger Hausfreund.
Auch kitzle ich ihn gerne mit einem Wachskerzlein: dass er mir endlich den
Himmel herauslasse aus aschgrauer Dmmerung.
Sonderlich boshaft bin ich nmlich des Morgens: zur frhen Stunde, da der Eimer
am Brunnen klirrt und die Rosse warm durch graue Gassen wiehern: -
Ungeduldig warte ich da, dass mir endlich der lichte Himmel aufgehe, der
schneebrtige Winter-Himmel, der Greis und Weisskopf, -
- der Winter-Himmel, der schweigsame, der oft noch seine Sonne verschweigt!
Lernte ich wohl von ihm das lange lichte Schweigen? Oder lernte er's von mir?
Oder hat ein jeder von uns es selbst erfunden?
Aller guten Dinge Ursprung ist tausendfltig, - alle guten muthwilligen Dinge
springen vor Lust in's Dasein: wie sollten sie das immer nur - Ein Mal thun!
Ein gutes muthwilliges Ding ist auch das lange Schweigen und gleich dem
Winter-Himmel blicken aus lichtem rundugichten Antlitze: -
- gleich ihm seine Sonne verschweigen und seinen unbeugsamen Sonnen-Willen:
wahrlich, diese Kunst und diesen Winter-Muthwillen lernte ich gut!
Meine liebste Bosheit und Kunst ist es, dass mein Schweigen lernte, sich nicht
durch Schweigen zu verrathen.
Mit Worten und Wrfeln klappernd berliste ich mir die feierlichen Warter: allen
diesen gestrengen Aufpassern soll mein Wille und Zweck entschlpfen.
Dass mir Niemand in meinen Grund und letzten Willen hinab sehe, - dazu erfand
ich mir das lange lichte Schweigen.
So manchen Klugen fand ich: der verschleierte sein Antlitz und trbte sein
Wasser, dass Niemand ihm hindurch und hinunter sehe.
Aber zu ihm gerade kamen die klgeren Misstrauer und Nussknacker: ihm gerade
fischte man seinen verborgensten Fisch heraus!
Sondern die Hellen, die Wackern, die Durchsichtigen - das sind mir die klgsten
Schweiger: denen so tief ihr Grund ist, dass auch das hellste Wasser ihn nicht -
verrth. -
Du schneebrtiger schweigender Winter-Himmel, du rundugichter Weisskopf ber
mir! Oh du himmlisches Gleichniss meiner Seele und ihres Muthwillens!
Und muss ich mich nicht verbergen, gleich Einem, der Gold verschluckt hat, -
dass man mir nicht die Seele aufschlitze?
Muss ich nicht Stelzen tragen, dass sie meine langen Beine bersehen, - alle
diese Neidbolde und Leidholde, die um mich sind?
Diese rucherigen, stubenwarmen, verbrauchten, vergrnten, vergrmelten Seelen -
wie knnte ihr Neid mein Glck ertragen!
So zeige ich ihnen nur das Eis und den Winter auf meinen Gipfeln - und nicht,
dass mein Berg noch alle Sonnengrtel um sich schlingt!
Sie hren nur meine Winter-Strme pfeifen: und nicht, dass ich auch ber warme
Meere fahre, gleich sehnschtigen, schweren, heissen Sdwinden.
Sie erbarmen sich noch meiner Unflle und Zuflle: - aber mein Wort heisst:
"lasst den Zufall zu mir kommen: unschuldig ist er, wie ein Kindlein!"
Wie knnten sie mein Glck ertragen, wenn ich nicht Unflle und Winter-Nthe und
Eisbren-Mtzen und Schneehimmel-Hllen um mein Glck legte!
- wenn ich mich nicht selbst ihres Mitleids erbarmte - des Mitleids dieser
Neidbolde und Leidholde!
- wenn ich nicht selber vor ihnen seufzte und frostklapperte und mich geduldsam
in ihr Mitleid wickeln liesse!
Diess ist der weise Muthwille und Wohlwille meiner Seele, dass sie ihren Winter
und ihre Froststrme nicht verbirgt; sie verbirgt auch ihre Frostbeulen nicht.
Des Einen Einsamkeit ist die Flucht des Kranken; des Andern Einsamkeit die
Flucht vor den Kranken.
Mgen sie mich klappern und seufzen hren vor Winterklte, alle diese armen
scheelen Schelme um mich! Mit solchem Geseufz und Geklapper flchte ich noch vor
ihren geheizten Stuben.
Mgen sie mich bemitleiden und bemitseufzen ob meiner Frostbeulen: "am Eis der
Erkenntniss erfriert er uns noch!" - so klagen sie.
Inzwischen laufe ich mit warmen Fssen kreuz und quer auf meinem Oelberge: im
Sonnen-Winkel meines Oelberges singe und spotte ich alles Mitleids. -
Also sang Zarathustra.

Vom Vorbergehen
Also, durch viel Volk und vielerlei Stdte langsam hindurchschreitend, gierig
Zarathustra auf Umwegen zurck zu seinem Gebirge und seiner Hhle. Und siehe,
dabei kam er unversehens auch an das Stadtthor der grossen Stadt : hier aber
sprang ein schumender Narr mit ausgebreiteten Hnden auf ihn zu und trat ihm in
den Weg. Diess aber war der selbige Narr, welchen das Volk "den Affen
Zarathustra's" hiess: denn er hatte ihm Etwas vom Satz und Fall der Rede
abgemerkt und borgte wohl auch gerne vom Schatze seiner Weisheit. Der Narr aber
redete also zu Zarathustra:
"Oh Zarathustra, hier ist die grosse Stadt: hier hast du Nichts zu suchen und
Alles zu verlieren.
Warum wolltest du durch diesen Schlamm waten? Habe doch Mitleiden mit deinem
Fusse! Speie lieber auf das Stadtthor und - kehre um!
Hier ist die Hlle fr Einsiedler-Gedanken: hier werden grosse Gedanken lebendig
gesotten und klein gekocht.
Hier verwesen alle grossen Gefhle: hier drfen nur klapperdrre Gefhlchen
klappern!
Riechst du nicht schon die Schlachthuser und Garkchen des Geistes? Dampft
nicht diese Stadt vom Dunst geschlachteten Geistes?
Siehst du nicht die Seelen hngen wie schlaffe schmutzige Lumpen? - Und sie
machen noch Zeitungen aus diesen Lumpen!
Hrst du nicht, wie der Geist hier zum Wortspiel wurde? Widriges Wort-Splicht
bricht er heraus! - Und sie machen noch Zeitungen aus diesem Wort-Splicht.
Sie hetzen einander und wissen nicht, wohin? Sie erhitzen einander und wissen
nicht, warum? Sie klimpern mit ihrem Bleche, sie klingeln mit ihrem Golde.
Sie sind kalt und suchen sich Wrme bei gebrannten Wassern; sie sind erhitzt und
suchen Khle bei gefrorenen Geistern; sie sind Alle siech und schtig an
ffentlichen Meinungen.
Alle Lste und Laster sind hier zu Hause; aber es giebt hier auch Tugendhafte,
es giebt viel anstellige angestellte Tugend: -
Viel anstellige Tugend mit Schreibfingern und hartem Sitz- und Warte-Fleische,
gesegnet mit kleinen Bruststernen und ausgestopften steisslosen Tchtern.
Es giebt hier auch viel Frmmigkeit und viel glubige Speichel-Leckerei,
Schmeichel-Bckerei vor dem Gott der Heerschaaren.
"Von Oben" her trufelt ja der Stern und der gndige Speichel; nach Oben hin
sehnt sich jeder sternenlose Busen.
Der Mond hat seinen Hof, und der Hof hat seine Mondklber: zu Allem aber, was
vom Hofe kommt, betet das Bettel-Volk und alle anstellige Bettel-Tugend.
"Ich diene, du dienst, wir dienen" - so betet alle anstellige Tugend hinauf
zum Frsten: dass der verdiente Stern sich endlich an den schmalen Busen hefte!
Aber der Mond dreht sich noch um alles Irdische: so dreht sich auch der Frst
noch um das Aller-Irdischste -: das aber ist das Gold der Krmer.
Der Gott der Heerschaaren ist kein Gott der Goldbarren; der Frst denkt, aber
der Krmer - lenkt!
Bei Allem, was licht und stark und gut in dir ist, oh Zarathustra! Speie auf
diese Stadt der Krmer und kehre um!
Hier fliesst alles Blut faulicht und lauicht und schaumicht durch alle Adern:
speie auf die grosse Stadt, welche der grosse Abraum ist, wo aller Abschaum
zusammenschumt!
Speie auf die Stadt der eingedrckten Seelen und schmalen Brste, der spitzen
Augen, der klebrigen Finger -
- auf die Stadt der Aufdringlinge, der Unverschmten, der Schreib- und
Schreihlse, der berheizten Ehrgeizigen: -
- wo alles Anbrchige, Anrchige, Lsterne, Dsterne, bermrbe, Geschwrige,
Verschwrerische zusammenschwrt: -
- speie auf die grosse Stadt und kehre um!" -
Hier aber unterbrach Zarathustra den schumenden Narren und hielt ihm den Mund
zu.
"Hre endlich auf! rief Zarathustra, mich ekelt lange schon deiner Rede und
deiner Art!
Warum wohntest du so lange am Sumpfe, dass du selber zum Frosch und zur Krte
werden musstest?
Fliesst dir nicht selber nun ein faulichtes schaumichtes Sumpf-Blut durch die
Adern, dass du also quaken und lstern lerntest?
Warum giengst du nicht in den Wald? Oder pflgtest die Erde? Ist das Meer nicht
voll von grnen Eilanden?
Ich verachte dein Verachten; und wenn du mich warntest, - warum warntest du dich
nicht selber?
Aus der Liebe allein soll mir mein Verachten und mein warnender Vogel
auffliegen: aber nicht aus dem Sumpfe! -
Man heisst dich meinen Affen, du schumender Narr: aber ich heisse dich mein
Grunze-Schwein, - durch Grunzen verdirbst du mir noch mein Lob der Narrheit.
Was war es denn, was dich zuerst grunzen machte? Dass Niemand dir genug
geschmeichelt hat: - darum setztest du dich hin zu diesem Unrathe, dass du Grund
httest viel zu grunzen, -
- dass du Grund httest zu vieler Rache! Rache nmlich, du eitler Narr, ist all
dein Schumen, ich errieth dich wohl!
Aber dein Narren-Wort thut mir Schaden, selbst, wo du Recht hast! Und wenn
Zarathustra's Wort sogar hundert Mal Recht htte : du wrdest mit meinem Wort
immer - Unrecht thun!"
Also sprach Zarathustra; und er blickte die grosse Stadt an, seufzte und schwieg
lange. Endlich redete er also:
Mich ekelt auch dieser grossen Stadt und nicht nur dieses Narren. Hier und dort
ist Nichts zu bessern, Nichts zu bsern.
Wehe dieser grossen Stadt! - Und ich wollte, ich she schon die Feuersule, in
der sie verbrannt wird!
Denn solche Feuersulen mssen dem grossen Mittage vorangehn. Doch diess hat
seine Zeit und sein eigenes Schicksal. -
Diese Lehre aber gebe ich dir, du Narr, zum Abschiede: wo man nicht mehr lieben
kann, da soll man - vorbergehn! -
Also sprach Zarathustra und gieng an dem Narren und der grossen Stadt vorber.

Von den Abtrnnigen
1
Ach, liegt Alles schon welk und grau, was noch jngst auf dieser Wiese grn und
bunt stand? Und wie vielen Honig der Hoffnung trug ich von hier in meine
Bienenkrbe!
Diese jungen Herzen sind alle schon alt geworden, - und nicht alt einmal! nur
mde, gemein, bequem: - sie heissen es "Wir sind wieder fromm geworden."
Noch jngst sah ich sie in der Frhe auf tapferen Fssen hinauslaufen: aber ihre
Fsse der Erkenntniss wurden mde, und nun verleumden sie auch noch ihre
Morgen-Tapferkeit!
Wahrlich, Mancher von ihnen hob einst die Beine wie ein Tnzer, ihm winkte das
Lachen in meiner Weisheit: - da besann er sich. Eben sah ich ihn krumm - zum
Kreuze kriechen.
Um Licht und Freiheit flatterten sie einst gleich Mcken und jungen Dichtern.
Ein Wenig lter, ein Wenig klter: und schon sind sie Dunkler und Munkler und
Ofenhocker.
Verzagte ihnen wohl das Herz darob, dass mich die Einsamkeit verschlang gleich
einem Wallfische? Lauschte ihr Ohr wohl sehnschtig-lange umsonst nach mir und
meinen Trompeten- und Herolds-Rufen?
- Ach! Immer sind ihrer nur Wenige, deren Herz einen langen Muth und bermuth
hat; und solchen bleibt auch der Geist geduldsam. Der Rest aber ist feige.
Der Rest: das sind immer die Allermeisten, der Alltag, der berfluss, die
Viel-zu-Vielen - diese alle sind feige! -
Wer meiner Art ist, dem werden auch die Erlebnisse meiner Art ber den Weg
laufen: also, dass seine ersten Gesellen Leichname und Possenreisser sein
mssen.
Seine zweiten Gesellen aber - die werden sich seine Glubigen heissen: ein
lebendiger Schwarm, viel Liebe, viel Thorheit, viel unbrtige Verehrung.
An diese Glubigen soll Der nicht sein Herz binden, wer meiner Art unter
Menschen ist; an diese Lenze und bunte Wiesen soll Der nicht glauben, wer die
flchtig-feige Menschenart kennt!
Knnten sie anders, so wrden sie auch anders wollen. Halb- und Halbe verderben
alles Ganze. Dass Bltter welk werden, - was ist da zu klagen!
Lass sie fahren und fallen, oh Zarathustra, und klage nicht! Lieber noch blase
mit raschelnden Winden unter sie, -
- blase unter diese Bltter, oh Zarathustra: dass alles Welke schneller noch von
dir davonlaufen! -
2
"Wir sind wieder fromm geworden" - so bekennen diese Abtrnnigen; und Manche
von ihnen sind noch zu feige, also zu bekennen.
Denen sehe ich in's Auge, - denen sage ich es in's Gesicht und in die Rthe
ihrer Wangen: ihr seid Solche, welche wieder beten!
Es ist aber eine Schmach, zu beten! Nicht fr Alle, aber fr dich und mich und
wer auch im Kopfe sein Gewissen hat. Fr dich ist es eine Schmach, zu beten!
Du weisst es wohl: dein feiger Teufel in dir, der gerne Hnde-falten und
Hnde-in-den-Schooss-legen und es bequemer haben mchte: - dieser feige Teufel
redet dir zu "es giebt einen Gott!"
Damit aber gehrst du zur lichtscheuen Art, denen Licht nimmer Ruhe lsst; nun
musst du tglich deinen Kopf tiefer in Nacht und Dunst stecken!
Und wahrlich, du whltest die Stunde gut: denn eben wieder fliegen die
Nachtvgel aus. Die Stunde kam allem lichtscheuen Volke, die Abend- und
Feierstunde, wo es nicht - "feiert."
Ich hre und rieche es: es kam ihre Stunde fr Jagd und Umzug, nicht zwar fr
eine wilde Jagd, sondern fr eine zahme lahme schnffelnde Leisetreter- und
Leisebeter-Jagd, -
- fr eine Jagd auf seelenvolle Duckmuser: alle Herzens- Mausefallen sind jetzt
wieder aufgestellt! Und wo ich einen Vorhang aufhebe, da kommt ein
Nachtfalterchen herausgestrzt.
Hockte es da wohl zusammen mit einem andern Nachtfalterchen? Denn berall rieche
ich kleine verkrochne Gemeinden; und wo es Kmmerlein giebt, da giebt es neue
Bet-Brder drin und den Dunst von Bet-Brdern.
Sie sitzen lange Abende bei einander und sprechen: lasset uns wieder werden wie
die Kindlein und "lieber Gott" sagen!" - an Mund und Magen verdorben durch
die frommen Zuckerbcker.
Oder sie sehen lange Abende einer listigen lauernden Kreuzspinne zu, welche den
Spinnen selber Klugheit predigt und also lehrt: "unter Kreuzen ist gut
spinnen!"
Oder sie sitzen Tags ber mit Angelruthen an Smpfen und glauben sich tief
damit; aber wer dort fischt, wo es keine Fische giebt, den heisse ich noch nicht
einmal oberflchlich!
Oder sie lernen fromm-froh die Harfe schlagen bei einem Lieder-Dichter, der sich
gern jungen Weibchen in's Herz harfnen mchte: - denn er wurde der alten
Weibchen mde und ihres Lobpreisens.
Oder sie lernen gruseln bei einem gelehrten Halb-Tollen, der in dunklen Zimmern
wartet, dass ihm die Geister kommen - und der Geist ganz davonluft!
Oder sie horchen einem alten umgetriebnen Schnurr- und Knurrpfeifer zu, der
trben Winden die Trbsal der Tne ablernte; nun pfeift er nach dem Winde und
predigt in trben Tnen Trbsal.
Und Einige von ihnen sind sogar Nachtwchter geworden: die verstehen jetzt in
Hrner zu blasen und Nachts umherzugehn und alte Sachen aufzuwecken, die lange
schon eingeschlafen sind.
Fnf Worte von alten Sachen hrte ich gestern Nachts an der Garten-Mauer: die
kamen von solchen alten betrbten trocknen Nachtwchtern.
"Fr einen Vater sorgt er nicht genug um seine Kinder: Menschen-Vter thun
diess besser!" -
"Er ist zu alt! Er sorgt schon gar nicht mehr um seine Kinder" - also
antwortete der andere Nachtwchter.
"Hat er denn Kinder? Niemand kann's beweisen, wenn er's selber nicht beweist!
Ich wollte lngst, er bewiese es einmal grndlich."
"Beweisen? Als ob Der je Etwas bewiesen htte! Beweisen fllt ihm schwer; er
hlt grosse Stcke darauf, dass man ihm glaubt."
"Ja! Ja! Der Glaube macht ihn selig, der Glaube an ihn. Das ist so die Art
alter Leute! So geht's uns auch!" -
- Also sprachen zu einander die zwei alten Nachtwchter und Lichtscheuchen, und
tuteten darauf betrbt in ihre Hrner: so geschah's gestern Nachts an der
Garten-Mauer.
Mir aber wand sich das Herz vor Lachen und wollte brechen und wusste nicht,
wohin? und sank in's Zwerchfell.
Wahrlich, das wird noch mein Tod sein, dass ich vor Lachen ersticke, wenn ich
Esel betrunken sehe und Nachtwchter also an Gott zweifeln hre.
Ist es denn nicht lange vorbei auch fr alle solche Zweifel? Wer darf noch
solche alte eingeschlafne lichtscheue Sachen aufwecken!
Mit den alten Gttern gieng es ja lange schon zu Ende: - und wahrlich, ein gutes
frhliches Gtter-Ende hatten sie!
Sie "dmmerten" sich nicht zu Tode, - das lgt man wohl! Vielmehr: sie haben
sich selber einmal zu Tode - gelacht !
Das geschah, als das gottloseste Wort von einem Gotte selber ausgieng, - das
Wort: "Es ist Ein Gott! Du sollst keinen andern Gott haben neben mir!" -
- ein alter Grimm-Bart von Gott, ein eiferschtiger vergass sich also:
Und alle Gtter lachten damals und wackelten auf ihren Sthlen und riefen: "Ist
das nicht eben Gttlichkeit, dass es Gtter, aber keinen Gott giebt?"
Wer Ohren hat, der hre. -
Also redete Zarathustra in der Stadt, die er liebte und welche zubenannt ist die
bunte Kuh.' Von hier nmlich hatte er nur noch zwei Tage zu gehen, dass er
wieder in seine Hhle kme und zu seinen Thieren; seine Seele aber frohlockte
bestndig ob der Nhe seiner Heimkehr. -

Die Heimkehr
Oh Einsamkeit! Du meine Heimat Einsamkeit! Zu lange lebte ich wild in wilder
Fremde, als dass ich nicht mit Thrnen zu dir heimkehrte!
Nun drohe mir nur mit dem Finger, wie Mtter drohn, nein lchle mir zu, wie
Mtter lcheln, nun sprich nur: "Und wer war das, der wie ein Sturmwind einst
von mir davonstrmte? -
"- der scheidend rief: zu lange sass ich bei der Einsamkeit, da verlernte ich
das Schweigen! D a s - lerntest du nun wohl?
"Oh Zarathustra, Alles weiss ich: und dass du unter den Vielen verlassener
warst, du Einer, als je bei mir!
"Ein Anderes ist Verlassenheit, ein Anderes Einsamkeit: Das - lerntest du nun!
Und dass du unter Menschen immer wild und fremd sein wirst:
"-Wild und fremd auch noch, wenn sie dich lieben: denn zuerst von Allem wollen
sie geschont sein!
"Hier aber bist du bei dir zu Heim und Hause; hier kannst du Alles hinausreden
und alle Grnde ausschtten, Nichts schmt sich hier versteckter, verstockter
Gefhle.
"Hier kommen alle Dinge liebkosend zu deiner Rede und schmeicheln dir: denn sie
wollen auf deinem Rcken reiten. Auf jedem Gleichniss reitest du hier zu jeder
Wahrheit.
"Aufrecht und aufrichtig darfst du hier zu allen Dingen reden: und wahrlich,
wie Lob klingt es ihren Ohren, dass Einer mit allen Dingen - gerade redet!
"Ein Anderes aber ist Verlassensein. Denn, weisst du noch, oh Zarathustra? Als
damals dein Vogel ber dir schrie, als du im Walde standest, unschlssig, wohin?
unkundig, einem Leichnam nahe: -
"- als du sprachst: mgen mich meine Thiere fhren! Gefhrlicher fand ich's
unter Menschen, als unter Thieren: - Das war Verlassenheit!
"Und weisst du noch, oh Zarathustra? Als du auf deiner Insel sassest, unter
leeren Eimern ein Brunnen Weins, gebend und ausgebend, unter Durstigen schenkend
und ausschenkend:
"- bis du endlich durstig allein unter Trunkenen sassest und nchtlich klagtest
"ist Nehmen nicht seliger als Geben? Und Stehlen noch seliger als Nehmen?" -
Das war Verlassenheit!
"Und weisst du noch, oh Zarathustra? Als deine stillste Stunde kam und dich von
dir selber forttrieb, als sie mit bsem Flstern sprach: Sprich und zerbrich!"
-
"- als sie dir all dein Warten und Schweigen leid machte und deinen demthigen
Muth entmuthigte: Das war Verlassenheit!" -
Oh Einsamkeit! Du meine Heimat Einsamkeit! Wie selig und zrtlich redet deine
Stimme zu mir!
Wir fragen einander nicht, wir klagen einander nicht, wir gehen offen mit
einander durch offne Thren.
Denn offen ist es bei dir und hell; und auch die Stunden laufen hier auf
leichteren Fssen. Im Dunklen nmlich trgt man schwerer an der Zeit, als im
Lichte.
Hier springen mir alles Seins Worte und Wort-Schreine auf: alles Sein will hier
Wort werden, alles Werden will hier von mir reden lernen.
Da unten aber - da ist alles Reden umsonst! Da ist Vergessen und Vorbergehn die
beste Weisheit: Das - lernte ich nun!
Wer Alles bei den Menschen begreifen wollte, der msste Alles angreifen. Aber
dazu habe ich zu reinliche Hnde.
Ich mag schon ihren Athem nicht einathmen; ach, dass ich so lange unter ihrem
Lrm und blem Athem lebte!
Oh selige Stille um mich! Oh reine Gerche um mich! Oh wie aus tiefer Brust
diese Stille reinen Athem holt! Oh wie sie horcht, diese selige Stille!
Aber da unten - da redet Alles, da wird Alles berhrt. Man mag seine Weisheit
mit Glocken einluten: die Krmer auf dem Markte werden sie mit Pfennigen
berklingeln!
Alles bei ihnen redet, Niemand weiss mehr zu verstehn. Alles fllt in's Wasser,
Nichts fllt mehr in tiefe Brunnen.
Alles bei ihnen redet, Nichts gerth mehr und kommt zu Ende. Alles gackert, aber
wer will noch still auf dem Neste sitzen und Eier brten?
Alles bei ihnen redet, Alles wird zerredet. Und was gestern noch zu hart war fr
die Zeit selber und ihren Zahn: heute hngt es zerschabt und zernagt aus den
Mulern der Heutigen.
Alles bei ihnen redet, Alles wird verrathen. Und was einst Geheimniss hiess und
Heimlichkeit tiefer Seelen, heute gehrt es den Gassen-Trompetern und andern
Schmetterlingen.
Oh Menschenwesen, du wunderliches! Du Lrm auf dunklen Gassen! Nun liegst du
wieder hinter mir: - meine grsste Gefahr liegt hinter mir!
Im Schonen und Mitleiden lag immer meine grsste Gefahr; und alles Menschenwesen
will geschont und gelitten sein.
Mit verhaltenen Wahrheiten, mit Narrenhand und vernarrtem Herzen und reich an
kleinen Lgen des Mitleidens: - also lebte ich immer unter Menschen.
Verkleidet sass ich unter ihnen, bereit, mich zu verkennen, dass ich sie
ertrge, und gern mir zuredend "du Narr, du kennst die Menschen nicht!"
Man verlernt die Menschen, wenn man unter Menschen lebt: zu viel Vordergrund ist
an allen Menschen, - was sollen da weitsichtige, weit-schtige Augen!
Und wenn sie mich verkannten: ich Narr schonte sie darob mehr, als mich: gewohnt
zur Hrte gegen mich und oft noch an mir selber mich rchend fr diese Schonung.
Zerstochen von giftigen Fliegen und ausgehhlt, dem Steine gleich, von vielen
Tropfen Bosheit, so sass ich unter ihnen und redete mir noch zu: "unschuldig
ist alles Kleine an seiner Kleinheit!"
Sonderlich Die, welche sich "die Guten" heissen, fand ich als die giftigsten
Fliegen: sie stechen in aller Unschuld, sie lgen in aller Unschuld; wie
vermchten sie, gegen mich - gerecht zu sein!
Wer unter den Guten lebt, den lehrt Mitleid lgen. Mitleid macht dumpfe Luft
allen freien Seelen. Die Dummheit der Guten nmlich ist unergrndlich.
Mich selber verbergen und meinen Reichthum - das lernte ich da unten: denn jeden
fand ich noch arm am Geiste. Das war der Lug meines Mitleidens, dass ich bei
jedem wusste,
- dass ich jedem es ansah und anroch, was ihm Geistes genug und was ihm schon
Geistes zuviel war!
Ihre steifen Weisen: ich hiess sie weise, nicht steif, - so lernte ich Worte
verschlucken. Ihre Todtengrber: ich hiess sie Forscher und Prfer, - so lernte
ich Worte vertauschen.
Die Todtengrber graben sich Krankheiten an. Unter altem Schutte ruhn schlimme
Dnste. Man soll den Morast nicht aufrhren. Man soll auf Bergen leben.
Mit seligen Nstern athme ich wieder Berges-Freiheit! Erlst ist endlich meine
Nase vom Geruch alles Menschenwesens!
Von scharfen Lften gekitzelt, wie von schumenden Weinen, niest meine Seele, -
niest und jubelt sich zu: Gesundheit!
Also sprach Zarathustra.

Von den drei Bsen
1
Im Traum, im letzten Morgentraume stand ich heut auf einem Vorgebirge, -
jenseits der Welt, hielt eine Wage und wog die Welt.
Oh dass zu frh mir die Morgenrthe kam: die glhte mich wach, die
Eiferschtige! Eiferschtig ist sie immer auf meine Morgentraum-Gluthen.
Messbar fr Den, der Zeit hat, wgbar fr einen guten Wger, erfliegbar fr
starke Fittige, errathbar fr gttliche Nsseknacker: also fand mein Traum die
Welt: -
Mein Traum, ein khner Segler, halb Schiff, halb Windsbraut, gleich
Schmetterlingen schweigsam, ungeduldig gleich Edelfalken: wie hatte er doch zum
Welt-Wgen heute Geduld und Weile!
Sprach ihm heimlich wohl meine Weisheit zu, meine lachende wache Tags-Weisheit,
welche ber alle "unendliche Welten" spottet? Denn sie spricht: "wo Kraft
ist, wird auch die Zahl Meisterin: die hat mehr Kraft."
Wie sicher schaute mein Traum auf diese endliche Welt, nicht neugierig, nicht
altgierig, nicht frchtend, nicht bittend: -
- als ob ein voller Apfel sich meiner Hand bte, ein reifer Goldapfel, mit
khl-sanfter sammtener Haut: - so bot sich mir die Welt: -
- als ob ein Baum mir winke, ein breitstiger, starkwilliger, gekrmmt zur Lehne
und noch zum Fussbrett fr den Wegmden: so stand die Welt auf meinem
Vorgebirge: -
- als ob zierliche Hnde mir einen Schrein entgegentrgen, - einen Schrein offen
fr das Entzcken schamhafter verehrender Augen: also bot sich mir heute die
Welt entgegen: -
- nicht Rthsel genug, um Menschen-Liebe davon zu scheuchen, nicht Lsung genug,
um Menschen-Weisheit einzuschlfern: - ein menschlich gutes Ding war mir heut
die Welt, der man so Bses nachredet!
Wie danke ich es meinem Morgentraum, dass ich also in der Frhe heut die Welt
wog! Als ein menschlich gutes Ding kam er zu mir, dieser Traum und
Herzenstrster!
Und dass ich's ihm gleich thue am Tage und sein Bestes ihm nach- und ablerne:
will ich jetzt die drei bsesten Dinge auf die Wage thun und menschlich gut
abwgen. -
Wer da segnen lehrte, der lehrte auch fluchen: welches sind in der Welt die drei
bestverfluchten Dinge? Diese will ich auf die Wage thun.
Wollust, Herrschsucht, Selbstsucht: diese Drei wurden bisher am besten verflucht
und am schlimmsten beleu- und belgenmundet, - diese Drei will ich menschlich
gut abwgen.
Wohlauf! Hier ist mein Vorgebirg und da das Meer: das wlzt sich zu mir heran,
zottelig, schmeichlerisch, das getreue alte hundertkpfige Hunds-Ungethm, das
ich liebe.
Wohlauf! Hier will ich die Wage halten ber gewlztem Meere: und auch einen
Zeugen whle ich, dass er zusehe, - dich, du Einsiedler-Baum, dich
starkduftigen, breitgewlbten, den ich liebe! -
Auf welcher Brcke geht zum Dereinst das Jetzt? Nach welchem Zwange zwingt das
Hohe sich zum Niederen? Und was heisst auch das Hchste noch - hinaufwachsen? -
Nun steht die Wage gleich und still: drei schwere Fragen warf ich hinein, drei
schwere Antworten trgt die andre Wagschale.
2
Wollust: allen busshemdigen Leib-Verchtern ihr Stachel und Pfahl, und als
"Welt" verflucht bei allen Hinterweltlern: denn sie hhnt und narrt alle Wirr-
und Irr-Lehrer.
Wollust: dem Gesindel das langsame Feuer, auf dem es verbrannt wird; allem
wurmichten Holze, allen stinkenden Lumpen der bereite Brunst- und Brodel-Ofen.
Wollust: fr die freien Herzen unschuldig und frei, das Garten-Glck der Erde,
aller Zukunft Dankes-berschwang an das Jetzt.
Wollust: nur dem Welken ein ssslich Gift, fr die Lwen-Willigen aber die
grosse Herzstrkung, und der ehrfrchtig geschonte Wein der Weine.
Wollust: das grosse Gleichniss-Glck fr hheres Glck und hchste Hoffnung.
Vielem nmlich ist Ehe verheissen und mehr als Ehe, -
- Vielem, das fremder sich ist, als Mann und Weib: - und wer begriff es ganz,
wie fremd sich Mann und Weib sind!
Wollust: - doch ich will Zune um meine Gedanken haben und auch noch um meine
Worte: dass mir nicht in meine Grten die Schweine und Schwrmer brechen! -
Herrschsucht: die Glh-Geissel der hrtesten Herzensharten; die grause Marter,
die sich dem Grausamsten selber aufspart; die dstre Flamme lebendiger
Scheiterhaufen.
Herrschsucht: die boshafte Bremse, die den eitelsten Vlkern aufgesetzt wird;
die Verhhnerin aller ungewissen Tugend; die auf jedem Rosse und jedem Stolze
reitet.
Herrschsucht: das Erdbeben, das alles Morsche und Hhlichte bricht und
aufbricht; die rollende grollende strafende Zerbrecherin bertnchter Grber;
das blitzende Fragezeichen neben vorzeitigen Antworten.
Herrschsucht: vor deren Blick der Mensch kriecht und duckt und frhnt und
niedriger wird als Schlange und Schwein: - bis endlich die grosse Verachtung aus
ihm aufschreie -,
Herrschsucht: die furchtbare Lehrerin der grossen Verachtung, welche Stdten und
Reichen in's Antlitz predigt "hinweg mit dir!" - bis es aus ihnen selber
aufschreie "hinweg mit mir!"
Herrschsucht: die aber lockend auch zu Reinen und Einsamen und hinauf zu
selbstgenugsamen Hhen steigt, glhend gleich einer Liebe, welche purpurne
Seligkeiten lockend an Erdenhimmel malt.
Herrschsucht: doch wer hiesse es Sucht, wenn das Hohe hinab nach Macht gelstet!
Wahrlich, nichts Sieches und Schtiges ist an solchem Gelsten und
Niedersteigen!
Dass die einsame Hhe sich nicht ewig vereinsame und selbst begnge; dass der
Berg zu Thale komme und die Winde der Hhe zu den Niederungen: -
Oh wer fnde den rechten Tauf- und Tugendnamen fr solche Sehnsucht!
"Schenkende Tugend" - so nannte das Unnennbare einst Zarathustra.
Und damals geschah es auch, - und wahrlich, es geschah zum ersten Male! - dass
sein Wort die Selbstsucht selig pries, die heile, gesunde Selbstsucht, die aus
mchtiger Seele quillt: -
- aus mchtiger Seele, zu welcher der hohe Leib gehrt, der schne, sieghafte,
erquickliche, um den herum jedwedes Ding Spiegel wird:
- der geschmeidige berredende Leib, der Tnzer, dessen Gleichniss und Auszug
die selbst-lustige Seele ist. Solcher Leiber und Seelen Selbst-Lust heisst sich
selber: "Tugend."
Mit ihren Worten von Gut und Schlecht schirmt sich solche Selbst-Lust wie mit
heiligen Hainen; mit den Namen ihres Glcks bannt sie von sich alles
Verchtliche.
Von sich weg bannt sie alles Feige; sie spricht: Schlecht - das ist feige!
Verchtlich dnkt ihr der immer Sorgende, Seufzende, Klgliche und wer auch die
kleinsten Vortheile aufliest.
Sie verachtet auch alle wehselige Weisheit: denn, wahrlich, es giebt auch
Weisheit, die im Dunklen blht, eine Nachtschatten-Weisheit: als welche immer
seufzt: "Alles ist eitel!"
Das scheue Misstrauen gilt ihr gering, und Jeder, wer Schwre statt Blicke und
Hnde will: auch alle allzu misstrauische Weisheit, - denn solche ist feiger
Seelen Art.
Geringer noch gilt ihr der Schnell-Gefllige, der Hndische, der gleich auf dem
Rcken liegt, der Demthige; und auch Weisheit giebt es, die demthig und
hndisch und fromm und schnellgefllig ist.
Verhasst ist ihr gar und ein Ekel, wer nie sich wehren will, wer giftigen
Speichel und bse Blicke hinunterschluckt, der All-zu-Geduldige, Alles-Dulder,
Allgengsame: das nmlich ist die knechtische Art.
Ob Einer vor Gttern und gttlichen Fusstritten knechtisch ist, ob vor Menschen
und blden Menschen-Meinungen: alle Knechts-Art speit sie an, diese selige
Selbstsucht!
Schlecht: so beisst sie Alles, was geknickt und knickerisch-knechtisch ist,
unfreie Zwinker-Augen, gedruckte Herzen, und jene falsche nachgebende Art,
welche mit breiten feigen Lippen ksst.
Und After-Weisheit: so heisst sie Alles, was Knechte und Greise und Mde
witzeln; und sonderlich die ganze schlimme aberwitzige, berwitzige
Priester-Narrheit!
Die After-Weisen aber, alle die Priester, Weltmden und wessen Seele von Weibs-
und Knechtsart ist, - oh wie hat ihr Spiel von jeher der Selbstsucht bel
mitgespielt!
Und Das gerade sollte Tugend sein und Tugend heissen, dass man der Selbstsucht
bel mitspiele! Und "selbstlos" - so wnschten sich selber mit gutem Grunde
alle diese weltmden Feiglinge und Kreuzspinnen!
Aber denen Allen kommt nun der Tag, die Wandlung, das Richtschwert, der grosse
Mittag : da soll Vieles offenbar werden!
Und wer das Ich heil und heilig spricht und die Selbstsucht selig, wahrlich, der
spricht auch, was er weiss, ein Weissager: "Siehe, er kommt, er ist nahe, der
grosse Mittag!"
Also sprach Zarathustra.

Vom Geist der Schwere
1
Mein Mundwerk - ist des Volks: zu grob und herzlich rede ich fr die
Seidenhasen. Und noch fremder klingt mein Wort allen Tinten-Fischen und
Feder-Fchsen.
Meine Hand - ist eine Narrenhand: wehe allen Tischen und Wnden, und was noch
Platz hat fr Narren-Zierath, Narren-Schmierath!
Mein Fuss - ist ein Pferdefuss; damit trapple und trabe ich ber Stock und
Stein, kreuz- und querfeld-ein und bin des Teufels vor Lust bei allem schnellen
Laufen.
Mein Magen - ist wohl eines Adlers Magen? Denn er liebt am liebsten Lammfleisch.
Gewisslich aber ist er eines Vogels Magen.
Von unschuldigen Dingen genhrt und von Wenigem, bereit und ungeduldig zu
fliegen, davonzufliegen - das ist nun meine Art: wie sollte nicht Etwas daran
von Vogel-Art sein!
Und zumal, dass ich dem Geist der Schwere feind bin, das ist Vogel-Art: und
wahrlich, todfeind, erzfeind, urfeind! Oh wohin flog und verflog sich nicht
schon meine Feindschaft!
Davon knnte ich schon ein Lied singen - und will es singen: ob ich gleich
allein in leerem Hause bin und es meinen eignen Ohren singen muss.
Andre Snger giebt es freilich, denen macht das volle Haus erst ihre Kehle
weide, ihre Hand gesprchig, ihr Auge ausdrcklich, ihr Herz wach: - Denen
gleiche ich nicht. -
2
Wer die Menschen einst fliegen lehrt, der hat alle Grenzsteine verrckt; alle
Grenzsteine selber werden ihm in die Luft fliegen, die Erde wird er neu taufen -
als "die Leichte."
Der Vogel Strauss luft schneller als das schnellste Pferd, aber auch er steckt
noch den Kopf schwer in schwere Erde: also der Mensch, der noch nicht fliegen
kann.
Schwer heisst ihm Erde und Leben; und so will es der Geist der Schwere! Wer aber
leicht werden will und ein Vogel, der muss sich selber lieben: - also lehre ich.
Nicht freilich mit der Liebe der Siechen und Schtigen: denn bei denen stinkt
auch die Eigenliebe!
Man muss sich selber lieben lernen - also lehre ich - mit einer heilen und
gesunden Liebe: dass man es bei sich selber aushalte und nicht umherschweife.
Solches Umherschweifen tauft sich "Nchstenliebe": mit diesem Worte ist bisher
am besten gelogen und geheuchelt worden, und sonderlich von Solchen, die aller
Welt schwer fielen.
Und wahrlich, das ist kein Gebot fr Heute und Morgen, sich lieben lernen.
Vielmehr ist von allen Knsten diese die feinste, listigste, letzte und
geduldsamste.
Fr seinen Eigener ist nmlich alles Eigene gut versteckt; und von allen
Schatzgruben wird die eigne am sptesten ausgegraben, - also schafft es der
Geist der Schwere.
Fast in der Wiege giebt man uns schon schwere Worte und Werthe mit: "gut" und
"bse" - so heisst sich diese Mitgift. Um derentwillen vergiebt man uns, dass
wir leben.
Und dazu lsst man die Kindlein zu sich kommen, dass man ihnen bei Zeiten wehre,
sich selber zu lieben: also schafft es der Geist der Schwere.
Und wir - wir schleppen treulich, was man uns mitgiebt, auf harten Schultern und
ber rauhe Berge! Und schwitzen wir, so sagt man uns: "Ja, das Leben ist schwer
zu tragen!"
Aber der Mensch nur ist sich schwer zu tragen! Das macht, er schleppt zu vieles
Fremde auf seinen Schultern. Dem Kameele gleich kniet er nieder und lsst sich
gut aufladen.
Sonderlich der starke, tragsame Mensch, dem Ehrfurcht innewohnt: zu viele fremde
schwere Worte und Werthe ldt er auf sich, - nun dnkt das Leben ihm eine Wste!
Und wahrlich! Auch manches Eigene ist schwer zu tragen! Und viel Inwendiges am
Menschen ist der Auster gleich, nmlich ekel und schlpfrig und schwer
erfasslich -,
- also dass eine edle Schale mit edler Zierath frbitten muss. Aber auch diese
Kunst muss man lernen: Schale haben und schnen Schein und kluge Blindheit!
Abermals trgt ber Manches am Menschen, dass manche Schale gering und traurig
und zu sehr Schale ist. Viel verborgene Gte und Kraft wird nie errathen; die
kstlichsten Leckerbissen finden keine Schmecker!
Die Frauen wissen das, die kstlichsten: ein Wenig fetter, ein Wenig magerer -
oh wie viel Schicksal liegt in so Wenigem!
Der Mensch ist schwer zu entdecken und sich selber noch am schwersten; oft lgt
der Geist ber die Seele. Also schafft es der Geist der Schwere.
Der aber hat sich selber entdeckt, welcher spricht: Das ist mein Gutes und
Bses: damit hat er den Maulwurf und Zwerg stumm gemacht, welcher spricht
"Allen gut, Allen bs."
Wahrlich, ich mag auch Solche nicht, denen jegliches Ding gut und diese Welt gar
die beste heisst. Solche nenne ich die Allgengsamen.
Allgengsamkeit, die Alles zu schmecken weiss: das ist nicht der beste
Geschmack! Ich ehre die widerspnstigen whlerischen Zungen und Mgen, welche
"Ich" und "Ja" und "Nein" sagen lernten.
Alles aber kauen und verdauen - das ist eine rechte Schweine-Art! Immer I-a
sagen - das lernte allein der Esel, und wer seines Geistes ist! -
Das tiefe Gelb und das heisse Roth: so will es mein Geschmack, - der mischt Blut
zu allen Farben. Wer aber sein Haus weiss tncht, der verrth mir eine
weissgetnchte Seele.
In Mumien verliebt die Einen, die Andern in Gespenster; und Beide gleich feind
allem Fleisch und Blute - oh wie gehen Beide mir wider den Geschmack! Denn ich
liebe Blut.
Und dort will ich nicht wohnen und weilen, wo Jedermann spuckt und speit: das
ist nun mein Geschmack, - lieber noch lebte ich unter Dieben und Meineidigen.
Niemand trgt Gold im Munde.
Widriger aber sind mir noch alle Speichellecker; und das widrigste Thier von
Mensch, das ich fand, das taufte ich Schmarotzer: das wollte nicht lieben und
doch von Liebe leben.
Unselig heisse ich Alle, die nur Eine Wahl haben: bse Thiere zu werden oder
bse Thierbndiger: bei Solchen wrde ich mir keine Htten bauen.
Unselig heisse ich auch Die, welche immer warten mssen, - die gehen mir wider
den Geschmack: alle die Zllner und Krmer und Knige und andren Lnder- und
Ladenhter.
Wahrlich, ich lernte das Warten auch und von Grund aus,
- aber nur das Warten auf mich. Und ber Allem lernte ich stehn und gehn und
laufen und springen und klettern und tanzen.
Das ist aber meine Lehre: wer einst fliegen lernen will, der muss erst stehn und
gehn und laufen und klettern und tanzen lernen: - man erfliegt das Fliegen
nicht!
Mit Strickleitern lernte ich manches Fenster erklettern, mit hurtigen Beinen
klomm ich auf hohe Masten: auf hohen Masten der Erkenntniss sitzen dnkte mich
keine geringe Seligkeit, -
- gleich kleinen Flammen flackern auf hohen Masten: ein kleines Licht zwar, aber
doch ein grosser Trost fr verschlagene Schiffer und Schiffbrchige! -
Auf vielerlei Weg und Weise kam ich zu meiner Wahrheit; nicht auf Einer Leiter
stieg ich zur Hhe, wo mein Auge in meine Ferne schweift.
Und ungern nur fragte ich stets nach Wegen, - das gieng mir immer wider den
Geschmack! Lieber fragte und versuchte ich die Wege selber.
Ein Versuchen und Fragen war all mein Gehen: - und wahrlich, auch antworten muss
man lernen auf solches Fragen! Das aber - ist mein Geschmack:
- kein guter, kein schlechter, aber mein Geschmack, dessen ich weder Scham noch
Hehl mehr habe.
"Das - ist nun mein Weg, - wo ist der eure?" so antwortete ich Denen, welche
mich "nach dem Wege" fragten. Den Weg nmlich - den giebt es nicht!
Also sprach Zarathustra.

Von alten und neuen Tafeln
1
Hier sitze ich und warte, alte zerbrochene Tafeln um mich und auch neue halb
beschriebene Tafeln. Wann kommt meine Stunde?
- die Stunde meines Niederganges, Unterganges: denn noch Ein Mal will ich zu den
Menschen gehn.
Dess warte ich nun: denn erst mssen mir die Zeichen kommen, dass es meine
Stunde sei, - nmlich der lachende Lwe mit dem Taubenschwarme.
Inzwischen rede ich als Einer, der Zeit hat, zu mir selber. Niemand erzhlt mir
Neues: so erzhle ich mir mich selber. -
2
Als ich zu den Menschen kam, da fand ich sie sitzen auf einem alten Dnkel: Alle
dnkten sich lange schon zu wissen, was dem Menschen gut und bse sei.
Eine alte mde Sache dnkte ihnen alles Reden von Tugend; und wer gut schlafen
wollte, der sprach vor Schlafengehen noch von "Gut" und "Bse".
Diese Schlferei strte ich auf, als ich lehrte: was gut und bse ist, das weiss
noch Niemand: - es sei denn der Schaffende!
- Das aber ist Der, welcher des Menschen Ziel schafft und der Erde ihren Sinn
giebt und ihre Zukunft: Dieser erst schafft es, dass Etwas gut und bse ist.
Und ich hiess sie ihre alten Lehr-Sthle umwerfen, und wo nur jener alte Dnkel
gesessen hatte; ich hiess sie lachen ber ihre grossen Tugend-Meister und
Heiligen und Dichter und Welt-Erlser.
ber ihre dsteren Weisen hiess ich sie lachen, und wer je als schwarze
Vogelscheuche warnend auf dem Baume des Lebens gesessen hatte.
An ihre grosse Grberstrasse setzte ich mich und selber zu Aas und Geiern - und
ich lachte ber all ihr Einst und seine mrbe verfallende Herrlichkeit.
Wahrlich, gleich Busspredigern und Narrn schrie ich Zorn und Zeter ber all ihr
Grosses und Kleines -, dass ihr Bestes so gar klein ist! Dass ihr Bsestes so
gar klein ist! - also lachte ich.
Meine weise Sehnsucht schrie und lachte also aus mir, die auf Bergen geboren
ist, eine wilde Weisheit wahrlich! - meine grosse flgelbrausende Sehnsucht.
Und oft riss sie mich fort und hinauf und hinweg und mitten im Lachen: da flog
ich wohl schaudernd, ein Pfeil, durch sonnentrunkenes Entzcken:
- hinaus in ferne Zuknfte, die kein Traum noch sah, in heissere Sden, als je
sich Bildner trumten: dorthin, wo Gtter tanzend sich aller Kleider schmen: -
- dass ich nmlich in Gleichnissen rede und gleich Dichtern hinke und stammle:
und wahrlich, ich schme mich, dass ich noch Dichter sein muss! -
Wo alles Werden mich Gtter-Tanz und Gtter-Muthwillen dnkte, und die Welt los-
und ausgelassen und zu sich selber zurckfliehend: -
- als ein ewiges Sich-fliehn und -Wiedersuchen vieler Gtter, als das selige
Sich-Widersprechen, Sich-Wieder-hren, Sich-Wieder-Zugehren vieler Gtter: -
Wo alle Zeit mich ein seliger Hohn auf Augenblicke dnkte, wo die Nothwendigkeit
die Freiheit selber war, die selig mit dem Stachel der Freiheit spielte: -
Wo ich auch meinen alten Teufel und Erzfeind wiederfand, den Geist der Schwere
und Alles, was er schuf: Zwang, Satzung, Noth und Folge und Zweck und Wille und
Gut und Bse: -
Denn muss nicht dasein, ber das getanzt, hinweggetanzt werde? Mssen nicht um
der Leichten, Leichtesten willen - Maulwrfe und schwere Zwerge dasein? -
3
Dort war's auch, wo ich das Wort "bermensch" vom Wege auflas, und dass der
Mensch Etwas sei, das berwunden werden msse,
- dass der Mensch eine Brcke sei und kein Zweck: sich selig preisend ob seines
Mittags und Abends, als Weg zu neuen Morgenrthen:
- das Zarathustra-Wort vom grossen Mittage, und was sonst ich ber den Menschen
aufhngte, gleich purpurnen zweiten Abendrthen.
Wahrlich, auch neue Sterne liess ich sie sehn sammt neuen Nchten; und ber
Wolken und Tag und Nacht spannte ich noch das Lachen aus wie ein buntes Gezelt.
Ich lehrte sie all mein Dichten und Trachten: in Eins zu dichten und zusammen zu
tragen, was Bruchstck ist am Menschen und Rthsel und grauser Zufall, -
- als Dichter, Rthselrather und Erlser des Zufalls lehrte ich sie an der
Zukunft schaffen, und Alles, das war -, schaffend zu erlsen.
Das Vergangne am Menschen zu erlsen und alles "Es war" umzuschauen, bis der
Wille spricht: "Aber so wollte ich es! So werde ich's wollen -"
- Diess hiess ich ihnen Erlsung, Diess allein lehrte ich sie Erlsung heissen.
-
Nun warte ich meiner Erlsung -, dass ich zum letzten Male zu ihnen gehe.
Denn noch Ein Mal will ich zu den Menschen: unter ihnen will ich untergehen,
sterbend will ich ihnen meine reichste Gabe geben!
Der Sonne lernte ich Das ab, wenn sie hinabgeht, die berreiche: Gold schttet
sie da in's Meer aus unerschpflichem Reichthume, -
- also, dass der rmste Fischer noch mit goldenem Ruder rudert! Diess nmlich
sah ich einst und wurde der Thrnen nicht satt im Zuschauen. -
Der Sonne gleich will auch Zarathustra untergehn: nun sitzt er hier und wartet,
alte zerbrochne Tafeln um sich und auch neue Tafeln, - halbbeschriebene.
4
Siehe, hier ist eine neue Tafel: aber wo sind meine Brder, die sie mit mir zu
Thale und in fleischerne Herzen tragen? -
Also heischt es meine grosse Liebe zu den Fernsten: schone deinen Nchsten
nicht! Der Mensch ist Etwas, das berwunden werden muss.
Es giebt vielerlei Weg und Weise der berwindung.- da siehe du zu! Aber nur ein
Possenreisser denkt: "der Mensch kann auch bersprungen werden."
berwinde dich selber noch in deinem Nchsten: und ein Recht, das du dir rauben
kannst, sollst du dir nicht geben lassen!
Was du thust, das kann dir Keiner wieder thun. Siehe, es giebt keine Vergeltung.
Wer sich nicht befehlen kann, der soll gehorchen. Und Mancher kann sich
befehlen, aber da fehlt noch Viel, dass er sich auch gehorche!
5
Also will es die Art edler Seelen: sie wollen Nichts umsonst haben, am wenigsten
das Leben.
Wer vom Pbel ist, der will umsonst leben; wir Anderen aber, denen das Leben
sich gab, - wir sinnen immer darber, was wir am besten dagegen geben!
Und wahrlich, diess ist eine vornehme Rede, welche spricht: "was uns das Leben
verspricht, das wollen wir - dem Leben halten!"
Man soll nicht geniessen wollen, wo man nicht zu geniessen giebt. Und - man soll
nicht geniessen wollen!
Genuss und Unschuld nmlich sind die schamhaftesten Dinge: Beide wollen nicht
gesucht sein. Man soll sie haben -, aber man soll eher noch nach Schuld und
Schmerzen suchen! -
6
Oh meine Brder, wer ein Erstling ist, der wird immer geopfert. Nun aber sind
wir Erstlinge.
Wir bluten Alle an geheimen Opfertischen, wir brennen und braten Alle zu Ehren
alter Gtzenbilder.
Unser Bestes ist noch jung: das reizt alte Gaumen. Unser Fleisch ist zart, unser
Fell ist nur ein Lamm-Fell: - wie sollten wir nicht alte Gtzenpriester reizen!
In uns selber wohnt er noch, der alte Gtzenpriester, der unser Bestes sich zum
Schmause brt. Ach, meine Brder, wie sollten Erstlinge nicht Opfer sein!
Aber so will es unsre Art; und ich liebe Die, welche sich nicht bewahren wollen.
Die Untergehenden liebe ich mit meiner ganzen Liebe: denn sie gehn hinber. -
7
Wahr sein - das knnen Wenige! Und wer es kann, der will es noch nicht! Am
wenigsten aber knnen es die Guten.
Oh diese Guten! - Gute Menschen reden nie die Wahrheit; fr den Geist ist
solchermaassen gut sein eine Krankheit.
Sie geben nach, diese Guten, sie ergeben sich, ihr Herz spricht nach, ihr Grund
gehorcht; wer aber gehorcht, der hrt sich selber nicht!
Alles, was den Guten bse heisst, muss zusammen kommen, dass Eine Wahrheit
geboren werde: oh meine Brder, seid ihr auch bse genug zu dieser Wahrheit?
Das verwegene Wagen, das lange Misstrauen, das grausame Nein, der berdruss, das
Schneiden in's Lebendige - wie selten kommt das zusammen! Aus solchem Samen aber
wird Wahrheit gezeugt!
Neben dem bsen Gewissen wuchs bisher alles Wissen! Zerbrecht, zerbrecht mir,
ihr Erkennenden, die alten Tafeln!
8
Wenn das Wasser Balken hat, wenn Stege und Gelnder ber den Fluss springen:
wahrlich, da findet Keiner Glauben, der da spricht: "Alles ist im Fluss."
Sondern selber die Tlpel widersprechen ihm. "Wie? sagen die Tlpel, Alles wre
im Flusse? Balken und Gelnder sind doch ber dem Flusse!"
"ber dem Flusse ist Alles fest, alle die Werthe der Dinge, die Brcken,
Begriffe, alles "Gut" und "Bse": das ist Alles fest!" -
Kommt gar der harte Winter, der Fluss-Thierbndiger: dann lernen auch die
Witzigsten Misstrauen; und, wahrlich, nicht nur die Tlpel sprechen dann:
"Sollte nicht Alles - stille stehn?"
"Im Grunde steht Alles stille" -, das ist eine rechte Winter-Lehre, ein gut
Ding fr unfruchtbare Zeit, ein guter Trost fr Winterschlfer und Ofenhocker.
"Im Grund steht Alles still" -: dagegen aber predigt der Thauwind!
Der Thauwind, ein Stier, der kein pflgender Stier ist, - ein wthender Stier,
ein Zerstrer, der mit zornigen Hrnern Eis bricht! Eis aber - bricht Stege!
Oh meine Brder, ist jetzt nicht Alles im Flusse? Sind nicht alle Gelnder und
Stege in's Wasser gefallen? Wer hielte sich noch an "Gut" und "Bse"?
"Wehe uns! Heil uns! Der Thauwind weht!" - Also predigt mir, oh meine Brder,
durch alle Gassen!
9
Es giebt einen alten Wahn, der heisst Gut und Bse. Um Wahrsager und Sterndeuter
drehte sich bisher das Rad dieses Wahns.
Einst glaubte man an Wahrsager und Sterndeuter: und darum glaubte man "Alles
ist Schicksal: du sollst, denn du musst!"
Dann wieder misstraute man allen Wahrsagern und Sterndeutern: und darum glaubte
man "Alles ist Freiheit: du kannst, denn du willst!"
Oh meine Brder, ber Sterne und Zukunft ist bisher nur gewhnt, nicht gewusst
worden: und darum ist ber Gut und Bse bisher nur gewhnt, nicht gewusst
worden!
10
"Du sollst nicht rauben! Du sollst nicht todtschlagen!" - solche Worte hiess
man einst heilig; vor ihnen beugte man Knie und Kpfe und zog die Schuhe aus.
Aber ich frage euch: wo gab es je bessere Ruber und Todtschlger in der Welt,
als es solche heilige Worte waren?
Ist in allem Leben selber nicht - Rauben und Todtschlagen? Und dass solche Worte
heilig hiessen, wurde damit die Wahrheit selber nicht - todtgeschlagen?
Oder war es eine Predigt des Todes, dass heilig hiess, was allem Leben
widersprach und widerrieth? - Oh meine Brder, zerbrecht, zerbrecht mir die
alten tafeln!
11
Diess ist mein Mitleid mit allem Vergangenen, dass ich sehe: es ist
preisgegeben, -
- der Gnade, dem Geiste, dem Wahnsinne jedes Geschlechtes preisgegeben, das
kommt und Alles, was war, zu seiner Brcke umdeutet!
Ein grosser Gewalt-Herr knnte kommen, ein gewitzter Unhold, der mit seiner
Gnade und Ungnade alles Vergangene zwnge und zwngte: bis es ihm Brcke wrde
und Vorzeichen und Herold und Hahnenschrei.
Diess aber ist die andre Gefahr und mein andres Mitleiden: - wer vom Pbel ist,
dessen Gedenken geht zurck bis zum Grossvater, - mit dem Grossvater aber hrt
die Zeit auf.
Also ist alles Vergangene preisgegeben: denn es knnte einmal kommen, dass der
Pbel Herr wrde und in seichten Gewssern alle Zeit ertrnke.
Darum, oh meine Brder, bedarf es eines neuen Adels, der allem Pbel und allem
Gewalt-Herrischen Widersacher ist und auf neue Tafeln neu das Wort schreibt
"edel".
Vieler Edlen nmlich bedarf es und vielerlei Edlen, dass es Adel gebe! Oder, wie
ich einst im Gleichniss sprach: "Das eben ist Gttlichkeit, dass es Gtter,
aber keinen Gott giebt!"
12
Oh meine Brder, ich weihe und weise euch zu einem neuen Adel: ihr sollt mir
Zeuger und Zchter werden und Semnner der Zukunft, -
- wahrlich, nicht zu einem Adel, den ihr kaufen knntet gleich den Krmern und
mit Krmer-Golde: denn wenig Werth hat Alles, was seinen Preis hat.
Nicht, woher ihr kommt, mache euch frderhin eure Ehre, sondern wohin ihr geht!
Euer Wille und euer Fuss, der ber euch selber hinaus will, - das mache eure
neue Ehre!
Wahrlich nicht, dass ihr einem Frsten gedient habt - was liegt noch an Frsten!
- oder dem, was steht, zum Bollwerk wurdet, dass es fester stnde!
Nicht, dass euer Geschlecht an Hfen hfisch wurde, und ihr lerntet, bunt, einem
Flamingo hnlich, lange Stunden in flachen Teichen stehn.
- Denn Stehen-knnen ist ein Verdienst bei Hflingen; und alle Hflinge glauben,
zur Seligkeit nach dem Tode gehre - Sitzen-drfen! -
Nicht auch, dass ein Geist, den sie heilig nennen, eure Vorfahren in gelobte
Lnder fhrte, die ich nicht lobe: denn wo der schlimmste aller Bume wuchs, das
Kreuz, - an dem Lande ist Nichts zu loben! -
- und wahrlich, wohin dieser "heilige Geist" auch seine Ritter fhrte, immer
liefen bei solchen Zgen - Ziegen und Gnse und Kreuz- und Querkpfe voran! -
Oh meine Brder, nicht zurck soll euer Adel schauen, sondern hinaus!
Vertriebene sollt ihr sein aus allen Vater- und Urvterlndern!
Eurer Kinder Land sollt ihr lieben: diese Liebe sei euer neuer Adel, - das
unentdeckte, im feinsten Meere! Nach ihm heisse ich eure Segel suchen und
suchen!
An euren Kindern sollt ihr gutmachen, dass ihr eurer Vter Kinder seid: alles
Vergangene sollt ihr so erlsen! Diese neue Tafel stelle ich ber euch!
13
"Wozu leben? Alles ist eitel! Leben - das ist Stroh dreschen; Leben - das ist
sich verbrennen und doch nicht warm werden." -
Solch alterthmliches Geschwtz gilt immer noch als "Weisheit"; dass es aber
alt ist und dumpfig riecht, darum wird es besser geehrt. Auch der Moder adelt. -
Kinder durften so reden: die scheuen das Feuer, weil es sie brannte! Es ist viel
Kinderei in den alten Bchern der Weisheit.
Und wer immer "Stroh drischt", wie sollte der auf das Dreschen lstern drfen!
Solchem Narren msste man doch das Maul verbinden!
Solche setzen sich zu Tisch und bringen Nichts mit, selbst den guten Hunger
nicht: - und nun lstern sie "Alles ist eitel!"
Aber gut essen und trinken, oh meine Brder, ist wahrlich keine eitle Kunst!
Zerbrecht, zerbrecht mir die Tafeln der Nimmer-Frohen!
14
"Dem Reinen ist Alles rein" - so spricht das Volk. Ich aber sage euch: den
Schweinen wird Alles Schwein!
Darum predigen die Schwrmer und Kopfhnger, denen auch das Herz niederhngt:
"die Welt selber ist ein kothiges Ungeheuer."
Denn diese Alle sind unsuberlichen Geistes; sonderlich aber Jene, welche nicht
Ruhe, noch Rast haben, es sei denn, sie sehen die Welt von hinten, - die
Hinterweltler!
Denen sage ich in's Gesicht, ob es gleich nicht lieblich klingt: die Welt
gleicht darin dem Menschen, dass sie einen Hintern hat, - so Viel ist wahr!
Es giebt in der Welt viel Koth: so Viel ist wahr! Aber darum ist die Welt selber
noch kein kothiges Ungeheuer!
Es ist Weisheit darin, dass Vieles in der Welt bel riecht: der Ekel selber
schafft Flgel und quellenahnende Krfte!
An dem Besten ist noch Etwas zum Ekeln; und der Beste ist noch Etwas, das
berwunden werden muss! -
Oh meine Brder, es ist viel Weisheit darin, dass viel Koth in der Welt ist! -
15
Solche Sprche hrte ich fromme Hinterweltler zu ihrem Gewissen reden; und
wahrlich, ohne Arg und Falsch, - ob es Schon nichts Falscheres in der Welt
giebt, noch rgeres.
"Lass doch die Welt der Welt sein! Hebe dawider auch nicht Einen Finger auf!"
"Lass, wer da wolle, die Leute wrgen und stechen und schneiden und schaben:
hebe dawider auch nicht Einen Finger auf! Darob lernen sie noch der Welt
absagen."
"Und deine eigne Vernunft - die sollst du selber grgeln und wrgen; denn es
ist eine Vernunft von dieser Welt, - darob lernst du selber der Welt absagen."
-
- Zerbrecht, zerbrecht mir, oh meine Brder, diese alten Tafeln der Frommen!
Zersprecht mir die Sprche der Welt-Verleumder!
16
"Wer viel lernt, der verlernt alles heftige Begehren" - das flstert man heute
sich zu auf allen dunklen Gassen.
"Weisheit macht mde, es lohnt sich - Nichts; du sollst nicht begehren!" -
diese neue Tafel fand ich hngen selbst auf offnen Mrkten.
Zerbrecht mir, oh meine Brder, zerbrecht mir auch diese neue Tafel! Die
Welt-Mden hngten sie hin und die Prediger des Todes, und auch die
Stockmeister: denn seht, es ist auch eine Predigt zur Knechtschaft! -
Dass sie schlecht lernten und das Beste nicht, und Alles zu frh und Alles zu
geschwind: dass sie schlecht assen, daher kam ihnen jener verdorbene Magen, -
- ein verdorbener Magen ist nmlich ihr Geist: der rth zum Tode! Denn wahrlich,
meine Brder, der Geist ist ein Magen!
Das Leben ist ein Born der Lust: aber aus wem der verdorbene Magen redet, der
Vater der Trbsal, dem sind alle Quellen vergiftet.
Erkennen: das ist Lust dem Lwen-willigen! Aber wer mde wurde, der wird selber
nur "gewollt", mit dem spielen alle Wellen.
Und so ist es immer schwacher Menschen Art: sie verlieren sich auf ihren Wegen.
Und zuletzt fragt noch ihre Mdigkeit: "wozu giengen wir jemals Wege! Es ist
Alles gleich!"
Denen klingt es lieblich zu Ohren, dass gepredigt wird: "Es verlohnt sich
Nichts! Ihr sollt nicht wollen!" Diess aber ist eine Predigt zur Knechtschaft.
Oh meine Brder, ein frischer Brause-Wind kommt Zarathustra allen Weg-Mden;
viele Nasen wird er noch niesen machen!
Auch durch Mauern blst mein freier Athem, und hinein in Gefngnisse und
eingefangne Geister!
Wollen befreit: denn Wollen ist Schaffen: so lehre ich. Und nur zum Schaffen
sollt ihr lernen!
Und auch das Lernen sollt ihr erst von mir lernen, das Gut-Lernen! - Wer Ohren
hat, der hre!
17
Da steht der Nachen, - dort hinber geht es vielleicht in's grosse Nichts. -
Aber wer will in diess "Vielleicht" einsteigen?
Niemand von euch will in den Todes-Nachen einsteigen! Wieso wollt ihr dann
Welt-Mde sein!
Weltmde! Und noch nicht einmal Erd-Entrckte wurdet ihr! Lstern fand ich euch
immer noch nach Erde, verliebt noch in die eigne Erd-Mdigkeit!
Nicht umsonst hngt euch die Lippe herab: - ein kleiner Erden-Wunsch sitzt noch
darauf! Und im Auge - schwimmt da nicht ein Wlkchen unvergessner Erden-Lust?
Es giebt auf Erden viel gute Erfindungen, die einen ntzlich, die andern
angenehm: derentwegen ist die Erde zu lieben.
Und mancherlei so gut Erfundenes giebt es da, dass es ist wie des Weibes Busen:
ntzlich zugleich und angenehm.
Ihr Welt-Mden aber! Ihr Erden-Faulen! Euch soll man mit Ruthen streichen! Mit
Ruthenstreichen soll man euch wieder muntre Beine machen.
Denn: seid ihr nicht Kranke und verlebte Wichte, deren die Erde mde ist, so
seid ihr schlaue Faulthiere oder naschhafte verkrochene Lust-Katzen. Und wollt
ihr nicht wieder lustig laufen, so sollt ihr - dahinfahren!
An Unheilbaren soll man nicht Arzt sein wollen: also lehrt es Zarathustra: - so
sollt ihr dahinfahren!
Aber es gehrt mehr Muth dazu, ein Ende zu machen, als einen neuen Vers: das
wissen alle rzte und Dichter. -
18
Oh meine Brder, es giebt Tafeln, welche die Ermdung, und Tafeln, welche die
Faulheit schuf, die faulige: ob sie schon gleich reden, so wollen sie doch
ungleich gehrt sein. -
Seht hier diesen Verschmachtenden! Nur eine Spanne weit ist er noch von seinem
Ziele, aber vor Mdigkeit hat er sich trotzig hier in den Staub gelegt: dieser
Tapfere!
Vor Mdigkeit ghnt er Weg und Erde und Ziel und sich selber an: keinen Schritt
will er noch weiter thun, - dieser Tapfere!
Nun glht die Sonne auf ihn, und die Hunde lecken nach seinem Schweisse: aber er
liegt da in seinem Trotze und will lieber verschmachten: -
- eine Spanne weit von seinem Ziele verschmachten! Wahrlich, ihr werdet ihn noch
an den Haaren in seinen Himmel ziehen mssen, - diesen Helden!
Besser noch, ihr lasst ihn liegen, wohin er sich gelegt hat, dass der Schlaf ihm
komme, der Trster, mit khlendem Rausche-Regen:
Lasst ihn liegen, bis er von selber wach wird, bis er von selber alle Mdigkeit
widerruft und was Mdigkeit aus ihm lehrte!
Nur, meine Brder, dass ihr die Hunde von ihm scheucht, die faulen Schleicher,
und all das schwrmende Geschmeiss: -
- all das schwrmende Geschmeiss der "Gebildeten", das sich am Schweisse jedes
Helden - gtlich thut! -
19
Ich schliesse Kreise um mich und heilige Grenzen; immer Wenigere steigen mit mir
auf immer hhere Berge, - ich baue ein Gebirge aus immer heiligeren Bergen. -
Wohin ihr aber auch mit mir steigen mgt, oh meine Brder: seht zu, dass nicht
ein Schmarotzer mit euch steige!
Schmarotzer: das ist ein Gewrm, ein kriechendes, geschmiegtes, das fett werden
will an euren kranken wunden Winkeln.
Und das ist seine Kunst, dass er steigende Seelen errth, wo sie mde sind: in
euren Gram und Unmuth, in eure zarte Scham baut er sein ekles Nest.
Wo der Starke schwach, der Edle allzumild ist, - dahinein baut er sein ekles
Nest: der Schmarotzer wohnt, wo der Grosse kleine wunde Winkel hat.
Was ist die hchste Art alles Seienden und was die geringste? Der Schmarotzer
ist die geringste Art; wer aber hchster Art ist, der ernhrt die meisten
Schmarotzer.
Die Seele nmlich, welche die lngste Leiter hat und am tiefsten hinunter kann:
wie sollten nicht an der die meisten Schmarotzer sitzen? -
- die umfnglichste Seele, welche am weitesten in sich laufen und irren und
schweifen kann; die nothwendigste, welche sich aus Lust in den Zufall strzt: -
- die seiende Seele, welche in's Werden taucht; die habende, welche in's Wollen
und Verlangen will: -
- die sich selber fliehende, die sich selber im weitesten Kreise einholt; die
weiseste Seele, welcher die Narrheit am sssesten zuredet: -
- die sich selber liebendste, in der alle Dinge ihr Strmen und Wiederstrmen
und Ebbe und Fluth haben: - oh wie sollte die hchste Seele nicht die
schlimmsten Schmarotzer haben?
20
Oh meine Brder, bin ich denn grausam? Aber ich sage: was fllt, das soll man
auch noch stossen!
Das Alles von Heute - das fllt, das verfllt: wer wollte es halten! Aber ich -
ich will es noch stossen!
Kennt ihr die Wollust, die Steine in steile Tiefen rollt? - Diese Menschen von
heute: seht sie doch, wie sie in meine Tiefen rollen!
Ein Vorspiel bin ich besserer Spieler, oh meine Brder! Ein Beispiel! Thut nach
meinem Beispiele!
Und wen ihr nicht fliegen lehrt, den lehrt mir - schneller fallen! -
21
Ich liebe die Tapferen: aber es ist nicht genug, Hau-Degen sein, - man muss auch
wissen Hau-schau-Wen !
Und oft ist mehr Tapferkeit darin, dass Einer an sich hlt und vorbergeht:
damit er sich dem wrdigeren Feinde aufspare!
Ich sollt nur Feinde haben, die zu hassen sind, aber nicht Feinde zum Verachten:
ihr msst stolz auf euren Feind sein: also lehrte ich schon Ein Mal.
Dem wrdigeren Feinde, oh meine Freunde, sollt ihr euch aufsparen: darum msst
ihr an Vielem vorbergehn, -
- sonderlich an vielem Gesindel, das euch in die Ohren lrmt von Volk und
Vlkern.
Haltet euer Auge rein von ihrem Fr und Wider! Da giebt es viel Recht, viel
Unrecht: wer da zusieht, wird zornig.
Dreinschaun, dreinhaun - das ist da Eins: darum geht weg in die Wlder und legt
euer Schwert schlafen!
Geht eure Wege! Und lasst Volk und Vlker die ihren gehn! - dunkle Wege
wahrlich, auf denen auch nicht Eine Hoffnung mehr wetterleuchtet!
Mag da der Krmer herrschen, wo Alles, was noch glnzt - Krmer-Gold ist! Es ist
die Zeit der Knige nicht mehr: was sich heute Volk heisst, verdient keine
Knige.
Seht doch, wie diese Vlker jetzt selber den Krmern gleich thun: sie lesen sich
die kleinsten Vortheile noch aus jedem Kehricht!
Sie lauern einander auf, sie lauern einander Etwas ab, - das heissen sie "gute
Nachbarschaft." Oh selige ferne Zeit, wo ein Volk sich sagte: "ich will ber
Vlker - Herr sein!"
Denn, meine Brder: das Beste soll herrschen, das Beste will auch herrschen! Und
wo die Lehre anders lautet, da - fehlt es am Besten.
22
Wenn Die - Brod umsonst htten, wehe! Wonach wrden Die schrein! Ihr Unterhalt -
das ist ihre rechte Unterhaltung; und sie sollen es schwer haben!
Raubthiere sind es.- in ihrem "Arbeiten" - da ist auch noch Rauben, in ihrem
"Verdienen" - da ist auch noch berlisten! Darum sollen sie es schwer haben!
Bessere Raubthiere sollen sie also werden, feinere, klgere,
menschen-hnlichere: der Mensch nmlich ist das beste Raubthier.
Allen Thieren hat der Mensch schon ihre Tugenden abgeraubt: das macht, von allen
Thieren hat es der Mensch am schwersten gehabt.
Nur noch die Vgel sind ber ihm. Und wenn der Mensch noch fliegen lernte, wehe!
wohinauf - wrde seine Raublust fliegen!
23
So will ich Mann und Weib: kriegstchtig den Einen, gebrtchtig das Andre,
beide aber tanztchtig mit Kopf und Beinen.
Und verloren sei uns der Tag, wo nicht Ein Mal getanzt wurde! Und falsch heisse
uns jede Wahrheit, bei der es nicht Ein Gelchter gab!
24
Euer Eheschliessen: seht zu, dass es nicht ein schlechtes Schliessen sei! Ihr
schlosset zu schnell: so folgt daraus - Ehebrechen!
Und besser noch Ehebrechen als Ehe-biegen, Ehelgen! - So sprach mir ein Weib:
"wohl brach ich die Ehe, aber zuerst brach die Ehe - mich!"
Schlimm-Gepaarte fand ich immer als die schlimmsten Rachschtigen: sie lassen es
aller Welt entgelten, dass sie nicht mehr einzeln laufen.
Desswillen will ich, dass Redliche zu einander reden: "wir lieben uns: lasst
uns zusehn, dass wir uns lieb behalten! Oder soll unser Versprechen ein Versehen
sein?"
- "Gebt uns eine Frist und kleine Ehe, dass wir zusehn, ob wir zur grossen Ehe
taugen! Es ist ein grosses Ding, immer zu Zwein sein!"
Also rathe ich allen Redlichen; und was wre denn meine Liebe zum bermenschen
und zu Allem, was kommen soll, wenn ich anders riethe und redete!
Nicht nur fort euch zu pflanzen, sondern hinauf - dazu, oh meine Brder, helfe
euch der Garten der Ehe!
25
Wer ber alte Ursprnge weise wurde, siehe, der wird zuletzt nach Quellen der
Zukunft suchen und nach neuen Ursprngen. -
Oh meine Brder, es ist nicht ber lange, da werden neue Vlker entspringen und
neue Quellen hinab in neue Tiefen rauschen.
Das Erdbeben nmlich - das verschttet viel Brunnen, das schafft viel
Verschmachten: das hebt auch innre Krfte und Heimlichkeiten an's Licht.
Das Erdbeben macht neue Quellen offenbar. Im Erdbeben alter Vlker brechen neue
Quellen aus.
Und wer da ruft: "Siehe hier ein Brunnen fr viele Durstige, Ein Herz fr viele
Sehnschtige, Ein Wille fr viele Werkzeuge": - um den sammelt sich ein Volk,
das ist: viel Versuchende.
Wer befehlen kann, wer gehorchen muss - Das wird da versucht! Ach, mit welch
langem Suchen und Rathen und Missrathen und Lernen und Neu-Versuchen!
Die Menschen-Gesellschaft: die ist ein Versuch, so lehre ich's, - ein langes
Suchen: sie sucht aber den Befehlenden! -
- ein Versuch, oh meine Brder! Und kein "Vertrag"! Zerbrecht, zerbrecht mir
solch Wort der Weich-Herzen und Halb- und Halben!
26
Oh meine Brder! Bei Welchen liegt doch die grsste Gefahr aller
Menschen-Zukunft? Ist es nicht bei den Guten und Gerechten? -
- als bei Denen, die sprechen und im Herzen fhlen: "wir wissen schon, was gut
ist und gerecht, wir haben es auch; wehe Denen, die hier noch suchen!" -
Und was fr Schaden auch die Bsen thun mgen: der Schaden der Guten ist der
schdlichste Schaden!
Und was fr Schaden auch die Welt-Verleumder thun mgen: der Schaden der Guten
ist der schdlichste Schaden.
Oh meine Brder, den Guten und Gerechten sah Einer einmal in's Herz, der da
sprach: "es sind die Phariser." Aber man verstand ihn nicht.
Die Guten und Gerechten selber durften ihn nicht verstehen: ihr Geist ist
eingefangen in ihr gutes Gewissen. Die Dummheit der Guten ist unergrndlich
klug.
Das aber ist die Wahrheit: die Guten mssen Phariser sein, - sie haben keine
Wahl!
Die Guten mssen Den kreuzigen, der sich seine eigne Tugend erfindet! Das ist
die Wahrheit!
Der Zweite aber, der ihr Land entdeckte, Land, Herz und Erdreich der Guten und
Gerechten: das war, der da fragte: "wen hassen sie am meisten?"
Den Schaffenden hassen sie am meisten: den, der Tafeln bricht und alte Werthe,
den Brecher - den heissen sie Verbrecher.
Die Guten nmlich - die knnen nicht schaffen: die sind immer der Anfang vom
Ende:-
- sie kreuzigen Den, der neue Werthe auf neue Tafeln schreibt, sie opfern sich
die Zukunft, - sie kreuzigen alle Menschen-Zukunft!
Die Guten - die waren immer der Anfang vom Ende. -
27
Oh meine Brder, verstandet ihr auch diess Wort? Und was ich einst sagte vom
"letzten Menschen"? -
Bei Welchen liegt die grsste Gefahr aller Menschen-Zukunft? Ist es nicht bei
den Guten und Gerechten?
Zerbrecht, zerbrecht mir die Guten und Gerechten! - Oh meine Brder, verstandet
ihr auch diess Wort?
28
Ihr flieht von mir? Ihr seid erschreckt? Ihr zittert vor diesem Worte?
Oh meine Brder, als ich euch die Guten zerbrechen hiess und die Tafeln der
Guten: da erst schiffte ich den Menschen ein auf seine hohe See.
Und nun erst kommt ihm der grosse Schrecken, das grosse Um-sich-sehn, die grosse
Krankheit, der grosse Ekel, die grosse See-Krankheit.
Falsche Ksten und falsche Sicherheiten lehrten euch die Guten; in Lgen der
Guten wart ihr geboren und geborgen. Alles ist in den Grund hinein verlogen und
verbogen durch die Guten.
Aber wer das Land "Mensch" entdeckte, entdeckte auch das Land
"Menschen-Zukunft". Nun sollt ihr mir Seefahrer sein, wackere, geduldsame!
Aufrecht geht mir bei Zeiten, oh meine Brder, lernt aufrecht gehn! Das Meer
strmt: Viele wollen an euch sich wieder aufrichten.
Das Meer strmt: Alles ist im Meere. Wohlan! Wohlauf! Ihr alten Seemanns-Herzen!
Was Vaterland! Dorthin will unser Steuer, wo unser Kinder-Land ist! Dorthinaus,
strmischer als das Meer, strmt unsre grosse Sehnsucht! -
29
"Warum so hart! - sprach zum Diamanten einst die Kchen-Kohle; sind wir denn
nicht Nah-Verwandte?" -
Warum so weich? Oh meine Brder, also frage ich euch: seid ihr denn nicht -
meine Brder?
Warum so weich, so weichend und nachgebend? Warum ist so viel Leugnung,
Verleugnung in eurem Herzen? So wenig Schicksal in eurem Blicke?
Und wollt ihr nicht Schicksale sein und Unerbittliche: wie knntet ihr mit mir -
siegen?
Und wenn eure Hrte nicht blitzen und scheiden und zerschneiden will: wie
knntet ihr einst mit mir - schaffen?
Die Schaffenden nmlich sind hart. Und Seligkeit muss es euch dnken, eure Hand
auf Jahrtausende zu drcken wie auf Wachs, -
- Seligkeit, auf dem Willen von Jahrtausenden zu schreiben wie auf Erz, - hrter
als Erz, edler als Erz. Ganz hart ist allein das Edelste.
Diese neue Tafel, oh meine Brder, stelle ich ber euch: werdet hart! -
30
Oh du mein Wille! Du Wende aller Noth du meine Nothwendigkeit! Bewahre mich vor
allen kleinen Siegen!
Du Schickung meiner Seele, die ich Schicksal heisse! Du-In-mir! ber-mir!
Bewahre und spare mich auf zu Einem grossen Schicksale!
Und deine letzte Grsse, mein Wille, spare dir fr dein Letztes auf, - dass du
unerbittlich bist in deinem Siege! Ach, wer unterlag nicht seinem Siege!
Ach, wessen Auge dunkelte nicht in dieser trunkenen Dmmerung! Ach, wessen Fuss
taumelte nicht und verlernte im Siege - stehen! -
- Dass ich einst bereit und reif sei im grossen Mittage: bereit und reif gleich
glhendem Erze, blitzschwangrer Wolke und schwellendem Milch-Euter: -
- bereit zu mir selber und zu meinem verborgensten Willen: ein Bogen brnstig
nach seinem Pfeile, ein Pfeil brnstig nach seinem Sterne: -
- ein Stern bereit und reif in seinem Mittage, glhend, durchbohrt, selig vor
vernichtenden Sonnen-Pfeilen: -
- eine Sonne selber und ein unerbittlicher Sonnen-Wille, zum Vernichten bereit
im Siegen!
Oh Wille, Wende aller Noth, du meine Nothwendigkeit! Spare mich auf zu Einem
grossen Siege! -
Also sprach Zarathustra.

Der Genesende
1
Eines Morgens, nicht lange nach seiner Rckkehr zur Hhle, sprang Zarathustra
von seinem Lager auf wie ein Toller, schrie mit furchtbarer Stimme und gebrdete
sich, als ob noch Einer auf dem Lager lge, der nicht davon aufstehn wolle; und
also tnte Zarathustra's Stimme, dass seine Thiere erschreckt hinzukamen, und
dass aus allen Hhlen und Schlupfwinkeln, die Zarathustra's Hhle benachbart
waren, alles Gethier davon huschte, - fliegend, flatternd, kriechend, springend,
wie ihm nur die Art von Fuss und Flgel gegeben war. Zarathustra aber redete
diese Worte:
Herauf, abgrndlicher Gedanke, aus meiner Tiefe! Ich bin dein Hahn und
Morgen-Grauen, verschlafener Wurm: auf! auf! Meine Stimme soll dich schon wach
krhen!
Knpfe die Fessel deiner Ohren los: horche! Denn ich will dich hren! Auf! Auf!
Hier ist Donners genug, dass auch Grber horchen lernen!
Und wische den Schlaf und alles Blde, Blinde aus deinen Augen! Hre mich auch
mit deinen Augen: meine Stimme ist ein Heilmittel noch fr Blindgeborne.
Und bist du erst wach, sollst du mir ewig wach bleiben. Nicht ist das meine Art,
Urgrossmtter aus dem Schlafe wecken, dass ich sie heisse - weiterschlafen!
Du regst dich, dehnst dich, rchelst? Auf! Auf! Nicht rcheln - reden sollst du
mir! Zarathustra ruft dich, der Gottlose!
Ich, Zarathustra, der Frsprecher des Lebens, der Frsprecher des Leidens, der
Frsprecher des Kreises - dich rufe ich, meinen abgrndlichsten Gedanken!
Heil mir! Du kommst - ich hre dich! Mein Abgrund redet, meine letzte Tiefe habe
ich an's Licht gestlpt!
Heil mir! Heran! Gieb die Hand - ha! lass! Haha! - Ekel, Ekel, Ekel -
wehe mir!
2
Kaum aber hatte Zarathustra diese Worte gesprochen, da strzte er nieder gleich
einem Todten und blieb lange wie ein Todter. Als er aber wieder zu sich kam, da
war er bleich und zitterte und blieb liegen und wollte lange nicht essen noch
trinken. Solches Wesen dauerte an ihm sieben Tage; seine Thiere verliessen ihn
aber nicht bei Tag und Nacht, es sei denn, dass der Adler ausflog, Speise zu
holen. Und was er holte und zusammenraubte, das legte er auf Zarathustra's
Lager: also dass Zarathustra endlich unter gelben und rothen Beeren, Trauben,
Rosenpfeln, wohlriechendem Krautwerke und Pinien-Zapfen lag. Zu seinen Fssen
aber waren zwei Lmmer gebreitet, welche der Adler mit Mhe ihren Hirten
abgeraubt hatte.
Endlich, nach sieben Tagen, richtete sich Zarathustra auf seinem Lager auf, nahm
einen Rosenapfel in die Hand, roch daran und fand seinen Geruch lieblich. Da
glaubten seine Thiere, die Zeit sei gekommen, mit ihm zu reden.
"Oh Zarathustra, sagten sie, nun liegst du schon sieben Tage so, mit schweren
Augen: willst du dich nicht endlich wieder auf deine Fsse stellen?
Tritt hinaus aus deiner Hhle: die Welt wartet dein wie ein Garten. Der Wind
spielt mit schweren Wohlgerchen, die zu dir wollen; und alle Bche mchten dir
nachlaufen.
Alle Dinge sehnen sich nach dir, dieweil du sieben Tage allein bliebst, - tritt
hinaus aus deiner Hhle! Alle Dinge wollen deine rzte sein!
Kam wohl eine neue Erkenntniss zu dir, eine saure, schwere? Gleich angesuertem
Teige lagst du, deine Seele gieng auf und schwoll ber alle ihre Rnder. -"
- Oh meine Thiere, antwortete Zarathustra, schwtzt also weiter und lasst mich
zuhren! Es erquickt mich so, dass ihr schwtzt: wo geschwtzt wird, da liegt
mir schon die Welt wie ein Garten.
Wie lieblich ist es, dass Worte und Tne da sind: sind nicht Worte und Tne
Regenbogen und Schein-Brcken zwischen Ewig-Geschiedenem?
Zu jeder Seele gehrt eine andre Welt; fr jede Seele ist jede andre Seele eine
Hinterwelt.
Zwischen dem hnlichsten gerade lgt der Schein am schnsten; denn die kleinste
Kluft ist am schwersten zu berbrcken.
Fr mich - wie gbe es ein Ausser-mir? Es giebt kein Aussen! Aber das vergessen
wir bei allen Tnen; wie lieblich ist es, dass wir vergessen!
Sind nicht den Dingen Namen und Tne geschenkt, dass der Mensch sich an den
Dingen erquicke? Es ist eine schne Narrethei, das Sprechen: damit tanzt der
Mensch ber alle Dinge.
Wie lieblich ist alles Reden und alle Lge der Tne! Mit Tnen tanzt unsre Liebe
auf bunten Regenbgen. -
- "Oh Zarathustra, sagten darauf die Thiere, Solchen, die denken wie wir,
tanzen alle Dinge selber: das kommt und reicht sich die Hand und lacht und
flieht - und kommt zurck.
Alles geht, Alles kommt zurck; ewig rollt das Rad des Seins. Alles stirbt,
Alles blht wieder auf, ewig luft das Jahr des Seins.
Alles bricht, Alles wird neu gefgt; ewig baut sich das gleiche Haus des Seins.
Alles scheidet, Alles grsst sich wieder; ewig bleibt sich treu der Ring des
Seins.
In jedem Nu beginnt das Sein; um jedes Hier rollt sich die Kugel Dort. Die Mitte
ist berall. Krumm ist der Pfad der Ewigkeit." -
- Oh ihr Schalks-Narren und Drehorgeln! antwortete Zarathustra und lchelte
wieder, wie gut wisst ihr, was sich in sieben Tagen erfllen musste: -
- und wie jenes Unthier mir in den Schlund kroch und mich wrgte! Aber ich biss
ihm den Kopf ab und spie ihn weg von mir.
Und ihr, - ihr machtet schon ein Leier-Lied daraus? Nun aber liege ich da, mde
noch von diesem Beissen und Wegspein, krank noch von der eigenen Erlsung.
Und ihr schautet dem Allen zu? Oh meine Thiere, seid auch ihr grausam? Habt ihr
meinem grossen Schmerze zuschaun wollen, wie Menschen thun? Der Mensch nmlich
ist das grausamste Thier.
Bei Trauerspielen, Stierkmpfen und Kreuzigungen ist es ihm bisher am wohlsten
geworden auf Erden; und als er sich die Hlle erfand, siehe, da war das sein
Himmel auf Erden.
Wenn der grosse Mensch schreit -: flugs luft der kleine hinzu; und die Zunge
hngt ihm aus dem Halse vor Lsternheit. Er aber heisst es sein "Mitleiden."
Der kleine Mensch, sonderlich der Dichter - wie eifrig klagt er das Leben in
Worten an! Hrt hin, aber berhrt mir die Lust nicht, die in allem Anklagen
ist!
Solche Anklger des Lebens: die berwindet das Leben mit einem Augenblinzeln.
"Du liebst mich? sagt die Freche; warte noch ein Wenig, noch habe ich fr dich
nicht Zeit."
Der Mensch ist gegen sich selber das grausamste Thier; und bei Allem, was sich
"Snder" und "Kreuztrger" und "Bsser" heisst, berhrt mir die Wollust
nicht, die in diesem Klagen und Anklagen ist!
Und ich selber - will ich damit des Menschen Anklger sein? Ach, meine Thiere,
Das allein lernte ich bisher, dass dem Menschen sein Bsestes nthig ist zu
seinem Besten, -
- dass alles Bseste seine beste Kraft ist und der hrteste Stein dem hchsten
Schaffenden; und dass der Mensch besser und bser werden muss: -
Nicht an diess Marterholz war ich geheftet, dass ich weiss: der Mensch ist bse,
- sondern ich schrie, wie noch Niemand geschrien hat:
"Ach dass sein Bsestes so gar klein ist! Ach dass sein Bestes so gar klein
ist!"
Der grosse berdruss am Menschen - der wrgte mich und war mir in den Schlund
gekrochen: und was der Wahrsager wahrsagte: "Alles ist gleich, es lohnt sich
Nichts, Wissen wrgt."
Eine lange Dmmerung hinkte vor mir her, eine todesmde, todestrunkene
Traurigkeit, welche mit ghnendem Munde redete.
"Ewig kehrt er wieder, der Mensch, dess du mde bist, der kleine Mensch" - so
ghnte meine Traurigkeit und schleppte den Fuss und konnte nicht einschlafen.
Zur Hhle wandelte sich mir die Menschen-Erde, ihre Brust sank hinein, alles
Lebendige ward mir Menschen-Moder und Knochen und morsche Vergangenheit.
Mein Seufzen sass auf allen Menschen-Grbern und konnte nicht mehr aufstehn;
mein Seufzen und Fragen unkte und wrgte und nagte und klagte bei Tag und Nacht:
- "ach, der Mensch kehrt ewig wieder! Der kleine Mensch kehrt ewig wieder!" -
Nackt hatte ich einst Beide gesehn, den grssten Menschen und den kleinsten
Menschen: allzuhnlich einander, - allzumenschlich auch den Grssten noch!
Allzuklein der Grsste! - Das war mein berdruss am Menschen! Und ewige
Wiederkunft auch des Kleinsten! - Das war mein berdruss an allem Dasein!
Ach, Ekel! Ekel! Ekel! - Also sprach Zarathustra und seufzte und schauderte;
denn er erinnerte sich seiner Krankheit. Da liessen ihn aber seine Thiere nicht
weiter reden.
"Sprich nicht weiter, du Genesender! - so antworteten ihm seine Thiere, sondern
geh hinaus, wo die Welt auf dich wartet gleich einem Garten.
Geh hinaus zu den Rosen und Bienen und Taubenschwrmen! Sonderlich aber zu den
Singe-Vgeln: dass du ihnen das Singen ablernst!
Singen nmlich ist fr Genesende; der Gesunde mag reden. Und wenn auch der
Gesunde Lieder will, will er andre Lieder doch als der Genesende."
- "Oh ihr Schalks-Narren und Drehorgeln, so schweigt doch! - antwortete
Zarathustra und lchelte ber seine Thiere. Wie gut ihr wisst, welchen Trost ich
mir selber in sieben Tagen erfand!
Dass ich wieder singen msse, - den Trost erfand ich mir und diese Genesung:
wollt ihr auch daraus gleich wieder ein Leier-Lied machen?"
- "Sprich nicht weiter, antworteten ihm abermals seine Thiere; lieber noch, du
Genesender, mache dir erst eine Leier zurecht, eine neue Leier!
Denn siehe doch, oh Zarathustra! Zu deinen neuen Liedern bedarf es neuer Leiern.
Singe und brause ber, oh Zarathustra, heile mit neuen Liedern deine Seele: dass
du dein grosses Schicksal tragest, das noch keines Menschen Schicksal war!
Denn deine Thiere wissen es wohl, oh Zarathustra, wer du bist und werden musst:
siehe, du bist der Lehrer der ewigen Wiederkunft -, das ist nun dein Schicksal!
Dass du als der Erste diese Lehre lehren musst, - wie sollte diess grosse
Schicksal nicht auch deine grsste Gefahr und Krankheit sein!
Siehe, wir wissen, was du lehrst: dass alle Dinge ewig wiederkehren und wir
selber mit, und dass wir schon ewige Male dagewesen sind, und alle Dinge mit
uns.
Du lehrst, dass es ein grosses Jahr des Werdens giebt, ein Ungeheuer von grossem
Jahre: das muss sich, einer Sanduhr gleich, immer wieder von Neuem umdrehn,
damit es von Neuem ablaufe und auslaufe: -
- so dass alle diese Jahre sich selber gleich sind, im Grssten und auch im
Kleinsten, - so dass wir selber in jedem grossen Jahre uns selber gleich sind,
im Grssten und auch im Kleinsten.
Und wenn du jetzt sterben wolltest, oh Zarathustra: siehe, wir wissen auch, wie
du da zu dir sprechen wrdest: - aber deine Thiere bitten dich, dass du noch
nicht sterbest!
Du wrdest sprechen und ohne Zittern, vielmehr aufathmend vor Seligkeit: denn
eine grosse Schwere und Schwle wre von dir genommen, du Geduldigster! -
"Nun sterbe und schwinde ich, wrdest du sprechen, und im Nu bin ich ein
Nichts. Die Seelen sind so sterblich wie die Leiber.
Aber der Knoten von Ursachen kehrt wieder, in den ich verschlungen bin, - der
wird mich wieder schaffen! Ich selber gehre zu den Ursachen der ewigen
Wiederkunft.
Ich komme wieder, mit dieser Sonne, mit dieser Erde, mit diesem Adler, mit
dieser Schlange - nicht zu einem neuen Leben oder besseren Leben oder hnlichen
Leben:
- ich komme ewig wieder zu diesem gleichen und selbigen Leben, im Grssten und
auch im Kleinsten, dass ich wieder aller Dinge ewige Wiederkunft lehre, -
- dass ich wieder das Wort spreche vom grossen Erden- und Menschen-Mittage, dass
-ich wieder den Menschen den bermenschen knde.
Ich sprach mein Wort, ich zerbreche an meinem Wort: so will es mein ewiges Loos
-, als Verkndiger gehe ich zu Grunde!
Die Stunde kam nun, dass der Untergehende sich selber segnet. Also- endet
Zarathustra's Untergang." -
Als die Thiere diese Worte gesprochen hatten, schwiegen sie und warteten, dass
Zarathustra Etwas zu ihnen sagen werde: aber Zarathustra hrte nicht, dass sie
schwiegen. Vielmehr lag er still, mit geschlossenen Augen, einem Schlafenden
hnlich, ob er schon nicht schlief: denn er unterredete sich eben mit seiner
Seele. Die Schlange aber und der Adler, als sie ihn solchermaassen schweigsam
fanden, ehrten die grosse Stille um ihn und machten sich behutsam davon.

Von der grossen Sehnsucht
Oh meine Seele, ich lehrte dich "Heute" sagen wie "Einst" und "Ehemals"
und ber alles Hier und Da und Dort deinen Reigen hinweg tanzen.
Oh meine Seele, ich erlste dich von allen Winkeln, ich kehrte Staub, Spinnen
und Zwielicht von dir ab.
Oh meine Seele, ich wusch die kleine Scham und die Winkel-Tugend von dir ab und
berredete dich, nackt vor den Augen der Sonne zu stehn.
Mit dem Sturme, welcher "Geist" heisst, blies ich ber deine wogende See; alle
Wolken blies ich davon, ich erwrgte selbst die Wrgerin, die "Snde" heisst.
Oh meine Seele, ich gab dir das Recht, Nein zu sagen wie der Sturm und Ja zu
sagen wie offner Himmel Ja sagt: still wie Licht stehst du und gehst du nun
durch verneinende Strme.
Oh meine Seele, ich gab dir die Freiheit zurck ber Erschaffnes und
Unerschaffnes: und wer kennt, wie du sie kennst, die Wollust des Zuknftigen?
Oh meine Seele, ich lehrte dich das Verachten, das nicht wie ein Wurmfrass
kommt, das grosse, das liebende Verachten, welches am meisten liebt, wo es am
meisten verachtet.
Oh meine Seele, ich lehrte dich so berreden, dass du zu dir die Grnde selber
berredest: der Sonne gleich, die das Meer noch zu seiner Hhe berredet.
Oh meine Seele, ich nahm von dir alles Gehorchen Kniebeugen und Herr-Sagen; ich
gab dir selber den Namen "Wende der Noth" und "Schicksal".
Oh meine Seele, ich gab dir neue Namen und bunte Spielwerke, ich hiess dich
"Schicksal" und "Umfang der Umfnge" und "Nabelschnur der Zeit" und
"azurne Glocke".
Oh meine Seele, deinem Erdreich gab ich alle Weisheit zu trinken, alle neuen
Weine und auch alle unvordenklich alten starken Weine der Weisheit.
Oh meine Seele, jede Sonne goss ich auf dich und jede Nacht und jedes Schweigen
und jede Sehnsucht: - da wuchsest du mir auf wie ein Weinstock.
Oh meine Seele, berreich und schwer stehst du nun da, ein Weinstock mit
schwellenden Eutern und gedrngten braunen Gold-Weintrauben: -
- gedrngt und gedrckt von deinem Glcke, wartend vor berflusse und schamhaft
noch ob deines Wartens.
Oh meine Seele, es giebt nun nirgends eine Seele, die liebender wre und
umfangender und umfnglicher! Wo wre Zukunft und Vergangnes nher beisammen als
bei dir?
Oh meine Seele, ich gab dir Alles, und alle meine Hnde sind an dich leer
geworden: - und nun! Nun sagst du mir lchelnd und voll Schwermuth: "Wer von
uns hat zu danken? -
- hat der Geber nicht zu danken, dass der Nehmende nahm? Ist Schenken nicht eine
Nothdurft? Ist Nehmen nicht - Erbarmen?" -
Oh meine Seele, ich verstehe das Lcheln deiner Schwermuth: dein ber-Reichthum
selber streckt nun sehnende Hnde aus!
Deine Flle blickt ber brausende Meere hin und sucht und wartet; die Sehnsucht
der ber-Flle blickt aus deinem lchelnden Augen-Himmel!
Und wahrlich, oh meine Seele! Wer she dein Lcheln und schmelze nicht vor
Thrnen? Die Engel selber schmelzen vor Thrnen ob der ber-Gte deines
Lchelns.
Deine Gte und ber-Gte ist es, die nicht klagen und weinen will: und doch
sehnt sich, oh meine Seele, dein Lcheln nach Thrnen und dein zitternder Mund
nach Schluchzen.
"Ist alles Weinen nicht ein Klagen? Und alles Klagen nicht ein Anklagen?" Also
redest du zu dir selber, und darum willst du, oh meine Seele, lieber lcheln,
als dein Leid ausschtten.
- in strzende Thrnen ausschtten all dein Leid ber deine Flle und ber all
die Drngniss des Weinstocks nach Winzer und Winzermesser!
Aber willst du nicht weinen, nicht ausweinen deine purpurne Schwermuth, so wirst
du singen mssen, oh meine Seele! - Siehe, ich lchle selber, der ich dir
solches vorhersage:
- singen, mit brausendem Gesange, bis alle Meere still werden, dass sie deiner
Sehnsucht zuhorchen, -
- bis ber stille sehnschtige Meere der Nachen schwebt, das gldene Wunder, um
dessen Gold alle guten schlimmen wunderlichen Dinge hpfen: -
- auch vieles grosse und kleine Gethier und Alles, was leichte wunderliche Fsse
hat, dass es auf veilchenblauen Pfaden laufen kann, -
- hin zu dem gldenen Wunder, dem freiwilligen Nachen und zu seinem Herrn: das
aber ist der Winzer, der mit diamantenem Winzermesser wartet, -
- dein grosser Lser, oh meine Seele, der Namenlose - dem zuknftige Gesnge
erst Namen finden! Und wahrlich, schon duftet dein Athem nach zuknftigen
Gesngen, -
- schon glhst du und trumst, schon trinkst du durstig an allen tiefen
klingenden Trost-Brunnen, schon ruht deine Schwermuth in der Seligkeit
zuknftiger Gesnge! -
Oh meine Seele, nun gab ich dir Alles und auch mein Letztes, und alle meine
Hnde sind an dich leer geworden: - dass ich dich singen hiess, siehe, das war
mein Letztes!
Dass ich dich singen hiess, sprich nun, sprich: wer von uns hat jetzt - zu
danken? - Besser aber noch: singe mir, singe, oh meine Seele! Und mich lass
danken! -
Also sprach Zarathustra.

Das andere Tanzlied
1
"In dein Auge schaute ich jngst, oh Leben: Gold sah ich in deinem Nacht-Auge
blinken, - mein Herz stand still vor dieser Wollust:
- einen goldenen Kahn sah ich blinken auf mchtigen Gewssern, einen sinkenden,
trinkenden, wieder winkenden goldenen Schaukel-Kahn!
Nach meinem Fusse, dem tanzwthigen, warfst du einen Blick, einen lachenden
fragenden schmelzenden Schaukel-Blick:
Zwei Mal nur regtest du deine Klapper mit kleinen Hnden - da schaukelte schon
mein Fuss vor Tanz-Wuth. -
Meine Fersen bumten sich, meine Zehen horchten, dich zu verstehen: trgt doch
der Tnzer sein Ohr - in seinen Zehen!
Zu dir hin sprang ich: da flohst du zurck vor meinem Sprunge; und gegen mich
zngelte deines fliehenden fliegenden Haars Zunge!
Von dir weg sprang ich und von deinen Schlangen: da standst du schon,
halbgewandt, das Auge voll Verlangen.
Mit krummen Blicken - lehrst du mich krumme Bahnen; auf krummen Bahnen lernt
mein Fuss - Tcken!
Ich frchte dich Nahe, ich liebe dich Ferne; deine Flucht lockt mich, dein
Suchen stockt mich: - ich leide, aber was litt ich um dich nicht gerne!
Deren Klte zndet, deren Hass verfhrt, deren Flucht bindet, deren Spott -
rhrt:
- wer hasste dich nicht, dich grosse Binderin, Umwinderin, Versucherin,
Sucherin, Finderin! Wer liebte dich nicht, dich unschuldige, ungeduldige,
windseilige, kindsugige Snderin!
Wohin ziehst du mich jetzt, du Ausbund und Unband? Und jetzt fliehst du mich
wieder, du ssser Wildfang und Undank!
Ich tanze dir nach, ich folge dir auch auf geringer Spur. Wo bist du? Gieb mir
die Hand! Oder einen Finger nur!
Hier sind Hhlen und Dickichte: wir werden uns verirren! - Halt! Steh still!
Siehst du nicht Eulen und Fledermuse schwirren?
Du Eule! Du Fledermaus! Du willst mich ffen? Wo sind wir? Von den Hunden
lerntest du diess Heulen und Klffen.
Du fletschest mich lieblich an mit weissen Zhnlein, deine bsen Augen springen
gegen mich aus lockichtem Mhnlein!
Das ist ein Tanz ber Stock und Stein: ich bin der Jger, - willst du mein Hund
oder meine Gemse sein?
Jetzt neben mir! Und geschwind, du boshafte Springerin! Jetzt hinauf! Und
hinber! - Wehe! Da fiel ich selber im Springen hin!
Oh sieh mich liegen, du bermuth, und um Gnade flehn! Gerne mchte ich mit dir -
lieblichere Pfade gehn!
- der Liebe Pfade durch stille bunte Bsche! Oder dort den See entlang: da
schwimmen und tanzen Goldfische!
Du bist jetzt mde? Da drben sind Schafe und Abendrthen: ist es nicht schn,
zu schlafen, wenn Schfer flten?
Du bist so arg mde? Ich trage dich hin, lass nur die Arme sinken! Und hast du
Durst, - ich htte wohl Etwas, aber dein Mund will es nicht trinken! -
- Oh diese verfluchte flinke gelenke Schlange und Schlupf-Hexe! Wo bist du hin?
Aber im Gesicht fhle ich von deiner Hand zwei Tupfen und rothe Klexe!
Ich bin es wahrlich mde, immer dein schafichter Schfer zu sein! Du Hexe, habe
ich dir bisher gesungen, nun sollst du mir - schrein!
Nach dem Takt meiner Peitsche sollst du mir tanzen und schrein! Ich vergass doch
die Peitsche nicht? - Nein!" -
2
Da antwortete mir das Leben also und hielt sich dabei die zierlichen Ohren zu:
"Oh Zarathustra! Klatsche doch nicht so frchterlich mit deiner Peitsche! Du
weisst es ja: Lrm mordet Gedanken, - und eben kommen mir so zrtliche Gedanken.
Wir sind Beide zwei rechte Thunichtgute und Thunichtbse. Jenseits von Gut und
Bse fanden wir unser Eiland und unsre grne Wiese - wir Zwei allein! Darum
mssen wir schon einander gut sein!
Und lieben wir uns auch nicht von Grund aus -, muss man sich denn gram sein,
wenn man sich nicht von Grund aus liebt?
Und dass ich dir gut bin und oft zu gut, Das weisst du: und der Grund ist, dass
ich auf deine Weisheit eiferschtig bin. Ah, diese tolle alte Nrrin von
Weisheit!
Wenn dir deine Weisheit einmal davonliefe, ach! da liefe dir schnell auch meine
Liebe noch davon." -
Darauf blickte das Leben nachdenklich hinter sich und um sich und sagte leise:
"Oh Zarathustra, du bist mir nicht treu genug!
Du liebst mich lange nicht so sehr wie du redest; ich weiss, du denkst daran,
dass du mich bald verlassen willst.
Es giebt eine alte schwere schwere Brumm-Glocke: die brummt Nachts bis zu deiner
Hhle hinauf: -
- hrst du diese Glocke Mitternachts die Stunde schlagen, so denkst du zwischen
Eins und Zwlf daran -
- du denkst daran, oh Zarathustra, ich weiss es, dass du mich bald verlassen
willst!" -
"Ja, antwortete ich zgernd, aber du weisst es auch -" Und ich sagte ihr Etwas
in's Ohr, mitten hinein zwischen ihre verwirrten gelben thrichten Haar-Zotteln.
Du weisst Das, oh Zarathustra? Das weiss Niemand. -
Und wir sahen uns an und blickten auf die grne Wiese, ber welche eben der
khle Abend lief, und weinten mit einander. - Damals aber war mir das Leben
lieber, als je alle meine Weisheit. -
Also sprach Zarathustra.
3
Eins!
Oh Mensch! Gieb Acht!
Zwei!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
Drei!
"Ich schlief, ich schlief -,
Vier!
"Auf tiefen Traum bin ich erwacht:-
Fnf!
"Die Welt ist tief,
Sechs!
"Und tiefer als der Tag gedacht.
Sieben!
"Tief ist ihr Weh -,
Acht!
"Lust - tiefer noch als Herzeleid:
Neun!
"Weh spricht: Vergeh!
Zehn!
"Doch alle Lust will Ewigkeit -,
Elf!
"- will tiefe, tiefe Ewigkeit!
Zwlf!

Die sieben Siegel
(Oder: das Ja- und Amen-Lied)
1
Wenn ich ein Wahrsager bin und voll jenes wahrsagerischen Geistes, der auf hohem
Joche zwischen zwei Meeren wandelt, -
zwischen Vergangenem und Zuknftigem als schwere Wolke wandelt, - schwlen
Niederungen feind und Allem, was mde ist und nicht sterben, noch leben kann.-
zum Blitze bereit im dunklen Busen und zum erlsenden Lichtstrahle, schwanger
von Blitzen, die Ja! sagen, Ja! lachen, zu wahrsagerischen Blitzstrahlen: -
- selig aber ist der also Schwangere! Und wahrlich, lange muss als schweres
Wetter am Berge hngen, wer einst das Licht der Zukunft znden soll! -
Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brnstig sein und nach dem
hochzeitlichen Ring der Ringe, - dem Ring de Wiederkunft!
Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses Weib, das
ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
2
Wenn mein Zorn je Grber brach, Grenzsteine rckte und alte Tafeln zerbrochen in
steile Tiefen rollte:
Wenn mein Hohn je vermoderte Worte zerblies, und ich wie ein Besen kam den
Kreuzspinnen und als Fegewind alten verdumpften Grabkammern:
Wenn ich je frohlockend sass, wo alte Gtter begraben liegen, weltsegnend,
weltliebend neben den Denkmalen alter Welt-Verleumder: -
- denn selbst Kirchen und Gottes-Grber liebe ich, wenn der Himmel erst reinen
Auges durch ihre zerbrochenen Decken blickt; gern sitze ich gleich Gras und
rothem Mohne auf zerbrochnen Kirchen -
Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brnstig sein und nach dem
hochzeitlichen Ring der Ringe, - dem Ring de Wiederkunft!
Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses Weib, das
ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
3
Wenn je ein Hauch zu mir kam vom schpferischen Hauche und von jener himmlischen
Noth, die noch Zuflle zwingt, Sternen-Reigen zu tanzen:
Wenn ich je mit dem Lachen des schpferischen Blitzes lachte, dem der lange
Donner der That grollend, aber gehorsam nachfolgt:
Wenn ich je am Gttertisch der Erde mit Gttern Wrfel spielte, dass die Erde
bebte und brach und Feuerflsse heraufschnob: -
- denn ein Gttertisch ist die Erde, und zitternd von schpferischen neuen
Worten und Gtter-Wrfen: -
Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brnstig sein und nach dem
hochzeitlichen Ring der Ringe, - dem Ring de Wiederkunft!
Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses Weib, das
ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
4
Wenn ich je vollen Zuges trank aus jenem schumenden Wrz- und Mischkruge, in
dem alle Dinge gut gemischt sind:
Wenn meine Hand je Fernstes zum Nchsten goss und Feuer zu Geist und Lust zu
Leid und Schlimmstes zum Gtigsten:
Wenn ich selber ein Korn bin von jenem erlsenden Salze, welches macht, dass
alle Dinge im Mischkruge gut sich mischen: -
- denn es giebt ein Salz, das Gutes mit Bsem bindet; und auch das Bseste ist
zum Wrzen wrdig und zum letzten berschumen: -
Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brnstig sein und nach dem
hochzeitlichen Ring der Ringe, - dem Ring de Wiederkunft!
Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses Weib, das
ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
5
Wenn ich dem Meere hold bin und Allem, was Meeres-Art ist, und am holdesten
noch, wenn es mir zornig widerspricht:
Wenn jene suchende Lust in mir ist, die nach Unentdecktem die Segel treibt, wenn
eine Seefahrer-Lust in meiner Lust ist:
Wenn je mein Frohlocken rief: "die Kste schwand, - nun fiel mir die letzte
Kette ab -
- das Grenzenlose braust um mich, weit hinaus glnzt mir Raum und Zeit, wohlan!
wohlauf! altes Herz!" -
Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brnstig sein und nach dem
hochzeitlichen Ring der Ringe, - dem Ring de Wiederkunft!
Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses Weib, das
ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
6
Wenn meine Tugend eines Tnzers Tugend ist, und ich oft mit beiden Fssen in
gold-smaragdenes Entzcken sprang:
Wenn meine Bosheit eine lachende Bosheit ist, heimisch unter Rosenhngen und
Lilien-Hecken:
- im Lachen nmlich ist alles Bse bei einander, aber heilig- und losgesprochen
durch seine eigne Seligkeit: -
Und wenn Das mein A und O ist, dass alles Schwere leicht, aller Leib Tnzer,
aller Geist Vogel werde: und wahrlich, Das ist mein A und O! -
Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brnstig sein und nach dem
hochzeitlichen Ring der Ringe, - dem Ring de Wiederkunft!
Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses Weib, das
ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
7
Wenn ich je stille Himmel ber mir ausspannte und mit eignen Flgeln in eigne
Himmel flog:
Wenn ich spielend in tiefen Licht-Fernen schwamm, und meiner Freiheit
Vogel-Weisheit kam: -
- so aber spricht Vogel-Weisheit: "Siehe, es giebt kein Oben, kein Unten! Wirf
dich umher, hinaus, zurck, du Leichter! Singe! sprich nicht mehr!
- "sind alle Worte nicht fr die Schweren gemacht? Lgen dem Leichten nicht
alle Worte! Singe! sprich nicht mehr!" -
Oh wie sollte ich nicht nach der Ewigkeit brnstig sein und nach dem
hochzeitlichen Ring der Ringe, - dem Ring de Wiederkunft!
Nie noch fand ich das Weib, von dem ich Kinder mochte, sei denn dieses Weib, das
ich lieb: denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!
Denn ich liebe dich, oh Ewigkeit!

Vierter und letzter Theil
Ach, wo in der Welt geschahen grssere Thorheiten, als bei den Mitleidigen? Und
was in der Weit stiftete mehr Leid, als die Thorheiten der Mitleidigen?
Wehe allen Liebenden, die nicht noch eine Hhe haben, welche ber ihrem
Mitleiden ist!
Also sprach der Teufel einst zu mir: "auch Gott hat seine Hlle: das ist seine
Liebe zu den Menschen."
Und jngst hrte ich ihn diess Wort sagen: "Gott ist todt; an seinem Mitleiden
mit den Menschen ist Gott gestorben."
Zarathustra, Von den Mitleidigen

Das Honig-Opfer
- Und wieder liefen Monde und Jahre ber Zarathustra's Seele, und er achtete
dessen nicht; sein Haar aber wurde weiss. Eines Tages, als er auf einem Steine
vor seiner Hhle sass und still hinausschaute, - man schaut aber dort auf das
Meer hinaus, und hinweg ber gewundene Abgrnde - da giengen seine Thiere
nachdenklich um ihn herum und stellten sich endlich vor ihn hin.
"Oh Zarathustra, sagten sie, schaust du wohl aus nach deinem Glcke?" - "Was
liegt am Glcke! antwortete er, ich trachte lange nicht mehr nach Glcke, ich
trachte nach meinem Werke." - "Oh Zarathustra, redeten die Thiere abermals,
Das sagst du als Einer, der des Guten bergenug hat. Liegst du nicht in einem
himmelblauen See von Glck?" - Ihr Schalks-Narren, antwortete Zarathustra und
lchelte, wie gut whltet ihr das Gleichniss! Aber ihr wisst auch, dass mein
Glck schwer ist und nicht wie eine flssige Wasserwelle: es drngt mich und
will nicht von mir und thut gleich geschmolzenem Peche." -
Da giengen die Thiere wieder nachdenklich um ihn herum und stellten sich dann
abermals vor ihn hin. "Oh Zarathustra, sagten sie, daher also kommt es, dass du
selber immer gelber und dunkler wirst, obschon dein Haar weiss und flchsern
aussehen will? Siehe doch, du sitzest in deinem Peche!" - Was sagt ihr da,
meine Thiere, sagte Zarathustra und lachte dazu, wahrlich, ich lsterte als ich
von Peche sprach. Wie mir geschieht, so geht es allen Frchten, die reif werden.
Es ist der Honig in meinen Adern, der mein Blut dicker und auch meine Seele
stiller macht." - "So wird es sein, oh Zarathustra, antworteten die Thiere und
drngten sich an ihn; willst du aber nicht heute auf einen hohen Berg steigen?
Die Luft ist rein, und man sieht heute mehr von der Welt als jemals." - "Ja,
meine Thiere, antwortete er, ihr rathet trefflich und mir nach dem Herzen: ich
will heute auf einen hohen Berg steigen! Aber sorgt, dass dort Honig mir zur
Hand sei, gelber, weisser, guter, eisfrischer Waben-Goldhonig. Denn wisset, ich
will droben das Honig-Opfer bringen." -
Als Zarathustra aber oben auf der Hhe war, sandte er die Thiere heim, die ihn
geleitet hatten, und fand, dass er nunmehr allein sei: - da lachte er aus ganzem
Herzen, sah sich um und sprach also:
Dass ich von Opfern sprach und Honig-Opfern, eine List war's nur meiner Rede
und, wahrlich, eine ntzliche Thorheit! Hier oben darf ich schon freier reden,
als vor Einsiedler-Hhlen und Einsiedler-Hausthieren.
Was opfern! Ich verschwende, was mir geschenkt wird, ich Verschwender mit
tausend Hnden: wie drfte ich Das noch - Opfern heissen!
Und als ich nach Honig begehrte, begehrte ich nur nach Kder und sssem Seime
und Schleime, nach dem auch Brummbren und wunderliche mrrische bse Vgel die
Zunge lecken:
- nach dem besten Kder, wie er Jgern und Fischfngern noththut. Denn wenn die
Welt wie ein dunkler Thierwald ist und aller wilden Jger Lustgarten, so dnkt
sie mich noch mehr und lieber ein abgrndliches reiches Meer,
- ein Meer voll bunter Fische und Krebse, nach dem es auch Gtter gelsten
mchte, dass sie an ihm zu Fischern wrden und zu Netz-Auswerfern: so reich ist
die Welt an Wunderlichem, grossem und kleinem!
Sonderlich die Menschen-Welt, das Menschen-Meer: - nach dem werfe ich nun meine
goldene Angelruthe aus und spreche: thue dich auf, du Menschen-Abgrund!
Thue dich auf und wirf mir deine Fische und Glitzer-Krebse zu! Mit meinem besten
Kder kdere ich mir heute die wunderlichsten Menschen-Fische!
- mein Glck selber werfe ich hinaus in alle Weiten und Fernen, zwischen
Aufgang, Mittag und Niedergang, ob nicht an meinem Glcke viele Menschen-Fische
zerrn und zappeln lernen.
Bis sie, anbeissend an meine spitzen verborgenen Haken, hinauf mssen in meine
Hhe, die buntesten Abgrund-Grndlinge zu dem boshaftigsten aller Menschen-
Fischfnger.
Der nmlich bin ich von Grund und Anbeginn, ziehend, heranziehend,
hinaufziehend, aufziehend, ein Zieher, Zchter und Zuchtmeister, der sich nicht
umsonst einstmals zusprach: "Werde, der du bist!"
Also mgen nunmehr die Menschen zu mir hinauf kommen: denn noch warte ich der
Zeichen, dass es Zeit sei zu meinem Niedergange, noch gehe ich selber nicht
unter, wie ich muss, unter Menschen.
Dazu warte ich hier, listig und spttisch auf hohen Bergen, kein Ungeduldiger,
kein Geduldiger, vielmehr Einer, der auch die Geduld verlernt hat, - weil er
nicht mehr "duldet."
Mein Schicksal nmlich lsst mir Zeit: es vergass mich wohl? Oder sitzt es
hinter einem grossen Steine im Schatten und fngt Fliegen?
Und wahrlich, ich bin ihm gut darob, meinem ewigen Schicksale, dass es mich
nicht hetzt und drngt und mir Zeit zu Possen lsst und Bosheiten: also dass ich
heute zu einem Fischfange auf diesen hohen Berg stieg.
Fieng wohl je ein Mensch auf hohen Bergen Fische? Und wenn es auch eine Thorheit
ist, was ich hier oben will und treibe: besser noch Diess, als dass ich da unten
feierlich wrde vor Warten und grn und gelb -
- ein gespreitzter Zornschnauber vor Warten, ein heiliger Heule-Sturm aus
Bergen, ein Ungeduldiger, der in die Thler hinabruft: "Hrt, oder ich peitsche
euch mit der Geissel Gottes!"
Nicht dass ich solchen Zrnern darob gram wrde: zum Lachen sind sie mir gut
genung! Ungeduldig mssen sie schon sein, diese grossen Lrmtrommeln, welche
heute oder niemals zu Worte kommen!
Ich aber und mein Schicksal - wir reden nicht zum Heute, wir reden auch nicht
zum Niemals: wir haben zum Reden schon Geduld und Zeit und berzeit. Denn einst
muss er doch kommen und darf nicht vorbergehn.
Wer muss einst kommen und darf nicht vorbergehn? Unser grosser Hazar, das ist
unser grosses fernes Menschen-Reich, das Zarathustra-Reich von tausend Jahren -
-
Wie ferne mag solches "Ferne" sein? was geht's mich an! Aber darum steht es
mir doch nicht minder fest -, mit beiden Fssen stehe ich sicher auf diesem
Grunde,
- auf einem ewigen Grunde, auf hartem Urgesteine, auf diesem hchsten hrtesten
Urgebirge, zu dem alle Winde kommen als zur Wetterscheide, fragend nach Wo? und
Woher? und Wohinaus?
Hier lache, lache meine helle heile Bosheit! Von hohen Bergen wirf hinab dein
glitzerndes Spott-Gelchter! Kdere mit deinem Glitzern mir die schnsten
Menschen-Fische!
Und was in allen Meeren mir zugehrt, mein An-und-fr-mich in allen Dingen - Das
fische mir heraus, Das fhre zu mir herauf: dess warte ich, der boshaftigste
aller Fischfnger.
Hinaus, hinaus, meine Angel! Hinein, hinab, Kder meines Glcks! Trufle deinen
sssesten Thau, mein Herzens-Honig! Beisse, meine Angel, in den Bauch aller
schwarzen Trbsal!
Hinaus, hinaus, mein Auge! Oh welche vielen Meere rings um mich, welch dmmernde
Menschen-Zuknfte! Und ber mir - welch rosenrothe Stille! Welch entwlktes
Schweigen!

Der Nothschrei
Des nchsten Tages sass Zarathustra wieder auf seinem Steine vor der Hhle,
whrend die Thiere draussen in der Welt herumschweiften, dass sie neue Nahrung
heimbrchten, - auch neuen Honig: denn Zarathustra hatte den alten Honig bis auf
das letzte Korn verthan und verschwendet. Als er aber dermaassen dasass, mit
einem Stecken in der Hand, und den Schatten seiner Gestalt auf der Erde
abzeichnete, nachdenkend und, wahrlich! nicht ber sich und seinen Schatten - da
erschrak er mit Einem Male und fuhr zusammen: denn er sahe neben seinem Schatten
noch einen andern Schatten. Und wie er schnell um sich blickte und aufstand,
siehe, da stand der Wahrsager neben ihm, der selbe, den er einstmals an seinem
Tische gespeist und getrnkt hatte, der Verkndiger der grossen Mdigkeit,
welcher lehrte: "Alles ist gleich, es lohnt sich Nichts, Welt ist ohne Sinn,
Wissen wrgt." Aber sein Antlitz hatte sich inzwischen verwandelt; und als ihm
Zarathustra in die Augen blickte, wurde sein Herz abermals erschreckt: so viel
schlimme Verkndigungen und aschgraue Blitze liefen ber diess Gesicht.
Der Wahrsager, der es wahrgenommen, was sich in Zarathustra's Seele zutrug,
wischte mit der Hand ber sein Antlitz hin, wie als ob er dasselbe wegwischen
wollte; desgleichen that auch Zarathustra. Und als Beide dergestalt sich
schweigend gefasst und gekrftigt hatten, gaben sie sich die Hnde, zum Zeichen,
dass sie sich wiedererkennen wollten.
"Sei mir willkommen, sagte Zarathustra, du Wahrsager der grossen Mdigkeit, du
sollst nicht umsonst einstmals mein Tisch- und Gastfreund gewesen sein. Iss und
trink auch heute bei mir und vergieb es, dass ein vergngter alter Mann mit dir
zu Tische sitzt!" - "Ein vergngter alter Mann? antwortete der Wahrsager, den
Kopf schttelnd: wer du aber auch bist oder sein willst, oh Zarathustra, du bist
es zum Lngsten hier Oben gewesen, - dein Nachen soll ber Kurzem nicht mehr im
Trocknen sitzen!" - "Sitze ich denn im Trocknen?" fragte Zarathustra lachend.
- "Die Wellen um deinen Berg, antwortete der Wahrsager, steigen und steigen,
die Wellen grosser Noth und Trbsal: die werden bald auch deinen Nachen heben
und dich davontragen." - Zarathustra schwieg hierauf und wunderte sich. -
"Hrst du noch Nichts? fuhr der Wahrsager fort: rauscht und braust es nicht
herauf aus der Tiefe?" - Zarathustra schwieg abermals und horchte: da hrte er
einen langen, langen Schrei, welchen die Abgrnde sich zuwarfen und weitergaben,
denn keiner wollte ihn behalten: so bse klang er.
"Du schlimmer Verkndiger, sprach endlich Zarathustra, das ist ein Nothschrei
und der Schrei eines Menschen, der mag wohl aus einem schwarzen Meere kommen.
Aber was geht mich Menschen-Noth an! Meine letzte Snde, die mir aufgespart
blieb, - weisst du wohl, wie sie heisst?"
- "Mitleiden! antwortete der Wahrsager aus einem berstrmenden Herzen und hob
beide Hnde empor - oh Zarathustra, ich komme, dass ich dich zu deiner letzten
Snde verfhre!" -
Und kaum waren diese Worte gesprochen, da erscholl der Schrei abermals, und
lnger und ngstlicher als vorher, auch schon viel nher. "Hrst du? Hrst du,
oh Zarathustra? rief der Wahrsager, dir gilt der Schrei, dich ruft er: komm,
komm, komm, es ist Zeit, es ist hchste Zeit!" -
Zarathustra schwieg hierauf, verwirrt und erschttert; endlich fragte er, wie
Einer, der bei sich selber zgert: "Und wer ist das, der dort mich ruft?"
"Aber du weisst es ja, antwortete der Wahrsager heftig, was verbirgst du dich?
Der hhere Mensch ist es, der nach dir schreit!"
"Der hhere Mensch? schrie Zarathustra von Grausen erfasst: was will der? Was
will der? Der hhere Mensch! Was will der hier?" - und seine Haut bedeckte sich
mit Schweiss.
Der Wahrsager aber antwortete nicht auf die Angst Zarathustra's, sondern horchte
und horchte nach der Tiefe zu. Als es jedoch lange Zeit dort stille blieb,
wandte er seinen Blick zurck und sahe Zarathustra stehn und zittern.
"Oh Zarathustra, hob er mit trauriger Stimme an, du stehst nicht da wie Einer,
den sein Glck drehend macht: du wirst tanzen mssen, dass du mir nicht
umfllst!
Aber wenn du auch vor mir tanzen wolltest und alle deine Seitensprnge springen:
Niemand soll mir doch sagen drfen: "Siehe, hier tanzt der letzte frohe
Mensch!"
Umsonst kme Einer auf diese Hhe, der den hier suchte: Hhlen fnde er wohl und
Hinter-Hhlen, Verstecke fr Versteckte, aber nicht Glcks-Schachte und
Schatzkammern und neue Glcks-Goldadern.
Glck - wie fnde man wohl das Glck bei solchen Vergrabenen und Einsiedlern!
Muss ich das letzte Glck noch auf glckseligen Inseln suchen und ferne zwischen
vergessenen Meeren?
Aber Alles ist gleich, es lohnt sich Nichts, es hilft kein Suchen, es giebt auch
keine glckseligen Inseln mehr!" -
Also seufzte der Wahrsager; bei seinem letzten Seufzer aber wurde Zarathustra
wieder hell und sicher, gleich Einem, der aus einem tiefen Schlunde an's Licht
kommt. "Nein! Nein! Drei Mal Nein! rief er mit starker Stimme und strich sich
den Bart - Das weiss ich besser! Es giebt noch glckselige Inseln! Stille davon,
du seufzender Trauersack!
Hre davon auf zu pltschern, du Regenwolke am Vormittag! Stehe ich denn nicht
schon da, nass von deiner Trbsal und begossen wie ein Hund?
Nun schttle ich mich und laufe dir davon, dass ich wieder trocken werde: dess
darfst du nicht Wunder haben! Dnke ich dir unhflich? Aber hier ist mein Hof.
Was aber deinen hheren Menschen angeht: wohlan! ich suche ihn flugs in jenen
Wldern: daher kam sein Schrei. Vielleicht bedrngt ihn da ein bses Thier.
Er ist in meinem Bereiche: darin soll er mir nicht zu Schaden kommen! Und
wahrlich, es giebt viele bse Thiere bei mir." -
Mit diesen Worten wandte sich Zarathustra zum Gehen. Da sprach der Wahrsager:
"Oh Zarathustra, du bist ein Schelm!
Ich weiss es schon: du willst mich los sein! Lieber noch lufst du in die Wlder
und stellst bsen Thieren nach!
Aber was hilft es dir? Des Abends wirst du doch mich wiederhaben, in deiner
eignen Hhle werde ich dasitzen, geduldig und schwer wie ein Klotz - und auf
dich warten!"
"So sei's! rief Zarathustra zurck im Fortgehn: und was mein ist in meiner
Hhle, gehrt auch dir, meinem Gastfreunde!
Solltest du aber drin noch Honig finden, wohlan! so lecke ihn nur auf, du
Brummbr, und verssse deine Seele! Am Abende nmlich wollen wir Beide guter
Dinge sein,
- guter Dinge und froh darob, dass dieser Tag zu Ende gieng! Und du selber
sollst zu meinen Liedern als mein Tanzbr tanzen.
Du glaubst nicht daran? Du schttelst den Kopf? Wohlan! Wohlauf! Alter Br! Aber
auch ich - bin ein Wahrsager."
Also sprach Zarathustra.

Gesprch mit den Knigen
1
Zarathustra war noch keine Stunde in seinen Bergen und Wldern unterwegs, da
sahe er mit Einem Male einen seltsamen Aufzug. Gerade auf dem Wege, den er
hinabwollte, kamen zwei Knige gegangen, mit Kronen und Purpurgrteln geschmckt
und bunt wie Flamingo-Vgel: die trieben einen beladenen Esel vor sich her.
"Was wollen diese Knige in meinem Reiche?" sprach Zarathustra erstaunt zu
seinem Herzen und versteckte Sich geschwind hinter einem Busche. Als aber die
Knige bis zu ihm herankamen, sagte er, halblaut, wie Einer, der zu sich allein
redet: "Seltsam! Seltsam! Wie reimt sich Das zusammen? Zwei Knige sehe ich -
und nur Einen Esel!"
Da machten die beiden Knige Halt, lchelten, sahen nach der Stelle hin, woher
die Stimme kam, und sahen sich nachher selber in's Gesicht. "Solcherlei denkt
man wohl auch unter uns, sagte der Knig zur Rechten, aber man spricht es nicht
aus."
Der Knig zur Linken aber zuckte mit den Achseln und antwortete: "Das mag wohl
ein Ziegenhirt sein. Oder ein Einsiedler, der zu lange unter Felsen und Bumen
lebte. Gar keine Gesellschaft nmlich verdirbt auch die guten Sitten."
"Die guten Sitten? entgegnete unwillig und bitter der andre Knig: wem laufen
wir denn aus dem Wege? Ist es nicht den "guten Sitten"? Unsrer "guten
Gesellschaft"?
Lieber, wahrlich, unter Einsiedlern und Ziegenhirten als mit unserm vergoldeten
falschen berschminkten Pbel leben, - ob er sich schon "gute Gesellschaft"
heisst,
- ob er sich schon "Adel" heisst. Aber da ist Alles falsch und faul, voran das
Blut, Dank alten schlechten Krankheiten und schlechteren Heil-Knstlern.
Der Beste und Liebste ist mir heute noch ein gesunder Bauer, grob, listig,
hartnckig, langhaltig: das ist heute die vornehmste Art.
Der Bauer ist heute der Beste; und Bauern-Art sollte Herr sein! Aber es ist das
Reich des Pbels, - ich lasse mir Nichts mehr vormachen. Pbel aber, das heisst:
Mischmasch.
Pbel-Mischmasch: darin ist Alles in Allem durcheinander, Heiliger und Hallunke
und Junker und Jude und jeglich Vieh aus der Arche Noh.
Gute Sitten! Alles ist bei uns falsch und faul. Niemand weiss mehr zu verehren:
dem gerade laufen wir davon. Es sind sssliche zudringliche Hunde, sie vergolden
Palmenbltter.
Dieser Ekel wrgt mich, dass wir Knige selber falsch wurden, berhngt und
verkleidet durch alten vergilbten Grossvter-Prunk, Schaumnzen fr die Dmmsten
und die Schlauesten, und wer heute Alles mit der Macht Schacher treibt!
Wir sind nicht die Ersten - und mssen es doch bedeuten: dieser Betrgerei sind
wir endlich satt und ekel geworden.
Dem Gesindel giengen wir aus dem Wege, allen diesen Schreihlsen und
Schreib-Schmeissfliegen, dem Krmer-Gestank, dem Ehrgeiz-Gezappel, dem blen
Athem -: pfui, unter dem Gesindel leben,
- pfui, unter dem Gesindel die Ersten zu bedeuten! Ach, Ekel! Ekel! Ekel! Was
liegt noch an uns Knigen!" -
"Deine alte Krankheit fllt dich an, sagte hier der Knig zur Linken, der Ekel
fllt dich an, mein armer Bruder. Aber du weisst es doch, es hrt uns Einer
zu."
Sofort erhob sich Zarathustra, der zu diesen Reden Ohren und Augen aufgesperrt
hatte, aus seinem Schlupfwinkel, trat auf die Knige zu und begann:
"Der Euch zuhrt, der Euch gerne zuhrt, ihr Knige, der heisst Zarathustra.
Ich bin Zarathustra, der einst sprach: "Was liegt noch an Knigen!" Vergebt
mir, ich freute mich, als Ihr zu einander sagtet: "Was liegt an uns Knigen!"
Hier aber ist mein Reich und meine Herrschaft: was mgt Ihr wohl in meinem
Reiche suchen? Vielleicht aber fandet Ihr unterwegs, was ich suche: nmlich den
hheren Menschen."
Als Diess die Knige hrten, schlugen sie sich an die Brust und sprachen mit
Einem Munde: "Wir sind erkannt!
Mit dem Schwerte dieses Wortes zerhaust du unsres Herzens dickste Finsterniss.
Du entdecktest unsre Noth, denn siehe! Wir sind unterwegs, dass wir den hheren
Menschen fnden -
- den Menschen, der hher ist als wir: ob wir gleich Knige sind. Ihm fhren wir
diesen Esel zu. Der hchste Mensch nmlich soll auf Erden auch der hchste Herr
sein.
Es giebt kein hrteres Unglck in allem Menschen-Schicksale, als wenn die
Mchtigen der Erde nicht auch die ersten Menschen sind. Da wird Alles falsch und
schief und ungeheuer.
Und wenn sie gar die letzten sind und mehr Vieh als Mensch: da steigt und steigt
der Pbel im Preise, und endlich spricht gar die Pbel-Tugend: "siehe, ich
allein bin Tugend!" -
Was hrte ich eben? antwortete Zarathustra; welche Weisheit bei Knigen! Ich bin
entzckt, und, wahrlich, schon gelstet's mich, einen Reim darauf zu machen: -
- mag es auch ein Reim werden, der nicht fr Jedermanns Ohren taugt. Ich
verlernte seit langem schon die Rcksicht auf lange Ohren. Wohlan! Wohlauf!
(Hier aber geschah es, dass auch der Esel zu Worte kam: er sagte aber deutlich
und mit bsem Willen I-A.)
Einstmals - ich glaub', im Jahr des Heiles Eins -
Sprach die Sibylle, trunken sonder Weins:
"Weh, nun geht's schief!
"Verfall! Verfall! Nie sank die Welt so tief!
"Rom sank zur Hure und zur Huren-Bude,
"Rom's Caesar sank zum Vieh, Gott selbst - ward Jude!"
2
An diesen Reimen Zarathustra's weideten sich die Knige; der Knig zur Rechten
aber sprach: "oh Zarathustra, wie gut thaten wir, dass wir auszogen, dich zu
sehn!
Deine Feinde nmlich zeigten uns dein Bild in ihrem Spiegel: da blicktest du mit
der Fratze eines Teufels und hohnlachend: also dass wir uns vor dir frchteten.
Aber was half's! Immer wieder stachst du uns in Ohr und Herz mit deinen
Sprchen. Da sprachen wir endlich: was liegt daran, wie er aussieht!
Wir mssen ihn hren, ihn, der lehrt "ihr sollt den Frieden lieben als Mittel
zu neuen Kriegen, und den kurzen Frieden mehr als den langen!"
Niemand sprach je so kriegerische Worte: "Was ist gut? Tapfer sein ist gut. Der
gute Krieg ist's, der jede Sache heiligt."
Oh Zarathustra, unsrer Vter Blut rhrte sich bei solchen Worten in unserm
Leibe: das war wie die Rede des Frhlings zu alten Weinfssern.
Wenn die Schwerter durcheinander liefen gleich rothgefleckten Schlangen, da
wurden unsre Vter dem Leben gut; alles Friedens Sonne dnkte sie flau und lau,
der lange Frieden aber machte Scham.
Wie sie seufzten, unsre Vter, wenn sie an der Wand blitzblanke ausgedorrte
Schwerter sahen! Denen gleich drsteten sie nach Krieg. Ein Schwert nmlich will
Blut trinken und funkelt vor Begierde." -
- Als die Knige dergestalt mit Eifer von dem Glck ihrer Vter redeten und
schwtzten, berkam Zarathustra keine kleine Lust, ihres Eifers zu spotten: denn
ersichtlich waren es sehr friedfertige Knige, welche er vor sich sah, solche
mit alten und feinen Gesichtern. Aber er bezwang sich. "Wohlan! sprach er,
dorthin fhrt der Weg, da liegt die Hhle Zarathustra's; und dieser Tag soll
einen langen Abend haben! Jetzt aber ruft mich eilig ein Nothschrei fort von
Euch.
Es ehrt meine Hhle, wenn Knige in ihr sitzen und warten wollen: aber,
freilich, Ihr werdet lange warten mssen!
Je nun! Was thut's! Wo lernt man heute besser warten als an Hfen? Und der
Knige ganze Tugend, die ihnen brig blieb, - heisst sie heute nicht:
Warten-knnen ?"
Also sprach Zarathustra.

Der Blutegel
Und Zarathustra gieng nachdenklich weiter und tiefer, durch Wlder und vorbei an
moorigen Grnden; wie es aber Jedem ergeht, der ber schwere Dinge nachdenkt, so
trat er unversehens dabei auf einen Menschen. Und siehe, da sprtzten ihm mit
Einem Male ein Weheschrei und zwei Flche und zwanzig schlimme Schimpfworte in's
Gesicht: also dass er in seinem Schrecken den Stock erhob und auch auf den
Getretenen noch zuschlug. Gleich darauf aber kam ihm die Besinnung; und sein
Herz lachte ber die Thorheit, die er eben gethan hatte.
"Vergieb, sagte er zu dem Getretenen, der sich grimmig erhoben und gesetzt
hatte, vergieb und vernimm vor Allem erst ein Gleichniss.
Wie ein Wanderer, der von fernen Dingen trumt, unversehens auf einsamer Strasse
einen schlafenden Hund anstsst, einen Hund, der in der Sonne liegt:
- wie da Beide auffahren, sich anfahren, Todfeinden gleich, diese zwei zu Tod
Erschrockenen: also ergieng es uns.
Und doch! Und doch - wie wenig hat gefehlt, dass sie einander liebkosten, dieser
Hund und dieser Einsame! Sind sie doch Beide - Einsame!"
- "Wer du auch sein magst, sagte immer noch grimmig der Getretene, du trittst
mir auch mit deinem Gleichniss zu nahe, und nicht nur mit deinem Fusse!
Siehe doch, bin ich denn ein Hund?" - und dabei erhob sich der Sitzende und zog
seinen nackten Arm aus dem Sumpfe. Zuerst nmlich hatte er ausgestreckt am Boden
gelegen, verborgen und unkenntlich gleich Solchen, die einem Sumpf-Wilde
auflauern.
"Aber was treibst du doch!" rief Zarathustra erschreckt, denn er sahe, dass
ber den nackten Arm weg viel Blut floss, - was ist dir zugestossen? Biss dich,
du Unseliger, ein schlimmes Thier?
Der Blutende lachte, immer noch erzrnt. "Was geht's dich an! sagte er und
wollte weitergehn. Hier bin ich heim und in meinem Bereiche. Mag mich fragen,
wer da will: einem Tlpel aber werde ich schwerlich antworten."
"Du irrst, sagte Zarathustra mitleidig und hielt ihn fest, du irrst: hier bist
du nicht bei dir, sondern in meinem Reiche, und darin soll mir Keiner zu Schaden
kommen.
Nenne mich aber immerhin, wie du willst, - ich bin, der ich sein muss. Ich
selber heisse mich Zarathustra.
Wohlan! Dort hinauf geht der Weg zu Zarathustra's Hhle: die ist nicht fern, -
willst du nicht bei mir deiner Wunden warten?
Es gieng dir schlimm, du Unseliger, in diesem Leben: erst biss dich das Thier,
und dann - trat dich der Mensch!" -
Als aber der Getretene den Namen Zarathustra's hrte, verwandelte er sich. "Was
geschieht mir doch! rief er aus, wer kmmert mich denn noch in diesem Leben, als
dieser Eine Mensch, nmlich Zarathustra, und jenes Eine Thier, das vom Blute
lebt, der Blutegel?
Des Blutegels halber lag ich hier an diesem Sumpfe wie ein Fischer, und schon
war mein ausgehngter Arm zehn Mal angebissen, da beisst noch ein schnerer Igel
nach meinem Blute, Zarathustra selber!
Oh Glck! Oh Wunder! Gelobt sei dieser Tag, der mich in diesen Sumpf lockte!
Gelobt sei der beste lebendigste Schrpfkopf, der heut lebt, gelobt sei der
grosse Gewissens-Blutegel Zarathustra!" -
Also sprach der Getretene; und Zarathustra freute sich ber seine Worte und ihre
feine ehrfrchtige Art. "Wer bist du? fragte er und reichte ihm die Hand,
zwischen uns bleibt Viel aufzuklren und aufzuheitern: aber schon, dnkt mich,
wird es reiner heller Tag."
"Ich bin der Gewissenhafte des Geistes, antwortete der Gefragte, und in Dingen
des Geistes nimmt es nicht leicht Einer strenger, enger und hrter als ich,
ausgenommen der, von dem ich's lernte, Zarathustra selber.
Lieber Nichts wissen, als Vieles halb wissen! Lieber ein Narr sein auf eigne
Faust, als ein Weiser nach fremdem Gutdnken! Ich - gehe auf den Grund:
- was liegt daran, ob er gross oder klein ist? Ob er Sumpf oder Himmel heisst?
Eine Hand breit Grund ist mir genung: wenn er nur wirklich Grund und Boden ist!
- eine Hand breit Grund: darauf kann man stehn. In der rechten
Wissen-Gewissenschaft giebt es nichts Grosses und nichts Kleines."
"So bist du vielleicht der Erkenner des Blutegels? fragte Zarathustra; und du
gehst dem Blutegel nach bis auf die letzten Grnde, du Gewissenhafter?"
"Oh Zarathustra, antwortete der Getretene, das wre ein Ungeheures, wie drfte
ich mich dessen unterfangen!
Wess ich aber Meister und Kenner bin, das ist des Blutegels Hirn: - das ist
meine Welt!
Und es ist auch eine Welt! Vergieb aber, dass hier mein Stolz zu Worte kommt,
denn ich habe hier nicht meines Gleichen. Darum sprach ich "hier bin ich
heim."
Wie lange gehe ich schon diesem Einen nach, dem Hirn des Blutegels, dass die
schlpfrige Wahrheit mir hier nicht mehr entschlpfe! Hier ist mein Reich!
- darob warf ich alles Andere fort, darob wurde mir alles. Andre gleich; und
dicht neben meinem Wissen lagert mein schwarzes Unwissen.
Mein Gewissen des Geistes will es so von mir, dass ich Eins weiss und sonst
Alles nicht weiss: es ekelt mich aller Halben des Geistes, aller Dunstigen,
Schwebenden, Schwrmerischen.
Wo meine Redlichkeit aufhrt, bin ich blind und will auch blind sein. Wo ich
aber wissen will, will ich auch redlich sein, nmlich hart, streng, eng,
grausam, unerbittlich.
Dass du einst sprachst, oh Zarathustra: "Geist ist das Leben, das selber in's
Leben schneidet," das fhrte und verfhrte mich zu deiner Lehre. Und, wahrlich,
mit eignem Blute mehrte ich mir das eigne Wissen!"
- Wie der Augenschein lehrt," fiel Zarathustra ein; denn immer noch floss das
Blut an dem nackten Arme des Gewissenhaften herab. Es hatten nmlich zehn
Blutegel sich in denselben eingebissen.
"Oh du wunderlicher Gesell, wie Viel lehrt mich dieser Augenschein da, nmlich
du selber! Und nicht Alles drfte ich vielleicht in deine strengen Ohren
giessen!
Wohlan! So scheiden wir hier! Doch mchte ich gerne dich wiederfinden. Dort
hinauf fhrt der Weg zu meiner Hhle: heute Nacht sollst du dort mein lieber
Gast sein!
Gerne mchte ich's auch an deinem Leibe wieder gut machen, dass Zarathustra dich
mit Fssen trat: darber denke ich nach. Jetzt aber ruft mich ein Nothschrei
eilig fort von dir."
Also sprach Zarathustra.

Der Zauberer
1
Als aber Zarathustra um einen Felsen herumbog, da sahe er, nicht weit unter
sich, auf dem gleichen Wege, einen Menschen, der die Glieder warf wie ein
Tobschtiger und endlich buchlings zur Erde niederstrzte. "Halt! sprach da
Zarathustra zu seinem Herzen, Der dort muss wohl der hhere Mensch sein, von ihm
kam jener schlimme Nothschrei, - ich will sehn, ob da zu helfen ist." Als er
aber hinzulief, an die Stelle, wo der Mensch auf dem Boden lag, fand er einen
zitternden alten Mann mit stieren Augen; und wie sehr sich Zarathustra mhte,
dass er ihn aufrichte und wieder auf seine Beine stelle, es war umsonst. Auch
schien der Unglckliche nicht zu merken, dass jemand um ihn sei; vielmehr sah er
sich immer mit rhrenden Gebrden um, wie ein von aller Welt Verlassener und
Vereinsamter. Zuletzt aber, nach vielem Zittern, Zucken und
Sich-zusammen-Krmmen, begann er also zu jammern:
Wer wrmt mich, wer liebt mich noch?
Gebt heisse Hnde!
Gebt Herzens-Kohlenbecken!
Hingestreckt, schaudernd,
Halbtodtem gleich, dem man die Fsse wrmt -
Geschttelt, ach! von unbekannten Fiebern,
Zitternd vor spitzen eisigen Frost-Pfeilen,
Von dir gejagt, Gedanke!
Unnennbarer! Verhllter! Entsetzlicher!
Du Jger hinter Wolken!
Darniedergeblitzt von dir,
Du hhnisch Auge, das mich aus Dunklem anblickt:
- so liege ich,
Biege mich, winde mich, geqult
Von allen ewigen Martern,
Getroffen
Von Dir, grausamster Jger,
Du unbekannter - Gott!
Triff tiefer,
Triff Ein Mal noch!
Zerstich, zerbrich diess Herz!
Was soll diess Martern
Mit zhnestumpfen Pfeilen?
Was blickst du wieder,
Der Menschen-Qual nicht mde,
Mit schadenfrohen Gtter-Blitz-Augen?
Nicht tdten willst du,
Nur martern, martern?
Wozu - mich martern,
Du schadenfroher unbekannter Gott? -
Haha! Du schleichst heran?
Bei solcher Mitternacht
Was willst du? Sprich!
Du drngst mich, drckst mich -
Ha! schon viel zu nahe!
Weg! Weg!
Du hrst mich athmen,
Du behorchst mein Herz,
Du Eiferschtiger -
Worauf doch eiferschtig?
Weg! Weg! Wozu die Leiter?
Willst du hinein,
In's Herz,
Einsteigen, in meine heimlichsten
Gedanken einsteigen?
Schamloser! Unbekannter - Dieb!
Was willst du dir erstehlen,
Was willst du dir erhorchen,
Was willst du dir erfoltern,
Du Folterer!
Du - Henker-Gott!
Oder soll ich, dem Hunde gleich,
Vor dir mich wlzen?
Hingebend, begeistert-ausser-mir,
Dir - Liebe zuwedeln?
Umsonst! Stich weiter,
Grausamster Stachel! Nein,
Kein Hund - dein Wild nur bin ich,
Grausamster Jger!
Dein stolzester Gefangner,
Du Ruber hinter Wolken!
Sprich endlich,
Was willst du, Wegelagerer, von mir?
Du Blitz-Verhllter! Unbekannter! Sprich,
Was willst du, unbekannter Gott? -
Wie? Lsegeld?
Was willst du Lsegelds?
Verlange Viel - das rth mein Stolz!
Und rede kurz - das rth mein andrer Stolz!
Haha!
Mich - willst du? Mich?
Mich - ganz?
Haha!
Und marterst mich, Narr, der du bist,
Zermarterst meinen Stolz?
Gieb Liebe mir - wer wrmt mich noch?
Wer liebt mich noch? - gieb heisse Hnde,
Gieb Herzens-Kohlenbecken,
Gieb mir, dem Einsamsten,
Den Eis, ach! siebenfaches Eis
Nach Feinden selber,
Nach Feinden schmachten lehrt,
Gieb, ja ergieb,
Grausamster Feind,
Mir - dich! -
Davon!
Da floh er selber,
Mein letzter einziger Genoss,
Mein grosser Feind,
Mein Unbekannter,
Mein Henker-Gott! -
- Nein! Komm zurck,
Mit allen deinen Martern!
Zum Letzten aller Einsamen
Oh komm zurck!
All meine Thrnen-Bche laufen
Zu dir den Lauf!
Und meine letzte Herzens-Flamme -
Dir glht sie auf!
Oh komm zurck,
Mein unbekannter Gott! Mein Schmerz! Mein letztes -
Glck!
2
- Hier aber konnte sich Zarathustra nicht lnger halten, nahm seinen Stock und
schlug mit allen Krften auf den jammernden los. "Halt ein! schrie er ihm zu,
mit ingrimmigem Lachen, halt ein, du Schauspieler! Du Falschmnzer! Du Lgner
aus dem Grunde! Ich erkenne dich wohl!
Ich will dir schon warme Beine machen, du schlimmer Zauberer, ich verstehe mich
gut darauf, Solchen wie du bist - einzuheizen!"
- "Lass ab, sagte der alte Mann und sprang vom Boden auf, schlage nicht mehr,
oh Zarathustra! Ich trieb's also nur zum Spiele!
Solcherlei gehrt zu meiner Kunst; dich selber wollte ich auf die Probe stellen,
als ich dir diese Probe gab! Und, wahrlich, du hast mich gut durchschaut!
Aber auch du - gabst mir von dir keine kleine Probe: du bist hart, du weiser
Zarathustra! Hart schlgst du zu mit deinen "Wahrheiten," dein Knttel
erzwingt von mir - diese Wahrheit!"
- "Schmeichle nicht, antwortete Zarathustra, immer noch erregt und
finsterblickend, du Schauspieler aus dem Grunde! Du bist falsch: was redest du -
von Wahrheit!
Du Pfau der Pfauen, du Meer der Eitelkeit, was spieltest du vor mir, du
schlimmer Zauberer, an wen sollte ich glauben, als du in solcher Gestalt
jammertest?"
"Den Bsser des Geistes, sagte der alte Mann, den - spielte ich: du selber
erfandest einst diess Wort -
- den Dichter und Zauberer, der gegen sich selber endlich seinen Geist wendet,
den Verwandelten, der an seinem bsen Wissen und Gewissen erfriert.
Und gesteh es nur ein: es whrte lange, oh Zarathustra, bis du hinter meine
Kunst und Lge kamst! Du glaubtest an meine Noth, als du mir den Kopf mit beiden
Hnden hieltest, -
- ich hrte dich jammern "man hat ihn zu wenig geliebt, zu wenig geliebt!"
Dass ich dich soweit betrog, darber frohlockte inwendig meine Bosheit."
"Du magst Feinere betrogen haben als mich, sagte Zarathustra hart. Ich bin
nicht auf der Hut vor Betrgern, ich muss ohne Vorsicht sein: so will es mein
Loos.
Du aber - musst betrgen: so weit kenne ich dich! Du musst immer zwei- drei-
vier- und fnfdeutig sein! Auch was du jetzt bekanntest, war mir lange nicht
wahr und nicht falsch genung!
Du schlimmer Falschmnzer, wie knntest du anders! Deine Krankheit wrdest du
noch schminken, wenn du dich deinem Arzte nackt zeigtest.
So schminktest du eben vor mir deine Lge, als du sprachst: "ich trieb's also
nur zum Spiele!" Es war auch Ernst darin, du bist Etwas von einem Bsser des
Geistes!
Ich errathe dich wohl: du wurdest der Bezauberer Aller, aber gegen dich hast du
keine Lge und List mehr brig, - du selber bist dir entzaubert!
Du erntetest den Ekel ein, als deine Eine Wahrheit. Kein Wort ist mehr an dir
cht, aber dein Mund: nmlich der Ekel, der an deinem Munde klebt." -
- "Wer bist du doch! schrie hier der alte Zauberer mit einer trotzigen Stimme,
wer darf also zu m i r reden, dem Grssten, der heute lebt?" - und ein grner
Blitz schoss aus seinem Auge nach Zarathustra. Aber gleich darauf verwandelte er
sich und sagte traurig:
"Oh Zarathustra, ich bin's mde, es ekelt mich meiner Knste, ich bin nicht
gross, was verstelle ich mich! Aber, du weisst es wohl - ich suchte nach Grsse!
Einen grossen Menschen wollte ich vorstellen und berredete Viele: aber diese
Lge gieng ber meine Kraft. An ihr zerbreche ich.
Oh Zarathustra, Alles ist Lge an mir; aber dass ich zerbreche - diess mein
Zerbrechen ist cht!" -
"Es ehrt dich, sprach Zarathustra dster und zur Seite niederblickend, es ehrt
dich, dass du nach Grsse suchtest, aber es verrth dich auch. Du bist nicht
gross.
Du schlimmer alter Zauberer, das ist dein Bestes und Redlichstes, was ich an dir
ehre, dass du deiner mde wurdest und es aussprachst: "ich bin nicht gross."
Darin ehre ich dich als einen Bsser des Geistes: und wenn auch nur fr einen
Hauch und Husch, diesen Einen Augenblick warst du - cht.
Aber sprich, was suchst du hier in meinen Wldern und Felsen? Und wenn du mir
dich in den Weg legtest, welche Probe wolltest du von mir? -
- wess versuchtest du mich?" -
Also sprach Zarathustra, und seine Augen funkelten. Der alte Zauberer schwieg
eine Weile, dann sagte er: "Versuchte ich dich? Ich - suche nur.
Oh Zarathustra, ich suche einen chten, Rechten, Einfachen, Eindeutigen, einen
Menschen aller Redlichkeit, ein Gefss der Weisheit, einen Heiligen der
Erkenntniss, einen grossen Menschen!
Weisst du es denn nicht, oh Zarathustra? Ich suche Zarathustra."
- Und hier entstand ein langes Stillschweigen zwischen Beiden; Zarathustra aber
versank tief hinein in sich selber, also dass er die Augen schloss. Dann aber,
zu seinem Unterredner zurckkehrend, ergriff er die Hand des Zauberers und
sprach, voller Artigkeit und Arglist:
"Wohlan! Dort hinauf fhrt der Weg, da liegt die Hhle Zarathustra's. In ihr
darfst du suchen, wen du finden mchtest.
Und frage meine Thiere um Rath, meinen Adler und meine Schlange: die sollen dir
suchen helfen. Meine Hhle aber ist gross.
Ich selber freilich - ich sah noch keinen grossen Menschen. Was gross ist, dafr
ist das Auge der Feinsten heute grob. Es ist das Reich des Pbels.
So Manchen fand ich schon, der streckte und blhte sich, und das Volk schrie:
"Seht da, einen grossen Menschen!" Aber was helfen alle Blaseblge! Zuletzt
fhrt der Wind heraus.
Zuletzt platzt ein Frosch, der sich zu lange aufblies: da fhrt der Wind heraus.
Einem Geschwollnen in den Bauch stechen, das heisse ich eine brave Kurzweil.
Hrt das, ihr Knaben!
Diess Heute ist des Pbels: wer weiss da noch, was gross, was klein ist! Wer
suchte da mit Glck nach Grsse! Ein Narr allein: den Narren glckt's.
Du suchst nach grossen Menschen, du wunderlicher Narr? Wer lehrte's dich? Ist
heute dazu die Zeit? Oh du schlimmer Sucher, was - versuchst du mich?" -
Also sprach Zarathustra, getrsteten Herzens, und gierig lachend seines Wegs
frbass.

Ausser Dienst
Nicht lange aber, nachdem Zarathustra sich von dem Zauberer losgemacht hatte,
sahe er wiederum Jemanden am Wege sitzen, den er gierig, nmlich einen schwarzen
langen Mann mit einem hageren Bleichgesicht: der verdross ihn gewaltig. "Wehe,
sprach er zu seinem Herzen, da, sitzt vermummte Trbsal, das dnkt mich von der
Art der Priester: was wollen die in meinem Reiche?
Wie! Kaum bin ich jenem Zauberer entronnen: muss mir da wieder ein anderer
Schwarzknstler ber den Weg laufen, -
- irgend ein Hexenmeister mit Handauflegen, ein dunkler Wunderthter von Gottes
Gnaden, ein gesalbter Welt-Verleumder, den der Teufel holen mge!
Aber der Teufel ist nie am Platze, wo er am Platze wre: immer kommt er zu spt,
dieser vermaledeite Zwerg und Klumpfuss!" -
Also fluchte Zarathustra ungeduldig in seinem Herzen und gedachte, wie er
abgewandten Blicks an dem schwarzen Manne vorberschlpfe: aber siehe, es kam
anders. Im gleichen Augenblicke nmlich hatte ihn schon der Sitzende erblickt;
und nicht unhnlich einem Solchen, dem ein unvermuthetes Glck zustsst, sprang
er auf und gieng auf Zarathustra los.
"Wer du auch bist, du Wandersmann, sprach er, hilf einem Verirrten, einem
Suchenden, einem alten Manne, der hier leicht zu Schaden kommt!
Diese Welt hier ist mir fremd und fern, auch hrte ich wilde Thiere heulen; und
Der, welcher mir htte Schutz bieten knnen, der ist selber nicht mehr.
Ich suchte den letzten frommen Menschen, einen Heiligen und Einsiedler, der
allein in seinem Walde noch Nichts davon gehrt hatte, was alle Welt heute
weiss."
"Was weiss heute alle Welt? fragte Zarathustra. Etwa diess, dass der alte Gott
nicht mehr lebt, an den alle Welt einst geglaubt hat?"
"Du sagst es, antwortete der alte Mann betrbt. Und ich diente diesem alten
Gotte bis zu seiner letzten Stunde.
Nun aber bin ich ausser Dienst, ohne Herrn, und doch nicht frei, auch keine
Stunde mehr lustig, es sei denn in Erinnerungen.
Dazu stieg ich in diese Berge, dass ich endlich wieder ein Fest mir machte, wie
es einem alten Papste und Kirchen-Vater zukommt: denn wisse, ich bin der letzte
Papst! - ein Fest frommer Erinnerungen und Gottesdienste.
Nun aber ist er selber todt, der frmmste Mensch, jener Heilige im Walde, der
seinen Gott bestndig mit Singen und Brummen lobte.
Ihn selber fand ich nicht mehr, als ich seine Htte fand, - wohl aber zwei Wlfe
darin, welche um seinen Tod heulten - denn alle Thiere liebten ihn. Da lief ich
davon.
Kam ich also umsonst in diese Wlder und Berge? Da entschloss sich mein Herz,
dass ich einen Anderen suchte, den Frmmsten aller Derer, die nicht an Gott
glauben -, dass ich Zarathustra suchte!"
Also sprach der Greis und blickte scharfen Auges Den an, welcher vor ihm stand;
Zarathustra aber ergriff die Hand des alten Papstes und betrachtete sie lange
mit Bewunderung.
"Siehe da, du Ehrwrdiger, sagte er dann, welche schne und lange Hand! Das ist
die Hand eines Solchen, der immer Segen ausgetheilt hat. Nun aber hlt sie Den
fest, welchen du suchst, mich, Zarathustra.
Ich bin's, der gottlose Zarathustra, der da spricht: wer ist gottloser als ich,
dass ich mich seiner Unterweisung freue?" -
Also sprach Zarathustra und durchbohrte mit seinen Blicken die Gedanken und
Hintergedanken des alten Papstes. Endlich begann dieser:
"Wer ihn am meisten liebte und besass, der hat ihn nun am meisten auch verloren
-:
- siehe, ich selber bin wohl von uns Beiden jetzt der Gottlosere? Aber wer
knnte daran sich freuen!" -
"Du dientest ihm bis zuletzt, fragte Zarathustra nachdenklich, nach einem
tiefen Schweigen, du weisst, wie er starb? Ist es wahr, was man spricht, dass
ihn das Mitleiden erwrgte,
- dass er es sah, wie der Mensch am Kreuze hieng, und es nicht ertrug, dass die
Liebe zum Menschen seine Hlle und zuletzt sein Tod wurde?" -
Der alte Papst aber antwortete nicht, sondern blickte scheu und mit einem
schmerzlichen und dsteren Ausdrucke zur Seite.
"Lass ihn fahren, sagte Zarathustra nach einem langen Nachdenken, indem er
immer noch dem alten Manne gerade in's Auge blickte.
Lass ihn fahren, er ist dahin. Und ob es dich auch ehrt, dass du diesem Todten
nur Gutes nachredest, so weisst du so gut als ich, wer er war; und dass er
wunderliche Wege gieng."
"Unter drei Augen gesprochen, sagte erheitert der alte Papst (denn er war auf
Einem Auge blind), in Dingen Gottes bin ich aufgeklrter als Zarathustra selber
- und darf es sein.
Meine Liebe diente ihm lange Jahre, mein Wille gierig allem seinen Willen nach.
Ein guter Diener aber weiss Alles, und Mancherlei auch, was sein Herr sich
selbst verbirgt.
Es war ein verborgener Gott, voller Heimlichkeit. Wahrlich zu einem Sohne sogar
kam er nicht anders als auf Schleichwegen. An der Thr seines Glaubens steht der
Ehebruch.
Wer ihn als einen Gott der Liebe preist, denkt nicht hoch genug von der Liebe
selber. Wollte dieser Gott nicht auch Richter sein? Aber der Liebende liebt
jenseits von Lohn und Vergeltung.
Als er jung war, dieser Gott aus dem Morgenlande, da war er hart und rachschtig
und erbaute sich eine Hlle zum Ergtzen seiner Lieblinge.
Endlich aber wurde er alt und weich und mrbe und mitleidig, einem Grossvater
hnlicher als einem Vater, am hnlichsten aber einer wackeligen alten
Grossmutter.
Da sass er, welk, in seinem Ofenwinkel, hrmte sich ob seiner schwachen Beine,
weltmde, willensmde, und erstickte eines Tags an seinem allzugrossen
Mitleiden." -
"Du alter Papst, sagte hier Zarathustra dazwischen, hast du Das mit Augen
angesehn? Es knnte wohl so abgegangen sein: so, und auch anders. Wenn Gtter
sterben, sterben sie immer viele Arten Todes.
Aber wohlan! So oder so, so und so - er ist dahin! Er gieng meinen Ohren und
Augen wider den Geschmack, Schlimmeres mchte ich ihm nicht nachsagen.
Ich liebe Alles, was hell blickt und redlich redet. Aber er - du weisst es ja,
du alter Priester, es war Etwas von deiner Art an ihm, von Priester-Art - er war
vieldeutig.
Er war auch undeutlich. Was hat er uns darob gezrnt, dieser Zornschnauber, dass
wir ihn schlecht verstanden Aber warum sprach er nicht reinlicher?
Und lag es an unsern Ohren, warum gab er uns Ohren, die ihn schlecht hrten? War
Schlamm in unsern Ohren, wohlan! wer legte ihn hinein?
Zu Vieles missrieth ihm, diesem Tpfer, der nicht ausgelernt hatte! Dass er aber
Rache an seinen Tpfen und Geschpfen nahm, dafr dass sie ihm schlecht
geriethen, - das war eine Snde wider den guten Geschmack.
Es giebt auch in der Frmmigkeit guten Geschmack: der sprach endlich "Fort mit
einem solchen Gotte! Lieber keinen Gott, lieber auf eigne Faust Schicksal
machen, lieber Narr sein, lieber selber Gott sein!"
- "Was hre ich! sprach hier der alte Papst mit gespitzten Ohren; oh
Zarathustra, du bist frmmer als du glaubst, mit einem solchen Unglauben! Irgend
ein Gott in dir bekehrte dich zu deiner Gottlosigkeit.
Ist es nicht deine Frmmigkeit selber, die dich nicht mehr an einen Gott glauben
lsst? Und deine bergrosse Redlichkeit wird dich auch noch jenseits von Gut und
Bse wegfuhren!
Siehe, doch, was blieb dir aufgespart? Du hast Augen und Hand und Mund, die sind
zum Segnen vorher bestimmt seit Ewigkeit. Man segnet nicht mit der Hand allein.
In deiner Nhe, ob du schon der Gottloseste sein willst, wittere ich einen
heimlichen Weih- und Wohlgeruch von langen Segnungen: mir wird wohl und wehe
dabei.
Lass mich deinen Gast sein, oh Zarathustra, fr eine einzige Nacht! Nirgends auf
Erden wird es mir jetzt wohler als bei dir!" -
"Amen! So soll es sein! sprach Zarathustra mit grosser Verwunderung, dort
hinauf fhrt der Weg, da liegt die Hhle Zarathustra's.
Gerne, frwahr, wrde ich dich selber dahin geleiten, du Ehrwrdiger, denn ich
liebe alle frommen Menschen. Aber jetzt ruft mich eilig ein Nothschrei weg von
dir.
In meinem Bereiche soll mir Niemand zu Schaden kommen; meine Hhle ist ein guter
Hafen. Und am liebsten mchte ich jedweden Traurigen wieder auf festes Land und
feste Beine stellen.
Wer aber nhme dir deine Schwermuth von der Schulter? Dazu bin ich zu schwach.
Lange, wahrlich, mchten wir warten, bis dir Einer deinen Gott wieder aufweckt.
Dieser alte Gott nmlich lebt nicht mehr: der ist grndlich todt." -
Also sprach Zarathustra.

Der hsslichste Mensch
- Und wieder liefen Zarathustra's Fsse durch Berge und Wlder, und seine Augen
suchten und suchten, aber nirgends war Der zu sehen, welchen sie sehn wollten,
der grosse Nothleidende und Nothschreiende. Auf dem ganzen Wege aber frohlockte
er in seinem Herzen und war dankbar. "Welche guten Dinge, sprach er, schenkte
mir doch dieser Tag, zum Entgelt, dass er schlimm begann! Welche seltsamen
Unterredner fand ich!
An deren Worten will ich lange nun kauen gleich als an guten Krnern; klein soll
mein Zahn sie mahlen und malmen, bis sie mir wie Milch in die Seele fliessen!"
-
Als aber der Weg wieder um einen Felsen bog, vernderte sich mit Einem Male die
Landschaft, und Zarathustra trat in ein Reich des Todes. Hier starrten schwarze
und rothe Klippen empor: kein Gras, kein Baum, keine Vogelstimme. Es war nmlich
ein Thal, welches alle Thiere mieden, auch die Raubthiere-, nur dass eine Art
hsslicher, dicker, grner Schlangen, wenn sie alt wurden, hierher kamen, um zu
sterben. Darum nannten diess Thal die Hirten: Schlangen-Tod.
Zarathustra aber versank in eine schwarze Erinnerung, denn ihm war, als habe er
schon ein Mal in diesem Thal gestanden. Und vieles Schwere legte sich ihm ber
den Sinn: also, dass er langsam gieng und immer langsamer und endlich still
stand. Da aber sahe er, als er die Augen aufthat, Etwas, das am Wege sass,
gestaltet wie ein Mensch und kaum wie ein Mensch, etwas Unaussprechliches. Und
mit Einem Schlage berfiel Zarathustra die grosse Scham darob, dass er so Etwas
mit den Augen angesehn habe: errthend bis hinauf an sein weisses Haar, wandte
er den Blick ab und hob den Fuss, dass er diese schlimme Stelle verlasse. Da
aber wurde die todte de laut: vom Boden auf nmlich quoll es gurgelnd und
rchelnd, wie Wasser Nachts durch verstopfte Wasser-Rhren gurgelt und rchelt;
und zuletzt wurde daraus eine Menschen-Stimme und Menschen-Rede: - die lautete
also.
"Zarathustra! Zarathustra! Rathe mein Rthsel! Sprich, sprich! Was ist die
Rache am Zeugen?
Ich locke dich zurck, hier ist glattes Eis! Sieh zu, sieh zu, ob dein Stolz
sich hier nicht die Beine bricht!
Du dnkst dich weise, du stolzer Zarathustra! So rathe doch das Rthsel, du
harter Nsseknacker, - das Rthsel, das ich bin! So sprich doch - wer bin ich!
"
- Als aber Zarathustra diese Worte gehrt hatte, - was glaubt ihr wohl, dass
sich da mit seiner Seele zutrug? Das Mitleiden fiel ihn an; und er sank mit
Einem Male nieder, wie ein Eichbaum, der lange vielen Holzschlgern widerstanden
hat, - schwer, pltzlich, zum Schrecken selber fr Die, welche ihn fllen
wollten. Aber schon stand er wieder vom Boden auf, und sein Antlitz wurde hart.
"Ich erkenne dich wohl, sprach er mit einer erzenen Stimme: du bist der Mrder
Gottes! Lass mich gehn.
Du ertrugst Den nicht, der dich sah, - der dich immer und durch und durch sah,
du hsslichster Mensch! Du nahmst Rache an diesem Zeugen!"
Also sprach Zarathustra und wollte davon; aber der Unaussprechliche fasste nach
einem Zipfel seines Gewandes und begann von Neuem zu gurgeln und nach Worten zu
suchen. "Bleib!" sagte er endlich -
- bleib! Geh nicht vorber! Ich errieth, welche Axt dich zu Boden schlug: Heil
dir, oh Zarathustra, dass du wieder stehst!
Du erriethest, ich weiss es gut, wie Dem zu Muthe ist, der ihn tdtete, - dem
Mrder Gottes. Bleib! Setze dich her zu mir, es ist nicht umsonst.
Zu wem wollte ich, wenn nicht zu dir? Bleib, setze dich! Blicke mich aber nicht
an! Ehre also - meine Hsslichkeit!
Sie verfolgen mich: nun bist du meine letzte Zuflucht. Nicht mit ihrem Hasse,
nicht mit ihren Hschern: - oh solcher Verfolgung wrde ich spotten und stolz
und froh sein!
War nicht aller Erfolg bisher bei den Gut-Verfolgten? Und wer gut verfolgt,
lernt leicht folgen: - ist er doch einmal - hinterher! Aber ihr Mitleid ist's -
- ihr Mitleid ist's, vor dem ich flchte und dir zuflchte. Oh Zarathustra,
schtze mich, du meine letzte Zuflucht, du Einziger, der mich errieth:
- du erriethest, wie Dem zu Muthe ist, welcher ihn tdtete. Bleib! Und willst du
gehn, du Ungeduldiger: geh nicht den Weg, den ich kam. Der Weg ist schlecht.
Zrnst du mir, dass ich zu lange schon rede-rade-breche? Dass ich schon dir
rathe? Aber wisse, ich bin's, der hsslichste Mensch,
- der auch die grssten schwersten Fsse hat. Wo ich gieng, ist der Weg
schlecht. Ich trete alle Wege todt und zu Schanden.
Dass du aber an mir vorbergiengst, schweigend; dass du errthetest, ich sah es
wohl: daran erkannte ich dich als Zarathustra.
Jedweder Andere htte mir sein Almosen zugeworfen, sein Mitleiden, mit Blick und
Rede. Aber dazu - bin ich nicht Bettler genug, das erriethest du -
- dazu bin ich zu reich , reich an Grossem, an Furchtbarem, am Hsslichsten, am
Unaussprechlichsten! Deine Scham, oh Zarathustra, ehrte mich!
Mit Noth kam ich heraus aus dem Gedrng der Mitleidigen, - dass ich den Einzigen
fnde, der heute lehrt "Mitleiden ist zudringlich" - dich, oh Zarathustra!
- sei es eines Gottes, sei es der Menschen Mitleiden: Mitleiden geht gegen die
Scham. Und nicht-helfen-wollen kann vornehmer sein als jene Tugend, die
zuspringt.
Das aber heisst heute Tugend selber bei allen kleinen Leuten, das Mitleiden: -
die haben keine Ehrfurcht vor grossem Unglck, vor grosser Hsslichkeit, vor
grossem Missrathen.
ber diese Alle blicke ich hinweg, wie ein Hund ber die Rcken wimmelnder
Schafheerden wegblickt. Es sind kleine wohlwollige wohlwillige graue Leute.
Wie ein Reiher verachtend ber flache Teiche wegblickt, mit zurckgelegtem
Kopfe: so blicke ich ber das Gewimmel grauer kleiner Wellen und Willen und
Seelen weg.
Zu lange hat man ihnen Recht gegeben, diesen kleinen Leuten: so gab man ihnen
endlich auch die Macht - nun lehren sie: "gut ist nur, was kleine Leute gut
heissen."
Und "Wahrheit" heisst heute, was der Prediger sprach, der selber aus ihnen
herkam, jener wunderliche Heilige und Frsprecher der kleinen Leute, welcher von
sich zeugte "ich - bin die Wahrheit."
Dieser Unbescheidne macht nun lange schon den kleinen Leuten den Kamm hoch
schwellen - er, der keinen kleinen Irrthum lehrte, als er lehrte "ich - bin die
Wahrheit."
Ward einem Unbescheidnen jemals hflicher geantwortet? - Du aber, oh
Zarathustra, giengst an ihm vorber und sprachst: "Nein! Nein! Drei Mal Nein!"
Du warntest vor seinem Irrthum, du warntest als der Erste vor dem Mitleiden -
nicht Alle, nicht Keinen, sondern dich und deine Art.
Du schmst dich an der Scham des grossen Leidenden; und wahrlich, wenn du
sprichst "von dem Mitleiden her kommt eine grosse Wolke, habt Acht, ihr
Menschen!"
- wenn du lehrst "alle Schaffenden sind hart, alle grosse Liebe ist ber ihrem
Mitleiden": oh Zarathustra, wie gut dnkst du mich eingelernt auf
Wetter-Zeichen!
Du selber aber - warne dich selber auch vor deinem Mitleiden! Denn Viele sind zu
dir unterwegs, viele Leidende, Zweifelnde, Verzweifelnde, Ertrinkende, Frierende
Ich warne dich auch vor mir. Du erriethest mein bestes, schlimmstes Rthsel,
mich selber und was ich that. Ich kenne die Axt, die dich fllt.
Aber er - musste sterben: er sah mit Augen, welche Alles sahn, - er sah des
Menschen Tiefen und Grnde, alle seine verhehlte Schmach und Hsslichkeit.
Sein Mitleiden kannte keine Scham: er kroch in meine schmutzigsten Winkel.
Dieser Neugierigste, ber-Zudringliche, ber-Mitleidige musste sterben.
Er sah immer mich: an einem solchen Zeugen wollte ich Rache haben - oder selber
nicht leben.
Der Gott, der Alles sah, auch den Menschen dieser Gott musste sterben! Der
Mensch ertrgt es nicht, dass solch ein Zeuge lebt."
Also, sprach der hsslichste Mensch. Zarathustra aber erhob sich und schickte
sich an fortzugehn: denn ihn frstelte bis in seine Eingeweide.
"Du Unaussprechlicher, sagte er, du warntest mich vor deinem Wege. Zum Danke
dafr lobe ich dir den meinen. Siehe, dort hinauf liegt die Hhle Zarathustra's.
Meine Hhle ist gross und tief und hat viele Winkel; da findet der Versteckteste
sein Versteck. Und dicht bei ihr sind hundert Schlpfe und Schliche fr
kriechendes, flatterndes und springendes Gethier.
Du Ausgestossener, der du dich selber ausstiessest, du willst nicht unter
Menschen und Menschen-Mitleid wohnen? Wohlan, so thu's mir gleich! So lernst du
auch von mir; nur der Thter lernt.
Und rede zuerst und -nchst mit meinen Thieren! Das stolzeste Thier und das
klgste Thier - die mchten uns Beiden wohl die rechten Rathgeber sein!" -
Also sprach Zarathustra und gieng seiner Wege, nachdenklicher und langsamer noch
als zuvor: denn er fragte sich Vieles und wusste sich nicht leicht zu antworten.
"Wie arm ist doch der Mensch! dachte er in seinem Herzen, wie hsslich, wie
rchelnd, wie voll verborgener Scham!
Man sagt mir, dass der Mensch sich selber liebe: ach, wie gross muss diese
Selber-Liebe sein! Wie viel Verachtung hat sie wider sich!
Auch dieser da liebte sich, wie er sich verachtete, - ein grosser Liebender ist
er mir und ein grosser Verchter.
Keinen fand ich noch, der sich tiefer verachtet htte: auch Das ist Hhe. Wehe,
war Der vielleicht der hhere Mensch, dessen Schrei ich hrte?
Ich liebe die grossen Verachtenden. Der Mensch aber ist Etwas, das berwunden
werden muss." -

Der freiwillige Bettler
Als Zarathustra den hsslichsten Menschen verlassen hatte, fror ihn, und er
fhlte sich einsam: es gieng ihm nmlich vieles Kalte und Einsame durch die
Sinne, also, dass darob auch seine Glieder klter wurden. Indem er aber weiter
und weiter stieg, hinauf, hinab, bald an grnen Weiden vorbei, aber auch ber
wilde steinichte Lager, wo ehedem wohl ein ungeduldiger Bach sich zu Bett gelegt
hatte.- da wurde ihm mit Einem Male wieder wrmer und herzlicher zu Sinne.
"Was geschah mir doch? fragte er sich, etwas Warmes und Lebendiges erquickt
mich, das muss in meiner Nhe sein.
Schon bin ich weniger allein; unbewusste Gefhrten und Brder schweifen um mich,
ihr warmer Athem rhrt an meine Seele."
Als er aber um sich sphete und nach den Trstern seiner Einsamkeit suchte:
siehe, da waren es Khe, welche auf einer Anhhe bei einander standen; deren
Nhe und Geruch hatten sein Herz erwrmt. Diese Khe aber schienen mit Eifer
einem Redenden zuzuhren und gaben nicht auf Den Acht, der herankam. Wie aber
Zarathustra ganz in ihrer Nhe war, hrte er deutlich, dass eine Menschen-Stimme
aus der Mitte der Khe heraus redete; und ersichtlich hatten sie allesammt ihre
Kpfe dem Redenden zugedreht.
Da sprang Zarathustra mit Eifer hinauf und drngte die Thiere auseinander, denn
er frchtete, dass hier jemandem ein Leids geschehn sei, welchem schwerlich das
Mitleid von Khen abhelfen mochte. Aber darin hatte er sich getuscht; denn
siehe, da sass ein Mensch auf der Erde und schien den Thieren zuzureden, dass
sie keine Scheu vor ihm haben sollten, ein friedfertiger Mensch und
Berg-Prediger, aus dessen Augen die Gte selber predigte. "Was suchst du
hier?" rief Zarathustra mit Befremden.
"Was ich hier suche? antwortete er: das Selbe, was du suchst, du Strenfried!
nmlich das Glck auf Erden.
Dazu aber mchte ich von diesen Khen lernen. Denn, weisst du wohl, einen halben
Morgen schon rede ich ihnen zu, und eben wollten sie mir Bescheid geben. Warum
doch strst du sie?
So wir nicht umkehren und werden wie die Khe, so kommen wir nicht in das
Himmelreich. Wir sollten ihnen nmlich Eins ablernen: das Wiederkuen.
Und wahrlich, wenn der Mensch auch die ganze Welt gewnne und lernte das Eine
nicht, das Wiederkuen: was hlfe es! Er wrde nicht seine Trbsal los
- seine grosse Trbsal: die aber heisst heute Ekel. Wer hat heute von Ekel nicht
Herz, Mund und Augen voll? Auch du! Auch du! Aber siehe doch diese Khe an!" -
Also sprach der Berg-Prediger und wandte dann seinen eignen Blick Zarathustra
zu, - denn bisher hieng er mit Liebe an den Khen -: da aber verwandelte er
sich. "Wer ist das, mit dem ich rede? rief er erschreckt und sprang vom Boden
empor.
Diess ist der Mensch ohne Ekel, diess ist Zarathustra selber, der berwinder des
grossen Ekels, diess ist das Auge, diess ist der Mund, diess ist das Herz
Zarathustra's selber."
Und indem er also sprach, ksste er Dem, zu welchem er redete, die Hnde, mit
berstrmenden Augen, und gebrdete sich ganz als Einer, dem ein kostbares
Geschenk und Kleinod unversehens vom Himmel fllt. Die Khe aber schauten dem
Allen zu und wunderten sich.
"Sprich nicht von mir, du Wunderlicher! Lieblicher! sagte Zarathustra und
wehrte seiner Zrtlichkeit, sprich mir erst von dir! Bist du nicht der
freiwillige Bettler, der einst einen grossen Reichthum von sich warf, -
- der sich seines Reichthums schmte und der Reichen, und zu den rmsten floh,
dass er ihnen seine Flle und sein Herz schenke? Aber sie nahmen ihn nicht an."
"Aber sie nahmen mich nicht an, sagte der freiwillige Bettler, du weisst es ja.
So gieng ich endlich zu den Thieren und zu diesen Khen."
"Da lerntest du, unterbrach Zarathustra den Redenden, wie es schwerer ist,
recht geben als recht nehmen, und dass gut schenken eine Kunst ist und die
letzte listigste Meister-Kunst der Gte."
"Sonderlich heutzutage, antwortete der freiwillige Bettler: heute nmlich, wo
alles Niedrige aufstndisch ward und scheu und auf seine Art hoffhrtig: nmlich
auf Pbel-Art.
Denn es kam die Stunde, du weisst es ja, fr den grossen schlimmen langen
langsamen Pbel- und Sklaven-Aufstand: der wchst und wchst!
Nun emprt die Niedrigen alles Wohlthun und kleine Weggeben; und die berreichen
mgen auf der Hut sein!
Wer heute gleich bauchichten Flaschen trpfelt aus allzuschmalen Hlsen: -
solchen Flaschen bricht man heute gern den Hals.
Lsterne Gier, gallichter Neid, vergrmte Rachsucht, Pbel-Stolz: das sprang mir
Alles in's Gesicht. Es ist nicht mehr wahr, dass die Armen selig sind. Das
Himmelreich aber ist bei den Khen."
Und warum ist es nicht bei den Reichen? fragte Zarathustra versuchend, whrend
er den Khen wehrte, die den Friedfertigen zutraulich anschnauften.
"Was versuchst du mich? antwortete dieser. Du weisst es selber besser noch als
ich. Was trieb mich doch zu den rmsten, oh Zarathustra? War es nicht der Ekel
vor unsern Reichsten?
- vor den Strflingen des Reichthums, welche sich ihren Vortheil aus jedem
Kehricht auflesen, mit kalten Augen, geilen Gedanken, vor diesem Gesindel, das
gen Himmel stinkt,
- vor diesem vergldeten verflschten Pbel, dessen Vter Langfinger oder
Aasvgel oder Lumpensammler waren, mit Weibern willfhrig, lstern, vergesslich:
- sie haben's nmlich alle nicht weit zur Hure -
Pbel oben, Pbel unten! Was ist heute noch "Arm" und "Reich"! Diesen
Unterschied verlernte ich, - da floh ich davon, weiter, immer weiter, bis ich zu
diesen Khen kam."
Also sprach der Friedfertige und schnaufte selber und schwitzte bei seinen
Worten: also dass die Khe sich von Neuem wunderten. Zarathustra aber sah ihm
immer mit Lcheln in's Gesicht, als er so hart redete, und schttelte dazu
schweigend den Kopf.
"Du thust dir Gewalt an, du Berg-Prediger, wenn du solche harte Worte brauchst.
Fr solche Hrte wuchs dir nicht der Mund, nicht das Auge.
Auch, wie mich dnkt, dein Magen selber nicht: dem widersteht all solches Zrnen
und Hassen und berschumen. Dein Magen will sanftere Dinge: du bist kein
Fleischer.
Vielmehr dnkst du mich ein Pflanzler und Wurzelmann. Vielleicht malmst du
Krner. Sicherlich aber bist du fleischlichen Freuden abhold und liebst den
Honig."
"Du erriethst mich gut, antwortete der freiwillige Bettler, mit erleichtertem
Herzen. Ich liebe den Honig, ich malme auch Krner, denn ich suchte, was
lieblich mundet und reinen Athem macht:
- auch was lange Zeit braucht, ein Tag- und Maul-Werk fr sanfte Mssiggnger
und Tagediebe.
Am weitesten freilich brachten es diese Khe: die erfanden sich das Wiederkuen
und In-der-Sonne-Liegen. Auch enthalten sie sich aller schweren Gedanken, welche
das Herz blhn."
- Wohlan! sagte Zarathustra: du solltest auch meine Thiere sehn, meinen Adler
und meine Schlange, - ihres Gleichen giebt es heute nicht auf Erden.
Siehe, dorthin fhrt der Weg zu meiner Hhle: sei diese Nacht ihr Gast. Und rede
mit meinen Thieren vom Glck der Thiere, -
- bis ich selber heimkomme. Denn jetzt ruft ein Nothschrei Mich eilig weg von
dir. Auch findest du neuen Honig bei mir, eisfrischen Waben-Goldhonig: den iss!
Jetzt aber nimm flugs Abschied von deinen Khen, du Wunderlicher! Lieblicher! ob
es dir schon schwer werden mag. Denn es sind deine wrmsten Freunde und
Lehrmeister!" -
"- Einen ausgenommen, den ich noch lieber habe, antwortete der freiwillige
Bettler. Du selber bist gut und besser noch als eine Kuh, oh Zarathustra!"
"Fort, fort mit dir! du arger Schmeichler! schrie Zarathustra mit Bosheit, was
verdirbst du mich mit solchem Lob und Schmeichel-Honig?"
"Fort, fort von mir!" schrie er noch Ein Mal und schwang seinen Stock nach dem
zrtlichen Bettler: der aber lief hurtig davon.

Der Schatten
Kaum aber war der freiwillige Bettler davongelaufen und Zarathustra wieder mit
sich allein, da hrte er hinter sich eine neue Stimme: die rief "Halt!
Zarathustra! So warte doch! Ich bin's ja, oh Zarathustra, ich, dein Schatten!"
Aber Zarathustra wartete nicht, denn ein pltzlicher Verdruss berkam ihn ob des
vielen Zudrangs und Gedrngs in seinen Bergen. "Wo ist meine Einsamkeit hin?
sprach er.
Es wird mir wahrlich zu viel; diess Gebirge wimmelt, mein Reich ist nicht mehr
von dieser Welt, ich brauche neue Berge.
Mein Schatten ruft mich? Was liegt an meinem Schatten! Mag er mir nachlaufen!
ich - laufe ihm davon. -
Also sprach Zarathustra zu seinem Herzen und lief davon. Aber Der, welcher
hinter ihm war, folgte ihm nach: so dass alsbald drei Laufende hinter einander
her waren, nmlich voran der freiwillige Bettler, dann Zarathustra und zudritt
und -hinterst sein Schatten. Nicht lange liefen sie so, da kam Zarathustra zur
Besinnung ber seine Thorheit und schttelte mit Einem Rucke allen Verdruss und
berdruss von sich.
"Wie! sprach er, geschahen nicht von je die lcherlichsten Dinge bei uns alten
Einsiedlern und Heiligen?
Wahrlich, meine Thorheit wuchs hoch in den Bergen! Nun hre ich sechs alte
Narren-Beine hinter einander her klappern!
Darf aber Zarathustra sich wohl vor einem Schatten frchten? Auch dnkt mich zu
guterletzt, dass er lngere Beine hat als ich."
Also sprach Zarathustra, lachend mit Augen und Eingeweiden, blieb stehen und
drehte sich schnell herum - und siehe, fast warf er dabei seinen Nachfolger und
Schatten zu Boden: so dicht schon folgte ihm derselbe auf den Fersen, und so
schwach war er auch. Als er ihn nmlich mit Augen prfte, erschrak er wie vor
einem pltzlichen Gespenste: so dnn, schwrzlich, hohl und berlebt sah dieser
Nachfolger aus.
"Wer bist du? fragte Zarathustra heftig, was treibst du hier? Und wesshalb
heissest du dich meinen Schatten? Du gefllst mir nicht."
"Vergieb mir, antwortete der Schatten, dass ich's bin; und wenn ich dir nicht
gefalle, wohlan, oh Zarathustra! darin lobe ich dich und deinen guten Geschmack.
Ein Wanderer bin ich, der viel schon hinter deinen Fersen her gieng: immer
unterwegs, aber ohne Ziel, auch ohne Heim: also dass mir wahrlich wenig zum
ewigen Juden fehlt, es sei denn, dass ich nicht ewig, und auch nicht Jude bin.
Wie? Muss ich immerdar unterwegs sein? Von jedem Winde gewirbelt, unstt,
fortgetrieben? Oh Erde, du wardst mir zu rund!
Auf jeder Oberflche sass ich schon, gleich mdem Staube schlief ich ein auf
Spiegeln und Fensterscheiben: Alles nimmt von mir, Nichts giebt, ich werde dnn,
- fast gleiche ich einem Schatten.
Dir aber, oh Zarathustra, flog und zog ich am lngsten nach, und, verbarg ich
mich schon vor dir, so war ich doch dein bester Schatten: wo du nur gesessen
hast, sass ich auch.
Mit dir bin ich in fernsten, kltesten Welten umgegangen, einem Gespenste
gleich, das freiwillig ber Winterdcher und Schnee luft.
Mit dir strebte ich in jedes Verbotene, Schlimmste, Fernste: und wenn irgend
Etwas an mir Tugend ist, so ist es, dass ich vor keinem Verbote Furcht hatte.
Mit dir zerbrach ich, was je mein Herz verehrte, alle Grenzsteine und Bilder
warf ich um, den gefhrlichsten Wnschen lief ich nach, - wahrlich, ber
jedwedes Verbrechen lief ich einmal hinweg.
Mit dir verlernte ich den Glauben an Worte und Werthe und grosse Namen. Wenn der
Teufel sich hutet, fllt da nicht auch sein Name ab? der ist nmlich auch Haut.
Der Teufel selber ist vielleicht - Haut.
"Nichts ist wahr, Alles ist erlaubt": so sprach ich mir zu. In die kltesten
Wasser strzte ich mich, mit Kopf und Herzen. Ach, wie oft stand ich darob nackt
als rother Krebs da!
Ach, wohin kam mir alles Gute und alle Scham und aller Glaube an die Guten! Ach,
wohin ist jene verlogne Unschuld, die ich einst besass, die Unschuld der Guten
und ihrer edlen Lgen!
Zu oft, wahrlich, folgte ich der Wahrheit dicht auf dem Fusse: da trat sie mir
vor den Kopf. Manchmal meinte ich zu lgen, und siehe! da erst traf ich - die
Wahrheit.
Zu Viel klrte sich mir auf: nun geht es mich Nichts mehr an. Nichts lebt mehr,
das ich liebe, - wie sollte ich noch mich selber lieben?
"Leben, wie ich Lust habe, oder gar nicht leben": so will ich's, so will's
auch der Heiligste. Aber, wehe! wie habe ich noch - Lust?
Habe ich - noch ein Ziel? Einen Hafen, nach dem mein Segel luft?
Einen guten Wind? Ach, nur wer weiss, wohin er fhrt, weiss auch, welcher Wind
gut und sein Fahrwind ist.
Was blieb mir noch zurck? Ein Herz mde und frech; ein unstter Wille;
Flatter-Flgel; ein zerbrochnes Rckgrat.
Diess Suchen nach meinem Heim: oh Zarathustra, weisst du wohl, diess Suchen war
meine Heimsuchung, es frisst mich auf.
"Wo ist - mein Heim?" Darnach frage und suche und suchte ich, das fand ich
nicht. Oh ewiges berall, oh ewiges Nirgendwo, oh ewiges - Umsonst!"
Also sprach der Schatten, und Zarathustra's Gesicht verlngerte sich bei seinen
Worten. "Du bist mein Schatten! sagte er endlich, mit Traurigkeit.
Deine Gefahr ist keine kleine, du freier Geist und Wanderer! Du hast einen
schlimmen Tag gehabt: sieh zu, dass dir nicht noch ein schlimmerer Abend kommt!
Solchen Unstten, wie du, dnkt zuletzt auch ein Gefngniss selig. Sahst du je,
wie eingefangne Verbrecher schlafen? Sie schlafen ruhig, sie gemessen ihre neue
Sicherheit.
Hte dich, dass dich nicht am Ende noch ein enger Glaube einfngt, ein harter,
strenger Wahn! Dich nmlich verfhrt und versucht nunmehr Jegliches, das eng und
fest ist.
Du hast das Ziel verloren: wehe, wie wirst du diesen Verlust verscherzen und
verschmerzen? Damit - hast du auch den Weg verloren!
Du armer Schweifender, Schwrmender, du mder Schmetterling! willst du diesen
Abend eine Rast und Heimsttte haben? So gehe hinauf zu meiner Hhle!
Dorthin fhrt der Weg zu meiner Hhle. Und jetzo will ich Schnell wieder von dir
davonlaufen. Schon liegt es wie ein Schatten auf mir.
Ich will allein laufen, dass es wieder hell um mich werde. Dazu muss ich noch
lange lustig auf den Beinen sein. Des Abends aber wird bei mir - getanzt!" -
Also sprach Zarathustra.

Mittags
- Und Zarathustra lief und lief und fand Niemanden mehr und war allein und fand
immer wieder sich und genoss und schlrfte seine Einsamkeit und dachte an gute
Dinge, - stundenlang. Um die Stunde des Mittags aber, als die Sonne gerade ber
Zarathustra's Haupte stand, kam er an einem alten krummen und knorrichten Baume
vorbei, der von der reichen Liebe eines Weinstocks rings umarmt und vor sich
selber verborgen war: von dem hiengen gelbe Trauben in Flle dem Wandernden
entgegen. Da gelstete ihn, einen kleinen Durst zu lschen und sich eine Traube
abzubrechen; als er aber schon den Arm dazu ausstreckte, da gelstete ihn etwas
Anderes noch mehr: nmlich sich neben den Baum niederzulegen, um die Stunde des
vollkommnen Mittags, und zu schlafen.
Diess that Zarathustra; und sobald er auf dem Boden lag, in der Stille und
Heimlichkeit des bunten Grases, hatte er auch schon seinen kleinen Durst
vergessen und schlief ein. Denn, wie das Sprichwort Zarathustra's sagt: Eins ist
nothwendiger als das Andre. Nur dass seine Augen offen blieben: - sie wurden
nmlich nicht satt, den Baum und die Liebe des Weinstocks zu sehn und zu
preisen. Im Einschlafen aber sprach Zarathustra also zu seinem Herzen:
Still! Still! Ward die Welt nicht eben vollkommen? Was geschieht mir doch?
Wie ein zierlicher Wind, ungesehn, auf getfeltem Meere tanzt, leicht,
federleicht: so - tanzt der Schlaf auf mir,
Kein Auge drckt er mir zu, die Seele lsst er mir wach. Leicht ist er,
wahrlich! federleicht.
Er berredet mich, ich weiss nicht wie?, er betupft mich innewendig mit
schmeichelnder Hand, er zwingt mich. Ja, er zwingt mich, dass meine Seele sich
ausstreckt: -
- wie sie mir lang und mde wird, meine wunderliche Seele! Kam ihr eines
siebenten Tages Abend gerade am Mittage? Wandelte sie zu lange schon selig
zwischen guten und reifen Dingen?
Sie streckt sich lang aus, lang, - lnger! sie liegt stille, meine wunderliche
Seele. Zu viel Gutes hat sie schon geschmeckt, diese. goldene Traurigkeit drckt
sie, sie verzieht den Mund.
- Wie ein Schiff, das in seine stillste Bucht einlief: - nun lehnt es sich an
die Erde, der langen Reisen mde und der ungewissen Meere. Ist die Erde nicht
treuer?
Wie solch ein Schiff sich dem Lande anlegt, anschmiegt: - da gengt's, dass eine
Spinne vom Lande her zu ihm ihren Faden spinnt. Keiner strkeren Taue bedarf es
da.
Wie solch ein mdes Schiff in der stillsten Bucht: so ruhe auch ich nun der Erde
nahe, treu, zutrauend, wartend, mit den leisesten Fden ihr angebunden.
Oh Glck! Oh Glck! Willst du wohl singen, oh meine Seele? Du liegst im Grase.
Aber das ist die heimliche feierliche Stunde, wo kein Hirt seine Flte blst.
Scheue dich! Heisser Mittag schlft auf den Fluren. Singe. nicht! Still! Die
Welt ist vollkommen.
Singe nicht, du Gras-Geflgel, oh meine Seele! Flstere nicht einmal! Sieh doch
- still! der alte Mittag schlft, er bewegt den Mund: trinkt er nicht eben einen
Tropfen Glcks -
- einen alten braunen Tropfen goldenen Glcks, goldenen Weins? Es huscht ber
ihn hin, sein Glck lacht. So - lacht ein Gott. Still! -
- "Zum Glck, wie wenig gengt schon zum Glcke!" So sprach ich einst, und
dnkte mich klug. Aber es war eine Lsterung: das lernte ich nun. Kluge Narrn
reden besser.
Das Wenigste gerade, das Leiseste, Leichteste, einer Eidechse Rascheln, ein
Hauch, ein Husch, ein Augen-Blidk - Wenig macht die Art des besten Glcks.
Still!
- Was geschah mir: Horch! Flog die Zeit wohl davon? Falle ich nicht? Fiel ich
nicht - horch! in den Brunnen der Ewigkeit?
- Was geschieht mir? Still! Es sticht mich - wehe - in's Herz? In's Herz! Oh
zerbrich, zerbrich, Herz, nach solchem Glcke, nach solchem Stiche!
- Wie? Ward die Welt nicht eben vollkommen? Rund und reif? Oh des goldenen
runden Reifs - wohin fliegt er wohl? Laufe ich ihm nach! Husch!
Still - (und hier dehnte sich Zarathustra und fhlte, dass er schlafe.) -
Auf! sprach er zu sich selber, du Schlfer! Du Mittagsschlfer! Wohlan, wohlauf,
ihr alten Beine! Zeit ist's und berzeit, manch gut Stck Wegs blieb euch noch
zurck -
Nun schlieft ihr euch aus, wie lange doch? Eine halbe Ewigkeit! Wohlan, wohlauf
nun, mein altes Herz! Wie lange erst darfst du nach solchem Schlaf - dich
auswachen?
(Aber da schlief er schon von Neuem ein, und seine Seele sprach gegen ihn und
wehrte sich und legte sich wieder hin) - "Lass mich doch! Still! Ward nicht die
Welt eben vollkommen? Oh des goldnen runden Balls!" -
"Steh auf, sprach Zarathustra, du kleine Diebin, du Tagediebin! Wie? Immer noch
sich strecken, ghnen, seufzen, hinunterfallen in tiefe Brunnen?
Wer bist du doch! Oh meine Seele!" (und hier erschrak er, denn ein Sonnenstrahl
fiel vom Himmel herunter auf sein Gesicht)
"Oh Himmel ber mir, sprach er seufzend und setzte sich aufrecht, du schaust
mir zu? Du horchst meiner wunderlichen Seele zu?
Wann trinkst du diesen Tropfen Thau's, der auf alle Erden-Dinge niederfiel, -
wann trinkst du diese wunderliche Seele -
- wann, Brunnen der Ewigkeit! du heiterer schauerlicher Mittags-Abgrund! wann
trinkst du meine Seele in dich zurck?"
Also sprach Zarathustra und erhob sich von seinem Lager am Baume wie aus einer
fremden Trunkenheit: und siehe, da stand die Sonne immer noch gerade ber seinem
Haupte. Es mchte aber Einer daraus mit Recht abnehmen, dass Zarathustra damals
nicht lange geschlafen habe.

Die Begrssung
Am spten Nachmittage war es erst, dass Zarathustra, nach langem umsonstigen
Suchen und Umherstreifen, wieder zu seiner Hhle heimkam. Als er aber derselben
gegenberstand, nicht zwanzig Schritt mehr von ihr ferne, da geschah das, was er
jetzt am wenigsten erwartete: von Neuem hrte er den grossen Nothschrei. Und,
erstaunlich! diess Mal kam derselbige aus seiner eignen Hhle. Es war aber ein
langer vielfltiger seltsamer Schrei, und Zarathustra unterschied deutlich, dass
er sich aus vielen Stimmen zusammensetze: mochte er schon, aus der Ferne gehrt,
gleich dem Schrei aus einem einzigen Munde klingen.
Da sprang Zarathustra auf seine Hhle zu, und siehe! welches Schauspiel
erwartete ihn erst nach diesem Hrspiele! Denn da sassen sie allesammt bei
einander, an denen er des Tags vorbergegangen war: der Knig zur Rechten und
der Knig zur Linken, der alte Zauberer, der Papst, der freiwillige Bettler, der
Schatten, der Gewissenhafte des Geistes, der traurige Wahrsager und der Esel;
der hsslichste Mensch aber hatte sich eine Krone aufgesetzt und zwei
Purpurgrtel umgeschlungen, - denn er liebte es, gleich allen Hsslichen, sich
zu verkleiden und schn zu thun. Inmitten aber dieser betrbten Gesellschaft
stand der Adler Zarathustra's, gestrubt und unruhig, denn er sollte auf zu
Vieles antworten, wofr sein Stolz keine Antwort hatte; die kluge Schlange aber
hieng um seinen Hals.
Diess Alles schaute Zarathustra mit grosser Verwunderung; dann prfte er jeden
Einzelnen seiner Gste mit leutseliger Neugierde, las ihre Seelen ab und
wunderte sich von Neuem. Inzwischen hatten sich die Versammelten von ihren
Sitzen erhoben und warteten mit Ehrfurcht, dass Zarathustra reden werde.
Zarathustra aber sprach also:
"Ihr Verzweifelnden! Ihr Wunderlichen! Ich hrte also euren Nothschrei? Und nun
weiss ich auch, wo Der zu suchen ist, den ich umsonst heute suchte: der hhere
Mensch - :
- in meiner eignen Hhle sitzt er, der hhere Mensch! Aber was wundere ich mich!
Habe ich ihn nicht selber zu mir gelockt durch Honig-Opfer und listige Lockrufe
meines Glcks?
Doch dnkt mir, ihr taugt euch schlecht zur Gesellschaft, ihr macht einander das
Herz unwirsch, ihr Nothschreienden, wenn ihr hier beisammen sitzt? Es muss erst
Einer kommen,
- Einer, der euch wieder lachen macht, ein guter frhlicher Hanswurst, ein
Tnzer und Wind und Wildfang, irgend ein alter Narr: - was dnket euch?
Vergebt mir doch, ihr Verzweifelnden, dass ich vor euch mit solch kleinen Worten
rede, unwrdig, wahrlich!, solcher Gste! Aber ihr errathet nicht, was mein Herz
muthwillig macht: -
- ihr selber thut es und euer Anblick, vergebt es mir! Jeder nmlich wird
muthig, der einem Verzweifelnden zuschaut. Einem Verzweifelnden zuzusprechen -
dazu dnkt sich jeder stark genug.
Mir selber gabt ihr diese Kraft, - eine gute Gabe, meine hohen Gste! Ein
rechtschaffnes Gastgeschenk! Wohlan, so zrnt nun nicht, dass ich euch auch vom
Meinigen anbiete.
Diess hier ist mein Reich und meine Herrschaft: was aber mein ist, fr diesen
Abend und diese Nacht soll es euer sein. Meine Thiere sollen euch dienen: meine
Hhle sei eure Ruhestatt!
Bei mir zu Heim-und-Hause soll Keiner verzweifeln, in meinem Reviere schtze ich
jeden vor seinen wilden Thieren. Und das ist das Erste, was ich euch anbiete:
Sicherheit!
Das Zweite aber ist: mein kleiner Finger. Und habt ihr den erst, so nehmt nur
noch die ganze Hand, wohlan! und das Herz dazu! Willkommen hier, willkommen,
meine Gastfreunde!"
Also sprach Zarathustra und lachte vor Liebe und Bosheit. Nach dieser Begrssung
verneigten sich seine Gste abermals und schwiegen ehrfrchtig; der Knig zur
Rechten aber antwortete ihm in ihrem Namen.
"Daran, oh Zarathustra, wie du uns Hand und Gruss botest, erkennen wir dich als
Zarathustra. Du erniedrigtest dich vor uns; fast thatest du unserer Ehrfurcht
wehe -:
- wer aber vermochte gleich dir sich mit solchem Stolze zu erniedrigen? Das
richtet uns selber auf, ein Labsal ist es unsern Augen und Herzen.
Diess allein nur zu schaun, stiegen gern wir auf hhere Berge, als dieser Berg
ist. Als Schaulustige nmlich kamen wir, wir wollten sehn, was trbe Augen hell
macht.
Und siehe, schon ist es vorbei mit allem unsern Nothschrein. Schon steht Sinn
und Herz uns offen und ist entzckt. Wenig fehlt: und unser Muth wird
muthwillig.
Nichts, oh Zarathustra, wchst Erfreulicheres auf Erden, als ein hoher starker
Wille: der ist ihr schnstes Gewchs. Eine ganze Landschaft erquickt sich an
Einem solchen Baume.
Der Pinie vergleiche ich, wer gleich dir, oh Zarathustra, aufwchst: lang,
schweigend, hart, allein, besten biegsamsten Holzes, herrlich, -
- zuletzt aber hinausgreifend mit starken grnen sten nach seiner Herrschaft,
starke Fragen fragend vor Winden und Wettern und was immer auf Hhen heimisch
ist,
- strker antwortend, ein Befehlender, ein Siegreicher: oh wer sollte nicht,
solche Gewchse zu schaun, auf hohe Berge steigen?
Deines Baumes hier, oh Zarathustra, erlabt sich auch der Dstere, der
Missrathene, an deinem Anblicke wird auch der Unstte sicher und heilt sein
Herz.
Und wahrlich, zu deinem Berge und Baume richten sich heute viele Augen; eine
grosse Sehnsucht hat sich aufgemacht, und Manche lernten fragen: wer ist
Zarathustra?
Und wem du jemals dein Lied und deinen Honig in's Ohr getrufelt: alle die
Versteckten, die Einsiedler, die Zweisiedler sprachen mit Einem Male zu ihrem
Herzen:
"Lebt Zarathustra noch? Es lohnt sich nicht mehr zu leben, Alles ist gleich,
Alles ist umsonst: oder - wir mssen mit Zarathustra leben!"
"Warum kommt er nicht, der sich so lange ankndigte? also fragen Viele;
verschlang ihn die Einsamkeit? Oder sollen wir wohl zu ihm kommen?"
Nun geschieht's, dass die Einsamkeit selber mrbe wird und zerbricht, einem
Grabe gleich, das zerbricht und seine Todten nicht mehr halten kann. berall
sieht man Auferstandene.
Nun steigen und steigen die Wellen um deinen Berg, oh Zarathustra. Und wie hoch
auch deine Hhe ist, Viele mssen zu dir hinauf; dein Nachen soll nicht lange
mehr im Trocknen sitzen.
Und dass wir Verzweifelnde jetzt in deine Hhle kamen und schon nicht mehr
verzweifeln: ein Wahr- und Vorzeichen ist es nur, davon, dass Bessere zu dir
unterwegs sind, -
- denn er selber ist zu dir unterwegs, der letzte Rest Gottes unter Menschen,
das ist: alle die Menschen der grossen Sehnsucht, des grossen Ekels, des grossen
berdrusses,
- Alle, die nicht leben wollen, oder sie lernen wieder hoffen - oder sie lernen
von dir, oh Zarathustra, die grosse Hoffnung!"
Also sprach der Knig zur Rechten und ergriff die Hand Zarathustra's, um sie zu
kssen; aber Zarathustra wehrte seiner Verehrung und trat erschreckt zurck,
schweigend und pltzlich wie in weite Fernen entfliehend. Nach einer kleinen
Weile aber war er schon wieder bei seinen Gsten, blickte sie mit hellen,
prfenden Augen an und sprach:
Meine Gste, ihr hheren Menschen, ich will deutsch und deutlich mit euch reden.
Nicht auf euch wartete ich hier in diesen Bergen.
("Deutsch und deutlich? Dass Gott erbarm! sagte hier der Knig zur Linken, bei
Seite; man merkt, er kennt die lieben Deutschen nicht, dieser Weise aus dem
Morgenlande!
Aber er meint "deutsch und derb" - wohlan! Das ist heutzutage noch nicht der
schlimmste Geschmack!")
"Ihr mgt wahrlich insgesammt hhere Menschen sein, fuhr Zarathustra fort: aber
fr mich - seid ihr nicht hoch und stark genug.
Fr mich, das heisst: fr das Unerbittliche, das in mir schweigt, aber nicht
immer schweigen wird. Und gehrt ihr zu mir, so doch nicht als mein rechter Arm.
Wer nmlich selber auf kranken und zarten Beinen steht, gleich euch, der will
vor Allem, ob er's weiss oder sich verbirgt: dass er geschont werde.
Meine Arme und meine Beine aber schone ich nicht, ich schone meine Krieger
nicht: wieso knntet ihr zu meinem Kriege taugen?
Mit euch verdrbe ich mir jeden Sieg noch. Und Mancher von euch fiele schon um,
wenn er nur den lauten Schall meiner Trommeln hrte.
Auch seid ihr mir nicht schn genug und wohlgeboren. Ich brauche reine glatte
Spiegel fr meine Lehren; auf eurer Oberflche verzerrt sich noch mein eignes
Bildniss.
Eure Schultern drckt manche Last, manche Erinnerung; manch schlimmer Zwerg
hockt in euren Winkeln. Es giebt verborgenen Pbel auch in euch.
Und seid ihr auch hoch und hherer Art: Vieles an euch ist krumm und
missgestalt. Da ist kein Schmied in der Welt, der euch mir zurecht und gerade
schlge.
Ihr seid nur Brcken: mgen Hhere auf euch hinber schreiten! Ihr bedeutet
Stufen: so zrnt Dem nicht, der ber euch hinweg in seine Hhe steigt!
Aus eurem Samen mag auch mir einst ein chter Sohn und vollkommener Erbe
wachsen: aber das ist ferne. Ihr selber seid Die nicht, welchen mein Erbgut und
Name zugehrt.
Nicht auf euch warte ich hier in diesen Bergen, nicht mit euch darf ich zum
letzten Male niedersteigen. Als Vorzeichen kamt ihr mir nur, dass schon Hhere
zu mir unterwegs sind, -
- nicht die Menschen der grossen Sehnsucht, des grossen Ekels, des grossen
berdrusses und Das, was ihr den berrest Gottes nanntet.
- Nein! Nein! Drei Mal Nein! Auf Andere warte ich hier in diesen Bergen und will
meinen Fuss nicht ohne sie von dannen heben,
- auf Hhere, Strkere, Sieghaftere, Wohlgemuthere, Solche, die rechtwinklig
gebaut sind an Leib und Seele: lachende Lwen mssen kommen!
Oh, meine Gastfreunde, ihr Wunderlichen, - hrtet ihr noch Nichts von meinen
Kindern? Und dass sie zu mir unterwegs sind?
Sprecht mir doch von meinen Grten, von meinen glckseligen Inseln, von meiner
neuen schnen Art, - warum sprecht ihr mir nicht davon?
Diess Gastgeschenk erbitte ich mir von eurer Liebe, dass ihr mir von meinen
Kindern sprecht. Hierzu bin ich reich, hierzu ward ich arm: was gab ich nicht
hin,
- was gbe ich nicht hin, dass ich Eins htte: diese Kinder, diese lebendige
Pflanzung, diese Lebensbume meines Willens und meiner hchsten Hoffnung!"
Also sprach Zarathustra und hielt pltzlich inne in seiner Rede: denn ihn
berfiel seine Sehnsucht, und er schloss Augen und Mund vor der Bewegung seines
Herzens. Und auch alle seine Gste schwiegen und standen still und bestrzt: nur
dass der alte Wahrsager mit Hnden und Gebrden Zeichen gab.

Das Abendmahl
An dieser Stelle nmlich unterbrach der Wahrsager die Begrssung Zarathustra's
und seiner Gste: er drngte sich vor, wie Einer, der keine Zeit zu verlieren
hat, fasste die Hand Zarathustra's und rief: "Aber Zarathustra!
Eins ist nothwendiger als das Andre, so redest du selber: wohlan, Eins ist mir
jetzt nothwendiger als alles Andere.
Ein Wort zur rechten Zeit: hast du mich nicht zum Mahle eingeladen? Und hier
sind viele, die lange Wege machten. Du willst uns doch nicht mit Reden
abspeisen?
Auch gedachtet ihr Alle mir schon zu viel des Erfrierens, Ertrinkens, Erstickens
und andrer Leibes-Nothstnde: Keiner aber gedachte meines Nothstandes, nmlich
des Verhungerns -"
(Also sprach der Wahrsager; wie die Thiere Zarathustra's aber diese Worte
hrten, liefen sie vor Schrecken davon. Denn sie sahen, dass was sie auch am
Tage heimgebracht hatten, nicht genug sein werde, den Einen Wahrsager zu
stopfen.)
"Eingerechnet das Verdursten, fuhr der Wahrsager fort. Und ob ich schon Wasser
hier pltschern hre, gleich Reden der Weisheit, nmlich reichlich und
unermdlich: ich - will Wein!
Nicht jeder ist gleich Zarathustra ein geborner Wassertrinker. Wasser taugt auch
nicht fr Mde und Verwelkte: uns gebhrt Wein, - der erst giebt pltzliches
Genesen und stegreife Gesundheit!"
Bei dieser Gelegenheit, da der Wahrsager nach Wein begehrte, geschah es, dass
auch der Knig zur Linken, der Schweigsame, einmal zu Worte kam. "Fr Wein,
sprach er, trugen wir Sorge, ich sammt meinem Bruder, dem Knige zur Rechten:
wir haben Weins genug, - einen ganzen Esel voll. So fehlt Nichts als Brod."
"Brod? entgegnete Zarathustra und lachte dazu. Nur gerade Brod haben Einsiedler
nicht. Aber der Mensch lebt nicht vom Brod allein, sondern auch vom Fleische
guter Lmmer, deren ich zwei habe:
- Die soll man geschwinde schlachten und wrzig, mit Salbei, zubereiten: so
liebe ich's. Und auch an Wurzeln und Frchten fehlt es nicht, gut genug selbst
fr Lecker- und Schmeckerlinge; noch an Nssen und andern Rthseln zum Knacken.
Also wollen wir in Krze eine gute Mahlzeit machen. Wer aber mit essen will,
muss auch mit Hand anlegen, auch die Knige. Bei Zarathustra nmlich darf auch
ein Knig Koch sein."
Mit diesem Vorschlage war Allen nach dem Herzen geredet: nur dass der
freiwillige Bettler sich gegen Fleisch und Wein und Wrzen strubte.
"Nun hrt mir doch diesen Schlemmer Zarathustra! sagte er scherzhaft: geht man
dazu in Hhlen und Hoch-Gebirge, dass man solche Mahlzeiten macht?
Nun freilich verstehe ich, was er einst uns lehrte: "Gelobt sei die kleine
Armuth!" Und warum er die Bettler abschaffen will."
"Sei guter Dinge, antwortete ihm Zarathustra, wie ich es bin. Bleibe bei deiner
Sitte, du Trefflicher, malme deine Krner, trink dein Wasser, lobe deine Kche:
wenn sie dich nur frhlich macht!
Ich bin ein Gesetz nur fr die Meinen, ich bin kein Gesetz fr Alle. Wer aber zu
mir gehrt, der muss von starken Knochen sein, auch von leichten Fssen, -
- lustig zu Kriegen und Festen, kein Dsterling, kein Traum-Hans, bereit zum
Schwersten wie zu seinem Feste, gesund und heil.
Das Beste gehrt den Meinen und mir; und giebt man's uns nicht, so nehmen wir's:
- die beste Nahrung, den reinsten Himmel, die strksten Gedanken, die schnsten
Fraun!" -
Also sprach Zarathustra; der Knig zur Rechten aber entgegnete: "Seltsam!
Vernahm man je solche kluge Dinge aus dem Munde eines Weisen?
Und wahrlich, das ist das Seltsamste an einem Weisen, wenn er zu alledem auch
noch klug und kein Esel ist."
Also sprach der Knig zur Rechten und wunderte sich; der Esel aber sagte zu
seiner Rede mit bsem Willen I-A. Diess aber war der Anfang von jener langen
Mahlzeit, welche "das Abendmahl" in den Historien-Bchern genannt wird. Bei
derselben aber wurde von nichts Anderem geredet als vom hheren Menschen.

Vom hheren Menschen
1
Als ich zum ersten Male zu den Menschen kam, da that ich die
Einsiedler-Thorheit, die grosse Thorheit: ich stellte mich auf den Markt.
Und als ich zu Allen redete, redete ich zu Keinem. Des Abends aber waren
Seiltnzer meine Genossen, und Leichname; und ich selber fast ein Leichnam.
Mit dem neuen Morgen aber kam mir eine neue Wahrheit: da lernte ich sprechen
"Was geht mich Markt und Pbel und Pbel-Lrm und lange Pbel-Ohren an!"
Ihr hheren Menschen, Diess lernt von mir: auf dem Markt glaubt Niemand an
hhere Menschen. Und wollt ihr dort reden, wohlan! Der Pbel aber blinzelt "wir
sind Alle gleich."
"Ihr hheren Menschen, - so blinzelt der Pbel - es giebt keine hheren
Menschen, wir sind Alle gleich, Mensch ist Mensch, vor Gott - sind wir Alle
gleich!"
Vor Gott! - Nun aber starb dieser Gott. Vor dem Pbel aber wollen wir nicht
gleich sein. Ihr hheren Menschen, geht weg vom Markt!
2
Vor Gott! - Nun aber starb dieser Gott! Ihr hheren Menschen, dieser Gott war
eure grsste Gefahr.
Seit er im Grabe liegt, seid ihr erst wieder auferstanden. Nun erst kommt der
grosse Mittag, nun erst wird der hhere Mensch - Herr!
Verstandet ihr diess Wort, oh meine Brder? Ihr seid erschreckt: wird euren
Herzen schwindlig? Klafft euch hier der Abgrund? Klfft euch hier der
Hllenhund?
Wohlan! Wohlauf! Ihr hheren Menschen! Nun erst kreisst der Berg der
Menschen-Zukunft. Gott starb: nun wollen wir, - dass der bermensch lebe.
3
Die Sorglichsten fragen heute: "wie bleibt der Mensch erhalten?" Zarathustra
aber fragt als der Einzige und Erste: "wie wird der Mensch berwunden?"
Der bermensch liegt mir am Herzen, der ist mein Erstes und Einziges, - und
nicht der Mensch: nicht der Nchste, nicht der rmste, nicht der Leidendste,
nicht der Beste -
Oh meine Brder, was ich lieben kann am Menschen, das ist, dass er ein bergang
ist und ein Untergang. Und auch an euch ist vieles, das mich lieben und hoffen
macht.
Dass ihr verachtetet, ihr hheren Menschen, das macht mich hoffen. Die grossen
Verachtenden nmlich sind die grossen Verehrenden.
Dass ihr verzweifeltet, daran ist Viel zu ehren. Denn ihr lerntet nicht, wie ihr
euch ergbet, ihr lerntet die kleinen Klugheiten nicht.
Heute nmlich wurden die kleinen Leute Herr: die predigen Alle Ergebung und
Bescheidung und Klugheit und Fleiss und Rcksicht und das lange Und-so-weiter
der kleinen Tugenden.
Was von Weibsart ist, was von Knechtsart stammt und sonderlich der
Pbel-Mischmasch: Das will nun Herr werden alles Menschen-Schicksals - oh Ekel!
Ekel! Ekel!
Das frgt und frgt und wird nicht mde: "Wie erhlt sich der Mensch, am
besten, am lngsten, am angenehmsten?" Damit - sind sie die Herrn von Heute.
Diese Herrn von Heute berwindet mir, oh meine Brder, - diese kleinen Leute:
die sind des bermenschen grsste Gefahr!
"berwindet mir, ihr hheren Menschen, die kleinen Tugenden, die kleinen
Klugheiten, die Sandkorn-Rcksichten, den Ameisen-Kribbelkram, das erbrmliche
Behagen, das "Glck der Meisten" -!
Und lieber verzweifelt, als dass ihr euch ergebt. Und, wahrlich, ich liebe euch
dafr, dass ihr heute nicht zu leben wisst, ihr hheren Menschen! So nmlich
lebt ihr - am Besten!
4
Habt ihr Muth, oh meine Brder? Seid ihr herzhaft? Nicht Muth vor Zeugen,
sondern Einsiedler- und Adler-Muth, dem auch kein Gott mehr zusieht?
Kalte Seelen, Maulthiere, Blinde, Trunkene heissen mir nicht herzhaft. Herz hat,
wer Furcht kennt, aber Furcht zwingt, er den Abgrund sieht, aber mit Stolz.
Wer den Abgrund sieht, aber mit Adlers-Augen, wer mit Adlers-Krallen den Abgrund
fasst: Der hat Muth. -
5
"Der Mensch ist bse" - so sprachen mir zum Troste alle Weisesten. Ach, wenn
es heute nur noch wahr ist! Denn das Bse ist des Menschen beste Kraft.
"Der Mensch muss besser und bser werden" - so lehre ich. Das Bseste ist
nthig zu des bermenschen Bestem.
Das mochte gut sein fr jenen Prediger der kleinen Leute, dass er litt und trug
an des Menschen Snde. Ich aber erfreue mich der grossen Snde als meines
grossen Trostes. -
Solches ist aber nicht fr lange Ohren gesagt. Jedwedes Wort gehrt auch nicht
in jedes Maul. Das sind feine ferne Dinge: nach denen sollen nicht Schafs-Klauen
greifen!
6
Ihr hheren Menschen, meint ihr, ich sei da, gut zu machen, was ihr schlecht
machtet?
Oder ich wollte frderhin euch Leidende bequemer betten? Oder euch Unstten,
Verirrten, Verkletterten neue leichtere Fusssteige zeigen?
Nein! Nein! Drei Mal Nein! Immer Mehr, immer Bessere eurer Art sollen zu Grunde
gehn, - denn ihr sollt es immer schlimmer und hrter haben. So allein -
- so allein wchst der Mensch in die Hhe, wo der Blitz ihn trifft und
zerbricht: hoch genug fr den Blitz!
Auf Weniges, auf Langes, auf Fernes geht mein Sinn und meine Sehnsucht: was
gienge mich euer kleines, vieles, kurzes Elend an!
Ihr leidet mir noch nicht genug! Denn ihr leidet an euch, ihr littet noch nicht
am Menschen. Ihr wrdet lgen, wenn ihr's anders sagtet! Ihr leidet Alle nicht,
woran ich litt. -
7
Es ist mir nicht genug, dass der Blitz nicht mehr schadet. Nicht ableiten will
ich ihn: er soll lernen fr mich - arbeiten. -
Meine Weisheit sammlet sich lange schon gleich einer Wolke, sie wird stiller und
dunkler. So thut jede Weisheit, welche einst Blitze gebren soll. -
Diesen Menschen von Heute will ich nicht Licht sein, nicht Licht heissen. Die -
will ich blenden: Blitz meiner Weisheit! Stich ihnen die Augen aus!
8
Wollt Nichts ber euer Vermgen: es giebt eine schlimme Falschheit bei Solchen,
die ber ihr Vermgen wollen.
Sonderlich, wenn sie grosse Dinge wollen! Denn sie wecken Misstrauen gegen
grosse Dinge, diese feinen Falschmnzer und Schauspieler: -
- bis sie endlich falsch vor sich selber sind, schielugig, bertnchter
Wurmfrass, bemntelt durch starke Worte, durch Aushnge-Tugenden, durch
glnzende falsche Werke.
Habt da eine gute Vorsicht, ihr hheren Menschen! Nichts nmlich gilt mir heute
kostbarer und seltner als Redlichkeit.
Ist diess Heute nicht des Pbels? Pbel aber weiss nicht, was gross, was klein,
was gerade und redlich ist: der ist unschuldig krumm, der lgt immer.
9
Habt heute ein gutes Misstrauen, ihr hheren Menschen, ihr Beherzten! Ihr
Offenherzigen! Und haltet eure Grnde geheim! Diess Heute nmlich ist des
Pbels.
Was der Pbel ohne Grnde einst glauben lernte, wer knnte ihm durch Grnde Das
- umwerfen?
Und auf dem Markte berzeugt man mit Gebrden. Aber Grnde machen den Pbel
misstrauisch.
Und wenn da einmal Wahrheit zum Siege kam, so fragt euch Mit gutem Misstrauen:
"welch starker Irrthum hat fr sie gekmpft?"
Htet euch auch vor den Gelehrten! Die hassen euch: denn sie sind unfruchtbar!
Sie haben kalte vertrocknete Augen, vor ihnen liegt jeder Vogel entfedert.
Solche brsten sich damit, dass sie nicht lgen: aber Ohnmacht zur Lge ist
lange noch nicht Liebe zur Wahrheit. Htet euch!
Freiheit von Fieber ist lange noch nicht Erkenntniss! Ausgeklteten Geistern
glaube ich nicht. Wer nicht lgen kann, weiss nicht, was Wahrheit ist.
10
Wollt ihr hoch hinaus, so braucht die eignen Beine! Lasst euch nicht empor
tragen, setzt euch nicht auf fremde Rkken und Kpfe!
Du aber stiegst zu Pferde? Du reitest nun hurtig hinauf zu deinem Ziele? Wohlan,
mein Freund! Aber dein lahmer Fuss sitzt auch mit zu Pferde!
Wenn du an deinem Ziele bist, wenn du von deinem Pferde springst: auf deiner
Hhe gerade, du hherer Mensch - wirst du stolpern!
11
Ihr Schaffenden, ihr hheren Menschen! Man ist nur fr das eigne Kind schwanger.
Lasst euch Nichts vorreden, einreden! Wer ist denn euer Nchster? Und handelt
ihr auch "fr den Nchsten", - ihr schafft doch nicht fr ihn!
Verlernt mir doch diess "Fr", ihr Schaffenden: eure Tugend gerade will es,
dass ihr kein Ding mit "fr" und "um" und "weil" thut. Gegen diese
falschen kleinen Worte sollt ihr euer Ohr zukleben.
Das "fr den Nchsten" ist die Tugend nur der kleinen Leute: da heisst es
"gleich und gleich" und "Hand wscht Hand": - sie haben nicht Recht noch
Kraft zu eurem Eigennutz!
In eurem Eigennutz, ihr Schaffenden, ist der Schwangeren Vorsicht und Vorsehung!
Was Niemand noch mit Augen sah, die Frucht: die schirmt und schont und nhrt
eure ganze Liebe.
Wo eure ganze Liebe ist, bei eurem Kinde, da ist auch eure ganze Tugend! Euer
Werk, euer Wille ist euer "Nchster": lasst euch keine falschen Werthe
einreden!
12
Ihr Schaffenden, ihr hheren Menschen! Wer gebren muss, der ist krank; wer
aber geboren hat, ist unrein.
Fragt die Weiber: man gebiert nicht, weil es Vergngen macht. Der Schmerz macht
Hhner und Dichter gackern.
Ihr Schaffenden, an euch ist viel Unreines. Das macht, ihr musstet Mtter sein.
Ein neues Kind: oh wie viel neuer Schmutz kam auch zur Welt! Geht bei Seite! Und
wer geboren hat, soll seine Seele rein waschen!
13
Seid nicht tugendhaft ber eure Krfte! Und wollt Nichts von euch wider die
Wahrscheinlichkeit!
Geht in den Fusstapfen, wo schon eurer Vter Tugend gierig! Wie wolltet ihr hoch
steigen, wenn nicht eurer Vter Wille mit euch steigt?
Wer aber Erstling sein will, sehe zu, dass er nicht auch Letztling werde! Und wo
die Laster eurer Vter sind, darin sollt ihr nicht Heilige bedeuten wollen!
Wessen Vter es mit Weibern hielten und mit starken Weinen und Wildschweinen:
was wre es, wenn Der von sich Keuschheit wollte?
Eine Narrheit wre es! Viel, wahrlich, dnkt es mich fr einen Solchen, wenn er
Eines oder zweier oder dreier Weiber Mann ist.
Und stiftete er Klster und schriebe ber die Thr: "der Weg zum Heiligen," -
ich sprche doch: wozu! es ist eine neue Narrheit!
Er stiftete sich selber ein Zucht- und Fluchthaus: wohl bekomm's! Aber ich
glaube nicht daran.
In der Einsamkeit wchst, was Einer in sie bringt, auch das innere Vieh.
Solchergestalt widerrth sich Vielen die Einsamkeit.
Gab es Schmutzigeres bisher auf Erden als Wsten-Heilige? Um die herum war nicht
nur der Teufel los, - sondern auch das Schwein.
14
Scheu, beschmt, ungeschickt, einem Tiger gleich, dem der Sprung missrieth:
also, ihr hheren Menschen, sah ich oft euch bei Seite schleichen. Ein Wurf
missrieth euch.
Aber, ihr Wrfelspieler, was liegt daran! Ihr lerntet nicht spielen und spotten,
wie man spielen und spotten muss! Sitzen wir nicht immer an einem grossen Spott-
und Spieltische?
Und wenn euch Grosses missrieth, seid ihr selber darum - missrathen? Und
missriethet ihr selber, missrieth darum - der Mensch? Missrieth aber der Mensch:
wohlan! wohlauf!
15
Je hher von Art, je seltener gerth ein Ding. Ihr hheren Menschen hier, seid
ihr nicht alle - missgerathen?
Seid guten Muths, was liegt daran! Wie Vieles ist noch mglich! Lernt ber euch
selber lachen, wie man lachen muss!
Was Wunders auch, dass ihr missriethet und halb geriethet, ihr
Halb-Zerbrochenen! Drngt und stsst sich nicht in euch - des Menschen Zukunft?
Des Menschen Fernstes, Tiefstes, Sternen-Hchstes, seine ungeheure Kraft:
schumt Das nicht alles gegen einander in eurem Topfe?
Was Wunders, dass mancher Topf zerbricht! Lernt ber euch lachen, wie man lachen
muss! Ihr hheren Menschen, oh wie Vieles ist noch mglich!
Und wahrlich, wie Viel gerieth schon! Wie reich ist diese Erde an kleinen guten
vollkommenen Dingen, an Wohlgerathenem!
Stellt kleine gute vollkommne Dinge um euch, ihr hheren Menschen! Deren goldene
Reife heilt das Herz. Vollkommnes lehrt hoffen.
16
Welches war hier auf Erden bisher die grsste Snde? War es nicht das Wort
Dessen, der sprach: "Wehe Denen, die hier lachen!"
Fand er zum Lachen auf der Erde selber keine Grnde? So suchte er nur schlecht.
Ein Kind findet hier noch Grnde.
Der - liebte nicht genug: sonst htte er auch uns geliebt, die Lachenden! Aber
er hasste und hhnte uns, Heulen und Zhneklappern verhiess er uns.
Muss man denn gleich fluchen, wo man nicht liebt? Das - dnkt mich ein
schlechter Geschmack. Aber so that er, dieser Unbedingte. Er kam vom Pbel.
Und er selber liebte nur nicht genug: sonst htte er weniger gezrnt, dass man
ihn nicht liebe. Alle grosse Liebe will nicht Liebe: - die will mehr.
Geht aus dem Wege allen solchen Unbedingten! Das ist eine arme kranke Art, eine
Pbel-Art: sie sehn schlimm diesem Leben zu, sie haben den bsen Blick fr diese
Erde.
Geht aus dem Wege allen solchen Unbedingten! Sie haben Schwere Fsse und schwle
Herzen: - sie wissen nicht zu tanzen. Wie mchte Solchen wohl die Erde leicht
sein!
17
Krumm kommen alle guten Dinge ihrem Ziele nahe. Gleich Katzen machen sie Buckel,
sie schnurren innewendig vor ihrem nahen Glcke, - alle guten Dinge lachen.
Der Schritt verrth, ob Einer schon auf seiner Bahn schreitet: so seht mich
gehn! Wer aber seinem Ziel nahe kommt, der tanzt.
Und, wahrlich, zum Standbild ward ich nicht, noch stehe ich nicht da, starr,
stumpf, steinern, eine Sule; ich liebe geschwindes Laufen.
Und wenn es auf Erden auch Moor und dicke Trbsal giebt: wer leichte Fsse hat,
luft ber Schlamm noch hinweg und tanzt wie auf gefegtem Eise.
Erhebt eure Herzen, meine Brder, hoch! hher! Und vergesst mir auch die Beine
nicht! Erhebt auch eure Beine, ihr guten Tnzer, und besser noch: ihr steht auch
auf dem Kopf!
18
Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: ich selber setzte mir diese
Krone auf, ich selber sprach heilig mein Gelchter. Keinen Anderen fand ich
heute stark genug dazu.
Zarathustra der Tnzer, Zarathustra der Leichte, der mit den Flgeln winkt, ein
Flugbereiter, allen Vgeln zuwinkend, bereit und fertig, ein
Selig-Leichtfertiger: -
Zarathustra der Wahrsager, Zarathustra der Wahrlacher, kein Ungeduldiger, kein
Unbedingter, Einer, der Sprnge und Seitensprnge liebt; ich selber setzte mir
diese Krone auf!
19
Erhebt eure Herzen, meine Brder, hoch! hher! Und vergesst mir auch die Beine
nicht! Erhebt auch eure Beine, ihr guten Tnzer, und besser noch: ihr steht auch
auf dem Kopf!
Es giebt auch im Glck schweres Gethier, es giebt Plumpfssler von Anbeginn.
Wunderlich mht sie sich ab, einem Elephanten gleich, der sich mht auf dem Kopf
zu stehn.
Besser aber noch nrrisch sein vor Glcke als nrrisch vor Unglcke, besser
plump tanzen als lahm gehn. So lernt mir doch meine Weisheit ab: auch das
schlimmste Ding hat zwei gute Kehrseiten, -
- auch das schlimmste Ding hat gute Tanzbeine: so lernt mir doch euch selbst,
ihr hheren Menschen, auf eure rechten Beine stellen!
So verlernt mir doch Trbsal-Blasen und alle Pbel-Traurigkeit! Oh wie traurig
dnken mich heute des Pbels Hanswrste noch! Diess Heute aber ist des Pbels.
20
Dem Winde thut mir gleich, wenn er aus seinen Berghhlen strzt: nach seiner
eignen Pfeife will er tanzen, die Meere zittern und hpfen unter seinen
Fusstapfen.
Der den Eseln Flgel giebt, der Lwinnen melkt, gelobt sei dieser gute unbndige
Geist, der allem Heute und allem Pbel wie ein Sturmwind kommt, -
- der Distel- und Tiftelkpfen feind ist und allen welken Blttern und
Unkrutern: gelobt sei dieser wilde gute freie Sturmgeist, welcher auf Mooren
und Trbsalen wie auf Wiesen tanzt!
Der die Pbel-Schwindhunde hasst und alles missrathene dstere Gezcht: gelobt
sei dieser Geist aller freien Geister, der lachende Sturm, welcher allen
Schwarzsichtigen, Schwrschtigen Staub in die Augen blst!
Ihr hheren Menschen, euer Schlimmstes ist: ihr lerntet alle nicht tanzen, wie
man tanzen muss - ber euch hinweg tanzen! Was liegt daran, dass ihr
missriethet!
Wie Vieles ist noch mglich! So lernt doch ber euch hinweg lachen! Erhebt eure
Herzen, ihr guten Tnzer, hoch! hher! Und vergesst mir auch das gute Lachen
nicht!
Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: euch, meinen Brdern, werfe
ich diese Krone zu! Das Lachen sprach ich heilig; ihr hheren Menschen, lernt
mir - lachen!

Das Lied der Schwermuth
1
Als Zarathustra diese Reden sprach, stand er nahe dem Eingange seiner Hhle; mit
den letzten Worten aber entschlpfte er seinen Gsten und floh fr eine kurze
Weile in's Freie.
"Oh reine Gerche um mich, rief er aus, oh selige Stille um mich! Aber wo sind
meine Thiere? Heran, heran, mein Adler und meine Schlange!
Sagt mir doch, meine Thiere: diese hheren Menschen insgesammt - riechen sie
vielleicht nicht gut? Oh reine Gerche um mich! Jetzo weiss und fhle ich erst,
wie ich euch, meine Thiere, liebe."
- Und Zarathustra sprach nochmals: "ich liebe euch, meine Thiere!" Der Adler
aber und die Schlange drngten sich an ihn, als er diese Worte sprach, und sahen
zu ihm hinauf. Solchergestalt waren sie zu drei still beisammen und schnffelten
und schlrften mit einander die gute Luft. Denn die Luft war hier draussen
besser als bei den hheren Menschen.
2
Kaum aber hatte Zarathustra seine Hhle verlassen, da erhob sich der alte
Zauberer, sah listig umher und sprach: "Er ist hinaus!
Und schon, ihr hheren Menschen - dass ich euch mit diesem Lob- und
Schmeichel-Namen kitzle, gleich ihm selber - schon fllt mich mein schlimmer
Trug- und Zaubergeist an, mein schwermthiger Teufel,
- welcher diesem Zarathustra ein Widersacher ist aus dem Grunde: vergebt es ihm!
Nun will er vor euch zaubern, er hat gerade seine Stunde; umsonst ringe ich mit
diesem bsen Geiste.
Euch Allen, welche Ehren ihr euch mit Worten geben mgt, ob ihr euch "die
freien Geister" nennt oder "die Wahrhaftigen" oder "die Bsser des Geistes"
oder "die Entfesselten" oder "die grossen Sehnschtigen" -
- euch Allen, die ihr am grossen Ekel leidet gleich mir, denen der alte Gott
starb und noch kein neuer Gott in Wiegen und Windeln liegt, - euch Allen ist
mein bser Geist und Zauber-Teufel hold.
Ich kenne euch, ihr hheren Menschen, ich kenne ihn, - ich kenne auch diesen
Unhold, den ich wider Willen liebe, diesen Zarathustra: er selber dnkt mich
fter gleich einer schnen Heiligen-Larve,
- gleich einem neuen wunderlichen Mummenschanze, in dem sich mein bser Geist,
der schwermthige Teufel, gefllt: - ich liebe Zarathustra, so dnkt mich oft,
um meines bsen Geistes Willen. -
Aber schon fllt der mich an und zwingt mich, dieser Geist der Schwermuth,
dieser Abend-Dmmerungs-Teufel: und, wahrlich, ihr hheren Menschen, es gelstet
ihn -
- macht nur die Augen auf! - es gelstet ihn, nackt zu kommen, ob mnnlich, ob
weiblich, noch weiss ich's nicht: aber er kommt, er zwingt mich, wehe! macht
eure Sinne auf!
Der Tag klingt ab, allen Dingen kommt nun der Abend, auch den besten Dingen;
hrt nun und seht, ihr hheren Menschen, welcher Teufel, ob Mann, ob Weib,
dieser Geist der Abend-Schwermuth ist!"
Also sprach der alte Zauberer, sah listig umher und griff dann zu seiner Harfe.
3
Bei abgehellter Luft, Wenn schon des Thau's Trstung Zur Erde niederquillt,
Unsichtbar, auch ungehrt: - Denn zartes Schuhwerk trgt Der Trster Thau gleich
allen Trost-Milden -: Gedenkst du da, gedenkst du, heisses Herz, Wie einst du
durstetest, Nach himmlischen Thrnen und Thau-Getrufel Versengt und mde
durstetest, Dieweil auf gelben Gras-Pfaden Boshaft abendliche Sonnenblicke Durch
schwarze Bume um dich liefen, Blendende Sonnen-Gluthblicke, schadenfrohe.
"Der Wahrheit Freier? Du? - so hhnten sie - Nein! Nur ein Dichter! Ein Thier,
ein listiges, raubendes, schleichendes, Das lgen muss, Das wissentlich,
willentlich lgen muss: Nach Beute lstern, Bunt verlarvt, Sich selber Larve,
Sich selbst zur Beute - Das - der Wahrheit Freier? Nein! Nur Narr! Nur Dichter!
Nur Buntes redend, Aus Narren-Larven bunt herausschreiend, Herumsteigend auf
lgnerischen Wort-Brcken, Auf bunten Regenbogen, Zwischen falschen Himmeln Und
falschen Erden, Herumschweifend, herumschwebend, - Nur Narr! Nur Dichter!
Das - der Wahrheit Freier? Nicht still, starr, glatt, kalt, Zum Bilde worden,
Zur Gottes-Sule, Nicht aufgestellt vor Tempeln, Eines Gottes Thrwart: Nein!
Feindselig solchen Wahrheits-Standbildern, In jeder Wildniss heimischer als vor
Tempeln, Voll Katzen-Muthwillens, Durch jedes Fenster springend Husch! in jeden
Zufall, Jedem Urwalde zuschnffelnd, Schtig-sehnschtig zuschnffelnd, Dass du
in Urwldern Unter buntgefleckten Raubthieren Sndlich-gesund und bunt und schn
liefest, Mit lsternen Lefzen, Selig-hhnisch, selig-hllisch, selig-blutgierig,
Raubend, schleichend, lgend liefest: -
Oder, dem Adler gleich, der lange, Lange starr in Abgrnde blickt, In seine
Abgrnde: - Oh wie sie sich hier hinab, Hinunter, hinein, In immer tiefere
Tiefen ringeln! - Dann, Pltzlich, geraden Zugs, Gezckten Flugs, Auf Lmmer
stossen, Jach hinab, heisshungrig, Nach Lmmern lstern, Gram allen
Lamms-Seelen, Grimmig-gram Allem, was blickt Schafmssig, lammugig,
krauswollig, Grau, mit Lamms-Schafs-Wohlwollen!
Also Adlerhaft, pantherhaft Sind des Dichters Sehnschte, Sind deine Sehnschte
unter tausend Larven, Du Narr! Du Dichter!
Der du den Menschen schautest So Gott als Schaf -: Den Gott zerreissen im
Menschen Wie das Schaf im Menschen, Und zerreisend lachen -
Das, Das ist deine Seligkeit! Eines Panthers und Adlers Seligkeit! Eines
Dichters und Narren Seligkeit!" -
Bei abgehellter Luft, Wenn schon des Monds Sichel Grn zwischen Purpurrthen Und
neidisch hinschleicht: - dem Tage feind, Mit jedem Schritte heimlich An
Rosen-Hngematten Hinsichelnd, bis sie sinken, Nacht-abwrts blass hinabsinken:
So sank ich selber einstmals Aus meinem Wahrheits-Wahnsinne, Aus meinen
Tages-Sehnschten, Des Tages mde, krank vom Lichte, - sank abwrts, abendwrts,
schattenwrts: Von Einer Wahrheit Verbrannt und durstig: - gedenkst du noch,
gedenkst du, heisses Herz, Wie da du durstetest? - Dass ich verbannt sei Von
aller Wahrheit, Nur Narr! Nur Dichter!

Von der Wissenschaft
Also sang der Zauberer; und Alle, die beisammen waren, giengen gleich Vgeln
unvermerkt in das Netz seiner listigen und schwermthigen Wollust. Nur der
Gewissenhafte des Geistes war nicht eingefangen: er nahm flugs dem Zauberer die
Harfe weg und rief "Luft! Lasst gute Luft herein! Lass Zarathustra herein! Du
machst diese Hhle schwl und giftig, du schlimmer alter Zauberer!
Du verfhrst, du Falscher, Feiner, zu unbekannten Begierden und Wildnissen. Und
wehe, wenn Solche, wie du, von der Wahrheit Redens und Wesens machen!
Wehe allen freien Geistern, welche nicht vor solchen Zauberern auf der Hut sind!
Dahin ist es mit ihrer Freiheit: du lehrst und lockst zurck in Gefngnisse, -
- du alter schwermthiger Teufel, aus deiner Klage klingt eine Lockpfeife, du
gleichst Solchen, welche mit ihrem Lobe der Keuschheit heimlich zu Wollsten
laden!"
Also sprach der Gewissenhafte; der alte Zauberer aber blickte um sich, genoss
seines Sieges und verschluckte darber den Verdruss, welchen ihm der
Gewissenhafte machte. "Sei still! sagte er mit bescheidener Stimme, gute Lieder
wollen gut wiederhallen; nach guten Liedern soll man lange schweigen.
So thun es diese Alle, die hheren Menschen. Du aber hast wohl Wenig von meinem
Lied verstanden? In dir ist Wenig von einem Zaubergeiste."
"Du lobst mich, entgegnete der Gewissenhafte, indem du mich von dir abtrennst,
wohlan! Aber ihr Anderen, was sehe ich? Ihr sitzt alle noch mit lsternen Augen
da -:
Ihr freien Seelen, wohin ist eure Freiheit! Fast, dnkt mich's, gleicht ihr
Solchen, die lange schlimmen tanzenden nackten Mdchen zusahn: eure Seelen
tanzen selber!
In euch, ihr hheren Menschen, muss Mehr von Dem sein, was der Zauberer seinen
bsen Zauber- und Truggeist nennt: - wir mssen wohl verschieden sein.
Und wahrlich, wir sprachen und dachten genug mitsammen, ehe Zarathustra heimkam
zu seiner Hhle, als dass ich nicht wsste: wir sind verschieden.
Wir suchen Verschiednes auch hier oben, ihr und ich. Ich nmlich suche mehr
Sicherheit, desshalb kam ich zu Zarathustra. Der nmlich ist noch der festeste
Thurm und Wille -
- heute, wo Alles wackelt, wo alle Erde bebt. Ihr aber, wenn ich eure Augen
sehe, die ihr macht, fast dnkt mich's, ihr sucht mehr Unsicherheit,
- mehr Schauder, mehr Gefahr, mehr Erdbeben. Euch gelstet, fast dnkt mich's
so, vergebt meinem Dnkel, ihr hheren Menschen -
- euch gelstet nach dem schlimmsten gefhrlichsten Leben, das mir am meisten
Furcht macht, nach dem Leben wilder Thiere, nach Wldern, Hhlen, steilen Bergen
und Irr- Schlnden.
Und nicht die Fhrer aus der Gefahr gefallen euch am besten, sondern die euch
von allen Wegen abfhren, die Verfhrer. Aber, wenn solch Gelsten an euch
wirklich ist, so dnkt es mich trotzdem unmglich.
Furcht nmlich - das ist des Menschen Erb- und Grundgefhl; aus der Furcht
erklrt sich jegliches, Erbsnde und Erbtugend. Aus der Furcht wuchs auch meine
Tugend, die heisst: Wissenschaft.
Die Furcht nmlich vor wildem Gethier - die wurde dem Menschen am lngsten
angezchtet, einschliesslich das Thier, das er in sich selber birgt und
frchtet: - Zarathustra heisst es "das innere Vieh."
Solche lange alte Furcht, endlich fein geworden, geistlich, geistig - heute,
dnkt mich, heisst sie: Wissenschaft." -
Also sprach der Gewissenhafte; aber Zarathustra, der eben in seine Hhle
zurckkam und die letzte Rede gehrt und errathen hatte, warf dem Gewissenhaften
eine Hand voll Rosen zu und lachte ob seiner "Wahrheiten". "Wie! rief er, was
hrte ich da eben? Wahrlich, mich dnkt, du bist ein Narr oder ich selber bin's:
und deine "Wahrheit" stelle ich rucks und flugs auf den Kopf.
Furcht nmlich - ist unsre Ausnahme. Muth aber und Abenteuer und Lust am
Ungewissen, am Ungewagten, - Muth dnkt mich des Menschen ganze Vorgeschichte.
Den wildesten muthigsten Thieren hat er alle ihre Tugenden abgeneidet und
abgeraubt: so erst wurde er - zum Menschen.
Dieser Muth, endlich fein geworden, geistlich, geistig, dieser Menschen-Muth mit
Adler-Flgeln und Schlangen-Klugheit: der, dnkt mich, heisst heute -"
"Zarathustra"! schrien Alle, die beisammen sassen, wie aus Einem Munde und
machten dazu ein grosses Gelchter; es hob sich aber von ihnen wie eine schwere
Wolke. Auch der Zauberer lachte und sprach mit Klugheit: "Wohlan! Er ist davon,
mein bser Geist!
Und habe ich euch nicht selber vor ihm gewarnt, als ich sagte, dass er ein
Betrger sei, ein Lug- und Truggeist?
Sonderlich nmlich, wenn er sich nackend zeigt. Aber was kann ich fr seine
Tcken! Habe ich ihn und die Welt geschaffen?
Wohlan! Seien wir wieder gut und guter Dinge! Und ob schon Zarathustra bse
blickt - seht ihn doch! er ist mir gram -:
- bevor die Nacht kommt, lernt er wieder, mich lieben und loben, er kann nicht
lange leben, ohne solche Thorheiten zu thun.
Der - liebt seine Feinde: diese Kunst versteht er am besten von Allen, die ich
sah. Aber er nimmt Rache dafr - an seinen Freunden!"
Also sprach der alte Zauberer, und die hheren Menschen zollten ihm Beifall: so
dass Zarathustra herumgieng und mit Bosheit und Liebe seinen Freunden die Hnde
schttelte, - gleichsam als Einer, der an Allen Etwas gutzumachen und abzubitten
hat. Als er aber dabei an die Thr seiner Hhle kam, siehe, da gelstete ihn
schon wieder nach der guten Luft da draussen und nach seinen Thieren, - und er
wollte hinaus schlpfen.

Unter Tchtern der Wste
1
"Gehe nicht davon! sagte da der Wanderer, welcher sich den Schatten
Zarathustra's nannte, bleibe bei uns, es mchte uns sonst die alte dumpfe
Trbsal wieder anfallen.
Schon gab uns jener alte Zauberer von seinem Schlimmsten zum Besten, und siehe
doch, der gute fromme Papst da hat Thrnen in den Augen und hat sich ganz wieder
auf's Meer der Schwermuth eingeschifft.
Diese Knige mgen wohl vor uns noch gute Miene machen: das lernten Die nmlich
von uns Allen heute am Besten! Htten sie aber keine Zeugen, ich wette, auch bei
ihnen fienge das bse Spiel wieder an -
- das bse Spiel der ziehenden Wolken, der feuchten Schwermuth, der verhngten
Himmel, der gestohlenen Sonnen, der heulenden Herbst-Winde,
- das bse Spiel unsres Heulens und Nothschreiens: bleibe bei uns, oh
Zarathustra! Hier ist viel verborgenes Elend, das reden will, viel Abend, viel
Wolke, viel dumpfe Luft!
Du nhrtest uns mit starker Manns-Kost und krftigen Sprchen: lass es nicht zu,
dass uns zum Nachtisch die weichlichen weiblichen Geister wieder anfallen!
Du allein machst die Luft um dich herum stark und klar! Fand ich je auf Erden so
gute Luft als bei dir in deiner Hhle?
Viele Lnder sah ich doch, meine Nase lernte vielerlei Luft prfen und
abschtzen: aber bei dir schmecken meine Nstern ihre grsste Lust!
Es sei denn, - es sei denn - , oh vergieb eine alte Erinnerung! Vergieb mir ein
altes Nachtisch-Lied, das ich einst unter Tchtern der Wste dichtete: -
- bei denen nmlich gab es gleich gute helle morgenlndische Luft; dort war ich
am fernsten vom wolkigen feuchten schwermthigen Alt-Europa!
Damals liebte ich solcherlei Morgenland-Mdchen und andres blaues Himmelreich,
ber dem keine Wolken und keine Gedanken hngen.
Ihr glaubt es nicht, wie artig sie dasassen, wenn sie nicht tanzten, tief, aber
ohne Gedanken, wie kleine Geheimnisse, wie bebnderte Rthsel, wie
Nachtisch-Nsse -
bunt und fremd frwahr! aber ohne Wolken: Rthsel, die sich rathen lassen:
solchen Mdchen zu Liebe erdachte ich damals einen Nachtisch-Psalm."
Also sprach der Wanderer und Schatten; und ehe Jemand ihm antwortete, hatte er
schon die Harfe des alten Zauberers ergriffen, die Beine gekreuzt und blickte
gelassen und weise um sich: - mit den Nstern aber zog er langsam und fragend
die Luft ein, wie Einer, der in neuen Lndern neue fremde Luft kostet. Darauf
hob er mit einer Art Gebrll zu singen an.
2
Die Wste wchst: weh Dem, der Wsten birgt!
- Ha! Feierlich!
In der That feierlich!
Ein wrdiger Anfang!
Afrikanisch feierlich!
Eines Lwen wrdig,
Oder eines moralischen Brllaffen -
- aber Nichts fr euch,
Ihr allerliebsten Freundinnen,
Zu deren Fssen mir
Zum ersten Male,
Einem Europer, unter Palmen
Zu sitzen vergnnt ist. Sela.
Wunderbar wahrlich!
Da sitze ich nun,
Der Wste nahe und bereits
So fern wieder der Wste,
Auch in Nichts noch verwstet:
Nmlich hinabgeschluckt
Von dieser kleinsten Oasis - :
- sie sperrte gerade ghnend
Ihr liebliches Maul auf.
Das wohlriechendste aller Mulchen:
Da fiel ich hinein,
Hinab, hindurch - unter euch,
Ihr allerliebsten Freundinnen! Sela.
Heil, Heil jenem Wallfische,
Wenn er also es seinem Gaste
Wohl sein liess! - ihr versteht
Meine gelehrte Anspielung?
Heil seinem Bauche,
Wenn er also
Ein so lieblicher Oasis-Bauch war
Gleich diesem: was ich aber in Zweifel ziehe,
- dafr komme ich aus Europa,
Das zweifelschtiger ist als alle
ltlichen Eheweibchen.
Mge Gott es bessern!
Amen!
Da sitze ich nun,
In dieser kleinsten Oasis,
Einer Dattel gleich,
Braun, durchssst, goldschwrig, lstern
Nach einem runden Mdchenmunde,
Mehr noch aber nach mdchenhaften
Eiskalten schneeweissen schneidigen
Beisszhnen: nach denen nmlich
Lechzt das Herz allen heissen Datteln. Sela.
Den genannten Sdfrchten
hnlich, allzuhnlich
Liege ich hier, von kleinen
Flgelkfern
Umtnzelt und umspielt,
Insgleichen von noch kleineren
Thrichteren boshafteren
Wnschen und Einfllen,
Umlagert von euch,
Ihr stummen, ihr ahnungsvollen
Mdchen-Katzen,
Dudu und Suleika,
- umsphinxt, dass ich in Ein Wort
Viel Gefhle stopfe:
(Vergebe mir Gott
Diese Sprach-Snde!)
- sitze hier, die beste Luft schnffelnd,
Paradieses-Luft wahrlich,
Lichte leichte Luft, goldgestreifte,
So gute Luft nur je
Vom Monde herabfiel -
Sei es aus Zufall,
Oder geschah es aus bermuthe?
Wie die alten Dichter erzhlen.
Ich Zweifler aber ziehe es
In Zweifel, dafr aber komme ich
Aus Europa,
Das zweifelschtiger ist als alle
ltlichen Eheweibchen.
Mge Gott es bessern!
Amen!
Diese schnste Luft trinkend,
Mit Nstern geschwellt gleich Bechern,
Ohne Zukunft, ohne Erinnerungen,
So sitze ich hier, ihr
Allerliebsten Freundinnen,
Und sehe der Palme zu,
Wie sie, einer Tnzerin gleich,
Sich biegt und schmiegt und in der Hfte wiegt,
- man thut es mit, sieht man lange zu!
Einer Tnzerin gleich, die, wie mir scheinen will,
Zu lange schon, gefhrlich lange
Immer, immer nur auf Einem Beine stand?
- da vergass sie darob, wie mir scheinen will,
Das andre Bein?
Vergebens wenigstens
Suchte ich das vermisste
Zwillings-Kleinod
- nmlich das andre Bein -
In der heiligen Nhe
Ihres allerliebsten, allerzierlichsten
Fcher- und Flatter- und Flitterrckchens.
ja, wenn ihr mir, ihr schnen Freundinnen,
Ganz glauben wollt:
Sie hat es verloren!
Es ist dahin!
Auf ewig dahin!
Das andre Bein!
Oh schade um dieses liebliche andre Bein!
Wo - mag es wohl weilen und verlassen trauern?
Das einsame Bein?
In Furcht vielleicht vor einem
Grimmen gelben blondgelockten
Lwen-Unthiere? Oder gar schon
Abgenagt, abgeknabbert -
Erbrmlich, wehe! wehe! abgeknabbert! Sela.
Oh weint mir nicht,
Weiche Herzen!
Weint mir nicht, ihr
Dattel-Herzen! Milch-Busen!
Ihr Sssholz-Herz-
Beutelchen!
Weine nicht mehr,
Bleiche Dudu!
Sei ein Mann, Suleika! Muth! Muth!
- Oder sollte vielleicht
Etwas Strkendes, Herz-Strkendes,
Hier am Platze sein?
Ein gesalbter Spruch?
Ein feierlicher Zuspruch? -
Ha! Herauf, Wrde!
Tugend-Wrde! Europer-Wrde!
Blase, blase wieder,
Blasebalg der Tugend!
Ha!
Noch Ein Mal brllen,
Moralisch brllen!
Als moralischer Lwe
Vor den Tchtern der Wste brllen!
- Denn Tugend-Geheul,
Ihr allerliebsten Mdchen,
Ist mehr als Alles
Europer-Inbrunst, Europer-Heisshunger!
Und da stehe ich schon,
Als Europer,
Ich kann nicht anders, Gott helfe mir!
Amen!
Die Wste wchst: weh Dem, der Wsten birgt!

Die Erweckung
1
Nach dem Liede des Wanderers und Schattens wurde die Hhle mit Einem Male voll
Lrmens und Lachens; und da die versammelten Gste alle zugleich redeten, und
auch der Esel, bei einer solchen Ermuthigung, nicht mehr still blieb, berkam
Zarathustra ein kleiner Widerwille und Spott gegen seinen Besuch: ob er sich
gleich ihrer Frhlichkeit erfreute. Denn sie dnkte ihm ein Zeichen der
Genesung. So schlpfte er hinaus in's Freie und sprach zu seinen Thieren.
"Wo ist nun ihre Noth hin? sprach er, und schon athmete er selber von seinem
kleinen berdrusse auf, - bei mir verlernten sie, wie mich dnkt, das
Nothschrein!
- wenn auch, leider, noch nicht das Schrein." Und Zarathustra hielt sich die
Ohren zu, denn eben mischte sich das I-A des Esels wunderlich mit dem Jubel-Lrm
dieser hheren Menschen.
"Sie sind lustig, begann er wieder, und wer weiss? vielleicht auf ihres Wirthes
Unkosten; und lernten sie von mir lachen, so ist es doch nicht mein Lachen, das
sie lernten.
Aber was liegt daran! Es sind alte Leute: sie genesen auf ihre Art, sie lachen
auf ihre Art; meine Ohren haben schon Schlimmeres erduldet und wurden nicht
unwirsch.
Dieser Tag ist ein Sieg: er weicht schon, er flieht, der Geist der Schwere, mein
alter Erzfeind! Wie gut will dieser Tag enden, der so schlimm und schwer begann!
Und enden will er. Schon kommt der Abend: ber das Meer her reitet er, der gute
Reiter! Wie er sich wiegt, der Selige, Heimkehrende, in seinen purpurnen
Stteln!
Der Himmel blickt klar dazu, die Welt liegt tief: oh all ihr Wunderlichen, die
ihr zu mir kamt, es lohnt sich schon, bei mir zu leben!"
Also sprach Zarathustra. Und wieder kam da das Geschrei und Gelchter der
hheren Menschen aus der Hhle: da begann er von Neuem.
"Sie beissen an, mein Kder wirkt, es weicht auch ihnen ihr Feind, der Geist
der Schwere. Schon lernen sie ber sich selber lachen: hre ich recht?
Meine Manns-Kost wirkt, mein Saft- und Kraft-Spruch: und wahrlich, ich nhrte
sie nicht mit Blh-Gemsen! Sondern mit Krieger-Kost, mit Eroberer-Kost: neue
Begierden weckte ich.
Neue Hoffnungen sind in ihren Armen und Beinen, ihr Herz streckt sich aus. Sie
finden neue Worte, bald wird ihr Geist Muthwillen athmen.
Solche Kost mag freilich nicht fr Kinder sein, noch auch fr sehnschtige alte
und junge Weibchen. Denen berredet man anders die Eingeweide; deren Arzt und
Lehrer bin ich nicht.
Der Ekel weicht diesen hheren Menschen: wohlan! das ist mein Sieg. In meinem
Reiche werden sie sicher, alle dumme Scham luft davon, sie schtten sich aus.
Sie schtten ihr Herz aus, gute Stunden kehren ihnen zurck, sie feiern und
kuen wieder, - sie werden dankbar.
Das nehme ich als das beste Zeichen: sie werden dankbar. Nicht lange noch, und
sie denken sich Feste aus und stellen Denksteine ihren alten Freuden auf.
Es sind Genesende!" Also sprach Zarathustra frhlich zu seinem Herzen und
schaute hinaus; seine Thiere aber drngten sich an ihn und ehrten sein Glck und
sein Stillschweigen.
2
Pltzlich aber erschrak das Ohr Zarathustra's: die Hhle nmlich, welche bisher
voller Lrmens und Gelchters war, wurde mit Einem Male todtenstill; - seine
Nase aber roch einen wohlriechenden Qualm und Weihrauch, wie von brennenden
Pinien-Zapfen.
"Was geschieht? Was treiben sie?" fragte er sich und schlich zum Eingange
heran, dass er seinen Gsten, unvermerkt, zusehn knne. Aber, Wunder ber
Wunder! was musste er da mit seinen eignen Augen sehn!
"Sie sind Alle wieder fromm geworden, sie beten, sie sind toll!" - sprach er
und verwundene sich ber die Maassen. Und, frwahr!, alle diese hheren
Menschen, die zwei Knige, der Papst ausser Dienst, der schlimme Zauberer, der
freiwillige Bettler, der Wanderer und Schatten, der alte Wahrsager, der
Gewissenhafte des Geistes und der hsslichste Mensch: sie lagen Alle gleich
Kindern und glubigen alten Weibchen auf den Knien und beteten den Esel an. Und
eben begann der hsslichste Mensch zu gurgeln und zu schnauben, wie als ob etwas
Unaussprechliches aus ihm heraus wolle; als er es aber wirklich bis zu Worten
gebracht hatte, siehe, da war es eine fromme seltsame Litanei zur Lobpreisung
des angebeteten und angerucherten Esels. Diese Litanei aber klang also:
Amen! Und Lob und Ehre und Weisheit und Dank und Preis und Strke sei unserm
Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit!
- Der Esel aber schrie dazu I-A.
Er trgt unsre Last, er nahm Knechtsgestalt an, er ist geduldsam von Herzen und
redet niemals Nein; und wer seinen Gott liebt, der zchtigt ihn.
- Der Esel aber schrie dazu I-A.
Er redet nicht: es sei denn, dass er zur Welt, die er Schuf, immer Ja sagt: also
preist er seine Welt. Seine Schlauheit ist es, die nicht redet: so bekommt er
selten Unrecht.
- Der Esel aber schrie dazu I-A.
Unscheinbar geht er durch die Welt. Grau ist die Leib-Farbe, in welche er seine
Tugend hllt. Hat er Geist, so verbirgt er ihn; Jedermann aber glaubt an seine
langen Ohren.
- Der Esel aber schrie dazu I-A.
Welche verborgene Weisheit ist das, dass er lange Ohren trgt und allein ja und
nimmer Nein sagt! Hat er nicht die Welt erschaffen nach seinem Bilde, nmlich so
dumm als mglich?
- Der Esel aber schrie dazu I-A.
Du gehst gerade und krumme Wege; es kmmert dich wenig, was uns Menschen gerade
oder krumm dnkt. Jenseits von Gut und Bse ist dein Reich. Es ist deine
Unschuld, nicht zu wissen, was Unschuld ist.
- Der Esel aber schrie dazu I-A.
Siehe doch, wie du Niemanden von dir stssest, die Bettler nicht, noch die
Knige. Die Kindlein lssest du zu dir kommen, und wenn dich die bsen Buben
locken, so sprichst du einfltiglich I-A.
- Der Esel aber schrie dazu I-A.
Du liebst Eselinnen und frische Feigen, du bist kein Kostverchter. Eine Distel
kitzelt dir das Herz, wenn du gerade Hunger hast. Darin liegt eines Gottes
Weisheit.
- Der Esel aber schrie dazu I-A.

Das Eselsfest
1
An dieser Stelle der Litanei aber konnte Zarathustra sich nicht lnger
bemeistern, schrie selber I-A, lauter noch als der Esel, und sprang mitten unter
seine tollgewordenen Gste.
"Aber was treibt ihr da, ihr Menschenkinder? rief er, indem er die Betenden vom
Boden empor riss. Wehe, wenn euch Jemand Anderes zushe als Zarathustra:
Jeder wrde urtheilen, ihr wret mit eurem neuen Glauben die rgsten
Gotteslsterer oder die thrichtsten aller alten Weiblein!
Und du selber, du alter Papst, wie stimmt Das mit dir selber zusammen, dass du
solchergestalt einen Esel hier als Gott anbetest?" -
"Oh Zarathustra, antwortete der Papst, vergieb mir, aber in Dingen Gottes bin
ich aufgeklrter noch als du. Und so ist's billig.
Lieber Gott also anbeten, in dieser Gestalt, als in gar keiner Gestalt! Denke
ber diesen Spruch nach, mein hoher Freund: du errthst geschwind, in solchem
Spruch steckt Weisheit.
Der, welcher sprach "Gott ist ein Geist" - der machte bisher auf Erden den
grssten Schritt und Sprung zum Unglauben: solch Wort ist auf Erden nicht leicht
wieder gut zu machen!
Mein altes Herz springt und hpft darob, dass es auf Erden noch Etwas anzubeten
giebt. Vergieb das, oh Zarathustra, einem alten frommen Papst-Herzen! -"
- "Und du, sagte Zarathustra zu dem Wanderer und Schatten, du nennst und whnst
dich einen freien Geist? Und treibst hier solchen Gtzen- und Pfaffendienst?
Schlimmer, wahrlich, treibst du's hier noch als bei deinen schlimmen braunen
Mdchen, du schlimmer neuer Glubiger!"
"Schlimm genug, antwortete der Wanderer und Schatten, du hast Recht: aber was
kann ich dafr! Der alte Gott lebt wieder, Oh Zarathustra, du magst reden, was
du willst.
Der hsslichste Mensch ist an Allem schuld: der hat ihn wieder auferweckt. Und
wenn er sagt, dass er ihn einst getdtet habe: Tod ist bei Gttern immer nur ein
Vorurtheil."
- Und du, sprach Zarathustra, du schlimmer alter Zauberer, was thatest du! Wer
soll, in dieser freien Zeit, frderhin an dich glauben, wenn du an solche
Gtter-Eseleien glaubst?
Es war eine Dummheit, was du thatest; wie konntest du, du Kluger, eine solche
Dummheit thun!
"Oh Zarathustra, antwortete der kluge Zauberer, du hast Recht, es war eine
Dummheit, - es ist mir auch schwer genug geworden."
- "Und du gar, sagte Zarathustra, zu dem Gewissenhaften des Geistes, erwge
doch und lege den Finger an deine Nase! Geht hier denn Nichts wider dein
Gewissen? Ist dein Geist nicht zu reinlich fr diess Beten und den Dunst dieser
Betbrder?"
"Es ist Etwas daran, antwortete der Gewissenhafte und legte den Finger an die
Nase, es ist Etwas an diesem Schauspiele, das meinem Gewissen sogar wohlthut.
Vielleicht, dass ich an Gott nicht glauben darf: gewiss aber ist, dass Gott mir
in dieser Gestalt noch am glaubwrdigsten dnkt.
Gott soll ewig sein, nach dem Zeugnisse der Frmmsten: wer so viel Zeit hat,
lsst sich Zeit. So langsam und so dumm als mglich: damit kann ein Solcher es
doch sehr weit bringen.
Und wer des Geistes zu viel hat, der mchte sich wohl in die Dumm- und Narrheit
selber vernarren. Denke ber dich selber nach, oh Zarathustra!
Du selber - wahrlich! auch du knntest wohl aus berfluss und Weisheit zu einem
Esel werden.
Geht nicht ein vollkommner Weiser gern auf den krmmsten Wegen? Der Augenschein
lehrt es, oh Zarathustra, - dein Augenschein!"
- "Und du selber zuletzt, sprach Zarathustra und wandte sich gegen den
hsslichsten Menschen, der immer noch auf dem Boden lag, den Arm zu dem Esel
emporhebend (er gab ihm nmlich Wein zu trinken). Sprich, du Unaussprechlicher,
was hast du da gemacht!
Du dnkst mich verwandelt, dein Auge glht, der Mantel des Erhabenen liegt um
deine Hsslichkeit: was thatest du?
Ist es denn wahr, was jene sagen, dass du ihn wieder auferwecktest? Und wozu?
War er nicht mit Grund abgetdtet und abgethan?
Du selber dnkst mich aufgeweckt: was thatest du? was kehrtest du um? Was
bekehrtest du dich? Sprich, du Unaussprechlicher?"
"Oh Zarathustra, antwortete der hsslichste Mensch, du bist ein Schelm!
Ob Der noch lebt oder wieder lebt oder grndlich todt ist, - wer von uns Beiden
weiss Das am Besten? Ich frage dich.
Eins aber weiss ich, - von dir selber lernte ich's einst, oh Zarathustra: wer am
grndlichsten tdten will, der lacht.
"Nicht durch Zorn, sondern durch Lachen tdtet man" - so sprachst du einst. Oh
Zarathustra, du Verborgener, du Vernichter ohne Zorn, du gefhrlicher Heiliger,
- du bist ein Schelm!"
2
Da aber geschah es, dass Zarathustra, verwundert ber lauter solche
Schelmen-Antworten, zur Thr seiner Hhle zurck sprang und, gegen alle seine
Gste gewendet, mit starker Stimme schrie:
"Oh ihr Schalks-Narren allesammt, ihr Possenreisser! Was verstellt und
versteckt ihr euch vor mir!
Wie doch einem jeden von euch das Herz zappelte vor Lust und Bosheit, darob,
dass ihr endlich einmal wieder wurdet wie die Kindlein, nmlich fromm, -
- dass ihr endlich wieder thatet wie Kinder thun, nmlich betetet,
hnde-faltetet und "lieber Gott" sagtet!
Aber nun lasst mir diese Kinderstube, meine eigne Hhle, wo heute alle Kinderei
zu Hause ist. Khlt hier draussen euren heissen Kinder-bermuth und Herzenslrm
ab!
Freilich: so ihr nicht werdet wie die Kindlein, so kommt ihr nicht in das
Himmelreich. (Und Zarathustra zeigte mit den Hnden nach Oben.)
Aber wir wollen auch gar nicht in's Himmelreich: Mnner sind wir worden, - so
wollen wir das Erdenreich."
3
Und noch einmal hob Zarathustra an zu reden. "Oh meine neuen Freunde, sprach
er, - ihr Wunderlichen, ihr hheren Menschen, wie gut gefallt ihr mir nun, -
- seit ihr wieder frhlich wurdet! Ihr seid wahrlich Alle aufgeblht: mich
dnkt, solchen Blumen, wie ihr seid, thun neue Feste noth,
- ein kleiner tapferer Unsinn, irgend ein Gottesdienst und Eselsfest, irgend ein
alter frhlicher Zarathustra-Narr, ein Brausewind, der euch die Seelen hell
blst.
Vergesst die Nacht und diess Eselsfest nicht, ihr hheren Menschen! Das erfandet
ihr bei mir, Das nehme ich als gutes Wahrzeichen, - Solcherlei erfinden nur
Genesende!
Und feiert ihr es abermals, dieses Eselsfest, thut's euch zu Liebe, thut's auch
mir zu Liebe! Und zu meinem Gedchtniss!"
Also sprach Zarathustra.

Das Nachtwandler-Lied
1
Inzwischen aber war Einer nach dem Andern hinaus getreten, in's Freie und in die
khle nachdenkliche Nacht; Zarathustra selber aber fhrte den hsslichsten
Menschen an der Hand, dass er ihm seine Nacht-Welt und den grossen runden Mond
und die silbernen Wasserstrze bei seiner Hhle zeige. Da standen sie endlich
still bei einander, lauter alte Leute, aber mit einem getrsteten tapferen
Herzen und verwundert bei sich, dass es ihnen auf Erden so wohl war; die
Heimlichkeit der Nacht aber kam ihnen nher und nher an's Herz. Und von Neuem
dachte Zarathustra bei sich: "oh wie gut sie mir nun gefallen, diese hheren
Menschen!" - aber er sprach es nicht aus, denn er ehrte ihr Glck und ihr
Stillschweigen. -
Da aber geschah Das, was an jenem erstaunlichen langen Tage das Erstaunlichste
war: der hsslichste Mensch begann noch ein Mal und zum letzten Mal zu gurgeln
und zu schnauben, und als er es bis zu Worten gebracht hatte, siehe, da sprang
eine Frage rund und reinlich aus seinem Munde, eine gute tiefe klare Frage,
welche Allen, die ihm zuhrten, das Herz im Leibe bewegte.
"Meine Freunde insgesammt, sprach der hsslichste Mensch, was dnket euch? Um
dieses Tags Willen - ich bin's zum ersten Male zufrieden, dass ich das ganze
Leben lebte.
Und dass ich so viel bezeuge, ist mir noch nicht genug. Es lohnt sich auf der
Erde zu leben: Ein Tag, Ein Fest mit Zarathustra lehrte mich die Erde lieben.
"War Das - das Leben?" will ich zum Tode sprechen. "Wohlan! Noch Ein Mal!"
Meine Freunde, was dnket euch? Wollt ihr nicht gleich mir zum Tode sprechen:
War Das - das Leben? Um Zarathustra's Willen, wohlan! Noch Ein Mal!" -
Also sprach der hsslichste Mensch; es war aber nicht lange vor Mitternacht. Und
was glaubt ihr wohl, dass damals sich zutrug? Sobald die hheren Menschen seine
Frage hrten, wurden sie sich mit Einem Male ihrer Verwandlung und Genesung
bewusst, und wer ihnen dieselbe gegeben habe: da sprangen sie auf Zarathustra
zu, dankend, verehrend, liebkosend, ihm die Hnde kssend, so wie es der Art
eines Jeden eigen war: also dass Einige lachten, Einige weinten. Der alte
Wahrsager aber tanzte vor Vergngen; und wenn er auch, wie manche Erzhler
meinen, damals voll sssen Weines war, so war er gewisslich noch voller des
sssen Lebens und hatte aller Mdigkeit abgesagt. Es giebt sogar Solche, die
erzhlen, dass damals der Esel getanzt habe: nicht umsonst nmlich habe ihm der
hsslichste Mensch vorher Wein zu trinken gegeben. Diess mag sich nun so
verhalten oder auch anders; und wenn in Wahrheit an jenem Abende der Esel nicht
getanzt hat, so geschahen doch damals grssere und seltsamere Wunderdinge als es
das Tanzen eines Esels wre. Kurz, wie das Sprichwort Zarathustra's lautet:
"was liegt daran!"
2
Zarathustra aber, als sich diess mit dem hsslichsten Menschen zutrug, stand da,
wie ein Trunkener: sein Blick erlosch, seine Zunge lallte, seine Fsse
schwankten. Und wer mchte auch errathen, welche Gedanken dabei ber
Zarathustra's Seele liefen? Ersichtlich aber wich sein Geist zurck und floh
voraus und war in weiten Fernen und gleichsam "auf hohem Joche, wie geschrieben
steht, zwischen zwei Meeren,
- zwischen Vergangenem und Zuknftigem als schwere Wolke wandelnd." Allgemach
aber, whrend ihn die hheren Menschen in den Armen hielten, kam er ein Wenig zu
sich selber zurck und wehrte mit den Hnden dem Gedrnge der Verehrenden und
Besorgten; doch sprach er nicht. Mit Einem Male aber wandte er schnell den Kopf,
denn er schien Etwas zu hren: da legte er den Finger an den Mund und sprach:
"Kommt!"
Und alsbald wurde es rings still und heimlich; aus der Tiefe aber kam langsam
der Klang einer Glocke herauf. Zarathustra horchte darnach, gleich den hheren
Menschen; dann aber legte er zum andern Male den Finger an den Mund und sprach
wiederum: "Kommt! Kommt! Es geht gen Mitternacht!" - und seine Stimme hatte
sich verwandelt. Aber immer noch rhrte er sich nicht von der Stelle: da wurde
es noch stiller und heimlicher, und Alles horchte, auch der Esel, und
Zarathustra's Ehrenthiere, der Adler und die Schlange, insgleichen die Hhle
Zarathustra's und der grosse khle Mond und die Nacht selber. Zarathustra aber
legte zum dritten Male die Hand an den Mund und sprach:
Kommt! Kommt! Kommt! Lasst uns jetzo wandeln! Es ist die Stunde: lasst uns in
die Nacht wandeln!
3
Ihr hheren Menschen, es geht gen Mitternacht: da will ich euch Etwas in die
Ohren sagen, wie jene alte Glocke es mir in's Ohr sagt, -
- so heimlich, so schrecklich, so herzlich, wie jene Mitternachts-Glocke zu mir
es redet, die mehr erlebt hat als Ein Mensch:
- welche schon eurer Vter Herzens-Schmerzens-Schlge abzhlte - ach! ach! wie
sie seufzt! wie sie im Traume lacht! die alte tiefe tiefe Mitternacht!
Still! Still! Da hrt sich Manches, das am Tage nicht laut werden darf; nun
aber, bei khler Luft, da auch aller Lrm eurer Herzen stille ward, -
- nun redet es, nun hrt es sich, nun schleicht es sich in nchtliche berwache
Seelen: ach! ach! wie sie seufzt! wie sie im Traume lacht!
- hrst du's nicht, wie sie heimlich, schrecklich, herzlich zu dir redet, die
alte tiefe tiefe Mitternacht? Oh Mensch, gieb Acht!
4
Wehe mir! Wo ist die Zeit hin? Sank ich nicht in tiefe Brunnen? Die Welt schlft
-
Ach! Ach! Der Hund heult, der Mond scheint. Lieber will ich sterben, sterben,
als euch sagen, was mein Mitternachts-Herz eben denkt.
Nun starb ich schon. Es ist dahin. Spinne, was spinnst du um mich? Willst du
Blut? Ach! Ach! der Thau fllt, die Stunde kommt -
- die Stunde, wo mich frstelt und friert, die fragt und fragt und fragt: "wer
hat Herz genug dazu?
- wer soll der Erde Herr sein? Wer will sagen: so sollt ihr laufen, ihr grossen
und kleinen Strme!"
- die Stunde naht: oh Mensch, du hherer Mensch, gieb Acht! diese Rede ist fr
feine Ohren, fr deine Ohren was spricht die tiefe Mitternacht?
5
Es trgt mich dahin, meine Seele tanzt. Tagewerk! Tagewerk! Wer soll der Erde
Herr sein?
Der Mond ist khl, der Wind schweigt. Ach! Ach! Flogt ihr schon hoch genug? Ihr
tanztet: aber ein Bein ist doch kein Flgel.
Ihr guten Tnzer, nun ist alle Lust vorbei, Wein ward Hefe, jeder Becher ward
mrbe, die Grber stammeln.
Ihr flogt nicht hoch genug: nun stammeln die Grber "erlst doch die Todten!
Warum ist so lange Nacht? Macht uns nicht der Mond trunken?"
Ihr hheren Menschen, erlst doch die Grber, weckt die Leichname auf! Ach, was
grbt noch der Wurm? Es naht, es naht die Stunde, -
- es brummt die Glocke, es schnarrt noch das Herz, es grbt noch der Holzwurm,
der Herzenswurm. Ach! Ach! Die Welt ist tief!
6
Ssse Leier! Ssse Leier! Ich liebe deinen Ton, deinen trunkenen Unken-Ton! -
wie lang her, wie fern her kommt mir dein Ton, weit her, von den Teichen der
Liebe!
Du alte Glocke, du ssse Leier! Jeder Schmerz riss dir in's Herz, Vaterschmerz,
Vterschmerz, Urvterschmerz, deine Rede wurde reif,-
- reif gleich goldenem Herbste und Nachmittage, gleich meinem Einsiedlerherzen -
nun redest du: die Welt selber ward reif, die Traube brunt,
- nun will sie sterben, vor Glck sterben. Ihr hheren Menschen, riecht ihr's
nicht? Es quillt heimlich ein Geruch herauf,
- ein Duft und Geruch der Ewigkeit, ein rosenseliger, brauner Gold-Wein-Geruch
von altem Glcke,
von trunkenem Mitternachts-Sterbeglcke, welches singt: die Welt ist tief und
tiefer als der Tag gedacht!
7
Lass mich! Lass mich! Ich bin zu rein fr dich. Rhre mich nicht an! Ward meine
Welt nicht eben vollkommen?
Meine Haut ist zu rein fr deine Hnde. Lass mich, du dummer tlpischer dumpfer
Tag! Ist die Mitternacht nicht heller?
Die Reinsten sollen der Erde Herrn sein, die Unerkanntesten, Strksten, die
Mitternachts-Seelen, die heller und tiefer sind als jeder Tag.
Oh Tag, du tappst nach mir? Du tastest nach meinem Glcke? Ich bin dir reich,
einsam, eine Schatzgrube, eine Goldkammer?
Oh Welt, du willst mich? Bin ich dir weltlich? Bin ich dir geistlich? Bin ich
dir gttlich? Aber Tag und Welt, ihr seid zu plump, -
- habt klgere Hnde, greift nach tieferem Glcke, nach tieferem Unglcke,
greift nach irgend einem Gotte, greift nicht nach mir:
- mein Unglck, mein Glck ist tief, du wunderlicher Tag, aber doch bin ich kein
Gott, keine Gottes-Hlle: tief ist ihr Weh.
8
Gottes Weh ist tiefer, du wunderliche Welt! Greife nach Gottes Weh, nicht nach
mir! Was bin ich! Eine trunkene ssse Leier, -
eine Mitternachts-Leier, eine Glocken-Unke, die Niemand versteht, aber welche
reden muss, vor Tauben, ihr hheren Menschen! Denn ihr versteht mich nicht!
Dahin! Dahin! Oh Jugend! Oh Mittag! Oh Nachmittag! Nun kam Abend und Nacht und
Mitternacht, - der Hund heult, der Wind:
- ist der Wind nicht ein Hund? Er winselt, er klfft, er heult. Ach! Ach! wie
sie seufzt! wie sie lacht, wie sie rchelt und keucht, die Mitternacht!
Wie sie eben nchtern spricht, diese trunkene Dichterin! sie bertrat wohl ihre
Trunkenheit? sie wurde berwach? sie kut zurck?
- ihr Weh kut sie zurck, im Traume, die alte tiefe Mitternacht, und mehr noch
ihre Lust. Lust nmlich, wenn schon Weh tief ist: Lust ist tiefer noch als
Herzeleid.
9
Du Weinstock! Was preisest du mich? Ich schnitt dich doch! Ich bin grausam, du
blutest -: was will dein Lob meiner trunkenen Grausamkeit?
"Was vollkommen ward, alles Reife - will sterben!" so redest du. Gesegnet,
gesegnet sei das Winzermesser! Aber alles Unreife will leben: wehe!
Weh spricht: "Vergeh! Weg, du Wehe!" Aber Alles, was leidet, will leben, dass
es reif werde und lustig und sehnschtig,
- sehnschtig nach Fernerem, Hherem, Hellerem. "Ich will Erben, so spricht
Alles, was leidet, ich will Kinder, ich will nicht mich," -
Lust aber will nicht Erben, nicht Kinder, - Lust will sich selber, will
Ewigkeit, will Wiederkunft, will Alles-sich-ewig-gleich.
Weh spricht: "Brich, blute, Herz! Wandle, Bein! Flgel, flieg! Hinan! Hinauf!
Schmerz!" Wohlan! Wohlauf! Oh mein altes Herz: Weh spricht: "vergeh!"
10
Ihr hheren Menschen, was dnket euch? Bin ich ein Wahrsager? Ein Trumender?
Trunkener? Ein Traumdeuter? Eine Mitternachts-Glocke?
Ein Tropfen Thau's? Ein Dunst und Duft der Ewigkeit? Hrt ihr's nicht? Riecht
ihr's nicht? Eben ward meine Welt vollkommen, Mitternacht ist auch Mittag, -
Schmerz ist auch eine Lust, Fluch ist auch ein Segen, Nacht ist auch eine Sonne,
- geht davon oder ihr lernt: ein Weiser ist auch ein Narr.
Sagtet ihr jemals ja zu Einer Lust? Oh, meine Freunde, so sagtet ihr Ja auch zu
allem Wehe. Alle Dinge sind verkettet, verfdelt, verliebt, -
- wolltet ihr jemals Ein Mal Zwei Mal, spracht ihr jemals "du gefllst mir,
Glck! Husch! Augenblick!" so wolltet ihr Alles zurck!
- Alles von neuem, Alles ewig, Alles verkettet, verfdelt, verliebt, oh so
liebtet ihr die Welt, -
- ihr Ewigen, liebt sie ewig und allezeit: und auch zum Weh sprecht ihr: vergeh,
aber komm zurck! Denn alle Lust will - Ewigkeit!
11
Alle Lust will aller Dinge Ewigkeit, will Honig, will Hefe, will trunkene
Mitternacht, will Grber, will Grber-Thrnen-Trost, will vergldetes Abendroth
-
- was will nicht Lust! sie ist durstiger, herzlicher, hungriger, schrecklicher,
heimlicher als alles Weh, sie will sich, sie beisst in sich, des Ringes Wille
ringt in ihr, -
- sie will Liebe, sie will Hass, sie ist berreich, schenkt, wirft weg, bettelt,
dass Einer sie nimmt, dankt dem Nehmenden, sie mchte gern gehasst sein, -
- so reich ist Lust, dass sie nach Wehe durstet, nach Hlle, nach Hass, nach
Schmach, nach dem Krppel, nach Welt, - denn diese Welt, oh ihr kennt sie ja!
Ihr hheren Menschen, nach euch sehnt sie sich, die Lust, die unbndige, selige,
- nach eurem Weh, ihr Missrathenen! Nach Missrathenem sehnt sich alle ewige
Lust.
Denn alle Lust will sich selber, drum will sie auch Herzeleid! Oh Glck, oh
Schmerz! Oh brich, Herz! Ihr hheren Menschen, lernt es doch, Lust will
Ewigkeit,
- Lust will aller Dinge Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit!
12
Lerntet ihr nun mein Lied? Erriethet ihr, was es will? Wohlan! Wohlauf! Ihr
hheren Menschen, so singt mir nun meinen Rundgesang!
Singt mir nun selber das Lied, dess Name ist "Noch ein Mal", dess Sinn ist
"in alle Ewigkeit!", singt, ihr hheren Menschen, Zarathustra's Rundgesang!
Oh Mensch! Gieb Acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
"Ich schlief, ich schlief -,
"Aus tiefem Traum bin ich erwacht: -
"Die Welt ist tief,
"Und tiefer als der Tag gedacht.
"Tief ist ihr Weh -,
"Lust - tiefer noch als Herzeleid:
"Weh spricht: Vergeh!
"Doch alle Lust will Ewigkeit
"will tiefe, tiefe Ewigkeit!"

Das Zeichen
Des Morgens aber nach dieser Nacht sprang Zarathustra von seinem Lager auf,
grtete sich die Lenden und kam heraus aus seiner Hhle, glhend und stark, wie
eine Morgensonne, die aus dunklen Bergen kommt.
"Du grosses Gestirn, sprach er, wie er einstmal gesprochen hatte, du tiefes
Glcks-Auge, was wre all dein Glck, wenn du nicht Die httest, welchen du
leuchtest!
Und wenn sie in ihren Kammern blieben, whrend du schon wach bist und kommst und
schenkst und austheilst: wie wrde darob deine stolze Scham zrnen!
Wohlan! sie schlafen noch, diese hheren Menschen, whrend ich wach bin: das
sind nicht meine rechten Gefhrten! Nicht auf sie warte ich hier in meinen
Bergen.
Zu meinem Werke will ich, zu meinem Tage: aber sie verstehen nicht, was die
Zeichen meines Morgens sind, mein Schritt - ist fr sie kein Weckruf.
Sie schlafen noch in meiner Hhle, ihr Traum kut noch an meinen Mitternchten.
Das Ohr, das nach mir horcht, - das gehorchende Ohr fehlt in ihren Gliedern."
- Diess hatte Zarathustra zu seinem Herzen gesprochen, als die Sonne aufgieng:
da blickte er fragend in die Hhe, denn er hrte ber sich den scharfen Ruf
seines Adlers. "Wohlan! rief er hinauf, so gefllt und gebhrt es mir. Meine
Thiere sind wach, denn ich bin wach.
Mein Adler ist wach und ehrt gleich mir die Sonne. Mit Adlers-Klauen greift er
nach dem neuen Lichte. Ihr seid meine rechten Thiere; ich liebe euch.
Aber noch fehlen mir meine rechten Menschen!" -
Also sprach Zarathustra; da aber geschah es, dass er sich pltzlich wie von
unzhligen Vgeln umschwrmt und umflattert hrte, - das Geschwirr so vieler
Flgel aber und das Gedrng um sein Haupt war so gross, dass er die Augen
schloss. Und wahrlich, einer Wolke gleich fiel es ber ihn her, einer Wolke von
Pfeilen gleich, welche sich ber einen neuen Feind ausschttet. Aber siehe, hier
war es eine Wolke der Liebe, und ber einen neuen Freund.
"Was geschieht mir?" dachte Zarathustra in seinem erstaunten Herzen und liess
sich langsam auf dem grossen Steine nieder, der neben dem Ausgange seiner Hhle
lag. Aber, indem er mit den Hnden um sich und ber sich und unter sich griff,
und den zrtlichen Vgeln wehrte, siehe, da geschah ihm etwas noch Seltsameres:
er griff nmlich dabei unvermerkt in ein dichtes warmes Haar-Gezottel hinein;
zugleich aber erscholl vor ihm ein Gebrll, - ein sanftes langes Lwen-Brllen.
"Das Zeichen kommt," sprach Zarathustra und sein Herz verwandelte sich. Und in
Wahrheit, als es helle vor ihm wurde, da lag ihm ein gelbes mchtiges Gethier zu
Fssen und schmiegte das Haupt an seine Knie und wollte nicht von ihm lassen vor
Liebe und that einem Hunde gleich, welcher seinen alten Herrn wiederfindet. Die
Tauben aber waren mit ihrer Liebe nicht minder eifrig als der Lwe; und jedes
Mal, wenn eine Taube ber die Nase des Lwen huschte, schttelte der Lwe das
Haupt und wunderte sich und lachte dazu.
Zu dem Allen sprach Zarathustra nur Ein Wort: "meine Kinder sind nahe, meine
Kinder" -, dann wurde er ganz stumm. Sein Herz aber war gelst, und aus seinen
Augen tropften Thrnen herab und fielen auf seine Hnde. Und er achtete keines
Dings mehr und sass da, unbeweglich und ohne dass er sich noch gegen die Thiere
wehrte. Da flogen die Tauben ab und zu und setzten sich ihm auf die Schulter und
liebkosten sein weisses Haar und wurden nicht mde mit Zrtlichkeit und
Frohlocken. Der starke Lwe aber leckte immer die Thrnen, welche auf die Hnde
Zarathustra's herabfielen und brllte und brummte schchtern dazu. Also trieben
es diese Thiere. -
Diess Alles dauerte eine lange Zeit, oder eine kurze Zeit: denn, recht
gesprochen, giebt es fr dergleichen Dinge auf Erden keine Zeit -. Inzwischen
aber waren die hheren Menschen in der Hhle Zarathustra's wach geworden und
ordneten sich mit einander zu einem Zuge an, dass sie Zarathustra entgegen
giengen und ihm den Morgengruss bten: denn sie hatten gefunden, als sie
erwachten, dass er schon nicht mehr unter ihnen weilte. Als sie aber zur Thr
der Hhle gelangten, und das Gerusch ihrer Schritte ihnen voranlief, da stutzte
der Lwe gewaltig, kehrte sich mit Einem Male von Zarathustra ab und sprang,
wild brllend, auf die Hhle los; die hheren Menschen aber, als sie ihn brllen
hrten, schrien alle auf, wie mit Einem Munde, und flohen zurck und waren im Nu
verschwunden.
Zarathustra selber aber, betubt und fremd, erhob sich von seinem Sitze, sah um
sich, stand staunend da, fragte sein Herz, besann sich und war allein. "Was
hrte ich doch? sprach er endlich langsam, was geschah mir eben?"
Und schon kam ihm die Erinnerung, und er begriff mit Einem Blicke Alles, was
zwischen Gestern und Heute sich begeben hatte. "Hier ist ja der Stein, sprach
er und strich sich den Bart, auf dem sass ich gestern am Morgen; und hier trat
der Wahrsager zu mir, und hier hrte ich zuerst den Schrei, den ich eben hrte,
den grossen Nothschrei.
Oh ihr hheren Menschen, von eurer Noth war's ja, dass gestern am Morgen jener
alte Wahrsager mir wahrsagte, -
- zu eurer Noth wollte er mich verfuhren und versuchen: oh Zarathustra, sprach
er zu mir, ich komme, dass ich dich zu deiner letzten Snde verfhre.
Zu meiner letzten Snde? rief Zarathustra und lachte zornig ber sein eigenes
Wort: was blieb mir doch aufgespart als meine letzte Snde?"
- Und noch ein Mal versank Zarathustra in sich und setzte sich wieder auf den
grossen Stein nieder und sann nach. Pltzlich sprang er empor, -
"Mitleiden! Das Mitleiden mit dem hheren Menschen! schrie er auf, und sein
Antlitz verwandelte sich in Erz. Wohlan! Das - hatte seine Zeit!
Mein Leid und mein Mitleiden - was liegt daran! Trachte ich denn nach Glcke?
Ich trachte nach meinem Werke!
Wohlan! Der Lwe kam, meine Kinder sind nahe, Zarathustra ward reif, meine
Stunde kam: 
- Dies ist mein Morgen, mein Tag hebt an: herauf nun, herauf, du grosser Mittag!"
Also sprach Zarathustra und verliess seine Hhle, glhend und stark, wie eine
Morgensonne, die aus dunklen Bergen kommt.


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