Italienische Reise
Johann Wolfgang Goethe
VERSIONE ELETTRONICA - PER I NON VEDENTI - ADATTATA DA AMEDEO MARCHINI

Die Reise
Karlsbad bis auf den Brenner
Vom Brenner bis Verona
Verona bis Venedig
Venedig
Ferrara bis Rom
Rom
Neapel
Sizilien
Neapel

Zweiter Rmischer Aufenthalt
vom Juni 1787 bis April 1788
Juni 1787
Korrespondenz
Nachtrag: Ppstliche Teppiche
Juli 1787
Korrespondenz
Bericht
Strende Naturbetrachtungen
August 1787
Korrespondenz
Bericht
September 1787
Korrespondenz
Bericht
Oktober 1787
Korrespondenz
Bericht
November 1787
Korrespondenz
Bericht
Dezember 1787
Korrespondenz
Bericht
Moritz als Etymologe
Philipp Neri,
der humoristische Heilige
Januar 1788
Korrespondenz
Bericht
Aufnahme in die Gesellschaft
der Arkadier
Das Rmische Karneval
Februar 1788
Korrespondenz
Bericht
Mrz 1788
Korrespondenz
Bericht
ber die bildende Nachahmung
des Schnen. Von Karl Philipp Moritz
April 1788
Korrespondenz
Bericht


Italienische Reise
Auch ich in Arkadien!
Karlsbad bis auf den Brenner
Den 3. September 1786.
Frh drei Uhr stahl ich mich aus Karlsbad, weil man mich sonst nicht
fortgelassen htte. Die Gesellschaft, die den achtundzwanzigsten August, meinen
Geburtstag, auf eine sehr freundliche Weise feiern mochte, erwarb sich wohl
dadurch ein Recht, mich festzuhalten; allein hier war nicht lnger zu sumen.
Ich warf mich ganz allein, nur einen Mantelsack und Dachsranzen aufpackend, in
eine Postchaise und gelangte halb acht Uhr nach Zwota, an einem schnen stillen
Nebelmorgen. Die obern Wolken streifig und wollig, die untern schwer. Mir
schienen das gute Anzeichen. Ich hoffte, nach einem so schlimmen Sommer einen
guten Herbst zu genieen. Um zwlf in Eger, bei heiem Sonnenschein; und nun
erinnerte ich mich, da dieser Ort dieselbe Polhhe habe wie meine Vaterstadt,
und ich freute mich, wieder einmal bei klarem Himmel unter dem funfzigsten Grade
zu Mittag zu essen.
In Bayern stt einem sogleich das Stift Waldsassen entgegen - kstliche
Besitztmer der geistlichen Herren, die frher als andere Menschen klug waren.
Es liegt in einer Teller-, um nicht zu sagen Kesseltiefe, in einem schnen
Wiesengrunde, rings von fruchtbaren sanften Anhhen umgeben. Auch hat dieses
Kloster im Lande weit umher Besitzungen. Der Boden ist aufgelster Tonschiefer.
Der Quarz, der sich in dieser Gebirgsart befindet und sich nicht auflst, noch
verwittert, macht das Feld locker und durchaus fruchtbar. Bis gegen
Tirschenreuth steigt das Land noch. Die Wasser flieen einem entgegen, nach der
Eger und Elbe zu. Von Tirschenreuth an fllt es nun sdwrts ab, und die Wasser
laufen nach der Donau. Mir gibt es sehr schnell einen Begriff von jeder Gegend,
wenn ich bei dem kleinsten Wasser forsche, wohin es luft, zu welcher Fluregion
es gehrt. Man findet alsdann selbst in Gegenden, die man nicht bersehen kann,
einen Zusammenhang der Berge und Tler gedankenweise. Vor gedachtem Ort beginnt
die treffliche Chaussee von Granitsand; es lt sich keine vollkommenere denken;
denn da der aufgelste Granit aus Kiesel und Tonerde besteht, so gibt das
zugleich einen festen Grund und ein schnes Bindungsmittel, die Strae glatt wie
eine Tenne zu machen. Die Gegend, durch die sie gefhrt ist, sieht desto
schlechter aus: gleichfalls Granitsand, flachliegend, moorig, und der schne Weg
desto erwnschter. Da nun zugleich das Land abfllt, so kmmt man fort mit
unglaublicher Schnelle, die gegen den bhmischen Schneckengang recht absticht.
Beiliegendes Blttchen benennt die verschiedenen Stationen. Genug, ich war den
andern Morgen um zehn Uhr in Regensburg und hatte also diese vierundzwanzig und
eine halbe Meile in einunddreiig Stunden zurckgelegt. Da es anfing, Tag zu
werden, befand ich mich zwischen Schwanendorf und Regenstauf, und nun bemerkte
ich die Vernderung des Ackerbodens ins Bessere. Es war nicht mehr Verwitterung
des Gebirgs, sondern aufgeschwemmtes, gemischtes Erdreich. Den Regenflu herauf
hatte in uralten Zeiten Ebbe und Flut aus dem Donautal in alle die Tler
gewirkt, die gegenwrtig ihre Wasser dorthin ergieen, und so sind diese
natrlichen Polder entstanden, worauf der Ackerbau gegrndet ist. Diese
Bemerkung gilt in der Nachbarschaft aller grern und kleinern Flsse, und mit
diesem Leitfaden kann der Beobachter einen schnellen Aufschlu ber jeden der
Kultur geeigneten Boden erlangen.

Donau bei Regensburg. Zeichnung von Goethe

Regensburg liegt gar schn. Die Gegend mute eine Stadt herlocken; auch haben
sich die geistlichen Herren wohl bedacht. Alles Feld um die Stadt gehrt ihnen,
in der Stadt steht Kirche gegen Kirche und Stift gegen Stift. Die Donau erinnert
mich an den alten Main. Bei Frankfurt haben Flu und Brcke ein besseres Ansehn,
hier aber nimmt sich das gegenberliegende Stadt am Hof recht artig aus. Ich
verfgte mich gleich in das Jesuitenkollegium, wo das jhrliche Schauspiel durch
Schler gegeben ward, sah das Ende der Oper und den Anfang des Trauerspiels. Sie
machten es nicht schlimmer als eine angehende Liebhabertruppe und waren recht
schn, fast zu prchtig gekleidet. Auch diese ffentliche Darstellung hat mich
von der Klugheit der Jesuiten aufs neue berzeugt. Sie verschmhten nichts, was
irgend wirken konnte, und wuten es mit Liebe und Aufmerksamkeit zu behandeln.
Hier ist nicht Klugheit, wie man sie sich in Abstracto denkt, es ist eine Freude
an der Sache dabei, ein Mit- und Selbstgenu, wie er aus dem Gebrauche des
Lebens entspringt. Wie diese groe geistliche Gesellschaft Orgelbauer,
Bildschnitzer und Vergulder unter sich hat, so sind gewi auch einige, die sich
des Theaters mit Kenntnis und Neigung annehmen, und wie durch geflligen Prunk
sich ihre Kirchen auszeichnen, so bemchtigen sich die einsichtigen Mnner hier
der weltlichen Sinnlichkeit durch ein anstndiges Theater.
Heute schreibe ich unter dem neunundvierzigsten Grade. Er lt sich gut an. Der
Morgen war khl, und man klagt auch hier ber Nsse und Klte des Sommers; aber
es entwickelte sich ein herrlicher gelinder Tag. Die milde Luft, die ein groer
Flu mitbringt, ist ganz etwas Eigenes. Das Obst ist nicht sonderlich. Gute
Birnen hab' ich gespeist; aber ich sehne mich nach Trauben und Feigen.
Der Jesuiten Tun und Wesen hlt meine Betrachtungen fest. Kirchen, Trme,
Gebude haben etwas Groes und Vollstndiges in der Anlage, das allen Menschen
insgeheim Ehrfurcht einflt. Als Dekoration ist nun Gold, Silber, Metall,
geschliffene Steine in solcher Pracht und Reichtum gehuft, der die Bettler
aller Stnde blenden mu. Hier und da fehlt es auch nicht an etwas
Abgeschmacktem, damit die Menschheit vershnt und angezogen werde. Es ist dieses
berhaupt der Genius des katholischen ueren Gottesdienstes; noch nie habe ich
es aber mit so viel Verstand, Geschick und Konsequenz ausgefhrt gesehen als bei
den Jesuiten. Alles trifft darin berein, da sie nicht wie andere
Ordensgeistliche eine alte abgestumpfte Andacht fortsetzten, sondern sie dem
Geist der Zeit zuliebe durch Prunk und Pracht wieder aufstutzten.
Ein sonderbar Gestein wird hier zu Werkstcken verarbeitet, dem Scheine nach
eine Art Totliegendes, das jedoch fr lter, fr ursprnglich, ja fr
porphyrartig gehalten werden mu. Es ist grnlich mit Quarz gemischt, lcherig,
und es finden sich groe Flecke des festesten Jaspis darin, in welchem sich
wieder kleine runde Flecken von Breccienart zeigen. Ein Stck war gar zu
instruktiv und appetitlich, der Stein aber zu fest, und ich habe geschworen,
mich auf dieser Reise nicht mit Steinen zu schleppen.
Mnchen, den 6. September.
Den fnften September halb ein Uhr Mittag reiste ich von Regensburg ab. Bei
Abach ist eine schne Gegend, wo die Donau sich an Kalkfelsen bricht, bis gegen
Saale. Es ist der Kalk wie der bei Osteroda am Harz, dicht, aber im ganzen
lcherig. Um sechs Uhr morgens war ich in Mnchen, und nachdem ich mich zwlf
Stunden umgesehen, will ich nur weniges bemerken. In der Bildergalerie fand ich
mich nicht einheimisch; ich mu meine Augen erst wieder an Gemlde gewhnen. Es
sind treffliche Sachen. Die Skizzen von Rubens von der Luxemburger Galerie haben
mir groe Freude gemacht.
Hier steht auch das vornehme Spielwerk, die Trajanische Sule in Modell. Der
Grund Lapislazuli, die Figuren verguldet. Es ist immer ein schn Stck Arbeit,
und man betrachtet es gern.
Im Antikensaale konnte ich recht bemerken, da meine Augen auf diese Gegenstnde
nicht gebt sind, deswegen wollte ich nicht verweilen und Zeit verderben. Vieles
sprach mich gar nicht an, ohne da ich sagen knnte warum. Ein Drusus erregte
meine Aufmerksamkeit, zwei Antonine gefielen mir und so noch einiges. Im ganzen
stehen die Sachen auch nicht glcklich, ob man gleich mit ihnen hat aufputzen
wollen, und der Saal oder vielmehr das Gewlbe ein gutes Ansehn htte, wenn es
nur reinlicher und besser unterhalten wre. Im Naturalienkabinett fand ich
schne Sachen aus Tirol, die ich in kleinen Musterstcken schon kenne, ja
besitze.
Es begegnete mir eine Frau mit Feigen, welche als die ersten vortrefflich
schmeckten. Aber das Obst berhaupt ist doch fr den achtundvierzigsten Grad
nicht besonders gut. Man klagt hier durchaus ber Klte und Nsse. Ein Nebel,
der fr einen Regen gelten konnte, empfing mich heute frh vor Mnchen. Den
ganzen Tag blies der Wind sehr kalt vom Tiroler Gebirg. Als ich vom Turm dahin
sah, fand ich es bedeckt und den ganzen Himmel berzogen. Nun scheint die Sonne
im Untergehen noch an den alten Turm, der mir vor dem Fenster steht. Verzeihung,
da ich so sehr auf Wind und Wetter achthabe: der Reisende zu Lande, fast so
sehr als der Schiffer, hngt von beiden ab, und es wre ein Jammer, wenn mein
Herbst in fremden Landen so wenig begnstigt sein sollte als der Sommer zu
Hause.
Nun soll es gerade auf Innsbruck. Was lass' ich nicht alles rechts und links
liegen, um den einen Gedanken auszufhren, der fast zu alt in meiner Seele
geworden ist!
Mittenwald, den 7. September, abends.
Es scheint, mein Schutzgeist sagt Amen zu meinem Kredo, und ich danke ihm, der
mich an einem so schnen Tage hierher gefhrt hat. Der letzte Postillon sagte
mit vergnglichem Ausruf, es sei der erste im ganzen Sommer. Ich nhre meinen
stillen Aberglauben, da es so fortgehen soll, doch mssen mir die Freunde
verzeihen, wenn wieder von Luft und Wolken die Rede ist.
Als ich um fnf Uhr von Mnchen wegfuhr, hatte sich der Himmel aufgeklrt. An
den Tiroler Bergen standen die Wolken in ungeheuern Massen fest. Die Streifen
der untern Regionen bewegten sich auch nicht. Der Weg geht auf den Hhen, wo man
unten die Isar flieen sieht, ber zusammengeschwemmte Kieshgel hin. Hier wird
uns die Arbeit der Strmungen des uralten Meeres falich. In manchem
Granitgeschiebe fand ich Geschwister und Verwandte meiner Kabinettsstcke, die
ich Knebeln verdanke.
Die Nebel des Flusses und der Wiesen wehrten sich eine Weile, endlich wurden
auch diese aufgezehrt. Zwischen gedachten Kieshgeln, die man sich mehrere
Stunden weit und breit denken mu, das schnste fruchtbarste Erdreich wie im
Tale des Regenflusses. Nun mu man wieder an die Isar und sieht einen
Durchschnitt und Abhang der Kieshgel, wohl hundertundfunfzig Fu hoch. Ich
gelangte nach Wolfrathshausen und erreichte den achtundvierzigsten Grad. Die
Sonne brannte heftig, niemand traut dem schnen Wetter, man schreit ber das
bse des vergehenden Jahres, man jammert, da der groe Gott gar keine Anstalt
machen will.
Nun ging mir eine neue Welt auf. Ich nherte mich den Gebirgen, die sich nach
und nach entwickelten.
Benediktbeuern liegt kstlich und berrascht beim ersten Anblick. In einer
fruchtbaren Flche ein lang und breites weies Gebude und ein breiter hoher
Felsrcken dahinter. Nun geht es hinauf zum Kochelsee; noch hher ins Gebirge
zum Walchensee. Hier begrte ich die ersten beschneiten Gipfel, und auf meine
Verwunderung, schon so nahe bei den Schneebergen zu sein, vernahm ich, da es
gestern in dieser Gegend gedonnert, geblitzt und auf den Bergen geschneit habe.
Aus diesen Meteoren wollte man Hoffnung zu besserem Wetter schpfen und aus dem
ersten Schnee eine Umwandlung der Atmosphre vermuten. Die Felsklippen, die mich
umgeben, sind alle Kalk, von dem ltesten, der noch keine Versteinerungen
enthlt. Diese Kalkgebirge gehen in ungeheuern ununterbrochenen Reihen von
Dalmatien bis an den Sankt Gotthard und weiter fort. Hacquet hat einen groen
Teil der Kette bereist. Sie lehnen sich an das quarz- und tonreiche Urgebirge.
Nach Walchensee gelangte ich um halb fnf. Etwa eine Stunde von dem Orte
begegnete mir ein artiges Abenteuer: ein Harfner mit seiner Tochter, einem
Mdchen von eilf Jahren, gingen vor mir her und baten mich, das Kind
einzunehmen. Er trug das Instrument weiter, ich lie sie zu mir sitzen, und sie
stellte eine groe neue Schachtel sorgfltig zu ihren Fen. Ein artiges
ausgebildetes Geschpf, in der Welt schon ziemlich bewandert. Nach
Maria-Einsiedel war sie mit ihrer Mutter zu Fu gewallfahrtet, und beide wollten
eben die grere Reise nach St. Jago von Compostell antreten, als die Mutter mit
Tode abging und ihr Gelbde nicht erfllen sollte. Man knne in der Verehrung
der Mutter Gottes nie zuviel tun, meinte sie. Nach einem groen Brande habe sie
selbst gesehen ein ganzes Haus niedergebrannt bis auf die untersten Mauern, und
ber der Tre hinter einem Glase das Muttergottesbild, Glas und Bild unversehrt,
welches denn doch ein augenscheinliches Wunder sei. All ihre Reisen habe sie zu
Fue gemacht, zuletzt in Mnchen vor dem Kurfrsten gespielt und sich berhaupt
vor einundzwanzig frstlichen Personen hren lassen. Sie unterhielt mich recht
gut. Hbsche groe braune Augen, eine eigensinnige Stirn, die sich manchmal ein
wenig hinaufwrts faltete. Wenn sie sprach, war sie angenehm und natrlich,
besonders wenn sie kindischlaut lachte; hingegen wenn sie schwieg, schien sie
etwas bedeuten zu wollen und machte mit der Oberlippe eine fatale Miene. Ich
sprach sehr viel mit ihr durch, sie war berall zu Hause und merkte gut auf die
Gegenstnde. So fragte sie mich einmal, was das fr ein Baum sei. Es war ein
schner groer Ahorn, der erste, der mir auf der ganzen Reise zu Gesichte kam.
Den hatte sie doch gleich bemerkt und freute sich, da mehrere nach und nach
erschienen, da sie auch diesen Baum unterscheiden knne. Sie gehe, sagte sie,
nach Bozen auf die Messe, wo ich doch wahrscheinlich auch hinzge. Wenn sie mich
dort antrfe, msse ich ihr einen Jahrmarkt kaufen, welches ich ihr denn auch
versprach. Dort wollte sie auch ihre neue Haube aufsetzen, die sie sich in
Mnchen von ihrem Verdienst habe machen lassen. Sie wolle mir solche im voraus
zeigen. Nun erffnete sie die Schachtel, und ich mute mich des reichgestickten
und wohlbebnderten Kopfschmuckes mit ihr erfreuen.
ber eine andere frohe Aussicht vergngten wir uns gleichfalls zusammen. Sie
versicherte nmlich, da es gut Wetter gbe. Sie trgen ihren Barometer mit
sich, und das sei die Harfe. Wenn sich der Diskant hinaufstimme, so gebe es
gutes Wetter, und das habe er heute getan. Ich ergriff das Omen, und wir
schieden im besten Humor, in der Hoffnung eines baldigen Wiedersehns.

Auf dem Brenner, den 8. September, abends.
Hierher gekommen, gleichsam gezwungen, endlich an einen Ruhepunkt, an einen
stillen Ort, wie ich ihn mir nur htte wnschen knnen. Es war ein Tag, den man
jahrelang in der Erinnerung genieen kann. Um sechs Uhr verlie ich Mittenwald,
den klaren Himmel reinigte ein scharfer Wind vollkommen. Es war eine Klte, wie
sie nur im Februar erlaubt ist. Nun aber bei dem Glanze der aufgehenden Sonne
die dunkeln, mit Fichten bewachsenen Vordergrnde, die grauen Kalkfelsen
dazwischen und dahinter die beschneiten hchsten Gipfel auf einem tieferen
Himmelsblau, das waren kstliche, ewig abwechselnde Bilder.
Bei Scharnitz kommt man ins Tirol. Die Grenze ist mit einem Walle geschlossen,
der das Tal verriegelt und sich an die Berge anschliet. Es sieht gut aus: an
der einen Seite ist der Felsen befestigt, an der andern steigt er senkrecht in
die Hhe. Von Seefeld wird der Weg immer interessanter, und wenn er bisher seit
Benediktbeuern herauf von Hhe zu Hhe stieg und alle Wasser die Region der Isar
suchten, so blickt man nun ber einen Rcken in das Inntal, und Inzingen liegt
vor uns. Die Sonne war hoch und hei, ich mute meine Kleidung erleichtern, die
ich bei der vernderlichen Atmosphre des Tages oft wechsele.
Bei Zirl fhrt man ins Inntal herab. Die Lage ist unbeschreiblich schn, und der
hohe Sonnenduft machte sie ganz herrlich. Der Postillon eilte mehr, als ich
wnschte: er hatte noch keine Messe gehrt und wollte sie in Innsbruck, es war
eben Marientag, um desto andchtiger zu sich nehmen. Nun rasselte es immer an
dem Inn hinab, an der Martinswand vorbei, einer steil abgehenden ungeheuern
Kalkwand. Zu dem Platze, wohin Kaiser Maximilian sich verstiegen haben soll,
getraute ich mir wohl ohne Engel hin und her zu kommen, ob es gleich immer ein
frevelhaftes Unternehmen wre.
Innsbruck liegt herrlich in einem breiten, reichen Tale zwischen hohen Felsen
und Gebirgen. Erst wollte ich dableiben, aber es lie mir keine Ruhe. Kurze Zeit
ergetzte ich mich an dem Sohne des Wirts, einem leibhaftigen Sller. So begegnen
mir nach und nach meine Menschen. Das Fest Mari Geburt zu feiern, ist alles
geputzt. Gesund und wohlhbig, zu Scharen, wallfahrten sie nach Wilten, einem
Andachtsorte, eine Viertelstunde von der Stadt gegen das Gebirge zu. Um zwei
Uhr, als mein rollender Wagen das muntere bunte Gedrnge teilte, war alles in
frohem Zug und Gang.
Von Innsbruck herauf wird es immer schner, da hilft kein Beschreiben. Auf den
gebahntesten Wegen steigt man eine Schlucht herauf, die das Wasser nach dem Inn
zu sendet, eine Schlucht, die den Augen unzhlige Abwechselungen bietet. Wenn
der Weg nah am schroffsten Felsen hergeht, ja in ihn hineingehauen ist, so
erblickt man die Seite gegenber sanft abhngig, so da noch kann der schnste
Feldbau darauf gebt werden. Es liegen Drfer, Huser, Huschen, Htten, alles
wei angestrichen, zwischen Feldern und Hecken auf der abhngenden hohen und
breiten Flche. Bald verndert sich das Ganze; das Benutzbare wird zur Wiese,
bis sich auch das in einen steilen Abhang verliert.
Zu meiner Welterschaffung habe ich manches erobert, doch nichts ganz Neues und
Unerwartetes. Auch habe ich viel getrumt von dem Modell, wovon ich so lange
rede, woran ich so gern anschaulich machen mchte, was in meinem Innern
herumzieht, und was ich nicht jedem in der Natur vor Augen stellen kann.
Nun wurde es dunkler und dunkler, das Einzelne verlor sich, die Massen wurden
immer grer und herrlicher, endlich, da sich alles nur wie ein tiefes geheimes
Bild vor mir bewegte, sah ich auf einmal wieder die hohen Schneegipfel vom Mond
beleuchtet, und nun erwarte ich, da der Morgen diese Felsenkluft erhelle, in
der ich auf der Grenzscheide des Sdens und Nordens eingeklemmt bin.
Ich fge noch einige Bemerkungen hinzu ber die Witterung, die mir vielleicht
ebendeswegen so gnstig ist, weil ich ihr so viele Betrachtungen widme. Auf dem
flachen Lande empfngt man gutes und bses Wetter, wenn es schon fertig
geworden, im Gebirge ist man gegenwrtig, wenn es entsteht. Dieses ist mir nun
so oft begegnet, wenn ich auf Reisen, Spaziergngen, auf der Jagd Tag und Nchte
lang in den Bergwldern, zwischen Klippen verweilte, und da ist mir eine Grille
aufgestiegen, die ich auch fr nichts anders geben will, die ich aber nicht
loswerden kann, wie man denn eben die Grillen am wenigsten loswird. Ich sehe sie
berall, als wenn es eine Wahrheit wre, und so will ich sie denn auch
aussprechen, da ich ohnehin die Nachsicht meiner Freunde so oft zu prfen im
Falle bin.
Betrachten wir die Gebirge nher oder ferner und sehen ihre Gipfel bald im
Sonnenscheine glnzen, bald vorn Nebel umzogen, von strmenden Wolken umsaust,
von Regenstrichen gepeitscht, mit Schnee bedeckt, so schreiben wir das alles der
Atmosphre zu, da wir mit Augen ihre Bewegungen und Vernderungen gar wohl sehen
und fassen. Die Gebirge hingegen liegen vor unserm ueren Sinn in ihrer
herkmmlichen Gestalt unbeweglich da. Wir halten sie fr tot, weil sie erstarrt
sind, wir glauben sie unttig, weil sie ruhen. Ich aber kann mich schon seit
lngerer Zeit nicht entbrechen, einer innern, stillen, geheimen Wirkung
derselben die Vernderungen, die sich in der Atmosphre zeigen, zum groen Teile
zuzuschreiben. Ich glaube nmlich, da die Masse der Erde berhaupt, und
folglich auch besonders ihre hervorragenden Grundfesten, nicht eine bestndige,
immer gleiche Anziehungskraft ausben, sondern da diese Anziehungskraft sich in
einem gewissen Pulsieren uert, so da sie sich durch innere notwendige,
vielleicht auch uere zufllige Ursachen bald vermehrt, bald vermindert. Mgen
alle anderen Versuche, diese Oszillation darzustellen, zu beschrnkt und roh
sein, die Atmosphre ist zart und weit genug, um uns von jenen stillen Wirkungen
zu unterrichten. Vermindert sich jene Anziehungskraft im geringsten, alsobald
deutet uns die verringerte Schwere, die verminderte Elastizitt der Luft diese
Wirkung an. Die Atmosphre kann die Feuchtigkeit, die in ihr chemisch und
mechanisch verteilt war, nicht mehr tragen, Wolken senken sich, Regen strzen
nieder, und Regenstrme ziehen nach dem Lande zu. Vermehrt aber das Gebirg seine
Schwerkraft, so wird alsobald die Elastizitt der Luft wiederhergestellt, und es
entspringen zwei wichtige Phnomene. Einmal versammeln die Berge ungeheure
Wolkenmassen um sich her, halten sie fest und starr wie zweite Gipfel ber sich,
bis sie, durch innern Kampf elektrischer Krfte bestimmt, als Gewitter, Nebel
und Regen niedergehen, sodann wirkt auf den berrest die elastische Luft, welche
nun wieder mehr Wasser zu fassen, aufzulsen und zu verarbeiten fhig ist. Ich
sah das Aufzehren einer solchen Wolke ganz deutlich: sie hing um den steilsten
Gipfel, das Abendrot beschien sie. Langsam, langsam sonderten ihre Enden sich
ab, einige Flocken wurden weggezogen und in die Hhe gehoben; diese
verschwanden, und so verschwand die ganze Masse nach und nach und ward vor
meinen Augen wie ein Rocken von einer unsichtbaren Hand ganz eigentlich
abgesponnen.
Wenn die Freunde ber den ambulanten Wetterbeobachter und dessen seltsame
Theorien gelchelt haben, so gebe ich ihnen vielleicht durch einige andere
Betrachtungen Gelegenheit zum Lachen, denn ich mu gestehen, da meine Reise
eigentlich eine Flucht war vor allen den Unbilden, die ich unter dem
einundfunfzigsten Grade erlitten, da ich Hoffnung hatte, unter dem
achtundvierzigsten ein wahres Gosen zu betreten. Allein ich fand mich getuscht,
wie ich frher htte wissen sollen; denn nicht die Polhhe allein macht Klima
und Witterung, sondern die Bergreihen, besonders jene, die von Morgen nach Abend
die Lnder durchschneiden. In diesen ereignen sich immer groe Vernderungen,
und nordwrts liegende Lnder haben am meisten darunter zu leiden. So scheint
auch die Witterung fr den ganzen Norden diesen Sommer ber durch die groe
Alpenkette, auf der ich dieses schreibe, bestimmt worden zu sein. Hier hat es
die letzten Monate her immer geregnet, und Sdwest und Sdost haben den Regen
durchaus nordwrts gefhrt. In Italien sollen sie schn Wetter, ja zu trocken
gehabt haben.
Nun von dem abhngigen, durch Klima, Berghhe, Feuchtigkeit auf das
mannigfaltigste bedingten Pflanzenreich einige Worte. Auch hierin habe ich keine
sonderliche Vernderung, doch Gewinn gefunden. pfel und Birnen hngen schon
hufig vor Innsbruck in dem Tale, Pfirschen und Trauben hingegen bringen sie aus
Welschland oder vielmehr aus dem mittgigen Tirol. Um Innsbruck bauen sie viel
Trkisch- und Heidekorn, das sie Blende nennen. Den Brenner herauf sah ich die
ersten Lrchenbume, bei Schnberg den ersten Zirbel. Ob wohl das Harfnermdchen
hier auch nachgefragt htte?
Die Pflanzen betreffend, fhl' ich noch sehr meine Schlerschaft. Bis Mnchen
glaubt' ich wirklich nur die gewhnlichen zu sehen. Freilich war meine eilige
Tag- und Nachtfahrt solchen feinern Beobachtungen nicht gnstig. Nun habe ich
zwar meinen Linn bei mir und seine Terminologie wohl eingeprgt, wo soll aber
Zeit und Ruhe zum Analysieren herkommen, das ohnehin, wenn ich mich recht kenne,
meine Strke niemals werden kann? Daher schrf' ich mein Auge aufs Allgemeine,
und als ich am Walchensee die erste Gentiana sah, fiel mir auf, da ich auch
bisher zuerst am Wasser die neuen Pflanzen fand.
Was mich noch aufmerksamer machte, war der Einflu, den die Gebirgshhe auf die
Pflanzen zu haben schien. Nicht nur neue Pflanzen fand ich da, sondern Wachstum
der alten verndert; wenn in der tiefern Gegend Zweige und Stengel strker und
mastiger waren, die Augen nher aneinander standen und die Bltter breit waren,
so wurden hher ins Gebirg hinauf Zweige und Stengel zarter, die Augen rckten
auseinander, so da von Knoten zu Knoten ein grerer Zwischenraum stattfand und
die Bltter sich lanzenfrmiger bildeten. Ich bemerkte dies bei einer Weide und
einer Gentiana und berzeugte mich, da es nicht etwa verschiedene Arten wren.
Auch am Walchensee bemerkte ich lngere und schlankere Binsen als im Unterlande.
Die Kalkalpen, welche ich bisher durchschnitten, haben eine graue Farbe und
schne, sonderbare, unregelmige Formen, ob sich gleich der Fels in Lager und
Bnke teilt. Aber weil auch geschwungene Lager vorkommen und der Fels berhaupt
ungleich verwittert, so sehen die Wnde und Gipfel seltsam aus. Diese Gebirgsart
steigt den Brenner weit herauf. In der Gegend des oberen Sees fand ich eine
Vernderung desselben. An dunkelgrnen und dunkelgrauen Glimmerschiefer, stark
mit Quarz durchzogen, lehnte sich ein weier, dichter Kalkstein, der an der
Ablsung glimmerig war und in groen, obgleich unendlich zerklfteten Massen
anstand. ber demselben fand ich wieder Glimmerschiefer, der mir aber zrter als
der vorige zu sein schien. Weiter hinauf zeigt sich eine besondere Art Gneis
oder vielmehr eine Granitart, die sich dem Gneis zubildet, wie in der Gegend von
Elbogen. Hier oben, gegen dem Hause ber, ist der Fels Glimmerschiefer. Die
Wasser, die aus dem Berge kommen, bringen nur diesen Stein und grauen Kalk mit.
Nicht fern mu der Granitstock sein, an den sich alles anlehnt. Die Karte zeigt,
da man sich an der Seite des eigentlichen groen Brenners befindet, von dem aus
die Wasser sich ringsum ergieen.
Vom uern des Menschengeschlechts habe ich so viel aufgefat. Die Nation ist
wacker und gerade vor sich hin. Die Gestalten bleiben sich ziemlich gleich,
braune, wohlgeffnete Augen und sehr gut gezeichnete schwarze Augenbraunen bei
den Weibern; dagegen blonde und breite Augenbraunen bei den Mnnern. Diesen
geben die grnen Hte zwischen den grauen Felsen ein frhliches Ansehn. Sie
tragen sie geziert mit Bndern oder breiten Schrpen von Taft mit Franzen, die
mit Nadeln gar zierlich aufgeheftet werden. Auch hat jeder eine Blume oder eine
Feder auf dem Hut. Dagegen verbilden sich die Weiber durch weie, baumwollene,
zottige, sehr weite Mtzen, als wren es unfrmliche Mannesnachtmtzen. Das gibt
ihnen ein ganz fremdes Ansehn, da sie im Auslande die grnen Mannshte tragen,
die sehr schn kleiden.
Ich habe Gelegenheit gehabt zu sehen, welchen Wert die gemeinen Leute auf
Pfauenfedern legen, und wie berhaupt jede bunte Feder geehrt wird. Wer diese
Gebirge bereisen wollte, mte dergleichen mit sich fhren. Eine solche am
rechten Orte angebrachte Feder wrde statt des willkommensten Trinkgeldes
dienen.
Indem ich nun diese Bltter sondere, sammele, hefte und dergestalt einrichte,
da sie meinen Freunden bald einen leichten berblick meiner bisherigen
Schicksale gewhren knnen, und da ich mir zugleich, was ich bisher erfahren
und gedacht, von der Seele wlze, betrachte ich dagegen mit einem Schauer manche
Pakete, von denen ich ein kurz und gutes Bekenntnis ablegen mu: sind es doch
meine Begleiter, werden sie nicht viel Einflu auf meine nchsten Tage haben!
Ich hatte nach Karlsbad meine smtlichen Schriften mitgenommen, um die von
Gschen zu besorgende Ausgabe schlielich zusammenzustellen. Die ungedruckten
besa ich schon lngst in schnen Abschriften von der geschickten Hand des
Sekretr Vogel. Dieser wackere Mann begleitete mich auch diesmal, um mir durch
seine Fertigkeit beizustehen. Dadurch ward ich in den Stand gesetzt, die vier
ersten Bnde unter der treusten Mitwirkung Herders an den Verleger abzusenden,
und war im Begriff, mit den vier letzten das gleiche zu tun. Diese bestanden
teils aus nur entworfenen Arbeiten, ja aus Fragmenten, wie denn meine Unart,
vieles anzufangen und bei vermindertem Interesse liegen zu lassen, mit den
Jahren, Beschftigungen und Zerstreuungen allgemach zugenommen hatte.
Da ich nun diese Dinge smtlich mit mir fhrte, so gehorchte ich gern den
Anforderungen der Karlsbader geistreichen Gesellschaft und las ihr alles vor,
was bisher unbekannt geblieben, da man sich denn jedesmal ber das
Nichtvollbringen derjenigen Dinge, an denen man sich gern lnger unterhalten
htte, bitterlich beschwerte.
Die Feier meines Geburtstages bestand hauptschlich darin, da ich mehrere
Gedichte erhielt im Namen meiner unternommenen, aber vernachlssigten Arbeiten,
worin sich jedes nach seiner Art ber mein Verfahren beklagte. Darunter
zeichnete sich ein Gedicht im Namen der Vgel aus, wo eine an Treufreund
gesendete Deputation dieser muntern Geschpfe instndig bat, er mchte doch das
ihnen zugesagte Reich nunmehr auch grnden und einrichten. Nicht weniger
einsichtig und anmutig waren die uerungen ber meine andern Stckwerke, so da
sie mir auf einmal wieder lebendig wurden und ich den Freunden meine gehabten
Vorstze und vollstndigen Plane mit Vergngen erzhlte. Dies veranlate
dringende Forderungen und Wnsche und gab Herdern gewonnen Spiel, als er mich zu
berreden suchte, ich mchte diese Papiere nochmals mit mir nehmen, vor allem
aber Iphigenien noch einige Aufmerksamkeit schenken, welche sie wohl verdiene.
Das Stck, wie es gegenwrtig liegt, ist mehr Entwurf als Ausfhrung, es ist in
poetischer Prosa geschrieben, die sich manchmal in einen jambischen Rhythmus
verliert, auch wohl andern Silbenmaen hnelt. Dieses tut freilich der Wirkung
groen Eintrag, wenn man es nicht sehr gut liest und durch gewisse Kunstgriffe
die Mngel zu verbergen wei. Er legte mir dieses so dringend ans Herz, und da
ich meinen greren Reiseplan ihm wie allen verborgen hatte, so glaubte er, es
sei nur wieder von einer Bergwanderung die Rede, und weil er sich gegen
Mineralogie und Geologie immer spttisch erwies, meinte er, ich sollte, anstatt
taubes Gestein zu klopfen, meine Werkzeuge an diese Arbeit wenden. Ich gehorchte
so vielen wohl gemeinten Andrngen: bis hierher aber war es nicht mglich, meine
Aufmerksamkeit dahin zu lenken. Jetzt sondere ich Iphigenien aus dem Paket und
nehme sie mit in das schne, warme Land als Begleiterin. Der Tag ist so lang,
das Nachdenken ungestrt, und die herrlichen Bilder der Umwelt verdrngen
keineswegs den poetischen Sinn, sie rufen ihn vielmehr, von Bewegung und freier
Luft begleitet, nur desto schneller hervor.

Vom Brenner bis Verona
Trient, den 11. September, frh.
Nachdem ich vllig funfzig Stunden am Leben und in steter Beschftigung gewesen,
kam ich gestern abend um acht Uhr hier an, begab mich bald zur Ruhe und finde
mich nun wieder imstande, in meiner Erzhlung fortzufahren. Am Neunten abends,
als ich das erste Stck meines Tagebuchs geschlossen hatte, wollte ich noch die
Herberge, das Posthaus auf dem Brenner, in seiner Lage zeichnen, aber es gelang
nicht, ich verfehlte den Charakter und ging halb verdrielich nach Hause. Der
Wirt fragte mich, ob ich nicht fort wollte, es sei Mondenschein und der beste
Weg, und ob ich wohl wute, da er die Pferde morgen frh zum Einfahren des
Grummets brauchte und bis dahin gern wieder zu Hause htte, sein Rat also
eigenntzig war, so nahm ich ihn doch, weil er mit meinem innern Triebe
bereinstimmte, als gut an. Die Sonne lie sich wieder blicken, die Luft war
leidlich; ich packte ein, und um sieben Uhr fuhr ich weg. Die Atmosphre ward
ber die Wolken Herr und der Abend gar schn.
Der Postillon schlief ein, und die Pferde liefen den schnellsten Trab bergunter,
immer auf dem bekannten Wege fort; kamen sie an ein eben Fleck, so ging es desto
langsamer. Der Fhrer wachte auf und trieb wieder an, und so kam ich sehr
geschwind, zwischen hohen Felsen, an dem reienden Etschflu hinunter. Der Mond
ging auf und beleuchtete ungeheuere Gegenstnde. Einige Mhlen zwischen uralten
Fichten ber dem schumenden Strom waren vllige Everdingen.
Als ich um neun Uhr nach Sterzing gelangte, gab man mir zu verstehen, da man
mich gleich wieder wegwnsche. In Mittenwald Punkt zwlf Uhr fand ich alles in
tiefem Schlafe, auer dem Postillon, und so ging es weiter auf Brixen, wo man
mich wieder gleichsam entfhrte, so da ich mit dem Tage in Kollmann ankam. Die
Postillons fuhren, da einem Sehen und Hren verging, und so leid es mir tat,
diese herrlichen Gegenden mit der entsetzlichsten Schnelle und bei Nacht wie im
Fluge zu durchreisen, so freuete es mich doch innerlich, da ein gnstiger Wind
hinter mir herblies und mich meinen Wnschen zujagte. Mit Tagesanbruch erblickte
ich die ersten Rebhgel. Eine Frau mit Birnen und Pfirschen begegnete mir, und
so ging es auf Teutschen los, wo ich um sieben Uhr ankam und gleich
weiterbefrdert wurde. Nun erblickte ich endlich bei hohem Sonnenschein, nachdem
ich wieder eine Weile nordwrts gefahren war, das Tal, worin Bozen liegt. Von
steilen, bis auf eine ziemliche Hhe angebauten Bergen umgeben, ist es gegen
Mittag offen, gegen Norden von den Tiroler Bergen gedeckt. Eine milde, sanfte
Luft fllte die Gegend. Hier wendet sich die Etsch wieder gegen Mittag. Die
Hgel am Fue der Berge sind mit Wein bebaut. ber lange, niedrige Lauben sind
die Stcke gezogen, die blauen Trauben hngen gar zierlich von der Decke
herunter und reifen an der Wrme des nahen Bodens. Auch in der Flche des Tals,
wo sonst nur Wiesen sind, wird der Wein in solchen eng aneinander stehenden
Reihen von Lauben gebaut, dazwischen das trkische Korn, das nun immer hhere
Stengel treibt. Ich habe es oft zu zehn Fu hoch gesehen. Die zaselige mnnliche
Blte ist noch nicht abgeschnitten, wie es geschieht, wenn die Befruchtung eine
Zeitlang vorbei ist.
Bei heiterm Sonnenschein kam ich nach Bozen. Die vielen Kaufmannsgesichter
freuten mich beisammen. Ein absichtliches, wohlbehagliches Dasein drckt sich
recht lebhaft aus. Auf dem Platze saen Obstweiber mit runden, flachen Krben,
ber vier Fu im Durchmesser, worin die Pfirschen nebeneinander lagen, da sie
sich nicht drcken sollten. Ebenso die Birnen. Hier fiel mir ein, was ich in
Regensburg am Fenster des Wirtshauses geschrieben sah:
Comme les pches et les mlons
Sont pour la bouche d'un baron,
Ainsi les verges et les btons
Sont pour les fous, dit Salomon.
Da ein nordischer Baron dies geschrieben, ist offenbar, und da er in diesen
Gegenden seine Begriffe ndern wrde, ist auch natrlich.
Die Bozner Messe bewirkt einen starken Seidenvertrieb; auch Tcher werden dahin
gebracht und was an Leder aus den gebirgigen Gegenden zusammengeschafft wird.
Doch kommen mehrere Kaufleute hauptschlich, um Gelder einzukassieren,
Bestellungen anzunehmen und neuen Kredit zu geben, dahin. Ich hatte groe Lust,
alle die Produkte zu beleuchten, die hier auf einmal zusammengefunden werden,
doch der Trieb, die Unruhe, die hinter mir ist, lt mich nicht rasten, und ich
eile sogleich wieder fort. Dabei kann ich mich trsten, da in unsern
statistischen Zeiten dies alles wohl schon gedruckt ist und man sich
gelegentlich davon aus Bchern unterrichten kann. Mir ist jetzt nur um die
sinnlichen Eindrcke zu tun, die kein Buch, kein Bild gibt. Die Sache ist, da
ich wieder Interesse an der Welt nehme, meinen Beobachtungsgeist versuche und
prfe, wie weit es mit meinen Wissenschaften und Kenntnissen geht, ob mein Auge
licht, rein und hell ist, wieviel ich in der Geschwindigkeit fassen kann, und ob
die Falten, die sich in mein Gemt geschlagen und gedrckt haben, wieder
auszutilgen sind. Schon jetzt, da ich mich selbst bediene, immer aufmerksam,
immer gegenwrtig sein mu, gibt mir diese wenigen Tage her eine ganz andere
Elastizitt des Geistes; ich mu mich um den Geldkurs bekmmern, wechseln,
bezahlen, notieren, schreiben, anstatt da ich sonst nur dachte, wollte, sann,
befahl und diktierte.
Von Bozen auf Trient geht es neun Meilen weg in einem fruchtbaren und
fruchtbareren Tale hin. Alles, was auf den hheren Gebirgen zu vegetieren
versucht, hat hier schon mehr Kraft und Leben, die Sonne scheint hei, und man
glaubt wieder einmal an einen Gott.
Eine arme Frau rief mich an, ich mchte ihr Kind in den Wagen nehmen, weil ihm
der heie Boden die Fe verbrenne. Ich bte diese Mildttigkeit zu Ehren des
gewaltigen Himmelslichtes. Das Kind war sonderbar geputzt und aufgeziert, ich
konnte ihm aber in keiner Sprache etwas abgewinnen.
Die Etsch fliet nun sanfter und macht an vielen Orten breite Kiese. Auf dem
Lande, nah am Flu, die Hgel hinauf ist alles so enge an- und ineinander
gepflanzt, da man denkt, es msse eins das andere ersticken. - Weingelnder,
Mais, Maulbeerbume, Apfel, Birnen, Quitten und Nsse. ber Mauern wirft sich
der Attich lebhaft herber. Efeu wchst in starken Stmmen die Felsen hinauf und
verbreitet sich weit ber sie; die Eidechse schlpft durch die Zwischenrume,
auch alles, was hin und her wandelt, erinnert einen an die liebsten Kunstbilder.
Die aufgebundenen Zpfe der Frauen, der Mnner bloe Brust und leichte Jacken,
die trefflichen Ochsen, die sie vom Markt nach Hause treiben, die beladenen
Eselchen, alles bildet einen lebendigen, bewegten Heinrich Roos. Und nun, wenn
es Abend wird, bei der milden Luft wenige Wolken an den Bergen ruhen, am Himmel
mehr stehen als ziehen, und gleich nach Sonnenuntergang das Geschrille der
Heuschrecken laut zu werden anfngt, da fhlt man sich doch einmal in der Welt
zu Hause und nicht wie geborgt oder im Exil. Ich lasse mir's gefallen, als wenn
ich hier geboren und erzogen wre und nun von einer Grnlandsfahrt, von einem
Walfischfange zurckkme. Auch der vaterlndische Staub, der manchmal den Wagen
umwirbelt, von dem ich so lange nichts erfahren habe, wird begrt. Das Glocken-
und Schellengelute der Heuschrecken ist allerliebst, durchdringend und nicht
unangenehm. Lustig klingt es, wenn mutwillige Buben mit einem Feld solcher
Sngerinnen um die Wette pfeifen; man bildet sich ein, da sie einander wirklich
steigern. Auch der Abend ist vollkommen milde wie der Tag.
Wenn mein Entzcken hierber jemand vernhme, der in Sden wohnte, von Sden
herkme, er wrde mich fr sehr kindisch halten. Ach, was ich hier ausdrcke,
habe ich lange gewut, so lange, als ich unter einem bsen Himmel dulde, und
jetzt mag ich gern diese Freude als Ausnahme fhlen, die wir als eine ewige
Naturnotwendigkeit immerfort genieen sollten.
Trient, den 10. September, abends.
Ich bin in der Stadt herumgegangen, die uralt ist und in einigen Straen neue
wohlgebaute Huser hat. In der Kirche hngt ein Bild, wo das versammelte
Konzilium einer Predigt des Jesuitengenerals zuhrt. Ich mchte wohl wissen, was
er ihnen aufgebunden hat. Die Kirche dieser Vter bezeichnet sich gleich von
auen durch rote Marmorpilaster an der Fassade; ein schwerer Vorhang schliet
die Tre, den Staub abzuhalten. Ich hob ihn auf und trat in eine kleine
Vorkirche; die Kirche selbst ist durch ein eisernes Gitter geschlossen, doch so,
da man sie ganz bersehen kann. Es war alles still und ausgestorben, denn es
wird hier kein Gottesdienst mehr gehalten. Die vordere Tre stand nur auf, weil
zur Vesperzeit alle Kirchen geffnet sein sollen.
Wie ich nun so dastehe und der Bauart nachdenke, die ich den brigen Kirchen
dieser Vter hnlich fand, tritt ein alter Mann herein, das schwarze Kppchen
sogleich abnehmend. Sein alter, schwarzer, vergrauter Rock deutete auf einen
verkmmerten Geistlichen; er kniet vor dem Gitter nieder und steht nach einem
kurzen Gebet wieder auf. Wie er sich umkehrt, sagt er halblaut fr sich: Da
haben sie nun die Jesuiten herausgetrieben; sie htten ihnen auch zahlen sollen,
was die Kirche gekostet hat. Ich wei wohl, was sie gekostet hat und das
Seminarium, wie viele Tausende. Indessen war er hinaus und hinter ihm der
Vorhang zugefallen, den ich lftete und mich still hielt. Er war auf der obern
Stufe stehengeblieben und sagte: Der Kaiser hat es nicht getan, der Papst hat
es getan. Mit dem Gesicht gegen die Strae gekehrt und ohne mich zu vermuten,
fuhr er fort: Erst die Spanier, dann wir, dann die Franzosen. Abels Blut
schreit ber seinen Bruder Kain! und so ging er die Treppe hinab, immer mit
sich redend, die Strae hin. Wahrscheinlich ist es ein Mann, den die Jesuiten
erhielten, und der ber den ungeheuern Fall des Ordens den Verstand verlor und
nun tglich kommt, in dem leeren Gef die alten Bewohner zu suchen und nach
einem kurzen Gebet ihren Feinden den Fluch zu geben.
Ein junger Mann, den ich um die Merkwrdigkeiten der Stadt fragte, zeigte mir
ein Haus, das man des Teufels Haus nennt, welches der sonst allzeit fertige
Zerstrer in einer Nacht mit schnell herbeigeschafften Steinen erbaut haben
soll. Das eigentliche Merkwrdige daran bemerkte der gute Mensch aber nicht, da
es nmlich das einzige Haus von gutem Geschmack ist, das ich in Trient gesehen
habe, in einer lteren Zeit gewi von einem guten Italiener aufgefhrt.
Abends um fnf Uhr reiste ich ab; wieder das Schauspiel von gestern abend und
die Heuschrecken, die gleich bei Sonnenuntergang zu schrillen anfangen. Wohl
eine Meile weit fhrt man zwischen Mauern, ber welche sich Traubengelnder
sehen lassen; andere Mauern, die nicht hoch genug sind, hat man mit Steinen,
Dornen und sonst zu erhhen gesucht, um das Abrupfen der Trauben den
Vorbeigehenden zu wehren. Viele Besitzer bespritzen die vordersten Reihen mit
Kalk, der die Trauben ungeniebar macht, dem Wein aber nichts schadet, weil die
Grung alles wieder heraustreibt.
Den 11. September, abends.
Hier bin ich nun in Roveredo, wo die Sprache sich abschneidet; oben herein
schwankt es noch immer vom Deutschen zum Italienischen. Nun hatte ich zum
erstenmal einen stockwelschen Postillon; der Wirt spricht kein Deutsch, und ich
mu nun meine Sprachknste versuchen. Wie froh bin ich, da nunmehr die geliebte
Sprache lebendig, die Sprache des Gebrauchs wird!

Torbole, den 12. September, nach Tische.
Wie sehr wnschte ich meine Freunde einen Augenblick neben mich, da sie sich
der Aussicht freuen knnten, die vor mir liegt!
Heute abend htte ich knnen in Verona sein, aber es lag mir noch eine herrliche
Naturwirkung an der Seite, ein kstliches Schauspiel, der Gardasee, den wollte
ich nicht versumen, und bin herrlich fr meinen Umweg belohnt. Nach fnfen fuhr
ich von Roveredo fort, ein Seitental hinauf, das seine Wasser noch in die Etsch
giet. Wenn man hinaufkommt, liegt ein ungeheurer Felsriegel hinten vor, ber
den man nach dem See hinunter mu. Hier zeigten sich die schnsten Kalkfelsen zu
malerischen Studien. Wenn man hinabkommt, liegt ein rtchen am nrdlichen Ende
des Sees und ist ein kleiner Hafen oder vielmehr Anfahrt daselbst, es heit
Torbole. Die Feigenbume hatten mich schon den Weg herauf hufig begleitet, und
indem ich in das Felsamphitheater hinabstieg, fand ich die ersten lbume voller
Oliven. Hier traf ich auch zum erstenmal die weien kleinen Feigen als gemeine
Frucht, welche mir die Grfin Lanthieri verheien hatte.
Aus dem Zimmer, in dem ich sitze, geht eine Tre nach dem Hof hinunter; ich habe
meinen Tisch davor gerckt und die Aussicht mit einigen Linien gezeichnet. Man
bersieht den See beinah in seiner ganzen Lnge, nur am Ende links entwendet er
sich unsern Augen. Das Ufer, auf beiden Seiten von Hgeln und Bergen eingefat,
glnzt von unzhligen kleinen Ortschaften.
Nach Mitternacht blst der Wind von Norden nach Sden, wer also den See hinab
will, mu zu dieser Zeit fahren; denn schon einige Stunden vor Sonnenaufgang
wendet sich der Luftstrom und zieht nordwrts. Jetzo nachmittag wehet er stark
gegen mich und khlt die heie Sonne gar lieblich. Zugleich lehrt mich Volkmann,
da dieser See ehemals Benacus geheien, und bringt einen Vers des Virgil, worin
dessen gedacht wird:
Fluctibus et fremitu resonans Benace marino.
Der erste lateinische Vers, dessen Inhalt lebendig vor mir steht, und der in dem
Augenblicke, da der Wind immer strker wchst und der See hhere Wellen gegen
die Anfahrt wirft, noch heute so wahr ist als vor vielen Jahrhunderten. So
manches hat sich verndert, noch aber strmt der Wind in dem See, dessen Anblick
eine Zeile Virgils noch immer veredelt.
Geschrieben unter dem fnfundvierzigsten Grade funfzig Minuten.
In der Abendkhle ging ich spazieren und befinde mich nun wirklich in einem
neuen Lande, in einer ganz fremden Umgebung. Die Menschen leben ein nachlssiges
Schlaraffenleben: erstlich haben die Tren keine Schlsser; der Wirt aber
versicherte mir, ich knnte ganz ruhig sein, und wenn alles, was ich bei mir
htte, aus Diamanten bestnde; zweitens sind die Fenster mit lpapier statt
Glasscheiben geschlossen; drittens fehlt eine hchst ntige Bequemlichkeit, so
da man dem Naturzustande hier ziemlich nahe kmmt. Als ich den Hausknecht nach
einer gewissen Gelegenheit fragte, deutete er in den Hof hinunter. Qui abasso
pu servirsi! Ich fragte: Dove? - Da per tutto, dove vuol! antwortete er
freundlich. Durchaus zeigt sich die grte Sorglosigkeit, doch Leben und
Geschftigkeit genug. Den ganzen Tag verfhren die Nachbarinnen ein Geschwtz,
ein Geschrei, und haben alle zugleich etwas zu tun, etwas zu schaffen. Ich habe
noch kein miges Weib gesehn.
Der Wirt verkndigte mir mit italienischer Emphase, da er sich glcklich finde,
mir mit der kstlichsten Forelle dienen zu knnen. Sie werden bei Torbole
gefangen, wo der Bach vom Gebirge herunter kommt und der Fisch den Weg hinauf
sucht. Der Kaiser erhlt von diesem Fange zehntausend Gulden Pacht. Es sind
keine eigentlichen Forellen, gro, manchmal funfzig Pfund schwer, ber den
ganzen Krper bis auf den Kopf hinauf punktiert; der Geschmack zwischen Forelle
und Lachs, zart und trefflich.
Mein eigentlich Wohlleben aber ist in Frchten, in Feigen, auch Birnen, welche
da wohl kstlich sein mssen, wo schon Zitronen wachsen.
Den 13. September, abends.
Heute frh um drei Uhr fuhr ich von Torbole weg mit zwei Ruderern. Anfangs war
der Wind gnstig, da sie die Segel brauchen konnten. Der Morgen war herrlich,
zwar wolkig, doch bei der Dmmerung still. Wir fuhren bei Limone vorbei, dessen
Berggrten, terrassenweise angelegt und mit Zitronenbumen bepflanzt, ein
reiches und reinliches Ansehn geben. Der ganze Garten besteht aus Reihen von
weien viereckigen Pfeilern, die in einer gewissen Entfernung voneinander stehen
und stufenweis den Berg hinaufrcken. ber diese Pfeiler sind starke Stangen
gelegt, um im Winter die dazwischen gepflanzten Bume zu decken. Das Betrachten
und Beschauen dieser angenehmen Gegenstnde ward durch eine langsame Fahrt
begnstigt, und so waren wir schon an Malcesine vorbei, als der Wind sich vllig
umkehrte, seinen gewhnlichen Tagweg nahm und nach Norden zog. Das Rudern half
wenig gegen die bermchtige Gewalt, und so muten wir im Hafen von Malcesine
landen. Es ist der erste venezianische Ort an der Morgenseite des Sees. Wenn man
mit dem Wasser zu tun hat, kann man nicht sagen, ich werde heute da oder dort
sein. Diesen Aufenthalt will ich so gut als mglich nutzen, besonders das Schlo
zu zeichnen, das am Wasser liegt und ein schner Gegenstand ist. Heute im
Vorbeifahren nahm ich eine Skizze davon.
Den 14. September.
Der Gegenwind, der mich gestern in den Hafen von Malcesine trieb, bereitete mir
ein gefhrliches Abenteuer, welches ich mit gutem Humor berstand und in der
Erinnerung lustig finde. Wie ich mir vorgenommen hatte, ging ich morgens
beizeiten in das alte Schlo, welches ohne Tor, ohne Verwahrung und Bewachung
jedermann zugnglich ist. Im Schlohofe setzte ich mich dem alten auf und in den
Felsen gebauten Turm gegenber; hier hatte ich zum Zeichnen ein sehr bequemes
Pltzchen gefunden; neben einer drei, vier Stufen erhhten verschlossenen Tr,
im Trgewnde ein verziertes steinernes Sitzchen, wie wir sie wohl bei uns in
alten Gebuden auch noch antreffen.
Ich sa nicht lange, so kamen verschiedene Menschen in den Hof herein,
betrachteten mich und gingen hin und wider. Die Menge vermehrte sich, blieb
endlich stehen, so da sie mich zuletzt umgab. Ich bemerkte wohl, da mein
Zeichnen Aufsehen erregt hatte, ich lie mich aber nicht stren und fuhr ganz
gelassen fort. Endlich drngte sich ein Mann zu mir, nicht von dem besten
Ansehen, und fragte, was ich da mache. Ich erwiderte ihm, da ich den alten Turm
abzeichne, um mir ein Andenken von Malcesine zu erhalten. Er sagte darauf, es
sei dies nicht erlaubt, und ich sollte es unterlassen. Da er dieses in gemeiner
venezianischer Sprache sagte, so da ich ihn wirklich kaum verstand, so
erwiderte ich ihm, da ich ihn nicht verstehe. Er ergriff darauf mit wahrer
italienischer Gelassenheit mein Blatt, zerri es, lie es aber auf der Pappe
liegen. Hierauf konnt' ich einen Ton der Unzufriedenheit unter den Umstehenden
bemerken, besonders sagte eine ltliche Frau, es sei nicht recht, man solle den
Podest rufen, welcher dergleichen Dinge zu beurteilen wisse. Ich stand auf
meinen Stufen, den Rcken gegen die Tre gelehnt, und berschaute das immer sich
vermehrende Publikum. Die neugierigen starren Blicke, der gutmtige Ausdruck in
den meisten Gesichtern und was sonst noch alles eine fremde Volksmasse
charakterisieren mag, gab mir den lustigsten Eindruck. Ich glaubte, das Chor der
Vgel vor mir zu sehen, das ich als Treufreund auf dem Ettersburger Theater oft
zum besten gehabt. Dies versetzte mich in die heiterste Stimmung, so da, als
der Podest mit seinem Aktuarius herankam, ich ihn freimtig begrte und auf
seine Frage, warum ich ihre Festung abzeichnete, ihm bescheiden erwiderte, da
ich dieses Gemuer nicht fr eine Festung anerkenne. Ich machte ihn und das Volk
aufmerksam auf den Verfall dieser Trme und dieser Mauern, auf den Mangel von
Toren, kurz auf die Wehrlosigkeit des ganzen Zustandes und versicherte, ich habe
hier nichts als eine Ruine zu sehen und zu zeichnen gedacht.
Man entgegnete mir: wenn es eine Ruine sei, was denn dran wohl merkwrdig
scheinen knne? Ich erwiderte darauf, weil ich Zeit und Gunst zu gewinnen
suchte, sehr umstndlich, da sie wten, wie viele Reisende nur um der Ruinen
willen nach Italien zgen, da Rom, die Hauptstadt der Welt, von den Barbaren
verwstet, voller Ruinen stehe, welche hundert- und aber hundertmal gezeichnet
worden, da nicht alles aus dem Altertum so erhalten sei, wie das Amphitheater
zu Verona, welches ich denn auch bald zu sehen hoffte.
Der Podest, welcher vor mir, aber tiefer stand, war ein langer, nicht gerade
hagerer Mann von etwa dreiig Jahren. Die stumpfen Zge seines geistlosen
Gesichts stimmten ganz zu der langsamen und trben Weise, womit er seine Fragen
hervorbrachte. Der Aktuarius, kleiner und gewandter, schien sich in einen so
neuen und seltnen Fall auch nicht gleich finden zu knnen. Ich sprach noch
manches dergleichen; man schien mich gern zu hren, und indem ich mich an einige
wohlwollende Frauengesichter wendete, glaubte ich, Beistimmung und Billigung
wahrzunehmen.
Als ich jedoch des Amphitheaters zu Verona erwhnte, das man im Lande unter dem
Namen Arena kennt, sagte der Aktuarius, der sich unterdessen besonnen hatte, das
mge wohl gelten, denn jenes sei ein weltberhmtes rmisches Gebude, an diesen
Trmen aber sei nichts Merkwrdiges, als da es die Grenze zwischen dem Gebiete
Venedigs und dem streichischen Kaiserstaate bezeichne und deshalb nicht
ausspioniert werden solle. Ich erklrte mich dagegen weitlufig, da nicht
allein griechische und rmische Altertmer, sondern auch die der mittlern Zeit
Aufmerksamkeit verdienten. Ihnen sei freilich nicht zu verargen, da sie an
diesem von Jugend auf gekannten Gebude nicht so viele malerische Schnheiten
als ich entdecken knnten. Glcklicherweise setzte die Morgensonne Turm, Felsen
und Mauern in das schnste Licht, und ich fing an, ihnen dieses Bild mit
Enthusiasmus zu beschreiben. Weil aber mein Publikum jene belobten Gegenstnde
im Rcken hatte und sich nicht ganz von mir abwenden wollte, so drehten sie auf
einmal, jenen Vgeln gleich, die man Wendehlse nennt, die Kpfe herum,
dasjenige mit Augen zu schauen, was ich ihren Ohren anpries, ja der Podest
selbst kehrte sich, obgleich mit etwas mehr Anstand, nach dem beschriebenen
Bilde hin. Diese Szene kam mir so lcherlich vor, da mein guter Mut sich
vermehrte und ich ihnen nichts, am wenigsten den Efeu schenkte, der Fels und
Gemuer auf das reichste zu verzieren schon Jahrhunderte Zeit gehabt hatte.
Der Aktuarius versetzte drauf, das lasse sich alles hren, aber Kaiser Joseph
sei ein unruhiger Herr, der gewi gegen die Republik Venedig noch manches Bse
im Schilde fhre, und ich mchte wohl sein Untertan, ein Abgeordneter sein, um
die Grenzen auszusphen.
Weit entfernt, rief ich aus, dem Kaiser anzugehren, darf ich mich wohl
rhmen, so gut als ihr, Brger einer Republik zu sein, welche zwar an Macht und
Gre dem erlauchten Staat von Venedig nicht verglichen werden kann, aber doch
auch sich selbst regiert und an Handelsttigkeit, Reichtum und Weisheit ihrer
Vorgesetzten keiner Stadt in Deutschland nachsieht. Ich bin nmlich von
Frankfurt am Main gebrtig, einer Stadt, deren Name und Ruf gewi bis zu euch
gekommen ist.
Von Frankfurt am Main! rief eine hbsche junge Frau, da knnt Ihr gleich
sehen, Herr Podest, was an dem Fremden ist, den ich fr einen guten Mann halte;
lat den Gregorio rufen, der lange daselbst konditioniert hat, der wird am
besten in der Sache entscheiden knnen.
Schon hatten sich die wohlwollenden Gesichter um mich her vermehrt, der erste
Widerwrtige war verschwunden, und als nun Gregorio herbeikam, wendete sich die
Sache ganz zu meinem Vorteil. Dieser war ein Mann etwa in den Funfzigen, ein
braunes italienisches Gesicht, wie man sie kennt. Er sprach und betrug sich als
einer, dem etwas Fremdes nicht fremd ist, erzhlte mir sogleich, da er bei
Bolongaro in Diensten gestanden und sich freue, durch mich etwas von dieser
Familie und von der Stadt zu hren, an die er sich mit Vergngen erinnere.
Glcklicherweise war sein Aufenthalt in meine jngeren Jahre gefallen, und ich
hatte den doppelten Vorteil, ihm genau sagen zu knnen, wie es zu seiner Zeit
gewesen und was sich nachher verndert habe. Ich erzhlte ihm von den smtlichen
italienischen Familien, deren mir keine fremd geblieben; er war sehr vergngt,
manches Einzelne zu hren, z. B. da der Herr Allesina im Jahre 1774 seine
goldene Hochzeit gefeiert, da darauf eine Medaille geschlagen worden, die ich
selbst besitze; er erinnerte sich recht wohl, da die Gattin dieses reichen
Handelsherrn eine geborne Brentano sei. Auch von den Kindern und Enkeln dieser
Huser wute ich ihm zu erzhlen, wie sie herangewachsen, versorgt, verheiratet
worden und sich in Enkeln vermehrt htten.
Als ich ihm nun die genaueste Auskunft fast ber alles gegeben, um was er mich
befragt, wechselten Heiterkeit und Ernst in den Zgen des Mannes. Er war froh
und gerhrt, das Volk erheiterte sich immer mehr und konnte unserm Zwiegesprch
zuzuhren nicht satt werden, wovon er freilich einen Teil erst in ihren Dialekt
bersetzen mute.
Zuletzt sagte er: Herr Podest, ich bin berzeugt, da dieses ein braver,
kunstreicher Mann ist, wohl erzogen, welcher herumreist, sich zu unterrichten.
Wir wollen ihn freundlich entlassen, damit er bei seinen Landsleuten Gutes von
uns rede und sie aufmuntere, Malcesine zu besuchen, dessen schne Lage wohl wert
ist, von Fremden bewundert zu sein. Ich verstrkte diese freundlichen Worte
durch das Lob der Gegend, der Lage und der Einwohner, die Gerichtspersonen als
weise und vorsichtige Mnner nicht vergessend.
Dieses alles ward fr gut erkannt, und ich erhielt die Erlaubnis, mit Meister
Gregorio nach Belieben den Ort und die Gegend zu besehen. Der Wirt, bei dem ich
eingekehrt war, gesellte sich nun zu uns und freute sich schon auf die Fremden,
welche auch ihm zustrmen wrden, wenn die Vorzge Malcesines erst recht ans
Licht kmen. Mit lebhafter Neugierde betrachtete er meine Kleidungsstcke,
besonders aber beneidete er mich um die kleinen Terzerole, die man so bequem in
die Tasche stecken konnte. Er pries diejenigen glcklich, die so schne Gewehre
tragen drften, welches bei ihnen unter den peinlichsten Strafen verboten sei.
Diesen freundlich Zudringlichen unterbrach ich einigemal, meinem Befreier mich
dankbar zu erweisen. Dankt mir nicht, versetzte der brave Mann, mir seid Ihr
nichts schuldig. Verstnde der Podest sein Handwerk und wre der Aktuar nicht
der eigenntzigste aller Menschen, Ihr wret nicht so losgekommen. Jener war
verlegener als Ihr, und diesem htte Eure Verhaftung, die Berichte, die
Abfhrung nach Verona auch nicht einen Heller eingetragen. Das hat er geschwind
berlegt, und Ihr wart schon befreit, ehe unsere Unterredung zu Ende war.
Gegen Abend holte mich der gute Mann in seinen Weinberg ab, der den See
hinabwrts sehr wohlgelegen war. Uns begleitete sein funfzehnjhriger Sohn, der
auf die Bume steigen und mir das beste Obst brechen mute, indessen der Alte
die reifsten Weintrauben aussuchte.
Zwischen diesen beiden weltfremden, wohlwollenden Menschen, in der unendlichen
Einsamkeit dieses Erdwinkels ganz allein, fhlte ich denn doch, wenn ich die
Abenteuer des Tages berdachte, auf das lebhafteste, welch ein wunderliches
Wesen der Mensch ist, da er dasjenige, was er mit Sicherheit und Bequemlichkeit
in guter Gesellschaft genieen knnte, sich oft unbequem und gefhrlich macht,
blo aus der Grille, die Welt und ihren Inhalt sich auf seine besondere Weise
zuzueignen.
Gegen Mitternacht begleitete mich mein Wirt an die Barke, das Fruchtkrbchen
tragend, welches mir Gregorio verehrt hatte, und so schied ich mit gnstigem
Wind von dem Ufer, welches mir lstrygonisch zu werden gedroht hatte.
Nun von meiner Seefahrt! Sie endete glcklich, nachdem die Herrlichkeit des
Wasserspiegels und des daran liegenden brescianischen Ufers mich recht im Herzen
erquickt hatte. Da, wo an der Abendseite das Gebirge aufhrt, steil zu sein, und
die Landschaft flcher nach dem See fllt, liegen in einer Reihe, in einer Lnge
von ungefhr anderthalb Stunden, Gargnano, Boiacco, Cecina, Toscolan, Maderno,
Verdom, Sal, alle auch wieder meist in die Lnge gezogen. Keine Worte drcken
die Anmut dieser so reich bewohnten Gegend aus. Frh um zehn Uhr landete ich in
Bartolino, lud mein Gepck auf ein Maultier und mich auf ein anderes. Nun ging
der Weg ber einen Rcken, der das Tal der Etsch von der Seevertiefung scheidet.
Die Urwasser scheinen hier von beiden Seiten gegeneinander in ungeheuern
Strmungen gewirkt und diesen kolossalen Kieseldamm aufgefhrt zu haben.
Fruchtbares Erdreich ward in ruhigern Epochen darber geschlemmt; aber der
Ackersmann ist doch stets aufs neue von den immer wieder hervordringenden
Geschieben geplagt. Man sucht soviel als mglich ihrer loszuwerden, baut sie
reihen- und schichtenweise bereinander und bildet dadurch am Wege hin sehr
dicke Quasimauern. Die Maulbeerbume sehen wegen Mangel an Feuchtigkeit nicht
frhlich auf dieser Hhe. An Quellen ist nicht zu denken. Von Zeit zu Zeit
trifft man Pftzen zusammengeleiteten Regenwassers, woraus die Maultiere, auch
wohl die Treiber ihren Durst lschen. Unten am Flusse sind Schpfrder
angebracht, um die tieferliegenden Pflanzungen nach Gefallen zu wssern.
Nun aber kann die Herrlichkeit der neuen Gegend, die man beim Herabsteigen
bersieht, durch Worte nicht dargestellt werden. Es ist ein Garten meilenlang
und -breit, der, am Fu hoher Gebirge und schroffer Felsen, ganz flach in der
grten Reinlichkeit daliegt. Und so kam ich denn am 10. September gegen ein Uhr
hier in Verona an, wo ich zuerst noch dieses schreibe, das zweite Stck meines
Tagebuchs schliee und hefte und gegen Abend mit freudigem Geiste das
Amphitheater zu sehen hoffe.
Von der Witterung dieser Tage her melde ich folgendes. Die Nacht vom neunten auf
den zehnten war abwechselnd hell und bedeckt, der Mond behielt immer einen
Schein um sich. Morgens gegen fnf Uhr berzog sich der ganze Himmel mit grauen,
nicht schweren Wolken, die mit dem wachsenden Tage verschwanden. Je tiefer ich
hinabkam, desto schner war das Wetter. Wie nun gar in Bozen der groe
Gebirgsstock mitternchtlich blieb, zeigte die Luft eine ganz andere
Beschaffenheit; man sah nmlich an den verschiedenen Landschaftsgrnden, die
sich gar lieblich durch ein etwas mehr oder weniger Blau voneinander
absonderten, da die Atmosphre voll gleich ausgeteilter Dnste sei, welche sie
zu tragen vermochte, und die daher weder als Tau oder Regen niederfielen, noch
als Wolken sich sammelten. Wie ich weiter hinabkam, konnte ich deutlich
bemerken, da alle Dnste, die aus dem Bozner Tal, alle Wolkenstreifen, die von
den mittgigern Bergen aufsteigen, nach den hohem mitternchtigen Gegenden
zuzogen, sie nicht verdeckten, aber in eine Art Hherauch einhllten. In der
weitesten Ferne, ber dem Gebirg, konnte ich eine sogenannte Wassergalle
bemerken. Von Bozen sdwrts haben sie den ganzen Sommer das schnste Wetter
gehabt, nur von Zeit zu Zeit ein wenig Wasser (sie sagen acqua, um den gelinden
Regen auszudrcken), und dann sogleich wieder Sonnenschein. Auch gestern fielen
von Zeit zu Zeit einige Tropfen, und die Sonne schien immer dazu. Sie haben
lange kein so gutes Jahr gehabt; es gert alles; das ble haben sie uns
zugeschickt.
Das Gebirge, die Steinarten erwhne ich nur krzlich, denn Ferbers Reise nach
Italien und Hacquets durch die Alpen unterrichten uns genugsam von dieser
Wegstrecke. Eine Viertelstunde vom Brenner ist ein Marmorbruch, an dem ich in
der Dmmerung vorbeifuhr. Er mag und mu, wie der an der andern Seite, auf
Glimmerschiefer aufliegen. Diesen fand ich bei Kollmann, als es Tag ward; weiter
hinab zeigten sich Porphyre an. Die Felsen waren so prchtig und an der Chaussee
die Haufen so gtlich zerschlagen, da man gleich Voigtische Kabinettchen daraus
htte bilden und verpacken knnen. Auch kann ich ohne Beschwerde jeder Art ein
Stck mitnehmen, wenn ich nur Augen und Begierde an ein kleineres Ma gewhne.
Bald unter Kollmann fand ich einen Porphyr, der sich in regelmige Platten
spaltet, zwischen Branzoll und Neumarkt einen hnlichen, dessen Platten jedoch
sich wieder in Sulen trennen. Ferber hielt sie fr vulkanische Produkte, das
war aber vor vierzehn Jahren, wo die ganze Welt in den Kpfen brannte. Hacquet
schon macht sich darber lustig.
Von den Menschen wute ich nur weniges und wenig Erfreuliches zu sagen. Sobald
mir vom Brenner Herunterfahrendem der Tag aufging, bemerkte ich eine
entschiedene Vernderung der Gestalt, besonders mifiel mir die brunlich
bleiche Farbe der Weiber. Ihre Gesichtszge deuten auf Elend, Kinder waren
ebenso erbrmlich anzusehen, Mnner ein wenig besser, die Grundbildung brigens
durchaus regelmig und gut. Ich glaube die Ursache dieses krankhaften Zustandes
in dem hufigen Gebrauch des trkischen und Heidekorns zu finden. Jenes, das sie
auch gelbe Blende nennen, und dieses, schwarze Blende genannt, werden gemahlen,
das Mehl in Wasser zu einem dicken Brei gekocht und so gegessen. Die jenseitigen
Deutschen rupfen den Teig wieder auseinander und braten ihn in Butter auf. Der
welsche Tiroler hingegen it ihn so weg, manchmal Kse darauf gerieben, und das
ganze Jahr kein Fleisch. Notwendig mu das die ersten Wege verleimen und
verstopfen, besonders bei den Kindern und Frauen, und die kachektische Farbe
deutet auf solches Verderben. Auerdem essen sie auch noch Frchte und grne
Bohnen, die sie in Wasser absieden und mit Knoblauch und l anmachen. Ich
fragte, ob es nicht auch reiche Bauern gbe. - Ja freilich. - Tun sie sich
nichts zugute? essen sie nicht besser? - Nein, sie sind es einmal so gewohnt.
- Wo kommen sie denn mit ihrem Gelde hin? Was machen sie sonst fr Aufwand? -
O, die haben schon ihre Herren, die es ihnen wieder abnehmen. - Das war die
Summa des Gesprchs mit meiner Wirtstochter in Bozen.
Ferner vernahm ich von ihr, da die Weinbauern, die am wohlhabendsten scheinen,
sich am belsten befinden, denn sie sind in den Hnden der stdtischen
Handelsleute, die ihnen bei schlechten Jahren den Lebensunterhalt vorschieen
und bei guten den Wein um ein Geringes an sich nehmen. Doch das ist berall
dasselbe.
Was meine Meinung wegen der Nahrung besttigt, ist, da die Stadtbewohnerinnen
immer wohler aussehen. Hbsche, volle Mdchengesichter, der Krper fr ihre
Strke und fr die Gre der Kpfe etwas zu klein, mitunter aber recht
freundlich entgegenkommende Gesichter. Die Mnner kennen wir durch die
wandernden Tiroler. Im Lande sehen sie weniger frisch aus als die Weiber,
wahrscheinlich, weil diese mehr krperliche Arbeiten, mehr Bewegung haben, die
Mnner hingegen als Krmer und Handwerksleute sitzen. Am Gardasee fand ich die
Leute sehr braun und ohne den mindesten rtlichen Schein der Wangen, aber doch
nicht ungesund, sondern ganz frisch und behaglich aussehend. Wahrscheinlich sind
die heftigen Sonnenstrahlen, denen sie am Fue ihrer Felsen ausgesetzt sind,
hievon die Ursache.

Verona bis Venedig.
Verona, den 16. September.
Das Amphitheater ist also das erste bedeutende Monument der alten Zeit, das ich
sehe, und so gut erhalten! Als ich hineintrat, mehr noch aber, als ich oben auf
dem Rande umherging, schien es mir seltsam, etwas Groes und doch eigentlich
nichts zu sehen. Auch will es leer nicht gesehen sein, sondern ganz voll von
Menschen, wie man es neuerer Zeit Joseph dem Zweiten und Pius dem Sechsten zu
Ehren veranstaltet. Der Kaiser, der doch auch Menschenmassen vor Augen gewohnt
war, soll darber erstaunt sein. Doch nur in der frhesten Zeit tat es seine
ganze Wirkung, da das Volk noch mehr Volk war, als es jetzt ist. Denn eigentlich
ist so ein Amphitheater recht gemacht, dem Volk mit sich selbst zu imponieren,
das Volk mit sich selbst zum besten zu haben.
Wenn irgend etwas Schauwrdiges auf flacher Erde vorgeht und alles zuluft,
suchen die Hintersten auf alle mgliche Weise sich ber die Vordersten zu
erheben: man tritt auf Bnke, rollt Fsser herbei, fhrt mit Wagen heran, legt
Bretter hinber und herber, besetzt einen benachbarten Hgel, und es bildet
sich in der Geschwindigkeit ein Krater.
Kommt das Schauspiel fter auf derselben Stelle vor, so baut man leichte Gerste
fr die, so bezahlen knnen, und die brige Masse behilft sich, wie sie mag.
Dieses allgemeine Bedrfnis zu befriedigen, ist hier die Aufgabe des
Architekten. Er bereitet einen solchen Krater durch Kunst, so einfach als nur
mglich, damit dessen Zierat das Volk selbst werde. Wenn es sich so beisammen
sah, mute es ber sich selbst erstaunen; denn da es sonst nur gewohnt, sich
durcheinander laufen zu sehen, sich in einem Gewhle ohne Ordnung und
sonderliche Zucht zu finden, so sieht das vielkpfige, vielsinnige, schwankende,
hin und her irrende Tier sich zu einem edlen Krper vereinigt, zu einer Einheit
bestimmt, in eine Masse verbunden und befestigt, als eine Gestalt, von einem
Geiste belebt. Die Simplizitt des Oval ist jedem Auge auf die angenehmste Weise
fhlbar, und jeder Kopf dient zum Mae, wie ungeheuer das Ganze sei. Jetzt, wenn
man es leer sieht, hat man keinen Mastab, man wei nicht, ob es gro oder klein
ist.
Wegen der Unterhaltung dieses Werks mssen die Veroneser gelobt werden. Es ist
von einem rtlichen Marmor gebaut, den die Witterung angreift, daher stellt man
der Reihe nach die ausgefressenen Stufen immer wieder her, und sie scheinen fast
alle ganz neu. Eine Inschrift gedenkt eines Hieronymus Maurigenus und seines auf
dieses Monument verwendeten unglaublichen Fleies. Von der uern Mauer steht
nur ein Stck, und ich zweifele, ob sie je ganz fertig geworden. Die untern
Gewlbe, die an den groen Platz, il Br genannt, stoen, sind an Handwerker
vermietet, und es sieht lustig genug aus, diese Hhlungen wieder belebt zu
sehen.
Verona, den 16. September.
Das schnste, aber immer geschlossene Tor heit Porta stuppa oder del Palio. Als
Tor und in der groen Entfernung, aus der man es schon gewahr wird, ist es nicht
gut gedacht; denn erst in der Nhe erkennt man das Verdienst des Gebudes.
Sie geben allerlei Ursachen an, warum es geschlossen sei. Ich habe jedoch eine
Mutmaung: die Absicht des Knstlers ging offenbar dahin, durch dieses Tor eine
neue Anlage des Korso zu verursachen, denn auf die jetzige Strae steht es ganz
falsch. Die linke Seite hat lauter Baracken, und die winkelrechte Linie der
Mitte des Tores geht auf ein Nonnenkloster zu, das notwendig htte niedergelegt
werden mssen. Das sah man wohl ein, auch mochten die Vornehmen und Reichen
nicht Lust haben, sich in dem entfernten Quartier anzubauen. Der Knstler starb
vielleicht, und so schlo man das Tor, wodurch die Sache nun auf einmal geendigt
war.
Verona, den 16. September.
Das Portal des Theatergebudes von sechs groen ionischen Sulen nimmt sich
anstndig genug aus. Desto kleinlicher erscheint ber der Tre vor einer
gemalten Nische, die von zwei korinthischen Sulen getragen wird, die
lebensgroe Bste des Marchese Maffei in einer groen Percke. Der Platz ist
ehrenvoll, aber um sich gegen die Gre und Tchtigkeit der Sulen einigermaen
zu halten, htte die Bste kolossal sein mssen. Jetzt steht sie kleinlich auf
einem Kragsteinchen, unharmonisch mit dem Ganzen.
Auch die Galerie, die den Vorhof einfat, ist kleinlich, und die kannelierten
dorischen Zwerge nehmen sich neben den glatten ionischen Riesen armselig aus.
Doch wollen wir das verzeihen in Betracht der schnen Anstalt, welche unter
diesen Sulenlauben angelegt ist. Hier hat man die Antiquitten, meist in und um
Verona gegraben, gesammelt aufgestellt. Einiges soll sogar sich im Amphitheater
gefunden haben. Es sind etrurische, griechische, rmische bis zu den niedern
Zeiten und auch neuere. Die Basreliefs sind in die Wnde eingemauert und mit den
Nummern versehen, die ihnen Maffei gab, als er sie in seinem Werke Verona
illustrata beschrieb. Altre, Stcke von Sulen und dergleichen Reste; ein ganz
trefflicher Dreifu von weiem Marmor, worauf Genien, die sich mit den
Attributen der Gtter beschftigen. Raffael hat dergleichen in den Zwickeln der
Farnesine nachgeahmt und verklrt.
Der Wind, der von den Grbern der Alten herweht, kommt mit Wohlgerchen wie ber
einen Rosenhgel. Die Grabmler sind herzlich und rhrend und stellen immer das
Leben her. Da ist ein Mann, der neben seiner Frau aus einer Nische wie zu einem
Fenster heraussieht. Da stehen Vater und Mutter, den Sohn in der Mitte, einander
mit unaussprechlicher Natrlichkeit anblickend. Hier reicht sich ein Paar die
Hnde. Hier scheint ein Vater, auf seinem Sofa ruhend, von der Familie
unterhalten zu werden. Mir war die unmittelbare Gegenwart dieser Steine hchst
rhrend. Von spterer Kunst sind sie, aber einfach, natrlich und allgemein
ansprechend. Hier ist kein geharnischter Mann auf den Knieen, der eine frhliche
Auferstehung erwartet. Der Knstler hat mit mehr oder weniger Geschick nur die
einfache Gegenwart der Menschen hingestellt, ihre Existenz dadurch fortgesetzt
und bleibend gemacht. Sie falten nicht die Hnde, schauen nicht in den Himmel,
sondern sie sind hienieden, was sie waren und was sie sind. Sie stehen
beisammen, nehmen Anteil aneinander, lieben sich, und das ist in den Steinen
sogar mit einer gewissen Handwerksunfhigkeit allerliebst ausgedrckt. Ein sehr
reich verzierter marmorner Pfeiler gab mir auch neue Begriffe.
So lblich diese Anstalt ist, so sieht man ihr doch an, da der edle
Erhaltungsgeist, der sie gegrndet, nicht mehr in ihr fortlebt. Der kostbare
Dreifu geht nchstens zugrunde, weil er frei steht, gegen Westen der Witterung
ausgesetzt. Mit einem hlzernen Futteral wre dieser Schatz leicht zu erhalten.
Der angefangene Palast des Proveditore, wre er fertig geworden, htte ein schn
Stck Baukunst gegeben. Sonst bauen die Nobili noch viel, leider aber ein jeder
auf den Platz, wo seine ltere Wohnung stand, also oft in engen Gassen. So baut
man jetzt eine prchtige Fassade eines Seminariums in einem Gchen der
entferntesten Vorstadt.
Als ich mit meinem zufllig aufgegriffenen Begleiter vor einem groen
ernsthaften Tore eines wunderbaren Gebudes vorberging, fragte er mich
gutmtig, ob ich nicht einen Augenblick in den Hof treten wolle. Es war der
Palast der Justiz, und wegen Hhe der Gebude erschien der Hof doch nur als ein
ungeheurer Brunnen. Hier werden, sagte er, alle die Verbrecher und
Verdchtigen verwahrt. Ich sah umher, und durch alle Stockwerke gingen an
zahlreichen Tren hin offene, mit eisernen Gelndern versehene Gnge. Der
Gefangene, wie er aus seinem Kerker heraustrat, um zum Verhr gefhrt zu werden,
stand in der freien Luft, war aber auch den Blicken aller ausgesetzt; und weil
nun mehrere Verhrstuben sein mochten, so klapperten die Ketten bald ber
diesem, bald ber jenem Gange durch alle Stockwerke. Es war ein verwnschter
Anblick, und ich leugne nicht, da der gute Humor, womit ich meine Vgel
abgefertigt hatte, hier doch einen etwas schweren Stand wrde gefunden haben.
Ich ging auf der Kante des amphitheatralischen Kraters bei Sonnenuntergang, der
schnsten Aussicht genieend ber Stadt und Gegend. Ich war ganz allein, und
unten auf den breiten Steinen des Br gingen Mengen von Menschen: Mnner von
allen Stnden, Weiber vom Mittelstande spazieren. Diese letztern nehmen sich in
ihren schwarzen berkleidern aus dieser Vogelperspektive gar mumienhaft aus.
Der Zendale und die Veste, die dieser Klasse statt aller Garderobe dient, ist
brigens eine Tracht, ganz eingerichtet fr ein Volk, das nicht immer fr
Reinlichkeit sorgen und doch immer ffentlich erscheinen, bald in der Kirche,
bald auf dem Spaziergange sein will. Veste ist ein schwarztaffeter Rock, der
ber andere Rcke geworfen wird. Hat das Frauenzimmer einen reinlichen weien
darunter, so versteht sie den schwarzen an der einen Seite in die Hhe zu heben.
Dieser wird so angegrtet, da er die Taille abschneidet und die Lippen des
Korsetts bedeckt, welches von jeglicher Farbe sein kann. Der Zendale ist eine
groe Kappe mit langen Brten, die Kappe selbst durch ein Drahtgestell hoch ber
den Kopf gehalten, die Brte aber wie eine Schrpe um den Leib geknpft, so da
die Enden hinterwrts herunterfallen.
Verona, den 16. September.
Als ich heute wieder von der Arena wegging, kam ich einige tausend Schritte
davon zu einem modernen ffentlichen Schauspiel. Vier edle Veroneser schlugen
Ball gegen vier Vicentiner. Sie treiben dies sonst unter sich das ganze Jahr
etwa zwei Stunden vor Nacht; diesmal, wegen der fremden Gegner, lief das Volk
unglaublich zu. Es knnen immer vier- bis fnftausend Zuschauer gewesen sein.
Frauen sah ich von keinem Stande.
Vorhin, als ich vom Bedrfnis der Menge in einem solchen Falle sprach, hab' ich
das natrliche zufllige Amphitheater schon beschrieben, wie ich das Volk hier
bereinander gebaut sah. Ein lebhaftes Hndeklatschen hrt' ich schon von
weiten, jeder bedeutende Schlag war davon begleitet. Das Spiel aber geht so vor
sich: In gehriger Entfernung voneinander sind zwei gelindabhngige
Bretterflchen errichtet. Derjenige, der den Ball ausschlgt, steht, die Rechte
mit einem hlzernen breiten Stachelringe bewaffnet, auf der obersten Hhe. Indem
nun ein anderer von seiner Partei ihm den Ball zuwirft, so luft er herunter dem
Ball entgegen und vermehrt dadurch die Gewalt des Schlages, womit er denselben
zu treffen wei. Die Gegner suchen ihn zurckzuschlagen, und so geht es hin und
wider, bis er zuletzt im Felde liegenbleibt. Die schnsten Stellungen, wert, in
Marmor nachgebildet zu werden, kommen dabei zum Vorschein. Da es lauter
wohlgewachsene, rstige junge Leute sind, in kurzer, knapper, weier Kleidung,
so unterscheiden sich die Parteien nur durch ein farbiges Abzeichen. Besonders
schn ist die Stellung, in welche der Ausschlagende gert, indem er von der
schiefen Flche herunterluft und den Ball zu treffen ausholt, sie nhert sich
der des Borghesischen Fechters.
Sonderbar kam es mir vor, da sie diese bung an einer alten Stadtmauer ohne die
mindeste Bequemlichkeit fr die Zuschauer vornehmen; warum sie es nicht im
Amphitheater tun, wo so schner Raum wre!

Verona, den 17. September.
Was ich von Gemlden gesehen, will ich nur kurz berhren und einige
Betrachtungen hinzufgen. Ich mache diese wunderbare Reise nicht, um mich selbst
zu betriegen, sondern um mich an den Gegenstnden kennen zu lernen; da sage ich
mir denn ganz aufrichtig, da ich von der Kunst, von dem Handwerk des Malers
wenig verstehe. Meine Aufmerksamkeit, meine Betrachtung kann nur auf den
praktischen Teil, auf den Gegenstand und auf die Behandlung desselben im
allgemeinen gerichtet sein.
St. Giorgio ist eine Galerie von guten Gemlden, alle Altarbltter, wo nicht von
gleichem Wert, doch durchaus merkwrdig. Aber die unglckseligen Knstler, was
muten die malen! und fr wen! Ein Mannaregen, vielleicht dreiig Fu lang und
zwanzig hoch! das Wunder der fnf Brote zum Gegenstck! was war daran zu malen?
Hungrige Menschen, die ber kleine Krner herfallen, unzhlige andere, denen
Brot prsentiert wird. Die Knstler haben sich die Folter gegeben, um solche
Armseligkeiten bedeutend zu machen. Und doch hat, durch diese Ntigung gereizt,
das Genie schne Sachen hervorgebracht. Ein Knstler, der die heilige Ursula mit
den eilftausend Jungfrauen vorzustellen hatte, zog sich mit groem Verstand aus
der Sache. Die Heilige steht im Vordergrunde, als habe sie siegend das Land in
Besitz genommen. Sie ist sehr edel, amazonenhaft jungfrulich, ohne Reiz
gebildet; in der alles verkleinernden Ferne hingegen sieht man ihre Schar aus
den Schiffen steigen und in Prozession herankommen. Die Himmelfahrt Mari im
Dom, von Tizian, ist sehr verschwrzt, der Gedanke lobenswert, da die angehende
Gttin nicht himmelwrts, sondern herab nach ihren Freunden blickt.
In der Galerie Gherardini fand ich sehr schne Sachen von Orbetto und lernte
diesen verdienten Knstler auf einmal kennen. In der Entfernung erfhrt man nur
von den ersten Knstlern, und oft begngt man sich mit ihren Namen; wenn man
aber diesem Sternenhimmel nhertritt und die von der zweiten und dritten Gre
nun auch zu flimmern anfangen, und jeder auch als zum ganzen Sternbild gehrend
hervortritt, dann wird die Welt weit und die Kunst reich. Den Gedanken eines
Bildes mu ich hier loben. Nur zwei Halbfiguren. Simson ist eben im Schoe der
Delila eingeschlafen, sie greift leise ber ihn hinweg nach einer Schere, die
auf dem Tisch neben der Lampe liegt. Die Ausfhrung ist sehr brav. Im Palast
Canossa war mir eine Danae bemerklich.
Der Palast Bevilacqua enthlt die kstlichsten Sachen. Ein sogenanntes Paradies
von Tintorett, eigentlich aber die Krnung der Maria zur Himmelsknigin in
Gegenwart aller Erzvter, Propheten, Apostel, Heiligen, Engel u. s. w., eine
Gelegenheit, den ganzen Reichtum des glcklichen Genies zu entwickeln.
Leichtigkeit des Pinsels, Geist, Mannigfaltigkeit des Ausdrucks, dies alles zu
bewundern und sich dessen zu erfreuen, mte man das Stck selbst besitzen und
es zeitlebens vor Augen haben. Die Arbeit geht ins Unendliche, ja die letzten in
der Glorie verschwindenden Engelskpfe haben noch Charakter. Die grten Figuren
mgen einen Fu hoch sein, Maria und Christus, der ihr die Krone aufsetzt, etwa
vier Zoll. Die Eva ist doch das schnste Weibchen auf dem Bilde und noch immer
von alters her ein wenig lstern.
Ein paar Portrte von Paul Veronese haben meine Hochachtung fr diesen Knstler
nur vermehrt. Die Antikensammlung ist herrlich, ein hingestreckter Sohn der
Niobe kstlich, die Bsten ungeachtet ihrer restaurierten Nasen meistens hchst
interessant, ein August mit der Brgerkrone, ein Caligula und andere.
Es liegt in meiner Natur, das Groe und Schne willig und mit Freuden zu
verehren, und diese Anlage an so herrlichen Gegenstnden Tag fr Tag, Stunde fr
Stunde auszubilden, ist das seligste aller Gefhle.
In einem Lande, wo man des Tages geniet, besonders aber des Abends sich
erfreut, ist es hchst bedeutend, wenn die Nacht einbricht. Dann hrt die Arbeit
auf, dann kehrt der Spaziergnger zurck, der Vater will seine Tochter wieder zu
Hause sehen, der Tag hat ein Ende; doch was Tag sei, wissen wir Cimmerier kaum.
In ewigem Nebel und Trbe ist es uns einerlei, ob es Tag oder Nacht ist; denn
wieviel Zeit knnen wir uns unter freiem Himmel wahrhaft ergehen und ergtzen?
Wie hier die Nacht eintritt, ist der Tag entschieden vorbei, der aus Abend und
Morgen bestand, vierundzwanzig Stunden sind verlebt, eine neue Rechnung geht an,
die Glocken luten, der Rosenkranz wird gebetet, mit brennender Lampe tritt die
Magd in das Zimmer und spricht: Felicissima notte! Diese Epoche verndert sich
mit jeder Jahreszeit, und der Mensch, der hier lebendig lebt, kann nicht irre
werden, weil jeder Genu seines Daseins sich nicht auf die Stunde, sondern auf
die Tageszeit bezieht. Zwnge man dem Volke einen deutschen Zeiger auf, so wrde
man es verwirrt machen, denn der seinige ist innigst mit seiner Natur verwebt.
Anderthalb Stunden, eine Stunde vor Nacht fngt der Adel an auszufahren, es geht
auf den Br, die lange, breite Strae nach der Porta Nuova zu, das Tor hinaus,
an der Stadt hin, und wie es Nacht schlgt, kehrt alles um. Teils fahren sie an
die Kirchen, das Ave Maria della sera zu beten, teils halten sie auf dem Br,
die Kavaliers treten an die Kutschen, unterhalten sich mit den Damen, und es
dauert eine Weile; ich habe das Ende niemals abgewartet, die Fugnger bleiben
weit in die Nacht. Heute war gerade so viel Regen niedergegangen, um den Staub
zu lschen, es war wirklich ein lebendiger, munterer Anblick.
Um mich ferner in einem wichtigen Punkte der Landesgewohnheit gleichzustellen,
habe ich mir ein Hlfsmittel erdacht, wie ich ihre Stundenrechnung mir leichter
zu eigen machte. Nachfolgendes Bild kann davon einen Begriff geben. Der innere
Kreis bedeutet unsere vierundzwanzig Stunden von Mitternacht zu Mitternacht, in
zweimal zwlf geteilt, wie wir zhlen und unsere Uhren sie zeigen. Der mittlere
Kreis deutet an, wie die Glocken in der jetzigen Jahreszeit hier schlagen,
nmlich gleichfalls zweimal bis zwlf in vierundzwanzig Stunden, allein
dergestalt, da es eins schlgt, wenn es bei uns acht schlge, und so fort, bis
zwlfe voll sind. Morgens acht Uhr nach unserm Zeiger schlgt es wieder eins u.
s. f. Der oberste Kreis zeigt nun endlich, wie bis vierundzwanzig im Leben
gezhlt wird. Ich hre z. B. in der Nacht sieben schlagen und wei, da
Mitternacht um fnf ist, so ziehe ich die Zahl von jener ab, und habe also zwei
Uhr Nachmitternacht. Hr' ich am Tage sieben schlagen und wei, da auch Mittag
um fnf Uhr ist, so verfahre ich ebenso und habe zwei Uhr Nachmittag. Will ich
aber die Stunden nach hiesiger Weise aussprechen, so mu ich wissen, da Mittag
siebenzehn Uhr ist, hiezu fge ich noch die zwei und sage neunzehn Uhr. Wenn man
dies zum erstenmal hrt und berdenkt, so scheint es hchst verworren und schwer
durchzufhren; man wird es aber gar bald gewohnt und findet diese Beschftigung
unterhaltend, wie sich auch das Volk an dem ewigen Hin- und Widerrechnen
ergtzt, wie Kinder an leicht zu berwindenden Schwierigkeiten. Sie haben
ohnedies immer die Finger in der Luft, rechnen alles im Kopfe und machen sich
gern mit Zahlen zu schaffen. Ferner ist dem Inlnder die Sache so viel leichter,
weil er sich um Mittag und Mitternacht eigentlich nicht bekmmert und nicht, wie
der Fremde in diesem Lande tut, zwei Zeiger miteinander vergleicht. Sie zhlen
nur von Abend die Stunden, wie sie schlagen, am Tag addieren sie die Zahl zu der
ihnen bekannten abwechselnden Mittagszahl. Das Weitere erlutern die der Figur
beigefgten Anmerkungen.
Vergleichungskreis
der
italienischen und deutschen Uhren, auch der italienischen Zeiger fr die zweite
Hlfte des Septembers.
Mittag
Mitternacht
Die Nacht wchst mit jedem halben Monat eine halbe Stunde. Das Tag wchst
mit jedem halben Monat eine halbe Stunde.
......................................
......................................
......................................

Verona, den 17. September.
Das Volk rhrt sich hier sehr lebhaft durcheinander, besonders in einigen
Straen, wo Kauflden und Handwerksbuden aneinanderstoen, sieht es recht lustig
aus. Da ist nicht etwa eine Tr vor dem Laden oder Arbeitszimmer, nein, die
ganze Breite des Hauses ist offen, man sieht bis in die Tiefe und alles, was
darin vorgeht. Die Schneider nhen, die Schuster ziehen und pochen, alle halb
auf der Gasse; ja die Werksttten machen einen Teil der Strae. Abends, wenn
Lichter brennen, sieht es recht lebendig.
Auf den Pltzen ist es an Markttagen sehr voll, Gemse und Frchte
unbersehlich, Knoblauch und Zwiebeln nach Herzenslust. brigens schreien,
schkern und singen sie den ganzen Tag, werfen und balgen sich, jauchzen und
lachen unaufhrlich. Die milde Luft, die wohlfeile Nahrung lt sie leicht
leben. Alles, was nur kann, ist unter freiem Himmel.
Nachts geht nun das Singen und Lrmen recht an. Das Liedchen von Marlborough
hrt man auf allen Straen, dann ein Hackebrett, eine Violine. Sie ben sich,
alle Vgel mit Pfeifen nachzumachen. Die wunderlichsten Tne brechen berall
hervor. Ein solches bergefhl des Daseins verleiht ein mildes Klima auch der
Armut, und der Schatten des Volks scheint selbst noch ehrwrdig.
Die uns so sehr auffallende Unreinlichkeit und wenige Bequemlichkeit der Huser
entspringt auch daher: sie sind immer drauen, und in ihrer Sorglosigkeit denken
sie an nichts. Dem Volk ist alles recht und gut, der Mittelmann lebt auch von
einem Tag zum andern, der Reiche und Vornehme schliet sich in seine Wohnung,
die eben auch nicht so wohnlich ist wie im Norden. Ihre Gesellschaften halten
sie in ffentlichen Versammlungshusern. Vorhfe und Sulengnge sind alle mit
Unrat besudelt, und es geht ganz natrlich zu. Das Volk fhlt sich immer vor.
Der Reiche kann reich sein, Palste bauen, der Nobile darf regieren, aber wenn
er einen Sulengang, einen Vorhof anlegt, so bedient sich das Volk dessen zu
seinem Bedrfnis, und es hat kein dringenderes, als das so schnell wie mglich
loszuwerden, was es so hufig als mglich zu sich genommen hat. Will einer das
nicht leiden, so mu er nicht den groen Herrn spielen, d. h. er mu nicht tun,
als wenn ein Teil seiner Wohnung dem Publikum angehre, er macht seine Tre zu,
und so ist es auch gut. An ffentlichen Gebuden lt sich das Volk sein Recht
nun gar nicht nehmen, und das ist's, worber der Fremde durch ganz Italien
Beschwerde fhrt. Ich betrachtete heut' auf mancherlei Wegen durch die Stadt die
Tracht und die Manieren besonders des Mittelstandes, der sich sehr hufig und
geschftig zeigt. Sie schlenkern im Gehen alle mit den Armen. Personen von einem
hhern Stande, die bei gewissen Gelegenheiten einen Degen tragen, schlenkern nur
mit einem, weil sie gewohnt sind, den linken still zu halten.
Obgleich das Volk seinen Geschften und Bedrfnissen sehr sorglos nachgeht, so
hat es doch auf alles Fremde ein scharfes Auge. So konnt' ich die ersten Tage
bemerken, da jedermann meine Stiefel betrachtete, da man sich derselben als
einer teuern Tracht nicht einmal im Winter bedient. Jetzt, da ich Schuh und
Strmpfe trage, sieht mich niemand mehr an. Aber merkwrdig war mir's, da heute
frh, da sie alle mit Blumen, Gemse, Knoblauch und so vielen andern
Markterzeugnissen durcheinander liefen, ihnen der Zypressenzweig nicht entging,
den ich in der Hand trug. Einige grne Zapfen hingen daran, und daneben hielt
ich blhende Kapernzweige. Sie sahen alle, gro und klein, mir auf die Finger
und schienen wunderliche Gedanken zu haben.
Diese Zweige bracht' ich aus dem Garten Giusti, der eine treffliche Lage und
ungeheure Zypressen hat, die alle pfriemenartig in die Luft stehen.
Wahrscheinlich sind die spitz zugeschnittenen Taxus der nordischen Gartenkunst
Nachahmungen dieses herrlichen Naturprodukts. Ein Baum, dessen Zweige von unten
bis oben, die ltesten wie die Jngsten, gen Himmel streben, der seine
dreihundert Jahre dauert, ist wohl der Verehrung wert. Der Zeit nach, da der
Garten angelegt worden, haben diese schon ein so hohes Alter erreicht.
Vicenza, den 19. September.
Der Weg von Verona hieher ist sehr angenehm, man fhrt nordostwrts an den
Gebirgen hin und hat die Vorderberge, die aus Sand, Kalk, Ton, Mergel bestehen,
immer linker Hand; auf den Hgeln, die sie bilden, liegen Orte, Schlsser,
Huser. Rechts verbreitet sich die weite Flche, durch die man fhrt. Der
gerade, gut unterhaltene, breite Weg geht durch fruchtbares Feld, man blickt in
tiefe Baumreihen, an welchen die Reben in die Hhe gezogen sind, die sodann, als
wren es luftige Zweige, herunterfallen. Hier kann man sich eine Idee von
Festonen bilden! Die Trauben sind zeitig und beschweren die Ranken, die lang und
schwankend niederhngen. Der Weg ist voll Menschen aller Art und Gewerbes,
besonders freuten mich die Wagen mit niedrigen, tellerartigen Rdern, die, mit
vier Ochsen bespannt, groe Kufen hin und wider fhren, in welchen die
Weintrauben aus den Grten geholt und gestampft werden. Die Fhrer standen, wenn
sie leer waren, drinnen, es sah einem bacchischen Triumphzug ganz hnlich.
Zwischen den Weinreihen ist der Boden zu allerlei Arten Getreide, besonders zu
Trkischkorn und Srgel benutzt.
Kommt man gegen Vicenza, so steigen wieder Hgel von Norden nach Sden auf, sie
sind vulkanisch, sagt man, und schlieen die Ebene. Vicenza liegt an ihrem Fue
und, wenn man will, in einem Busen, den sie bilden.
Vicenza, den 19. September.
Vor einigen Stunden bin ich hier angekommen, habe schon die Stadt durchlaufen,
das Olympische Theater und die Gebude des Palladio gesehen. Man hat ein sehr
artiges Bchelchen mit Kupfern zur Bequemlichkeit der Fremden herausgegeben mit
einem kunstverstndigen Texte. Wenn man nun diese Werke gegenwrtig sieht, so
erkennt man erst den groen Wert derselben; denn sie sollen ja durch ihre
wirkliche Gre und Krperlichkeit das Auge fllen und durch die schne Harmonie
ihrer Dimensionen nicht nur in abstrakten Aufrissen, sondern mit dem ganzen
perspektivischen Vordringen und Zurckweichen den Geist befriedigen; und so sag'
ich vom Palladio: er ist ein recht innerlich und von innen heraus groer Mensch
gewesen. Die hchste Schwierigkeit, mit der dieser Mann wie alle neuern
Architekten zu kmpfen hatte, ist die schickliche Anwendung der Sulenordnungen
in der brgerlichen Baukunst; denn Sulen und Mauern zu verbinden, bleibt doch
immer ein Widerspruch. Aber wie er das untereinander gearbeitet hat, wie er
durch die Gegenwart seiner Werke imponiert und vergessen macht, da er nur
berredet! Es ist wirklich etwas Gttliches in seinen Anlagen, vllig wie die
Force des groen Dichters, der aus Wahrheit und Lge ein Drittes bildet, dessen
erborgtes Dasein uns bezaubert.
Das Olympische Theater ist ein Theater der Alten, im kleinen realisiert und
unaussprechlich schn, aber gegen die unsrigen kmmt mir's vor wie ein
vornehmes, reiches, wohlgebildetes Kind gegen einen klugen Weltmenschen, der,
weder so vornehm, noch so reich, noch wohlgebildet, besser wei, was er mit
seinen Mitteln bewirken kann.
Betrachtet man nun hier am Orte die herrlichen Gebude, die jener Mann
auffhrte, und sieht, wie sie schon durch das enge, schmutzige Bedrfnis der
Menschen entstellt sind, wie die Anlagen meist ber die Krfte der Unternehmer
waren, wie wenig diese kstlichen Denkmale eines hohen Menschengeistes zu dem
Leben der brigen passen, so fllt einem denn doch ein, da es in allem andern
ebenso ist; denn man verdient wenig Dank von den Menschen, wenn man ihr inneres
Bedrfnis erhhen, ihnen eine groe Idee von ihnen selbst geben, ihnen das
Herrliche eines wahren, edlen Daseins zum Gefhl bringen will. Aber wenn man die
Vgel belgt, Mrchen erzhlt, von Tag zu Tag ihnen forthelfend, sie
verschlechtert, da ist man ihr Mann, und darum gefllt sich die neuere Zeit in
so viel Abgeschmacktem. Ich sage das nicht, um meine Freunde herunterzusetzen,
ich sage nur, da sie so sind, und da man sich nicht verwundern mu, wenn alles
ist, wie es ist.
Wie sich die Basilika des Palladio neben einem alten, mit ungleichen Fenstern
bersten, kastellhnlichen Gebude ausnimmt, welches der Baumeister zusamt dem
Turm gewi weggedacht hat, ist nicht auszudrcken, und ich mu mich schon auf
eine wunderliche Weise zusammenfassen; denn ich finde auch hier leider gleich
das, was ich fliehe und suche, nebeneinander.
Den 20. September.
Gestern war Oper, sie dauerte bis nach Mitternacht, und ich sehnte mich, zu
ruhen. Die drei Sultaninnen und Die Entfhrung aus dem Serail haben manche
Fetzen hergegeben, woraus das Stck mit weniger Klugheit zusammengeflickt ist.
Die Musik hrte sich bequem an, ist aber wahrscheinlich von einem Liebhaber,
kein neuer Gedanke, der mich getroffen htte. Die Ballette dagegen sind
allerliebst. Das Hauptpaar tanzte eine Allemande, da man nichts Zierlichers
sehen konnte.
Das Theater ist neu, lieblich, schn, modestprchtig, alles uniform, wie es
einer Provinzialstadt geziemt, jede Loge hat ihren bergeschlagenen
gleichfarbigen Teppich, die des Kapitan Grande ist nur durch einen etwas lngern
berhang ausgezeichnet.
Die erste Sngerin, vom ganzen Volke sehr begnstigt, wird, wie sie auftritt,
entsetzlich beklatscht, und die Vgel stellen sich vor Freuden ganz ungebrdig,
wenn sie etwas recht gut macht, welches sehr oft geschieht. Es ist ein natrlich
Wesen, hbsche Figur, schne Stimme, ein gefllig Gesicht und von einem recht
honetten Anstand; in den Armen knnte sie etwas mehr Grazie haben. Indessen
komme ich denn doch nicht wieder, ich fhle, da ich zum Vogel verdorben bin.
Den 21. September.
Heute besuchte ich Doktor Turra; wohl fnf Jahre hat er sich mit Leidenschaft
auf die Pflanzenkunde gelegt, ein Herbarium der italienischen Flora gesammelt,
unter dem vorigen Bischof einen botanischen Garten eingerichtet. Das ist aber
alles hin. Medizinische Praxis vertrieb die Naturgeschichte, das Herbarium wird
von Wrmern gespeist, der Bischof ist tot und der botanische Garten wieder, wie
billig, mit Kohl und Knoblauch bepflanzt.
Doktor Turra ist ein gar feiner, guter Mann. Er erzhlte mir mit Offenheit,
Seelenreinheit und Bescheidenheit seine Geschichte und sprach berhaupt sehr
bestimmt und gefllig, hatte aber nicht Lust, seine Schrnke aufzutun, die
vielleicht in keinem prsentablen Zustande sein mochten. Der Diskurs kam bald
ins Stocken.
Den 21. September, abends.
Ich ging zum alten Baumeister Scamozzi, der des Palladio Gebude herausgegeben
hat und ein wackerer, leidenschaftlicher Knstler ist. Er gab mir einige
Anleitung, vergngt ber meine Teilnahme. Unter den Gebuden des Palladio ist
eins, fr das ich immer eine besondere Vorliebe hatte, es soll seine eigne
Wohnung gewesen sein; aber in der Nhe ist es weit mehr, als man im Bilde sieht.
Ich mchte es gezeichnet und mit den Farben illuminiert haben, die ihm das
Material und das Alter gegeben. Man mu aber nicht denken, da der Baumeister
sich einen Palast errichtet habe. Es ist das bescheidenste Haus von der Welt,
hat nur zwei Fenster, die durch einen breiten Raum, der das dritte Fenster
vertrge, abgesondert sind. Wollte man es zum Gemlde nachbilden, so da die
Nachbarhuser mit vorgestellt wrden, so wre auch das vergnglich anzusehen,
wie es zwischen sie eingeschaltet ist. Das htte Canalett malen sollen.
Heute besuchte ich das eine halbe Stunde von der Stadt auf einer angenehmen Hhe
liegende Prachthaus, die Rotonda genannt. Es ist ein viereckiges Gebude, das
einen runden, von oben erleuchteten Saal in sich schliet. Von allen vier Seiten
steigt man auf breiten Treppen hinan und gelangt jedesmal in eine Vorhalle, die
von sechs korinthischen Sulen gebildet wird. Vielleicht hat die Baukunst ihren
Luxus niemals hher getrieben. Der Raum, den die Treppen und Vorhallen
einnehmen, ist viel grer als der des Hauses selbst; denn jede einzelne Seite
wrde als Ansicht eines Tempels befriedigen. Inwendig kann man es wohnbar, aber
nicht whnlich nennen. Der Saal ist von der schnsten Proportion, die Zimmer
auch; aber zu den Bedrfnissen eines Sommeraufenthalts einer vornehmen Familie
wrden sie kaum hinreichen. Dafr sieht man es auch in der ganzen Gegend von
allen Seiten sich auf das herrlichste darstellen. Die Mannigfaltigkeit ist gro,
in der sich seine Hauptmasse zugleich mit den vorspringenden Sulen vor dem Auge
der Umherwandelnden bewegt, und die Absicht des Besitzers ist vollkommen
erreicht, der ein groes Fideikommigut und zugleich ein sinnliches Denkmal
seines Vermgens hinterlassen wollte. Und wie nun das Gebude von allen Punkten
der Gegend in seiner Herrlichkeit gesehen wird, so ist die Aussicht von daher
gleichfalls die angenehmste. Man sieht den Bachiglione flieen, Schiffe von
Verona herab gegen die Brenta fhrend; dabei berschaut man die weiten
Besitzungen, welche Marchese Capra unzertrennt bei seiner Familie erhalten
wollte. Die Inschriften der vier Giebelseiten, die zusammen eine ganze
ausmachen, verdienen wohl aufgezeichnet zu werden:
Marcus Capra Gabrielis filius
qui aedes has
arctissimo primogeniturae gradui subjecit
una cum omnibus
censibus agris vallibus et collibus
citra viam magnam
memoriae perpetuae mandans haec
dum sustinet ac abstinet.
Der Schlu besonders ist seltsam genug: ein Mann, dem so viel Vermgen und Wille
zu Gebote stand, fhlt noch, da er dulden und entbehren msse. Das kann man mit
geringerm Aufwand lernen.

Den 22. September.
Heute abend war ich in einer Versammlung, welche die Akademie der Olympier
hielt. Ein Spielwerk, aber ein recht gutes, es erhlt noch ein bichen Salz und
Leben unter den Leuten. Ein groer Saal neben dem Theater des Palladio,
anstndig erleuchtet, der Kapitan und ein Teil des Adels zugegen, brigens
durchaus ein Publikum von gebildeten Personen, viele Geistliche, zusammen
ungefhr fnfhundert.
Die von dem Prsidenten fr die heutige Sitzung aufgegebene Frage war, ob
Erfindung oder Nachahmung den schnen Knsten mehr Vorteil gebracht habe. Der
Einfall war glcklich genug; denn wenn man die in der Frage liegende Alternative
trennt, so lt sich hundert Jahre hinber und herber sprechen. Auch haben sich
die Herren Akademiker dieser Gelegenheit weidlich bedient und in Prosa und
Versen mancherlei hervorgebracht, worunter viel Gutes.
Sodann ist es das lebendigste Publikum. Die Zuhrer riefen Bravo, klatschten und
lachten. Wenn man auch vor seiner Nation so stehen und sie persnlich belustigen
drfte! Wir geben unser Bestes schwarz auf wei: jeder kauzt sich damit in eine
Ecke und knopert daran, wie er kann.
Es lt sich denken, da Palladio auch diesmal an allen Orten und Enden war, es
mochte von Erfinden oder Nachahmen die Rede sein. Zuletzt, wo immer das
Scherzhafteste gefordert wird, hatte einer den glcklichen Einfall, zu sagen,
die andern htten ihm den Palladio weggenommen, er wolle dagegen den
Franceschini loben, den groen Seidenfabrikanten. Nun fing er an zu zeigen, was
die Nachahmung der Lyoner und Florentiner Stoffe diesem tchtigen Unternehmer
und durch ihn der Stadt Vicenza fr Vorteil gebracht habe, woraus erfolge, da
die Nachahmung weit ber die Erfindung erhaben sei. Und dies geschah mit so
gutem Humor, da ein ununterbrochenes Gelchter erregt ward. berhaupt fanden
die, welche fr die Nachahmung sprachen, mehr Beifall; denn sie sagten lauter
Dinge, wie sie der Haufen denkt und denken kann. Einmal gab das Publikum mit
groem Hndeklatschen einem recht groben Sophism seinen herzlichen Beifall, da
es viele gute, ja treffliche Sachen zu Ehren der Erfindung nicht gefhlt hatte.
Es freut mich sehr, auch dieses erlebt zu haben, und dann ist es hchst
erquickend, den Palladio nach so viel Zeit immer noch als Polarstern und
Musterbild von seinen Mitbrgern verehrt zu sehen.
Den 22. September.
Heute frh war ich in Tiene, das nordwrts gegen die Gebirge liegt, wo ein neu
Gebude nach einem alten Risse aufgefhrt wird, wobei wenig zu erinnern sein
mchte. So ehrt man hier alles aus der guten Zeit und hat Sinn genug, nach einem
geerbten Plan ein frisches Gebude aufzufhren. Das Schlo liegt ganz trefflich
in einer groen Plaine, die Kalkalpen ohne Zwischengebirg hinter sich. Vom
Gebude her neben der schnurgeraden Chaussee fliet zu beiden Seiten lebendiges
Wasser dem Kommenden entgegen und wssert die weiten Reisfelder, durch die man
fhrt.
Ich habe nun erst die zwei italienischen Stdte gesehen und mit wenig Menschen
gesprochen, aber ich kenne meine Italiener schon gut. Sie sind wie Hofleute, die
sich frs erste Volk in der Welt halten und bei gewissen Vorteilen, die man
ihnen nicht leugnen kann, sich's ungestraft und bequem einbilden knnen. Mir
erscheinen die Italiener als eine recht gute Nation: man mu nur die Kinder und
die gemeinen Leute sehen, wie ich sie jetzt sehe und sehen kann, da ich ihnen
immer ausgesetzt bin und mich ihnen immer aussetze. Und was das fr Figuren und
Gesichter sind!
Besonders mu ich die Vicentiner loben, da man bei ihnen die Vorrechte einer
groen Stadt geniet. Sie sehen einen nicht an, man mag machen, was man will;
wendet man sich jedoch an sie, dann sind sie gesprchig und anmutig, besonders
wollen mir die Frauen sehr gefallen. Die Veroneserinnen will ich nicht schelten,
sie haben eine gute Bildung und entschiedene Profile; aber meistens bleich, und
der Zendal tut ihnen Schaden, weil man unter der schnen Tracht auch etwas
Reizendes sucht. Hier aber finde ich gar hbsche Wesen, besonders eine
schwarzlockige Sorte, die mir ein eigenes Interesse einflt. Es gibt auch noch
eine blonde, die mir aber nicht so behagen will.
Padua, den 26. September, abends.
In vier Stunden bin ich heute von Vicenza herbergefahren, auf ein einsitziges
Chaischen, Sediola genannt, mit meiner ganzen Existenz gepackt. Man fhrt sonst
bequem in vierthalb Stunden; da ich aber den kstlichen Tag gern unter freiem
Himmel genieen wollte, so war es mir angenehm, da der Vetturin hinter seiner
Schuldigkeit zurckblieb. Man fhrt in der fruchtbarsten Ebene immer
sdostwrts, zwischen Hecken und Bumen, ohne weitere Aussicht, bis man endlich
die schnen Gebirge, von Norden gegen Sden streichend, zur rechten Hand sieht.
Die Flle der Pflanzen- und Fruchtgehnge ber Mauern und Hecken, an Bumen
herunter, ist unbeschreiblich. Krbisse beschweren die Dcher, und die
wunderlichsten Gurken hngen an Latten und Spalieren.
Die herrliche Lage der Stadt konnte ich vom Observatorium aufs klrste
berschauen. Gegen Norden Tiroler Gebirge, beschneit, in Wolken halb versteckt,
an die sich in Nordwest die vicentinischen anschlieen, endlich gegen Westen die
nheren Gebirge von Este, deren Gestalten und Vertiefungen man deutlich sehen
kann. Gegen Sdost ein grnes Pflanzenmeer, ohne eine Spur von Erhhung, Baum an
Baum, Busch an Busch, Pflanzung an Pflanzung, unzhlige weie Huser, Villen und
Kirchen aus dem Grnen hervorblickend. Am Horizont sah ich ganz deutlich den
Markusturm zu Venedig und andere geringere Trme.
Padua, den 27. September.
Endlich habe ich die Werke des Palladio erlangt, zwar nicht die Originalausgabe,
die ich in Vicenza gesehen, deren Tafeln in Holz geschnitten sind, aber eine
genaue Kopie, ja ein Faksimile in Kupfer, veranstaltet durch einen
vortrefflichen Mann, den ehemaligen englischen Konsul Smith in Venedig. Das mu
man den Englndern lassen, da sie von lange her das Gute zu schtzen wuten,
und da sie eine grandiose Art haben, es zu verbreiten.
Bei Gelegenheit dieses Ankaufs betrat ich einen Buchladen, der in Italien ein
ganz eigenes Ansehen hat. Alle Bcher stehen geheftet umher, und man findet den
ganzen Tag ber gute Gesellschaft. Was von Weltgeistlichen, Edelleuten,
Knstlern einigermaen mit der Literatur verwandt ist, geht hier auf und ab. Man
verlangt ein Buch, schlgt nach, liest und unterhlt sich, wie es kommen will.
So fand ich etwa ein halb Dutzend beisammen, welche smtlich, als ich nach den
Werken des Palladio fragte, auf mich aufmerksam wurden. Indes der Herr des
Ladens das Buch suchte, rhmten sie es und gaben mir Notiz von dem Originale und
der Kopie, sie waren mit dem Werke selbst und dem Verdienst des Verfassers sehr
wohl bekannt. Da sie mich fr einen Architekten hielten, lobten sie mich, da
ich vor allen andern zu den Studien dieses Meisters schritte, er leiste zu
Gebrauch und Anwendung mehr als Vitruv selbst, denn er habe die Alten und das
Altertum grndlich studiert und es unsern Bedrfnissen nherzufhren gesucht.
Ich unterhielt mich lange mit diesen freundlichen Mnnern, erfuhr noch einiges,
die Denkwrdigkeiten der Stadt betreffend, und empfahl mich.
Da man denn doch einmal den Heiligen Kirchen gebaut hat, so findet sich auch
wohl darin ein Platz, wo man vernnftige Menschen aufstellen kann. Die Bste des
Kardinals Bembo steht zwischen ionischen Sulen, ein schnes, wenn ich so sagen
soll, mit Gewalt in sich gezogenes Gesicht und ein mchtiger Bart; die Inschrift
lautet:
Petri Bembi Card. imaginem Hier. Guerinus Ismeni f. in publico ponendam curavit
ut cujus ingenii monumenta aeterna sint ejus corporis quoque memoria ne aber
posteritate desideretur.
Das Universittsgebude hat mich mit aller seiner Wrde erschreckt. Es ist mir
lieb, da ich darin nichts zu lernen hatte. Eine solche Schulenge denkt man sich
nicht, ob man gleich als Studiosus deutscher Akademien auf den Hrbnken auch
manches leiden mssen. Besonders ist das anatomische Theater ein Muster, wie man
Schler zusammenpressen soll. In einem spitzen, hohen Trichter sind die Zuhrer
bereinander geschichtet. Sie sehen steil herunter auf den engen Boden, wo der
Tisch steht, auf den kein Licht fllt, deshalb der Lehrer bei Lampenschein
demonstrieren mu. Der botanische Garten ist desto artiger und munterer. Es
knnen viele Pflanzen auch den Winter im Lande bleiben, wenn sie an Mauern oder
nicht weit davon gesetzt sind. Man berbaut alsdann das Ganze zu Ende des
Oktobers und heizt die wenigen Monate. Es ist erfreuend und belehrend, unter
einer Vegetation umherzugehen, die uns fremd ist. Bei gewohnten Pflanzen sowie
bei andern lngst bekannten Gegenstnden denken wir zuletzt gar nichts, und was
ist Beschauen ohne Denken? Hier in dieser neu mir entgegentretenden
Mannigfaltigkeit wird jener Gedanke immer lebendiger, da man sich alle
Pflanzengestalten vielleicht aus einer entwickeln knne. Hiedurch wrde es
allein mglich werden, Geschlechter und Arten wahrhaft zu bestimmen, welches,
wie mich dnkt, bisher sehr willkrlich geschieht. Auf diesem Punkte bin ich in
meiner botanischen Philosophie steckengeblieben, und ich sehe noch nicht, wie
ich mich entwirren will. Die Tiefe und Breite dieses Geschfts scheint mir
vllig gleich.
Der groe Platz, Prato della Valle genannt, ist ein sehr weiter Raum, wo der
Hauptmarkt im Juni gehalten wird. Hlzerne Buden in seiner Mitte geben freilich
nicht das vorteilhafteste Ansehn, die Einwohner aber versichern, da man auch
bald hier eine Fiera von Stein wie die zu Verona sehen werde. Hiezu gibt
freilich schon jetzt die Umgebung des Platzes gegrndete Hoffnung, welche einen
sehr schnen und bedeutenden Anblick gewhrt.
Ein ungeheures Oval ist ringsum mit Statuen besetzt, alle berhmten Mnner
vorstellend, welche hier gelehrt und gelernt haben. Einem jeden Einheimischen
und Fremden ist erlaubt, irgendeinem Landsmann oder Verwandten hier eine
Bildsule von bestimmter Gre zu errichten, sobald das Verdienst der Person und
der akademische Aufenthalt zu Padua bewiesen ist.
Um das Oval umher geht ein Wassergraben. Auf den vier Brcken, die hinauffhren,
stehen Ppste und Dogen kolossal, die brigen, kleiner, sind von Znften,
Partikuliers und Fremden gesetzt. Der Knig von Schweden lie Gustav Adolfen
hinstellen, weil man sagt, derselbe habe einmal in Padua eine Lektion angehrt.
Der Erzherzog Leopold erneuerte das Andenken Petrarchs und Galileis. Die Statuen
sind in einer braven modernen Manier gemacht, wenige bermanieriert, einige
recht natrlich, smtlich im Kostm ihrer Zeit und Wrden. Die Inschriften sind
auch zu loben. Es findet sich nichts Abgeschmacktes und Kleinliches darunter.
Auf jeder Universitt wre der Gedanke sehr glcklich gewesen, auf dieser ist er
am glcklichsten, weil es sehr wohltut, eine vllige Vergangenheit wieder
hervorgerufen zu sehen. Es kann ein recht schner Platz werden, wenn sie die
hlzerne Fiera wegschaffen und eine von Stein erbauen, wie der Plan sein soll.
In dem Versammlungsorte einer dem heiligen Antonius gewidmeten Brderschaft sind
ltere Bilder, welche an die alten Deutschen erinnern, dabei auch einige von
Tizian, wo schon der groe Fortschritt merklich ist, den ber den Alpen niemand
fr sich getan hat. Gleich darauf sah ich einiges von den neusten. Diese
Knstler haben, da sie das hohe Ernste nicht mehr erreichen konnten, das
Humoristische sehr glcklich getroffen. Die Enthauptung Johannes', von Piazetta,
ist, wenn man des Meisters Manier zugibt, in diesem Sinne ein recht braves Bild.
Johannes kniet, die Hnde vor sich hinfaltend, mit dem rechten Knie an einen
Stein. Er sieht gen Himmel. Ein Kriegsknecht, der ihn hinten gebunden hlt,
biegt sich an der Seite herum und sieht ihm ins Gesicht, als wenn er ber die
Gelassenheit erstaunte, womit der Mann sich hingibt. In der Hhe steht ein
anderer, der den Streich vollfhren soll, hat aber das Schwert nicht, sondern
macht nur mit den Hnden die Gebrde, wie einer, der den Streich zum voraus
versuchen will. Das Schwert zieht unten ein dritter aus der Scheide. Der Gedanke
ist glcklich, wenn auch nicht gro, die Komposition frappant und von der besten
Wirkung.
In der Kirche der Eremitaner habe ich Gemlde von Mantegna gesehen, einem der
lteren Maler, vor denen ich erstaunt bin. Was in diesen Bildern fr eine
scharfe, sichere Gegenwart dasteht! Von dieser ganz wahren, nicht etwa
scheinbaren, effektlgenden, blo zur Einbildungskraft sprechenden, sondern
derben, reinen, lichten, ausfhrlichen, gewissenhaften, zarten, umschriebenen
Gegenwart, die zugleich etwas Strenges, Emsiges, Mhsames hatte, gingen die
folgenden Maler aus, wie ich an Bildern von Tizian bemerkte, und nun konnte die
Lebhaftigkeit ihres Genies, die Energie ihrer Natur, erleuchtet von dem Geiste
ihrer Vorfahren, auferbaut durch ihre Kraft, immer hher und hher steigen, sich
von der Erde heben und himmlische, aber wahre Gestalten hervorbringen. So
entwickelte sich die Kunst nach der barbarischen Zeit.
Der Audienzsaal des Rathauses, mit Recht durch das Augmentativum Salone
betitelt, das ungeheuerste abgeschlossene Gef, das man sich nicht vorstellen,
auch nicht einmal in der nchsten Erinnerung zurckrufen kann. Dreihundert Fu
lang, hundert Fu breit und bis in das der Lnge nach ihn deckende Gewlbe
hundert Fu hoch. So gewohnt sind diese Menschen, im Freien zu leben, da die
Baumeister einen Marktplatz zu berwlben fanden. Und es ist keine Frage, da
der ungeheure berwlbte Raum eine eigene Empfindung gibt. Es ist ein
abgeschlossenes Unendliches, dem Menschen analoger als der Sternhimmel. Dieser
reit uns aus uns selbst hinaus, jener drngt uns auf die gelindeste Weise in
uns selbst zurck.
So verweil' ich auch gern in der Kirche der heiligen Justine. Diese
vierhundertfnfundachtzig Fu lang, verhltnismig hoch und breit, gro und
einfach gebaut. Heut' abend setzt' ich mich in einen Winkel und hatte meine
stille Betrachtung; da fhlt' ich mich recht allein, denn kein Mensch in der
Welt, der in dem Augenblick an mich gedacht htte, wrde mich hier gesucht
haben.

Der Brentakanal bei Padua. Zeichnung von Canaletto.

Nun wre auch hier wieder einmal eingepackt, morgen frh geht es zu Wasser auf
der Brenta fort. Heute hat's geregnet, nun ist's wieder ausgehellt, und ich
hoffe, die Lagunen und die dem Meer vermhlte Herrscherin bei schner Tageszeit
zu erblicken und aus ihrem Scho meine Freunde zu begren.

Venedig
So stand es denn im Buche des Schicksals auf meinem Blatte geschrieben, da ich
1786 den achtundzwanzigsten September, abends, nach unserer Uhr um fnfe,
Venedig zum erstenmal, aus der Brenta in die Lagunen einfahrend, erblicken und
bald darauf diese wunderbare Inselstadt, diese Biberrepublik betreten und
besuchen sollte. So ist denn auch, Gott sei Dank, Venedig mir kein bloes Wort
mehr, kein hohler Name, der mich so oft, mich, den Todfeind von Wortschllen,
gengstiget hat.
Als die erste Gondel an das Schiff anfuhr (es geschieht, um Passagiere, welche
Eil' haben, geschwinder nach Venedig zu bringen), erinnerte ich mich eines
frhen Kinderspielzeuges, an das ich vielleicht seit zwanzig Jahren nicht mehr
gedacht hatte. Mein Vater besa ein schnes mitgebrachtes Gondelmodell; er hielt
es sehr wert, und mir ward es hoch angerechnet, wenn ich einmal damit spielen
durfte. Die ersten Schnbel von blankem Eisenblech, die schwarzen Gondelkfige,
alles grte mich wie eine alte Bekanntschaft, ich geno einen langentbehrten
freundlichen Jugendeindruck.

Der Markusplatz in Venedig. Zeichnung von Canaletto

Ich bin gut logiert in der Knigin von England, nicht weit vom Markusplatze,
und dies ist der grte Vorzug des Quartiers; meine Fenster gehen auf einen
schmalen Kanal zwischen hohen Husern, gleich unter mir eine einbogige Brcke
und gegenber ein schmales, belebtes Gchen. So wohne ich, und so werde ich
eine Zeitlang bleiben, bis mein Paket fr Deutschland fertig ist, und bis ich
mich am Bilde dieser Stadt satt gesehen habe. Die Einsamkeit, nach der ich oft
so sehnsuchtsvoll geseufzt, kann ich nun recht genieen; denn nirgends fhlt man
sich einsamer als im Gewimmel, wo man sich allen ganz unbekannt durchdrngt. In
Venedig kennt mich vielleicht nur ein Mensch, und der wird mir nicht gleich
begegnen.
Venedig, den 28. September 1786.
Wie es mir von Padua hierher gegangen, nur mit wenig Worten: Die Fahrt auf der
Brenta, mit dem ffentlichen Schiffe in gesitteter Gesellschaft, da die
Italiener sich vor einander in acht nehmen, ist anstndig und angenehm. Die Ufer
sind mit Grten und Lusthusern geschmckt, kleine Ortschaften treten bis ans
Wasser, teilweise geht die belebte Landstrae daran hin. Da man schleusenweis
den Flu hinabsteigt, gibt es fters einen kleinen Aufhalt, den man benutzen
kann, sich auf dem Lande umzusehen und die reichlich angebotenen Frchte zu
genieen. Nun steigt man wieder ein und bewegt sich durch eine bewegte Welt voll
Fruchtbarkeit und Leben.
Zu so viel abwechselnden Bildern und Gestalten gesellte sich noch eine
Erscheinung, die, obgleich aus Deutschland abstammend, doch hier ganz eigentlich
an ihrem Platze war, zwei Pilger nmlich, die ersten, die ich in der Nhe sah.
Sie haben das Recht, mit dieser ffentlichen Gelegenheit umsonst weitergebracht
zu werden; allein weil die brige Gesellschaft ihre Nhe scheut, so sitzen sie
nicht mit in dem bedeckten Raume, sondern hinten bei dem Steuermann. Als eine in
der gegenwrtigen Zeit seltene Erscheinung wurden sie angestaunt und, weil
frher unter dieser Hlle manch Gesindel umhertrieb, wenig geachtet. Als ich
vernahm, da es Deutsche seien, keiner andern Sprache mchtig, gesellte ich mich
zu ihnen und vernahm, da sie aus dem Paderbornischen herstammten. Beides waren
Mnner schon ber funfzig, von dunkler, aber gutmtiger Physiognomie. Sie hatten
vor allem das Grab der heiligen drei Knige zu Kln besucht, waren sodann durch
Deutschland gezogen und nun auf dem Wege, zusammen bis Rom und sodann ins obere
Italien zurckzugehen, da denn der eine wieder nach Westfalen zu wandern, der
andere aber noch den heiligen Jakob zu Compostell zu verehren gedachte.
Ihre Kleidung war die bekannte, doch sahen sie aufgeschrzt viel besser aus, als
wir sie in langen Taffetkleidern auf unsern Redouten vorzustellen pflegen. Der
groe Kragen, der runde Hut, der Stab und die Muschel als das unschuldigste
Trinkgeschirr, alles hatte seine Bedeutung, seinen unmittelbaren Nutzen, die
Blechkapsel enthielt ihre Psse. Das Merkwrdigste aber waren ihre kleinen
rotsaffianen Brieftaschen; in diesen befand sich alles kleine Gerte, was nur
irgendeinem einfachen Bedrfnis abzuhelfen geeignet sein mochte. Sie hatten
dieselben hervorgezogen, indem sie an ihren Kleidern etwas zu flicken fanden.
Der Steuermann, hchst zufrieden, da er einen Dolmetscher fand, lie mich
verschiedene Fragen an sie tun; dadurch vernahm ich manches von ihren Ansichten,
besonders aber von ihrer Reise. Sie beklagten sich bitterlich ber ihre
Glaubensgenossen, ja Weltpriester und Klostergeistliche. Die Frmmigkeit, sagten
sie, msse eine sehr seltene Sache sein, weil man an die ihrige nirgends glauben
wolle, sondern sie fast durchaus, ob sie gleich die ihnen vorgeschriebene
geistliche Marschroute und die bischflichen Psse vorgezeigt, in katholischen
Landen wie Landstreicher behandle. Sie erzhlten dagegen mit Rhrung, wie gut
sie von den Protestanten aufgenommen worden, besonders von einem Landgeistlichen
in Schwaben, vorzglich aber von seiner Frau, welche den einigermaen
widerstrebenden Mann dahin vermocht, da sie ihnen reichliche Erquickung
zuteilen drfen, welche ihnen sehr not getan. Ja beim Abschiede habe sie ihnen
einen Konventionstaler geschenkt, der ihnen sehr zustatten gekommen, sobald sie
das katholische Gebiet wieder betreten. Hierauf sagte der eine mit aller
Erhebung, deren er fhig war: Wir schlieen diese Frau aber auch tglich in
unser Gebet ein und bitten Gott, da er ihre Augen ffne, wie er ihr Herz fr
uns geffnet hat, da er sie, wenn auch spt, aufnehme in den Scho der
alleinseligmachenden Kirche. Und so hoffen wir gewi, ihr dereinst im Paradies
zu begegnen.
Von diesem allen erklrte ich, was ntig und ntzlich war, auf der kleinen
Steige sitzend, die auf das Verdeck fhrt, dem Steuermanne und einigen andern
Personen, die sich aus der Kajte in den engen Raum gedrngt hatten. Den Pilgern
wurden einige rmliche Erquickungen gereicht; denn der Italiener liebt nicht, zu
geben. Sie zogen hierauf kleine geweihte Zettel hervor, worauf zu sehen das Bild
der heiligen drei Knige nebst lateinischen Gebeten zur Verehrung. Die guten
Menschen baten mich, die kleine Gesellschaft damit zu beschenken und ihr den
hohen Wert dieser Bltter begreiflich zu machen. Dies gelang mir auch ganz gut;
denn als die beiden Mnner sehr verlegen schienen, wie sie in dem groen Venedig
das zur Aufnahme der Pilger bestimmte Kloster ausfinden sollten, so versprach
der gerhrte Steuermann, wenn sie landeten, wollte er einem Burschen sogleich
einen Dreier geben, damit er sie zu jenem entfernt gelegenen Orte geleitete. Sie
wrden zwar, setzte er vertraulich hinzu, sie wrden dort wenig Trost finden:
die Anstalt, sehr gro angelegt, um ich wei nicht wieviel Pilger zu fassen, sei
gegenwrtig ziemlich zusammengegangen und die Einknfte wrden eben anders
verwendet.
So unterhalten, waren wir die schne Brenta herunter gekommen, manchen
herrlichen Garten, manchen herrlichen Palast hinter uns lassend, wohlhabende,
belebte Ortschaften an der Kste mit flchtigem Blick beschauend. Als wir nun in
die Lagunen einfuhren, umschwrmten mehrere Gondeln sogleich das Schiff. Ein
Lombard, in Venedig wohl bekannt, forderte mich auf, ihm Gesellschaft zu
leisten, damit wir geschwinder drinne wren und der Doganenqual entgingen.
Einige, die uns abhalten wollten, wute er mit einem migen Trinkgeld zu
beseitigen, und so schwammen wir bei einem heitern Sonnenuntergang schnell
unserm Ziel entgegen.
Den 29sten, Michaelistag, abends.
Von Venedig ist schon viel erzhlt und gedruckt, da ich mit Beschreibung nicht
umstndlich sein will, ich sage nur, wie es mir entgegenkommt. Was sich mir aber
vor allem andern aufdringt, ist abermals das Volk, eine groe Masse, ein
notwendiges, unwillkrliches Dasein.
Dies Geschlecht hat sich nicht zum Spa auf diese Inseln geflchtet, es war
keine Willkr, welche die Folgenden trieb, sich mit ihnen zu vereinigen; die Not
lehrte sie ihre Sicherheit in der unvorteilhaftesten Lage suchen, die ihnen
nachher so vorteilhaft ward und sie klug machte, als noch die ganze nrdliche
Welt im Dstern gefangen lag; ihre Vermehrung, ihr Reichtum war notwendige
Folge. Nun drngten sich die Wohnungen enger und enger, Sand und Sumpf wurden
durch Felsen ersetzt, die Huser suchten die Luft, wie Bume, die geschlossen
stehen, sie muten an Hhe zu gewinnen suchen, was ihnen an Breite abging. Auf
jede Spanne des Bodens geizig und gleich anfangs in enge Rume gedrngt, lieen
sie zu Gassen nicht mehr Breite, als ntig war, eine Hausreihe von der
gegenberstehenden zu trennen und dem Brger notdrftige Durchgnge zu erhalten.
brigens war ihnen das Wasser statt Strae, Platz und Spaziergang. Der
Venezianer mute eine neue Art von Geschpf werden, wie man denn auch Venedig
nur mit sich selbst vergleichen kann. Der groe, schlangenfrmig gewundene Kanal
weicht keiner Strae in der Welt, dem Raum vor dem Markusplatze kann wohl nichts
an die Seite gesetzt werden. Ich meine den groen Wasserspiegel, der diesseits
von dem eigentlichen Venedig im halben Mond umfat wird. ber der Wasserflche
sieht man links die Insel St. Giorgio Maggiore, etwas weiter rechts die Giudecca
und ihren Kanal, noch weiter rechts die Dogane und die Einfahrt in den Canal
Grande, wo uns gleich ein paar ungeheure Marmortempel entgegenleuchten. Dies
sind mit wenigen Zgen die Hauptgegenstnde, die uns in die Augen fallen, wenn
wir zwischen den zwei Sulen des Markusplatzes hervortreten. Die smtlichen Aus-
und Ansichten sind so oft in Kupfer gestochen, da die Freunde davon sich gar
leicht einen anschaulichen Begriff machen knnen.
Nach Tische eilte ich, mir erst einen Eindruck des Ganzen zu versichern, und
warf mich ohne Begleiter, nur die Himmelsgegenden merkend, ins Labyrinth der
Stadt, welche, obgleich durchaus von Kanlen und Kanlchen durchschnitten, durch
Brcken und Brckchen wieder zusammenhngt. Die Enge und Gedrngtheit des Ganzen
denkt man nicht, ohne es gesehen zu haben. Gewhnlich kann man die Breite der
Gasse mit ausgereckten Armen entweder ganz oder beinahe messen, in den engsten
stt man schon mit den Ellbogen an, wenn man die Hnde in die Seite stemmt; es
gibt wohl breitere, auch hie und da ein Pltzchen, verhltnismig aber kann
alles enge genannt werden.
Ich fand leicht den groen Kanal und die Hauptbrcke Rialto; sie besteht aus
einem einzigen Bogen von weiem Marmor. Von oben herunter ist es eine groe
Ansicht, der Kanal geset voll Schiffe, die alles Bedrfnis vom festen Lande
herbeifhren und hier hauptschlich anlegen und ausladen, dazwischen wimmelt es
von Gondeln. Besonders heute, als am Michaelisfeste, gab es einen Anblick
wunderschn lebendig; doch um diesen einigermaen darzustellen, mu ich etwas
weiter ausholen.

Der Canal Grande in Venedig. Kupferstich nach Canaletto

Die beiden Hauptteile von Venedig, welche der groe Kanal trennt, werden durch
die einzige Brcke Rialto miteinander verbunden, doch ist auch fr mehrere
Kommunikation gesorgt, welche in offenen Barken an bestimmten berfahrtspunkten
geschieht. Nun sah es heute sehr gut aus, als die wohlgekleideten, doch mit
einem schwarzen Schleier bedeckten Frauen sich viele zusammen bersetzen lieen,
um zu der Kirche des gefeierten Erzengels zu gelangen. Ich verlie die Brcke
und begab mich an einen solchen berfahrtspunkt, die Aussteigenden genau zu
betrachten. Ich habe sehr schne Gesichter und Gestalten darunter gefunden.
Nachdem ich mde geworden, setzte ich mich in eine Gondel, die engen Gassen
verlassend, und fuhr, mir das entgegengesetzte Schauspiel zu bereiten, den
nrdlichen Teil des groen Kanals durch, um die Insel der heiligen Klara, in die
Lagunen, den Kanal der Giudecca herein, bis gegen den Markusplatz, und war nun
auf einmal ein Mitherr des Adriatischen Meeres, wie jeder Venezianer sich fhlt,
wenn er sich in seine Gondel legt. Ich gedachte dabei meines guten Vaters in
Ehren, der nichts Besseres wute, als von diesen Dingen zu erzhlen. Wird mir's
nicht auch so gehen? Alles, was mich umgibt, ist wrdig, ein groes respektables
Werk versammelter Menschenkraft, ein herrliches Monument, nicht eines Gebieters,
sondern eines Volks. Und wenn auch ihre Lagunen sich nach und nach ausfllen,
bse Dnste ber dem Sumpfe schweben, ihr Handel geschwcht, ihre Macht gesunken
ist, so wird die ganze Anlage der Republik und ihr Wesen nicht einen Augenblick
dem Beobachter weniger ehrwrdig sein. Sie unterliegt der Zeit, wie alles, was
ein erscheinendes Dasein hat.

Den 30. September.
Gegen Abend verlief ich mich wieder ohne Fhrer in die entferntesten Quartiere
der Stadt. Die hiesigen Brcken sind alle mit Treppen angelegt, damit Gondeln
und auch wohl grere Schiffe bequem unter den Bogen hinfahren. Ich suchte mich
in und aus diesem Labyrinthe zu finden, ohne irgend jemand zu fragen, mich
abermals nur nach der Himmelsgegend richtend. Man entwirrt sich wohl endlich,
aber es ist ein unglaubliches Gehecke ineinander, und meine Manier, sich recht
sinnlich davon zu berzeugen, die beste. Auch habe ich mir bis an die letzte
bewohnte Spitze der Einwohner Betragen, Lebensart, Sitte und Wesen gemerkt; in
jedem Quartiere sind sie anders beschaffen. Du lieber Gott! was doch der Mensch
fr ein armes, gutes Tier ist!
Sehr viele Huserchen stehen unmittelbar in den Kanlen, doch gibt es hie und da
schn gepflasterte Steindmme, auf denen man zwischen Wasser, Kirchen und
Palsten gar angenehm hin und wider spaziert. Lustig und erfreulich ist der
lange Steindamm an der nrdlichen Seite, von welchem die Inseln, besonders
Murano, das Venedig im kleinen, geschaut werden. Die Lagunen dazwischen sind von
vielen Gondeln belebt.
Den 30. September, abends.
Heute habe ich abermals meinen Begriff von Venedig erweitert, indem ich mir den
Plan verschaffte. Als ich ihn einigermaen studiert, bestieg ich den Markusturm,
wo sich dem Auge ein einziges Schauspiel darstellt. Es war um Mittag und heller
Sonnenschein, da ich ohne Perspektiv Nhen und Fernen genau erkennen konnte.
Die Flut bedeckte die Lagunen, und als ich den Blick nach dem sogenannten Lido
wandte (es ist ein schmaler Erdstreif, der die Lagunen schliet), sah ich zum
erstenmal das Meer und einige Segel darauf. In den Lagunen selbst liegen
Galeeren und Fregatten, die zum Ritter Emo stoen sollten, der den Algierern den
Krieg macht, die aber wegen ungnstiger Winde liegenbleiben. Die paduanischen
und vicentinischen Berge und das Tiroler Gebirge schlieen zwischen Abend und
Mitternacht das Bild ganz trefflich schn.
Den 1. Oktober.
Ich ging und besah mir die Stadt in mancherlei Rcksichten, und da es eben
Sonntag war, fiel mir die groe Unreinlichkeit der Straen auf, worber ich
meine Betrachtungen anstellen mute. Es ist wohl eine Art von Polizei in diesem
Artikel, die Leute schieben den Kehrig in die Ecken, auch sehe ich groe Schiffe
hin und wider fahren, die an manchen Orten stille liegen und das Kehrig
mitnehmen, Leute von den Inseln umher, welche des Dngers bedrfen; aber es ist
in diesen Anstalten weder Folge noch Strenge, und desto unverzeihlicher die
Unreinlichkeit der Stadt, da sie ganz zur Reinlichkeit angelegt worden, so gut
als irgendeine hollndische.
Alle Straen sind geplattet, selbst die entferntesten Quartiere wenigstens mit
Backsteinen auf der hohen Kante ausgesetzt, wo es ntig, in der Mitte ein wenig
erhaben, an der Seite Vertiefungen, das Wasser aufzufassen und in bedeckte
Kanle zu leiten. Noch andere architektonische Vorrichtungen der ersten
wohlberdachten Anlage zeugen von der Absicht trefflicher Baumeister, Venedig zu
der reinsten Stadt zu machen, wie sie die sonderbarste ist. Ich konnte nicht
unterlassen, gleich im Spazierengehen eine Anordnung deshalb zu entwerfen und
einem Polizeivorsteher, dem es Ernst wre, in Gedanken vorzuarbeiten. So hat man
immer Trieb und Lust, vor fremden Tren zu kehren.
Den 2. Oktober 1786.
Vor allem eilte ich in die Carit: ich hatte in des Palladio Werken gefunden,
da er hier ein Klostergebude angegeben, in welchem er die Privatwohnung der
reichen und gastfreien Alten darzustellen gedachte. Der sowohl im Ganzen als in
seinen einzelnen Teilen trefflich gezeichnete Plan machte mir unendliche Freude,
und ich hoffte ein Wunderwerk zu finden; aber ach! es ist kaum der zehnte Teil
ausgefhrt; doch auch dieser Teil seines himmlischen Genius wrdig, eine
Vollkommenheit in der Anlage und eine Genauigkeit in der Ausfhrung, die ich
noch nicht kannte. Jahrelang sollte man in Betrachtung so eines Werks zubringen.
Mich dnkt, ich habe nichts Hheres, nichts Vollkommneres gesehen, und glaube,
da ich mich nicht irre. Denke man sich aber auch den trefflichen Knstler, mit
dem innern Sinn frs Groe und Gefllige geboren, der erst mit unglaublicher
Mhe sich an den Alten heranbildet, um sie alsdann durch sich
wiederherzustellen. Dieser findet Gelegenheit, einen Lieblingsgedanken
auszufhren, ein Kloster, so vielen Mnchen zur Wohnung, so vielen Fremden zur
Herberge bestimmt, nach der Form eines antiken Privatgebudes aufzurichten.
Die Kirche stand schon, aus ihr tritt man in ein Atrium von korinthischen
Sulen, man ist entzckt und vergit auf einmal alles Pfaffentum. An der einen
Seite findet man die Sakristei, an der andern ein Kapitelzimmer, daneben die
schnste Wendeltreppe von der Welt, mit offener, weiter Spindel, die steinernen
Stufen in die Wand gemauert und so geschichtet, da eine die andere trgt; man
wird nicht mde, sie auf- und abzusteigen; wie schn sie geraten sei, kann man
daraus abnehmen, da sie Palladio selbst fr wohlgeraten angibt. Aus dem Vorhof
tritt man in den innern groen Hof. Von dem Gebude, das ihn umgeben sollte, ist
leider nur die linke Seite aufgefhrt, drei Sulenordnungen bereinander, auf
der Erde Hallen, im ersten Stock ein Bogengang vor den Zellen hin, der obere
Stock Mauer mit Fenstern. Doch diese Beschreibung mu durch den Anblick der
Risse gestrkt werden. Nun ein Wort von der Ausfhrung.
Nur die Hupter und Fe der Sulen und die Schlusteine der Bogen sind von
gehauenem Stein, das brige alles, ich darf nicht sagen von Backsteinen, sondern
von gebranntem Ton. Solche Ziegeln kenne ich gar nicht. Fries und Karnies sind
auch daraus, die Glieder der Bogen gleichfalls, alles teilweise gebrannt, und
das Gebude zuletzt nur mit wenig Kalk zusammengesetzt. Es steht wie aus einem
Gu. Wre das Ganze fertig geworden, und man she es reinlich abgerieben und
gefrbt, es mte ein himmlischer Anblick sein.
Jedoch die Anlage war zu gro, wie bei so manchem Gebude der neuern Zeit. Der
Knstler hatte nicht nur voraus gesetzt, da man das jetzige Kloster abreien,
sondern auch anstoende Nachbarshuser kaufen werde, und da mgen Geld und Lust
ausgegangen sein. Du liebes Schicksal, da du so manche Dummheit begnstigt und
verewigt hast, warum lieest du dieses Werk nicht zustande kommen!
Den 3. Oktober.
Die Kirche Il Redentore, ein schnes, groes Werk von Palladio, die Fassade
lobenswrdiger als die von St. Giorgio. Diese mehrmals in Kupfer gestochenen
Werke mte man vor sich sehen, um das Gesagte verdeutlichen zu knnen. Hier nur
wenige Worte.
Palladio war durchaus von der Existenz der Alten durchdrungen und fhlte die
Kleinheit und Enge seiner Zeit wie ein groer Mensch, der sich nicht hingeben,
sondern das brige soviel als mglich nach seinen edlen Begriffen umbilden will.
Er war unzufrieden, wie ich aus gelinder Wendung seines Buches schliee, da man
bei christlichen Kirchen nach der Form der alten Basiliken zu bauen fortfahre,
er suchte deshalb seine heiligen Gebude der alten Tempelform zu nhern; daher
entstanden gewisse Unschicklichkeiten, die mir bei Il Redentore glcklich
beseitigt, bei St. Giorgio aber zu auffallend erscheinen. Volkmann sagt etwas
davon, trifft aber den Nagel nicht auf den Kopf.
Inwendig ist Il Redentore gleichfalls kstlich, alles, auch die Zeichnung der
Altre, von Palladio; leider die Nischen, die mit Statuen ausgefllt werden
sollten, prangen mit flachen, ausgeschnittenen, gemalten Brettfiguren.
Den 3. Oktober.
Dem heiligen Franziskus zu Ehren hatten die Patres Capucini einen Seitenaltar
mchtig ausgeputzt; man sah nichts von Stein als die korinthischen Kapitle;
alles brige schien mit einer geschmackvollen prchtigen Stickerei nach Art der
Arabesken berzogen, und zwar so artig, als man nur etwas zu sehen wnschte.
Besonders wunderte ich mich ber die breiten, goldgestickten Ranken und
Laubwerke. Ich ging nher und fand einen recht hbschen Betrug. Alles, was ich
fr Gold gehalten hatte, war breitgedrcktes Stroh, nach schnen Zeichnungen auf
Papier geklebt, der Grund mit lebhaften Farben angestrichen, und das so
mannigfaltig und geschmackvoll, da dieser Spa, dessen Material gar nichts wert
war, und der wahrscheinlich im Kloster selbst ausgefhrt wurde, mehrere tausend
Taler mte gekostet haben, wenn er echt htte sein sollen. Man knnte es
gelegentlich wohl nachahmen.
Auf einem Uferdamme im Angesicht des Wassers bemerkte ich schon einigemal einen
geringen Kerl, welcher einer grern oder kleinern Anzahl von Zuhrern im
venezianischen Dialekt Geschichten erzhlte; ich kann leider nichts davon
verstehen, es lacht aber kein Mensch, nur selten lchelt das Auditorium, das
meist aus der ganz niedern Klasse besteht. Auch hat der Mann nichts Auffallendes
noch Lcherliches in seiner Art, vielmehr etwas sehr Gesetztes, zugleich eine
bewunderungswrdige Mannigfaltigkeit und Przision, welche auf Kunst und
Nachdenken hinwiesen, in seinen Gebrden.
Den 3. Oktober.
Den Plan in der Hand suchte ich mich durch die wunderlichsten Irrgnge bis zur
Kirche der Mendicanti zu finden. Hier ist das Konservatorium, welches
gegenwrtig den meisten Beifall hat. Die Frauenzimmer fhrten ein Oratorium
hinter dem Gitter auf, die Kirche war voll Zuhrer, die Musik sehr schn, und
herrliche Stimmen. Ein Alt sang den Knig Saul, die Hauptperson des Gedichtes.
Von einer solchen Stimme hatte ich gar keinen Begriff; einige Stellen der Musik
waren unendlich schn, der Text vollkommen singbar, so italienisch Latein, da
man an manchen Stellen lachen mu; die Musik aber findet hier ein weites Feld.
Es wre ein trefflicher Genu gewesen, wenn nicht der vermaledeite Kapellmeister
den Takt mit einer Rolle Noten wider das Gitter und so unverschmt geklappt
htte, als habe er mit Schuljungen zu tun, die er eben unterrichtete; und die
Mdchen hatten das Stck oft wiederholt, sein Klatschen war ganz unntig und
zerstrte allen Eindruck, nicht anders als wenn einer, um uns eine schne Statue
begreiflich zu machen, ihr Scharlachlppchen auf die Gelenke klebte. Der fremde
Schall hebt alle Harmonie auf. Das ist nun ein Musiker, und er hrt es nicht,
oder er will vielmehr, da man seine Gegenwart durch eine Unschicklichkeit
vernehmen soll, da es besser wre, er liee seinen Wert an der Vollkommenheit
der Ausfhrung erraten. Ich wei, die Franzosen haben es an der Art, den
Italienern htte ich es nicht zugetraut, und das Publikum scheint daran gewhnt.
Es ist nicht das einzige Mal, da es sich einbilden lt, das gerade gehre zum
Genu, was den Genu verdirbt.
Den 3. Oktober.
Gestern abend Oper zu St. Moses (denn die Theater haben ihren Namen von der
Kirche, der sie am nchsten liegen); nicht recht erfreulich! Es fehlt dem Poem,
der Musik, den Sngern eine innere Energie, welche allein eine solche
Darstellung auf den hchsten Punkt treiben kann. Man konnte von keinem Teil
sagen, er sei schlecht; aber nur die zwei Frauen lieen sich's angelegen sein,
nicht sowohl gut zu agieren als sich zu produzieren und zu gefallen. Das ist
denn immer etwas. Es sind zwei schne Figuren, gute Stimmen, artige, muntere,
gtliche Persnchen. Unter den Mnnern dagegen keine Spur von innerer Gewalt und
Lust, dem Publikum etwas aufzuheben, sowie keine entschieden glnzende Stimme.
Das Ballett, von elender Erfindung, ward im ganzen ausgepfiffen, einige
treffliche Springer und Springerinnen jedoch, welche letztere sich es zur
Pflicht rechneten, die Zuschauer mit jedem schnen Teil ihres Krpers bekannt zu
machen, wurden weidlich beklatscht.

Den 3. Oktober.
Heute dagegen sah ich eine andere Komdie, die mich mehr gefreut hat. Im
herzoglichen Palast hrte ich eine Rechtssache ffentlich verhandeln; sie war
wichtig und zu meinem Glck in den Ferien vorgenommen. Der eine Advokat war
alles, was ein bertriebener Buffo nur sein sollte. Figur dick, kurz, doch
beweglich, ein ungeheuer vorspringendes Profil, eine Stimme wie Erz und eine
Heftigkeit, als wenn es ihm aus tiefstem Grunde des Herzens Ernst wre, was er
sagte. Ich nenne dies eine Komdie, weil alles wahrscheinlich schon fertig ist,
wenn diese ffentliche Darstellung geschieht; die Richter wissen, was sie
sprechen sollen, und die Partei wei, was sie zu erwarten hat. Indessen gefllt
mir diese Art unendlich besser als unsere Stuben- und Kanzleihockereien. Und nun
von den Umstnden und wie artig, ohne Prunk, wie natrlich alles zugeht, will
ich suchen einen Begriff zu geben.
In einem gerumigen Saal des Palastes saen an der einen Seite die Richter im
Halbzirkel. Gegen ihnen ber, auf einem Katheder, der mehrere Personen
nebeneinander fassen konnte, die Advokaten beider Parteien, unmittelbar vor
demselben, auf einer Bank, Klger und Beklagte in eigner Person. Der Advokat des
Klgers war von dem Katheder herabgestiegen, denn die heutige Sitzung war zu
keiner Kontrovers bestimmt. Die smtlichen Dokumente fr und wider, obgleich
schon gedruckt, sollten vorgelesen werden.
Ein hagerer Schreiber in schwarzem, kmmerlichem Rocke, ein dickes Heft in der
Hand, bereitete sich, die Pflicht des Lesenden zu erfllen. Von Zuschauern und
Zuhrern war brigens der Saal gedrngt voll. Die Rechtsfrage selbst sowie die
Personen, welche sie betraf, muten den Venezianern hchst bedeutend scheinen.
Fideikommisse haben in diesem Staat die entschiedenste Gunst, ein Besitztum,
welchem einmal dieser Charakter aufgeprgt ist, behlt ihn fr ewige Zeiten, es
mag durch irgend eine Wendung oder Umstand vor mehrern hundert Jahren veruert
worden, durch viele Hnde gegangen sein, zuletzt, wenn die Sache zur Sprache
kommt, behalten die Nachkommen der ersten Familie recht, und die Gter mssen
herausgegeben werden.
Diesmal war der Streit hchst wichtig, denn die Klage ging gegen den Doge
selbst, oder vielmehr gegen seine Gemahlin, welche denn auch in Person auf dem
Bnkchen, vom Klger nur durch einen kleinen Zwischenraum getrennt, in ihren
Zendal gehllt, dasa. Eine Dame von gewissem Alter, edlem Krperbau,
wohlgebildetem Gesicht, auf welchem ernste, ja, wenn man will, etwas
verdrieliche Zge zu sehen waren. Die Venezianer bildeten sich viel darauf ein,
da die Frstin in ihrem eignen Palast vor dem Gericht und ihnen erscheinen
msse.
Der Schreiber fing zu lesen an, und nun ward mir erst deutlich, was ein im
Angesicht der Richter unfern des Katheders der Advokaten hinter einem kleinen
Tische auf einem niedern Schemel sitzendes Mnnchen, besonders aber die Sanduhr
bedeute, die er vor sich niedergelegt hatte. Solange nmlich der Schreiber
liest, so lange luft die Zeit nicht, dem Advokaten aber, wenn er dabei sprechen
will, ist nur im ganzen eine gewisse Frist gegnnt. Der Schreiber liest, die Uhr
liegt, das Mnnchen hat die Hand daran. Tut der Advokat den Mund auf, so steht
auch die Uhr schon in der Hhe, die sich sogleich niedersenkt, sobald er
schweigt. Hier ist nun die groe Kunst, in den Flu der Vorlesung hineinzureden,
flchtige Bemerkungen zu machen, Aufmerksamkeit zu erregen und zu fordern. Nun
kommt der kleine Saturn in die grte Verlegenheit. Er ist gentigt, den
horizontalen und vertikalen Stand der Uhr jeden Augenblick zu verndern, er
befindet sich im Fall der bsen Geister im Puppenspiel, die auf das schnell
wechselnde Berlickel Berlockel des mutwilligen Hanswursts nicht wissen, wie
sie gehen oder kommen sollen.
Wer in Kanzleien hat kollationieren hren, kann sich eine Vorstellung von dieser
Vorlesung machen, schnell, eintnig, aber doch artikuliert und deutlich genug.
Der kunstreiche Advokat wei nun durch Scherze die Langeweile zu unterbrechen,
und das Publikum ergtzt sich an seinen Spen in ganz unmigem Gelchter.
Eines Scherzes mu ich gedenken, des auffallendsten unter denen, die ich
verstand. Der Vorleser rezitierte soeben ein Dokument, wodurch einer jener
unrechtmig geachteten Besitzer ber die fraglichen Gter disponierte. Der
Advokat hie ihn langsamer lesen, und als er die Worte deutlich aussprach: Ich
schenke, ich vermache!, fuhr der Redner heftig auf den Schreiber los und rief:
Was willst du schenken? was vermachen? du armer ausgehungerter Teufel! gehrt
dir doch gar nichts in der Welt an. Doch, fuhr er fort, indem er sich zu
besinnen schien, war doch jener erlauchte Besitzer in eben dem Fall, er wollte
schenken, wollte vermachen, was ihm so wenig gehrte als dir. Ein unendlich
Gelchter schlug auf, doch sogleich nahm die Sanduhr die horizontale Lage wieder
ein. Der Vorleser summte fort, machte dem Advokaten ein flmisch Gesicht; doch
das sind alles verabredete Spe.
Den 4. Oktober.
Gestern war ich in der Komdie, Theater St. Lukas, die mir viel Freude gemacht
hat; ich sah ein extemporiertes Stck in Masken, mit viel Naturell, Energie und
Bravour aufgefhrt. Freilich sind sie nicht alle gleich; der Pantalon sehr brav,
die eine Frau, stark und wohlgebaut, keine auerordentliche Schauspielerin,
spricht exzellent und wei sich zu betragen. Ein tolles Sujet, demjenigen
hnlich, das bei uns unter dem Titel Der Verschlag behandelt ist. Mit
unglaublicher Abwechslung unterhielt es mehr als drei Stunden. Doch ist auch
hier das Volk wieder die Base, worauf dies alles ruht, die Zuschauer spielen
mit, und die Menge verschmilzt mit dem Theater in ein Ganzes. Den Tag ber auf
dem Platz und am Ufer, auf den Gondeln und im Palast, der Kufer und Verkufer,
der Bettler, der Schiffer, die Nachbarin, der Advokat und sein Gegner, alles
lebt und treibt und lt sich es angelegen sein, spricht und beteuert, schreit
und bietet aus, singt und spielt, flucht und lrmt. Und abends gehen sie ins
Theater und sehen und hren das Leben ihres Tages, knstlich zusammengestellt,
artiger aufgestutzt, mit Mrchen durchflochten, durch Masken von der
Wirklichkeit abgerckt, durch Sitten genhert. Hierber freun sie sich kindisch,
schreien wieder, klatschen und lrmen. Von Tag zu Nacht, ja von Mitternacht zu
Mitternacht ist immer alles ebendasselbe.
Ich habe aber auch nicht leicht natrlicher agieren sehen als jene Masken, so
wie es nur bei einem ausgezeichnet glcklichen Naturell durch lngere bung
erreicht werden kann.
Da ich das schreibe, machen sie einen gewaltigen Lrm auf dem Kanal unter meinem
Fenster, und Mitternacht ist vorbei. Sie haben im Guten und Bsen immer etwas
zusammen.
Den 4. Oktober.
ffentliche Redner habe ich nun gehrt: drei Kerle auf dem Platze und
Ufersteindamme, jeden nach seiner Art Geschichten erzhlend, sodann zwei
Sachwalter, zwei Prediger, die Schauspieler, worunter ich besonders den Pantalon
rhmen mu, alle diese haben etwas Gemeinsames, sowohl weil sie von ein und
derselben Nation sind, die, stets ffentlich lebend, immer in leidenschaftlichem
Sprechen begriffen ist, als auch weil sie sich untereinander nachahmen. Hiezu
kommt noch eine entschiedene Gebrdensprache, mit welcher sie die Ausdrcke
ihrer Intentionen, Gesinnungen und Empfindungen begleiten.
Heute, am Fest des heiligen Franziskus, war ich in seiner Kirche alle Vigne. Des
Kapuziners laute Stimme ward von dem Geschrei der Verkufer vor der Kirche wie
von einer Antiphone begleitet; ich stand in der Kirchtre zwischen beiden, und
es war wunderlich genug zu hren.
Den 5. Oktober.
Heute frh war ich im Arsenal, mir immer interessant genug, da ich noch kein
Seewesen kenne und hier die untere Schule besuchte; denn freilich sieht es hier
nach einer alten Familie aus, die sich noch rhrt, obgleich die beste Zeit der
Blte und der Frchte vorber ist. Da ich denn auch den Handwerkern nachgehe,
habe ich manches Merkwrdige gesehen und ein Schiff von vierundachtzig Kanonen,
dessen Gerippe fertig steht, bestiegen.
Ein gleiches ist vor sechs Monaten an der Riva de' Schiavoni bis aufs Wasser
verbrannt, die Pulverkammer war nicht sehr gefllt, und da sie sprang, tat es
keinen groen Schaden. Die benachbarten Huser bten ihre Scheiben ein.
Das schnste Eichenholz, aus Istrien, habe ich verarbeiten sehen und dabei ber
den Wachstum dieses werten Baumes meine stillen Betrachtungen angestellt. Ich
kann nicht genug sagen, was meine sauer erworbene Kenntnis natrlicher Dinge,
die doch der Mensch zuletzt als Materialien braucht und in seinen Nutzen
verwendet, mir berall hilft, um mir das Verfahren der Knstler und Handwerker
zu erklren; so ist mir auch die Kenntnis der Gebirge und des daraus genommenen
Gesteins ein groer Vorsprung in der Kunst.
Den 5. Oktober.
Um mit einem Worte den Begriff des Bucentaur auszusprechen, nenne ich ihn eine
Prachtgaleere. Der ltere, von dem wir noch Abbildungen haben, rechtfertigt
diese Benennung noch mehr als der gegenwrtige, der uns durch seinen Glanz ber
seinen Ursprung verblendet.
Abfahrt der Bucentaure. Vedute von Francesco Guardi
Ich komme immer auf mein Altes zurck. Wenn dem Knstler ein echter Gegenstand
gegeben ist, so kann er etwas Echtes leisten. Hier war ihm aufgetragen, eine
Galeere zu bilden, die wert wre, die Hupter der Republik am feierlichsten Tage
zum Sakrament ihrer hergebrachten Meerherrschaft zu tragen, und diese Aufgabe
ist frtrefflich ausgefhrt. Das Schiff ist ganz Zierat, also darf man nicht
sagen: mit Zierat berladen, ganz vergoldetes Schnitzwerk, sonst zu keinem
Gebrauch, eine wahre Monstranz, um dem Volke seine Hupter recht herrlich zu
zeigen. Wissen wir doch: das Volk, wie es gern seine Hte schmckt, will auch
seine Obern prchtig und geputzt sehen. Dieses Prunkschiff ist ein rechtes
Inventarienstck, woran man sehen kann, was die Venezianer waren und sich zu
sein dnkten.
Den 5. Oktober, nachts.
Ich komme noch lachend aus der Tragdie und mu diesen Scherz gleich auf dem
Papier befestigen. Das Stck war nicht schlimm, der Verfasser hatte alle
tragischen Matadore zusammengesteckt, und die Schauspieler hatten gut spielen.
Die meisten Situationen waren bekannt, einige neu und ganz glcklich. Zwei
Vter, die sich hassen, Shne und Tchter aus diesen getrennten Familien,
leidenschaftlich bers Kreuz verliebt, ja das eine Paar heimlich verheiratet. Es
ging wild und grausam zu, und nichts blieb zuletzt brig, um die jungen Leute
glcklich zu machen, als da die beiden Vter sich erstachen, worauf unter
lebhaftem Hndeklatschen der Vorhang fiel. Nun ward aber das Klatschen heftiger,
nun wurde Fuora gerufen und das so lange, bis sich die zwei Hauptpaare
bequemten, hinter dem Vorhang hervorzukriechen, ihre Bcklinge zu machen und auf
der andern Seite wieder abzugehen.
Das Publikum war noch nicht befriedigt, es klatschte fort und rief: I morti!
Das dauerte so lange, bis die zwei Toten auch herauskamen und sich bckten, da
denn einige Stimmen riefen. Bravi i morti! Sie wurden durch Klatschen lange
festgehalten, bis man ihnen gleichfalls endlich abzugehen erlaubte. Diese Posse
gewinnt fr den Augen- und Ohrenzeugen unendlich, der das Bravo! Bravi!, das
die Italiener immer im Munde fhren, so in den Ohren hat wie ich, und dann auf
einmal auch die Toten mit diesem Ehrenwort anrufen hrt.
Gute Nacht!, so knnen wir Nordlnder zu jeder Stunde sagen, wenn wir im
Finstern scheiden, der Italiener sagt: Felicissima notte! nur einmal, und zwar
wenn das Licht in das Zimmer gebracht wird, indem Tag und Nacht sich scheiden,
und da heit es denn etwas ganz anderes. So unbersetzlich sind die Eigenheiten
jeder Sprache; denn vom hchsten bis zum tiefsten Wort bezieht sich alles auf
Eigentmlichkeiten der Nation, es sei nun in Charakter, Gesinnungen oder
Zustnden.
Den 6. Oktober.
Die Tragdie gestern hat mich manches gelehrt. Erstlich habe ich gehrt, wie die
Italiener ihre eilfsilbigen Iamben behandeln und deklamieren, dann habe ich
begriffen, wie klug Gozzi die Masken mit den tragischen Figuren verbunden hat.
Das ist das eigentliche Schauspiel fr dieses Volk; denn es will auf eine krude
Weise gerhrt sein, es nimmt keinen innigen, zrtlichen Anteil am Unglcklichen,
es freut sie nur wenn der Held gut spricht; denn aufs Reden halten sie viel,
sodann aber wollen sie lachen oder etwas Albernes vornehmen.
Ihr Anteil am Schauspiel ist nur als an einem Wirklichen. Da der Tyrann seinem
Sohne das Schwert reichte und forderte, da dieser seine eigne gegenberstehende
Gemahlin umbringen sollte, fing das Volk laut an, sein Mivergngen ber diese
Zumutung zu beweisen, und es fehlte nicht viel, so wre das Stck unterbrochen
worden. Sie verlangten, der Alte sollte sein Schwert zurcknehmen, wodurch denn
freilich die folgenden Situationen des Stcks wren aufgehoben worden. Endlich
entschlo sich der bedrngte Sohn, trat ins Proszenium und bat demtig, sie
mchten sich nur noch einen Augenblick gedulden, die Sache werde noch ganz nach
Wunsch ablaufen. Knstlerisch genommen aber war diese Situation nach den
Umstnden albern und unnatrlich, und ich lobte das Volk um sein Gefhl.
Jetzt verstehe ich besser die langen Reden und das viele Hin- und
Herdissertieren im griechischen Trauerspiele. Die Athenienser hrten noch lieber
reden und verstanden sich noch besser darauf als die Italiener; vor den
Gerichtsstellen, wo sie den ganzen Tag lagen, lernten sie schon etwas.

Den 6. Oktober.
An den ausgefhrten Werken Palladios, besonders an den Kirchen, habe ich manches
Tadelnswrdige neben dem Kstlichsten gefunden. Wenn ich nun so bei mir
berlegte, inwiefern ich recht oder unrecht htte gegen einen solchen
auerordentlichen Mann, so war es, als ob er dabei stnde und mir sagte: Das
und das habe ich wider Willen gemacht, aber doch gemacht, weil ich unter den
gegebenen Umstnden nur auf diese Weise meiner hchsten Idee am nchsten kommen
konnte.
Mir scheint, so viel ich auch darber denke, er habe bei Betrachtung der Hhe
und Breite einer schon bestehenden Kirche, eines ltern Hauses, wozu er Fassaden
errichten sollte, nur berlegt: Wie gibst du diesen Rumen die grte Form? Im
einzelnen mut du wegen eintretenden Bedrfnisses etwas verrcken oder
verpfuschen, da oder dort wird eine Unschicklichkeit entstehen, aber das mag
sein, das Ganze wird einen hohen Stil haben, und du wirst dir zur Freude
arbeiten.
Und so hat er das grte Bild, das er in der Seele trug, auch dahin gebracht, wo
es nicht ganz pate, wo er es im einzelnen zerknittern und verstmmeln mute.
Der Flgel in der Carit dagegen mu uns deshalb von so hohem Werte sein, weil
der Knstler freie Hand hatte und seinem Geist unbedingt folgen durfte. Wre das
Kloster fertig geworden, so stnde vielleicht in der ganzen gegenwrtigen Welt
kein vollkommeneres Werk der Baukunst.
Wie er gedacht und wie er gearbeitet, wird mir immer klarer, je mehr ich seine
Werke lese und dabei betrachte, wie er die Alten behandelt; denn er macht wenig
Worte, sie sind aber alle gewichtig. Das vierte Buch, das die antiken Tempel
darstellt, ist eine rechte Einleitung, die alten Reste mit Sinn zu beschauen.
Den 6. Oktober.
Gestern abend sah ich Elektra von Crbillon auf dem Theater St. Crisostomo,
nmlich bersetzt. Was mir das Stck abgeschmackt vorkam, und wie es mir
frchterliche Langeweile machte, kann ich nicht sagen.
Die Akteurs sind brigens brav und wissen das Publikum mit einzelnen Stellen
abzuspeisen. Orest hat allein drei verschiedene Erzhlungen, poetisch
aufgestutzt, in einer Szene. Elektra, ein hbsches Weibchen, von mittlerer Gre
und Strke und fast franzsischer Lebhaftigkeit, einem guten Anstand, spricht
die Verse schn, nur betrug sie sich von Anfang bis zu Ende toll, wie es leider
die Rolle verlangt. Indessen habe ich doch wieder gelernt. Der italienische,
immer eilfsilbige Iambe hat fr die Deklamation groe Unbequemlichkeit, weil die
letzte Silbe durchaus kurz ist und wider Willen des Deklamators in die Hhe
schlgt.
Den 6. Oktober.
Heute frh war ich bei dem Hochamte, welchem der Doge jhrlich an diesem Tage
wegen eines alten Siegs ber die Trken in der Kirche der heiligen Justina
beiwohnen mu. Wenn an dem kleinen Platz die vergoldeten Barken landen, die den
Frsten und einen Teil des Adels bringen, seltsam gekleidete Schiffer sich mit
rot gemalten Rudern bemhen, am Ufer die Geistlichkeit, die Brderschaften mit
angezndeten, auf Stangen und tragbare silberne Leuchter gesteckten Kerzen
stehen, drngen, wogen und warten, dann mit Teppichen beschlagene Brcken aus
den Fahrzeugen ans Land gestreckt werden, zuerst die langen violetten Kleider
der Savj, dann die langen roten der Senatoren sich auf dem Pflaster entfalten,
zuletzt der Alte, mit goldener phrygischer Mtze geschmckt, im lngsten
goldenen Talar mit dem Hermelinmantel aussteigt, drei Diener sich seiner
Schleppe bemchtigen, alles auf einem kleinen Platz vor dem Portal einer Kirche,
vor deren Tren die Trkenfahnen gehalten werden, so glaubt man auf einmal eine
alte gewirkte Tapete zu sehen, aber recht gut gezeichnet und koloriert. Mir
nordischem Flchtling hat diese Zeremonie viele Freude gemacht. Bei uns wo alle
Feierlichkeiten kurzrckig sind, und wo die grte, die man sich denken kann,
mit dem Gewehr auf der Schulter begangen wird, mchte so etwas nicht am Ort
sein. Aber hierher gehren diese Schlepprcke, diese friedlichen Begehungen.
Der Doge ist ein gar schn gewachsener und schn gebildeter Mann, der krank sein
mag, sich aber nur noch so, um der Wrde willen, unter dem schweren Rocke gerade
hlt. Sonst sieht er aus wie der Gropapa des ganzen Geschlechts und ist gar
hold und leutselig; die Kleidung steht sehr gut, das Kppchen unter der Mtze
beleidigt nicht, indem es, ganz fein und durchsichtig, auf dem weiesten,
klarsten Haar von der Welt ruht.
Etwa funfzig Nobili in langen dunkelroten Schleppkleidern waren mit ihm, meist
schne Mnner, keine einzige vertrackte Gestalt, mehrere gro, mit groen
Kpfen, denen die blonden Lockenpercken wohl ziemten; vorgebaute Gesichter,
weiches, weies Fleisch, ohne schwammig und widerwrtig auszusehen, vielmehr
klug, ohne Anstrengung, ruhig, ihrer selbst gewi, Leichtigkeit des Daseins und
durchaus eine gewisse Frhlichkeit.
Wie sich alles in der Kirche rangiert hatte und das Hochamt anfing, zogen die
Brderschaften zur Haupttre herein und zur rechten Seitentre wieder hinaus,
nachdem sie Paar fr Paar das Weihwasser empfangen und sich gegen den Hochaltar,
den Dogen und den Adel geneigt hatten.
Den 6. Oktober.
Auf heute abend hatte ich mir den famosen Gesang der Schiffer bestellt, die den
Tasso und Ariost auf ihre eignen Melodien singen. Dieses mu wirklich bestellt
werden, es kommt nicht gewhnlich vor, es gehrt vielmehr zu den halb
verklungenen Sagen der Vorzeit. Bei Mondenschein bestieg ich eine Gondel, den
einen Snger vorn, den andern hinten; sie fingen ihr Lied an und sangen
abwechselnd Vers fr Vers. Die Melodie, welche wir durch Rousseau kennen, ist
eine Mittelart zwischen Choral und Rezitativ, sie behlt immer denselbigen Gang,
ohne Takt zu haben; die Modulation ist auch dieselbige, nur verndern sie nach
dem Inhalt des Verses mit einer Art von Deklamation sowohl Ton als Ma; der
Geist aber, das Leben davon, lt sich begreifen, wie folgt.
Auf welchem Wege sich die Melodie gemacht hat, will ich nicht untersuchen,
genug, sie pat gar trefflich fr einen migen Menschen, der sich etwas
vormoduliert und Gedichte, die er auswendig kann, solchem Gesang unterschiebt.
Mit einer durchdringenden Stimme - das Volk schtzt Strke vor allem - sitzt er
am Ufer einer Insel, eines Kanals auf einer Barke und lt sein Lied schallen,
so weit er kann. ber den stillen Spiegel verbreitet sich's. In der Ferne
vernimmt es ein anderer, der die Melodie kennt, die Worte versteht und mit dem
folgenden Verse antwortet; hierauf erwidert der erste, und so ist einer immer
das Echo des andern. Der Gesang whrt Nchte durch, unterhlt sie, ohne zu
ermden. Je ferner sie also voneinander sind, desto reizender kann das Lied
werden: wenn der Hrer alsdann zwischen beiden steht, so ist er am rechten
Flecke.
Um dieses mich vernehmen zu lassen, stiegen sie am Ufer der Giudecca aus, sie
teilten sich am Kanal hin, ich ging zwischen ihnen auf und ab, so da ich immer
den verlie, der zu singen anfangen sollte, und mich demjenigen wieder nherte,
der aufgehrt hatte. Da ward mir der Sinn des Gesangs erst aufgeschlossen. Als
Stimme aus der Ferne klingt es hchst sonderbar, wie eine Klage ohne Trauer; es
ist darin etwas unglaublich, bis zu Trnen Rhrendes. Ich schrieb es meiner
Stimmung zu; aber mein Alter sagte:  singolare, come quel canto intenerisce, e
molto pi, quando  pi ben cantato. Er wnschte, da ich die Weiber vom Lido,
besonders die von Malamocco und Pelestrina hren mchte, auch diese sngen den
Tasso auf gleiche und hnliche Melodien. Er sagte ferner: Sie haben die
Gewohnheit, wenn ihre Mnner aufs Fischen ins Meer sind, sich ans Ufer zu setzen
und mit durchdringender Stimme abends diese Gesnge erschallen zu lassen, bis
sie auch von ferne die Stimme der Ihrigen vernehmen und sich so mit ihnen
unterhalten. Ist das nicht sehr schn? Und doch lt sich wohl denken, da ein
Zuhrer in der Nhe wenig Freude an solchen Stimmen haben mchte, die mit den
Wellen des Meeres kmpfen. Menschlich aber und wahr wird der Begriff dieses
Gesanges, lebendig wird die Melodie, ber deren tote Buchstaben wir uns sonst
den Kopf zerbrochen haben. Gesang ist es eines Einsamen in die Ferne und Weite,
damit ein anderer, Gleichgestimmter hre und antworte.
Den 8. Oktober.
Den Palast Pisani Moretta besuchte ich wegen eines kstlichen Bildes von Paul
Veronese. Die weibliche Familie des Darius kniet vor Alexandern und Hephstion,
die voranknieende Mutter hlt den letztern fr den Knig, er lehnt es ab und
deutet auf den rechten. Man erzhlt das Mrchen, der Knstler sei in diesem
Palast gut aufgenommen und lngere Zeit ehrenvoll bewirtet worden, dagegen habe
er das Bild heimlich gemalt und als Geschenk zusammengerollt unter das Bett
geschoben. Es verdient allerdings, einen besondern Ursprung zu haben, denn es
gibt einen Begriff von dem ganzen Werte des Meisters. Seine groe Kunst, ohne
einen allgemeinen Ton, der ber das ganze Stck gezogen wre, durch kunstreich
verteiltes Licht und Schatten und ebenso weislich abwechselnde Lokalfarben die
kstlichste Harmonie hervorzubringen, ist hier recht sichtbar, da das Bild
vollkommen erhalten und frisch wie von gestern vor uns steht; denn freilich,
sobald ein Gemlde dieser Art gelitten hat, wird unser Genu sogleich getrbt,
ohne da wir wissen, was die Ursache sei.
Wer mit dem Knstler wegen des Kostms rechten wollte, der drfte sich nur
sagen, es habe eine Geschichte des sechzehnten Jahrhunderts gemalt werden
sollen, und so ist alles abgetan. Die Abstufung von der Mutter durch Gemahlin
und Tchter ist hchst wahr und glcklich; die jngste Prinze, ganz am Ende
knieend, ist ein hbsches Muschen und hat ein gar artiges, eigensinniges,
trotziges Gesichtchen; ihre Lage scheint ihr gar nicht zu gefallen.
Zum 8. Oktober.
Meine alte Gabe, die Welt mit Augen desjenigen Malers zu sehen, dessen Bilder
ich mir eben eingedrckt, brachte mich auf einen eignen Gedanken. Es ist
offenbar, da sich das Auge nach den Gegenstnden bildet, die es von Jugend auf
erblickt, und so mu der venezianische Maler alles klarer und heiterer sehn als
andere Menschen. Wir, die wir auf einem bald schmutzkotigen, bald staubigen,
farblosen, die Widerscheine verdsternden Boden und vielleicht gar in engen
Gemchern leben, knnen einen solchen Frohblick aus uns selbst nicht entwickeln.
Als ich bei hohem Sonnenschein durch die Lagunen fuhr und auf den Gondelrndern
die Gondoliere, leicht schwebend, buntbekleidet, rudernd, betrachtete, wie sie
auf der hellgrnen Flche sich in der blauen Luft zeichneten, so sah ich das
beste, frischeste Bild der venezianischen Schule. Der Sonnenschein hob die
Lokalfarben blendend hervor, und die Schattenseiten waren so licht, da sie
verhltnismig wieder zu Lichtern htten dienen knnen. Ein Gleiches galt von
den Widerscheinen des meergrnen Wassers. Alles war hell in hell gemalt, so da
die schumende Welle und die Blitzlichter darauf ntig waren, um das Tpfchen
aufs i zu setzen.
Tizian und Paul hatten diese Klarheit im hchsten Grade, und wo man sie in ihren
Werken nicht findet, hat das Bild verloren oder ist ausgemalt.
Die Kuppeln und Gewlbe der Markuskirche nebst ihren Seitenflchen, alles ist
bilderreich, alles bunte Figuren auf goldenem Grunde, alles musivische Arbeit;
einige sind recht gut, andere gering, je nachdem die Meister waren, die den
Karton verfertigten.
Es fiel mir recht aufs Herz, da doch alles auf die erste Erfindung ankommt, und
da diese das rechte Ma, den wahren Geist habe, da man mit viereckigen
Stckchen Glas, und hier nicht einmal auf die sauberste Weise, das Gute sowohl
als das Schlechte nachbilden kann. Die Kunst, welche dem Alten seine Fuboden
bereitete, dem Christen seine Kirchenhimmel wlbte, hat sich jetzt auf Dosen und
Armbnder verkrmelt. Diese Zeiten sind schlechter, als man denkt.

Den 8. Oktober.
In dem Hause Farsetti ist eine kostbare Sammlung von Abgssen der besten
Antiken. Ich schweige von denen, die ich von Mannheim her und sonst schon
gekannt, und erwhne nur neuere Bekanntschaften. Eine Kleopatra in kolossaler
Ruhe, die Aspis um den Arm geschlungen und in den Tod hinberschlafend, ferner
die Mutter Niobe, die ihre jngste Tochter mit dem Mantel vor den Pfeilen des
Apollo deckt, sodann einige Gladiatoren, ein in seinen Flgeln ruhender Genius,
sitzende und stehende Philosophen.
Es sind Werke, an denen sich die Welt Jahrtausende freuen und bilden kann, ohne
den Wert des Knstlers durch Gedanken zu erschpfen.
Viele bedeutende Bsten versetzen mich in die alten herrlichen Zeiten. Nur fhle
ich leider, wie weit ich in diesen Kenntnissen zurck bin, doch es wird vorwrts
gehen, wenigstens wei ich den Weg. Palladio hat mir ihn auch dazu und zu aller
Kunst und Leben geffnet. Es klingt das vielleicht ein wenig wunderlich, aber
doch nicht so paradox, als wenn Jakob Bhme bei Erblickung einer zinnernen
Schssel durch Einstrahlung Jovis ber das Universum erleuchtet wurde. Auch
steht in dieser Sammlung ein Stck des Geblks vom Tempel des Antonins und der
Faustina in Rom. Die vorspringende Gegenwart dieses herrlichen
Architekturgebildes erinnerte mich an das Kapitl des Pantheon in Mannheim. Das
ist freilich etwas anderes als unsere kauzenden, auf Kragsteinlein bereinander
geschichteten Heiligen der gotischen Zierweisen, etwas anderes als unsere
Tabakspfeifensulen, spitze Trmlein und Blumenzacken; diese bin ich nun, Gott
sei Dank, auf ewig los!
Noch will ich einiger Werke der Bildhauerkunst erwhnen, die ich diese Tage her,
zwar nur im Vorbeigehen, aber doch mit Erstaunen und Erbauung betrachtet: zwei
ungeheure Lwen von weiem Marmor vor dem Tore des Arsenals; der eine sitzt
aufgerichtet, auf die Vorderpfoten gestemmt, der andere liegt - herrliche
Gegenbilder, von lebendiger Mannigfaltigkeit. Sie sind so gro, da sie alles
umher klein machen, und da man selbst zunichte wrde, wenn erhabene Gegenstnde
uns nicht erhben. Sie sollen aus der besten griechischen Zeit und vom Pireus
in den glnzenden Tagen der Republik hierher gebracht sein.
Aus Athen mgen gleichfalls ein paar Basreliefe stammen in dem Tempel der
heiligen Justina, der Trkenbesiegerin, eingemauert, aber leider durch
Kirchsthle einigermaen verfinstert. Der Kster machte mich aufmerksam darauf,
weil die Sage gehe, da Tizian seine unendlich schnen Engel im Bilde, die
Ermordung des heiligen Petrus Martyr vorstellend, darnach geformt habe. Es sind
Genien, welche sich mit Attributen der Gtter schleppen, freilich so schn, da
es allen Begriff bersteigt.
Sodann betrachtete ich mit ganz eignem Gefhl die nackte kolossale Statue des
Marcus Agrippa in dem Hofe eines Palastes; ein sich ihm zur Seite
heraufschlngelnder Delphin deutet auf einen Seehelden. Wie doch eine solche
heroische Darstellung den reinen Menschen Gttern hnlich macht!
Die Pferde auf der Markuskirche besah ich in der Nhe. Von unten hinauf bemerkt
man leicht, da sie fleckig sind, teils einen schnen gelben Metallglanz haben,
teils kupfergrnlich angelaufen. In der Nhe sieht und erfhrt man, da sie ganz
vergoldet waren, und sieht sie ber und ber mit Striemen bedeckt, da die
Barbaren das Gold nicht abfeilen, sondern abhauen wollten. Auch das ist gut, so
blieb wenigstens die Gestalt.
Ein herrlicher Zug Pferde! Ich mchte einen rechten Pferdekenner darber reden
hren. Was mir sonderbar scheint, ist, da sie in der Nhe schwer und unten vom
Platz leicht wie die Hirsche aussehen.
Den 8. Oktober.
Ich fuhr heute frh mit meinem Schutzgeiste aufs Lido, auf die Erdzunge, welche
die Lagunen schliet und sie vom Meere absondert. Wir stiegen aus und gingen
quer ber die Zunge. Ich hrte ein starkes Gerusch, es war das Meer, und ich
sah es bald, es ging hoch gegen das Ufer, indem es sich zurckzog, es war um
Mittag, Zeit der Ebbe. So habe ich denn auch das Meer mit Augen gesehen und bin
auf der schnen Tenne, die es weichend zurcklt, ihm nachgegangen. Da htte
ich mir die Kinder gewnscht, um der Muscheln willen; ich habe, selbst kindisch,
ihrer genug aufgelesen, doch widme ich sie zu einigem Gebrauch, ich mchte von
der Feuchtigkeit des Tintenfisches, die hier so hufig wegfliet, etwas
eintrocknen.
Auf dem Lido, nicht weit vorn Meer, liegen Englnder begraben und weiterhin
Juden, die beiderseits in geweihtem Boden nicht ruhen sollten. Ich fand das Grab
des edlen Konsul Smith und seiner ersten Frauen; ich bin ihm mein Exemplar des
Palladio schuldig und dankte ihm auf seinem ungeweihten Grabe dafr.
Und nicht allein ungeweiht, sondern halbverschttet ist das Grab. Das Lido ist
immer nur wie eine Dne anzusehen; der Sand wird dorthin gefhrt, vom Winde hin
und her getrieben, aufgehuft, berall angedrngt. In weniger Zeit wird man das
ziemlich erhhte Monument kaum wiederfinden knnen.
Das Meer ist doch ein groer Anblick! Ich will sehen, in einem Fischerkahn eine
Fahrt zu tun; die Gondeln wagen sich nicht hinaus.
Den 8. Oktober.
Am Meere habe ich auch verschiedene Pflanzen gefunden, deren hnlicher Charakter
mir ihre Eigenschaften nher kennen lie; sie sind alle zugleich mastig und
streng, saftig und zh, und es ist offenbar, da das alte Salz des Sandbodens,
mehr aber die salzige Luft ihnen diese Eigenschaften gibt; sie strotzen von
Sften wie Wasserpflanzen, sie sind fest und zh wie Bergpflanzen; wenn ihre
Bltterenden eine Neigung zu Stacheln haben, wie Disteln tun, sind sie gewaltig
spitz und stark. Ich fand einen solchen Busch Bltter, es schien mir unser
unschuldiger Huflattich, hier aber mit scharfen Waffen bewaffnet, und das Blatt
wie Leder, so auch die Samenkapseln, die Stiele, alles mastig und fett. Ich
bringe Samen mit und eingelegte Bltter (Eryngium maritimum).
Der Fischmarkt und die unendlichen Seeprodukte machen mir viel Vergngen; ich
gehe oft darber und beleuchte die unglcklichen aufgehaschten Meeresbewohner.
Den 9. Oktober.
Ein kstlicher Tag, vom Morgen bis in die Nacht! Ich fuhr bis Pelestrina gegen
Chiozza ber, wo die groen Baue sind, Murazzi genannt, welche die Republik
gegen das Meer auffhren lt. Sie sind von gehauenen Steinen und sollen
eigentlich die lange Erdzunge, Lido genannt, welche die Lagunen von dem Meere
trennt, vor diesem wilden Elemente schtzen.
Die Lagunen sind eine Wirkung der alten Natur. Erst Ebbe, Flut und Erde
gegeneinander arbeitend, dann das allmhliche Sinken des Urgewssers waren
Ursache, da am obern Ende des adriatischen Meeres sich eine ansehnliche
Sumpfstrecke befindet, welche, von der Flut besucht, von der Ebbe zum Teil
verlassen wird. Die Kunst hat sich der hchsten Stellen bemchtigt, und so liegt
Venedig, von hundert Inseln zusammengruppiert und von hunderten umgeben.
Zugleich hat man mit unglaublicher Anstrengung und Kosten tiefe Kanle in den
Sumpf gefurcht, damit man auch zur Zeit der Ebbe mit Kriegsschiffen an die
Hauptstellen gelangen knne. Was Menschenwitz und Flei vor alters ersonnen und
ausgefhrt, mu Klugheit und Flei nun erhalten. Das Lido, ein langer Erdstreif,
trennt die Lagunen von dem Meere, welches nur an zwei Orten hereintreten kann,
bei dem Kastell nmlich und am entgegengesetzten Ende, bei Chiozza. Die Flut
tritt gewhnlich des Tages zweimal herein, und die Ebbe bringt das Wasser
zweimal hinaus, immer durch denselben Weg in denselben Richtungen. Die Flut
bedeckt die innern morastigen Stellen und lt die erhhteren, wo nicht trocken,
doch sichtbar.
Ganz anders wre es, wenn das Meer sich neue Wege suchte, die Erdzunge angriffe
und nach Willkr hinein und heraus flutete. Nicht gerechnet, da die rtchen auf
dem Lido, Pelestrina, St. Peter und andere, untergehen mten, so wrden auch
jene Kommunikationskanle ausgefllt und, indem das Wasser alles durcheinander
schlemmte, das Lido zu Inseln, die Inseln, die jetzt dahinter liegen, zu
Erdzungen verwandelt werden. Dieses zu verhten, mssen sie das Lido verwahren,
was sie knnen, damit das Element nicht dasjenige willkrlich angreifen, hinber
und herber werfen mge, was die Menschen schon in Besitz genommen, dem sie
schon zu einem gewissen Zweck Gestalt und Richtung gegeben haben.
Bei auerordentlichen Fllen, wenn das Meer bermig wchst, ist es besonders
gut, da es nur an zwei Orten herein darf und das brige geschlossen bleibt, es
kann also doch nicht mit der grten Gewalt eindringen und mu sich in einigen
Stunden dem Gesetz der Ebbe unterwerfen und seine Wut mindern.
brigens hat Venedig nichts zu besorgen; die Langsamkeit, mit der das Meer
abnimmt, gibt ihr Jahrtausende Zeit, und sie werden schon, den Kanlen klug
nachhelfend, sich im Besitz zu erhalten suchen.
Wenn sie ihre Stadt nur reinlicher hielten, welches so notwendig als leicht ist
und wirklich auf die Folge von Jahrhunderten von groer Konsequenz. Nun ist zwar
bei groer Strafe verboten, nichts in die Kanle zu schtten, noch Kehrig
hineinzuwerfen; einem schnell einfallenden Regengu aber ist's nicht untersagt,
allen den in die Ecken geschobnen Kehrig aufzurhren, in die Kanle zu
schleppen, ja, was noch schlimmer ist, in die Abzge zu fhren, die nur zum
Abflu des Wassers bestimmt sind, und sie dergestalt zu verschlemmen, da die
Hauptpltze in Gefahr sind, unter Wasser zu stehen. Selbst einige Abzge auf dem
kleinen Markusplatze, die, wie auf dem groen, gar klug angelegt sind, habe ich
verstopft und voll Wasser gesehen.
Wenn ein Tag Regenwetter einfllt, ist ein unleidlicher Kot, alles flucht und
schimpft, man besudelt beim Auf- und Absteigen der Brcken die Mntel, die
Tabarros, womit man sich ja das ganze Jahr schleppt, und da alles in Schuh und
Strmpfen luft, bespritzt man sich und schilt, denn man hat sich nicht mit
gemeinem, sondern beizendem Kot besudelt. Das Wetter wird wieder schn, und kein
Mensch denkt an Reinlichkeit. Wie wahr ist es gesagt: das Publikum beklagt sich
immer, da es schlecht bedient sei, und wei es nicht anzufangen, besser bedient
zu werden. Hier, wenn der Souvern wollte, knnte alles gleich getan sein.
Den 9. Oktober.
Heute abend ging ich auf den Markusturm; denn da ich neulich die Lagunen in
ihrer Herrlichkeit zur Zeit der Flut von oben gesehen, wollt' ich sie auch zur
Zeit der Ebbe in ihrer Demut schauen, und es ist notwendig, diese beiden Bilder
zu verbinden, wenn man einen richtigen Begriff haben will. Es sieht sonderbar
aus, ringsum berall Land erscheinen zu sehen, wo vorher Wasserspiegel war. Die
Inseln sind nicht mehr Inseln, nur hher bebaute Flecke eines groen
graugrnlichen Morastes, den schne Kanle durchschneiden. Der sumpfige Teil ist
mit Wasserpflanzen bewachsen und mu sich auch dadurch nach und nach erheben,
obgleich Ebbe und Flut bestndig daran rupfen und whlen und der Vegetation
keine Ruhe lassen.
Ich wende mich mit meiner Erzhlung nochmals ans Meer, dort habe ich heute die
Wirtschaft der Seeschnecken, Patellen und Taschenkrebse gesehen und mich
herzlich darber gefreut. Was ist doch ein Lebendiges fr ein kstliches,
herrliches Ding! Wie abgemessen zu seinem Zustande, wie wahr, wie seiend!
Wieviel ntzt mir nicht mein bichen Studium der Natur, und wie freue ich mich,
es fortzusetzen! Doch ich will, da es sich mitteilen lt, die Freunde nicht mit
bloen Ausrufungen anreizen.
Die dem Meere entgegengebauten Mauerwerke bestehen erst aus einigen steilen
Stufen, dann kommt eine sacht ansteigende Flche, sodann wieder eine Stufe,
abermals eine sanft ansteigende Flche, dann eine steile Mauer mit einem oben
berhngenden Kopfe. Diese Stufen, diese Flchen hinan steigt nun das flutende
Meer, bis es in auerordentlichen Fllen endlich oben an der Mauer und deren
Vorsprung zerschellt.

Mauern bei Pellestrina (Lido von Venedig). Zeichnung von Goethe

Dem Meere folgen seine Bewohner, kleine ebare Schnecken, einschalige Patellen,
und was sonst noch beweglich ist, besonders die Taschenkrebse. Kaum aber haben
diese Tiere an den glatten Mauern Besitz genommen, so zieht sich schon das Meer
weichend und schwellend, wie es gekommen, wieder zurck. Anfangs wei das
Gewimmel nicht, woran es ist, und hofft immer, die salzige Flut soll
wiederkehren; allein sie bleibt aus, die Sonne sticht und trocknet schnell, und
nun geht der Rckzug an. Bei dieser Gelegenheit suchen die Taschenkrebse ihren
Raub. Wunderlicher und komischer kann man nichts sehen als die Gebrden dieser
aus einem runden Krper und zwei langen Scheren bestehenden Geschpfe; denn die
brigen Spinnenfe sind nicht bemerklich. Wie auf stelzenartigen Armen
schreiten sie einher, und sobald eine Patelle sich unter ihrem Schild vom Flecke
bewegt, fahren sie zu, um die Schere in den schmalen Raum zwischen der Schale
und dem Boden zu stecken, das Dach umzukehren und die Auster zu verschmausen.
Die Patelle zieht sachte ihren Weg hin, saugt sich aber gleich fest an den
Stein, sobald sie die Nhe des Feindes merkt. Dieser gebrdet sich nun
wunderlich um das Dchelchen herum, gar zierlich und affenhaft; aber ihm fehlt
die Kraft, den mchtigen Muskel des weichen Tierchens zu berwltigen, er tut
auf diese Beute Verzicht, eilt auf eine andere wandernde los, und die erste
setzt ihren Zug sachte fort. Ich habe nicht gesehen, da irgendein Taschenkrebs
zu seinem Zweck gelangt wre, ob ich gleich den Rckzug dieses Gewimmels
stundenlang, wie sie die beiden Flchen und die dazwischen liegenden Stufen
hinabschlichen, beobachtet habe.

Den 10. Oktober.
Nun endlich kann ich denn auch sagen, da ich eine Komdie gesehen habe! Sie
spielten heut' auf dem Theater St. Lukas Le Baruge Chiozzotte, welches
allenfalls zu bersetzen wre: Die Rauf- und Schreihndel von Chiozza. Die
Handelnden sind lauter Seeleute, Einwohner von Chiozza, und ihre Weiber,
Schwestern und Tchter. Das gewhnliche Geschrei dieser Leute im Guten und
Bsen, ihre Hndel, Heftigkeit, Gutmtigkeit, Plattheit, Witz, Humor und
ungezwungene Manieren, alles ist gar brav nachgeahmt. Das Stck ist noch von
Goldoni, und da ich erst gestern in jener Gegend war und mir Stimmen und
Betragen der See- und Hafenleute noch im Aug' und Ohr widerschien und
widerklang, so machte es gar groe Freude, und ob ich gleich manchen einzelnen
Bezug nicht verstand, so konnte ich doch dem Ganzen recht gut folgen. Der Plan
des Stcks ist folgender: Die Einwohnerinnen von Chiozza sitzen auf der Reede
vor ihren Husern, spinnen, stricken, nhen, klippeln wie gewhnlich; ein junger
Mensch geht vorber und grt eine freundlicher als die brigen, sogleich fngt
das Sticheln an, dies hlt nicht Mae, es schrft sich und wchst bis zum Hohne,
steigert sich zu Vorwrfen, eine Unart berbietet die andere, eine heftige
Nachbarin platzt mit der Wahrheit heraus, und nun ist Schelten, Schimpfen,
Schreien auf einmal losgebunden, es fehlt nicht an entschiedenen Beleidigungen,
so da die Gerichtspersonen sich einzumischen gentigt sind.
Im zweiten Akt befindet man sich in der Gerichtsstube; der Aktuarius an der
Stelle des abwesenden Podest, der als Nobile nicht auf dem Theater htte
erscheinen drfen, der Aktuarius also lt die Frauen einzeln vorfordern; dieses
wird dadurch bedenklich, da er selbst in die erste Liebhaberin verliebt ist
und, sehr glcklich, sie allein zu sprechen, anstatt sie zu verhren, ihr eine
Liebeserklrung tut. Eine andere, die in den Aktuarius verliebt ist, strzt
eiferschtig herein, der aufgeregte Liebhaber der ersten gleichfalls, die
brigen folgen, neue Vorwrfe hufen sich, und nun ist der Teufel in der
Gerichtsstube los wie vorher auf dem Hafenplatz.
Im dritten Akt steigert sich der Scherz, und das Ganze endet mit einer eiligen,
notdrftigen Auflsung. Der glcklichste Gedanke jedoch ist in einem Charakter
ausgedrckt, der sich folgendermaen darstellt.
Ein alter Schiffer, dessen Gliedmaen, besonders aber die Sprachorgane, durch
eine von Jugend, auf gefhrte harte Lebensart stockend geworden, tritt auf als
Gegensatz des beweglichen, schwtzenden, schreiseligen Volkes, er nimmt immer
erst einen Anlauf durch Bewegung der Lippen und Nachhelfen der Hnde und Arme,
bis er denn endlich, was er gedacht, herausstt. Weil ihm dieses aber nur in
kurzen Stzen gelingt, so hat er sich einen lakonischen Ernst angewhnt,
dergestalt, da alles, was er sagt, sprichwrtlich oder sententios klingt,
wodurch denn das brige wilde, leidenschaftliche Handeln gar schn ins
Gleichgewicht gesetzt wird.
Aber auch so eine Lust habe ich noch nie erlebt, als das Volk laut werden lie,
sich und die Seinigen so natrlich vorstellen zu sehen. Ein Gelchter und
Gejauchze von Anfang bis zu Ende. Ich mu aber auch gestehen, da die
Schauspieler es vortrefflich machten. Sie hatten sich nach Anlage der Charaktere
in die verschiedenen Stimmen geteilt, welche unter dem Volke gewhnlich
vorkommen. Die erste Aktrice war allerliebst, viel besser als neulich in
Heldentracht und Leidenschaft. Die Frauen berhaupt, besonders aber diese,
ahmten Stimme, Gebrden und Wesen des Volks aufs anmutigste nach. Groes Lob
verdient der Verfasser, der aus nichts den angenehmsten Zeitvertreib gebildet
hat. Das kann man aber auch nur unmittelbar seinem eignen lebenslustigen Volk.
Es ist durchaus mit einer gebten Hand geschrieben.
Von der Truppe Sacchi, fr welche Gozzi arbeitete, und die brigens zerstreut
ist, habe ich die Smeraldina gesehen, eine kleine, dicke Figur, voller Leben,
Gewandtheit und guten Humors. Mit ihr sah ich den Brighella, einen hagern,
wohlgebauten, besonders in Mienen- und Hndespiel trefflichen Schauspieler.
Diese Masken, die wir fast nur als Mumien kennen, da sie fr uns weder Leben
noch Bedeutung haben, tun hier gar zu wohl als Geschpfe dieser Landschaft. Die
ausgezeichneten Alter, Charaktere und Stnde haben sich in wunderlichen Kleidern
verkrpert, und wenn man selbst den grten Teil des Jahrs mit der Maske
herumluft, so findet man nichts natrlicher, als da da droben auch schwarze
Gesichter erscheinen.
Den 11. Oktober.
Und weil die Einsamkeit in einer so groen Menschenmasse denn doch zuletzt nicht
recht mglich sein will, so bin ich mit einem alten Franzosen zusammengekommen,
der kein Italienisch kann, sich wie verraten und verkauft fhlt und mit allen
Empfehlungsschreiben doch nicht recht wei, woran er ist. Ein Mann von Stande,
sehr guter Lebensart, der aber nicht aus sich heraus kann; er mag stark in den
Funfzigen sein und hat zu Hause einen siebenjhrigen Knaben, von dem er bnglich
Nachrichten erwartet. Ich habe ihm einige Geflligkeiten erzeigt, er reist durch
Italien bequem, aber geschwind, um es doch einmal gesehen zu haben, und mag sich
gern im Vorbeigehen soviel wie mglich unterrichten; ich gebe ihm Auskunft ber
manches. Als ich mit ihm von Venedig sprach, fragte er mich, wie lange ich hier
sei, und als er hrte, nur vierzehn Tage und zum erstenmal, versetzte er: Il
parait que vous n'avez pas perdu votre temps. Das ist das erste Testimonium
meines Wohlverhaltens, das ich aufweisen kann. Er ist nun acht Tage hier und
geht morgen fort. Es war mir kstlich, einen recht eingefleischten Versailler in
der Fremde zu sehen. Der reist nun auch! Und ich betrachte mit Erstaunen, wie
man reisen kann, ohne etwas auer sich gewahr zu werden, und er ist in seiner
Art ein recht gebildeter, wackrer, ordentlicher Mann.
Den 12. Oktober.
Gestern gaben sie zu St. Lukas ein neues Stck: L'Inglicismo in Italia. Da
viele Englnder in Italien leben, so ist es natrlich, da ihre Sitten bemerkt
werden, und ich dachte hier zu erfahren, wie die Italiener diese reichen und
ihnen so willkommenen Gste betrachten; aber es war ganz und gar nichts. Einige
glckliche Narrenszenen wie immer, das brige aber zu schwer und ernstlich
gemeint, und denn doch keine Spur von englischem Sinn, die gewhnlichen
italienischen sittlichen Gemeinsprche, und auch nur auf das Gemeinste
gerichtet.
Auch gefiel es nicht und war auf dem Punkt, ausgepfiffen zu werden; die
Schauspieler fhlten sich nicht in ihrem Elemente, nicht auf dem Platze von
Chiozza. Da dies das letzte Stck ist, was ich hier sehe, so scheint es, mein
Enthusiasmus fr jene Nationalreprsentation sollte noch durch diese Folie
erhht werden.
Nachdem ich zum Schlu mein Tagebuch durchgegangen, kleine
Schreibtafelbemerkungen eingeschaltet, so sollen die Akten inrotuliert und den
Freunden zum Urteilsspruch zugeschickt werden. Schon jetzt finde ich manches in
diesen Blttern, das ich nher bestimmen, erweitern und verbessern knnte; es
mag stehen als Denkmal des ersten Eindrucks, der, wenn er auch nicht immer wahr
wre, uns doch kstlich und wert bleibt. Knnte ich nur den Freunden einen Hauch
dieser leichtern Existenz hinbersenden! Jawohl ist dem Italiener das
ultramontane eine dunkle Vorstellung, auch mir kommt das jenseits der Alpen nun
dster vor; doch winken freundliche Gestalten immer aus dem Nebel. Nur das Klima
wrde mich reizen, diese Gegenden jenen vorzuziehen; denn Geburt und Gewohnheit
sind mchtige Fesseln. Ich mchte hier nicht leben, wie berall an keinem Orte,
wo ich unbeschftigt wre; jetzt macht mir das Neue unendlich viel zu schaffen.
Die Baukunst steigt wie ein alter Geist aus dem Grabe hervor, sie heit mich
ihre Lehren wie die Regeln einer ausgestorbenen Sprache studieren, nicht um sie
auszuben oder mich in ihr lebendig zu erfreuen, sondern nur um die ehrwrdige,
fr ewig abgeschiedene Existenz der vergangenen Zeitalter in einem stillen
Gemte zu verehren. Da Palladio alles auf Vitruv bezieht, so habe ich mir auch
die Ausgabe des Galiani angeschafft; allein dieser Foliante lastet in meinem
Gepck wie das Studium desselben auf meinem Gehirn. Palladio hat mir durch seine
Worte und Werke, durch seine Art und Weise des Denkens und Schaffens den Vitruv
schon nhergebracht und verdolmetscht, besser als die italienische bersetzung
tun kann. Vitruv liest sich nicht so leicht, das Buch ist an sich schon dster
geschrieben und fordert ein kritisches Studium. Dessenungeachtet lese ich es
flchtig durch, und es bleibt mir mancher wrdige Eindruck. Besser zu sagen: ich
lese es wie ein Brevier, mehr aus Andacht als zur Belehrung. Schon bricht die
Nacht zeitiger ein und gibt Raum zum Lesen und Schreiben.
Gott sei Dank, wie mir alles wieder lieb wird, was mir von Jugend auf wert war!
Wie glcklich befinde ich mich, da ich den alten Schriftstellern wieder
nherzutreten wage! Denn jetzt darf ich es sagen, darf meine Krankheit und
Torheit bekennen. Schon einige Jahre her durft' ich keinen lateinischen Autor
ansehen, nichts betrachten, was mir ein Bild Italiens erneute. Geschah es
zufllig, so erduldete ich die entsetzlichsten Schmerzen. Herder spottete oft
ber mich, da ich all mein Latein aus dem Spinoza lerne, denn er hatte bemerkt,
da dies das einzige lateinische Buch war, das ich las; er wute aber nicht, wie
sehr ich mich vor den Alten hten mute, wie ich mich in jene abstrusen
Allgemeinheiten nur ngstlich flchtete. Noch zuletzt hat mich die Wielandsche
bersetzung der Satiren hchst unglcklich gemacht; ich hatte kaum zwei
gelesen, so war ich schon verrckt.
Htte ich nicht den Entschlu gefat, den ich jetzt ausfhre, so wr' ich rein
zugrunde gegangen: zu einer solchen Reife war die Begierde, diese Gegenstnde
mit Augen zu sehen, in meinem Gemt gestiegen. Die historische Kenntnis frderte
mich nicht, die Dinge standen nur eine Hand breit von mir ab; aber durch eine
undurchdringliche Mauer geschieden. Es ist mir wirklich auch jetzt nicht etwa
zumute, als wenn ich die Sachen zum erstenmal she, sondern als ob ich sie
wiedershe. Ich bin nur kurze Zeit in Venedig und habe mir die hiesige Existenz
genugsam zugeeignet und wei, da ich, wenn auch einen unvollstndigen, doch
einen ganz klaren und wahren Begriff mit wegnehme.
Venedig, den 14. Oktober, 2 Stunden in der Nacht.
In den letzten Augenblicken meines Hierseins: denn es geht sogleich mit dem
Kurierschiffe nach Ferrara. Ich verlasse Venedig gern; denn um mit Vergngen und
Nutzen zu bleiben, mte ich andere Schritte tun, die auer meinem Plan liegen;
auch verlt jedermann nun diese Stadt und sucht seine Grten und Besitzungen
auf dem festen Lande. Ich habe indes gut aufgeladen und trage das reiche,
sonderbare, einzige Bild mit mir fort.

Ferrara bis Rom
Den 16. Oktober, frh, auf dem Schiffe.
Meine Reisegesellschaft, Mnner und Frauen, ganz leidliche und natrliche
Menschen, liegen noch alle schlafend in der Kajte. Ich aber, in meinen Mantel
gehllt, blieb auf dem Verdeck die beiden Nchte. Nur gegen Morgen ward es khl.
Ich bin nun in den fnfundvierzigsten Grad wirklich eingetreten und wiederhole
mein altes Lied: dem Landesbewohner wollt' ich alles lassen, wenn ich nur wie
Dido so viel Klima mit Riemen umspannen knnte, um unsere Wohnungen damit
einzufassen. Es ist denn doch ein ander Sein. Die Fahrt bei herrlichem Wetter
war sehr angenehm, die Aus- und Ansichten einfach, aber anmutig. Der Po, ein
freundlicher Flu, zieht hier durch groe Plainen, man sieht nur seine
bebuschten und bewaldeten Ufer, keine Fernen. Hier wie an der Etsch sah ich
alberne Wasserbaue, die kindisch und schdlich sind wie die an der Saale.
Ferrara, den 16. nachts.
Heute frh sieben Uhr deutschen Zeigers hier angelangt, bereite ich mich, morgen
wieder wegzugehen. Zum erstenmal berfllt mich eine Art von Unlust in dieser
groen und schnen, flachgelegenen, entvlkerten Stadt. Dieselben Straen
belebte sonst ein glnzender Hof, hier wohnte Ariost unzufrieden, Tasso
unglcklich, und wir glauben uns zu erbauen, wenn wir diese Sttte besuchen.
Ariosts Grabmal enthlt viel Marmor, schlecht ausgeteilt. Statt Tassos Gefngnis
zeigen sie einen Holzstall oder Kohlengewlbe, wo er gewi nicht aufbewahrt
worden ist. Auch wei im Hause kaum jemand mehr, was man will. Endlich besinnen
sie sich um des Trinkgeldes willen. Es kommt mir vor, wie Doktor Luthers
Tintenklecks, den der Kastellan von Zeit zu Zeit wieder auffrischt. Die meisten
Reisenden haben doch etwas Handwerkspurschenartiges und sehen sich gern nach
solchen Wahrzeichen um. Ich war ganz mrrisch geworden, so da ich an einem
schnen akademischen Institut, welches ein aus Ferrara gebrtiger Kardinal
gestiftet und bereichert, wenig teilnahm, doch erquickten mich einige alte
Denkmale im Hofe.
Sodann erheiterte mich der gute Einfall eines Malers. Johannes der Tufer vor
Herodes und Herodias. Der Prophet in seinem gewhnlichen Wstenkostme deutet
heftig auf die Dame. Sie sieht ganz gelassen den neben ihr sitzenden Frsten,
und der Frst still und klug den Enthusiasten an. Vor dem Knige steht ein Hund,
wei, mittelgro, unter dem Rock der Herodias hingegen kommt ein kleiner
Bologneser hervor, welche beide den Propheten anbellen. Mich dnkt, das ist
recht glcklich gedacht.
Cento, den 17. abends.
In einer bessern Stimmung als gestern schreibe ich aus Guercins Vaterstadt. Es
ist aber auch ein ganz anderer Zustand. Ein freundliches, wohlgebautes Stdtchen
von ungefhr fnftausend Einwohnern, nahrhaft, lebendig, reinlich, in einer
unbersehlich bebauten Plaine. Ich bestieg nach meiner Gewohnheit sogleich den
Turm. Ein Meer von Pappelspitzen, zwischen denen man in der Nhe kleine
Bauerhfchen erblickt, jedes mit seinem eignen Feld umgeben. Kstlicher Boden,
ein mildes Klima. Es war ein Herbstabend, wie wir unserm Sommer selten einen
verdanken. Der Himmel, den ganzen Tag bedeckt, heiterte sich auf, die Wolken
warfen sich nord- und sdwrts an die Gebirge, und ich hoffe einen schnen
morgenden Tag.
Hier sah ich die Apenninen, denen ich mich nhere, zum erstenmal. Der Winter
dauert hier nur Dezember und Januar, ein regniger April, brigens nach
Beschaffenheit der Jahreszeit gut Wetter. Nie anhaltender Regen; doch war dieser
September besser und wrmer als ihr August. Die Apenninen begrte ich
freundlich im Sden, denn ich habe der Flchen bald genug. Morgen schreibe ich
dort an ihrem Fue.
Guercino liebte seine Vaterstadt, wie berhaupt die Italiener diesen
Lokalpatriotismus im hchsten Sinne hegen und pflegen, aus welchem schnen
Gefhl so viel kstliche Anstalten, ja die Menge Ortsheilige entsprungen sind.
Unter jenes Meisters Leitung entstand nun hier eine Malerakademie. Er hinterlie
mehrere Bilder, an denen sich noch der Brger freut, die es aber auch wert sind.
Guercin ist ein heiliger Name, und im Munde der Kinder wie der Alten.
Sehr lieb war mir das Bild, den auferstandenen Christus vorstellend, der seiner
Mutter erscheint. Vor ihm knieend, blickt sie auf ihn mit unbeschreiblicher
Innigkeit. Ihre Linke berhrt seinen Leib gleich unter der unseligen Wunde, die
das ganze Bild verdirbt. Er hat seine linke Hand um ihren Hals gelegt und biegt
sich, um sie bequemer anzusehen, ein wenig mit dem Krper zurck. Dieses gibt
der Figur etwas, ich will nicht sagen Gezwungenes, aber doch Fremdes.
Dessenungeachtet bleibt sie unendlich angenehm. Der stilltraurige Blick, mit dem
er sie ansieht, ist einzig, als wenn ihm die Erinnerung seiner und ihrer Leiden,
durch die Auferstehung nicht gleich geheilt, vor der edlen Seele schwebte.
Strange hat das Bild gestochen; ich wnschte, da meine Freunde wenigstens diese
Kopie shen.
Darauf gewann eine Madonna meine Neigung. Das Kind verlangt nach der Brust, sie
zaudert schamhaft, den Busen zu entblen. Natrlich, edel, kstlich und schn.
Ferner eine Maria, die dem vor ihr stehenden und nach den Zuschauern gerichteten
Kinde den Arm fhrt, da es mit aufgehobenen Fingern den Segen austeile. Ein im
Sinn der katholischen Mythologie sehr glcklicher und oft wiederholter Gedanke.
Guercin ist ein innerlich braver, mnnlich gesunder Maler, ohne Roheit. Vielmehr
haben seine Sachen eine zarte moralische Grazie, eine ruhige Freiheit und
Groheit, dabei etwas Eignes, da man seine Werke, wenn man einmal das Auge
darauf gebildet hat, nicht verkennen wird. Die Leichtigkeit, Reinlichkeit und
Vollendung seines Pinsels setzt in Erstaunen. Er bedient sich besonders schner,
ins Braunrote gebrochener Farben zu seinen Gewndern. Diese harmonieren gar gut
mit dem Blauen, das er auch gerne anbringt.
Die Gegenstnde der brigen Bilder sind mehr oder weniger unglcklich. Der gute
Knstler hat sich gemartert und doch Erfindung und Pinsel, Geist und Hand
verschwendet und verloren. Mir ist aber sehr lieb und wert, da ich auch diesen
schnen Kunstkreis gesehen habe, obgleich ein solches Vorberrennen wenig Genu
und Belehrung gewhrt.
Bologna, den 18. Oktober, nachts.
Heute frh, vor Tage, fuhr ich von Cento weg und gelangte bald genug hieher. Ein
flinker und wohlunterrichteter Lohnbediente, sobald er vernahm, da ich nicht
lange zu verweilen gedchte, jagte mich durch alle Straen, durch so viel
Palste und Kirchen, da ich kaum in meinem Volkmann anzeichnen konnte, wo ich
gewesen war, und wer wei, ob ich mich knftig bei diesen Merkzeichen aller der
Sachen erinnere. Nun gedenke ich aber ein paar lichter Punkte, an denen ich
wahrhafte Beruhigung gefhlt.
Zuerst also die Ccilia von Raffael! Es ist, was ich zum voraus wute, nun aber
mit Augen sah: er hat eben immer gemacht, was andere zu machen wnschten, und
ich mchte jetzt nichts darber sagen, als da es von ihm ist. Fnf Heilige
nebeneinander, die uns alle nichts angehen, deren Existenz aber so vollkommen
dasteht, da man dem Bilde eine Dauer fr die Ewigkeit wnscht, wenn man gleich
zufrieden ist, selbst aufgelst zu werden. Um ihn aber recht zu erkennen, ihn
recht zu schtzen und ihn wieder auch nicht ganz als einen Gott zu preisen, der
wie Melchisedek ohne Vater und ohne Mutter erschienen wre, mu man seine
Vorgnger, seine Meister ansehen. Diese haben auf dem festen Boden der Wahrheit
Grund gefat, sie haben die breiten Fundamente emsig, ja ngstlich gelegt und
miteinander wetteifernd die Pyramide stufenweis in die Hhe gebaut, bis er
zuletzt, von allen diesen Vorteilen untersttzt, von dem himmlischen Genius
erleuchtet, den letzten Stein des Gipfels aufsetzte, ber und neben dem kein
anderer stehen kann.
Das historische Interesse wird besonders rege, wenn man die Werke der ltern
Meister betrachtet. Francesco Francia ist ein gar respektabler Knstler, Peter
von Perugia ein so braver Mann, da man sagen mchte, eine ehrliche deutsche
Haut. Htte doch das Glck Albrecht Drern tiefer nach Italien gefhrt! In
Mnchen habe ich ein paar Stcke von ihm gesehen von unglaublicher Groheit. Der
arme Mann, wie er sich in Venedig verrechnet und mit den Pfaffen einen Akkord
macht, bei dem er Wochen und Monate verliert! Wie er auf seiner niederlndischen
Reise gegen seine herrlichen Kunstwerke, womit er sein Glck zu machen hoffte,
Papageien eintauscht und, um das Trinkgeld zu sparen, die Domestiken
portrtiert, die ihm einen Teller Frchte bringen! Mir ist so ein armer Narr von
Knstler unendlich rhrend, weil es im Grunde auch mein Schicksal ist, nur da
ich mir ein klein wenig besser zu helfen wei.
Gegen Abend rettete ich mich endlich aus dieser alten, ehrwrdigen, gelehrten
Stadt, aus der Volksmenge, die in den gewlbten Lauben, welche man fast durch
alle Straen verbreitet sieht, geschtzt vor Sonne und Witterung, hin und her
wandeln, gaffen, kaufen und ihre Geschfte treiben kann. Ich bestieg den Turm
und ergtzte mich an der freien Luft. Die Aussicht ist herrlich! Im Norden sieht
man die paduanischen Berge, sodann die Schweizer, Tiroler, Friauler Alpen,
genug, die ganze nrdliche Kette, diesmal im Nebel. Gegen Westen ein
unbegrenzter Horizont, aus dem nur die Trme von Modena herausragen. Gegen Osten
eine gleiche Ebene, bis ans adriatische Meer, welches man bei Sonnenaufgang
gewahr wird. Gegen Sden die Vorhgel der Apenninen, bis an ihre Gipfel
bepflanzt, bewachsen, mit Kirchen, Palsten, Gartenhusern besetzt, wie die
vicentinischen Hgel. Es war ein ganz reiner Himmel, kein Wlkchen, nur am
Horizont eine Art Hherauch. Der Trmer versicherte, da nunmehro seit sechs
Jahren dieser Nebel nicht aus der Ferne komme. Sonst habe er durch das Sehrohr
die Berge von Vicenza mit ihren Husern und Kapellen gar wohl entdecken knnen,
jetzt bei den hellsten Tagen nur selten. Und dieser Nebel legt sich denn
vorzglich an die nrdliche Kette und macht unser liebes Vaterland zum wahren
Cimmerien. Der Mann lie mich auch die gesunde Lage und Luft der Stadt daran
bemerken, da ihre Dcher wie neu ausshen und kein Ziegel durch Feuchtigkeit
und Moos angegriffen sei. Man mu gestehen, die Dcher sind alle rein und schn,
aber die Gte der Ziegeln mag auch etwas dazu beitragen, wenigstens in alten
Zeiten hat man solche in diesen Gegenden kostbar gebrannt.
Der hngende Turm ist ein abscheulicher Anblick, und doch hchst wahrscheinlich,
da er mit Flei so gebaut worden. Ich erklre mir diese Torheit folgendermaen.
In den Zeiten der stdtischen Unruhen ward jedes groe Gebude zur Festung, aus
der jede mchtige Familie einen Turm erhob. Nach und nach wurde dies zu einer
Lust- und Ehrensache, jeder wollte auch mit einem Turm prangen, und als zuletzt
die graden Trme gar zu alltglich waren, so baute man einen schiefen. Auch
haben Architekt und Besitzer ihren Zweck erreicht, man sieht an den vielen
graden schlanken Trmen hin und sucht den krummen. Ich war nachher oben auf
demselben. Die Backsteinschichten liegen horizontal. Mit gutem, bindendem Kitt
und eisernen Ankern kann man schon tolles Zeug machen.

Bologna, den 19. Oktober, abends.
Meinen Tag habe ich bestmglichst angewendet, um zu sehen und wiederzusehen,
aber es geht mit der Kunst wie mit dem Leben: je weiter man hineinkommt, je
breiter wird sie. An diesem Himmel treten wieder neue Gestirne hervor, die ich
nicht berechnen kann und die mich irremachen: die Carracci, Guido, Dominichin,
in einer sptern glcklichern Kunstzeit entsprungen; sie aber wahrhaft zu
genieen, gehrt Wissen und Urteil, welches mir abgeht und nur nach und nach
erworben werden kann. Ein groes Hindernis der reinen Betrachtung und der
unmittelbaren Einsicht sind die meist unsinnigen Gegenstnde der Bilder, ber
die man toll wird, indem man sie verehren und lieben mchte.
Es ist, als da sich die Kinder Gottes mit den Tchtern der Menschen vermhlten,
daraus entstanden mancherlei Ungeheuer. Indem der himmlische Sinn des Guido,
sein Pinsel, der nur das Vollkommenste, was geschaut werden kann, htte malen
sollen, dich anzieht, so mchtest du gleich die Augen von den abscheulich
dummen, mit keinen Scheltworten der Welt genug zu erniedrigenden Gegenstnden
wegkehren, und so geht es durchaus; man ist immer auf der Anatomie, dem
Rabensteine, dem Schindanger, immer Leiden des Helden, niemals Handlung, nie ein
gegenwrtig Interesse, immer etwas phantastisch von auen Erwartetes. Entweder
Missetter oder Verzckte, Verbrecher oder Narren, wo denn der Maler, um sich zu
retten, einen nackten Kerl, eine hbsche Zuschauerin herbeischleppt, allenfalls
seine geistlichen Helden als Gliedermnner traktiert und ihnen recht schne
Faltenmntel berwirft. Da ist nichts, was einen menschlichen Begriff gbe!
Unter zehn Sujets nicht eins, das man htte malen sollen, und das eine hat der
Knstler nicht von der rechten Seite nehmen drfen.
Das groe Bild von Guido in der Kirche der Mendicanti ist alles, was man malen,
aber auch alles, was man Unsinniges bestellen und dem Knstler zumuten kann. Es
ist ein Votivbild. Ich glaube, der ganze Senat hat es gelobt und auch erfunden.
Die beiden Engel, die wert wren, eine Psyche in ihrem Unglck zu trsten,
mssen hier -
Der heilige Proclus, eine schne Figur; aber dann die andern, Bischfe und
Pfaffen! Unten sind himmlische Kinder, die mit Attributen spielen. Der Maler,
dem das Messer an der Kehle sa, suchte sich zu helfen, wie er konnte, er mhte
sich ab, nur um zu zeigen, da nicht er der Barbar sei. Zwei nackte Figuren von
Guido: ein Johannes in der Wste, ein Sebastian, wie kstlich gemalt, und was
sagen sie? der eine sperrt das Maul auf, und der andere krmmt sich.
Betrachte ich in diesem Unmut die Geschichte, so mchte ich sagen: der Glaube
hat die Knste wieder hervorgehoben, der Aberglaube hingegen ist Herr ber sie
geworden und hat sie abermals zugrunde gerichtet.
Nach Tische etwas milder und weniger anmalich gestimmt als heute frh, bemerkte
ich folgendes in meine Schreibtafel: Im Palast Tanari ist ein berhmtes Bild von
Guido, die sugende Maria vorstellend, ber Lebensgre, der Kopf, als wenn ihn
ein Gott gemalt htte; unbeschreiblich ist der Ausdruck, mit welchem sie auf den
saugenden Knaben heruntersieht. Mir scheint es eine stille, tiefe Duldung, nicht
als wenn sie ein Kind der Liebe und Freude, sondern ein untergeschobenes
himmlisches Wechselkind nur so an sich zehren liee, weil es nun einmal nicht
anders ist, und sie in tiefster Demut gar nicht begreift, wie sie dazu kommt.
Der brige Raum ist durch ein ungeheures Gewand ausgefllt, welches die Kenner
hchlich preisen; ich wute nicht recht, was ich daraus machen sollte. Auch sind
die Farben dunkler geworden; das Zimmer und der Tag waren nicht die hellsten.
Unerachtet der Verwirrung, in der ich mich befinde, fhle ich doch schon, da
bung, Bekanntschaft und Neigung mir schon in diesen Irrgrten zu Hlfe kommen.
So sprach mich eine Beschneidung von Guercin mchtig an, weil ich den Mann schon
kenne und liebe. Ich verzieh den unleidlichen Gegenstand und freute mich an der
Ausfhrung. - Gemalt, was man sich denken kann, alles daran respektabel und
vollendet, als wenn's Emaille wre.
Und so geht mir's denn wie Bileam, dem konfusen Propheten, welcher segnete, da
er zu fluchen gedachte, und dies wrde noch fter der Fall sein, wenn ich lnger
verweilte.
Trifft man denn gar wieder einmal auf eine Arbeit von Raffael, oder die ihm
wenigstens mit einiger Wahrscheinlichkeit zugeschrieben wird, so ist man gleich
vollkommen geheilt und froh. So habe ich eine heilige Agathe gefunden, ein
kostbares, obgleich nicht ganz wohl erhaltenes Bild. Der Knstler hat ihr eine
gesunde, sichere Jungfrulichkeit gegeben, doch ohne Klte und Roheit. Ich habe
mir die Gestalt wohl gemerkt und werde ihr im Geist meine Iphigenie vorlesen
und meine Heldin nichts sagen lassen, was diese Heilige nicht aussprechen
mchte.
Da ich nun wieder einmal dieser sen Brde gedenke, die ich auf meiner
Wanderung mit mir fhre, so kann ich nicht verschweigen, da zu den groen
Kunst- und Naturgegenstnden, durch die ich mich durcharbeiten mu, noch eine
wundersame Folge von poetischen Gestalten hindurchzieht, die mich beunruhigen.
Von Cento herber wollte ich meine Arbeit an Iphigenia fortsetzen, aber was
geschah? Der Geist fhrte mir das Argument der Iphigenia von Delphi vor die
Seele, und ich mute es ausbilden. So kurz als mglich sei es hier verzeichnet:
Elektra, in gewisser Hoffnung, da Orest das Bild der Taurischen Diana nach
Delphi bringen werde, erscheint in dem Tempel des Apoll und widmet die grausame
Axt, die so viel Unheil in Pelops' Hause angerichtet, als schlieliches
Shnopfer dem Gotte. Zu ihr tritt, leider, einer der Griechen und erzhlt, wie
er Orest und Pylades nach Tauris begleitet, die beiden Freunde zum Tode fhren
sehen und sich glcklich gerettet. Die leidenschaftliche Elektra kennt sich
selbst nicht und wei nicht, ob sie gegen Gtter oder Menschen ihre Wut richten
soll.
Indessen sind Iphigenie, Orest und Pylades gleichfalls zu Delphi angekommen.
Iphigeniens heilige Ruhe kontrastiert gar merkwrdig mit Elektrens irdischer
Leidenschaft, als die beiden Gestalten wechselseitig unerkannt zusammentreffen.
Der entflohene Grieche erblickt Iphigenien, erkennt die Priesterin, welche die
Freunde geopfert, und entdeckt es Elektren. Diese ist im Begriff, mit
demselbigen Beil, welches sie dem Altar wieder entreit, Iphigenien zu ermorden,
als eine glckliche Wendung dieses letzte schreckliche bel von den Geschwistern
abwendet. Wenn diese Szene gelingt, so ist nicht leicht etwas Greres und
Rhrenderes auf dem Theater gesehen worden. Wo soll man aber Hnde und Zeit
hernehmen, wenn auch der Geist willig wre!
Indem ich mich nun in dem Drang einer solchen berfllung des Guten und
Wnschenswerten gengstigt fhle, so mu ich meine Freunde an einen Traum
erinnern, der mir, es wird eben ein Jahr sein, bedeutend genug schien. Es
trumte mir nmlich, ich landete mit einem ziemlich groen Kahn an einer
fruchtbaren, reich bewachsenen Insel, von der mir bewut war, da daselbst die
schnsten Fasanen zu haben seien. Auch handelte ich sogleich mit den Einwohnern
um solches Gefieder, welches sie auch sogleich hufig, gettet, herbeibrachten.
Es waren wohl Fasanen, wie aber der Traum alles umzubilden pflegt, so erblickte
man lange, farbig beaugte Schweife, wie von Pfauen oder seltenen Paradiesvgeln.
Diese brachte man mir schockweise ins Schiff, legte sie mit den Kpfen nach
innen, so zierlich gehuft, da die langen, bunten Federschweife, nach auen
hngend, im Sonnenglanz den herrlichsten Schober bildeten, den man sich denken
kann, und zwar so reich, da fr den Steuernden und die Rudernden kaum hinten
und vorn geringe Rume verblieben. So durchschnitten wir die ruhige Flut, und
ich nannte mir indessen schon die Freunde, denen ich von diesen bunten Schtzen
mitteilen wollte. Zuletzt in einem groen Hafen landend, verlor ich mich
zwischen ungeheuer bemasteten Schiffen, wo ich von Verdeck auf Verdeck stieg, um
meinem kleinen Kahn einen sichern Landungsplatz zu suchen.
An solchen Wahnbildern ergtzen wir uns, die, weil sie aus uns selbst
entspringen, wohl Analogie mit unserm brigen Leben und Schicksalen haben
mssen.
Nun war ich auch in der berhmten wissenschaftlichen Anstalt, das Institut oder
die Studien genannt. Das groe Gebude, besonders der innere Hof, sieht
ernsthaft genug aus, obgleich nicht von der besten Baukunst. Auf den Treppen und
Korridors fehlt es nicht an Stukko- und Freskozierden; alles ist anstndig und
wrdig, und ber die mannigfaltigen schnen und wissenswerten Dinge, die hier
zusammengebracht worden, erstaunt man billig, doch will es einem Deutschen dabei
nicht wohl zumute werden, der eine freiere Studienweise gewohnt ist.
Mir fiel eine frhere Bemerkung hier wieder in die Gedanken, da sich der Mensch
im Gange der alles verndernden Zeit so schwer losmacht von dem, was eine Sache
zuerst gewesen, wenn ihre Bestimmung in der Folge sich auch verndert. Die
christlichen Kirchen halten noch immer an der Basilikenform, wenngleich die
Tempelgestalt vielleicht dem Kultus vorteilhafter wre. Wissenschaftliche
Anstalten haben noch das klsterliche Ansehn, weil in solchen frommen Bezirken
die Studien zuerst Raum und Ruhe gewannen. Die Gerichtssle der Italiener sind
so weit und hoch, als das Vermgen einer Gemeinde zureicht, man glaubt, auf dem
Marktplatze unter freiem Himmel zu sein, wo sonst Recht gesprochen wurde. Und
bauen wir nicht noch immer die grten Theater mit allem Zubehr unter ein Dach,
als wenn es die erste Mebude wre, die man auf kurze Zeit von Brettern
zusammenschlug? Durch den ungeheuern Zudrang der Wibegierigen um die Zeit der
Reformation wurden die Schler in Brgerhuser getrieben, aber wie lange hat es
nicht gedauert, bis wir unsere Waisenhuser auftaten und den armen Kindern diese
so notwendige Welterziehung verschafften!
Bologna, den 20. abends.
Diesen heitern schnen Tag habe ich ganz unter freiem Himmel zugebracht. Kaum
nahe ich mich den Bergen, so werde ich schon wieder vom Gestein angezogen. Ich
komme mir vor wie Antus, der sich immer neu gestrkt fhlt, je krftiger man
ihn mit seiner Mutter Erde in Berhrung bringt.
Ich ritt nach Paderno, wo der sogenannte Bologneser Schwerspat gefunden wird,
woraus man die kleinen Kuchen bereitet, welche kalziniert im Dunkeln leuchten,
wenn sie vorher dem Lichte ausgesetzt gewesen, und die man hier kurz und gut
Fosfori nennt.
Auf dem Wege fand ich schon ganze Felsen Fraueneis zu Tage anstehend, nachdem
ich ein sandiges Tongebirg hinter mir gelassen hatte. Bei einer Ziegelhtte geht
ein Wasserri hinunter, in welchen sich viele kleinere ergieen. Man glaubt
zuerst, einen aufgeschwemmten Lehmhgel zu sehen, der vom Regen ausgewaschen
wre, doch konnte ich bei nherer Betrachtung von seiner Natur so viel
entdecken: das feste Gestein, woraus dieser Teil des Gebirges besteht, ist ein
sehr feinblttriger Schieferton, welcher mit Gips abwechselt. Das schiefrige
Gestein ist so innig mit Schwefelkies gemischt, da es, von Luft und
Feuchtigkeit berhrt, sich ganz und gar verndert. Es schwillt auf, die Lagen
verlieren sich, es entsteht eine Art Letten, muschlig, zerbrckelt, auf den
Flchen glnzend wie Steinkohlen. Nur an groen Stcken, deren ich mehrere
zerschlug und beide Gestalten deutlich wahrnahm, konnte man sich von dem
bergange, von der Umbildung berzeugen. Zugleich sieht man die muschligen
Flchen mit weien Punkten beschlagen, manchmal sind gelbe Partieen drin; so
zerfllt nach und nach die ganze Oberflche, und der Hgel sieht wie ein
verwitterter Schwefelkies im groen aus. Es finden sich unter den Lagen auch
hrtere, grne und rote. Schwefelkies hab' ich in dem Gestein auch fters
angeflogen gefunden.
Nun stieg ich in den Schluchten des brcklig aufgelsten Gebirgs hinauf, wie sie
von den letzten Regengssen durchwaschen waren, und fand zu meiner Freude den
gesuchten Schwerspat hufig, meist in unvollkommener Eiform, an mehreren Stellen
des eben zerfallenden Gebirgs hervorschauen, teils ziemlich rein, teils noch von
dem Ton, in welchem er stak, genau umgeben. Da es keine Geschiebe seien, davon
kann man sich beim ersten Anblick berzeugen. Ob sie gleichzeitig mit der
Schiefertonlage, oder ob sie erst bei Aufblhung oder Zersetzung derselben
entstanden, verdient eine nhere Untersuchung. Die von mir aufgefundenen Stcke
nhern sich, grer oder kleiner, einer unvollkommenen Eigestalt, die kleinsten
gehen auch wohl in eine undeutliche Kristallform ber. Das schwerste Stck,
welches ich gefunden, wiegt siebzehn Lot. Auch fand ich in demselbigen Ton lose,
vollkommene Gipskristalle. Nhere Bestimmung werden Kenner an den Stcken, die
ich mitbringe, zu entwickeln wissen. Und ich wre nun also schon wieder mit
Steinen belastet! Ein Achtelszentner dieses Schwerspats habe ich ausgepackt.
Den 20. Oktober in der Nacht.
Wieviel htte ich noch zu sagen, wenn ich alles gestehen wollte, was mir an
diesem schnen Tage durch den Kopf ging. Aber mein Verlangen ist strker als
meine Gedanken. Ich fhle mich unwiderstehlich vorwrts gezogen, nur mit Mhe
sammle ich mich an dem Gegenwrtigen. Und es scheint, der Himmel erhrt mich. Es
meldet sich ein Vetturin gerade nach Rom, und so werde ich bermorgen
unaufhaltsam dorthin abgehen. Da mu ich denn wohl heute und morgen nach meinen
Sachen sehn, manches besorgen und wegarbeiten.
Lojano auf den Apenninen, den 21. Oktober, abends.
Ob ich mich heute selbst aus Bologna getrieben, oder ob ich daraus gejagt
worden, wte ich nicht zu sagen. Genug, ich ergriff mit Leidenschaft einen
schnellern Anla, abzureisen. Nun bin ich hier in einem elenden Wirtshause in
Gesellschaft eines ppstlichen Offiziers, der nach Perugia, seiner Vaterstadt,
geht. Als ich mich zu ihm in den zweirdrigen Wagen setzte, machte ich ihm, um
etwas zu reden, das Kompliment, da ich als ein Deutscher, der gewohnt sei, mit
Soldaten umzugehen, sehr angenehm finde, nun mit einem ppstlichen Offizier in
Gesellschaft zu reisen. - Nehmt mir nicht bel, versetzte er darauf, Ihr
knnt wohl eine Neigung zum Soldatenstande haben, denn ich hre, in Deutschland
ist alles Militr; aber was mich betrifft, obgleich unser Dienst sehr llich
ist, und ich in Bologna, wo ich in Garnison stehe, meiner Bequemlichkeit
vollkommen pflegen kann, so wollte ich doch, da ich diese Jacke los wre und
das Gtchen meines Vaters verwaltete. Ich bin aber der jngere Sohn, und so mu
ich mir's gefallen lassen.
Den 22. abends.
Giredo, auch ein kleines Nest auf den Apenninen, wo ich mich recht glcklich
fhle, meinen Wnschen entgegenreisend. Heute gesellten sich reitend ein Herr
und eine Dame zu uns, ein Englnder mit einer sogenannten Schwester. Ihre Pferde
sind schn, sie reisen aber ohne Bedienung, und der Herr macht, wie es scheint,
zugleich den Reitknecht und den Kammerdiener. Sie finden berall zu klagen, man
glaubt, einige Bltter im Archenholz zu lesen.
Die Apenninen sind mir ein merkwrdiges Stck Welt. Auf die groe Flche der
Regionen des Pos folgt ein Gebirg, das sich aus der Tiefe erhebt, um zwischen
zwei Meeren sdwrts das feste Land zu endigen. Wre die Gebirgsart nicht zu
steil, zu hoch ber der Meeresflche, nicht so sonderbar verschlungen, da Ebbe
und Flut vor alten Zeiten mehr und lnger htten hereinwirken, grere Flchen
bilden und bersplen knnen, so wre es eins der schnsten Lnder in dem
herrlichsten Klima, etwas hher als das andere Land.
So aber ist's ein seltsam Gewebe von Bergrcken gegeneinander; oft sieht man gar
nicht ab, wohin das Wasser seinen Ablauf nehmen will. Wren die Tler besser
ausgefllt, die Flchen mehr glatt und bersplt, so knnte man das Land mit
Bhmen vergleichen, nur da die Berge auf alle Weise einen andern Charakter
haben. Doch mu man sich keine Bergwste, sondern ein meist bebautes, obgleich
gebirgiges Land vorstellen. Kastanien kommen hier sehr schn, der Weizen ist
trefflich und die Saat schon hbsch grn. Immergrne Eichen mit kleinen Blttern
stehen am Wege, um die Kirchen und Kapellen aber schlanke Zypressen.
Gestern abend war das Wetter trbe, heute ist's wieder hell und schn.

Den 25. abends. Perugia.
Zwei Abende habe ich nicht geschrieben. Die Herbergen waren so schlecht, da an
kein Auslegen eines Blattes zu denken war. Auch fngt es mir an, ein bichen
verworren zu werden; denn seit der Abreise von Venedig spinnt sich der
Reiserocken nicht so schn und glatt mehr ab.
Den Dreiundzwanzigsten frh, unserer Uhr um zehne, kamen wir aus den Apenninen
hervor und sahen Florenz liegen in einem weiten Tal, das unglaublich bebaut und
ins Unendliche mit Villen und Husern best ist.
Die Stadt hatte ich eiligst durchlaufen, den Dom, das Baptisterium. Hier tut
sich wieder eine ganz neue, mir unbekannte Welt auf, an der ich nicht verweilen
will. Der Garten Boboli liegt kstlich. Ich eilte so schnell heraus als hinein.
Der Stadt sieht man den Volksreichtum an, der sie erbaut hat; man erkennt, da
sie sich einer Folge von glcklichen Regierungen erfreute. berhaupt fllt es
auf, was in Toskana gleich die ffentlichen Werke, Wege, Brcken fr ein schnes
grandioses Ansehen haben. Es ist hier alles zugleich tchtig und reinlich,
Gebrauch und Nutzen mit Anmut sind beabsichtigt, berall lt sich eine
belebende Sorgfalt bemerken. Der Staat des Papstes hingegen scheint sich nur zu
erhalten, weil ihn die Erde nicht verschlingen will.
Wenn ich neulich von den Apenninen sagte, was sie sein knnten, das ist nun
Toskana: weil es so viel tiefer lag, so hat das alte Meer recht seine
Schuldigkeit getan und tiefen Lehmboden aufgehuft. Er ist heugelb und leicht zu
verarbeiten. Sie pflgen tief, aber noch recht auf die ursprngliche Art: ihr
Pflug hat keine Rder, und die Pflugschar ist nicht beweglich. So schleppt sie
der Bauer, hinter seinen Ochsen gebckt, einher und whlt die Erde auf. Es wird
bis fnfmal gepflgt, wenigen und nur sehr leichten Dnger streuen sie mit den
Hnden. Endlich sen sie den Weizen, dann hufen sie schmale Sotteln auf,
dazwischen entstehen tiefe Furchen, alles so gerichtet, da das Regenwasser
ablaufen mu. Die Frucht wchst nun auf den Sotteln in die Hhe, in den Furchen
gehen sie hin und her, wenn sie jten. Diese Verfahrungsart ist begreiflich, wo
Nsse zu frchten ist; warum sie es aber auf den schnsten Gebreiten tun, kann
ich nicht einsehen. Diese Betrachtung machte ich bei Arezzo, wo sich eine
herrliche Plaine auftut. Reiner kann man kein Feld sehen, nirgends auch nur eine
Erdscholle, alles klar wie gesiebt. Der Weizen gedeiht hier recht schn, und er
scheint hier alle seiner Natur gemen Bedingungen zu finden. Das zweite Jahr
bauen sie Bohnen fr die Pferde, die hier keinen Hafer bekommen. Es werden auch
Lupinen geset, die jetzt schon vortrefflich grn stehen und im Mrz Frchte
bringen. Auch der Lein hat schon gekeimt, er bleibt den Winter ber und wird
durch den Frost nur dauerhafter.
Die lbume sind wunderliche Pflanzen; sie sehen fast wie Weiden, verlieren auch
den Kern, und die Rinde klafft auseinander. Aber sie haben dessenungeachtet ein
festeres Ansehn. Man sieht auch dem Holze an, da es langsam wchst und sich
unsglich fein organisiert. Das Blatt ist weidenartig, nur weniger Bltter am
Zweige. Um Florenz an den Bergen ist alles mit lbumen und Weinstcken
bepflanzt, dazwischen wird das Erdreich zu Krnern benutzt. Bei Arezzo und so
weiter lt man die Felder freier. Ich finde, da man dem Efeu nicht genug
abwehrt, der den lbumen und andern schdlich ist, da es so ein leichtes wre,
ihn zu zerstren. Wiesen sieht man gar nicht. Man sagt, das trkische Korn zehre
den Boden aus; seitdem es eingefhrt worden, habe der Ackerbau in anderm
Betracht verloren. Ich glaube es wohl bei dem geringen Dnger.
Heute abend habe ich von meinem Hauptmann Abschied genommen, mit der
Versicherung, mit dem Versprechen, ihn auf meiner Rckreise in Bologna zu
besuchen. Er ist ein wahrer Reprsentant vieler seiner Landsleute. Hier einiges,
das ihn besonders bezeichnet. Da ich oft still und nachdenklich war, sagte er
einmal: Che pensa! non deve mai pensar l'uomo, pensando s'invecchia. Das ist
verdolmetscht: Was denkt Ihr viel! der Mensch mu niemals denken, denkend
altert man nur. Und nach einigem Gesprch: Non deve fermarsi l'uomo in una
sola cosa, perch allora divien matto; bisogna aver mille cose, una confusione
nella testa. Auf deutsch: Der Mensch mu sich nicht auf eine einzige Sache
heften, denn da wird er toll, man mu tausend Sachen, eine Konfusion im Kopfe
haben.
Der gute Mann konnte freilich nicht wissen, da ich eben darum still und
nachdenkend war, weil eine Konfusion von alten und neuen Gegenstnden mir den
Kopf verwirrte. Die Bildung eines solchen Italieners wird man noch klarer aus
folgendem erkennen. Da er wohl merkte, da ich Protestant sei, sagte er nach
einigem Umschweif, ich mchte ihm doch gewisse Fragen erlauben, denn er habe so
viel Wunderliches von uns Protestanten gehrt, worber er endlich einmal
Gewiheit zu haben wnsche. Drft ihr denn, so fragte er, mit einem hbschen
Mdchen auf einem guten Fu leben, ohne mit ihr gerade verheiratet zu sein? -
erlauben euch das eure Priester? Ich erwiderte darauf: Unsere Priester sind
kluge Leute, welche von solchen Kleinigkeiten keine Notiz nehmen. Freilich, wenn
wir sie darum fragen wollten, so wrden sie es uns nicht erlauben. - Ihr
braucht sie also nicht zu fragen? rief er aus. O ihr Glcklichen! und da ihr
ihnen nicht beichtet, so erfahren sie's nicht. Hierauf erging er sich in
Schelten und Mibilligen seiner Pfaffen und in dem Preise unserer seligen
Freiheit. - Was jedoch die Beichte betrifft, fuhr er fort, wie verhlt es
sich damit? Man erzhlt uns, da alle Menschen, auch die keine Christen sind,
dennoch beichten mssen; weil sie aber in ihrer Verstockung nicht das Rechte
treffen knnen, so beichten sie einem alten Baume, welches denn freilich
lcherlich und gottlos genug ist, aber doch beweist, da sie die Notwendigkeit
der Beichte anerkennen. Hierauf erklrte ich ihm unsere Begriffe von der
Beichte und wie es dabei zugehe. Das kam ihm sehr bequem vor, er meinte aber, es
sei ungefhr ebensogut, als wenn man einem Baum beichtete. Nach einigem Zaudern
ersucht' er mich sehr ernsthaft, ber einen andern Punkt ihm redlich Auskunft zu
geben, er habe nmlich aus dem Munde eines seiner Priester, der ein wahrhafter
Mann sei, gehrt, da wir unsere Schwestern heiraten drften, welches denn doch
eine starke Sache sei. Als ich diesen Punkt verneinte und ihm einige menschliche
Begriffe von unserer Lehre beibringen wollte, mochte er nicht sonderlich darauf
merken, denn es kam ihm zu alltglich vor, und er wandte sich zu einer neuen
Frage: - Man versichert uns, sagte er, da Friedrich der Groe, welcher so
viele Siege selbst ber die Glubigen davongetragen und die Welt mit seinem Ruhm
erfllt, da er, den jedermann fr einen Ketzer hlt, wirklich katholisch sei
und vom Papste die Erlaubnis habe, es zu verheimlichen; denn er kommt, wie man
wei, in keine eurer Kirchen, verrichtet aber seinen Gottesdienst in einer
unterirdischen Kapelle mit zerknirschtem Herzen, da er die heilige Religion
nicht ffentlich bekennen darf; denn freilich, wenn er das tte, wrden ihn
seine Preuen, die ein bestialisches Volk und wtende Ketzer sind, auf der
Stelle totschlagen, wodurch denn der Sache nicht geholfen wre. Deswegen hat ihm
der heilige Vater jene Erlaubnis gegeben, dafr er denn aber auch die
alleinseligmachende Religion im stillen so viel ausbreitet und begnstigt als
mglich. Ich lie das alles gelten und erwiderte nur: da es ein groes
Geheimnis sei, knnte freilich niemand davon Zeugnis geben. Unsere fernere
Unterhaltung war ungefhr immer von derselben Art, so da ich mich ber die
kluge Geistlichkeit wundern mute, welche alles abzulehnen und zu entstellen
sucht, was den dunkeln Kreis ihrer herkmmlichen Lehre durchbrechen und
verwirren knnte.
Ich verlie Perugia an einem herrlichen Morgen und fhlte die Seligkeit, wieder
allein zu sein. Die Lage der Stadt ist schn, der Anblick des Sees hchst
erfreulich. Ich habe mir die Bilder wohl eingedrckt. Der Weg ging erst hinab,
dann in einem frohen, an beiden Seiten in der Ferne von Hgeln eingefaten Tale
hin, endlich sah ich Assisi liegen.
Der Minervatempel in Assisi. Aquarell von Ruhl
Aus Palladio und Volkmann wute ich, da ein kstlicher Tempel der Minerva, zu
Zeiten Augusts gebaut, noch vollkommen erhalten dastehe. Ich verlie bei Madonna
delAngelo meinen Vetturin, der seinen Weg nach Foligno verfolgte, und stieg
unter einem starken Wind nach Assisi hinauf, denn ich sehnte mich, durch die fr
mich so einsame Welt eine Fuwanderung anzustellen. Die ungeheueren
Substruktionen der babylonisch bereinander getrmten Kirchen, wo der heilige
Franziskus ruht, lie ich links mit Abneigung, denn ich dachte mir, da darin
die Kpfe so wie mein Hauptmannskopf gestempelt wrden. Dann fragte ich einen
hbschen Jungen nach der Maria della Minerva; er begleitete mich die Stadt
hinauf, die an einen Berg gebaut ist. Endlich gelangten wir in die eigentliche
alte Stadt, und siehe, das lblichste Werk stand vor meinen Augen, das erste
vollstndige Denkmal der alten Zeit, das ich erblickte. Ein bescheidener Tempel,
wie er sich fr eine so kleine Stadt schickte, und doch so vollkommen, so schn
gedacht, da er berall glnzen wrde. Nun vorerst von seiner Stellung! Seitdem
ich in Vitruv und Palladio gelesen, wie man Stdte bauen, Tempel und ffentliche
Gebude stellen msse, habe ich einen groen Respekt vor solchen Dingen. Auch
hierin waren die Alten so gro im Natrlichen. Der Tempel steht auf der schnen
mittlern Hhe des Berges, wo eben zwei Hgel zusammentreffen, auf dem Platz, der
noch jetzt der Platz heit. Dieser steigt selbst ein wenig an, und es kommen
auf demselben vier Straen zusammen, die ein sehr gedrcktes Andreaskreuz
machen, zwei von unten herauf, zwei von oben herunter. Wahrscheinlich standen
zur alten Zeit die Huser noch nicht, die jetzt, dem Tempel gegenber gebaut,
die Aussicht versperren. Denkt man sie weg, so blickte man gegen Mittag in die
reichste Gegend, und zugleich wrde Minervens Heiligtum von allen Seiten her
gesehen. Die Anlage der Straen mag alt sein; denn sie folgen aus der Gestalt
und dem Abhange des Berges. Der Tempel steht nicht in der Mitte des Platzes,
aber so gerichtet, da er dem von Rom Heraufkommenden verkrzt gar schn
sichtbar wird. Nicht allein das Gebude sollte man zeichnen, sondern auch die
glckliche Stellung.
An der Fassade konnte ich mich nicht satt sehen, wie genialisch konsequent auch
hier der Knstler gehandelt. Die Ordnung ist korinthisch, die Sulenweiten etwas
ber zwei Model. Die Sulenfe und die Platten darunter scheinen auf
Piedestalen zu stehen, aber es scheint auch nur; denn der Sockel ist fnfmal
durchschnitten, und jedesmal gehen fnf Stufen zwischen den Sulen hinauf, da
man denn auf die Flche gelangt, worauf eigentlich die Sulen stehen, und von
welcher man auch in den Tempel hineingeht. Das Wagstck, den Sockel zu
durchschneiden, war hier am rechten Platze, denn da der Tempel am Berge liegt,
so htte die Treppe, die zu ihm hinauffhrte, viel zu weit vorgelegt werden
mssen und wrde den Platz verengt haben. Wieviel Stufen noch unterhalb gelegen,
lt sich nicht bestimmen; sie sind auer wenigen verschttet und zugepflastert.
Ungern ri ich mich von dem Anblick los und nahm mir vor, alle Architekten auf
dieses Gebude aufmerksam zu machen, damit uns ein genauer Ri davon zukme.
Denn was berlieferung fr ein schlechtes Ding sei, mute ich dieses Mal wieder
bemerken. Palladio, auf den ich alles vertraute, gibt zwar dieses Tempels Bild,
er kann ihn aber nicht selbst gesehen haben, denn er setzt wirklich Piedestale
auf die Flche, wodurch die Sulen unmig in die Hhe kommen und ein garstiges
palmyrisches Ungeheuer entsteht, anstatt da in der Wirklichkeit ein ruhiger,
lieblicher, das Auge und den Verstand befriedigender Anblick erfreut. Was sich
durch die Beschauung dieses Werks in mir entwickelt, ist nicht auszusprechen und
wird ewige Frchte bringen. Ich ging am schnsten Abend die rmische Strae
bergab, im Gemt zum schnsten beruhigst, als ich hinter mir rauhe, heftige
Stimmen vernahm, die untereinander stritten. Ich vermutete, da es die Sbirren
sein mchten, die ich schon in der Stadt bemerkt hatte. Ich ging gelassen vor
mich hin und horchte hinterwrts. Da konnte ich nun gar bald bemerken, da es
auf mich gemnzt sei. Vier solcher Menschen, zwei davon mit Flinten bewaffnet,
in unerfreulicher Gestalt, gingen vor mir vorbei, brummten, kehrten nach einigen
Schritten zurck und umgaben mich. Sie fragten, wer ich wre und was ich hier
tte. Ich erwiderte, ich sei ein Fremder, der seinen Weg ber Assisi zu Fue
mache, indessen der Vetturin nach Foligno fahre. Dies kam ihnen nicht
wahrscheinlich vor, da jemand einen Wagen bezahle und zu Fue gehe. Sie
fragten, ob ich im Gran Convento gewesen sei. Ich verneinte dies und versicherte
ihnen, ich kenne das Gebude von alten Zeiten her. Da ich aber ein Baumeister
sei, habe ich diesmal nur die Maria della Minerva in Augenschein genommen,
welches, wie sie wten, ein musterhaftes Gebude sei. Das leugneten sie nicht,
nahmen aber sehr bel, da ich dem Heiligen meine Aufwartung nicht gemacht, und
gaben ihren Verdacht zu erkennen, da wohl mein Handwerk sein mchte,
Kontrebande einzuschwrzen. Ich zeigte ihnen das Lcherliche, da ein Mensch,
der allein auf der Strae gehe, ohne Ranzen, mit leeren Taschen, fr einen
Kontrebandisten gehalten werden solle. Darauf erbot ich mich, mit ihnen nach der
Stadt zurck und zum Podest zu gehen, ihm meine Papiere vorzulegen, da er mich
denn als einen ehrenvollen Fremden anerkennen werde. Sie brummten hierauf und
meinten, es sei nicht ntig, und als ich mich immerfort mit entschiedenem Ernst
betrug, entfernten sie sich endlich wieder nach der Stadt zu. Ich sah ihnen
nach. Da gingen nun diese rohen Kerle im Vordergrunde, und hinter ihnen her
blickte mich die liebliche Minerva noch einmal sehr freundlich und trstend an,
dann schaute ich links auf den tristen Dom des heiligen Franziskus und wollte
meinen Weg verfolgen, als einer der Unbewaffneten sich von der Truppe sonderte
und ganz freundlich auf mich los kam. Grend sagte er sogleich: Ihr solltet,
mein Herr Fremder, wenigstens mir ein Trinkgeld geben, denn ich versichere, da
ich Euch alsobald fr einen braven Mann gehalten und dies laut gegen meine
Gesellen erklrt habe. Das sind aber Hitzkpfe und gleich oben hinaus und haben
keine Weltkenntnis. Auch werdet Ihr bemerkt haben, da ich Euren Worten zuerst
Beifall und Gewicht gab. Ich lobte ihn deshalb und ersuchte ihn, ehrenhafte
Fremde, die nach Assisi sowohl wegen der Religion als wegen der Kunst kmen, zu
beschtzen; besonders die Baumeister, die zum Ruhme der Stadt den
Minerventempel, den man noch niemals recht gezeichnet und in Kupfer gestochen,
nunmehro messen und abzeichnen wollten. Er mchte ihnen zur Hand gehen, da sie
sich denn gewi dankbar erweisen wrden, und somit drckte ich ihm einige
Silberstcke in die Hand, die ihn ber seine Erwartung erfreuten. Er bat mich,
ja wiederzukommen, besonders msse ich das Fest des Heiligen nicht versumen, wo
ich mich mit grter Sicherheit erbauen und vergngen sollte. Ja, wenn es mir,
als einem hbschen Manne, wie billig, um ein hbsches Frauenzimmer zu tun sei,
so knne er mir versichern, da die schnste und ehrbarste Frau von ganz Assisi
auf seine Empfehlung mich mit Freuden aufnehmen werde. Er schied nun beteurend,
da er noch heute abend bei dem Grabe des Heiligen meiner in Andacht gedenken
und fr meine fernere Reise beten wolle. So trennten wir uns, und mir war sehr
wohl, mit der Natur und mit mir selbst wieder allein zu sein. Der Weg nach
Foligno war einer der schnsten und anmutigsten Spaziergnge, die ich jemals
zurckgelegt. Vier volle Stunden an einem Berge hin, rechts ein reichbebautes
Tal.
Mit den Vetturinen ist es eine leidige Fahrt; das Beste, da man ihnen bequem zu
Fue folgen kann. Von Ferrara lass' ich mich nun immer bis hieher so
fortschleppen. Dieses Italien, von Natur hchlich begnstiget, blieb in allem
Mechanischen und Technischen, worauf doch eine bequemere und frischere
Lebensweise gegrndet ist, gegen alle Lnder unendlich zurck. Das Fuhrwerk der
Vetturine, welches noch Sedia, ein Sessel, heit, ist gewi aus den alten
Tragsesseln entstanden, in welchen sich Frauen, ltere und vornehmere Personen
von Maultieren tragen lieen. Statt des hintern Maultiers, das man hervor neben
die Gabel spannte, setzte man zwei Rder unter, und an keine weitere
Verbesserung ward gedacht. Man wird wie vor Jahrhunderten noch immer
fortgeschaukelt, und so sind sie in ihren Wohnungen und allem.
Wenn man die erste poetische Idee, da die Menschen meist unter freiem Himmel
lebten und sich gelegentlich manchmal aus Not in Hhlen zurckzogen, noch
realisiert sehen will, so mu man die Gebude hier herum, besonders auf dem
Lande, betreten, ganz im Sinn und Geschmack der Hhlen. Eine so unglaubliche
Sorglosigkeit haben sie, um ber dem Nachdenken nicht zu veralten. Mt unerhrtem
Leichtsinn versumen sie, sich auf den Winter, auf lngere Nchte vorzubereiten,
und leiden deshalb einen guten Teil des Jahres wie die Hunde. Hier in Foligno,
in einer vllig homerischen Haushaltung, wo alles um ein auf der Erde brennendes
Feuer in einer groen Halle versammelt ist, schreit und lrmt, am langen Tische
speist, wie die Hochzeit von Kana gemalt wird, ergreife ich die Gelegenheit,
dieses zu schreiben, da einer ein Tintenfa holen lt, woran ich unter solchen
Umstnden nicht gedacht htte. Aber man sieht auch diesem Blatt die Klte und
die Unbequemlichkeit meines Schreibtisches an.
Jetzt fhl' ich wohl die Verwegenheit, unvorbereitet und unbegleitet in dieses
Land zu gehen. Mit dem verschiedenen Gelde, den Vetturinen, den Preisen, den
schlechten Wirtshusern ist es eine tagtgliche Not, da einer, der zum ersten
Male wie ich allein geht und ununterbrochnen Genu hoffte und suchte, sich
unglcklich genug fhlen mte. Ich habe nichts gewollt, als das Land sehen, auf
welche Kosten es sei, und wenn sie mich auf Ixions Rad nach Rom schleppen, so
will ich mich nicht beklagen.

Terni, den 27. Oktober, abends.
Wieder in einer Hhle sitzend, die vor einem Jahr vom Erdbeben gelitten; das
Stdtchen liegt in einer kstlichen Gegend, die ich auf einem Rundgange um
dasselbe her mit Freuden beschaute, am Anfang einer schnen Plaine zwischen
Bergen, die alle noch Kalk sind. Wie Bologna drben, so ist Terni hben an den
Fu des Gebirgs gesetzt.

Bei Terni. Zeichnung von Goethe

Nun da der ppstliche Soldat mich verlassen, ist ein Priester mein Gefhrte.
Dieser scheint schon mehr mit seinem Zustande zufrieden und belehrt mich, den er
freilich schon als Ketzer erkennt, auf meine Fragen sehr gern von dem Ritus und
andern dahin gehrigen Dingen. Dadurch, da ich immer wieder unter neue Menschen
komme, erreiche ich durchaus meine Absicht; man mu das Volk nur untereinander
reden hren, was das fr ein lebendiges Bild des ganzen Landes gibt. Sie sind
auf die wunderbarste Weise smtlich Widersacher, haben den sonderbarsten
Provinzial- und Stadteifer, knnen sich alle nicht leiden, die Stnde sind in
ewigem Streit, und das alles mit immer lebhafter gegenwrtiger Leidenschaft, da
sie einem den ganzen Tag Komdie geben und sich blostellen, und doch fassen sie
zugleich wieder auf und merken gleich, wo der Fremde sich in ihr Tun und Lassen
nicht finden kann.
Spoleto hab' ich bestiegen und war auf der Wasserleitung, die zugleich Brcke
von einem Berg zu einem andern ist. Die zehen Bogen, welche ber das Tal
reichen, stehen von Backsteinen ihre Jahrhunderte so ruhig da, und das Wasser
quillt immer noch in Spoleto an allen Orten und Enden. Das ist nun das dritte
Werk der Alten, das ich sehe, und immer derselbe groe Sinn. Eine zweite Natur,
die zu brgerlichen Zwecken handelt, das ist ihre Baukunst, so steht das
Amphitheater, der Tempel und der Aquadukt. Nun fhle ich erst, wie mir mit Recht
alle Willkrlichkeiten verhat waren, wie z. B. der Winterkasten auf dem
Weienstein, ein Nichts um Nichts, ein ungeheurer Konfektaufsatz, und so mit
tausend andern Dingen. Das steht nun alles totgeboren da, denn was nicht eine
wahre innere Existenz hat, hat kein Leben und kann nicht gro sein und nicht
gro werden.
Was bin ich nicht den letzten acht Wochen schuldig geworden an Freuden und
Einsicht; aber auch Mhe hat mich's genug gekostet. Ich halte die Augen nur
immer offen und drcke mir die Gegenstnde recht ein. Urteilen mchte ich gar
nicht, wenn es nur mglich wre.
San Crocefisso, eine wunderliche Kapelle am Wege, halte ich nicht fr den Rest
eines Tempels, der am Orte stand, sondern man hat Sulen, Pfeiler, Geblke
gefunden und zusammengeflickt, nicht dumm, aber toll. Beschreiben lt sich's
gar nicht, es ist wohl irgendwo in Kupfer gestochen.
Und so wird es einem denn doch wunderbar zumute, da uns, indem wir bemht sind,
einen Begriff des Altertums zu erwerben, nur Ruinen entgegenstellen, aus denen
man sich nun wieder das kmmerlich aufzuerbauen htte, wovon man noch keinen
Begriff hat.
Mit dem, was man klassischen Boden nennt, hat es eine andere Bewandtnis. Wenn
man hier nicht phantastisch verfhrt, sondern die Gegend real nimmt, wie sie
daliegt, so ist sie doch immer der entscheidende Schauplatz, der die grten
Taten bedingt, und so habe ich immer bisher den geologischen und
landschaftlichen Blick benutzt, um Einbildungskraft und Empfindung zu
unterdrcken und mir ein freies, klares Anschauen der Lokalitt zu erhalten. Da
schliet sich denn auf eine wundersame Weise die Geschichte lebendig an, und man
begreift nicht, wie einem geschieht, und ich fhle die grte Sehnsucht, den
Tacitus in Rom zu lesen.
Das Wetter darf ich auch nicht ganz hintansetzen. Da ich von Bologna die
Apenninen heraufkam, zogen die Wolken noch immer nach Norden, spterhin
vernderten sie ihre Richtung und zogen nach dem trasimenischen See. Hier
blieben sie hangen, zogen auch wohl gegen Mittag. Statt also da die groe
Plaine des Po den Sommer ber alle Wolken nach dem Tiroler Gebirg schickt,
sendet sie jetzt einen Teil nach den Apenninen, daher mag die Regenzeit kommen.
Man fngt nun an, die Oliven abzulesen. Sie tun es hier mit den Hnden, an
andern Orten schlagen sie mit Stcken drein. Kommt ein frhzeitiger Winter, so
bleiben die brigen bis gegen das Frhjahr hngen. Heute habe ich auf sehr
steinigem Boden die grten, ltesten Bume gesehen.
Die Gunst der Musen wie die der Dmonen besucht uns nicht immer zur rechten
Zeit. Heute ward ich aufgeregt, etwas auszubilden, was gar nicht an der Zeit
ist. Dem Mittelpunkte des Katholizismus mich nhernd, von Katholiken umgeben,
mit einem Priester in eine Sedie eingesperrt, indem ich mit reinstem Sinn die
wahrhafte Natur und die edle Kunst zu beobachten und aufzufassen trachte, trat
mir so lebhaft vor die Seele, da vom ursprnglichen Christentum alle Spur
verloschen ist; ja, wenn ich mir es in seiner Reinheit vergegenwrtigte, so wie
wir es in der Apostelgeschichte sehen, so mute mir schaudern, was nun auf jenen
gemtlichen Anfngen ein unfrmliches, ja barockes Heidentum lastet. Da fiel mir
der ewige Jude wieder ein, der Zeuge aller dieser wundersamen Ent- und
Aufwicklungen gewesen und so einen wunderlichen Zustand erlebte, da Christus
selbst, als er zurckkommt, um sich nach den Frchten seiner Lehre umzusehen, in
Gefahr gert, zum zweitenmal gekreuzigt zu werden. Jene Legende: Venio iterum
crucifigi sollte mir bei dieser Katastrophe zum Stoff dienen.
Dergleichen Trume schweben mir vor. Denn aus Ungeduld, weiter zu kommen,
schlafe ich angekleidet und wei nichts Hbscheres, als vor Tag aufgeweckt zu
werden, mich schnell in den Wagen zu setzen und zwischen Schlaf und Wachen dem
Tag entgegen zu fahren und dabei die ersten besten Phantasiebilder nach Belieben
walten zu lassen.
Citt Castellana, den 28. Oktober.
Den letzten Abend will ich nicht fehlen. Es ist noch nicht acht Uhr und alles
schon zu Bette; so kann ich noch zu guter Letzt des Vergangenen gedenken und
mich aufs nchst Knftige freuen. Heute war ein ganz heiterer, herrlicher Tag,
der Morgen sehr kalt, der Tag klar und warm, der Abend etwas windig, aber sehr
schn.
Von Terni fuhren wir sehr frh aus; Narni kamen wir hinauf, ehe es Tag war, und
so habe ich die Brcke nicht gesehen. Tler und Tiefen, Nhen und Fernen,
kstliche Gegenden, alles Kalkgebirg, auch nicht eine Spur eines andern
Gesteins.
Otricoli liegt auf einem der von den ehemaligen Strmungen zusammengeschwemmten
Kieshgel und ist von Lava gebaut, jenseits des Flusses hergeholt.
Sobald man ber die Brcke hinber ist, findet man sich im vulkanischen Terrain,
es sei nun unter wirklichen Laven oder unter frherm Gestein, durch Rstung und
Schmelzung verndert. Man steigt einen Berg herauf, den man fr graue Lava
ansprechen mchte. Sie enthlt viele weie, granatfrmig gebildete Kristalle.
Die Chaussee, die von der Hhe nach Citt Castellana geht, von eben diesem
Stein, sehr schn glatt gefahren, die Stadt auf vulkanischen Tuff gebaut, in
welchem ich Asche, Bimsstein und Lavastcke zu entdecken glaubte. Vom Schlosse
ist die Aussicht sehr schn; der Berg Soracte steht einzeln gar malerisch da,
wahrscheinlich ein zu den Apenninen gehriger Kalkberg. Die vulkanisierenden
Strecken sind viel niedriger als die Apenninen, und nur das durchreiende Wasser
hat aus ihnen Berge und Felsen gebildet, da denn herrlich malerische
Gegenstnde, berhangende Klippen und sonstige landschaftliche Zuflligkeiten
gebildet werden.
Morgen abend also in Rom. Ich glaube es noch jetzt kaum, und wenn dieser Wunsch
erfllt ist, was soll ich mir nachher wnschen? ich wte nichts, als da ich
mit meinem Fasanenkahn glcklich zu Hause landen und meine Freunde gesund, froh
und wohlwollend antreffen mge.

Rom
Der Ponte Salaro bei Rom. Radierung von Mechau
Rom, den 1. November 1786.
Endlich kann ich den Mund auftun und meine Freunde mit Frohsinn begren.
Verziehen sei mir das Geheimnis und die gleichsam unterirdische Reise hierher.
Kaum wagte ich mir selbst zu sagen, wohin ich ging, selbst unterwegs frchtete
ich noch, und nur unter der Porta del Popolo war ich mir gewi, Rom zu haben.
Und lat mich nun auch sagen, da ich tausendmal, ja bestndig eurer gedenke in
der nhe der gegenstnde, die ich allein zu sehen niemals glaubte. Nur da ich
jedermann mit leib und seele in norden gefesselt, alle anmutung nach diesen
gegenden verschwunden sah, konnte ich mich entschlieen, einen langen, einsamen
weg zu machen und den mittelpunkt zu suchen, nach dem mich ein unwiderstehliches
bedrfnis hinzog. Ja, die letzten jahre wurde es eine art von krankheit, von der
mich nur der anblick und die gegenwart heilen konnte. Jetzt darf ich es
gestehen; zuletzt durft' ich kein lateinisch buch mehr ansehen, keine zeichnung
einer italienischen gegend. Die begierde, dieses land zu sehen, war berreif: da
sie befriedigt ist, werden mir freunde und vaterland erst wieder recht aus dem
grunde lieb und die rckkehr wnschenswert, ja um desto wnschenswerter, da ich
mit sicherheit empfinde, da ich so viele schtze nicht zu eignem besitz und
privatgebrauch mitbringe, sondern da sie mir und andern durchs ganze leben zur
leitung und frdernis dienen sollen.
Rom, den 1. November 1786.
Ja, ich bin endlich in dieser Hauptstadt der Welt angelangt! Wenn ich sie in
guter Begleitung, angefhrt von einem recht verstndigen Manne, vor funfzehn
Jahren gesehen htte, wollte ich mich glcklich preisen. Sollte ich sie aber
allein, mit eignen Augen sehen und besuchen, so ist es gut, da mir diese Freude
so spt zuteil ward.
ber das Tiroler Gebirg bin ich gleichsam weggezogen. Verona, Vicenz, Padua,
Venedig habe ich gut, Ferrara, Cento, Bologna flchtig und Florenz kaum gesehen.
Die Begierde, nach Rom zu kommen, war so gro, wuchs so sehr mit jedem
Augenblicke, da kein Bleiben mehr war, und ich mich nur drei Stunden in Florenz
aufhielt. Nun bin ich hier und ruhig und, wie es scheint, auf mein ganzes Leben
beruhigt. Denn es geht, man darf wohl sagen, ein neues Leben an, wenn man das
Ganze mit Augen sieht, das man teilweise in- und auswendig kennt. Alle Trume
meiner Jugend seh' ich nun lebendig; die ersten Kupferbilder, deren ich mich
erinnere (mein Vater hatte die Prospekte von Rom auf einem Vorsaale aufgehngt),
seh' ich nun in Wahrheit, und alles, was ich in Gemlden und Zeichnungen,
Kupfern und Holzschnitten, in Gips und Kork schon lange gekannt, steht nun
beisammen vor mir; wohin ich gehe, finde ich eine Bekanntschaft in einer neuen
Welt; es ist alles, wie ich mir's dachte, und alles neu. Ebenso kann ich von
meinen Beobachtungen, von meinen Ideen sagen. Ich habe keinen ganz neuen
Gedanken gehabt, nichts ganz fremd gefunden, aber die alten sind so bestimmt, so
lebendig, so zusammenhngend geworden, da sie fr neu gelten knnen.
Da Pygmalions Elise, die er sich ganz nach seinen Wnschen geformt und ihr so
viel Wahrheit und Dasein gegeben hatte, als der Knstler vermag, endlich auf ihn
zukam und sagte: Ich bin's!, wie anders war die Lebendige als der gebildete
Stein!
Wie moralisch heilsam ist mir es dann auch, unter einem ganz sinnlichen Volke zu
leben, ber das so viel Redens und Schreibens ist, das jeder Fremde nach dem
Mastabe beurteilt, den er mitbringt. Ich verzeihe jedem, der sie tadelt und
schilt; sie stehn zu weit von uns ab, und als Fremder mit ihnen zu verkehren,
ist beschwerlich und kostspielig.
Rom, den 3. November.
Einer der Hauptbeweggrnde, die ich mir vorspiegelte, um nach Rom zu eilen, war
das Fest Allerheiligen, der erste November; denn ich dachte, geschieht dem
einzelnen Heiligen so viel Ehre, was wird es erst mit allen werden. Allein wie
sehr betrog ich mich! Kein auffallend allgemeines Fest hatte die rmische Kirche
beliebt, und jeder Orden mochte im besondern das Andenken seines Patrons im
stillen feiern; denn das Namensfest und der ihm zugeteilte Ehrentag ist's
eigentlich, wo jeder in seiner Glorie erscheint.
Der Monte Cavallo in Rom. Radierung von Pironesi.
Gestern aber, am Tage Allerseelen, gelang mir's besser. Das Andenken dieser
feiert der Papst in seiner Hauskapelle auf dem Quirinal. Jedermann hat freien
Zutritt. Ich eilte mit Tischbein auf den Monte Cavallo. Der Platz vor dem
Palaste hat was ganz eignes Individuelles, so unregelmig als grandios und
lieblich. Die beiden Kolossen erblickt' ich nun! Weder Auge noch Geist sind
hinreichend, sie zu fassen. Wir eilten mit der Menge durch den prchtig
gerumigen Hof eine bergerumige Treppe hinauf. In diesen Vorslen, der Kapelle
gegenber, in der Ansicht der Reihe von Zimmern, fhlt man sich wunderbar unter
einem Dache mit dem Statthalter Christi.
Die Funktion war angegangen, Papst und Kardinle schon in der Kirche. Der
heilige Vater, die schnste, wrdigste Mnnergestalt, Kardinle von
verschiedenem Alter und Bildung.
Mich ergriff ein wunderbar Verlangen, das Oberhaupt der Kirche mge den goldenen
Mund auftun und, von dem unaussprechlichen Heil der seligen Seelen mit Entzcken
sprechend, uns in Entzcken versetzen. Da ich ihn aber vor dem Altare sich nur
hin und her bewegen sah, bald nach dieser, bald nach jener Seite sich wendend,
sich wie ein gemeiner Pfaffe gebrdend und murmelnd, da regte sich die
protestantische Erbsnde, und mir wollte das bekannte und gewohnte Meopfer hier
keineswegs gefallen. Hat doch Christus schon als Knabe durch mndliche Auslegung
der Schrift und in seinem Jnglingsleben gewi nicht schweigend gelehrt und
gewirkt; denn er sprach gern, geistreich und gut, wie wir aus den Evangelien
wissen. Was wrde der sagen, dacht' ich, wenn er hereintrte und sein Ebenbild
auf Erden summend und hin und wider wankend antrfe? Das Venio iterum
crucifigi! fiel mir ein, und ich zupfte meinen Gefhrten, da wir ins Freie der
gewlbten und gemalten Sle kmen.
Hier fanden wir eine Menge Personen die kstlichen Gemlde aufmerksam
betrachtend, denn dieses Fest Allerseelen ist auch zugleich das Fest aller
Knstler in Rom. Ebenso wie die Kapelle ist der ganze Palast und die smtlichen
Zimmer jedem zugnglich und diesen Tag fr viele Stunden frei und offen, man
braucht kein Trinkgeld zu geben und wird von dem Kastellan nicht gedrngt.
Die Wandgemlde beschftigten mich, und ich lernte da neue, mir kaum dem Namen
nach bekannte treffliche Mnner kennen, so wie z. B. den heitern Karl Maratti
schtzen und lieben.
Vorzglich willkommen aber waren mir die Meisterstcke der Knstler, deren Art
und Weise ich mir schon eingeprgt hatte. Ich sah mit Bewunderung die heilige
Petronilla von Guercin, ehmals in St. Peter, wo nun eine musivische Kopie
anstatt des Originals aufgestellt ist. Der Heiligen Leichnam wird aus dem Grabe
gehoben und dieselbe Person neubelebt in der Himmelshhe von einem gttlichen
Jngling empfangen. Was man auch gegen diese doppelte Handlung sagen mag, das
Bild ist unschtzbar.
Noch mehr erstaunte ich vor einem Bilde von Tizian. Es berleuchtet alle, die
ich gesehen habe. Ob mein Sinn schon gebter, oder ob es wirklich das
vortrefflichste sei, wei ich nicht zu unterscheiden. Ein ungeheures Megewand,
das von Stickerei, ja von getriebenen Goldfiguren starrt, umhllt eine
ansehnliche bischfliche Gestalt. Den massiven Hirtenstab in der Linken, blickt
er entzckt in die Hhe, mit der Rechten hlt er ein Buch, woraus er soeben eine
gttliche Berhrung empfangen zu haben scheint. Hinter ihm eine schne Jungfrau,
die Palme in der Hand, mit lieblicher Teilnahme nach dem aufgeschlagenen Buche
hinschauend. Ein ernster Alter dagegen zur Rechten, dem Buche ganz nahe, scheint
er dessen nicht zu achten: die Schlssel in der Hand, mag er sich wohl eigenen
Aufschlu zutrauen. Dieser Gruppe gegenber ein nackter, wohlgebildeter,
gebundener, von Pfeilen verletzter Jngling, vor sich hinsehend, bescheiden
ergeben. In dem Zwischenraume zwei Mnche, Kreuz und Lilie tragend, andchtig
gegen die Himmlischen gekehrt. Denn oben offen ist das halbrunde Gemuer, das
sie smtlich umschliet. Dort bewegt sich in hchster Glorie eine herabwrts
teilnehmende Mutter. Das lebendig muntere Kind in ihrem Schoe reicht mit
heiterer Gebrde einen Kranz herber, ja scheint ihn herunterzuwerfen. Auf
beiden Seiten schweben Engel, Krnze schon im Vorrat haltend. ber allen aber
und ber dreifachem Strahlenkreise waltet die himmlische Taube, als Mittelpunkt
und Schlustein zugleich.
Wir sagen uns: hier mu ein heiliges altes berliefertes zum Grunde liegen, da
diese verschiedenen, unpassenden Personen so kunstreich und bedeutungsvoll
zusammengestellt werden konnten. Wir fragen nicht nach wie und warum, wir lassen
es geschehen und bewundern die unschtzbare Kunst.
Weniger unverstndlich, aber doch geheimnisvoll ist ein Wandbild von Guido in
seiner Kapelle. Die kindlich lieblichste, frmmste Jungfrau sitzt still vor sich
hin und nht, zwei Engel ihr zur Seite erwarten jeden Wink, ihr zu dienen. Da
jugendliche Unschuld und Flei von den Himmlischen bewacht und geehrt werde,
sagt uns das liebe Bild. Es bedarf hier keiner Legende, keiner Auslegung.
Nun aber zu Milderung des knstlerischen Ernstes ein heiteres Abenteuer. Ich
bemerkte wohl, da mehrere deutsche Knstler, zu Tischbein als Bekannte tretend,
mich beobachteten und sodann hin und wider gingen. Er, der mich einige
Augenblicke verlassen hatte, trat wieder zu mir und sagte: Da gibt's einen
groen Spa! Das Gercht, Sie seien hier, hatte sich schon verbreitet, und die
Knstler wurden auf den einzigen unbekannten Fremden aufmerksam. Nun ist einer
unter uns, der schon lngst behauptet, er sei mit Ihnen umgegangen, ja er wollte
mit Ihnen in freundschaftlichem Verhltnis gelebt haben, woran wir nicht so
recht glauben wollten. Dieser ward aufgefordert, Sie zu betrachten und den
Zweifel zu lsen, er versicherte aber kurz und gut, Sie seien es nicht und an
dem Fremden keine Spur Ihrer Gestalt und Aussehns. So ist doch wenigstens das
Inkognito fr den Moment gedeckt, und in der Folge gibt es etwas zu lachen.
Ich mischte mich nun freimtiger unter die Knstlerschar und fragte nach den
Meistern verschiedener Bilder, deren Kunstweise mir noch nicht bekannt geworden.
Endlich zog mich ein Bild besonders an, den heiligen Georg, den
Drachenberwinder und Jungfrauenbefreier, vorstellend. Niemand konnte mir den
Meister nennen. Da trat ein kleiner, bescheidener, bisher lautloser Mann hervor
und belehrte mich, es sei von Pordenone, dem Venezianer, eines seiner besten
Bilder, an dem man sein ganzes Verdienst erkenne. Nun konnt' ich meine Neigung
gar wohl erklren: das Bild hatte mich angemutet, weil ich, mit der
venezianischen Schule schon nher bekannt, die Tugenden ihrer Meister besser zu
schtzen wute.
Der belehrende Knstler ist Heinrich Meyer, ein Schweizer, der mit einem Freunde
namens Clla seit einigen Jahren hier studiert, die antiken Bsten in Sepia
vortrefflich nachbildet und in der Kunstgeschichte wohl erfahren ist.
Rom, den 7. November.
Nun bin ich sieben Tage hier, und nach und nach tritt in meiner Seele der
allgemeine Begriff dieser Stadt hervor. Wir gehn fleiig hin und wider, ich
mache mir die Plane des alten und neuen Roms bekannt, betrachte die Ruinen, die
Gebude, besuche ein und die andere Villa, die grten Merkwrdigkeiten werden
ganz langsam behandelt, ich tue nur die Augen auf und seh' und geh' und komme
wieder, denn man kann sich nur in Rom auf Rom vorbereiten.
Gestehen wir jedoch, es ist ein saures und trauriges Geschft, das alte Rom aus
dem neuen herauszuklauben, aber man mu es denn doch tun und zuletzt eine
unschtzbare Befriedigung hoffen. Man trifft Spuren einer Herrlichkeit und einer
Zerstrung, die beide ber unsere Begriffe gehen. Was die Barbaren stehenlieen,
haben die Baumeister des neuen Roms verwstet.
Wenn man so eine Existenz ansieht, die zweitausend Jahre und darber alt ist,
durch den Wechsel der Zeiten so mannigfaltig und vom Grund aus verndert und
doch noch derselbe Boden, derselbe Berg, ja oft dieselbe Sule und Mauer, und im
Volke noch die Spuren des alten Charakters, so wird man ein Mitgenosse der
groen Ratschlsse des Schicksals, und so wird es dem Betrachter von Anfang
schwer, zu entwickeln, wie Rom auf Rom folgt, und nicht allein das neue auf das
alte, sondern die verschiedenen Epochen des alten und neuen selbst aufeinander.
Ich suche nur erst selbst die halbverdeckten Punkte herauszufhlen, dann lassen
sich erst die schnen Vorarbeiten recht vollstndig nutzen; denn seit dem
funfzehnten Jahrhundert bis auf unsere Tage haben sich treffliche Knstler und
Gelehrte mit diesen Gegenstnden ihr ganzes Leben durch beschftigt.
Und dieses Ungeheure wirkt ganz ruhig auf uns ein, wenn wir in Rom hin und her
eilen, um zu den hchsten Gegenstnden zu gelangen. Anderer Orten mu man das
Bedeutende aufsuchen, hier werden wir davon berdrngt und berfllt. Wie man
geht und steht, zeigt sich ein landschaftliches Bild aller Art und Weise,
Palste und Ruinen, Grten und Wildnis, Fernen und Engen, Huschen, Stlle,
Triumphbgen und Sulen, oft alles zusammen so nah, da es auf ein Blatt
gebracht werden knnte. Man mte mit tausend Griffeln schreiben, was soll hier
eine Feder! und dann ist man abends mde und erschpft vom Schauen und Staunen.

Den 7. November 1786.
Verzeihen mir jedoch meine Freunde, wenn ich knftig wortkarg erfunden werde;
whrend eines Reisezugs rafft man unterwegs auf, was man kann, jeder Tag bringt
etwas Neues, und man eilt, auch darber zu denken und zu urteilen. Hier aber
kmmt man in eine gar groe Schule, wo ein Tag so viel sagt, da man von dem
Tage nichts zu sagen wagen darf. Ja, man tte wohl, wenn man, jahrelang hier
verweilend, ein pythagoreisches Stillschweigen beobachtete.
An demselben.
Ich bin recht wohl. Das Wetter ist, wie die Rmer sagen, brutto; es geht ein
Mittagwind, Scirocco, der tglich mehr oder weniger Regen herbeifhrt; ich kann
aber diese Witterung nicht unangenehm finden, es ist warm dabei, wie es bei uns
im Sommer regnichte Tage nicht sind.
Den 7. November.
Tischbeins Talente sowie seine Vorstze und Kunstabsichten lerne ich nun immer
mehr kennen und schtzen. Er legte mir seine Zeichnungen und Skizzen vor, welche
sehr viel Gutes geben und verknden. Durch den Aufenthalt bei Bodmer sind seine
Gedanken auf die ersten Zeiten des menschlichen Geschlechts gefhrt worden, da,
wo es sich auf die Erde gesetzt fand und die Aufgabe lsen sollte, Herr der Welt
zu werden.

Tischbein, Selbstbildnis. Zeichnung

Als geistreiche Einleitung zu dem Ganzen bestrebte er sich, das hohe Alter der
Welt sinnlich darzustellen. Berge, mit herrlichen Wldern bewachsen, Schluchten,
von Wasserbchen ausgerissen, ausgebrannte Vulkane, kaum noch leise dampfend. Im
Vordergrund ein mchtiger in der Erde briggebliebener Stock eines vieljhrigen
Eichbaums, an dessen halbentblten Wurzeln ein Hirsch die Strke seines
Geweihes versucht, so gut gedacht als lieblich ausgefhrt.
Dann hat er auf einem hchst merkwrdigen Blatte den Mann zugleich als
Pferdebndiger und allen Tieren der Erde, der Luft und des Wassers, wo nicht an
Strke, doch an List berlegen dargestellt. Die Komposition ist auerordentlich
schn, als lbild mte es eine groe Wirkung tun. Eine Zeichnung davon mssen
wir notwendig in Weimar besitzen. Sodann denkt er an eine Versammlung der alten,
weisen und geprften Mnner, wo er Gelegenheit nehmen wird, wirkliche Gestalten
darzustellen. Mit dem grten Enthusiasmus aber skizziert er an einer Schlacht,
wo sich zwei Parteien Reiterei wechselseitig mit gleicher Wut angreifen, und
zwar an einer Stelle, wo eine ungeheure Felsschlucht sie trennt, ber welche das
Pferd nur mit grter Anstrengung hinbersetzen kann. An Verteidigung ist hier
nicht zu denken. Khner Angriff, wilder Entschlu, Gelingen oder Sturz in den
Abgrund. Dieses Bild wird ihm Gelegenheit geben, die Kenntnisse, die er von dem
Pferde, dessen Bau und Bewegung besitzt, auf eine sehr bedeutende Weise zu
entfalten.
Diese Bilder sodann und eine Reihe von folgenden und eingeschalteten wnscht er
durch einige Gedichte verknpft, welche dem Dargestellten zur Erklrung dienten,
und denen er dagegen wieder durch bestimmte Gestalten Krper und Reiz verliehe.
Der Gedanke ist schn, nur mute man freilich mehrere Jahre zusammen sein, um
ein solches Werk auszufhren.
Den 7. November.
Die Logen von Raffael und die groen Gemlde der Schule von Athen etc. hab'
ich nur erst einmal gesehen, und da ist's, als wenn man den Homer aus einer zum
Teil verloschenen, beschdigten Handschrift heraus studieren sollte. Das
Vergngen des ersten Eindrucks ist unvollkommen, nur wenn man nach und nach
alles recht durchgesehn und studiert hat, wird der Genu ganz. Am erhaltensten
sind die Deckenstcke der Logen, die biblische Geschichten vorstellen, so frisch
wie gestern gemalt, zwar die wenigsten von Raffaels eigner Hand, doch aber gar
trefflich nach seinen Zeichnungen und unter seiner Aufsicht.
Den 7. November.
Ich habe manchmal in frherer Zeit die wunderliche Grille gehabt, da ich mir
sehnlichst wnschte, von einem wohlunterrichteten Manne, von einem kunst- und
geschichtskundigen Englnder nach Italien gefhrt zu werden; und nun hat sich
das alles indessen schner gebildet, als ich htte ahnen knnen. Tischbein lebte
so lange hier als mein herzlicher Freund, er lebte hier mit dem Wunsche, mir Rom
zu zeigen; unser Verhltnis ist alt durch Briefe, neu durch Gegenwart; wo htte
mir ein werterer Fhrer erscheinen knnen? Ist auch meine Zeit nur beschrnkt,
so werde ich doch das Mglichste genieen und lernen.
Und bei allem dem seh' ich voraus, da ich wnschen werde, anzukommen, wenn ich
weggehe.
Den 8. November.
Mein wunderliches und vielleicht grillenhaftes Halbinkognito bringt mir
Vorteile, an die ich nicht denken konnte. Da sich jedermann verpflichtet, zu
ignorieren, wer ich sei, und also auch niemand mit mir von mir reden darf, so
bleibt den Menschen nichts brig, als von sich selbst oder von Gegenstnden zu
sprechen, die ihnen interessant sind, dadurch erfahr' ich nun umstndlich, womit
sich ein jeder beschftigt, oder was irgend Merkwrdiges entsteht und
hervorgeht. Hofrat Reiffenstein fand sich auch in diese Grille; da er aber den
Namen, den ich angenommen hatte, aus einer besondern Ursache nicht leiden
konnte, so baronisierte er mich geschwind, und ich heie nun der Baron gegen
Rondanini ber, dadurch bin ich bezeichnet genug, um so mehr, als der Italiener
die Menschen nur nach den Vornamen oder Spitznamen benennet. Genug, ich habe
meinen Willen und entgehe der unendlichen Unbequemlichkeit, von mir und meinen
Arbeiten Rechenschaft geben zu mssen.
Den 9. November.
Manchmal stehe ich wie einen Augenblick still und berschaue die hchsten Gipfel
des schon Gewonnenen. Sehr gerne blicke ich nach Venedig zurck, auf jenes groe
Dasein, dem Schoe des Meeres wie Pallas aus dem Haupte Jupiters entsprossen.
Hier hat mich die Rotonda, so die uere wie die innere, zu einer freudigen
Verehrung ihrer Groheit bewogen. In St. Peter habe ich begreifen lernen, wie
die Kunst sowohl als die Natur alle Mavergleichung aufheben kann. Und so hat
mich Apoll von Belvedere aus der Wirklichkeit hinausgerckt. Denn wie von jenen
Gebuden die richtigsten Zeichnungen keinen Begriff geben, so ist es hier mit
dem Original von Marmor gegen die Gipsabgsse, deren ich doch sehr schne frher
gekannt habe.

Der Apoll von Belvedere. Zeichnung von Bouchardon.

Den 10. November 1786.
Ich lebe nun hier mit einer Klarheit und Ruhe, von der ich lange kein Gefhl
hatte. Meine bung, alle Dinge, wie sie sind, zu sehen und abzulesen, meine
Treue, das Auge licht sein zu lassen, meine vllige Entuerung von aller
Prtention kommen mir einmal wieder recht zustatten und machen mich im stillen
hchst glcklich. Alle Tage ein neuer merkwrdiger Gegenstand, tglich frische,
groe, seltsame Bilder und ein Ganzes, das man sich lange denkt und trumt, nie
mit der Einbildungskraft erreicht.
Heute war ich bei der Pyramide des Cestius und abends auf dem Palatin, oben auf
den Ruinen der Kaiserpalste, die wie Felsenwnde dastehn. Hievon lt sich nun
freilich nichts berliefern! Wahrlich, es gibt hier nichts Kleines, wenn auch
wohl hier und da etwas Scheltenswertes und Abgeschmacktes; doch auch ein solches
hat teil an der allgemeinen Groheit genommen.
Kehr' ich nun in mich selbst zurck, wie man doch so gern tut bei jeder
Gelegenheit, so entdecke ich ein Gefhl, das mich unendlich freut, ja, das ich
sogar auszusprechen wage. Wer sich mit Ernst hier umsieht und Augen hat zu
sehen, mu solid werden, er mu einen Begriff von Soliditt fassen, der ihm nie
so lebendig ward.
Der Geist wird zur Tchtigkeit gestempelt, gelangt zu einem Ernst ohne
Trockenheit, zu einem gesetzten Wesen mit Freude. Mir wenigstens ist es, als
wenn ich die Dinge dieser Welt nie so richtig geschtzt htte als hier. Ich
freue mich der gesegneten Folgen auf mein ganzes Leben.
Und so lat mich aufraffen, wie es kommen will, die Ordnung wird sich geben. Ich
bin nicht hier, um nach meiner Art zu genieen; befleiigen will ich mich der
groen Gegenstnde, lernen und mich ausbilden, ehe ich vierzig Jahre alt werde.
Den 11. November.
Heut' hab' ich die Nymphe Egeria besucht, dann die Rennbahn des Caracalla, die
zerstrten Grabsttten lngs der Via Appia und das Grab der Metella, das einem
erst einen Begriff von solidem Mauerwerk gibt. Diese Menschen arbeiteten fr die
Ewigkeit, es war auf alles kalkuliert, nur auf den Unsinn der Verwster nicht,
dem alles weichen mute. Recht sehnlich habe ich dich herzugewnscht. Die Reste
der groen Wasserleitung sind hchst ehrwrdig. Der schne, groe Zweck, ein
Volk zu trnken durch eine so ungeheure Anstalt! Abends kamen wir ans Coliseo,
da es schon dmmrig war. Wenn man das ansieht, scheint wieder alles andre klein,
es ist so gro, da man das Bild nicht in der Seele behalten kann; man erinnert
sich dessen nur kleiner wieder, und kehrt man dahin zurck, kommt es einem aufs
neue grer vor.
Frascati, den 15. November.
Die Gesellschaft ist zu Bette, und ich schreibe noch aus der Tuschmuschel, aus
welcher gezeichnet worden ist. Wir haben ein paar schne, regenfreie Tage hier
gehabt, warm und freundlichen Sonnenschein, da man den Sommer nicht vermit.
Die Gegend ist sehr angenehm, der Ort liegt auf einem Hgel, vielmehr an einem
Berge, und jeder Schritt bietet dem Zeichner die herrlichsten Gegenstnde. Die
Aussicht ist unbegrenzt, man sieht Rom liegen und weiter die See, an der rechten
Seite die Gebirge von Tivoli und so fort. In dieser lustigen Gegend sind
Landhuser recht zur Lust angelegt, und wie die alten Rmer schon hier ihre
Villen hatten, so haben vor hundert Jahren und mehr reiche und bermtige Rmer
ihre Landhuser auch auf die schnsten Flecke gepflanzt. Zwei Tage gehn wir
schon hier herum, und es ist immer etwas Neues und Reizendes.
Und doch lt sich kaum sagen, ob nicht die Abende noch vergngter als der Tag
hingehen. Sobald die stattliche Wirtin die messingene dreiarmige Lampe auf den
groen runden Tisch gesetzt und Felicissima notte! gesagt hat, versammelt sich
alles im Kreise und legt die Bltter vor, welche den Tag ber gezeichnet und
skizziert worden. Darber spricht man, ob der Gegenstand htte gnstiger
aufgenommen werden sollen, ob der Charakter getroffen ist, und was solche erste
allgemeine Fordernisse sind, wovon man sich schon bei dem ersten Entwurf
Rechenschaft geben kann. Hofrat Reiffenstein wei diese Sitzungen durch seine
Einsicht und Autoritt zu ordnen und zu leiten. Diese lbliche Anstalt aber
schreibt sich eigentlich von Philipp Hackert her, welcher hchst geschmackvoll
die wirklichen Aussichten zu zeichnen und auszufhren wute. Knstler und
Liebhaber, Mnner und Frauen, Alte und Junge lie er nicht ruhen, er munterte
jeden auf, nach seinen Gaben und Krften sich gleichfalls zu versuchen, und ging
mit gutem Beispiel vor. Diese Art, eine Gesellschaft zu versammeln und zu
unterhalten, hat Hofrat Reiffenstein nach der Abreise jenes Freundes treulich
fortgesetzt, und wir finden, wie lblich es sei, den ttigen Anteil eines jeden
zu wecken. Die Natur und Eigenschaft der verschiedenen Gesellschaftsglieder
tritt auf eine anmutige Weise hervor. Tischbein z. B. sieht als Historienmaler
die Landschaft ganz anders an als der Landschaftszeichner. Er findet bedeutende
Gruppen und andere anmutige, vielsagende Gegenstnde da, wo ein anderer nichts
gewahr wrde, und so glckt es ihm auch, manchen menschlichen naiven Zug zu
erhaschen, es sei nun an Kindern, Landleuten, Bettlern und andern dergleichen
Naturmenschen, oder auch an Tieren, die er mit wenigen charakteristischen
Strichen gar glcklich darzustellen wei und dadurch der Unterhaltung immer
neuen angenehmen Stoff unterlegt.
Will das Gesprch ausgehen, so wird gleichfalls nach Hackerts Vermchtnis in
Sulzers Theorie gelesen, und wenn man gleich von einem hhern Standpunkte mit
diesem Werke nicht ganz zufrieden sein kann, so bemerkt man doch mit Vergngen
den guten Einflu auf Personen, die auf einer mittlern Stufe der Bildung stehen.

Rom, den 17. November.
Wir sind zurck! Heute nacht fiel ein entsetzlicher Regengu mit Donner und
Blitzen, nun regnet es fort und ist immer warm dabei.
Ich aber kann nur mit wenig Worten das Glck dieses Tages bezeichnen. Ich habe
die Freskogemlde von Dominichin in Andrea della Valle, angleichen die
Farnesische Galerie von Carracci gesehen. Freilich zuviel fr Monate, geschweige
fr einen Tag.
Den 18. November.
Es ist wieder schn Wetter, ein heller, freundlicher, warmer Tag.
Ich sah in der Farnesina die Geschichte der Psyche, deren farbige Nachbildungen
so lange meine Zimmer erheitern, dann zu St. Peter in Montorio die Verklrung
von Raffael. Alles alte Bekannte, wie Freunde, die man sich in der Ferne durch
Briefwechsel gemacht hat, und die man nun von Angesicht sieht. Das Mitleben ist
doch ganz was anders, jedes wahre Verhltnis und Miverhltnis spricht sich
sogleich aus.
Auch finden sich aller Orten und Enden herrliche Sachen, von denen nicht so viel
Redens ist, die nicht so oft durch Kupfer und Nachbildungen in die Welt gestreut
sind. Hievon bringe ich manches mit, gezeichnet von guten jungen Knstlern.
Den 18. November.
Da ich mit Tischbein schon so lange durch Briefe in dem besten Verhltnis
stehe, da ich ihm so manchen Wunsch, sogar ohne Hoffnung, nach Italien zu
kommen, mitgeteilt, machte unser Zusammentreffen sogleich fruchtbar und
erfreulich. Er hatte immer an mich gedacht und fr mich gesorgt. Auch was die
Steine betrifft, mit welchen die Alten und Neuen gebaut, ist er vollkommen zu
Hause, er hat sie recht grndlich studiert, wobei ihm sein Knstlerauge und die
Knstlerlust an sinnlichen Dingen sehr zustatten kommt. Eine fr mich
ausgewhlte Sammlung von Musterstcken hat er vor kurzem nach Weimar abgesendet,
die mich bei meiner Zurckkunft freundlich empfangen soll. Ein bedeutender
Nachtrag hat sich indessen gefunden. Ein Geistlicher, der sich jetzt in
Frankreich aufhlt und ber die antiken Steinarten ein Werk auszuarbeiten
dachte, erhielt durch die Gunst der Propagande ansehnliche Stcke Marmor von der
Insel Paros. Diese wurden hier zu Musterstcken verschnitten, und zwlf
verschiedene Stcke auch fr mich beiseitegelegt vom feinsten bis zum grbsten
Korn, von der grten Reinheit und dann minder und mehr mit Glimmer gemischt,
jene zur Bildhauerei, diese zur Architektur anwendbar. Wie viel eine genaue
Kenntnis des Materials, worin die Knste gearbeitet, zu ihrer Beurteilung hilft,
fllt genugsam in die Augen.
Gelegenheit gibt's genug, dergleichen hier zusammenzuschleppen. Auf den Ruinen
des Neronischen Palastes gingen wir durch frisch aufgehufelte
Artischockenlnder und konnten uns nicht enthalten, die Taschen vollzustecken
von Granit, Porphyr und Marmortfelchen, die zu Tausenden hier herumliegen und
von der alten Herrlichkeit der damit berkleideten Wnde noch als
unerschpfliche Zeugen gelten.
Zum 18. November.
Nun mu ich aber auch von einem wunderbaren problematischen Bilde sprechen, das
sich auf jene trefflichen Dinge noch immer gut sehen lt.
Schon vor mehrern Jahren hielt sich hier ein Franzos auf, als Liebhaber der
Kunst und Sammler bekannt. Er kommt zum Besitz eines antiken Gemldes auf Kalk,
niemand wei woher; er lt das Bild durch Mengs restaurieren und hat es als ein
geschtztes Werk in seiner Sammlung. Winckelmann spricht irgendwo mit
Enthusiasmus davon. Es stellt den Ganymed vor, der dem Jupiter eine Schale Wein
reicht und dagegen einen Ku empfngt. Der Franzose stirbt und hinterlt das
Bild seiner Wirtin als antik. Mengs stirbt und sagt auf seinem Todbette, es sei
nicht antik, er habe es gemalt. Und nun streitet alles gegeneinander. Der eine
behauptet, es sei von Mengs zum Scherz nur so leicht hingemacht, der andere Teil
sagt, Mengs habe nie so etwas machen knnen, ja es sei beinahe fr Raffael zu
schn. Ich habe es gestern gesehn und mu sagen, da ich auch nichts Schneres
kenne als die Figur Ganymeds, Kopf und Rcken, das andere ist viel restauriert.
Indessen ist das Bild diskreditiert, und die arme Frau will niemand von dem
Schatz erlsen.
Den 20. November 1786.
Da uns die Erfahrung genugsam belehrt, da man zu Gedichten jeder Art
Zeichnungen und Kupfer wnscht, ja der Maler selbst seine ausfhrlichsten Bilder
der Stelle irgendeines Dichters widmet, so ist Tischbeins Gedanke hchst
beifallswrdig, da Dichter und Knstler zusammenarbeiten sollten, um gleich vom
Ursprunge herauf eine Einheit zu bilden. Die Schwierigkeit wrde um vieles
freilich vermindert, wenn es kleine Gedichte wren, die sich leicht bersehen
und frdern lieen.
Tischbein hat auch hiezu sehr angenehme idyllische Gedanken, und es ist wirklich
sonderbar, da die Gegenstnde, die er auf diese Weise bearbeitet wnscht, von
der Art sind, da weder dichtende noch bildende Kunst, jede fr sich, zur
Darstellung hinreichend wren. Er hat mir davon auf unsern Spaziergngen
erzhlt, um mir Lust zu machen, da ich mich darauf einlassen mge. Das
Titelkupfer zu unserm gemeinsamen Werke ist schon entworfen; frchtete ich mich
nicht, in etwas Neues einzugehen, so knnte ich mich wohl verfhren lassen.
Rom, den 22. November 1786, am Ccilienfeste.
Das Andenken dieses glcklichen Tages mu ich durch einige Zeilen lebhaft
erhalten und, was ich genossen, wenigstens historisch mitteilen. Es war das
schnste, ruhigste Wetter, ein ganz heiterer Himmel und warme Sonne. Ich ging
mit Tischbein nach dem Petersplatze, wo wir erst auf und ab gehend und, wenn es
uns zu warm wurde, im Schatten des groen Obelisks, der eben fr zwei breit
genug geworfen wird, spazierten und Trauben verzehrten, die wir in der Nhe
gekauft hatten. Dann gingen wir in die Sixtinische Kapelle, die wir auch hell
und heiter, die Gemlde wohlerleuchtet fanden. Das Jngste Gericht und die
mannigfaltigen Gemlde der Decke, von Michelangelo, teilten unsere Bewunderung.
Ich konnte nur sehen und anstaunen. Die innere Sicherheit und Mnnlichkeit des
Meisters, seine Groheit geht ber allen Ausdruck. Nachdem wir alles wieder und
wieder gesehen, verlieen wir dieses Heiligtum und gingen nach der Peterskirche,
die von dem heitern Himmel das schnste Licht empfing und in allen Teilen hell
und klar erschien. Wir ergtzten uns als genieende Menschen an der Gre und
der Pracht, ohne durch allzu eklen und zu verstndigen Geschmack uns diesmal
irremachen zu lassen, und unterdrckten jedes schrfere Urteil. Wir erfreuten
uns des Erfreulichen.
Der Petersplatz in Rom. Radierung von Piranesi
Endlich bestiegen wir das Dach der Kirche, wo man das Bild einer wohlgebauten
Stadt im kleinen findet. Huser und Magazine, Brunnen, (dem Ansehn nach) Kirchen
und einen groen Tempel, alles in der Luft, und schne Spaziergnge dazwischen.
Wir bestiegen die Kuppel und besahen die hell-heitere Gegend der Apenninen, den
Berg Soracte, nach Tivoli die vulkanischen Hgel, Frascati, Castel Gandolfo und
die Plaine und weiter das Meer. Nahe vor uns die ganze Stadt Rom in ihrer Breite
und Weite, mit ihren Bergpalsten, Kuppeln etc. Es rhrte sich keine Luft, und
in dem kupfernen Knopf war es hei wie in einem Treibhause. Nachdem wir das
alles beherzigt hatten, stiegen wir herab und lieen uns die Tren zu den
Gesimsen der Kuppel, des Tambours und des Schiffs aufschlieen; man kann um
selbe herumgehen und diese Teile und die Kirche von oben betrachten. Als wir auf
dem Gesimse des Tambours standen, ging der Papst unten in der Tiefe vorbei,
seine Nachmittagsandacht zu halten. Es fehlte uns also nichts zur Peterskirche.
Wir stiegen vllig wieder herab, nahmen in einem benachbarten Gasthofe ein
frhliches, frugales Mahl und setzten unsern Weg nach der Ccilienkirche fort.
Viele Worte wrde ich brauchen, um die Auszierung der ganz mit Menschen
angefllten Kirche zu beschreiben. Man sah eben keinen Stein der Architektur
mehr. Die Sulen waren mit rotem Samt berzogen und mit goldenen Tressen
umwunden, die Kapitle mit gesticktem Samt in ungefhrer Kapitlform, so alle
Gesimse und Pfeiler behangen und bedeckt. Alle Zwischenrume der Mauern mit
lebhaft gemalten Stcken bekleidet, da die ganze Kirche mit Mosaik ausgelegt
schien, und ber zweihundert Wachskerzen brannten um und neben dem Hochaltar, so
da die ganze eine Wand mit Lichtern besetzt und das Schiff der Kirche
vollkommen erleuchtet war. Die Seitengnge und Seitenaltre ebenso geziert und
erhellt. Gegen dem Hochaltar ber, unter der Orgel, zwei Gerste, auch mit Samt
berzogen, auf deren einem die Snger, auf dem andern die Instrumente standen,
die anhaltend Musik machten. Die Kirche war voll gedrngt.
Eine schne Art musikalischer Auffhrung hrt' ich hier. Wie man Violin- oder
andere Konzerte hat, so fhren sie Konzerte mit Stimmen auf, da die eine
Stimme, der Sopran z. B., herrschend ist und solo singt, das Chor von Zeit zu
Zeit einfllt und ihn begleitet, es versteht sich, immer mit dem ganzen
Orchester. Es tut gute Wirkung. - Ich mu endigen, wie wir den Tag enden muten.
Den Abend gelangten wir noch ans Opernhaus, wo eben die Litiganti aufgefhrt
wurden, und hatten des Guten so viel genossen, da wir vorbergingen.
Den 23. November.
Damit es mir denn aber doch mit meinem beliebten Inkognito nicht wie dem Vogel
Strau ergehe, der sich fr versteckt hlt, wenn er den Kopf verbirgt, so gebe
ich auf gewisse Weise nach, meine alte These immerfort behauptend. Den Frsten
von Liechtenstein, den Bruder der mir so werten Grfin Harrach, habe ich gern
begrt und einigemal bei ihm gespeist, und konnte bald merken, da diese meine
Nachgiebigkeit mich weiter fhren wrde, und so kam es auch. Man hatte mir von
dem Abbate Monti prludiert, von seinem Aristodem, einer Tragdie, die
nchstens gegeben werden sollte. Der Verfasser, sagte man, wnsche sie mir
vorzulegen und meine Meinung darber zu hren. Ich lie die Sache fallen, ohne
sie abzulehnen, endlich fand ich einmal den Dichter und einen seiner Freunde
beim Frsten, und das Stck ward vorgelesen.
Der Held ist, wie bekannt, ein Knig von Sparta, der sich wegen allerlei
Gewissensskrupel selbst entleibt, und man gab mir auf eine artige Weise zu
verstehen, der Verfasser des Werthers wrde wohl nicht bel finden, wenn er in
diesem Stcke einige Stellen seines trefflichen Buches benutzt finde. Und so
konnte ich selbst in den Mauern von Sparta den erzrnten Manen des unglcklichen
Jnglings nicht entgehen.
Das Stck hat einen sehr einfachen, ruhigen Gang, die Gesinnungen wie die
Sprache sind, dem Gegenstande gem, krftig und doch weichmtig. Die Arbeit
zeugt von einem sehr schnen Talente.
Ich verfehlte nicht, nach meiner Weise, freilich nicht nach der italienischen,
alles Gute und Lobenswrdige des Stcks herauszuheben, womit man zwar leidlich
zufrieden war, aber doch mit sdlicher Ungeduld etwas mehr verlangte. Besonders
sollte ich weissagen, was von dem Effekt des Stcks auf das Publikum zu hoffen
sei. Ich entschuldigte mich mit meiner Unkunde des Landes, der Vorstellungsart
und des Geschmacks, war aber aufrichtig genug, hinzuzusetzen, da ich nicht
recht einsehe, wie die verwhnten Rmer, die ein komplettes Lustspiel von drei
Akten und eine komplette Oper von zwei Akten als Zwischenspiel oder eine groe
Oper mit ganz fremdartigen Balletts als Intermezz zu sehen gewohnt seien, sich
an dem edlen, ruhigen Gang einer ununterbrochen fortgehenden Tragdie ergtzen
knnten. Alsdann schien mir auch der Gegenstand des Selbstmordes ganz auer dem
Kreise italienischer Begriffe zu liegen. Da man andere totschlage, davon htte
ich fast Tag fr Tag zu hren, da man sich aber selbst das liebe Leben raube,
oder es nur fr mglich hielte, davon sei mir noch nichts vorgekommen.
Hierauf lie ich mich gern umstndlich unterrichten, was gegen meinen Unglauben
einzuwenden sein mchte, und ergab mich sehr gern in die plausibeln Argumente,
versicherte auch, da ich nichts mehr wnsche, als das Stck auffhren zu sehen
und demselben mit einem Chor von Freunden den aufrichtigsten, lautesten Beifall
zu zollen. Diese Erklrung wurde freundlichst aufgenommen, und ich hatte alle
Ursache, diesmal mit meiner Nachgiebigkeit zufrieden zu sein - wie denn Frst
Liechtenstein die Geflligkeit selbst ist und mir Gelegenheit geschafft hat, mit
ihm gar manche Kunstschtze zu sehen, wozu besondere Erlaubnis der Besitzer und
also eine hhere Einwirkung ntig ist.
Dagegen aber reichte mein guter Humor nicht hin, als die Tochter des
Prtendenten das fremde Murmeltier gleichfalls zu sehen verlangte. Das habe ich
abgelehnt und bin ganz entschieden wieder untergetaucht.
Und doch ist das auch nicht die ganz rechte Art, und ich fhle hier sehr
lebhaft, was ich schon frher im Leben bemerken konnte, da der Mensch, der das
Gute will, sich ebenso ttig und rhrig gegen andere verhalten msse als der
Eigenntzige, der Kleine, der Bse. Einsehen lt sich's gut; es ist aber schwer
in diesem Sinne handeln.

Den 24. November.
Von der Nation wte ich nichts weiter zu sagen, als da es Naturmenschen sind,
die unter Pracht und Wrde der Religion und der Knste nicht ein Haar anders
sind, als sie in Hhlen und Wldern auch sein wrden. Was allen Fremden
auffllt, und was heute wieder die ganze Stadt reden, aber auch nur reden macht,
sind die Totschlge, die gewhnlich vorkommen. Viere sind schon in unserm Bezirk
in diesen drei Wochen ermordet worden. Heute ward ein braver Knstler
Schwendimann, ein Schweizer, Medailleur, der letzte Schler von Hedlinger,
berfallen, vllig wie Winckelmann. Der Mrder, mit dem er sich herumbalgte, gab
ihm an die zwanzig Stiche, und da die Wache hinzukam, erstach sich der Bsewicht
selbst. Das ist sonst hier nicht Mode. Der Mrder erreicht eine Kirche, und so
ist's gut.
Und so sollte ich denn, um auch Schatten in meine Gemlde zu bringen, von
Verbrechen und Unheil, Erdbeben und Wasserflut einiges melden, doch setzt das
gegenwrtige Ausbrechen des Feuers des Vesuvs die meisten Fremden hier in
Bewegung, und man mu sich Gewalt antun, um nicht mit fortgerissen zu werden.
Diese Naturerscheinung hat wirklich etwas Klapperschlangenartiges und zieht die
Menschen unwiderstehlich an. Es ist in dem Augenblick, als wenn alle
Kunstschtze Roms zunichte wrden; die smtlichen Fremden durchbrechen den Lauf
ihrer Betrachtungen und eilen nach Neapel. Ich aber will ausharren in Hoffnung,
da der Berg noch etwas fr mich aufheben wird.
Den 1. Dezember.
Moritz ist hier, der uns durch Anton Reiser und die Wanderungen nach England
merkwrdig geworden. Es ist ein reiner, trefflicher Mann, an dem wir viel Freude
haben.
Den 1. Dezember.
Hier in Rom, wo man so viel Fremde sieht, die nicht alle der hheren Kunst wegen
diese Hauptstadt der Welt besuchen, sondern auch wohl auf andere Art unterhalten
sein wollen, ist man auf allerlei vorbereitet. Es gibt so gewisse Halbknste,
welche Handgeschicklichkeit und Handwerkslust verlangen, worin man es hier sehr
weit gebracht hat und die Fremden gern mit ins Interesse zieht.
Dahin gehrt die Wachsmalerei, die einen jeden, der sich einigermaen mit
Wasserfarben abgegeben hat, durch ihre Vorarbeiten und Vorbereitungen, sodann
zuletzt durch das Einbrennen, und was sonst noch dazu gehrt, mechanisch
beschftigen und einen oft geringen Kunstwert durch die Neuheit des Unternehmens
erhhen kann. Es gibt geschickte Knstler, die hierin Unterricht geben und unter
dem Vorwand der Anleitung oft das Beste bei der Sache tun, so da zuletzt, wenn
das von Wachs erhhte und glnzende Bild in goldenem Rahmen erscheint, die
schne Schlerin ganz berrascht von ihrem unbewuten Talent dasteht.
Eine andere artige Beschftigung ist, hohlgeschnittene Steine in einen feinen
Ton abzudrucken, welches auch wohl mit Medaillen geschieht, wo beide Seiten
zugleich nachgebildet werden.
Mehr Geschick, Aufmerksamkeit und Flei erfordert denn endlich das Verfertigen
der Glaspasten selbst. Zu allen diesen Dingen hat Hofrat Reiffenstein in seinem
Hause oder wenigstens in seinen nchsten Umgebungen die ntigen Gertschaften
und Anstalten.
Den 2. Dezember.
Zufllig habe ich hier Archenholzens Italien gefunden. Wie so ein Geschreibe
am Ort selbst zusammenschrumpft, eben als wenn man das Bchlein auf Kohlen
legte, da es nach und nach braun und schwarz wrde, die Bltter sich krmmten
und in Rauch aufgingen. Freilich hat er die Sachen gesehen; aber um eine
grotuige, verachtende Manier gelten zu machen, besitzt er viel zu wenig
Kenntnisse und stolpert lobend und tadelnd.
Rom, den 2. Dezember 1786.
Das schne, warme, ruhige Wetter, das nur manchmal von einigen Regentagen
unterbrochen wird, ist mir zu Ende Novembers ganz was Neues. Wir gebrauchen die
gute Zeit in freier Luft, die bse im Zimmer, berall findet sich etwas zum
Freuen, Lernen und Tun.
Am 28. November kehrten wir zur Sixtinischen Kapelle zurck, lieen die Galerie
aufschlieen, wo man den Plafond nher sehen kann; man drngt sich zwar, da sie
sehr eng ist, mit einiger Beschwerlichkeit und mit anscheinender Gefahr an den
eisernen Stbenweg, deswegen auch die Schwindligen zurckbleiben: alles wird
aber durch den Anblick des grten Meisterstcks ersetzt. Und ich bin in dem
Augenblicke so fr Michelangelo eingenommen, da mir nicht einmal die Natur auf
ihn schmeckt, da ich sie doch nicht mit so groen Augen wie er sehen kann. Wre
nur ein Mittel, sich solche Bilder in der Seele recht zu fixieren! Wenigstens
was ich von Kupfern und Zeichnungen nach ihm erobern kann, bring' ich mit.
Sixtinische Kapelle, Teil des Deckengemdes von Michelangelo
Wir gingen von da auf die Logen Raffaels, und kaum darf ich sagen, da man diese
nicht ansehen durfte. Das Auge war von jenen groen Formen und der herrlichen
Vollendung aller Teile so ausgeweitet und verwhnt, da man die geistreichen
Spielereien der Arabesken nicht ansehen mochte, und die biblischen Geschichten,
so schn sie sind, hielten auf jene nicht Stich. Diese Werke nun fter
gegeneinander zu sehen, mit mehr Mue und ohne Vorurteil zu vergleichen, mu
eine groe Freude gewhren; denn anfangs ist doch alle Teilnahme nur einseitig.
Von da schlichen wir, fast bei zu warmem Sonnenschein, auf die Villa Pamfili, wo
sehr schne Gartenpartien sind, und blieben bis an den Abend. Eine groe, mit
immergrnen Eichen und hohen Pinien eingefate flache Wiese war ganz mit
Malieben berset, die ihre Kpfchen alle nach der Sonne wendeten; nun gingen
meine botanischen Spekulationen an, denen ich den andern Tag auf einem
Spaziergange nach dem Monte Mario, der Villa Melini und Villa Madama weiter
nachhing. Es ist gar interessant, zu bemerken, wie eine lebhaft fortgesetzte und
durch starke Klte nicht unterbrochene Vegetation wirkt; hier gibt's keine
Knospen, und man lernt erst begreifen, was eine Knospe sei. Der Erdbeerbaum
(arbutus unedo) blht jetzt wieder, indem seine letzten Frchte reif werden, und
so zeigt sich der Orangenbaum mit Blten, halb und ganz reifen Frchten (doch
werden letztere Bume, wenn sie nicht zwischen Gebuden stehen, nun bedeckt).
ber die Zypresse, den respektabelsten Baum, wenn er recht alt und wohl
gewachsen ist, gibt's genug zu denken. Ehstens werd' ich den botanischen Garten
besuchen und hoffe, da manches zu erfahren. berhaupt ist mit dem neuen Leben,
das einem nachdenkenden Menschen die Betrachtung eines neuen Landes gewhrt,
nichts zu vergleichen. Ob ich gleich noch immer derselbe bin, so mein' ich, bis
aufs innerste Knochenmark verndert zu sein.
Fr diesmal schlie' ich und werde das nchste Blatt einmal ganz von Unheil,
Mord, Erdbeben und Unglck anfllen, da doch auch Schatten in meine Gemlde
komme.
Den 3. Dezember.
Die Witterung hat bisher meist von sechs zu sechs Tagen abgewechselt. Zwei ganz
herrliche, ein trber, zwei bis drei Regentage und dann wieder schne. Ich suche
jeden nach seiner Art aufs beste zu nutzen.
Doch immer sind mir noch diese herrlichen Gegenstnde wie neue Bekanntschaften.
Man hat nicht mit ihnen gelebt, ihnen ihre Eigentmlichkeiten nicht abgewonnen.
Einige reien uns mit Gewalt an sich, da man eine Zeitlang gleichgltig, ja
ungerecht gegen andere wird. So hat z. B. das Pantheon, der Apoll von Belvedere,
einige kolossale Kpfe und neuerlich die Sixtinische Kapelle so mein Gemt
eingenommen, da ich daneben fast nichts mehr sehe. Wie will man sich aber klein
wie man ist und ans Kleine gewohnt, diesem Edlen, Ungeheuren, Gebildeten
gleichstellen? Und wenn man es einigermaen zurechtrcken mchte, so drngt sich
abermals eine ungeheure Menge von allen Seiten zu, begegnet dir auf jedem
Schritt, und jedes fordert fr sich den Tribut der Aufmerksamkeit. Wie will man
sich da herausziehen? Anders nicht, als da man es geduldig wirken und wachsen
lt und fleiig auf das merkt, was andere zu unsern Gunsten gearbeitet haben.
Winckelmanns Kunstgeschichte, bersetzt von Fea, die neue Ausgabe, ist ein sehr
brauchbares Werk, das ich gleich angeschafft habe und hier am Orte in guter,
auslegender und belehrender Gesellschaft sehr ntzlich finde.
Auch die rmischen Altertmer fangen mich an zu freuen. Geschichte, Inschriften,
Mnzen, von denen ich sonst nichts wissen mochte, alles drngt sich heran. Wie
mir's in der Naturgeschichte erging, geht es auch hier, denn an diesen Ort
knpft sich die ganze Geschichte der Welt an, und ich zhle einen zweiten
Geburtstag, eine wahre Wiedergeburt, von dem Tage, da ich Rom betrat.
Den 5. Dezember.
In den wenigen Wochen, da ich hier bin, habe ich schon manchen Fremden kommen
und gehen sehen und mich ber die Leichtigkeit verwundert, mit welcher so viele
diese wrdigen Gegenstnde behandeln. Gott sei Dank, da mir von diesen
Zugvgeln knftig keiner mehr imponiert, wenn er mir im Norden von Rom spricht,
keiner mir die Eingeweide mehr erregt; denn ich hab's doch auch gesehn und wei
schon einigermaen, woran ich bin.
Den 8. Dezember.
Wir haben mitunter die schnsten Tage. Der Regen, der von Zeit zu Zeit fllt,
macht Gras und Gartenkruter grn. Die immergrnen Bume stehen auch hier hin
und wieder, so da man das abgefallene Laub der brigen kaum vermit. In den
Grten stehen Pomeranzenbume voller Frchte, aus der Erde wachsend und
unbedeckt.
Von einer sehr angenehmen Spazierfahrt, die wir ans Meer machten, und von dem
Fischfang daselbst dachte ich umstndlich zu erzhlen, als abends der gute
Moritz hereinreitend den Arm brach, indem sein Pferd auf dem glatten rmischen
Pflaster ausglitschte. Das zerstrte die ganze Freude und brachte in unsern
kleinen Zirkel ein bses Hauskreuz.
Rom, den 13. Dezember.
Wie herzlich freut es mich, da ihr mein Verschwinden so ganz, wie ich wnschte,
genommen habt. Vershnt mir nun auch jedes Gemt, das daran drfte Ansto
genommen haben. Ich habe niemand krnken wollen und kann nun auch nichts sagen,
um mich zu rechtfertigen. Gott behte mich, da ich jemals mit den Prmissen zu
diesem Entschlusse einen Freund betrbe.
Ich erhole mich nun hier nach und nach von meinem salto mortale und studiere
mehr, als da ich geniee. Rom ist eine Welt, und man braucht Jahre, um sich nur
erst drinnen gewahr zu werden. Wie glcklich find' ich die Reisenden, die sehen
und gehn.
Heute frh fielen mir Winckelmanns Briefe, die er aus Italien schrieb, in die
Hand. Mit welcher Rhrung hab' ich sie zu lesen angefangen! Vor einunddreiig
Jahren, in derselben Jahreszeit kam er, ein noch rmerer Narr als ich, hier her,
ihm war es auch so deutsch Ernst um das Grndliche und Sichere der Altertmer
und der Kunst. Wie brav und gut arbeitete er sich durch! Und was ist mir nun
aber auch das Andenken dieses Mannes auf diesem Platze!
Auer den Gegenstnden der Natur, die in allen ihren Teilen wahr und konsequent
ist, spricht doch nichts so laut als die Spur eines guten, verstndigen Mannes,
als die echte Kunst, die ebenso folgerecht ist als jene. Hier in Rom kann man
das recht fhlen, wo so manche Willkrlichkeit gewtet hat, wo so mancher Unsinn
durch Macht und Geld verewigt worden.
Eine Stelle in Winckelmanns Brief an Franken freute mich besonders: Man mu
alle Sachen in Rom mit einem gewissen Phlegma suchen, sonst wird man fr einen
Franzosen gehalten. In Rom, glaub' ich, ist die hohe Schule fr alle Welt, und
auch ich bin gelutert und geprft.
Das Gesagte pat recht auf meine Art, den Sachen hier nachzugehn, und gewi, man
hat auer Rom keinen Begriff, wie man hier geschult wird. Man mu sozusagen
wiedergeboren werden, und man sieht auf seine vorigen Begriffe wie auf
Kinderschuhe zurck. Der gemeinste Mensch wird hier zu etwas, wenigstens gewinnt
er einen ungemeinen Begriff, wenn es auch nicht in sein Wesen bergehen kann.
Dieser Brief kommt euch zum neuen Jahre, alles Glck zum Anfange, vor Ende sehn
wir uns wieder, und das wird keine geringe Freude sein. Das vergangene war das
wichtigste meines Lebens; ich mag nun sterben oder noch eine Weile dauern, in
beiden Fllen war es gut. Jetzt noch ein Wort an die Kleinen.
Den Kindern mgt ihr folgendes lesen oder erzhlen: Man merkt den Winter nicht,
die Grten sind mit immergrnen Bumen bepflanzt, die Sonne scheint hell und
warm, Schnee sieht man nur auf den entferntesten Bergen gegen Norden. Die
Zitronenbume, die in den Grten an den Wnden gepflanzt sind, werden nun nach
und nach mit Decken von Rohr berdeckt, die Pomeranzenbume aber bleiben frei
stehen. Es hngen viele Hunderte der schnsten Frchte an so einem Baum, der
nicht wie bei uns beschnitten und in einen Kbel gepflanzt ist, sondern in der
Erde frei und froh in einer Reihe mit seinen Brdern steht. Man kann sich nichts
Lustigeres denken als einen solchen Anblick. Fr ein geringes Trinkgeld it man
deren so viel man will. Sie sind schon jetzt recht gut, im Mrz werden sie noch
besser sein.
Neulich waren wir am Meere und lieen einen Fischzug tun; da kamen die
wunderlichsten Gestalten zum Vorschein an Fischen, Krebsen und seltsamen
Unformen; auch der Fisch, der dem Berhrenden einen elektrischen Schlag gibt.

Den 20. Dezember.
Und doch ist das alles mehr Mhe und Sorge als Genu. Die Wiedergeburt, die mich
von innen heraus umarbeitet, wirkt immer fort. Ich dachte wohl, hier was Rechts
zu lernen; da ich aber so weit in die Schule zurckgehen, da ich so viel
verlernen, ja durchaus umlernen mte, dachte ich nicht. Nun bin ich aber einmal
berzeugt und habe mich ganz hingegeben, und je mehr ich mich selbst verleugnen
mu, desto mehr freut es mich. Ich bin wie ein Baumeister, der einen Turm
auffhren wollte und ein schlechtes Fundament gelegt hatte; er wird es noch
beizeiten gewahr und bricht gern wieder ab, was er schon aus der Erde gebracht
hat, seinen Grundri sucht er zu erweitern, zu veredeln, sich seines Grundes
mehr zu versichern, und freut sich schon im voraus der gewissern Festigkeit des
knftigen Baues. Gebe der Himmel, da bei meiner Rckkehr auch die moralischen
Folgen an mir zu fhlen sein mchten, die mir das Leben in einer weitern Welt
gebracht hat. Ja, es ist zugleich mit dem Kunstsinn der sittliche, welcher groe
Erneuerung leidet.
Doktor Mnter ist hier, von seiner Reise nach Sizilien zurckkehrend, ein
energischer, heftiger Mann, seine Zwecke kenne ich nicht. Er wird im Mai zu euch
kommen und mancherlei zu erzhlen wissen. Er reiste zwei Jahr in Italien. Mit
den Italienern ist er unzufrieden, welche die bedeutenden Empfehlungsschreiben,
die er mitgebracht, und die ihm manches Archiv, manche geheime Bibliothek
erffnen sollten, nicht genugsam respektiert, so da er nicht vllig zu seinen
Wnschen gelangt.
Schne Mnzen hat er gesammelt und besitzt, wie er mir sagte, ein Manuskript,
welches die Mnzwissenschaft auf scharfe Kennzeichen, wie die Linnschen sind,
zurckfhrt. Herder erkundigt sich wohl mehr darum, vielleicht wird eine
Abschrift erlaubt. So etwas zu machen, ist mglich, gut, wenn es gemacht ist,
und wir mssen doch auch, frh oder spat, in dieses Fach ernstlicher hinein.

Goethe am Fenster seiner Wohnung in Rom. Tuschezeichnung von Tischbein

Den 25. Dezember.
Ich fange nun schon an, die besten Sachen zum zweitenmal zu sehen, wo denn das
erste Staunen sich in ein Mitleben und reineres Gefhl des Wertes der Sache
auflst. Um den hchsten Begriff dessen, was die Menschen geleistet haben, in
sich aufzunehmen, mu die Seele erst zur vollkommenen Freiheit gelangen.
Der Marmor ist ein seltsames Material, deswegen ist Apoll von Belvedere im
Urbilde so grenzenlos erfreulich, denn der hchste Hauch des lebendigen,
jnglingsfreien, ewig jungen Wesens verschwindet gleich im besten Gipsabgu.
Gegen uns ber im Palast Rondanini steht eine Medusenmaske, wo in einer hohen
und schnen Gesichtsform ber Lebensgre das ngstliche Starren des Todes
unsglich trefflich ausgedrckt ist. Ich besitze schon einen guten Abgu, aber
der Zauber des Marmors ist nicht briggeblieben. Das edle Halbdurchsichtige des
gelblichen, der Fleischfarbe sich nhernden Steins ist verschwunden. Der Gips
sieht immer dagegen kreidenhaft und tot.
Und doch, was fr eine Freude bringt es, zu einem Gipsgieer hineinzutreten, wo
man die herrlichen Glieder der Statuen einzeln aus der Form hervorgehen sieht
und dadurch ganz neue Ansichten der Gestalten gewinnt. Alsdann erblickt man
nebeneinander, was sich in Rom zerstreut befindet, welches zur Vergleichung
unschtzbar dienlich ist. Ich habe mich nicht enthalten knnen, den kolossalen
Kopf eines Jupiters anzuschaffen. Er steht meinem Bette gegenber, wohl
beleuchtet, damit ich sogleich meine Morgenandacht an ihn richten kann, und der
uns bei aller seiner Groheit und Wrde das lustigste Geschichtchen veranlat
hat.
Unserer alten Wirtin schleicht gewhnlich, wenn sie das Bett zu machen
hereinkommt, ihre vertraute Katze nach. Ich sa im groen Saale und hrte die
Frau drinne ihr Geschft treiben. Auf einmal, sehr eilig und heftig gegen ihre
Gewohnheit, ffnet sie die Tre und ruft mich, eilig zu kommen und ein Wunder zu
sehen. Auf meine Frage, was es sei, erwiderte sie, die Katze bete Gott-Vater an.
Sie habe diesem Tiere wohl lngst angemerkt, da es Verstand habe wie ein
Christ, dieses aber sei doch ein groes Wunder. Ich eilte, mit eigenen Augen zu
sehen, und es war wirklich wunderbar genug. Die Bste steht auf einem hohen
Fue, und der Krper ist weit unter der Brust abgeschnitten, so da also der
Kopf in die Hhe ragt. Nun war die Katze auf den Tisch gesprungen, hatte ihre
Pfoten dem Gott auf die Brust gelegt, und reichte mit ihrer Schnauze, indem sie
die Glieder mglichst ausdehnte, gerade bis an den heiligen Bart, den sie mit
der grten Zierlichkeit beleckte und sich weder durch die Interjektion der
Wirtin noch durch meine Dazwischenkunft im mindesten stren lie. Der guten Frau
lie ich ihre Verwundrung, erklrte mir aber diese seltsame Katzenandacht
dadurch, da dieses scharf riechende Tier wohl das Fett mchte gesprt haben,
das sich aus der Form in die Vertiefungen des Bartes gesenkt und dort verhalten
hatte.
Den 29. Dezember 1786.
Von Tischbein mu ich noch vieles erzhlen und rhmen, wie ganz original deutsch
er sich aus sich selbst herausbildete, sodann aber dankbar melden, da er die
Zeit seines zweiten Aufenthalts in Rom ber fr mich gar freundschaftlich
gesorgt hat, indem er mir eine Reihe Kopien nach den besten Meistern fertigen
lie, einige in schwarzer Kreide, andere in Sepia und Aquarell, die erst in
Deutschland, wo man von den Originalen entfernt ist, an Wert gewinnen und mich
an das Beste erinnern werden.
Auf seiner Knstlerlaufbahn, da er sich erst zum Portrt bestimmte, kam
Tischbein mit bedeutenden Mnnern, besonders auch zu Zrich, in Berhrung und
hat an ihnen sein Gefhl gestrkt und seine Einsicht erweitert.
Den zweiten Teil der Zerstreuten Bltter brachte ich mit hieher und war
doppelt willkommen. Wie gut dies Bchlein auch bei wiederholtem Lesen wirkt,
sollte wohl Herder zu seiner Belohnung recht umstndlich erfahren. Tischbein
wollte gar nicht begreifen, wie man so etwas habe schreiben knnen, ohne in
Italien gewesen zu sein.
Den 29. Dezember.
In diesem Knstlerwesen lebt man wie in einem Spiegelzimmer, wo man auch wider
Willen sich selbst und andere oft wiederholt sieht. Ich bemerkte wohl, da
Tischbein mich fters aufmerksam betrachtete, und nun zeigt sich's, da er mein
Portrt zu malen gedenkt. Sein Entwurf ist fertig, er hat die Leinwand schon
aufgespannt. Ich soll in Lebensgre als Reisender, in einen weien Mantel
gehllt, in freier Luft auf einem umgestrzten Obelisken sitzend, vorgestellt
werden, die tief im Hintergrunde liegenden Ruinen der Campagna di Roma
berschauend. Es gibt ein schnes Bild, nur zu gro fr unsere nordischen
Wohnungen. Ich werde wohl wieder dort unterkriechen, das Portrt aber wird
keinen Platz finden.
Den 29. Dezember.
Wieviel Versuche man brigens macht, mich aus meiner Dunkelheit herauszuziehen,
wie die Poeten mir schon ihre Sachen vorlesen oder vorlesen lassen, wie es nur
von mir abhinge, eine Rolle zu spielen, irrt mich nicht und ist mir unterhaltend
genug, da ich schon abgepat habe, wo es in Rom hinaus will. Denn die vielen
kleinen Zirkel zu den Fen der Herrscherin der Welt deuten hie und da auf etwas
Kleinstdtisches.
Ja, es ist hier wie allenthalben, und was mit mir und durch mich geschehen
knnte, macht mir schon Langeweile, ehe es geschieht. Man mu sich zu einer
Partei schlagen, ihre Leidenschaften und Kabalen verfechten helfen, Knstler und
Dilettanten loben, Mitwerber verkleinern, sich von Groen und Reichen alles
gefallen lassen. Diese smtliche Litanei, um derentwillen man aus der Welt
laufen mchte, sollte ich hier mitbeten und ganz ohne Zweck?
Nein, ich gehe nicht tiefer, als nur um das auch zu kennen und dann auch von
dieser Seite zu Hause zufrieden zu sein und mir und andern alle Lust in die
liebe weite Welt zu benehmen. Ich will Rom sehen, das bestehende, nicht das mit
jedem Jahrzehnt vorbergehende. Htte ich Zeit, ich wollte sie besser anwenden.
Besonders liest sich Geschichte von hier aus ganz anders als an jedem Orte der
Welt. Anderwrts liest man von auen hinein, hier glaubt man, von innen hinaus
zu lesen, es lagert sich alles um uns her und geht wieder aus von uns. Und das
gilt nicht allein von der rmischen Geschichte, sondern von der ganzen
Weltgeschichte. Kann ich doch von hier aus die Eroberer bis an die Weser und bis
an den Euphrat begleiten oder, wenn ich ein Maulaffe sein will, die
zurckkehrenden Triumphatoren in der heiligen Strae erwarten, indessen habe ich
mich von Korn- und Geldspenden genhrt und nehme behaglich teil an aller dieser
Herrlichkeit.
Den 2. Januar 1787.
Man mag zugunsten einer schriftlichen und mndlichen berlieferung sagen, was
man will, in den wenigsten Fllen ist sie hinreichend, denn den eigentlichen
Charakter irgendeines Wesens kann sie doch nicht mitteilen, selbst nicht in
geistigen Dingen. Hat man aber erst einen sichern Blick getan, dann mag man
gerne lesen und hren, denn das schliet sich an an den lebendigen Eindruck; nun
kann man denken und beurteilen.
Ihr habt mich oft ausgespottet und zurckziehen wollen, wenn ich Steine, Kruter
und Tiere mit besonderer Neigung aus gewissen entschiedenen Gesichtspunkten
betrachtete: nun richte ich meine Aufmerksamkeit auf den Baumeister, Bildhauer
und Maler und werde mich auch hier finden lernen.
Den 6. Januar.
Eben komme ich von Moritz, dessen geheilter Arm heute aufgebunden worden. Es
steht und geht recht gut. Was ich diese vierzig Tage bei diesem Leidenden als
Wrter, Beichtvater und Vertrauter, als Finanzminister und geheimer Sekretr
erfahren und gelernt, mag uns in der Folge zugute kommen. Die fatalsten Leiden
und die edelsten Gensse gingen diese Zeit her immer einander zur Seite.
Zu meiner Erquickung habe ich gestern einen Ausgu des kolossalen Junokopfes,
wovon das Original in der Villa Ludovisi steht, in den Saal gestellt. Es war
dieses meine erste Liebschaft in Rom, und nun besitz' ich sie. Keine Worte geben
eine Ahnung davon. Es ist wie ein Gesang Homers.
Ich habe aber auch fr die Zukunft die Nhe einer so guten Gesellschaft wohl
verdient, denn ich kann nun vermelden, da Iphigenia endlich fertig geworden
ist, d. h. da sie in zwei ziemlich gleichlautenden Exemplaren vor mir auf dem
Tische liegt, wovon das eine nchstens zu euch wandern soll. Nehmt es freundlich
auf, denn freilich steht nicht auf dem Papiere, was ich gesollt, wohl aber kann
man erraten, was ich gewollt habe.
Ihr beklagtet euch schon einigemal ber dunkle Stellen meiner Briefe, die auf
einen Druck hindeuten, den ich unter den herrlichsten Erscheinungen erleide.
Hieran hatte diese griechische Reisegefhrtin nicht geringen Anteil, die mich
zur Ttigkeit ntigte, wenn ich htte schauen sollen.
Ich erinnerte mich jenes trefflichen Freundes, der sich auf eine groe Reise
eingerichtet hatte, die man wohl eine Entdeckungsreise htte nennen knnen.
Nachdem er einige Jahre darauf studiert und konomisiert, fiel es ihm zuletzt
noch ein, die Tochter eines angesehenen Hauses zu entfhren, weil er dachte, es
ging' in einem hin.
Ebenso frevelhaft entschlo ich mich, Iphigenien nach Karlsbad mitzunehmen. An
welchem Orte ich mich besonders mit ihr unterhalten, will ich krzlich
aufzeichnen.
Als ich den Brenner verlie, nahm ich sie aus dem grten Paket und steckte sie
zu mir. Am Gardasee, als der gewaltige Mittagswind die Wellen ans Ufer trieb, wo
ich wenigstens so allein war als meine Heldin am Gestade von Tauris, zog ich die
ersten Linien der neuen Bearbeitung, die ich in Verona, Vicenz, Padua, am
fleiigsten aber in Venedig fortsetzte. Sodann aber geriet die Arbeit in
Stocken, ja, ich ward auf eine neue Erfindung gefhrt, nmlich Iphigenia auf
Delphi zu schreiben, welches ich auch sogleich getan htte, wenn nicht die
Zerstreuung und ein Pflichtsgefhl gegen das ltere Stck mich abgehalten htte.
In Rom aber ging die Arbeit in geziemender Stetigkeit fort. Abends beim
Schlafengehen bereitete ich mich aufs morgende Pensum, welches denn sogleich
beim Erwachen angegriffen wurde. Mein Verfahren dabei war ganz einfach: ich
schrieb das Stck ruhig ab und lie es Zeile vor Zeile, Period vor Period
regelmig erklingen. Was daraus entstanden ist, werdet ihr beurteilen. Ich habe
dabei mehr gelernt als getan. Mit dem Stcke selbst erfolgen noch einige
Bemerkungen.

Den 6. Januar.
Da ich auch einmal wieder von kirchlichen Dingen rede, so will ich erzhlen,
da wir die Christnacht herumschwrmten und die Kirchen besuchten, wo Funktionen
gehalten werden. Eine besonders ist sehr besucht, deren Orgel und Musik
berhaupt so eingerichtet ist, da zu einer Pastoral-Musik nichts an Klngen
abgeht, weder die Schalmeien der Hirten, noch das Zwitschern der Vgel, noch das
Blken der Schafe.
Am ersten Christfeste sah ich den Papst und die ganze Klerisei in der
Peterskirche, da er zum Teil vor dem Thron, zum Teil vom Thron herab das Hochamt
hielt. Es ist ein einziges Schauspiel in seiner Art, prchtig und wrdig genug,
ich bin aber im protestantischen Diogenismus so alt geworden, da mir diese
Herrlichkeit mehr nimmt als gibt; ich mchte auch wie mein frommer Vorfahre zu
diesen geistlichen Weltberwindern sagen: Verdeckt mir doch nicht die Sonne
hherer Kunst und reiner Menschheit.
Heute, als am Dreiknigsfeste, habe ich die Messe nach griechischem Ritus
vortragen sehen und hren. Die Zeremonien scheinen mir stattlicher, strenger,
nachdenklicher und doch populrer als die lateinischen.
Auch da hab' ich wieder gefhlt, da ich fr alles zu alt bin, nur frs Wahre
nicht. Ihre Zeremonien und Opern, ihre Umgnge und Ballette, es fliet alles wie
Wasser von einem Wachstuchmantel an mir herunter. Eine Wirkung der Natur
hingegen wie der Sonnenuntergang, von Villa Madama gesehen, ein Werk der Kunst
wie die viel verehrte Juno machen tiefen und bleibenden Eindruck.
Nun graut mir schon vor dem Theaterwesen. Die nchste Woche werden sieben Bhnen
erffnet. Anfossi ist selbst hier und gibt Alexander in Indien; auch wird ein
Cyrus gegeben und die Eroberung von Troja als Ballett. Das wre was fr die
Kinder.
Den 10. Januar.
Hier folgt denn also das Schmerzenskind, denn dieses Beiwort verdient
Iphigenia, aus mehr als einem Sinne. Bei Gelegenheit, da ich sie unsern
Knstlern vorlas, strich ich verschiedene Zeilen an, von denen ich einige nach
meiner berzeugung verbesserte, die andern aber stehenlasse, ob vielleicht
Herder ein paar Federzge hineintun will. Ich habe mich daran ganz stumpf
gearbeitet.
Denn warum ich die Prosa seit mehreren Jahren bei meinen Arbeiten vorzog, daran
war doch eigentlich schuld, da unsere Prosodie in der grten Unsicherheit
schwebt, wie denn meine einsichtigen, gelehrten, mitarbeitenden Freunde die
Entscheidung mancher Fragen dem Gefhl, dem Geschmack anheimgeben, wodurch man
denn doch aller Richtschnur ermangelte.
Iphigenia in Jamben zu bersetzen, htte ich nie gewagt, wre mir in Moritzens
Prosodie nicht ein Leitstern erschienen. Der Umgang mit dem Verfasser,
besonders whrend seines Krankenlagers, hat mich noch mehr darber aufgeklrt,
und ich ersuche die Freunde, darber mit Wohlwollen nachzudenken.
Es ist auffallend, da wir in unserer Sprache nur wenige Silben finden, die
entschieden kurz oder lang sind. Mit den andern verfhrt man nach Geschmack oder
Willkr. Nun hat Moritz ausgeklgelt, da es eine gewisse Rangordnung der Silben
gebe, und da die dem Sinne nach bedeutendere gegen eine weniger bedeutende lang
sei und jene kurz mache, dagegen aber auch wieder kurz werden knne, wenn sie in
die Nhe von einer andern gert, welche mehr Geistesgewicht hat. Hier ist denn
doch ein Anhalten, und wenn auch damit nicht alles getan wre, so hat man doch
indessen einen Leitfaden, an dem man sich hinschlingen kann. Ich habe diese
Maxime fters zu Rate gezogen und sie mit meiner Empfindung bereinstimmend
getroffen.
Da ich oben von einer Vorlesung sprach, so mu ich doch auch, wie es damit
zugegangen, krzlich erwhnen. Diese jungen Mnner, an jene frheren, heftigen,
vordringenden Arbeiten gewhnt, erwarteten etwas Berlichingisches und konnten
sich in den ruhigen Gang nicht gleich finden; doch verfehlten die edlen und
reinen Stellen nicht ihre Wirkung. Tischbein, dem auch diese fast gnzliche
Entuerung der Leidenschaft kaum zu Sinne wollte, brachte ein artiges Gleichnis
oder Symbol zum Vorschein. Er verglich es einem Opfer, dessen Rauch, von einem
sanften Luftdruck niedergehalten, an der Erde hinzieht, indessen die Flamme
freier nach der Hhe zu gewinnen sucht. Er zeichnete dies sehr hbsch und
bedeutend. Das Blttchen lege ich bei.
Und so hat mich denn diese Arbeit, ber die ich bald hinauszukommen dachte, ein
vlliges Vierteljahr unterhalten und aufgehalten, mich beschftigt und geqult.
Es ist nicht das erste Mal, da ich das Wichtigste nebenher tue, und wir wollen
darber nicht weiter grillisieren und rechten.
Einen hbschen geschnittenen Stein lege ich bei, ein Lwchen, dem eine Bremse
vor der Nase schnurrt. Die Alten liebten diesen Gegenstand und haben ihn oft
wiederholt. Ich wnsche, da ihr damit knftig eure Briefe siegelt, damit durch
diese Kleinigkeit eine Art von Kunstecho von euch zu mir herberschalle.
Den 13. Januar 1787.
Wieviel htte ich jeden Tag zu sagen, und wie sehr hlt mich Anstrengung und
Zerstreuung ab, ein kluges Wort aufs Papier zu bringen. Dazu kommen noch die
frischen Tage, wo es berall besser ist als in den Zimmern, die ohne Ofen und
Kamin uns nur zum Schlafen oder Mibehagen aufnehmen. Einige Vorflle der
letzten Woche darf ich jedoch nicht unberhrt lassen.
Im Palaste Giustiniani steht eine Minerva, die meine ganze Verehrung hat.
Winckelmann gedenkt ihrer kaum, wenigstens nicht an der rechten Stelle, und ich
fhle mich nicht wrdig genug, ber sie etwas zu sagen. Als wir die Statue
besahen und uns lang dabei aufhielten, erzhlte uns die Frau des Kustode, es sei
dieses ein ehmals heiliges Bild gewesen, und die Inglesi, welche von dieser
Religion seien, pflegten es noch zu verehren, indem sie ihm die eine Hand
kten, die auch wirklich ganz wei war, da die brige Statue brunlich ist.
Auch setzte sie hinzu, eine Dame dieser Religion sei vor kurzem dagewesen, habe
sich auf die Knie niedergeworfen und die Statue angebetet. Eine so wunderliche
Handlung habe sie, eine Christin, nicht ohne Lachen ansehen knnen und sei zum
Saal hinausgelaufen, um nicht loszuplatzen. Da ich auch von der Statue nicht weg
wollte, fragte sie mich, ob ich etwa eine Schne htte, die diesem Marmor
hnlich she, da er mich so sehr anzge. Das gute Weib kannte nur Anbetung und
Liebe, aber von der reinen Bewunderung eines herrlichen Werkes, von der
brderlichen Verehrung eines Menschengeistes konnte sie keinen Begriff haben.
Wir freuten uns ber das englische Frauenzimmer und gingen weg mit der Begier,
umzukehren, und ich werde gewi bald wieder hingehen. Wollen meine Freunde ein
nheres Wort hren, so lesen sie, was Winckelmann vom hohen Stil der Griechen
sagt. Leider fhrt er dort diese Minerva nicht an. Wenn ich aber nicht irre, so
ist sie von jenem hohen, strengen Stil, da er in den schnen bergeht, die
Knospe, indem sie sich ffnet, und nun eine Minerva, deren Charakter eben dieser
bergang so wohl ansteht!
Nun von einem Schauspiel anderer Art! Am Dreiknigstage, am Feste des Heils, das
den Heiden verkndigt worden, waren wir in der Propaganda. Dort ward in
Gegenwart dreier Kardinle und eines groen Auditorii erst eine Rede gehalten,
an welchem Orte Maria die drei Magos empfangen, im Stalle oder wo sonst? Dann
nach verlesenen einigen lateinischen Gedichten hnliches Gegenstandes traten bei
dreiig Seminaristen nach und nach auf und lasen kleine Gedichte, jeder in
seiner Landessprache: Malabarisch, Epirotisch, Trkisch, Moldauisch, Elenisch,
Persisch, Kolchisch, Hebrisch, Arabisch, Syrisch, Koptisch, Sarazenisch,
Armenisch, Hibernisch, Madagaskarisch, Islndisch, Boisch, gyptisch,
Griechisch, Isaurisch, thiopisch etc. und mehrere, die ich nicht verstehen
konnte. Die Gedichtchen schienen, meist im Nationalsilbenmae verfat, mit der
Nationaldeklamation vorgetragen zu werden; denn es kamen barbarische Rhythmen
und Tne hervor. Das Griechische klang, wie ein Stern in der Nacht erscheint.
Das Auditorium lachte unbndig ber die fremden Stimmen, und so ward auch diese
Vorstellung zur Farce.
Nun noch ein Geschichtchen, wie lose man im heiligen Rom das Heilige behandelt.
Der verstorbene Kardinal Albani war in einer solchen Festversammlung, wie ich
sie eben beschrieben. Einer der Schler fing in einer fremden Mundart an, gegen
die Kardinle gewendet: Gnaja! gnaja!, so da es ungefhr klang wie Canaglia!
canaglia!. Der Kardinal wendete sich zu seinen Mitbrdern und sagte: Der kennt
uns doch!
Den 13. Januar.
Wieviel tat Winckelmann nicht, und wieviel lie er uns zu wnschen brig! Mit
den Materialien, die er sich zueignete, hatte er so geschwind gebaut, um unter
Dach zu kommen. Lebte er noch, und er knnte noch frisch und gesund sein, so
wre er der erste, der uns eine Umarbeitung seines Werks gbe. Was htte er
nicht noch beobachtet, was berichtigt, was benutzt, das von andern nach seinen
Grundstzen getan und beobachtet, neuerdings ausgegraben und entdeckt worden.
Und dann wre der Kardinal Albani tot, dem zuliebe er manches geschrieben und
vielleicht manches verschwiegen hat.
Den 15. Januar 1787.
Und so ist denn endlich auch Aristodem, und zwar sehr glcklich und mit dem
grten Beifall, aufgefhrt. Da Abbate Monti zu den Hausverwandten des Nepoten
gehrt und in den obern Stnden sehr geschtzt ist, so war von daher alles Gute
zu hoffen. Auch sparten die Logen ihren Beifall nicht. Das Parterre war gleich
von vornherein durch die schne Diktion des Dichters und die treffliche
Rezitation der Schauspieler gewonnen, und man versumte keine Gelegenheit, seine
Zufriedenheit an den Tag zu legen. Die deutsche Knstlerbank zeichnete sich
dabei nicht wenig aus, und es war diesmal ganz am Platze, da sie berhaupt ein
wenig vorlaut ist.
Der Verfasser war zu Hause geblieben, voller Sorge wegen des Gelingens des
Stcks, von Akt zu Akt kamen gnstige Botschaften, welche nach und nach seine
Besorglichkeit in die grte Freude verwandelten. Nun fehlt es nicht an
Wiederholung der Vorstellung, und alles ist in dem besten Gleise. So kann man
durch die entgegengesetztesten Dinge, wenn nur jedes sein ausgesprochenes
Verdienst hat, den Beifall der Menge sowohl als der Kenner erwerben.
Aber die Vorstellung war auch sehr lblich, und der Hauptakteur, der das ganze
Stck ausfllt, sprach und spielte vortrefflich: man glaubte einen der alten
Kaiser auftreten zu sehen. Sie hatten das Kostm, das uns an den Statuen so sehr
imponiert, recht gut in Theaterpracht bersetzt, und man sah dem Schauspieler
an, da er die Antiken studiert hatte.

Den 16. Januar.
Ein groer Kunstverlust steht Rom bevor. Der Knig von Neapel lt den Herkules
Farnese in seine Residenz bringen. Die Knstler trauern smtlich, indessen
werden wir bei dieser Gelegenheit etwas sehen, was unsern Vorfahren verborgen
blieb.
Gedachte Statue nmlich vom Kopf bis an die Knie und sodann die unteren Fe mit
dem Sockel, worauf sie stehen, wurde auf farnesischem Grund und Boden gefunden,
die Beine aber, vom Knie bis an die Knchel, fehlten und wurden durch Wilhelm
Porta ersetzt. Auf diesen steht er nun bis auf den heutigen Tag. Indessen waren
auf borghesischem Grund und Boden die echten alten Beine gefunden worden, die
man denn auch in der Borghesischen Villa aufgestellt sah.
Gegenwrtig gewinnt es Prinz Borghese ber sich und verehrt diese kstlichen
Reste dem Knig von Neapel. Die Beine des Porta werden abgenommen, die echten an
die Stelle gesetzt, und man verspricht sich, ob man gleich mit jenen bisher ganz
wohl zufrieden gewesen, nunmehr eine ganz neue Anschauung und mehr harmonischen
Genu.
Den 18. Januar.
Gestern, als am Feste des heiligen Antonius Abbas, machten wir uns einen
lustigen Tag, es war das schnste Wetter von der Welt, hatte die Nacht Eis
gefroren, und der Tag war heiter und warm.
Es lt sich bemerken, da alle Religionen, die entweder ihren Kultus oder ihre
Spekulationen ausdehnten, zuletzt dahin gelangen muten, da sie auch die Tiere
einigermaen geistlicher Begnstigungen teilhaft werden lieen. Sankt Anton, der
Abt oder Bischof, ist Patron der vierfigen Geschpfe, sein Fest ein
saturnalischer Feiertag fr die sonst belasteten Tiere sowie fr ihre Wrter und
Lenker. Alle Herrschaften mssen heute zu Hause bleiben oder zu Fu gehen, man
verfehlt niemals, bedenkliche Geschichten zu erzhlen, wie unglubige Vornehme,
welche ihre Kutscher an diesem Tage zu fahren gentigt, durch groe Unflle
gestraft worden.
Die Kirche liegt an einem so weitschichtigen Platz, da er beinahe fr de
gelten knnte, heute ist er aber auf das lustigste belebt, Pferde und Maultiere,
deren Mhnen und Schweife mit Bndern schn, ja prchtig eingeflochten zu
schauen, werden vor die kleine, von der Kirche etwas abstehende Kapelle gefhrt,
wo ein Priester, mit einem groen Wedel versehen, das Weihwasser, das in Butten
und Kbeln vor ihm steht, nicht schonend, auf die muntern Geschpfe derb
losspritzt, manchmal sogar schalkhaft, um sie zu reizen. Andchtige Kutscher
bringen grere oder kleinere Kerzen, die Herrschaften senden Almosen und
Geschenke, damit die kostbaren, ntzlichen Tiere ein Jahr ber vor allem Unfall
sicher bleiben mgen. Esel und Hornvieh, ihren Besitzern ebenso ntzlich und
wert, nehmen gleichfalls an diesem Segen ihr beschieden Teil.
Nachher ergtzten wir uns an einer groen Wanderung unter einem so glcklichen
Himmel, umgeben von den interessantesten Gegenstnden, denen wir doch diesmal
wenig Aufmerksamkeit schenkten, vielmehr Lust und Scherz in voller Mae walten
lieen.
Den 19. Januar.
So hat denn der groe Knig, dessen Ruhm die Welt erfllte, dessen Taten ihn
sogar des katholischen Paradieses wert machten, endlich auch das Zeitliche
gesegnet, um sich mit den Heroen seinesgleichen im Schattenreiche zu
unterhalten. Wie gern ist man still, wenn man einen solchen zur Ruh' gebracht
hat.
Heute machten wir uns einen guten Tag, besahen einen Teil des Kapitols, den ich
bisher vernachlssigt, dann setzten wir ber die Tiber und tranken spanischen
Wein auf einem neugelandeten Schiffe. In dieser Gegend will man Romulus und
Remus gefunden haben, und so kann man wie an einem doppelt und dreifachen
Pfingstfeste zugleich vom heiligen Kunstgeiste, von der mildesten Atmosphre,
von antiquarischen Erinnerungen und von sem Weine trunken werden.
Den 20. Januar.
Was im Anfang einen frohen Genu gewhrte, wenn man es oderflchlich hinnahm,
das drngt sich hernach beschwerlich auf, wenn man sieht, da ohne grndliche
Kenntnis doch auch der wahre Genu ermangelt.
Auf Anatomie bin ich so ziemlich vorbereitet, und ich habe mir die Kenntnis des
menschlichen Krpers bis auf einen gewissen Grad nicht ohne Mhe erworben. Hier
wird man durch die ewige Betrachtung der Statuen immerfort, aber auf eine hhere
Weise hingewiesen. Bei unserer medizinisch-chirurgischen Anatomie kommt es blo
darauf an, den Teil zu kennen, und hierzu dient auch wohl ein kmmerlicher
Muskel. In Rom aber wollen die Teile nichts heien, wenn sie nicht zugleich eine
edle, schne Form darbieten.
In dem groen Lazarett San Spirito hat man den Knstlern zulieb einen sehr
schnen Muskelkrper dergestalt bereitet, da die Schnheit desselben in
Verwunderung setzt. Er knnte wirklich fr einen geschundenen Halbgott, fr
einen Marsyas gelten.
So pflegt man auch nach Anleitung der Alten das Skelett nicht als eine knstlich
zusammengereihte Knochenmasse zu studieren, vielmehr zugleich mit den Bndern,
wodurch es schon Leben und Bewegung erhlt.
Sage ich nun, da wir auch abends Perspektiv studieren, so zeigt es doch wohl,
da wir nicht mig sind. Bei allem dem aber hofft man immer mehr zu tun, als
wirklich geschieht.
Den 22. Januar.
Von dem deutschen Kunstsinn und dem dortigen Kunstleben kann man wohl sagen: man
hrt luten, aber nicht zusammenklingen. Bedenke ich jetzt, was fr herrliche
Sachen in unserer Nachbarschaft sind, und wie wenig sie von mir genutzt worden,
so mchte ich verzweifeln, und dann kann ich mich wieder auf den Rckweg freuen,
wenn ich hoffen kann, jene Meisterwerke zu erkennen, an denen ich nur
herumtappte.
Doch auch in Rom ist zu wenig fr den gesorgt, dem es Ernst ist, ins Ganze zu
studieren. Er mu alles aus unendlichen, obgleich berreichen Trmmern
zusammenstoppeln. Freilich ist's wenigen Fremden reiner Ernst, etwas Rechts zu
sehen und zu lernen. Sie folgen ihren Grillen, ihrem Dnkel, und das merken sich
alle diejenigen wohl, die mit Fremden zu tun haben. Jeder Fhrer hat Absichten,
jeder will irgendeinen Handelsmann empfehlen, einen Knstler begnstigen, und
warum sollte er es nicht? Denn schlgt der Unerfahrne nicht das Vortrefflichste
aus, das man ihm anbietet?
Einen auerordentlichen Vorteil htte es der Betrachtung bringen knnen, ja es
wre ein eignes Museum entstanden, wenn die Regierung, die doch erst die
Erlaubnis geben mu, wenn ein Altertum ausgefhrt werden soll, fest darauf
bestanden htte, da jedesmal ein Abgu geliefert werden msse. Htte aber auch
ein Papst solch einen Gedanken gehabt, alles htte sich widersetzt, denn man
wre in wenigen Jahren erschrocken ber Wert und Wrde solcher ausgefhrten
Dinge, wozu man die Erlaubnis in einzelnen Fllen heimlich und durch allerlei
Mittel zu erlangen wei.
Den 22. Januar.
Schon frher, aber besonders bei der Auffhrung des Aristodem, erwachte der
Patriotismus unserer deutschen Knstler. Sie unterlieen nicht, Gutes von meiner
Iphigenia zu reden, einzelne Stellen wurden wieder verlangt, und ich fand mich
zuletzt zu einer Wiederholung des Ganzen gentigt. Auch da entdeckte ich manche
Stelle, die mir gelenker aus dem Munde ging, als sie auf dem Papier stand.
Freilich ist die Poesie nicht frs Auge gemacht.
Dieser gute Ruf erscholl nun bis zu Reiffenstein und Angelika, und da sollte ich
denn meine Arbeit abermals produzieren. Ich erbat mir einige Frist, trug aber
sogleich die Fabel und den Gang des Stcks mit einiger Umstndlichkeit vor.
Mehr, als ich glaubte, gewann sich diese Darstellung die Gunst gedachter
Personen, auch Herr Zucchi, von dem ich es am wenigsten erwartet, nahm recht
freien und wohlempfundenen Anteil. Dieses klrt sich aber dadurch sehr gut auf,
da das Stck sich der Form nhert, die man im Griechischen, Italienischen,
Franzsischen lngst gewohnt ist, und welche demjenigen noch immer am besten
zusagt, welcher sich an die englischen Khnheiten noch nicht gewhnt hat.
Rom, den 25. Januar 1787.
Nun wird es mir immer schwerer, von meinem Aufenthalte in Rom Rechenschaft zu
geben; denn wie man die See immer tiefer findet, je weiter man hineingeht, so
geht es auch mir in Betrachtung dieser Stadt.
Man kann das Gegenwrtige nicht ohne das Vergangene erkennen, und die
Vergleichung von beiden erfordert mehr Zeit und Ruhe. Schon die Lage dieser
Hauptstadt der Welt fhrt uns auf ihre Erbauung zurck. Wir sehen bald, hier hat
sich kein wanderndes, groes, wohlgefhrtes Volk niedergelassen und den
Mittelpunkt eines Reichs weislich festgesetzt; hier hat kein mchtiger Frst
einen schicklichen Ort zum Wohnsitz einer Kolonie bestimmt. Nein, Hirten und
Gesindel haben sich hier zuerst eine Sttte bereitet, ein paar rstige Jnglinge
haben auf dem Hgel den Grund zu Palsten der Herren der Welt gelegt, an dessen
Fu sie die Willkr des Ausrichters zwischen Morast und Schilf einst hinlegte.
So sind die sieben Hgel Roms nicht Erhhungen gegen das Land, das hinter ihnen
liegt, sie sind es gegen die Tiber und gegen das uralte Bette der Tiber, was
Campus Martius ward. Erlaubt mir das Frhjahr weitere Exkursionen, so will ich
die unglckliche Lage ausfhrlicher schildern. Schon jetzt nehm' ich den
herzlichsten Anteil an dem Jammergeschrei und den Schmerzen der Weiber von Alba,
die ihre Stadt zerstren sehn und den schnen, von einem klugen Anfhrer
gewhlten Platz verlassen mssen, um an den Nebeln der Tiber teilzunehmen, den
elenden Hgel Coelius zu bewohnen und von da nach ihrem verlassenen Paradiese
zurckzusehn. Ich kenne noch wenig von der Gegend, aber ich bin berzeugt, kein
Ort der ltern Vlker lag so schlecht als Rom, und da die Rmer endlich alles
verschlungen hatten, muten sie wieder mit ihren Landhusern hinaus und an die
Pltze der zerstrten Stdte rcken, um zu leben und das Leben zu genieen.

Den 25. Januar.
Zu einer recht friedlichen Betrachtung gibt es Anla, wie viele Menschen hier im
stillen leben, und wie sich jeder nach seiner Weise beschftigt. Wir sahen bei
einem Geistlichen, der ohne groes angebornes Talent sein Leben der Kunst
widmete, sehr interessante Kopien trefflicher Gemlde, die er in Miniatur
nachgebildet hat. Sein vorzglichstes nach dem Abendmahl des Leonhard da Vinci
in Mailand. Der Moment ist genommen, da Christus den Jngern, mit denen er
vergngt und freundschaftlich zu Tische sitzt, erklrt und sagt: Aber doch ist
einer unter euch, der mich verrt.
Man hofft einen Kupferstich entweder nach dieser Kopie oder nach andern, mit
denen man sich beschftigt. Es wird das grte Geschenk sein, wenn eine treue
Nachbildung im groen Publikum erscheint.
Vor einigen Tagen besuchte ich den Pater Jacquier, einen Franziskaner, auf
Trinit de' Monti. Er ist Franzos von Geburt, durch mathematische Schriften
bekannt, hoch in Jahren, sehr angenehm und verstndig. Er kannte zu seiner Zeit
die besten Mnner, und hat sogar einige Monate bei Voltaire zugebracht, der ihn
sehr in Affektion nahm.
Und so habe ich noch mehr gute, solide Menschen kennen lernen, dergleichen sich
hier unzhlige befinden, die ein pfffisches Mitrauen auseinander hlt. Der
Buchhandel gibt keine Verbindung, und die literarischen Neuigkeiten sind selten
fruchtbar.
Und so geziemt es dem Einsamen, die Einsiedler aufzusuchen. Denn seit der
Auffhrung des Aristodems, zu dessen Gunsten wir uns wirklich ttig erwiesen
hatten, fhrte man mich abermals in Versuchung; es lag aber nur zu klar am Tage,
da es nicht um mich zu tun sei, man wollte seine Partei verstrken, mich als
Instrument brauchen, und wenn ich htte hervorgehen und mich erklren wollen,
htte ich auch als Phantom eine kurze Rolle gespielt. Nun aber, da sie sehen,
da mit mir nichts anzufangen ist, lassen sie mich gehn, und ich wandle meinen
sichern Weg fort.
Ja, meine Existenz hat einen Ballast bekommen, der ihr die gehrige Schwere
gibt; ich frchte mich nun nicht mehr vor den Gespenstern, die so oft mit mir
spielten. Seid auch gutes Muts, ihr werdet mich oben halten und mich zu euch
zurckziehen.
Den 28. Januar 1787.
Zwei Betrachtungen, die durch alles durchgehen, welchen sich hinzugeben man
jeden Augenblick aufgefordert wird, will ich, da sie mir klar geworden, zu
bezeichnen nicht verfehlen.
Zuerst also wird man bei dem ungeheuern und doch nur trmmerhaften Reichtum
dieser Stadt, bei jedem Kunstgegenstande aufgefordert, nach der Zeit zu fragen,
die ihm das Dasein gegeben. Durch Winckelmann sind wir dringend aufgeregt, die
Epochen zu sondern, den verschiedenen Stil zu erkennen, dessen sich die Vlker
bedienten, den sie in Folge der Zeiten nach und nach ausgebildet und zuletzt
wieder verbildet. Hievon berzeugte sich jeder wahre Kunstfreund. Anerkennen tun
wir alle die Richtigkeit und das Gewicht der Forderung.
Aber wie nun zu dieser Einsicht gelangen! Vorgearbeitet nicht viel, der Begriff
richtig und herrlich aufgestellt, aber das Einzelne im ungewissen Dunkel. Eine
vieljhrige entschiedene bung des Auges ist ntig, und man mu erst lernen, um
fragen zu knnen. Da hilft kein Zaudern und Zgern, die Aufmerksamkeit auf
diesen wichtigen Punkt ist nun einmal rege, und jeder, dem es Ernst ist, sieht
wohl ein, da auch in diesem Felde kein Urteil mglich ist, als wenn man es
historisch entwickeln kann.
Die zweite Betrachtung beschftigt sich ausschlielich mit der Kunst der
Griechen und sucht zu erforschen, wie jene unvergleichlichen Knstler verfuhren,
um aus der menschlichen Gestalt den Kreis gttlicher Bildung zu entwickeln,
welcher vollkommen abgeschlossen ist und worin kein Hauptcharakter so wenig als
die bergnge und Vermittlungen fehlen. Ich habe eine Vermutung, da sie nach
eben den Gesetzen verfuhren, nach welchen die Natur verfhrt und denen ich auf
der Spur bin. Nur ist noch etwas anders dabei, das ich nicht auszusprechen
wte.
Den 2. Februar 1787.
Von der Schnheit, im vollen Mondschein Rom zu durchgehen, hat man, ohne es
gesehen zu haben, keinen Begriff. Alles Einzelne wird von den groen Massen des
Lichts und Schattens verschlungen, und nur die grten, allgemeinsten Bilder
stellen sich dem Auge dar. Seit drei Tagen haben wir die hellsten und
herrlichsten Nchte wohl und vollstndig genossen. Einen vorzglich schnen
Anblick gewhrt das Coliseo. Es wird nachts zugeschlossen, ein Eremit wohnt
darin an einem Kirchelchen, und Bettler nisten in den verfallenen Gewlben. Sie
hatten auf flachem Boden ein Feuer angelegt, und eine stille Luft trieb den
Rauch erst auf der Arena hin, da der untere Teil der Ruinen bedeckt war und die
ungeheuern Mauern oben drber finster herausragten; wir standen am Gitter und
sahen dem Phnomen zu, der Mond stand hoch und heiter. Nach und nach zog sich
der Rauch durch die Wnde, Lcken und ffnungen, ihn beleuchtete der Mond wie
einen Nebel. Der Anblick war kstlich. So mu man das Pantheon, das Kapitol
beleuchtet sehn, den Vorhof der Peterskirche und andere groe Straen und
Pltze. Und so haben Sonne und Mond, eben wie der Menschengeist, hier ein ganz
anderes Geschft als anderer Orten, hier, wo ihrem Blick ungeheure und doch
gebildete Massen entgegenstehn.
Das Pantheon in Rom. Radierung von Barbault.
Den 13. Februar.
Eines Glcksfalls mu ich erwhnen, obgleich eines geringen. Doch alles Glck,
gro oder klein, ist von einer Art und immer erfreulich. Auf Trinit de' Monti
wird der Grund zum neuen Obelisk gegraben, dort oben ist alles aufgeschttetes
Erdreich von Ruinen der Grten des Lucullus, die nachher an die Kaiser kamen.
Mein Perckenmacher geht frhe dort vorbei und findet im Schutte ein flach Stck
gebrannten Ton mit einigen Figuren, wscht's und zeigt es uns. Ich eigne es mir
gleich zu. Es ist nicht gar eine Hand gro und scheint von dem Rande einer
groen Schssel zu sein. Es stehn zwei Greifen an einem Opfertische, sie sind
von der schnsten Arbeit und freuen mich ungemein. Stnden sie auf einem
geschnittenen Stein, wie gern wrde man damit siegeln!
Von vielen andern Sachen sammelt's sich auch um mich, und nichts Vergebliches
oder Leeres, welches hier unmglich wre; alles unterrichtend und bedeutend. Am
liebsten ist mir denn aber doch, was ich in der Seele mitnehme, und was, immer
wachsend, sich immer vermehren kann.
Den 15. Februar.
Vor meiner Abreise nach Neapel konnte ich einer nochmaligen Vorlesung meiner
Iphigenia nicht entgehen. Madam Angelika und Hofrat Reiffenstein waren die
Zuhrer, und selbst Herr Zucchi hatte darauf gedrungen, weil es der Wunsch
seiner Gattin war; er arbeitete indes an einer groen architektonischen
Zeichnung, die er in Dekorationsart vortrefflich zu machen versteht. Er war mit
Clerisseau in Dalmatien, hatte sich berhaupt mit ihm assoziiert, zeichnete die
Figuren zu den Gebuden und Ruinen, die jener herausgab, und lernte dabei so
viel Perspektive und Effekt, da er sich in seinen alten Tagen auf eine wrdige
Weise auf dem Papier damit vergngen kann.
Die zarte Seele Angelika nahm das Stck mit unglaublicher Innigkeit auf; sie
versprach mir, eine Zeichnung daraus aufzustellen, die ich zum Andenken besitzen
sollte. Und nun gerade, als ich mich von Rom zu scheiden bereite, werde ich auf
eine zarte Weise mit diesen wohlwollenden Personen verbunden. Es ist mir
zugleich ein angenehmes und schmerzliches Gefhl, wenn ich mich berzeuge, da
man mich ungern weglt.
Den 16. Februar 1787.
Die glckliche Ankunft der "Iphigenia" ward mir auf eine berraschende und
angenehme Weise verkndigt. Auf dem Wege nach der Oper brachte man mir den Brief
von wohlbekannter Hand, und diesmal doppelt willkommen mit dem Lwchen
gesiegelt, als vorlufiges Wahrzeichen des glcklich angelangten Pakets. Ich
drngte mich in das Opernhaus und suchte mir mitten unter dem fremden Volk einen
Platz unter dem groen Lster zu verschaffen. Hier fhlte ich mich nun so nah an
die Meinigen gerckt, da ich htte aufhpfen und sie umarmen mgen. Herzlich
dank' ich, da mir die nackte Ankunft gemeldet worden, mget ihr euer Nchstes
mit einem guten Worte des Beifalls begleiten!
Hier folgt das Verzeichnis, wie die Exemplare, die ich von Gschen zu erwarten
habe, unter die Freunde verteilt werden sollen, denn ob es mir gleich ganz
gleichgltig ist, wie das Publikum diese Sachen betrachtet, so wnscht' ich
doch, dadurch meinen Freunden einige Freude bereitet zu haben.
Man unternimmt nur zuviel. Denke ich an meine vier letzten Bnde im ganzen, so
mchte mir schwindelnd werden, ich mu sie einzeln angreifen, und so wird es
gehn.
Htte ich nicht besser getan, nach meinem ersten Entschlu diese Dinge
fragmentarisch in die Welt zu schicken und neue Gegenstnde, an denen ich
frischeren Anteil nehme, mit frischem Mut und Krften zu unternehmen? Tt' ich
nicht besser,  Iphigenia auf Delphi zu schreiben, als mich mit den Grillen des
Tasso herumzuschlagen? und doch habe ich auch dahinein schon zuviel von meinem
Eignen gelegt, als da ich es fruchtlos aufgeben sollte.
Ich habe mich auf den Vorsaal ans Kamin gesetzt, und die Wrme eines diesmal gut
genhrten Feuers gibt mir frischen Mut, ein neues Blatt anzufangen; denn es ist
doch gar zu schn, da man mit seinen neusten Gedanken soweit in die Ferne
reichen, ja seine nchsten Umgebungen durch Worte dorthin versetzen kann. Das
Wetter ist ganz herrlich, die Tage nehmen merklich zu, Lorbeeren und Buchsbume
blhen, auch die Mandelbume. Heute frh berraschte mich ein wundersamer
Anblick, ich sah von ferne hohe, stangenhnliche Bume, ber und ber von dem
schnsten Violett bekleidet. Bei nherer Untersuchung war es der Baum, in unsern
Treibhusern unter dem Namen Judenbaum bekannt, dem Botaniker als cercis
siliquastrum. Seine violetten Schmetterlingsblumen bringt er unmittelbar aus dem
Stamme hervor. Abgeholzt den letzten Winter waren die Stangen, die ich vor mir
sah, aus deren Rinde die wohlgebildete und gefrbte Blume zu Tausenden
hervorbrach. Die Malieben dringen wie Ameisen aus dem Boden, Krokus und Adonis
erscheinen seltner, aber desto zierlicher und zierender.
Was wird mir nicht erst das mittgigere Land fr Freuden und Kenntnisse geben,
aus denen fr mich neue Resultate hervortreten! Es ist mit natrlichen Dingen
wie mit der Kunst; es ist so viel drber geschrieben, und jeder, der sie sieht,
kann sie doch wieder in neue Kombination setzen.
Denke ich an Neapel, ja gar nach Sizilien, so fllt es einem sowohl in der
Erzhlung als in Bildern auf, da in diesen Paradiesen der Welt sich zugleich
die vulkanische Hlle so gewaltsam auftut und seit Jahrtausenden die Wohnenden
und Genieenden aufschreckt und irremacht.
Doch schlage ich mir die Hoffnung jener vielbedeutenden Ansichten gern aus dem
Sinne, um vor meiner Abreise die alte Hauptstadt der Welt noch recht zu
benutzen.
Seit vierzehn Tagen bin ich von Morgen bis in die Nacht in Bewegung; was ich
noch nicht gesehn, such' ich auf. Das Vorzglichste wird zum zweiten- und
drittenmal betrachtet, und nun ordnet sich's einigermaen. Denn indem die
Hauptgegenstnde an ihre rechte Stelle kommen, so ist fr viele mindere
dazwischen Platz und Raum. Meine Liebschaften reinigen und entscheiden sich, und
nun erst kann mein Gemt dem Greren und Echtesten mit gelassener Teilnahme
sich entgegenheben.
Dabei findet man denn wohl den Knstler beneidenswert, der durch Nachbildung und
Nachahmung auf alle Weise jenen groen Intentionen sich mehr nhert, sie besser
begreift als der blo Beschauende und Denkende. Doch mu am Ende jeder tun, was
er vermag, und so spanne ich denn alle Segel meines Geistes auf, um diese Ksten
zu umschiffen.
Das Kamin ist diesmal recht durchgewrmt und die schnsten Kohlen aufgehuft,
welches bei uns selten geschieht, weil nicht leicht jemand Lust und Zeit hat,
dem Kaminfeuer ein paar Stunden Aufmerksamkeit zu widmen, und so will ich denn
dieses schne Klima benutzen, um einige Bemerkungen aus meiner Schreibtafel zu
retten, die schon halb verloschen sind.
Am zweiten Februar begaben wir uns in die Sixtinische Kapelle zur Funktion, bei
welcher die Kerzen geweiht werden. Ich fand mich gleich sehr unbehaglich und zog
mit den Freunden bald wieder hinaus. Denn ich dachte: das sind ja grade die
Kerzen, welche seit dreihundert Jahren diese herrlichen Gemlde verdstern, und
das ist ja eben der Weihrauch, der mit heiliger Unverschmtheit die einzige
Kunstsonne nicht nur umwlkt, sondern von Jahr zu Jahren mehr trbe macht und
zuletzt gar in Finsternis versenkt.
Darauf suchten wir das Freie und kamen nach einem groen Spaziergange auf St.
Onofrio, wo Tasso in einem Winkel begraben liegt. Auf der Klosterbibliothek
steht seine Bste. Das Gesicht ist von Wachs, und ich glaube gern, da es ber
seinen Leichnam abgeformt sei. Nicht ganz scharf und hie und da verdorben,
deutet es doch im ganzen mehr als irgendein anderes seiner Bildnisse auf einen
talentvollen, zarten, feinen, in sich geschlossenen Mann.
Soviel fr diesmal. Jetzt will ich an des ehrlichen Volkmanns zweiten Teil, der
Rom enthlt, um auszuziehen, was ich noch nicht gesehn habe. Ehe ich nach Neapel
reise, mu die Ernte wenigstens niedergemht sein; sie in Garben zu binden,
werden auch schon gute Tage kommen.

Den 17. Februar.
Das Wetter ist unglaublich und unsglich schn, den ganzen Februar bis auf vier
Regentage ein reiner, heller Himmel, gegen Mittag fast zu warm. Nun sucht man
das Freie, und wenn man bisher sich nur mit Gttern und Helden abgeben mochte,
so tritt die Landschaft auf einmal wieder in ihre Rechte, und man heftet sich an
die Umgebungen, die der herrlichste Tag belebt. Manchmal erinnere ich mich, wie
der Knstler in Norden den Strohdchern und verfallenen Schlssern etwas
abzugewinnen sucht, wie man sich an Bach und Busch und zerbrckeltem Gestein
herumdrckt, um eine malerische Wirkung zu erhaschen, und ich komme mir ganz
wunderbar vor, um so mehr, als jene Dinge nach so langer Gewohnheit einem noch
immer ankleben; nun habe ich mir aber seit vierzehn Tagen einen Mut gefat und
bin mit kleinen Blttern hinausgegangen durch die Tiefen und Hhen der Villen
und habe mir ohne viel Besinnens kleine auffallende, wahrhaft sdliche und
rmische Gegenstnde entworfen und suche nun mit Hlfe des guten Glcks ihnen
Licht und Schatten zu geben. Es ist ganz eigen, da man deutlich sehen und
wissen kann, was gut und besser ist; will man sich's aber zueignen, so
schwindet's gleichsam unter den Hnden, und wir greifen nicht nach dem Rechten,
sondern nach dem, was wir zu fassen gewohnt sind. Nur durch geregelte bung
knnte man vorwrts kommen, wo aber sollte ich Zeit und Sammlung finden!
Indessen fhle ich mich denn doch durch das leidenschaftliche, vierzehntgige
Streben um vieles gebessert.
Die Knstler belehren mich gerne, denn ich fasse geschwind. Nun ist aber das
Gefate nicht gleich geleistet; etwas schnell zu begreifen, ist ja ohnehin die
Eigenschaft des Geistes, aber etwas recht zu tun, dazu gehrt die bung des
ganzen Lebens.
Und doch soll der Liebhaber, so schwach er auch nachstrebt, sich nicht
abschrecken lassen. Die wenigen Linien, die ich aufs Papier ziehe, oft bereilt,
selten richtig, erleichtern mir jede Vorstellung von sinnlichen Dingen, denn man
erhebt sich ja eher zum Allgemeinen, wenn man die Gegenstnde genauer und
schrfer betrachtet.
Mit dem Knstler nur mu man sich nicht vergleichen, sondern nach seiner eigenen
Art verfahren; denn die Natur hat fr ihre Kinder gesorgt, der Geringste wird
nicht, auch durch das Dasein des Trefflichsten, an seinem Dasein gehindert: Ein
kleiner Mann ist auch ein Mann! Und dabei wollen wir's denn bewenden lassen.
Ich habe zweimal das Meer gesehn, erst das adriatische, dann das
mittellndische, nur gleichsam zum Besuch. In Neapel wollen wir bekannter
werden. Es rckt alles auf einmal in mir herauf; warum nicht frher, warum nicht
wohlfeiler! Wie viele tausend Sachen, manche ganz neu und von vornen, htte ich
mitzuteilen!
Den 17. Februar 1787.
Abends nach verklungener Karnevalstorheit.
Ich lasse bei meiner Abreise Moritzen ungern allein. Er ist auf gutem Wege, doch
wie er fr sich geht, so sucht er sich gleich beliebte Schlupfwinkel. Ich habe
ihn aufgemuntert, an Herdern zu schreiben, der Brief liegt bei, ich wnsche eine
Antwort, die etwas Dienliches und Hlfreiches enthalte. Es ist ein sonderbar
guter Mensch, er wre viel weiter, wenn er von Zeit zu Zeit Personen gefunden
htte, fhig und liebevoll genug, ihn ber seinen Zustand aufzuklren.
Gegenwrtig kann er kein gesegneteres Verhltnis anknpfen, als wenn ihm Herder
erlaubt, manchmal zu schreiben. Er beschftigt sich mit einem lobenswrdigen
antiquarischen Unternehmen, das wohl verdient, gefrdert zu werden. Freund
Herder wird nicht leicht eine Mhe besser angewendet und gute Lehre kaum in
einen fruchtbarern Boden gelegt haben.
Das groe Portrt, welches Tischbein von mir unternommen, wchst schon aus der
Leinwand heraus. Der Knstler hat sich durch einen fertigen Bildhauer ein
kleines Modell von Ton machen lassen, welches gar zierlich mit einem Mantel
drapiert worden. Darnach malt er fleiig, denn es sollte freilich vor unserer
Abreise nach Neapel schon auf einen gewissen Punkt gebracht sein, und es gehrt
schon Zeit dazu, eine so groe Leinwand mit Farben auch nur zu bedecken.

Goethe in der Campagna. Gemlde von Tischbein

Den 19. Februar.
Das Wetter fhrt fort, ber allen Ausdruck schn zu sein; heute war ein Tag, den
ich mit Schmerzen unter den Narren zubrachte. Mit Anbruch der Nacht erholte ich
mich auf der Villa Medicis; Neumond ist eben vorbei, und neben der zarten
Mondsichel konnte ich die ganze dunkle Scheibe fast mit bloen Augen, durchs
Perspektiv ganz deutlich sehn. ber der Erde schwebt ein Duft des Tags ber, den
man nur aus Gemlden und Zeichnungen des Claude kennt, das Phnomen in der Natur
aber nicht leicht so schn sieht als hier. Nun kommen mir Blumen aus der Erde,
die ich noch nicht kenne, und neue Blten von den Bumen; die Mandeln blhen und
machen eine neue luftige Erscheinung zwischen den dunkelgrnen Eichen; der
Himmel ist wie ein hellblauer Taft, von der Sonne beschienen. Wie wird es erst
in Neapel sein! Wir finden das meiste schon grn. Meine botanischen Grillen
bekrftigen sich an allem diesen, und ich bin auf dem Wege, neue schne
Verhltnisse zu entdecken, wie die Natur, solch ein Ungeheueres, das wie nichts
aussieht, aus dem Einfachen das Mannigfaltigste entwickelt.
Der Vesuv wirft Steine und Asche aus, und bei Nacht sieht man den Gipfel glhen.
Gebe uns die wirkende Natur einen Lavaflu! Nun kann ich kaum erwarten, bis auch
diese groen Gegenstnde mir eigen werden.
Den 20. Februar, Aschermittwoch.
Nun ist der Narrheit ein Ende. Die unzhligen Lichter gestern abend waren noch
ein toller Spektakel. Das Karnaval in Rom mu man gesehen haben, um den Wunsch
vllig loszuwerden, es je wieder zu sehen. Zu schreiben ist davon gar nichts,
bei einer mndlichen Darstellung mchte es allenfalls unterhaltend sein. Was man
dabei unangenehm empfindet, da die innere Frhlichkeit den Menschen fehlt und
es ihnen an Gelde mangelt, das bichen Lust, was sie noch haben mgen,
auszulassen. Die Groen sind konomisch und halten zurck, der Mittelmann
unvermgend, das Volk lahm. An den letzten Tagen war ein unglaublicher Lrm,
aber keine Herzensfreude. Der Himmel, so unendlich rein und schn, blickte so
edel und unschuldig auf diese Possen.
Da man aber doch das Nachbilden hier nicht lassen kann, so sind zur Lust der
Kinder Masken des Karnavals und rmische eigentmliche Kleidungen gezeichnet,
dann mit Farben angestrichen worden, da sie denn ein fehlenden Kapitel des
Orbis pictus den lieben Kleinen ersetzen mgen.
Den 21. Februar 1787
Ich benutze die Augenblicke zwischen dem Einpacken, um noch einiges nachzuholen.
Morgen gehn wir nach Neapel. Ich freue mich auf das Neue, das unaussprechlich
schn sein soll, und hoffe, in jener paradiesischen Natur wieder neue Freiheit
und Lust zu gewinnen, hier im ernsten Rom wieder an das Studium der Kunst zu
gehen.
Das Einpacken wird mir leicht, ich tue es mit leichterem Herzen als vor einem
halben Jahre, da ich mich von allem loslste, was mir so lieb und wert war. Ja,
es ist schon ein halbes Jahr, und von den vier Monaten, in Rom zugebracht, habe
ich keinen Augenblick verloren, welches zwar viel heien will, aber doch nicht
zuviel gesagt ist.
Da Iphigenia angekommen, wei ich; mge ich am Fue des Vesuvs erfahren, da
ihr eine gute Aufnahme zuteil geworden.
Mit Tischbein, der so einen herrlichen Blick in Natur als Kunst hat, diese Reise
zu machen, ist fr mich von der grten Wichtigkeit; doch knnen wir als echte
Deutsche uns doch nicht losmachen von Vorstzen und Aussichten auf Arbeit. Das
schnste Papier ist gekauft, und wir nehmen uns vor, darauf zu zeichnen,
obgleich die Menge, die Schnheit und der Glanz der Gegenstnde hchst
wahrscheinlich unserm guten Willen Grenzen setzt.
Eins habe ich ber mich gewonnen, da ich von meinen poetischen Arbeiten nichts
mitnehme als Tasso allein, zu ihm habe ich die beste Hoffnung. Wt' ich nun,
was ihr zu Iphigenien sagt, so knnte mir dies zur Leitung dienen, denn es ist
doch eine hnliche Arbeit, der Gegenstand fast noch beschrnkter als jener und
will im einzelnen noch mehr ausgearbeitet sein; doch wei ich noch nicht, was es
werden kann, das Vorhandene mu ich ganz zerstren, das hat zu lange gelegen,
und weder die Personen, noch der Plan, noch der Ton haben mit meiner jetzigen
Ansicht die mindeste Verwandtschaft.
Beim Aufrumen fallen mir einige eurer lieben Briefe in die Hand, und da treffe
ich beim Durchlesen auf den Vorwurf, da ich mir in meinen Briefen widerspreche.
Das kann ich zwar nicht merken, denn was ich geschrieben habe, schicke ich
gleich fort, es ist mir aber selbst sehr wahrscheinlich, denn ich werde von
ungeheuern Mchten hin und wider geworfen, und da ist es wohl natrlich, da ich
nicht immer wei, wo ich stehe.
Man erzhlt von einem Schiffer, der, von einer strmischen Nacht auf der See
berfallen, nach Hause zu steuern trachtete. Sein Shnchen, in der Finsternis an
ihn geschmiegt, fragte: Vater, was ist denn das fr ein nrrisches Lichtchen
dort, das ich bald ber uns, bald unter uns sehe? Der Vater versprach ihm die
Erklrung des andern Tags, und da fand es sich, da es die Flamme des
Leuchtturms gewesen, die einem von wilden Wogen auf und nieder geschaukelten
Auge bald unten, bald oben erschien.
Auch ich steure auf einem leidenschaftlich bewegten Meere dem Hafen zu, und
halte ich die Glut des Leuchtturms nur scharf im Auge, wenn sie mir auch den
Platz zu verndern scheint, so werde ich doch zuletzt am Ufer genesen.
Bei der Abreise fllt einem doch immer jedes frhere Scheiden und auch das
knftige letzte unwillkrlich in den Sinn, und mir drngt sich, diesmal strker
als sonst, dabei die Bemerkung auf, da wir viel zu viel Voranstalten machen, um
zu leben, denn so kehren auch wir, Tischbein und ich, so vielen Herrlichkeiten,
sogar unserm wohlausgestatteten eignen Museum den Rcken. Da stehn nun drei
Junonen zur Vergleichung nebeneinander, und wir verlassen sie, als wenn's keine
wre.

Neapel

Neapel. Kupferstich von Vernet

Velletri, den 22. Februar 1787
Bei guter Zeit sind wir hier angelangt. - Schon vorgestern verfinsterte sich das
Wetter, die schnen Tage hatten uns trbe gebracht, doch deuteten einige
Luftzeichen, da es sich wieder zum Guten bequemen werde, wie es denn auch
eintraf. Die Wolken trennen sich nach und nach, hier und da erschien der blaue
Himmel, und endlich beleuchtete die Sonne unsere Bahn. Wir kamen durch Albano,
nachdem wir vor Genzano an dem Eingang eines Parks gehalten hatten, den Prinz
Chigi, der Besitzer, auf eine wunderliche Weise hlt, nicht unterhlt, deshalb
auch nicht will, da sich jemand darin umsehe. Hier bildet sich eine wahre
Wildnis: Bume und Gestruche, Kruter und Ranken wachsen, wie sie wollen,
verdorren, strzen um, verfaulen. Das ist alles recht und nur desto besser. Der
Platz vor dem Eingang ist unsglich schn. Eine hohe Mauer schliet das Tal,
eine vergitterte Pforte lt hineinblicken, dann steigt der Hgel aufwrts, wo
dann oben das Schlo liegt. Es gbe das grte Bild, wenn es ein rechter
Knstler unternhme.
Nun darf ich nicht weiter beschreiben und sage nur, da, als wir von der Hhe
die Gebirge von Sezza, die pontinischen Smpfe, das Meer und die Inseln
erblickten, da in dem Moment ein starker Streifregen ber die Smpfe nach dem
Meer zog, Licht und Schatten, abwechselnd und bewegt, die de Flche gar
mannigfaltig belebten. Sehr schn wirkten hiezu mehrere von der Sonne
erleuchtete Rauchsulen, die aus zerstreuten, kaum sichtbaren Htten
emporstiegen.
Velletri liegt sehr angenehm auf einem vulkanischen Hgel, der nur gegen Norden
mit andern zusammenhngt, ber drei Himmelsgegenden aber den freisten Anblick
gewhrt.
Nun besahen wir das Kabinett des Cavaliere Borgia, welcher, begnstigt durch die
Verwandtschaft mit dem Kardinal und der Propaganda, treffliche Altertmer und
sonstige Merkwrdigkeiten hier zusammenstellen konnte: gyptische Gtzen, aus
dem hrtesten Steine gebildet, kleine Metallfiguren frherer und spterer Zeit;
in der Gegend ausgegrabene, aus Ton gebrannte, flach erhobene Bildwerke, durch
welche veranlat man den alten Volskern einen eignen Stil zuschreiben will.
Von allerlei andern Raritten besitzt das Museum mancherlei. Ich merkte mir zwei
chinesische Tuschkstchen, wo auf den Stcken des einen die ganze Zucht der
Seidenwrmer, auf dem andern der Reisbau vorgestellt ist, beides hchst naiv
genommen und ausfhrlich gearbeitet. Das Kstchen sowie die Einwicklung
desselben sind ausnehmend schn und drfen sich neben dem von mir schon gelobten
Buch auf der Bibliothek der Propaganda wohl sehen lassen.
Es ist freilich unverantwortlich, da man diesen Schatz so nahe bei Rom hat und
denselben nicht fter besucht. Doch mag die Unbequemlichkeit einer jeden
Ausflucht in diesen Gegenden und die Gewalt des rmischen Zauberkreises zur
Entschuldigung dienen. Als wir nach der Herberge gingen, riefen uns einige vor
ihren Haustren sitzende Weiber an, ob wir nicht auch Altertmer zu kaufen Lust
htten, und als wir uns darnach sehr begierig erwiesen, holten sie alte Kessel,
Feuerzangen nebst anderem schlechten Hausgerte und wollten sich zu Tod lachen,
uns angefhrt zu haben. Als wir uns deshalb entrsteten, brachte unser Fhrer
die Sache wieder ins gleiche; denn er versicherte, da dieser Spa hergebracht
sei und da alle Fremden denselben Tribut entrichten mten.
Dies schreib' ich in einer sehr beln Herberge und fhle in mir weder Kraft noch
Behagen, weiter fortzufahren. Also die freundlichste gute Nacht!
Fondi, den 23. Februar 1787
Schon frh um drei Uhr waren wir auf dem Wege. Als es tagte, fanden wir uns in
den pontinischen Smpfen, welche kein so bles Ansehn haben, als man sie in Rom
gemeiniglich beschreibt. Man kann zwar ein so groes und weitlufiges
Unternehmen, als die beabsichtigte Austrocknung ist, auf der Durchreise nicht
beurteilen, allein es scheint mir doch, da die Arbeiten, welche der Papst
angeordnet, die gewnschten Endzwecke wenigstens zum grten Teil erreichen
werden. Man denke sich ein weites Tal, das sich von Norden nach Sden mit
wenigem Falle hinzieht, ostwrts gegen die Gebirge zu vertieft, westwrts aber
gegen das Meer zu erhht liegt.
Der ganzen Lnge nach in gerader Linie ist die alte Via Appia wiederhergestellt,
an der rechten Seite derselben der Hauptkanal gezogen, und das Wasser fliet
darin gelind hinab, dadurch ist das Erdreich der rechten Seite nach dem Meere zu
ausgetrocknet und dem Feldbau berantwortet; soweit das Auge sehen kann, ist es
bebaut oder knnte es werden, wenn sich Pchter fnden, einige Flecke
ausgenommen, die allzutief liegen.
Die linke Seite nach dem Gebirg' zu ist schon schwerer zu behandeln. Zwar gehen
Querkanle unter der Chaussee in den Hauptkanal; da jedoch der Boden gegen die
Berge zu abfllt, so kann er auf diese Weise nicht vom Wasser befreit werden.
Man will, sagt man, einen zweiten Kanal am Gebirge herfhren. Groe Strecken,
besonders gegen Terracina, sind mit Weiden und Pappeln angeflogen.
Eine Poststation besteht aus einer bloen langen Strohhtte. Tischbein zeichnete
sie und geno zur Belohnung dafr ein Vergngen, das nur er vllig zu genieen
wei. Auf dem abgetrockneten Terrain hatte sich ein Schimmel losgemacht, der,
sich seiner Freiheit bedienend, auf dem braunen Boden wie ein Lichtstrahl hin
und wider fuhr; wirklich war es ein herrlicher Anblick, durch Tischbeins
Entzcken erst recht bedeutend.
Da, wo sonst der Ort Meza stand, hat der Papst ein groes und schnes Gebude,
als den Mittelpunkt der Flche bezeichnend, aufrichten lassen. Der Anblick
desselben vermehrt Hoffnung und Zutrauen fr das ganze Unternehmen. Und so
rckten wir immer fort, uns lebhaft unterhaltend, wohl eingedenk der Warnung,
da man auf diesem Wege nicht einschlafen drfe, und freilich erinnerte uns der
blaue Dunst, der schon in dieser Jahrszeit in gewisser Hhe ber dem Boden
schwebte, an eine gefhrliche Luftschicht. Desto erfreulicher und erwnschter
war uns die Felsenlage von Terracina, und kaum hatten wir uns daran vergngt,
als wir das Meer gleich davor erblickten. Kurz darauf lie uns die andere Seite
des Stadtberges ein Schauspiel neuer Vegetation sehen. Indianische Feigen
trieben ihre groen, fetten Bltterkrper zwischen niedrigen, graulichgrnen
Myrten, unter gelbgrnen Granatbumen und fahlgrnen Olivenzweigen. Am Wege
sahen wir neue, noch nie gesehene Blumen und Struche. Narzissen und Adonis
blhten auf den Wiesen. Man behlt das Meer eine Zeitlang rechts; die Kalkfelsen
aber bleiben links in der Nhe. Diese sind die Fortsetzung der Apenninen, welche
sich von Tivoli herziehen und ans Meer anschlieen, wovon sie erst durch die
Campagna di Roma, dann durch die frascatanischen, albanischen, velletrischen
Vulkane und endlich durch die pontinischen Smpfe getrennt wurden. Der Monte
Circello, das Vorgebirg Terracina gegenber, wo die pontinischen Smpfe sich
endigen, mag gleichfalls aus gereihten Kalkfelsen bestehen.
Wir verlieen das Meer und kamen bald in die reizende Ebene von Fondi. Dieser
kleine Raum fruchtbaren und bebauten Erdreichs, von einem nicht allzu rauhen
Gebirg' umschlossen, mu jedermann anlachen. Noch hngt die Mehrzahl der Orangen
an den Bumen, die Saat steht grn, durchaus Weizen; Oliven auf den Ackern, das
Stdtchen im Grunde. Ein Palmbaum zeichnet sich aus und ward begrt. So viel
fr diesen Abend. Verzeihung der laufenden Feder. Ich mu schreiben, ohne zu
denken, damit ich nur schreibe. Der Gegenstnde sind zuviel, der Aufenthalt zu
schlecht und doch meine Begierde allzugro, einiges dem Papiere anzuvertrauen.
Mit einbrechender Nacht kamen wir an, und es ist nun Zeit, Ruhe zu suchen.
St. Agata, den 24. Februar 1787
In einer kalten Kammer mu ich Nachricht von einem schnen Tage geben. Als wir
aus Fondi herausfuhren, ward es eben helle, und wir wurden sogleich durch die
ber die Mauern hngenden Pomeranzen auf beiden Seiten des Wegs begrt. Die
Bume hngen so voll, als man sich's nur denken kann. Obenher ist das junge Laub
gelblich, unten aber und in der Mitte von dem saftigsten Grn. Mignon hatte wohl
recht, sich dahin zu sehnen.
Dann fuhren wir durch wohlgeackerte und -bestellte Weizenfelder, in schicklichen
Rumen mit Oliven bepflanzt. Der Wind bewegte sie und brachte die silberne
Unterflche der Bltter ans Licht, die ste bogen sich leicht und zierlich. Es
war ein grauer Morgen, ein starker Nordwind versprach, alles Gewlk vllig zu
vertreiben.
Dann zog der Weg im Tale hin, zwischen steinichten, aber gut gebauten ckern,
die Saat vom schnsten Grn. An einigen Orten sah man gerumige, runde,
gepflasterte Pltze, mit niedrigen Muerchen umgeben; hier drischt man die
Frucht sogleich aus, ohne sie in Garben nach Hause zu fahren. Das Tal ward
schmler, der Weg ging bergan, Kalkfelsen standen nackt an beiden Seiten. Der
Sturm war heftiger hinter uns her. Es fielen Graupeln, die sehr langsam tauten.
Einige Mauern antiker Gebude mit netzfrmiger Arbeit berraschten uns. Auf der
Hhe sind die Pltze felsig, doch mit Olivenbumen bepflanzt, wo nur das
geringste Erdreich sie aufnehmen konnte. Nun ber eine Plaine mit Oliven, sodann
durch ein Stdtchen. Eingemauert fanden wir nun Altre, antike Grabsteine,
Fragmente aller Art in den Gartenumfriedigungen, dann trefflich gemauerte, jetzt
aber mit Erdreich ausgefllte Untergeschosse alter Landhuser, nunmehr von
Olivenwldchen bewachsen. Dann erblickten wir den Vesuv, eine Rauchwolke auf
seinem Scheitel.
Mola di Gaeta begrte uns abermals mit den reichsten Pomeranzenbumen. Wir
blieben einige Stunden. Die Bucht vor dem Stdtchen gewhrt eine der schnsten
Aussichten, das Meer splt bis heran. Folgt das Auge dem rechten Ufer und
erreicht es zuletzt das Hornende des halben Mondes, so sieht man auf einem
Felsen die Festung Gaeta in miger Ferne. Das linke Horn erstreckt sich viel
weiter; erst sieht man eine Reihe Gebirge, dann den Vesuv, dann die Inseln.
Ischia liegt fast der Mitte gegenber.
Hier fand ich am Ufer die ersten Seesterne und Seeigel ausgesplt. Ein schnes
grnes Blatt, wie das feinste Velinpapier, dann aber merkwrdige Geschiebe: am
hufigsten die gewhnlichen Kalksteine, sodann aber auch Serpentin, Jaspis,
Quarze, Kieselbreccien, Granite, Porphyre, Marmorarten, Glas von grner und
blauer Farbe. Die zuletzt genannten Steinarten sind schwerlich in dieser Gegend
erzeugt, sind wahrscheinlich Trmmern alter Gebude, und so sehen wir denn, wie
die Welle vor unsern Augen mit den Herrlichkeiten der Vorwelt spielen darf. Wir
verweilten gern und hatten unsere Lust an der Natur der Menschen, die sich
beinahe als Wilde betrugen. Von Mola sich entfernend, hat man immer schne
Aussicht, wenn sich auch das Meer verliert. Der letzte Blick darauf ist eine
liebliche Seebucht, die gezeichnet ward. Nun folgt gutes Fruchtfeld, mit Aloen
eingezunt. Wir erblickten eine Wasserleitung, die sich vom Gebirg' her nach
unkenntlichen, verworrenen Ruinen zog.
Dann folgt die berfahrt ber den Flu Garigliano. Man wandert sodann durch
ziemlich fruchtbare Gegenden auf ein Gebirg' los. Nichts Auffallendes. Endlich
der erste vulkanische Aschenhgel. Hier beginnt eine groe, herrliche Gegend von
Bergen und Grnden, ber welche zuletzt Schneegipfel hervorragen. Auf der nhern
Hhe eine lange, wohl in die Augen fallende Stadt. In dem Tal liegt St. Agata,
ein ansehnlicher Gasthof, wo ein lebhaftes Feuer in einem Kamin, das als
Kabinett angelegt ist, brannte. Indessen ist unsere Stube kalt, keine Fenster,
nur Lden, und ich eile, zu schlieen.

Neapel, den 25. Februar 1787
Endlich auch hier glcklich und mit guten Vorbedeutungen angekommen. Von der
Tagesreise nur so viel: St. Agata verlieen wir mit Sonnenaufgang, der Wind
blies heftig hinter uns her, und dieser Nordost hielt den ganzen Tag an. Erst
Nachmittag ward er Herr von den Wolken; wir litten von Klte.
Unser Weg ging wieder durch und ber vulkanische Hgel, wo ich nur noch wenige
Kalkfelsen zu bemerken glaubte. Endlich erreichten wir die Plaine von Capua,
bald darnach Capua selbst, wo wir Mittag hielten. Nachmittag tat sich ein
schnes, flaches Feld vor uns auf. Die Chaussee geht breit zwischen grnen
Weizenfeldern durch, der Weizen ist wie ein Teppich und wohl spannenhoch.
Pappeln sind reihenweis auf den Feldern gepflanzt, hoch ausgezweigt und Wein
hinangezogen. So geht es bis Neapel hinein. Ein klarer, herrlich lockerer Boden
und gut bearbeitet. Die Weinstcke von ungewhnlicher Strke und Hhe, die
Ranken wie Netze von Pappel zu Pappel schwebend.

Der Vesuv. Zeichnung von Goethe

Der Vesuv blieb uns immer zur linken Seite, gewaltsam dampfend, und ich war
still fr mich erfreut, da ich diesen merkwrdigen Gegenstand endlich auch mit
Augen sah. Der Himmel ward immer klrer, und zuletzt schien die Sonne recht hei
in unsere enge rollende Wohnung. Bei ganz rein heller Atmosphre kamen wir
Neapel nher; und nun fanden wir uns wirklich in einem andern Lande. Die Gebude
mit flachen Dchern deuten auf eine andere Himmelsgegend, inwendig mgen sie
nicht sehr freundlich sein. Alles ist auf der Strae, sitzt in der Sonne, so
lange sie scheinen will. Der Neapolitaner glaubt, im Besitz des Paradieses zu
sein, und hat von den nrdlichen Lndern einen sehr traurigen Begriff: Sempre
neve, case di legno, gran ignoranza, ma danari assai. Solch ein Bild machen sie
sich von unserm Zustande. Zur Erbauung smtlicher deutschen Vlkerschaften heit
diese Charakteristik bersetzt: Immer Schnee, hlzerne Huser, groe
Unwissenheit; aber Geld genug.
Neapel selbst kndigt sich froh, frei und lebhaft an, unzhlige Menschen rennen
durcheinander, der Knig ist auf der Jagd, die Knigin guter Hoffnung, und so
kann's nicht besser gehn.
Neapel, Montag, den 26. Februar.
Alla Locanda del Sgr. Moriconi al Largo del Castello. Unter dieser ebenso
heiter als prchtig klingenden Aufschrift wrden uns Briefe aus allen vier
Teilen der Welt nunmehr auffinden. In der Gegend des am Meere liegenden groen
Kastells erstreckt sich eine groe Weitung, die man, obgleich von allen vier
Seiten mit Husern umgeben, nicht Platz, sondern Weite (largo) genannt hat,
wahrscheinlicherweise von den ersten Zeiten her, da dieses noch ein unbegrenztes
Feld war. Hier nun tritt an der einen Seite ein groes Eckhaus herein, und wir
faten Fu in einem gerumigen Ecksaale, der einen freien und frohen berblick
ber die immer bewegte Flche gewhrt. Ein eiserner Balkon zieht sich auen an
mehrern Fenstern vorbei, selbst um die Ecke hin. Man wrde davon nicht
wegkommen, wenn der scharfe Wind nicht uerst fhlbar wre.
Der Saal ist munter dekoriert, besonders aber die Decke, deren Arabesken in
hundert Abteilungen schon die Nhe von Pompeji und Herculanum verknden. Das
wre nun alles schn und gut, aber keine Feuersttte, kein Kamin ist zu
bemerken, und der Februar bt denn doch auch hier seine Rechte. Ich sehnte mich
nach einiger Erwrmung.
Man brachte mir einen Dreifu, von der Erde dergestalt erhht, da man die Hnde
bequem drber halten konnte. Auf demselben war ein flaches Becken befestigt,
dieses enthielt ganz zarte glhende Kohlen, gar glatt mit Asche bedeckt. Hier
gilt es nun haushltig sein, wie wir es in Rom schon gelernt. Mit dem Ohr eines
Schlssels zieht man von Zeit zu Zeit die oberflchliche Asche behutsam weg, so
da von den Kohlen wieder etwas an die freie Luft gelange. Wollte man jedoch
ungeduldig die Glut aufwhlen, so wrde man einen Augenblick grere Wrme
spren, aber sehr bald die ganze Glut erschpft haben, da denn das Becken
abermals gegen Erlegung einer gewissen Summe zu fllen wre.
Ich befand mich nicht ganz wohl und htte freilich mehr Bequemlichkeit
gewnscht. Eine Schilfmatte diente gegen die Einflsse des Estrichs; Pelze sind
nicht gewhnlich, und ich entschlo mich, eine Schifferkutte, die wir aus Scherz
mitgenommen hatten, anzuziehen, die mir gute Dienste leistete, besonders nachdem
ich sie mit einem Kofferstrick um den Leib befestigt hatte, da ich mir denn als
Mittelding zwischen Matrosen und Kapuziner sehr komisch vorkommen mute.
Tischbein, der von Besuchen bei Freunden zurckkehrte, konnte sich des Lachens
nicht enthalten.
Neapel, den 27. Februar 1787
Gestern bracht' ich den Tag in Ruhe zu, um eine kleine krperliche
Unbequemlichkeit erst abzuwarten, heute ward geschwelgt und die Zeit mit
Anschauung der herrlichsten Gegenstnde zugebracht. Man sage, erzhle, male, was
man will, hier ist mehr als alles. Die Ufer, Buchten und Busen des Meeres, der
Vesuv, die Stadt, die Vorstdte, die Kastelle, die Lustrume! - Wir sind auch
noch abends in die Grotte des Posilipo gegangen, da eben die untergehende Sonne
zur andern Seite hereinschien. Ich verzieh es allen, die in Neapel von Sinnen
kommen, und erinnerte mich mit Rhrung meines Vaters, der einen unauslschlichen
Eindruck besonders von denen Gegenstnden, die ich heut zum erstenmal sah,
erhalten hatte. Und wie man sagt, da einer, dem ein Gespenst erschienen, nicht
wieder froh wird, so konnte man umgekehrt von ihm sagen, da er nie ganz
unglcklich werden konnte, weil er sich immer wieder nach Neapel dachte. Ich bin
nun nach meiner Art ganz stille und mache nur, wenn's gar zu toll wird, groe,
groe Augen.
Neapel, den 28. Februar 1787.
Heute besuchten wir Philipp Hackert, den berhmten Landschaftsmaler, der eines
besondern Vertrauens, einer vorzglichen Gnade des Knigs und der Knigin
geniet. Man hat ihm einen Flgel des Palasts Francavilla eingerumt, den er mit
Knstlergeschmack mblieren lie und mit Zufriedenheit bewohnt. Es ist ein sehr
bestimmter, kluger Mann, der bei unausgesetztem Flei das Leben zu genieen
versteht.
Dann gingen wir ans Meer und sahen allerlei Fische und wunderliche Gestalten aus
den Wellen ziehen. Der Tag war herrlich, die Tramontane leidlich.
Neapel, den 1. Mrz.
Schon in Rom hatte man meinem eigensinnigen Einsiedlersinne, mehr als mir lieb
war, eine gesellige Seite abgewonnen. Freilich scheint es ein wunderlich
Beginnen, da man in die Welt geht, um allein bleiben zu wollen. So hatte ich
denn auch dem Frsten von Waldeck nicht widerstehen knnen, der mich aufs
freundlichste einlud und durch Rang und Einflu mir Teilnahme an manchem Guten
verschaffte. Kaum waren wir in Neapel angekommen, wo er sich schon eine Zeitlang
aufhielt, als er uns einladen lie, mit ihm eine Fahrt nach Pozzuoli und der
anliegenden Gegend zu machen. Ich dachte heute schon auf den Vesuv, Tischbein
aber ntigt mich zu jener Fahrt, die, an und fr sich angenehm, bei dem
schnsten Wetter in Gesellschaft eines so vollkommenen und unterrichteten
Frsten sehr viel Freude und Nutzen verspricht. Auch haben wir schon in Rom eine
schne Dame gesehen, nebst ihrem Gemahl von dem Frsten unzertrennlich; diese
soll gleichfalls von der Partie sein, und man hofft alles Erfreuliche.
Auch bin ich dieser edlen Gesellschaft durch frhere Unterhaltung genauer
bekannt. Der Frst nmlich fragte bei unserer ersten Bekanntschaft, womit ich
mich jetzt beschftige, und meine Iphigenia war mir so gegenwrtig, da ich
sie einen Abend umstndlich genug erzhlen konnte. Man ging drauf ein; aber ich
glaubte doch zu merken, da man etwas Lebhafteres, Wilderes von mir erwartet
hatte.
Abends.
Von dem heutigen Tage wre schwerlich Rechenschaft zu geben. Wer hat es nicht
erfahren, da die flchtige Lesung eines Buchs, das ihn unwiderstehlich fortri,
auf sein ganzes Leben den grten Einflu hatte und schon die Wirkung entschied,
zu der Wiederlesen und ernstliches Betrachten kaum in der Folge mehr hinzutun
konnte. So ging es mir einst mit Sakontala, und geht es uns mit bedeutenden
Menschen nicht gleicherweise? Eine Wasserfahrt bis Pozzuoli, leichte
Landfahrten, heitere Spaziergnge durch die wundersamste Gegend von der Welt.
Unterm reinsten Himmel der unsicherste Boden. Trmmern undenkbarer
Wohlhbigkeit, zerlstert und unerfreulich. Siedende Wasser, Schwefel
aushauchende Grfte, dem Pflanzenleben widerstrebende Schlackenberge, kahle,
widerliche Rume und dann doch zuletzt eine immer ppige Vegetation,
eingreifend, wo sie nur irgend vermag, sich ber alles Erttete erhebend, um
Landseen und Bche umher, ja, den herrlichsten Eichwald an den Wnden eines
alten Kraters behauptend.
Und so wird man zwischen Natur- und Vlkerereignissen hin und wider getrieben.
Man wnscht zu denken und fhlt sich dazu zu ungeschickt. Indessen lebt der
Lebendige lustig fort, woran wir es denn auch nicht fehlen lieen. Gebildete
Personen, der Welt und ihrem Wesen angehrend, aber auch, durch ernstes Geschick
gewarnt, zu Betrachtungen aufgelegt. Unbegrenzter Blick ber Land, Meer und
Himmel, zurckgerufen in die Nhe einer liebenswrdigen jungen Dame, Huldigung
anzunehmen gewohnt und geneigt.
Unter allem diesem Taumel jedoch verfehlt' ich nicht, manches anzumerken. Zu
knftiger Redaktion wird die an Ort und Stelle benutzte Karte und eine flchtige
Zeichnung von Tischbein die beste Hlfe geben; heute ist mir nicht mglich, auch
nur das mindeste hinzuzufgen.
Den 2. Mrz
bestieg ich den Vesuv, obgleich bei trbem Wetter und umwlktem Gipfel. Fahrend
gelangt' ich nach Resina, sodann auf einem Maultiere den Berg zwischen
Weingrten hinauf; nun zu Fu ber die Lava vom Jahre Einundsiebenzig, die schon
feines, aber festes Moos auf sich erzeugt hatte; dann an der Seite der Lava her.
Die Htte des Einsiedlers blieb mir links auf der Hhe. Ferner den Aschenberg
hinauf, welches eine sauere Arbeit ist. Zwei Dritteile dieses Gipfels waren mit
Wolken bedeckt. Endlich erreichten wir den alten, nun ausgefllten Krater,
fanden die neuen Laven von zwei Monaten vierzehn Tagen, ja, eine schwache von
fnf Tagen schon erkaltet. Wir stiegen ber sie an einem erst aufgeworfenen
vulkanischen Hgel hinauf, er dampfte aus allen Enden. Der Rauch zog von uns
weg, und ich wollte nach dem Krater gehn. Wir waren ungefhr funfzig Schritte in
den Dampf hinein, als er so stark wurde, da ich kaum meine Schuhe sehen konnte.
Das Schnupftuch vorgehalten half nichts, der Fhrer war mir auch verschwunden,
die Tritte auf den ausgeworfenen Lavabrckchen unsicher, ich fand fr gut,
umzukehren und mir den gewnschten Anblick auf einen heitern Tag und
verminderten Rauch zu sparen. Indes wei ich doch auch, wie schlecht es sich in
solcher Atmosphre Atem holt.
Der Krater des Vesuvs. Radierung nach Fabris
brigens war der Berg ganz still. Weder Flamme, noch Brausen, noch Steinwurf,
wie er doch die ganze Zeit her trieb. Ich habe ihn nun rekognosziert, um ihn
frmlich, sobald das Wetter gut werden will, zu belagern.
Die Laven, die ich fand, waren mir meist bekannte Gegenstnde. Ein Phnomen hab'
ich aber entdeckt, das mir sehr merkwrdig schien und das ich nher untersuchen,
nach welchem ich mich bei Kennern und Sammlern erkundigen will. Es ist eine
tropfsteinfrmige Bekleidung einer vulkanischen Esse, die ehemals zugewlbt war,
jetzt aber aufgeschlagen ist und aus dem alten, nun ausgefllten Krater
herausragt. Dieses feste, grauliche, tropfsteinfrmige Gestein scheint mir durch
Sublimation der allerfeinsten vulkanischen Ausdnstungen ohne Mitwirkung von
Feuchtigkeit und ohne Schmelzung gebildet worden zu sein; es gibt zu weitern
Gedanken Gelegenheit.
Heute, den dritten Mrz, ist der Himmel bedeckt und ein Scirocco weht; zum
Posttage gutes Wetter.
Sehr gemischte Menschen, schne Pferde und wunderliche Fische habe ich hier
brigens schon genug gesehn.
Von der Lage der Stadt und ihren Herrlichkeiten, die so oft beschrieben und
belobt sind, kein Wort. Vedi Napoli e poi muori! sagen sie hier. Siehe Neapel
und stirb!

Neapel, den 3. Mrz.
Da kein Neapolitaner von seiner Stadt weichen will, da ihre Dichter von der
Glckseligkeit der hiesigen Lage in gewaltigen Hyperbeln singen, ist ihnen nicht
zu verdenken, und wenn auch noch ein paar Vesuve in der Nachbarschaft stnden.
Man mag sich hier an Rom gar nicht zurckerinnern; gegen die hiesige freie Lage
kommt einem die Hauptstadt der Welt im Tibergrunde wie ein altes, belplaciertes
Kloster vor.
Das See- und Schiffwesen gewhrt auch ganz neue Zustnde. Die Fregatte nach
Palermo ging mit reiner, starker Tramontane gestern ab. Diesmal hat sie gewi
nicht ber sechsunddreiig Stunden auf der Fahrt zugebracht. Mit welcher
Sehnsucht sah ich den vollen Segeln nach, als das Schiff zwischen Capri und Kap
Minerva durchfuhr und endlich verschwand. Wenn man jemand Geliebtes so
fortfahren she, mte man vor Sehnsucht sterben! Jetzt weht der Scirocco; wenn
der Wind strker wird, werden die Wellen um den Molo lustig genug sein.
Heute, als an einem Freitage, war die groe Spazierfahrt des Adels, wo jeder
seine Equipagen, besonders Pferde, produziert. Man kann unmglich etwas
Zierlicheres sehen als diese Geschpfe hier; es ist das erste Mal in meinem
Leben, da mir das Herz gegen sie aufgeht.
Neapel, den 3. Mrz.
Hier schick' ich einige gedrngte Bltter als Nachricht von dem Einstande, den
ich hier gegeben. Auch ein an der Ecke angeschmauchtes Kuvert eures letzten
Briefes zum Zeugnis, da er mit auf dem Vesuv gewesen. Doch mu ich euch nicht,
weder im Traume noch im Wachen, von Gefahr umgeben erscheinen; seid versichert,
da, wo ich gehe, ist nicht mehr Gefahr als auf der Chaussee nach Belvedere. Die
Erde ist berall des Herrn! kann man wohl bei dieser Gelegenheit sagen. Ich
suche keine Abenteuer aus Vorwitz noch Sonderbarkeit, aber weil ich meist klar
bin und dem Gegenstand bald seine Eigentmlichkeit abgewinne, so kann ich mehr
tun und wagen als ein anderer. Nach Sizilien ist's nichts weniger als
gefhrlich. Vor einigen Tagen fuhr die Fregatte nach Palermo mit gnstigem
Nordostwind ab, sie lie Capri rechts und hat gewi den Weg in sechsunddreiig
Stunden zurckgelegt. Drben sieht es auch in der Wirklichkeit nicht so
gefhrlich aus, als man es in der Ferne zu machen beliebt.
Vom Erdbeben sprt man jetzt im untern Teile von Italien gar nichts, im obern
ward neulich Rimini und naheliegende Orte beschdigt. Es hat wunderliche Launen,
man spricht hier davon wie von Wind und Wetter und in Thringen von
Feuersbrnsten.
Mich freut, da ihr nun mit der neuen Bearbeitung der Iphigenia euch
befreundet; noch lieber wre mir's, wenn euch der Unterschied fhlbarer geworden
wre. Ich wei, was ich daran getan habe, und darf davon reden, weil ich es noch
weiter treiben knnte. Wenn es eine Freude ist, das Gute zu genieen, so ist es
eine grere, das Bessere zu empfinden, und in der Kunst ist das Beste gut
genug.
Neapel, den 5. Mrz.
Den zweiten Fastensonntag benutzten wir, von Kirche zu Kirche zu wandern. Wie in
Rom alles hchst ernsthaft ist, so treibt sich hier alles lustig und wohlgemut.
Auch die neapolitanische Malerschule begreift man nur zu Neapel. Hier sieht man
mit Verwunderung die ganze Vorderseite einer Kirche von unten bis oben gemalt,
ber der Tre Christus, der die Kufer und Verkufer zum Tempel hinaustreibt,
welche zu beiden Seiten, munter und zierlich erschreckt, die Treppen
herunterpurzeln. Innerhalb einer andern Kirche ist der Raum ber dem Eingang
reichhaltig mit einem Freskogemlde geziert, die Vertreibung Heliodors
vorstellend. Luca Giordano mute sich freilich sputen, um solche Flchen
auszufllen. Auch die Kanzel ist nicht immer wie anderwrts ein Katheder,
Lehrstuhl fr eine einzelne Person, sondern eine Galerie, auf welcher ich einen
Kapuziner hin und her schreiten und bald von dem einen, bald von dem andern Ende
dem Volk seine Sndhaftigkeit vorhalten sah. Was wre da nicht alles zu
erzhlen!
Aber weder zu erzhlen noch zu beschreiben ist die Herrlichkeit einer
Vollmondnacht, wie wir sie genossen, durch die Straen ber die Pltze wandelnd,
auf der Chiaja, dem unermelichen Spaziergang, sodann am Meeresufer hin und
wider. Es bernimmt einen wirklich das Gefhl von Unendlichkeit des Raums. So zu
trumen ist denn doch der Mhe wert.
Neapel, den 5. Mrz 1787.
Von einem trefflichen Manne, den ich diese Tage kennen gelernt, mu ich krzlich
das Allgemeinste erwhnen. Es ist Ritter Filangieri, bekannt durch sein Werk
ber die Gesetzgebung. Er gehrt zu den ehrwrdigen jungen Mnnern, welche das
Glck der Menschen und eine lbliche Freiheit derselben im Auge behalten. An
seinem Betragen kann man den Soldaten, den Ritter und Weltmann erkennen,
gemildert ist jedoch dieser Anstand durch den Ausdruck eines zarten sittlichen
Gefhls, welches, ber die ganze Person verbreitet, aus Wort und Wesen gar
anmutig hervorleuchtet. Auch er ist seinem Knige und dessen Knigreich im
Herzen verbndet, wenn er auch nicht alles billigt, was geschieht; aber auch er
ist gedrckt durch die Furcht vor Joseph dem Zweiten. Das Bild eines Despoten,
wenn es auch nur in der Luft schwebt, ist edlen Menschen schon frchterlich. Er
sprach mit mir ganz offen, was Neapel von jenem zu frchten habe. Er unterhlt
sich gern ber Montesquieu, Beccaria, auch ber seine eigenen Schriften, alles
in demselben Geiste des besten Wollens und einer herzlichen jugendlichen Lust,
das Gute zu wirken. Er mag noch in den Dreiigen stehen.
Gar bald machte er mich mit einem alten Schriftsteller bekannt, an dessen
unergrndlicher Tiefe sich diese neuern italienischen Gesetzfreunde hchlich
erquicken und erbauen, er heit Johann Baptista Vico, sie ziehen ihn dem
Montesquieu vor. Bei einem flchtigen berblick des Buches, das sie mir als ein
Heiligtum mitteilten, wollte mir scheinen, hier seien sibyllinische Vorahnungen
des Guten und Rechten, das einst kommen soll oder sollte, gegrndet auf ernste
Betrachtungen des berlieferten und des Lebens. Es ist gar schn, wenn ein Volk
solch einen ltervater besitzt; den Deutschen wird einst Hamann ein hnlicher
Kodex werden.
Neapel, den 6. Mrz 1787.
Obgleich ungern, doch aus treuer Geselligkeit, begleitete Tischbein mich heute
auf den Vesuv. Ihm, dem bildenden Knstler, der sich nur immer mit den schnsten
Menschen- und Tierformen beschftigt, ja das Ungeformte selbst, Felsen und
Landschaften, durch Sinn und Geschmack vermenschlicht, ihm wird eine solche
furchtbare, ungestalte Aufhufung, die sich immer wieder selbst verzehrt und
allem Schnheitsgefhl den Krieg ankndigt, ganz abscheulich vorkommen.
Wir fuhren auf zwei Kalessen, weil wir uns als Selbstfhrer durch das Gewhl der
Stadt nicht durchzuwinden getrauten. Der Fahrende schreit unaufhrlich: Platz,
Platz!, damit Esel, Holz oder Kehricht Tragende, entgegenrollende Kalessen,
lastschleppende oder frei wandelnde Menschen, Kinder und Greise sich vorsehen,
ausweichen, ungehindert aber der scharfe Trab fortgesetzt werde.
Der Weg durch die uersten Vorstdte und Grten sollte schon auf etwas
Plutonisches hindeuten. Denn da es lange nicht geregnet, waren von dickem,
aschgrauem Staube die von Natur immergrnen Bltter berdeckt, alle Dcher,
Gurtgesimse und was nur irgend eine Flche bot, gleichfalls bergraut, so da
nur der herrliche blaue Himmel und die hereinscheinende mchtige Sonne ein
Zeugnis gab, da man unter den Lebendigen wandle.
Am Fue des steilen Hanges empfingen uns zwei Fhrer, ein lterer und ein
jngerer, beides tchtige Leute. Der erste schleppte mich, der zweite Tischbein
den Berg hinauf. Sie schleppten, sage ich; denn ein solcher Fhrer umgrtet sich
mit einem ledernen Riemen, in welchen der Reisende greift und, hinaufwrts
gezogen, sich an einem Stabe auf seinen eigenen Fen desto leichter emporhilft.
So erlangten wir die Flche, ber welcher sich der Kegelberg erhebt, gegen
Norden die Trmmer der Somma.
Ein Blick westwrts ber die Gegend nahm wie ein heilsames Bad alle Schmerzen
der Anstrengung und alle Mdigkeit hinweg, und wir umkreisten nunmehr den immer
qualmenden, Stein und Asche auswerfenden Kegelberg. Solange der Raum gestattete,
in gehriger Entfernung zu bleiben, war es ein groes, geisterhebendes
Schauspiel. Erst ein gewaltsamer Donner, der aus dem tiefsten Schlunde
hervortnte, sodann Steine, grere und kleinere, zu Tausenden in die Luft
geschleudert, von Aschenwolken eingehllt. Der grte Teil fiel in den Schlund
zurck. Die andern, nach der Seite zu getriebenen Brocken, auf die Auenseite
des Kegels niederfallend, machten ein wunderbares Gerusch: erst plumpten die
schwereren und hupften mit dumpfem Getn an die Kegelseite hinab, die geringeren
klapperten hinterdrein, und zuletzt rieselte die Asche nieder. Dieses alles
geschah in regelmigen Pausen, die wir durch ein ruhiges Zhlen sehr wohl
abmessen konnten.
Zwischen der Somma und dem Kegelberge ward aber der Raum enge genug, schon
fielen mehrere Steine um uns her und machten den Umgang unerfreulich. Tischbein
fhlte sich nunmehr auf dem Berge noch verdrielicher, da dieses Ungetm, nicht
zufrieden, hlich zu sein, auch noch gefhrlich werden wollte.
Wie aber durchaus eine gegenwrtige Gefahr etwas Reizendes hat und den
Widerspruchsgeist im Menschen auffordert, ihr zu trotzen, so bedachte ich, da
es mglich sein msse, in der Zwischenzeit von zwei Eruptionen den Kegelberg
hinauf an den Schlund zu gelangen und auch in diesem Zeitraum den Rckweg zu
gewinnen. Ich ratschlagte hierber mit den Fhrern unter einem berhngenden
Felsen der Somma, wo wir, in Sicherheit gelagert, uns an den mitgebrachten
Vorrten erquickten. Der jngere getraute sich, das Wagestck mit mir zu
bestehen, unsere Hutkpfe ftterten wir mit leinenen und seidenen Tchern, wir
stellten uns bereit, die Stbe in der Hand, ich seinen Grtel fassend.
Noch klapperten die kleinen Steine um uns herum, noch rieselte die Asche, als
der rstige Jngling mich schon ber das glhende Gerlle hinaufri. Hier
standen wir an dem ungeheuren Rachen, dessen Rauch eine leise Luft von uns
ablenkte, aber zugleich das Innere des Schlundes verhllte, der ringsum aus
tausend Ritzen dampfte. Durch einen Zwischenraum des Qualmes erblickte man hie
und da geborstene Felsenwnde. Der Anblick war weder unterrichtend noch
erfreulich, aber eben deswegen, weil man nichts sah, verweilte man, um etwas
herauszusehen. Das ruhige Zhlen war versumt, wir standen auf einem scharfen
Rande vor dem ungeheuern Abgrund. Auf einmal erscholl der Donner, die furchtbare
Ladung flog an uns vorbei, wir duckten uns unwillkrlich, als wenn uns das vor
den niederstrzenden Massen gerettet htte; die kleineren Steine klapperten
schon, und wir, ohne zu bedenken, da wir abermals eine Pause vor uns hatten,
froh, die Gefahr berstanden zu haben, kamen mit der noch rieselnden Asche am
Fue des Kegels an, Hte und Schultern genugsam eingeschert.
Von Tischbein aufs freundlichste empfangen, gescholten und erquickt, konnte ich
nun den lteren und neueren Laven eine besondere Aufmerksamkeit widmen. Der
betagte Fhrer wute genau die Jahrgnge zu bezeichnen. ltere waren schon mit
Asche bedeckt und ausgeglichen, neuere, besonders die langsam geflossenen, boten
einen seltsamen Anblick; denn indem sie, fortschleichend, die auf ihrer
Oberflche erstarrten Massen eine Zeitlang mit sich hinschleppen, so mu es doch
begegnen, da diese von Zeit zu Zeit stocken, aber, von den Glutstrmen noch
fortbewegt, bereinander geschoben, wunderbar zackig erstarrt verharren,
seltsamer als im hnlichen Fall die bereinander getriebenen Eisschollen. Unter
diesem geschmolzenen wsten Wesen fanden sich auch groe Blcke, welche,
angeschlagen, auf dem frischen Bruch einer Urgebirgsart vllig hnlich sehen.
Die Fhrer behaupteten, es seien alte Laven des tiefsten Grundes, welche der
Berg manchmal auswerfe.
Auf unserer Rckkehr nach Neapel wurden mir kleine Huser merkwrdig,
einstckig, sonderbar gebaut, ohne Fenster, die Zimmer nur durch die auf die
Strae gehende Tre erleuchtet. Von frher Tageszeit bis in die Nacht sitzen die
Bewohner davor, da sie sich denn zuletzt in ihre Hhlen zurckziehen.
Die auf eine etwas verschiedene Weise am Abend tumultuierende Stadt entlockte
mir den Wunsch, einige Zeit hier verweilen zu knnen, um das bewegliche Bild
nach Krften zu entwerfen. Es wird mir nicht so wohl werden.

Neapel, Mittwoch, den 7. Mrz 1787.
Und so hat mir diese Woche Tischbein redlich einen groen Teil der Kunstschtze
von Neapel gezeigt und ausgelegt. Er, ein trefflicher Tierkenner und Zeichner,
machte mich schon frher aufmerksam auf einen Pferdekopf von Erz im Palast
Colombrano. Wir gingen heute dahin. Dieser Kunstrest steht gerade der Torfahrt
gegenber im Hofe in einer Nische ber einem Brunnen und setzt in Erstaunen; was
mu das Haupt erst mit den brigen Gliedern, zu einem Ganzen verbunden, fr
Wirkung getan haben! Das Pferd im ganzen war viel grer als die auf der
Markuskirche, auch lt hier das Haupt, nher und einzeln beschaut, Charakter
und Kraft nur desto deutlicher erkennen und bewundern. Der prchtige
Stirnknochen, die schnaubende Nase, die aufmerkenden Ohren, die starre Mhne!
ein mchtig aufgeregtes, krftiges Geschpf.
Wir kehrten uns um, eine weibliche Statue zu bemerken, die ber dem Torwege in
einer Nische stand. Sie wird fr die Nachbildung einer Tnzerin schon von
Winckelmann gehalten, wie denn solche Knstlerinnen in lebendiger Bewegung auf
das mannigfaltigste dasjenige vorstellen, was die bildenden Meister uns als
erstarrte Nymphen und Gttinnen aufbewahren. Sie ist sehr leicht und schn, der
Kopf war abgebrochen, ist aber gut wieder aufgesetzt, brigens nichts daran
versehrt, und verdiente wohl einen bessern Platz.
Neapel, den 9. Mrz.
Heute erhalte ich die liebsten Briefe vom 16. Februar. Schreibet nur immer fort.
Ich habe meine Zwischenposten wohl bestellt und werde es auch tun, wenn ich
weitergehen sollte. Gar sonderbar kommt es mir vor, in so groer Entfernung zu
lesen, da die Freunde nicht zusammenkommen, und doch ist oft nichts
natrlicher, als da man nicht zusammenkommt, wenn man so nahe beisammen ist.
Das Wetter hat sich verdunkelt, es ist im Wechseln, das Frhjahr tritt ein, und
wir werden Regentage haben. Noch ist der Gipfel des Vesuvs nicht heiter
geworden, seit ich droben war. Diese letzten Nchte sah man ihn manchmal
flammen, jetzt hlt er wieder inne, man erwartet strkeren Ausbruch.
Die Strme dieser Tage haben uns ein herrliches Meer gezeigt, da lieen sich die
Wellen in ihrer wrdigen Art und Gestalt studieren; die Natur ist doch das
einzige Buch, das auf allen Blttern groen Gehalt bietet. Dagegen gibt mir das
Theater gar keine Freude mehr. Sie spielen hier in den Fasten geistliche Opern,
die sich von den weltlichen in gar nichts unterscheiden, als da keine Ballette
zwischen den Akten eingeschaltet sind; brigens aber so bunt als mglich. Im
Theater St. Carlo fhren sie auf: Zerstrung von Jerusalem durch Nebukadnezar.
Mir ist es ein groer Guckkasten; es scheint, ich bin fr solche Dinge
verdorben.
Heute waren wir mit dem Frsten von Waldeck auf Capo di Monte, wo die groe
Sammlung von Gemlden, Mnzen u. d. g. sich befindet, nicht angenehm
aufgestellt, doch kostbare Sachen. Mir bestimmen und besttigen sich nunmehr so
viele Traditionsbegriffe. Was von Mnzen, Gemmen, Vasen einzeln wie die
gestutzten Zitronenbume nach Norden kommt, sieht in Masse hier ganz anders aus,
da, wo diese Schtze einheimisch sind. Denn wo Werke der Kunst rar sind, gibt
auch die Raritt ihnen einen Wert, hier lernt man nur das Wrdige schtzen.
Sie bezahlen jetzt groes Geld fr die etrurischen Vasen, und gewi finden sich
schne und treffliche Stcke darunter. Kein Reisender, der nicht etwas davon
besitzen wollte. Man schlgt sein Geld nicht so hoch an als zu Hause, ich
frchte, selbst noch verfhrt zu werden.
Neapel, Freitag, den 9. Mrz 1787.
Das ist das Angenehme auf Reisen, da auch das Gewhnliche durch Neuheit und
berraschung das Ansehen eines Abenteuers gewinnt. Als ich von Capo di Monte
zurckkam, machte ich noch einen Abendbesuch bei Filangieri, wo ich auf dem
Kanapee neben der Hausfrau ein Frauenzimmer sitzend fand, deren ueres mir
nicht zu dem vertraulichen Betragen zu passen schien, dem sie sich ganz ohne
Zwang hingab. In einem leichten, gestreiften, seidenen Fhnchen, den Kopf
wunderlich aufgeputzt, sah die kleine, niedliche Figur einer Putzmacherin
hnlich, die, fr die Zierde anderer sorgend, ihrem eigenen Aussehen wenig
Aufmerksamkeit schenkt. Sie sind so gewohnt, ihre Arbeit bezahlt zu sehen, da
sie nicht begreifen, wie sie fr sich selbst etwas gratis tun sollen. Durch
meinen Eintritt lie sie sich in ihrem Plaudern nicht stren und brachte eine
Menge possierliche Geschichten vor, welche ihr dieser Tage begegnet oder
vielmehr durch ihre Strudeleien veranlat worden.
Die Dame vom Hause wollte mir auch zum Wort verhelfen, sprach ber die herrliche
Lage von Capo di Monte und die Schtze daselbst. Das muntere Weibchen dagegen
sprang in die Hhe und war, auf ihren Fen stehend, noch artiger als zuvor. Sie
empfahl sich, rannte nach der Tre und sagte mir im Vorbeigehen: Filangieris
kommen diese Tage zu mir zu Tische, ich hoffe, Sie auch zu sehen! Fort war sie,
ehe ich noch zusagen konnte. Nun vernahm ich, es sei die Prinzessin XXX, mit dem
Hause nah verwandt. Filangieris waren nicht reich und lebten in anstndiger
Einschrnkung. So dacht' ich mir das Prinzechen auch, da ohnehin solche hohe
Titel in Neapel nicht selten sind. Ich merkte mir den Namen, Tag und Stunde und
zweifelte nicht, mich am rechten Orte zu gehriger Zeit einzufinden.
Neapel, Sonntag, den 11. Mrz 1787
Da mein Aufenthalt in Neapel nicht lange dauern wird, so nehme ich gleich die
entfernteren Punkte zuerst, das Nhere gibt sich. Mit Tischbein fuhr ich nach
Pompeji, da wir denn alle die herrlichen Ansichten links und rechts neben uns
liegen sahen, welche, durch so manche landschaftliche Zeichnung uns wohlbekannt,
nunmehr in ihrem zusammenhngenden Glanze erschienen. Pompeji setzt jedermann
wegen seiner Enge und Kleinheit in Verwunderung. Schmale Straen, obgleich grade
und an der Seite mit Schrittplatten versehen, kleine Huser ohne Fenster, aus
den Hfen und offenen Galerien die Zimmer nur durch die Tren erleuchtet. Selbst
ffentliche Werke, die Bank am Tor, der Tempel, sodann auch eine Villa in der
Nhe, mehr Modell und Puppenschrank als Gebude. Diese Zimmer, Gnge und
Galerien aber aufs heiterste gemalt, die Wandflchen einfrmig, in der Mitte ein
ausfhrliches Gemlde, jetzt meist ausgebrochen, an Kanten und Enden leichte und
geschmackvolle Arabesken, aus welchen sich auch wohl niedliche Kinder- und
Nymphengestalten entwickeln, wenn an einer andern Stelle aus mchtigen
Blumengewinden wilde und zahme Tiere hervordringen. Und so deutet der jetzige
ganz wste Zustand einer erst durch Stein- und Aschenregen bedeckten, dann aber
durch die Aufgrabenden geplnderten Stadt auf eine Kunst- und Bilderlust eines
ganzen Volkes, von der jetzo der eifrigste Liebhaber weder Begriff, noch Gefhl,
noch Bedrfnis hat.
Ausgrabung des Isistempels in Pompeji. Radierung nach Fabris
Bedenkt man die Entfernung dieses Orts vom Vesuv, so kann die bedeckende
vulkanische Masse weder durch ein Schleudern noch durch einen Windsto hierher
getrieben sein; man mu sich vielmehr vorstellen, da diese Steine und Asche
eine Zeitlang wolkenartig in der Luft geschwebt, bis sie endlich ber diesem
unglcklichen Orte niedergegangen.
Wenn man sich nun dieses Ereignis noch mehr versinnlichen will, so denke man
allenfalls ein eingeschneites Bergdorf. Die Rume zwischen den Gebuden, ja die
zerdrckten Gebude selbst wurden ausgefllt, allein Mauerwerk mochte hier und
da noch herausstehen, als frher oder spter der Hgel zu Weinbergen und Grten
benutzt wurde. So hat nun gewi mancher Eigentmer, auf seinem Anteil
niedergrabend, eine bedeutende Vorlese gehalten. Mehrere Zimmer fand man leer
und in der Ecke des einen einen Haufen Asche, der mancherlei kleines Hausgerte
und Kunstarbeiten versteckte.
Den wunderlichen, halb unangenehmen Eindruck dieser mumisierten Stadt wuschen
wir wieder aus den Gemtern, als wir, in der Laube zunchst des Meeres in einem
geringen Gasthof sitzend, ein frugales Mahl verzehrten und uns an der
Himmelsblue, an des Meeres Glanz und Licht ergtzten, in Hoffnung, wenn dieses
Fleckchen mit Weinlaub bedeckt sein wrde, uns hier wiederzusehen und uns
zusammen zu ergtzen.
Nher an der Stadt fielen mir die kleinen Huser wieder auf, die als vollkommene
Nachbildungen der pompejanischen dastehen. Wir erbaten uns die Erlaubnis, in
eins hineinzutreten, und fanden es sehr reinlich eingerichtet. Nett geflochtene
Rohrsthle, eine Kommode ganz vergoldet, mit bunten Blumen staffiert und
lackiert, so da nach so vielen Jahrhunderten, nach unzhligen Vernderungen
diese Gegend ihren Bewohnern hnliche Lebensart und Sitte, Neigungen und
Liebhabereien einflt.
Neapel, Montag, den 12. Mrz.
Heute schlich ich beobachtend meiner Weise nach durch die Stadt und notierte mir
viele Punkte zu dereinstiger Schilderung derselben, davon ich leider gegenwrtig
nichts mitteilen kann. Alles deutet dahin, da ein glckliches, die ersten
Bedrfnisse reichlich anbietendes Land auch Menschen von glcklichem Naturell
erzeugt, die ohne Kmmernis erwarten knnen, der morgende Tag werde bringen, was
der heutige gebracht, und deshalb sorgenlos dahin leben. Augenblickliche
Befriedigung, miger Genu, vorbergehender Leiden heiteres Dulden! - Von dem
letzteren ein artiges Beispiel.
Der Morgen war kalt und feuchtlich, es hatte wenig geregnet. Ich gelangte auf
einen Platz, wo die groen Quadern des Pflasters reinlich gekehrt erschienen. Zu
meiner groen Verwunderung sah ich auf diesem vllig ebenen, gleichen Boden eine
Anzahl zerlumpter Knaben im Kreise kauzend, die Hnde gegen den Boden gewendet,
als wenn sie sich wrmten. Erst hielt ich's fr eine Posse, als ich aber ihre
Mienen vllig ernsthaft und beruhigt sah wie bei einem befriedigten Bedrfnis,
so strengte ich meinen Scharfsinn mglichst an, er wollte mich aber nicht
begnstigen. Ich mute daher fragen, was denn diese ffchen zu der sonderbaren
Positur verleite und sie in diesen regelmigen Kreis versammle.
Hierauf erfuhr ich, da ein anwohnender Schmied auf dieser Stelle eine
Radschiene hei gemacht, welches auf folgende Weise geschieht. Der eiserne Reif
wird auf den Boden gelegt und auf ihn im Kreise so viel Eichenspne gehuft, als
man ntig hlt, ihn bis auf den erforderlichen Grad zu erweichen. Das entzndete
Holz brennt ab, die Schiene wird ums Rad gelegt und die Asche sorgfltig
weggekehrt. Die dem Pflaster mitgeteilte Wrme benutzen sogleich die kleinen
Huronen und rhren sich nicht eher von der Stelle, als bis sie den letzten
warmen Hauch ausgezogen haben. Beispiele solcher Gengsamkeit und aufmerksamen
Benutzens dessen, was sonst verlorenginge, gibt es hier unzhlige. Ich finde in
diesem Volk die lebhafteste und geistreichste Industrie, nicht um reich zu
werden, sondern um sorgenfrei zu leben.

Abends.
Damit ich ja zur bestimmten Zeit heute bei dem wunderlichen Prinzechen wre und
das Haus nicht verfehlte, berief ich einen Lohnbedienten. Er brachte mich vor
das Hoftor eines groen Palastes, und da ich ihr keine so prchtige Wohnung
zutraute, buchstabierte ich ihm noch einmal aufs deutlichste den Namen; er
versicherte, da ich recht sei. Nun fand ich einen gerumigen Hof, einsam und
still, reinlich und leer, von Haupt- und Seitengebuden umgeben. Bauart die
bekannte heitere neapolitanische, so auch die Frbung. Gegen mir ber ein groes
Portal und eine breite, gelinde Treppe. An beiden Seiten derselben hinaufwrts
in kostbarer Livree Bedienten gereiht, die sich, wie ich an ihnen vorbeistieg,
aufs tiefste bckten. Ich schien mir der Sultan in Wielands Feenmrchen und
fate mir nach dessen Beispiel ein Herz. Nun empfingen mich die hheren
Hausbedienten, bis endlich der anstndigste die Tre eines groen Saals
erffnete, da sich denn ein Raum vor mir auftat, den ich ebenso heiter, aber
auch so menschenleer fand als das brige. Beim Auf- und Abgehen erblickte ich in
einer Seitengalerie etwa fr vierzig Personen prchtig, dem Ganzen gem eine
Tafel bereitet. Ein Weltgeistlicher trat herein; ohne mich zu fragen, wer ich
sei, noch woher ich komme, nahm er meine Gegenwart als bekannt an und sprach von
den allgemeinsten Dingen.
Ein Paar Flgeltren taten sich auf, hinter einem ltlichen Herrn, der
hereintrat, gleich wieder verschlossen. Der Geistliche ging auf ihn los, ich
auch, wir begrten ihn mit wenigen hflichen Worten, die er mit bellenden,
stotternden Tnen erwiderte, so da ich mir keine Silbe des hottentottischen
Dialekts entrtseln konnte. Als er sich ans Kamin gestellt, zog sich der
Geistliche zurck und ich mit ihm. Ein stattlicher Benediktiner trat herein,
begleitet von einem jngeren Gefhrten; auch er begrte den Wirt, auch er wurde
angebellt, worauf er sich denn zu uns ans Fenster zurckzog. Die
Ordensgeistlichen, besonders die eleganter gekleideten, haben in der
Gesellschaft die grten Vorzge; ihre Kleidung deutet auf Demut und Entsagung,
indem sie ihnen zugleich entschiedene Wrde verleiht. In ihrem Betragen knnen
sie, ohne sich wegzuwerfen, unterwrfig erscheinen, und dann, wenn sie wieder
strack auf ihren Hften stehen, kleidet sie eine gewisse Selbstgeflligkeit
sogar wohl, welche man allen brigen Stnden nicht zugute gehen liee. So war
dieser Mann. Ich fragte nach Monte Cassino, er lud mich dahin und versprach mir
die beste Aufnahme. Indessen hatte sich der Saal bevlkert: Offiziere, Hofleute,
Weltgeistliche, ja sogar einige Kapuziner waren gegenwrtig. Vergebens suchte
ich nach einer Dame, und daran sollte es denn auch nicht fehlen. Abermals ein
Paar Flgeltren taten sich auf und schlossen sich. Eine alte Dame war
hereingetreten, wohl noch lter als der Herr, und nun gab mir die Gegenwart der
Hausfrau die vllige Versicherung, da ich in einem fremden Palast, unbekannt
vllig den Bewohnern sei. Schon wurden die Speisen aufgetragen, und ich hielt
mich in der Nhe der geistlichen Herren, um mit ihnen in das Paradies des
Tafelzimmers zu schlpfen, als auf einmal Filangieri mit seiner Gemahlin
hereintrat, sich entschuldigend, da er versptet habe. Kurz darauf sprang
Prinzechen auch in den Saal, fuhr unter Knicksen, Beugungen, Kopfnicken an
allen vorbei auf mich los. Es ist recht schn, da Sie Wort halten! rief sie,
setzen Sie sich bei Tafel zu mir, Sie sollen die besten Bissen haben. Warten
Sie nur! ich mu mir erst den rechten Platz aussuchen, dann setzen Sie sich
gleich an mich. So aufgefordert, folgte ich den verschiedenen Winkelzgen, die
sie machte, und wir gelangten endlich zum Sitze, die Benediktiner gerade gegen
uns ber, Filangieri an meiner andern Seite. - Das Essen ist durchaus gut,
sagte sie, alles Fastenspeisen, aber ausgesucht, das Beste will ich Ihnen
andeuten. Jetzt mu ich aber die Pfaffen scheren. Die Kerls kann ich nicht
ausstehen; sie hucken unserm Hause tagtglich etwas ab. Was wir haben, sollten
wir selbst mit Freunden verzehren! - Die Suppe war herumgegeben, der
Benediktiner a mit Anstand. - Bitte, sich nicht zu genieren, Hochwrden, rief
sie aus, ist etwa der Lffel zu klein? Ich will einen grern holen lassen, die
Herren sind ein tchtiges Maulvoll gewohnt. Der Pater versetzte, es sei in
ihrem frstlichen Hause alles so vortrefflich eingerichtet, da ganz andere
Gste als er eine vollkommenste Zufriedenheit empfinden wrden.
Von den Pastetchen nahm sich der Pater nur eins, sie rief ihm zu, er mchte doch
ein halb Dutzend nehmen! Bltterteig, wisse er ja, verdaue sich leicht genug.
Der verstndige Mann nahm noch ein Pastetchen, fr die gndige Attention
dankend, als habe er den lsterlichen Scherz nicht vernommen. Und so mute ihr
auch bei einem derbern Backwerk Gelegenheit werden, ihre Bosheit auszulassen;
denn als der Pater ein Stck anstach und es auf seinen Teller zog, rollte ein
zweites nach. - Ein drittes, rief sie, Herr Pater, Sie scheinen einen guten
Grund legen zu wollen! - Wenn so vortreffliche Materialien gegeben sind, hat
der Baumeister leicht arbeiten! versetzte der Pater. - Und so ging es immer
fort, ohne da sie eine andere Pause gemacht htte, als mir gewissenhaft die
besten Bissen zuzuteilen.
Ich sprach indessen mit meinem Nachbar von den ernstesten Dingen. berhaupt habe
ich Filangieri nie ein gleichgltiges Wort reden hren. Er gleicht darin wie in
manchem andern unserm Freunde Georg Schlosser, nur da er als Neapolitaner und
Weltmann eine weichere Natur und einen bequemem Umgang hat.
Die ganze Zeit war den geistlichen Herren von dem Mutwillen meiner Nachbarin
keine Ruhe gegnnt, besonders gaben ihr die zur Fastenzeit in Fleischgestalt
verwandelten Fische unerschpflichen Anla, gott- und sittenlose Bemerkungen
anzubringen, besonders aber auch die Fleischeslust hervorzuheben und zu
billigen, da man sich wenigstens an der Form ergtze, wenn auch das Wesen
verboten sei.
Ich habe mir noch mehr solcher Scherze gemerkt, die ich jedoch mitzuteilen nicht
Mut habe. Dergleichen mag sich im Leben und aus einem schnen Munde noch ganz
ertrglich ausnehmen, schwarz auf wei dagegen wollen sie mir selbst nicht mehr
gefallen. Und dann hat freche Verwegenheit das Eigene, da sie in der Gegenwart
erfreut, weil sie in Erstaunen setzt, erzhlt aber erscheint sie uns beleidigend
und widerlich.
Das Dessert war aufgetragen, und ich frchtete, nun gehe es immer so fort;
unerwartet aber wandte sich meine Nachbarin ganz beruhigt zu mir und sagte: Den
Syrakuser sollen die Pfaffen in Ruhe verschlucken, es gelingt mir doch nicht,
einen zu Tode zu rgern, nicht einmal, da ich ihnen den Appetit verderben
knnte. Nun lassen Sie uns ein vernnftiges Wort reden! Denn was war das wieder
fr ein Gesprch mit Filangieri! Der gute Mann! er macht sich viel zu schaffen.
Schon oft habe ich ihm gesagt:  Wenn ihr neue Gesetze macht, so mssen wir uns
wieder neue Mhe geben, um auszusinnen, wie wir auch die zunchst bertreten
knnen; bei den alten haben wir es schon weg.  Sehen Sie nur einmal, wie schn
Neapel ist; die Menschen leben seit so vielen Jahren sorglos und vergngt, und
wenn von Zeit zu Zeit einmal einer gehngt wird, so geht alles brige seinen
herrlichen Gang. Sie tat mir hierauf den Vorschlag, ich solle nach Sorrent
gehen, wo sie ein groes Gut habe, ihr Haushofmeister werde mich mit den besten
Fischen und dem kstlichsten Milchkalbfleisch (mungana) herausfttern. Die
Bergluft und die himmlische Aussicht sollten mich von aller Philosophie
kurieren, dann wollte sie selbst kommen, und von den smtlichen Runzeln, die ich
ohnehin zu frh einreien lasse, solle keine Spur brigbleiben, wir wollten
zusammen ein recht lustiges Leben fhren.
Neapel, den 13. Mrz 1787.
Auch heute schreib' ich einige Worte, damit ein Brief den andern treibe. Es geht
mir gut, doch seh' ich weniger, als ich sollte. Der Ort inspiriert
Nachlssigkeit und gemchlich Leben, indessen wird mir das Bild der Stadt nach
und nach runder.
Sonntag waren wir in Pompeji. - Es ist viel Unheil in der Welt geschehen, aber
wenig, das den Nachkommen so viel Freude gemacht htte. Ich wei nicht leicht
etwas Interessanteres. Die Huser sind klein und eng, aber alle inwendig aufs
zierlichste gemalt. Das Stadttor merkwrdig, mit den Grbern gleich daran. Das
Grab einer Priesterin als Bank im Halbzirkel mit steinerner Lehne, daran die
Inschrift mit groen Buchstaben eingegraben. ber die Lehne hinaus sieht man das
Meer und die untergehende Sonne. Ein herrlicher Platz, des schnen Gedankens
wert.
Wir fanden gute, muntere neapolitanische Gesellschaft daselbst. Die Menschen
sind durchaus natrlich und leicht gesinnt. Wir aen zu Torre dell' Annunziata,
zunchst des Meeres tafelnd. Der Tag war hchst schn, die Aussicht nach Castell
a Mare und Sorrent nah und kstlich. Die Gesellschaft fhlte sich so recht an
ihrem Wohnplatz, einige meinten, es msse ohne den Anblick des Meers doch gar
nicht zu leben sein. Mir ist schon genug, da ich das Bild in der Seele habe,
und mag nun wohl gelegentlich wieder in das Bergland zurckkehren.
Glcklicherweise ist ein sehr treuer Landschaftsmaler hier, der das Gefhl der
freien und reichen Umgebung seinen Blttern mitteilt. Er hat schon einiges fr
mich gearbeitet.
Die vesuvianischen Produkte hab' ich auch nun gut studiert; es wird doch alles
anders, wenn man es in Verbindung sieht. Eigentlich sollt' ich den Rest meines
Lebens auf Beobachtung wenden, ich wrde manches auffinden, was die menschlichen
Kenntnisse vermehren drfte. Herdern bitte zu melden, da meine botanischen
Aufklrungen weiter und weiter gehen; es ist immer dasselbe Prinzip, aber es
gehrte ein Leben dazu, um es durchzufhren. Vielleicht bin ich noch imstande,
die Hauptlinien zu ziehen.
Nun freu' ich mich auf das Museum von Portici. Man sieht es sonst zuerst, wir
werden es zuletzt sehen. Noch wei ich nicht, wie es weiter mit mir werden wird:
alles will mich auf Ostern nach Rom zurck haben. Ich will es ganz gehen lassen.
Angelika hat aus meiner Iphigenie ein Bild zu malen unternommen; der Gedanke
ist sehr glcklich, und sie wird ihn trefflich ausfhren. Den Moment, da sich
Orest in der Nhe der Schwester und des Freundes wiederfindet. Das, was die drei
Personen hintereinander sprechen, hat sie in eine gleichzeitige Gruppe gebracht
und jene Worte in Gebrden verwandelt. Man sieht auch hieran, wie zart sie fhlt
und wie sie sich zuzueignen wei, was in ihr Fach gehrt. Und es ist wirklich
die Achse des Stcks.
Lebt wohl und liebt mich! Hier sind mir die Menschen alle gut, wenn sie auch
nichts mit mir anzufangen wissen; Tischbein dagegen befriedigt sie besser, er
malt ihnen abends gleich einige Kpfe in Lebensgre vor, wobei und worber sie
sich wie Neuseelnder bei Erblickung eines Kriegsschiffes gebrden. Hievon
sogleich die lustige Geschichte:
Tischbein hat nmlich die groe Gabe, Gtter- und Heldengestalten in Lebensgre
und drber mit der Feder zu umreien. Er schraffiert wenig hinein und legt mit
einem breiten Pinsel den Schatten tchtig an, so da der Kopf rund und erhaben
dasteht. Die Beiwohnenden schauten mit Verwunderung, wie das so leicht ablief,
und freuten sich recht herzlich darber. Nun kam es ihnen in die Finger, auch so
malen zu wollen; sie faten die Pinsel und - malten sich Brte wechselsweise und
besudelten sich die Gesichter. Ist darin nicht etwas Ursprngliches der
Menschengattung? Und es war eine gebildete Gesellschaft in dem Hause eines
Mannes, der selbst recht wacker zeichnet und malt. Man macht sich von diesem
Geschlecht keine Begriffe, wenn man sie nicht gesehen hat.
Caserta, Mittwoch, den 14. Mrz.
Bei Hackert in seiner hchst behaglichen Wohnung, die ihm in dem alten Schlosse
gegnnt ist. Das neue, freilich ein ungeheurer Palast, escurialartig, ins
Viereck gebaut, mit mehrern Hfen; kniglich genug. Die Lage auerordentlich
schn auf der fruchtbarsten Ebene von der Welt, und doch erstrecken sich die
Gartenanlagen bis ans Gebirge. Da fhrt nun ein Aqudukt einen ganzen Strom
heran, um Schlo und Gegend zu trnken, und die ganze Wassermasse kann, auf
knstlich angelegte Felsen geworfen, zur herrlichsten Kaskade gebildet werden.
Die Gartenanlagen sind schn und gehren recht in eine Gegend, welche ganz
Garten ist.
Das Schlo, wahrhaft kniglich, schien mir nicht genug belebt, und unsereinem
knnen die ungeheuern leeren Rume nicht behaglich vorkommen. Der Knig mag ein
hnliches Gefhl haben, denn es ist im Gebirge fr eine Anlage gesorgt, die,
enger an den Menschen sich anschlieend, zur Jagd- und Lebenslust geeignet ist.

Caserta, Donnerstag, den 15. Mrz.
Hackert wohnt im alten Schlosse gar behaglich, es ist rumlich genug fr ihn und
Gste. Immerfort beschftigt mit Zeichnen oder Malen, bleibt er doch gesellig
und wei die Menschen an sich zu ziehen, indem er einen jeden zu seinem Schler
macht. Auch mich hat er ganz gewonnen, indem er mit meiner Schwche Geduld hat,
vor allen Dingen auf Bestimmtheit der Zeichnung, sodann auf Sicherheit und
Klarheit der Haltung dringt. Drei Tinten stehen, wenn er tuscht, immer bereit,
und indem er von hinten hervorarbeitet und eine nach der andern braucht, so
entsteht ein Bild, man wei nicht, woher es kommt. Wenn es nur so leicht
auszufhren wre, als es aussieht. Er sagte zu mir mit seiner gewhnlichen
bestimmten Aufrichtigkeit: Sie haben Anlage, aber Sie knnen nichts machen.
Bleiben Sie achtzehn Monat bei mir, so sollen Sie etwas hervorbringen, was Ihnen
und andern Freude macht. - Ist das nicht ein Text, ber den man allen
Dilettanten eine ewige Predigt halten sollte? Was sie mir fruchtet, wollen wir
erleben.
Von dem besondern Vertrauen, womit ihn die Knigin beehrt, zeugt nicht allein,
da er den Prinzessinnen praktischen Unterricht gibt, sondern vorzglich, da er
ber Kunst und was daran grenzt abends fters zu belehrender Unterhaltung
gerufen wird. Er legt dabei Sulzers Wrterbuch zum Grunde, woraus er nach
Belieben und berzeugung einen oder den andern Artikel whlt.
Ich mute das billigen und dabei ber mich selbst lcheln. Welch ein Unterschied
ist nicht zwischen einem Menschen, der sich von innen aus auferbauen, und einem,
der auf die Welt wirken und sie zum Hausgebrauch belehren will! Sulzers Theorie
war mir wegen ihrer falschen Grundmaxime immer verhat, und nun sah ich, da
dieses Werk noch viel mehr enthielt, als die Leute brauchen. Die vielen
Kenntnisse, die hier mitgeteilt werden, die Denkart, in welcher ein so wackrer
Mann als Sulzer sich beruhigte, sollten die nicht fr Weltleute hinreichend
sein?
Mehrere vergngte und bedeutende Stunden brachten wir bei dem Restaurator Andres
zu, welcher, von Rom berufen, auch hier in dem alten Schlosse wohnt und seine
Arbeiten, fr die sich der Knig interessiert, emsig fortsetzt. Von seiner
Gewandtheit, alte Bilder wiederherzustellen, darf ich zu erzhlen nicht
anfangen, weil man zugleich die schwere Aufgabe und die glckliche Lsung, womit
sich diese eigene Handwerkskunst beschftigt, entwickeln mte.
Caserta, den 16. Mrz 1787.
Die lieben Briefe vom 19. Februar kommen heute mir zur Hand, und gleich soll ein
Wort dagegen abgehen. Wie gerne mag ich, an die Freunde denkend, zur Besinnung
kommen.
Neapel ist ein Paradies, jedermann lebt in einer Art von trunkner
Selbstvergessenheit. Mit geht es ebenso, ich erkenne mich kaum, ich scheine mir
ein ganz anderer Mensch. Gestern dacht' ich: Entweder du warst sonst toll, oder
du bist es jetzt.
Die Reste des alten Capua und was sich daran knpft, hab' ich nun von hier aus
auch besucht.
In dieser Gegend lernt man erst verstehen, was Vegetation ist und warum man den
Acker baut. Der Lein ist schon nah am Blhen und der Weizen anderthalb Spannen
hoch. Um Caserta das Land vllig eben, die Acker so gleich und klar gearbeitet
wie Gartenbeete. Alles mit Pappeln besetzt, an denen sich die Rebe
hinaufschlingt, und ungeachtet solcher Beschattung trgt der Boden noch die
vollkommenste Frucht. Wenn nun erst das Frhjahr mit Gewalt eintritt! Bisher
haben wir bei schner Sonne sehr kalte Winde gehabt, das macht der Schnee in den
Bergen.
In vierzehn Tagen mu sich's entscheiden, ob ich nach Sizilien gehe. Noch nie
bin ich so sonderbar in einem Entschlu hin und her gebogen worden. Heute kommt
etwas, das mir die Reise anrt, morgen ein Umstand, der sie abrt. Es streiten
sich zwei Geister um mich.
Im Vertrauen zu den Freundinnen allein, nicht da es die Freunde vernehmen! Ich
merke wohl, da es meiner Iphigenie wunderlich gegangen ist, man war die erste
Form so gewohnt, man kannte die Ausdrcke, die man sich bei fterm Hren und
Lesen zugeeignet hatte; nun klingt das alles anders, und ich sehe wohl, da im
Grunde mir niemand fr die unendlichen Bemhungen dankt. So eine Arbeit wird
eigentlich nie fertig, man mu sie fr fertig erklren, wenn man nach Zeit und
Umstnden das mglichste getan hat.
Doch das soll mich nicht abschrecken, mit Tasso eine hnliche Operation
vorzunehmen. Lieber wrf' ich ihn ins Feuer, aber ich will bei meinem Entschlu
beharren, und da es einmal nicht anders ist, so wollen wir ein wunderlich Werk
daraus machen. Deshalb ist mir's ganz angenehm, da es mit dem Abdruck meiner
Schriften so langsam geht. Und dann ist es doch wieder gut, sich in einiger
Ferne vom Setzer bedroht zu sehen. Wunderlich genug, da man zu der freisten
Handlung doch einige Ntigung erwartet, ja fordert.
Caserta, den 16. Mrz 1787
Wenn man in Rom gern studieren mag, so will man hier nur leben; man vergit sich
und die Welt, und fr mich ist es eine wunderliche Empfindung, nur mit
genieenden Menschen umzugehen. Der Ritter Hamilton, der noch immer als
englischer Gesandter hier lebt, hat nun nach so langer Kunstliebhaberei, nach so
langem Naturstudium den Gipfel aller Natur- und Kunstfreude in einem schnen
Mdchen gefunden. Er hat sie bei sich, eine Englnderin von etwa zwanzig Jahren.
Sie ist sehr schn und wohl gebaut. Er hat ihr ein griechisch Gewand machen
lassen, das sie trefflich kleidet, dazu lst sie ihre Haare auf, nimmt ein paar
Schals und macht eine Abwechslung von Stellungen, Gebrden, Mienen etc., da man
zuletzt wirklich meint, man trume. Man schaut, was so viele tausend Knstler
gerne geleistet htten, hier ganz fertig in Bewegung und berraschender
Abwechslung. Stehend, knieend, sitzend, liegend, ernst, traurig, neckisch,
ausschweifend, bufertig, lockend, drohend, ngstlich etc., eins folgt aufs
andere und aus dem andern. Sie wei zu jedem Ausdruck die Falten des Schleiers
zu whlen, zu wechseln, und macht sich hundert Arten von Kopfputz mit denselben
Tchern. Der alte Ritter hlt das Licht dazu und hat mit ganzer Seele sich
diesem Gegenstand ergeben. Er findet in ihr alle Antiken, alle schnen Profile
der sizilianischen Mnzen, ja den Belvederschen Apoll selbst. So viel ist gewi,
der Spa ist einzig! Wir haben ihn schon zwei Abende genossen. Heute frh malt
sie Tischbein.
Vom Personal des Hofs und den Verhltnissen, was ich erfahren und kombiniert,
mu erst geprft und geordnet werden. Heute ist der Knig auf die Wolfsjagd, man
hofft, wenigstens fnfe zu erlegen.
Neapel, zum 17. Mrz.
Wenn ich Worte schreiben will, so stehen mir immer Bilder vor Augen des
fruchtbaren Landes, des freien Meeres, der duftigen Inseln, des rauchenden
Berges, und mir fehlen die Organe, das alles darzustellen.
Hierzulande begreift man erst, wie es dem Menschen einfallen konnte, das Feld zu
bauen, hier, wo der Acker alles bringt, und wo man drei bis fnf Ernten des
Jahres hoffen kann. In den besten Jahren will man auf demselben Acker dreimal
Mais gebaut haben.
Ich habe viel gesehen und noch mehr gedacht: die Welt erffnet sich mehr und
mehr, auch alles, was ich schon lange wei, wird mir erst eigen. Welch ein frh
wissendes und spt bendes Geschpf ist doch der Mensch!
Nur schade, da ich nicht in jedem Augenblick meine Beobachtungen mitteilen
kann; zwar ist Tischbein mit mir, aber als Mensch und Knstler wird er von
tausend Gedanken hin und her getrieben, von hundert Personen in Anspruch
genommen. Seine Lage ist eigen und wunderbar, er kann nicht freien Teil an eines
andern Existenz nehmen, weil er sein eignes Bestreben so eingeengt fhlt.
Und doch ist die Welt nur ein einfach Rad, in dem ganzen Umkreise sich gleich
und gleich, das uns aber so wunderlich vorkommt, weil wir selbst mit
herumgetrieben werden.
Was ich mir immer sagte, ist eingetroffen: da ich so manche Phnomene der Natur
und manche Verworrenheiten der Meinungen erst in diesem Lande verstehen und
entwickeln lerne. Ich fasse von allen Seiten zusammen und bringe viel zurck,
auch gewi viel Vaterlandsliebe und Freude am Leben mit wenigen Freunden.
ber meine sizilianische Reise halten die Gtter noch die Waage in Hnden; das
Znglein schlgt herber und hinber.
Wer mag der Freund sein, den man mir so geheimnisvoll ankndigt? Da ich ihn nur
nicht ber meiner Irr- und Inselfahrt versume!
Die Fregatte von Palermo ist wieder zurck, heut ber acht Tage geht sie
abermals von hier ab; ob ich noch mitsegele, zur Karwoche nach Rom zurckkehre,
wei ich nicht. Noch nie bin ich so unentschieden gewesen; ein Augenblick, eine
Kleinigkeit mag entscheiden.
Mit den Menschen geht mir es schon besser, man mu sie nur mit dem
Krmergewicht, keineswegs mit der Goldwaage wiegen, wie es leider sogar oft
Freunde untereinander aus hypochondrischer Grille und seltsamer Anforderung zu
tun pflegen.
Hier wissen die Menschen gar nichts voneinander, sie merken kaum, da sie
nebeneinander hin und her laufen; sie rennen den ganzen Tag in einem Paradiese
hin und wider, ohne sich viel umzusehen, und wenn der benachbarte Hllenschlund
zu toben anfngt, hilft man sich mit dem Blute des heiligen Januarius, wie sich
die brige Welt gegen Tod und Teufel auch wohl mit - Blute hilft oder helfen
mchte.
Zwischen einer so unzhlbaren und rastlos bewegten Menge durchzugehen, ist gar
merkwrdig und heilsam. Wie alles durcheinander strmt und doch jeder einzelne
Weg und Ziel findet. In so groer Gesellschaft und Bewegung fhl' ich mich erst
recht still und einsam; je mehr die Straen toben, desto ruhiger werd' ich.
Manchmal gedenke ich Rousseaus und seines hypochondrischen Jammers, und doch
wird mir begreiflich, wie eine so schne Organisation verschoben werden konnte.
Fhlt' ich nicht solchen Anteil an den natrlichen Dingen und sh' ich nicht,
da in der scheinbaren Verwirrung hundert Beobachtungen sich vergleichen und
ordnen lassen, wie der Feldmesser mit einer durchgezogenen Linie viele einzelne
Messungen probiert, ich hielte mich oft selbst fr toll.
Neapel, den 18. Mrz 1787.
Nun durften wir nicht lnger sumen, Herkulanum und die ausgegrabene Sammlung in
Portici zu sehen. Jene alte Stadt, am Fue des Vesuvs liegend, war vollkommen
mit Lava bedeckt, die sich durch nachfolgende Ausbrche erhhte, so da die
Gebude jetzt sechzig Fu unter der Erde liegen. Man entdeckte sie, indem man
einen Brunnen grub und auf getfelte Marmorfubden traf. Jammerschade, da die
Ausgrabung nicht durch deutsche Bergleute recht planmig geschehen; denn gewi
ist bei einem zufllig ruberischen Nachwhlen manches edle Altertum vergeudet
worden. Man steigt sechzig Stufen hinunter in eine Gruft, wo man das ehmals
unter freiem Himmel stehende Theater bei Fackelschein anstaunt und sich erzhlen
lt, was alles da gefunden und hinaufgeschafft worden.
In das Museum traten wir wohl empfohlen und wohl empfangen. Doch war auch uns
irgend etwas aufzuzeichnen nicht erlaubt. Vielleicht gaben wir nur desto besser
acht und versetzten uns desto lebhafter in die verschwundene Zeit, wo alle diese
Dinge zu lebendigem Gebrauch und Genu um die Eigentmer umherstanden. Jene
kleinen Huser und Zimmer in Pompeji erschienen mir nun zugleich enger und
weiter; enger, weil ich sie mir von so viel wrdigen Gegenstnden vollgedrngt
dachte, weiter, weil gerade diese Gegenstnde nicht blo als notdrftig
vorhanden, sondern durch bildende Kunst aufs geistreichste und anmutigste
verziert und belebt den Sinn erfreuen und erweitern, wie es die grte
Hausgerumigkeit nicht tun knnte.
Man sieht z. B. einen herrlich geformten Eimer, oben mit dem zierlichsten Rande,
nher beschaut schlgt sich dieser Rand von zwei Seiten in die Hhe, man fat
die verbundenen Halbkreise als Handhabe und trgt das Gef auf das bequemste.
Die Lampen sind nach Anzahl ihrer Dochte mit Masken und Rankenwerk verziert, so
da jede Flamme ein wirkliches Kunstgebilde erleuchtet. Hohe, schlanke, eherne
Gestelle sind bestimmt, die Lampen zu tragen, aufzuhngende Lampen hingegen mit
allerlei geistreich gedachten Figuren behngt, welche die Absicht, zu gefallen
und zu ergtzen, sobald sie schaukeln und baumeln, sogar bertreffen.
In Hoffnung, wiederzukehren, folgten wir den Vorzeigenden von Zimmer zu Zimmer
und haschten, wie es der Moment erlaubte, Ergtzung und Belehrung weg, so gut es
sich schicken wollte.

Neapel, Montag, den 19. Mrz 1787.
In den letzten Tagen hat sich ein neues Verhltnis nher angeknpft. Nachdem in
diesen vier Wochen Tischbein mir sein treues Geleit durch Natur- und
Kunstgegenstnde frderlich geleistet und wir gestern noch zusammen in Portici
gewesen, ergab sich aus wechselseitiger Betrachtung, da seine Kunstzwecke
sowohl als diejenigen Geschfte, die er, eine knftige Anstellung in Neapel
hoffend, in der Stadt und bei Hofe zu betreiben pflichtig ist, mit meinen
Absichten, Wnschen und Liebhabereien nicht zu verbinden seien. Er schlug mir
daher, immer fr mich besorgt, einen jungen Mann vor als bestndigen
Gesellschafter, den ich seit den ersten Tagen fter sah, nicht ohne Teilnahme
und Neigung. Es ist Kniep, der sich eine Zeitlang in Rom aufgehalten, sodann
sich aber nach Neapel, in das eigentlichste Element des Landschafters, begeben
hatte. Schon in Rom hrte ich ihn als einen geschickten Zeichner preisen, nur
seiner Ttigkeit wollte man nicht gleiches Lob erteilen. Ich habe ihn schon
ziemlich kennen gelernt und mchte diesen gergten Mangel eher
Unentschlossenheit nennen, die gewi zu berwinden ist, wenn wir eine Zeitlang
beisammen sind. Ein glcklicher Anfang besttigt mir diese Hoffnung, und wenn es
mir nach geht, sollen wir auf geraume Zeit gute Gesellen bleiben.

Kniep in Neapel. Zeichnung von Tischbein

Neapel, zum 19. Mrz.
Man darf nur auf der Strae wandeln und Augen haben, man sieht die
unnachahmlichsten Bilder.
Am Molo, einer Hauptlrmecke der Stadt, sah ich gestern einen Pulcinell, der
sich auf einem Brettergerste mit einem kleinen Affen stritt, drber einen
Balkon, auf dem ein recht artiges Mdchen ihre Reize feilbot. Neben dem
Affengerste ein Wunderdoktor, der seine Arkana gegen alle bel den bedrngten
Glubigen darbot; von Gerhard Dow gemalt, htte solch ein Bild verdient,
Zeitgenossen und Nachwelt zu ergtzen.
So war auch heute Fest des heiligen Josephs; er ist der Patron aller
Frittaruolen, d. h. Gebacknesmacher, versteht sich Gebacknes im grbsten Sinne.
Weil nun immerfort starke Flammen unter schwarzem und siedendem l
hervorschlagen, so gehrt auch alle Feuerqual in ihr Fach; deswegen hatten sie
gestern abend vor den Husern mit Gemlden zum besten aufgeputzt: Seelen im
Fegfeuer, Jngste Gerichte glhten und flammten umher. Groe Pfannen standen vor
der Tre auf leicht gebauten Herden. Ein Gesell wirkte den Teig, ein anderer
formte, zog ihn zu Kringlen und warf sie in die siedende Fettigkeit. An der
Pfanne stand ein dritter, mit einem kleinen Bratspiee, er holte die Kringlen,
wie sie gar wurden, heraus, schob sie einem vierten auf ein ander Spiechen, der
sie den Umstehenden anbot; die beiden letzten waren junge Burschen mit blonden
und lockenreichen Percken, welches hier Engel bedeutet. Noch einige Figuren
vollendeten die Gruppe, reichten Wein den Beschftigten, tranken selbst und
schrieen, die Ware zu loben; auch die Engel, die Kche, alle schrieen. Das Volk
drngte sich herzu; denn alles Gebackene wird diesen Abend wohlfeiler gegeben
und sogar ein Teil der Einnahme den Armen.
Dergleichen knnte man endlos erzhlen; so geht es mit jedem Tage, immer etwas
Neues und Tolleres, nur die Mannigfaltigkeit von Kleidern, die einem auf der
Strae begegnet, die Menge Menschen in der einzigen Strae Toledo!
Und so gibt es noch manche originale Unterhaltung, wenn man mit dem Volke lebt;
es ist so natrlich, da man mit ihm natrlich werden knnte. Da ist z. B. der
Pulcinell, die eigentliche Nationalmaske, der Harlekin, aus Bergamo, Hanswurst,
aus Tirol gebrtig. Pulcinell nun, ein wahrhaft gelassener, ruhiger, bis auf
einen gewissen Grad gleichgltiger, beinahe fauler und doch humoristischer
Knecht. Und so findet man berall Kellner und Hausknecht. Mit dem unsrigen
macht' ich mir heute eine besondere Lust, und es war weiter nichts, als da ich
ihn schickte, Papier und Federn zu holen. Halber Miverstand, Zaudern, guter
Wille und Schalkheit brachte die anmutigste Szene hervor, die man auf jedem
Theater mit Glck produzieren knnte.
Neapel, Dienstag, den 20. Mrz 1787.
Die Kunde einer soeben ausbrechenden Lava, die, fr Neapel unsichtbar, nach
Ottajano hinunterfliet, reizte mich, zum dritten Male den Vesuv zu besuchen.
Kaum war ich am Fue desselben aus meinem zweirdrigen, einpferdigen Fuhrwerk
gesprungen, so zeigten sich schon jene beiden Fhrer, die uns frher
hinaufbegleitet hatten. Ich wollte keinen missen und nahm den einen aus
Gewohnheit und Dankbarkeit, den andern aus Vertrauen, beide der mehreren
Bequemlichkeit wegen mit mir.
Auf die Hhe gelangt, blieb der eine bei den Mnteln und Viktualien, der jngere
folgte mir, und wir gingen mutig auf einen ungeheuren Dampf los, der unterhalb
des Kegelschlundes aus dem Berge brach; sodann schritten wir an dessen Seite her
gelind hinabwrts, bis wir endlich unter klarem Himmel aus dem wilden
Dampfgewlke die Lava hervorquellen sahen.
Man habe auch tausendmal von einem Gegenstande gehrt, das Eigentmliche
desselben spricht nur zu uns aus dem unmittelbaren Anschauen. Die Lava war
schmal, vielleicht nicht breiter als zehn Fu, allein die Art, wie sie eine
sanfte, ziemlich ebene Flche hinabflo, war auffallend genug; denn indem sie
whrend des Fortflieens an den Seiten und an der Oberflche verkhlt, so bildet
sich ein Kanal, der sich immer erhht, weil das geschmolzene Material auch
unterhalb des Feuerstroms erstarrt, welcher die auf der Oberflche schwimmenden
Schlacken rechts und links gleichfrmig hinunterwirft, wodurch sich denn nach
und nach ein Damm erhht, auf welchem der Glutstrom ruhig fortfliet wie ein
Mhlbach. Wir gingen neben dem ansehnlich erhhten Damme her, die Schlacken
rollten regelmig an den Seiten herunter bis zu unsern Fen. Durch einige
Lcken des Kanals konnten wir den Glutstrom von unten sehen und, wie er weiter
hinabflo, ihn von oben beobachten.
Durch die hellste Sonne erschien die Glut verdstert, nur ein miger Rauch
stieg in die reine Luft. Ich hatte Verlangen, mich dem Punkte zu nhern, wo sie
aus dem Berge bricht; dort sollte sie, wie mein Fhrer versicherte, sogleich
Gewlb und Dach ber sich her bilden, auf welchem er fters gestanden habe. Auch
dieses zu sehen und zu erfahren, stiegen wir den Berg wieder hinauf, um jenem
Punkte von hintenher beizukommen. Glcklicherweise fanden wir die Stelle durch
einen lebhaften Windzug entblt, freilich nicht ganz, denn ringsum qualmte der
Dampf aus tausend Ritzen, und nun standen wir wirklich auf der breiartig
gewundenen, erstarrten Decke, die sich aber so weit vorwrts erstreckte, da wir
die Lava nicht konnten herausquellen sehen.
Wir versuchten noch ein paar Dutzend Schritte, aber der Boden ward immer
glhender; sonneverfinsternd und erstickend wirbelte ein unberwindlicher Qualm.
Der vorausgegangene Fhrer kehrte bald um, ergriff mich, und wir entwanden uns
diesem Hllenbrudel.
Nachdem wir die Augen an der Aussicht, Gaumen und Brust aber am Weine gelabt,
gingen wir umher, noch andere Zuflligkeiten dieses mitten im Paradies
aufgetrmten Hllengipfels zu beobachten. Einige Schlnde, die als vulkanische
Essen keinen Rauch, aber eine glhende Luft fortwhrend gewaltsam ausstoen,
betrachtete ich wieder mit Aufmerksamkeit. Ich sah sie durchaus mit einem
tropfsteinartigen Material tapeziert, welches zitzen- und zapfenartig die
Schlnde bis oben bekleidete. Bei der Ungleichheit der Essen fanden sich mehrere
dieser herabhngenden Dunstprodukte ziemlich zur Hand, so da wir sie mit unsern
Stben und einigen hakenartigen Vorrichtungen gar wohl gewinnen konnten. Bei dem
Lavahndler hatte ich schon dergleichen Exemplare unter der Rubrik der
wirklichen Laven gefunden, und ich freute mich, entdeckt zu haben, da es
vulkanischer Ru sei, abgesetzt aus den heien Schwaden, die darin enthaltenen
verflchtigten mineralischen Teile offenbarend.
Der herrlichste Sonnenuntergang, ein himmlischer Abend erquickten mich auf
meiner Rckkehr; doch konnte ich empfinden, wie sinneverwirrend ein ungeheurer
Gegensatz sich erweise. Das Schreckliche zum Schnen, das Schne zum
Schrecklichen, beides hebt einander auf und bringt eine gleichgltige Empfindung
hervor. Gewi wre der Neapolitaner ein anderer Mensch, wenn er sich nicht
zwischen Gott und Satan eingeklemmt fhlte.
Neapel, den 22. Mrz 1787.
Triebe mich nicht die deutsche Sinnesart und das Verlangen, mehr zu lernen und
zu tun als zu genieen, so sollte ich in dieser Schule des leichten und lustigen
Lebens noch einige Zeit verweilen und mehr zu profitieren suchen. Es ist hier
gar vergnglich sein, wenn man sich nur ein klein wenig einrichten knnte. Die
Lage der Stadt, die Milde des Klimas kann nie genug gerhmt werden, aber darauf
ist auch der Fremde fast allein angewiesen.
Freilich wer sich Zeit nimmt, Geschick und Vermgen hat, kann sich auch hier
breit und gut niederlassen. So hat sich Hamilton eine schne Existenz gemacht
und geniet sie nun am Abend seines Lebens. Die Zimmer, die er sich in
englischem Geschmack einrichtete, sind allerliebst, und die Aussicht aus dem
Eckzimmer vielleicht einzig. Unter uns das Meer, im Angesicht Capri, rechts der
Posilipo, nher der Spaziergang Villa Reale, links ein altes Jesuitengebude,
weiterhin die Kste von Sorrent bis ans Kap Minerva. Dergleichen mcht' es wohl
in Europa schwerlich zum zweiten Male geben, wenigstens nicht im Mittelpunkte
einer groen, bevlkerten Stadt.
Hamilton ist ein Mann von allgemeinem Geschmack und, nachdem er alle Reiche der
Schpfung durchwandert, an ein schnes Weib, das Meisterstck des groen
Knstlers, gelangt.
Und nun nach allem diesem und hundertfltigem Genu locken mich die Sirenen
jenseits des Meeres, und wenn der Wind gut ist, geh' ich mit diesem Briefe
zugleich ab, er nordwrts, ich sdwrts. Des Menschen Sinn ist unbndig, ich
besonders bedarf der Weite gar sehr. Nicht sowohl das Beharren als ein schnelles
Auffassen mu jetzt mein Augenmerk sein. Hab' ich einem Gegenstande nur die
Spitze des Fingers abgewonnen, so kann ich mir die ganze Hand durch Hren und
Denken wohl zueignen.
Seltsamerweise erinnert mich ein Freund in diesen Tagen an Wilhelm Meister und
verlangt dessen Fortsetzung; unter diesem Himmel mchte sie wohl nicht mglich
sein, vielleicht lt sich von dieser Himmelsluft den letzten Bchern etwas
mitteilen. Mge meine Existenz sich dazu genugsam entwickeln, der Stengel mehr
in die Lnge rcken und die Blumen reicher und schner hervorbrechen. Gewi, es
wre besser ich kme gar nicht wieder, wenn ich nicht wiedergeboren zurckkommen
kann.
Neapel, zum 22. Mrz.
Heute sahen wir ein Bild von Correggio, das verkuflich ist, zwar nicht
vollkommen erhalten, das aber doch das glcklichste Geprg des Reizes
unausgelscht mit sich fhrt. Es stellt eine Mutter Gottes vor, das Kind in dem
Augenblicke, da es zwischen der Mutter Brust und einigen Birnen, die ihm ein
Engelchen darreicht, zweifelhaft ist. Also eine Entwhnung Christi. Mir
scheint die Idee uerst zart, die Komposition bewegt, natrlich und glcklich,
hchst reizend ausgefhrt. Es erinnert sogleich an das Verlbnis der heiligen
Katharina und scheint mir unbezweifelt von Correggios Hand.

Neapel, Freitag, den 23. Mrz 1787.
Nun hat sich das Verhltnis zu Kniep auf eine recht praktische Weise ausgebildet
und befestigt. Wir waren zusammen in Pstum, woselbst er, so wie auf der Hin-
und Herreise, mit Zeichnen sich auf das ttigste erwies. Die herrlichsten
Umrisse sind gewonnen, ihn freut nun selbst dieses bewegte, arbeitsame Leben,
wodurch ein Talent aufgeregt wird, das er sich selbst kaum zutraute. Hier gilt
es resolut sein; aber gerade hier zeigt sich seine genaue und reinliche
Fertigkeit. Das Papier, worauf gezeichnet werden soll, mit einem rechtwinkligen
Viereck zu umziehen, versumt er niemals, die besten englischen Bleistifte zu
spitzen und immer wieder zu spitzen, ist ihm fast eine ebenso groe Lust als zu
zeichnen; dafr sind aber auch seine Konture, was man wnschen kann.

Paestum. Kupferstich nach Chatelet

Nun haben wir folgendes verabredet. Von heute an leben und reisen wir zusammen,
ohne da er weiter fr etwas sorgt als zu zeichnen, wie diese Tage geschehen.
Alle Konture gehren mein, damit aber nach unserer Rckkehr daraus ein ferneres
Wirken fr ihn entspringe, so fhrt er eine Anzahl auszuwhlender Gegenstnde
bis auf eine gewisse bestimmte Summe fr mich aus; da sich denn indessen bei
seiner Geschicklichkeit, bei der Bedeutsamkeit der zu erobernden Aussichten und
sonst wohl das Weitere ergeben wird. Diese Einrichtung macht mich ganz
glcklich, und jetzt erst kann ich von unserer Fahrt kurze Rechenschaft geben.
Auf dem zweirdrigen leichten Fuhrwerk sitzend und wechselsweise die Zgel
fhrend, einen gutmtigen rohen Knaben hintenauf, rollten wir durch die
herrliche Gegend, welche Kniep mit malerischem Auge begrte. Nun erreichten wir
die Gebirgsschlucht, die man auf dem glattesten Fahrdamme durchrennend, an den
kstlichsten Wald- und Felspartien vorbeifliegt. Da konnte denn Kniep zuletzt
sich nicht enthalten, in der Gegend von Alla Cava einen prchtigen Berg, welcher
sich gerade vor uns scharf am Himmel abzeichnete, nicht weniger die Seiten sowie
den Fu dieser Hhe reinlich und charakteristisch im Umri aufs Papier zu
befestigen. Wir freuten uns beide daran als an dem Einstand unserer Verbindung.
Ein gleicher Umri ward abends aus den Fenstern von Salern genommen, welcher
mich aller Beschreibung berheben wird, einer ganz einzig lieblichen und
fruchtbaren Gegend. Wer wre nicht geneigt gewesen, an diesem Orte zu studieren,
zur schnen Zeit der blhenden hohen Schule? Beim frhsten Morgen fuhren wir auf
ungebahnten, oft morastigen Wegen einem Paar schn geformten Bergen zu, wir
kamen durch Bach und Gewsser, wo wir den nilpferdischen Bffeln in die
blutroten wilden Augen sahen.
Das Land ward immer flacher und wster, wenige Gebude deuteten auf krgliche
Landwirtschaft. Endlich, ungewi, ob wir durch Felsen oder Trmmer fhren,
konnten wir einige groe lnglich-viereckige Massen, die wir in der Ferne schon
bemerkt hatten, als berbliebene Tempel und Denkmale einer ehemals so prchtigen
Stadt unterscheiden. Kniep, welcher schon unterwegs die zwei malerischen
Kalkgebirge umrissen, suchte sich schnell einen Standpunkt, von wo aus das
Eigentmliche dieser vllig unmalerischen Gegend aufgefat und dargestellt
werden knnte.
Von einem Landmanne lie ich mich indessen in den Gebuden herumfhren; der
erste Eindruck konnte nur Erstaunen erregen. Ich befand mich in einer vllig
fremden Welt. Denn wie die Jahrhunderte sich aus dem Ernsten in das Gefllige
bilden, so bilden sie den Menschen mit, ja sie erzeugen ihn so. Nun sind unsere
Augen und durch sie unser ganzes inneres Wesen an schlankere Baukunst
hinangetrieben und entschieden bestimmt, so da uns diese stumpfen,
kegelfrmigen, enggedrngten Sulenmassen lstig, ja furchtbar erscheinen. Doch
nahm ich mich bald zusammen, erinnerte mich der Kunstgeschichte, gedachte der
Zeit, deren Geist solche Bauart gem fand, vergegenwrtigte mir den strengen
Stil der Plastik, und in weniger als einer Stunde fhlte ich mich befreundet, ja
ich pries den Genius, da er mich diese so wohl erhaltenen Reste mit Augen sehen
lie, da sich von ihnen durch Abbildung kein Begriff geben lt. Denn im
architektonischen Aufri erscheinen sie eleganter, in perspektivischer
Darstellung plumper, als sie sind, nur wenn man sich um sie her, durch sie durch
bewegt, teilt man ihnen das eigentliche Leben mit; man fhlt es wieder aus ihnen
heraus, welches der Baumeister beabsichtigte, ja hineinschuf. Und so verbrachte
ich den ganzen Tag, indessen Kniep nicht sumte, uns die genausten Umrisse
zuzueignen. Wie froh war ich, von dieser Seite ganz unbesorgt zu sein und fr
die Erinnerung so sichere Merkzeichen zu gewinnen. Leider war keine Gelegenheit,
hier zu bernachten, wir kehrten nach Salern zurck, und den andern Morgen ging
es zeitig nach Neapel. Der Vesuv, von der Rckseite gesehn, in der fruchtbarsten
Gegend; Pappeln pyramidalkolossal an der Chaussee im Vordergrunde. Dies war auch
ein angenehmes Bild, das wir durch ein kurzes Stillhalten erwarben.
Nun erreichten wir eine Hhe; der grte Anblick tat sich vor uns auf. Neapel in
seiner Herrlichkeit, die meilenlange Reihe von Husern am flachen Ufer des Golfs
hin, die Vorgebirge, Erdzungen, Felswnde, dann die Inseln und dahinter das Meer
war ein entzckender Anblick.
Ein grlicher Gesang, vielmehr Lustgeschrei und Freudegeheul des
hintenaufstehenden Knaben erschreckte und strte mich. Heftig fuhr ich ihn an,
er hatte noch kein bses Wort von uns gehrt, er war der gutmtigste Junge.
Eine Weile rhrte er sich nicht, dann klopfte er mir sachte auf die Schulter,
streckte seinen rechten Arm mit aufgehobenem Zeigefinger zwischen uns durch und
sagte: Signor, perdonate! questa  la mia patria! - Das heit verdolmetscht:
Herr, verzeiht! Ist das doch mein Vaterland! - Und so war ich zum zweiten Male
berrascht. Mir armem Nordlnder kam etwas Trnenartiges in die Augen!
Neapel, den 25. Mrz 1787. Verkndigung Mari.
Ob ich gleich empfand, da Kniep sehr gern mit mir nach Sizilien gehe, so konnte
ich doch bemerken, da er ungern etwas zurcklie. Bei seiner Aufrichtigkeit
blieb mir nicht lange verborgen, da ihm ein Liebchen eng und treu verbunden
sei. Wie sie zusammen bekannt geworden, war artig genug zu hren; wie sich das
Mdchen bisher betragen, konnte fr sie einnehmen; nun sollte ich sie aber auch
sehen, wie hbsch sie sei. Hiezu war Anstalt getroffen, und zwar so, da ich
zugleich eine der schnsten Aussichten ber Neapel genieen knnte. Er fhrte
mich auf das flache Dach eines Hauses, von wo man besonders den untern Teil der
Stadt nach dem Molo zu, den Golf, die Kste von Sorrent vollkommen bersehen
konnte; alles weiter rechts Liegende verschob sich auf die sonderbarste Weise,
wie man es, ohne auf diesem Punkte zu stehen, nicht leicht sehen wird. Neapel
ist berall schn und herrlich.
Als wir nun die Gegend bewunderten, stieg, obgleich erwartet, doch unversehens
ein gar artiges Kpfchen aus dem Boden hervor. Denn zu einem solchen Sller
macht nur eine lnglich viereckige ffnung im Estrich, welche mit einer Falltre
zugedeckt werden kann, den Eingang. Und da nun das Engelchen vllig hervortrat,
fiel mir ein, da ltere Knstler die Verkndigung Mari also vorstellen, da
der Engel eine Treppe heraufkmmt. Dieser Engel aber war nun wirklich von gar
schner Gestalt, hbschem Gesichtchen und einem guten, natrlichen Betragen. Es
freute mich, unter dem herrlichen Himmel und im Angesicht der schnsten Gegend
von der Welt meinen neuen Freund so glcklich zu sehen. Er gestand mir, als sie
sich wieder entfernt hatte, da er eben deshalb eine freiwillige Armut bisher
getragen, weil er dabei sich zugleich ihrer Liebe erfreut und ihre Gengsamkeit
schtzen lernen, nun sollten ihm auch seine bessern Aussichten und ein
reichlicher Zustand vorzglich deshalb wnschenswert sein, damit er auch ihr
bessere Tage bereiten knne.
Neapel, zum 25. Mrz.
Nach diesem angenehmen Abenteuer spazierte ich am Meere hin und war still und
vergnglich. Da kam mir eine gute Erleuchtung ber botanische Gegenstnde.
Herdern bitte ich zu sagen, da ich mit der Urpflanze bald zustande bin, nur
frchte ich, da niemand die brige Pflanzenwelt darin wird erkennen wollen.
Meine famose Lehre von den Kotyledonen ist so sublimiert, da man schwerlich
wird weiter gehen knnen.
Neapel, den 26. Mrz 1787.
Morgen geht dieser Brief von hier zu euch. Donnerstag den 29. geh' ich mit der
Korvette, die ich, des Seewesens unkundig, in meinem vorigen Briefe zum Rang
einer Fregatte erhob, endlich nach Palermo. Der Zweifel, ob ich reisen oder
bleiben sollte, machte einen Teil meines hiesigen Aufenthaltes unruhig; nun, da
ich entschlossen bin, geht es besser. Fr meine Sinnesart ist diese Reise
heilsam, ja notwendig. Sizilien deutet mir nach Asien und Afrika, und auf dem
wundersamen Punkte, wohin so viele Radien der Weltgeschichte gerichtet sind,
selbst zu stehen, ist keine Kleinigkeit.
Neapel habe ich nach seiner eignen Art behandelt; ich war nichts weniger als
fleiig, doch hab' ich viel gesehen und mir einen allgemeinen Begriff von dem
Lande, seinen Einwohnern und Zustnden gebildet. Bei der Wiederkehr soll manches
nachgeholt werden; freilich nur manches, denn vor dem 29. Juni mu ich wieder in
Rom sein. Hab' ich die heilige Woche versumt, so will ich dort wenigstens den
St.-Peters-Tag feiern. Meine sizilianische Reise darf mich nicht allzuweit von
meiner ersten Absicht weglenken.
Vorgestern hatten wir ein gewaltiges Wetter mit Donner, Blitz und Regengssen;
jetzt hat sich's wieder ausgehellt, eine herrliche Tramontane weht herber;
bleibt sie bestndig, so haben wir die schnellste Fahrt.
Gestern war ich mit meinem Gefhrten, unser Schiff zu besehen und das Kmmerchen
zu besuchen, das uns aufnehmen soll. Eine Seereise fehlte mir ganz in meinen
Begriffen; diese kleine berfahrt, vielleicht eine Kstenumschiffung wird meiner
Einbildungskraft nachhelfen und mir die Welt erweitern. Der Kapitn ist ein
junger, munterer Mann, das Schiff gar zierlich und nett, in Amerika gebaut, ein
guter Segler.
Hier fngt nun alles an, grn zu werden, in Sizilien find' ich es noch weiter.
Wenn ihr diesen Brief erhaltet, bin ich auf der Rckreise und habe Trinakrien
hinter mir. So ist der Mensch: immer springt er in Gedanken vor- und rckwrts;
ich war noch nicht dort und bin schon wieder bei euch. Doch an der Verworrenheit
dieses Briefes bin ich nicht schuld; jeden Augenblick werd' ich unterbrochen und
mchte doch gern dieses Blatt zu Ende schreiben.
Soeben besuchte mich ein Marchese Berio, ein junger Mann, der viel zu wissen
scheint. Er wollte den Verfasser des Werther doch auch kennen lernen.
berhaupt ist hier groer Drang und Lust nach Bildung und Wissen. Sie sind nur
zu glcklich, um auf den rechten Weg zu kommen. Htte ich nur mehr Zeit, so
wollt' ich ihnen gern meine Zeit geben. Diese vier Wochen - was waren die gegen
das ungeheure Leben! Nun gehabt euch wohl! Reisen lern' ich wohl auf dieser
Reise, ob ich leben lerne, wei ich nicht. Die Menschen, die es zu verstehen
scheinen, sind in Art und Wesen zu sehr von mir verschieden, als da ich auf
dieses Talent sollte Anspruch machen knnen.
Lebet wohl und liebt mich, wie ich eurer von Herzen gedenke.
Neapel, den 28. Mrz 1787.
Diese Tage gehen mir nun gnzlich mit Einpacken und Abschiednehmen, mit Besorgen
und Bezahlen, Nachholen und Vorbereiten, sie gehen mir vllig verloren.
Der Frst von Waldeck beunruhigte mich noch beim Abschied, denn er sprach von
nichts weniger, als da ich bei meiner Rckkehr mich einrichten sollte, mit ihm
nach Griechenland und Dalmatien zu gehen. Wenn man sich einmal in die Welt macht
und sich mit der Welt einlt, so mag man sich ja hten, da man nicht entrckt
oder wohl gar verrckt wird. Zu keiner Silbe weiter bin ich fhig.
Neapel, den 29. Mrz 1787.
Seit einigen Tagen machte sich das Wetter ungewi, heute, am bestimmten Tage der
Abfahrt, ist es so schn als mglich. Die gnstigste Tramontane, ein klarer
Sonnenhimmel, unter dem man sich in die weite Welt wnscht. Nun sag' ich noch
allen Freunden in Weimar und Gotha ein treues Lebewohl! Eure Liebe begleite
mich, denn ich mchte ihrer wohl immer bedrfen. Heute nacht trumte ich mich
wieder in meinen Geschften. Es ist denn doch, als wenn ich mein Fasanenschiff
nirgends als bei euch ausladen knnte. Mge es nur erst recht stattlich geladen
sein!

Sizilien
Seefahrt, Donnerstag, den 29. Mrz.
Nicht wie bei dem letzten Abgange des Paketboots wehte diesmal ein frderlicher
frischer Nordost, sondern leider von der Gegenseite ein lauer Sdwest, der
allerhinderlichste; und so erfuhren wir denn, wie der Seefahrer vom Eigensinne
des Wetters und Windes abhngt. Ungeduldig verbrachten wir den Morgen bald am
Ufer, bald im Kaffeehaus; endlich bestiegen wir zu Mittag das Schiff und
genossen beim schnsten Wetter des herrlichsten Anblicks. Unfern vom Molo lag
die Korvette vor Anker. Bei klarer Sonne eine dunstreiche Atmosphre, daher die
beschatteten Felsenwnde von Sorrent vom schnsten Blau. Das beleuchtete,
lebendige Neapel glnzte von allen Farben. Erst mit Sonnenuntergang bewegte sich
das Schiff, jedoch nur langsam, von der Stelle, der Widerwind schob uns nach dem
Posilipo und dessen Spitze hinber. Die ganze Nacht ging das Schiff ruhig fort.
Es war in Amerika gebaut, schnellsegelnd, inwendig mit artigen Kmmerchen und
einzelnen Lagersttten eingerichtet. Die Gesellschaft anstndig munter:
Operisten und Tnzer, nach Palermo verschrieben.
Freitag, den 30. Mrz
Bei Tagesanbruch fanden wir uns zwischen Ischia und Capri, ungefhr von
letzterem eine Meile. Die Sonne ging hinter den Gebirgen von Capri und Capo
Minerva herrlich auf. Kniep zeichnete fleiig die Umrisse der Ksten und Inseln
und ihre verschiedenen Ansichten; die langsame Fahrt kam seiner Bemhung
zustatten. Wir setzten mit schwachem und halbem Winde unsern Weg fort. Der Vesuv
verlor sich gegen vier Uhr aus unsern Augen, als Capo Minerva und Ischia noch
gesehen wurden. Auch diese verloren sich gegen Abend. Die Sonne ging unter ins
Meer, begleitet von Wolken und einem langen, meilenweit reichenden Streifen,
alles purpurglnzende Lichter. Auch dieses Phnomen zeichnete Kniep. Nun war
kein Land mehr zu sehen, der Horizont ringsum ein Wasserkreis, die Nacht hell
und schner Mondschein.

Schiff vor Capri. Zeichnung von Kniep

Ich hatte doch dieser herrlichen Ansichten nur Augenblicke genieen knnen, die
Seekrankheit berfiel mich bald. Ich begab mich in meine Kammer, whlte die
horizontale Lage, enthielt mich auer weiem Brot und rotem Wein aller Speisen
und Getrnke und fhlte mich ganz behaglich. Abgeschlossen von der uern Welt,
lie ich die innere walten, und da eine langsame Fahrt vorauszusehen war, gab
ich mir gleich zu bedeutender Unterhaltung ein starkes Pensum auf. Die zwei
ersten Akte des Tasso, in poetischer Prosa geschrieben, hatte ich von allen
Papieren allein mit ber See genommen. Diese beiden Akte, in Absicht auf Plan
und Gang ungefhr den gegenwrtigen gleich, aber schon vor zehn Jahren
geschrieben, hatten etwas Weichliches, Nebelhaftes, welches sich bald verlor,
als ich nach neueren Ansichten die Form verwalten und den Rhythmus eintreten
lie.
Sonnabend, den 31. Mrz.
Die Sonne tauchte klar aus dem Meere herauf. Um sieben Uhr erreichten wir ein
franzsisches Schiff, welches zwei Tage vor uns abgegangen war; um so viel
besser segelten wir, und doch sahen wir noch nicht das Ende unserer Fahrt.
Einigen Trost gab uns die Insel Ustica, doch leider zur Linken, da wir sie eben,
wie auch Capri, htten rechts lassen sollen. Gegen Mittag war uns der Wind ganz
zuwider, und wir kamen nicht von der Stelle. Das Meer fing an, hher zu gehen,
und im Schiffe war fast alles krank.
Ich blieb in meiner gewohnten Lage, das ganze Stck ward um und um, durch und
durch gedacht. Die Stunden gingen vorber, ohne da ich ihre Einteilung bemerkt
htte, wenn nicht der schelmische Kniep, auf dessen Appetit die Wellen keinen
Einflu hatten, von Zeit zu Zeit, indem er mir Wein und Brot brachte, die
treffliche Mittagstafel, die Heiterkeit und Anmut des jungen tchtigen Kapitns,
dessen Bedauern, da ich meine Portion nicht mitgeniee, zugleich schadenfroh
gerhmt htte. Ebenso gab ihm der bergang von Scherz und Lust zu Mibehagen und
Krankheit und wie sich dieses bei einzelnen Gliedern der Gesellschaft gezeigt,
reichen Stoff zu mutwilliger Schilderung.
Nachmittags vier Uhr gab der Kapitn dem Schiff eine andere Richtung. Die groen
Segel wurden wieder aufgezogen und unsere Fahrt gerade auf die Insel Ustica
gerichtet, hinter welcher wir zu groer Freude die Berge von Sizilien
erblickten. Der Wind besserte sich, wir fuhren schneller auf Sizilien los, auch
kamen uns noch einige Inseln zu Gesichte. Der Sonnenuntergang war trbe, das
Himmelslicht hinter Nebel versteckt. Den ganzen Abend ziemlich gnstiger Wind.
Gegen Mitternacht fing das Meer an, sehr unruhig zu werden.
Sonntag, den 1. April.
Um drei Uhr morgens heftiger Sturm. Im Schlaf und Halbtraum setzte ich meine
dramatischen Plane fort, indessen auf dem Verdeck groe Bewegung war. Die Segel
muten eingenommen werden, das Schiff schwebte auf den hohen Fluten. Gegen
Anbruch des Tages legte sich der Sturm, die Atmosphre klrte sich auf. Nun lag
die Insel Ustica vllig links. Eine groe Schildkrte zeigte man uns in der
Weite schwimmend, durch unsere Fernrhre als ein lebendiger Punkt wohl zu
erkennen. Gegen Mittag konnten wir die Kste Siziliens mit ihren Vorgebirgen und
Buchten ganz deutlich unterscheiden, aber wir waren sehr unter den Wind
gekommen, wir lavierten an und ab. Gegen Nachmittag waren wir dem Ufer nher.
Die westliche Kste vom Lilybischen Vorgebirge bis Capo Gallo sahen wir ganz
deutlich, bei heiterem Wetter und hell scheinender Sonne.
Eine Gesellschaft von Delphinen begleitete das Schiff an beiden Seiten des
Vorderteils und schossen immer voraus. Es war lustig anzusehen, wie sie bald,
von den klaren durchscheinenden Wellen berdeckt, hinschwammen, bald mit ihren
Rckenstacheln und Flofedern, grn- und goldspielenden Seiten sich ber dem
Wasser springend bewegten.
Da wir weit unter dem Winde waren, fuhr der Kapitn gerade auf eine Bucht zu,
gleich hinter Capo Gallo. Kniep versumte die schne Gelegenheit nicht, die
mannigfaltigsten Ansichten ziemlich im Detail zu zeichnen. Mit Sonnenuntergang
wendete der Kapitn das Schiff wieder dem hohen Meer zu und fuhr nordostwrts,
um die Hhe von Palermo zu erreichen. Ich wagte mich manchmal aufs Verdeck, doch
lie ich meinen dichterischen Vorsatz nicht aus dem Sinne, und ich war des
ganzen Stcks so ziemlich Herr geworden. Bei trblichem Himmel heller
Mondschein, der Widerschein auf dem Meer unendlich schn. Die Maler, um der
Wirkung willen, lassen uns oft glauben, der Widerschein der Himmelslichter im
Wasser habe zunchst dem Beschauer die grte Breite, wo er die grte Energie
hat. Hier aber sah man am Horizont den Widerschein am breitesten, der sich wie
eine zugespitzte Pyramide zunchst am Schiff in blinkenden Wellen endigte. Der
Kapitn vernderte die Nacht noch einigemal das Manver.
Montag, den 2. April, frh 8 Uhr,
fanden wir uns Palermo gegenber. Dieser Morgen erschien fr mich hchst
erfreulich. Der Plan meines Dramas war diese Tage daher im Walfischbauch
ziemlich gediehen. Ich befand mich wohl und konnte nun auf dem Verdeck die
Ksten Siziliens mit Aufmerksamkeit betrachten. Kniep zeichnete emsig fort, und
durch seine gewandte Genauigkeit wurden mehrere Streifen Papier zu einem sehr
schtzbaren Andenken dieses verspteten Landens.
Palermo, Montag, den 2. April 1787
Endlich gelangten wir mit Not und Anstrengung nachmittags um drei Uhr in den
Hafen, wo uns ein hchst erfreulicher Anblick entgegentrat. Vllig hergestellt,
wie ich war, empfand ich das grte Vergngen. Die Stadt gegen Norden gekehrt,
am Fu hoher Berge liegend; ber ihr, der Tageszeit gem, die Sonne
herberscheinend. Die klaren Schattenseiten aller Gebude sahen uns an, vom
Widerschein erleuchtet. Monte Pellegrino rechts, seine zierlichen Formen im
vollkommensten Lichte, links das weit hingestreckte Ufer mit Buchten, Landzungen
und Vorgebirgen. Was ferner eine allerliebste Wirkung hervorbrachte, war das
junge Grn zierlicher Bume, deren Gipfel, von hinten erleuchtet, wie groe
Massen vegetabilischer Johanniswrmer vor den dunkeln Gebuden hin und wider
wogten. Ein klarer Duft blaute alle Schatten.
Anstatt ungeduldig ans Ufer zu eilen, blieben wir auf dem Verdeck, bis man uns
wegtrieb; wo htten wir einen gleichen Standpunkt, einen so glcklichen
Augenblick so bald wieder hoffen knnen!
Durch die wunderbare, aus zwei ungeheuern Pfeilern bestehende Pforte, die oben
nicht geschlossen sein darf, damit der turmhohe Wagen der heiligen Rosalia an
dem berhmten Feste durchfahren knne, fhrte man uns in die Stadt und sogleich
links in einen groen Gasthof. Der Wirt, ein alter behaglicher Mann, von jeher
Fremde aller Nationen zu sehen gewohnt, fhrte uns in ein groes Zimmer, von
dessen Balkon wir das Meer und die Reede, den Rosalienberg und das Ufer
berschauten, auch unser Schiff erblickten und unsern ersten Standpunkt
beurteilen konnten. ber die Lage unseres Zimmers hchst vergngt, bemerkten wir
kaum, da im Grunde desselben ein erhhter Alkoven hinter Vorhngen versteckt
sei, wo sich das weitluftigste Bett ausbreitete, das, mit einem seidenen
Thronhimmel prangend, mit den brigen veralteten stattlichen Mobilien vllig
bereinstimmte. Ein solches Prunkgemach setzte uns gewissermaen in
Verlegenheit, wir verlangten, herkmmlicherweise Bedingungen abzuschlieen. Der
Alte sagte dagegen, es bedrfe keiner Bedingung, er wnsche, da es uns bei ihm
wohl gefalle. Wir sollten uns auch des Vorsaals bedienen, welcher, khl und
luftig, durch mehrere Balkone lustig, gleich an unser Zimmer stie.
Wir vergngten uns an der unendlich mannigfaltigen Aussicht und suchten sie im
einzelnen zeichnerisch und malerisch zu entwickeln, denn hier konnte man
grenzenlos eine Ernte fr den Knstler berschauen.
Der helle Mondschein lockte uns des Abends noch auf die Reede und hielt nach der
Rckkehr uns noch eine lange Zeit auf dem Altan. Die Beleuchtung war sonderbar,
Ruhe und Anmut gro.
Palermo, Dienstag, den 3. April 1787
Unser erstes war, die Stadt nher zu betrachten, die sehr leicht zu berschauen
und schwer zu kennen ist, leicht, weil eine meilenlange Strae vom untern zum
obern Tor, vom Meere bis gegen das Gebirg' sie durchschneidet und diese ungefhr
in der Mitte von einer andern abermals durchschnitten wird: was auf diesen
Linien liegt, ist bequem zu finden; das Innere der Stadt hingegen verwirrt den
Fremden, und er entwirrt sich nur mit Hlfe eines Fhrers in diesem Labyrinthe.
Gegen Abend schenkten wir unsere Aufmerksamkeit der Kutschenreihe der bekannten
Fahrt vornehmerer Personen, welche sich zur Stadt hinaus auf die Reede begaben,
um frische Luft zu schpfen, sich zu unterhalten und allenfalls zu
kourtoisieren.
Zwei Stunden vor Nacht war der Vollmond eingetreten und verherrlichte den Abend
unaussprechlich. Die Lage von Palermo gegen Norden macht, da sich Stadt und
Ufer sehr wundersam gegen die groen Himmelslichter verhlt, deren Widerschein
man niemals in den Wellen erblickt. Deswegen wir auch heute an dem heitersten
Tage das Meer dunkelblau, ernsthaft und zudringlich fanden, anstatt da es bei
Neapel von der Mittagsstunde an immer heiterer, lustiger und ferner glnzt.
Kniep hatte mich schon heute manchen Weg und manche Betrachtung allein machen
lassen, um einen genauen Kontur des Monte Pellegrino zu nehmen, des schnsten
aller Vorgebirge der Welt.

Palermo, den 3. April 1787.
Hier noch einiges zusammenfassend, nachtrglich und vertraulich:
Wir fuhren Donnerstag, den 29. Mrz, mit Sonnenuntergang von Neapel und landeten
erst nach vier Tagen um drei Uhr im Hafen von Palermo. Ein kleines Diarium, das
ich beilege, erzhlt berhaupt unsere Schicksale. Ich habe nie eine Reise so
ruhig angetreten als diese, habe nie eine ruhigere Zeit gehabt als auf der durch
bestndigen Gegenwind sehr verlngerten Fahrt, selbst auf dem Bette im engen
Kmmerchen, wo ich mich die ersten Tage halten mute, weil mich die Seekrankheit
stark angriff. Nun denke ich ruhig zu euch hinber; denn wenn irgend etwas fr
mich entscheidend war, so ist es diese Reise.
Hat man sich nicht ringsum vom Meere umgeben gesehen, so hat man keinen Begriff
von Welt und von seinem Verhltnis zur Welt. Als Landschaftszeichner hat mir
diese groe, simple Linie ganz neue Gedanken gegeben.
Wir haben, wie das Diarium ausweist, auf dieser kurzen Fahrt mancherlei
Abwechslungen und gleichsam die Schicksale der Seefahrer im kleinen gehabt.
brigens ist die Sicherheit und Bequemlichkeit des Paketboots nicht genug zu
loben. Der Kapitn ist ein sehr braver und recht artiger Mann. Die Gesellschaft
war ein ganzes Theater, gutgesittet, leidlich und angenehm. Mein Knstler, den
ich bei mir habe, ist ein munterer, treuer, guter Mensch, der mit der grten
Akkuratesse zeichnet; er hat alle Inseln und Ksten, wie sie sich zeigten,
umrissen; es wird euch groe Freude machen, wenn ich alles mitbringe. brigens
hat er mir, die langen Stunden der berfahrt zu verkrzen, das Mechanische der
Wasserfarbenmalerei (Aquarell), die man in Italien jetzt sehr hoch getrieben
hat, aufgeschrieben. versteht sich den Gebrauch gewisser Farben, um gewisse Tne
hervorzubringen, an denen man sich, ohne das Geheimnis zu wissen, zu Tode
mischen wrde. Ich hatte wohl in Rom manches davon erfahren, aber niemals im
Zusammenhange. Die Knstler haben es in einem Lande ausstudiert wie Italien, wie
dieses ist. Mit keinen Worten ist die dunstige Klarheit auszudrcken, die um die
Ksten schwebte, als wir am schnsten Nachmittage gegen Palermo anfuhren. Die
Reinheit der Konture, die Weichheit des Ganzen, das Auseinanderweichen der Tne,
die Harmonie von Himmel, Meer und Erde. Wer es gesehen hat, der hat es auf sein
ganzes Leben. Nun versteh' ich erst die Claude Lorrains und habe Hoffnung, auch
dereinst in Norden aus meiner Seele Schattenbilder dieser glcklichen Wohnung
hervor- 3zubringen. Wre nur alles Kleinliche so rein daraus weggewaschen als
die Kleinheit der Strohdcher aus meinen Zeichenbegriffen. Wir wollen sehen, was
diese Knigin der Inseln tun kann.
Hafen. Gemlde von Claude Lorrain
Wie sie uns empfangen hat, habe ich keine Worte auszudrcken: mit
frischgrnenden Maulbeerbumen, immergrnendem Oleander, Zitronenhecken etc. In
einem ffentlichen Garten stehn weite Beete von Ranunkeln und Anemonen. Die Luft
ist mild, warm und wohlriechend, der Wind lau. Der Mond ging dazu voll hinter
einem Vorgebirge herauf und schien ins Meer; und diesen Genu, nachdem man vier
Tage und Nchte auf den Wellen geschwebt! Verzeiht, wenn ich mit einer stumpfen
Feder aus einer Tuschmuschel, aus der mein Gefhrte die Umrisse nachzieht,
dieses hinkritzle. Es kommt doch wie ein Lispeln zu euch hinber, indes ich
allen, die mich lieben, ein ander Denkmal dieser meiner glcklichen Stunden
bereite. Was es wird, sag' ich nicht, wann ihr es erhaltet, kann ich auch nicht
sagen.
Palermo, Dienstag, den 3. April 1787.
Dieses Blatt sollte nun, meine Geliebten, euch des schnsten Genusses, insofern
es mglich wre, teilhaft machen; es sollte die Schilderung der
unvergleichlichen, eine groe Wassermasse umfassenden Bucht berliefern. Von
Osten herauf, wo ein flcheres Vorgebirg weit in die See greift, an vielen
schroffen, wohlgebildeten, waldbewachsenen Felsen hin bis an die
Fischerwohnungen der Vorstdte herauf, dann an der Stadt selbst her, deren
uere Huser alle nach dem Hafen schauen, wie unsere Wohnung auch, bis zu dem
Tore, durch welches wir hereinkamen.
Dann geht es westwrts weiter fort an den gewhnlichen Landungsplatz, wo
kleinere Schiffe anlegen, bis zu dem eigentlichen Hafen an den Molo, die Station
grerer Schiffe. Da erhebt sich nun, smtliche Fahrzeuge zu schtzen, in Westen
der Monte Pellegrino in seinen schnen Formen, nachdem er ein liebliches,
fruchtbares Tal, das sich bis zum jenseitigen Meer erstreckt, zwischen sich und
dem eigentlichen festen Land gelassen.

Die Bucht von Palermo. Zeichnung von Goethe

Kniep zeichnete, ich schematisierte, beide mit groem Genu, und nun, da wir
frhlich nach Hause kommen, fhlen wir beide weder Krfte noch Mut, zu
wiederholen und auszufhren. Unsere Entwrfe mssen also fr knftige Zeiten
liegenbleiben, und dieses Blatt gibt euch blo ein Zeugnis unseres Unvermgens,
diese Gegenstnde genugsam zu fassen, oder vielmehr unserer Anmaung, sie in so
kurzer Zeit erobern und beherrschen zu wollen.
Palermo, Mittwoch, den 4. April 1787.
Nachmittags besuchten wir das fruchtreiche und angenehme Tal, welches die
sdlichen Berge herab an Palermo vorbeizieht, durchschlngelt von dem Flu
Oreto. Auch hier wird ein malerisches Auge und eine geschickte Hand gefordert,
wenn ein Bild soll gefunden werden, und doch erhaschte Kniep einen Standpunkt,
da, wo das gestemmte Wasser von einem halbzerstrten Wehr herunterfliet,
beschattet von einer frhlichen Baumgruppe, dahinter das Tal hinaufwrts die
freie Aussicht und einige landwirtschaftliche Gebude.
Die schnste Frhlingswitterung und eine hervorquellende Fruchtbarkeit
verbreitete das Gefhl eines belebenden Friedens ber das ganze Tal, welches mir
der ungeschickte Fhrer durch seine Gelehrsamkeit verkmmerte, umstndlich
erzhlend, wie Hannibal hier vormals eine Schlacht geliefert und was fr
ungeheure Kriegstaten an dieser Stelle geschehen. Unfreundlich verwies ich ihm
das fatale Hervorrufen solcher abgeschiedenen Gespenster. Es sei schlimm genug,
meinte ich, da von Zeit zu Zeit die Saaten, wo nicht immer von Elefanten, doch
von Pferden und Menschen zerstampft werden mten. Man solle wenigstens die
Einbildungskraft nicht mit solchem Nachgetmmel aus ihrem friedlichen Traume
aufschrecken.
Er verwunderte sich sehr, da ich das klassische Andenken an so einer Stelle
verschmhte, und ich konnte ihm freilich nicht deutlich machen, wie mir bei
einer solchen Vermischung des Vergangenen und des Gegenwrtigen zumute sei.
Noch wunderlicher erschien ich diesem Begleiter, als ich auf allen seichten
Stellen, deren der Flu gar viele trocken lt, nach Steinchen suchte und die
verschiedenen Arten derselben mit mir forttrug. Ich konnte ihm abermals nicht
erklren, da man sich von einer gebirgigen Gegend nicht schneller einen Begriff
machen kann, als wenn man die Gesteinsarten untersucht, die in den Bchen
herabgeschoben werden, und da hier auch die Aufgabe sei, durch Trmmer sich
eine Vorstellung von jenen ewig klassischen Hhen des Erdaltertums zu
verschaffen.
Auch war meine Ausbeute aus diesem Flusse reich genug, ich brachte beinahe
vierzig Stcke zusammen, welche sich freilich in wenige Rubriken unterordnen
lieen. Das meiste war eine Gebirgsart, die man bald fr Jaspis oder Hornstein,
bald fr Tonschiefer ansprechen konnte. Ich fand sie teils in abgerundeten,
teils unfrmigen Geschieben, teils rhombisch gestaltet, von vielerlei Farben.
Ferner kamen viele Abnderungen des ltern Kalkes vor, nicht weniger Breccien,
deren Bindemittel Kalk, die verbundenen Steine aber bald Jaspis, bald Kalk
waren. Auch fehlte es nicht an Geschieben von Muschelkalk.
Die Pferde fttern sie mit Gerste, Hckerling und Kleien; im Frhjahr geben sie
ihnen geschote grne Gerste, um sie zu erfrischen, per rinfrescar, wie sie es
nennen. Da sie keine Wiesen haben, fehlt es an Heu. Auf den Bergen gibt es
einige Weide, auch auf den ckern, da ein Drittel als Brache liegenbleibt. Sie
halten wenig Schafe, deren Rasse aus der Barbarei kommt, berhaupt auch mehr
Maultiere als Pferde, weil jenen die hitzige Nahrung besser bekommt als diesen.
Die Plaine, worauf Palermo liegt, sowie auer der Stadt die Gegend Ai Colli,
auch ein Teil der Bagaria, hat im Grunde Muschelkalk woraus die Stadt gebaut
ist, daher man denn auch groe Steinbrche in diesen Lagen findet. In der Nhe
von Monte Pellegrino sind sie an einer Stelle ber funfzig Fu tief. Die untern
Lager sind weier von Farbe. Man findet darin viel versteinte Korallen und
Schaltiere, vorzglich groe Pilgermuscheln. Das obere Lager ist mit rotem Ton
gemischt und enthlt wenig oder gar keine Muscheln. Ganz obenauf liegt roter
Ton, dessen Lage jedoch nicht stark ist. Der Monte Pellegrino hebt sich aus
allem diesem hervor; er ist ein lterer Kalk, hat viele Lcher und Spaltungen,
welche, genau betrachtet, obgleich sehr unregelmig, sich doch nach der Ordnung
der Bnke richten. Das Gestein ist fest und klingend.
Palermo, Donnerstag, den 5. April 1787.
Wir gingen die Stadt im besondern durch. Die Bauart gleicht meistens der von
Neapel, doch stehen ffentliche Monumente, z. B. Brunnen, noch weiter entfernt
vom guten Geschmack. Hier ist nicht wie in Rom ein Kunstgeist, welcher die
Arbeit regelt; nur von Zuflligkeiten erhlt das Bauwerk Gestalt und Dasein. Ein
von dem ganzen Inselvolke angestaunter Brunnen existierte schwerlich, wenn es in
Sizilien nicht schnen, bunten Marmor gbe, und wenn nicht gerade ein Bildhauer,
gebt in Tiergestalten, damals Gunst gehabt htte. Es wird schwerhalten, diesen
Brunnen zu beschreiben. Auf einem migen Platze steht ein rundes
architektonisches Werk, nicht gar stockhoch, Sockel, Mauer und Gesims von
farbigem Marmor; in die Mauer sind in einer Flucht mehrere Nischen angebracht,
aus welchen, von weiem Marmor gebildet, alle Arten Tierkpfe auf gestreckten
Hlsen herausschauen: Pferd, Lwe, Kamel, Elefant wechseln miteinander ab, und
man erwartete kaum hinter dem Kreise dieser Menagerie einen Brunnen, zu welchem
von vier Seiten durch gelassene Lcken marmorne Stufen hinauffhren, um das
reichlich gespendete Wasser schpfen zu lassen.
Etwas hnliches ist es mit den Kirchen, wo die Prachtliebe der Jesuiten noch
berboten ward, aber nicht aus Grundsatz und Absicht, sondern zufllig, wie
allenfalls ein gegenwrtiger Handwerker, Figuren- oder Laubschnitzer Vergolder,
Lackierer und Marmorierer gerade das, was er vermochte, ohne Geschmack und
Leitung an gewissen Stellen anbringen wollte.
Dabei findet man eine Fhigkeit, natrliche Dinge nachzuahmen, wie denn z. B.
jene Tierkpfe gut genug gearbeitet sind. Dadurch wird freilich die Bewunderung
der Menge erregt, deren ganze Kunstfreude darin besteht, da sie das
Nachgebildete mit dem Urbilde vergleichbar findet.
Gegen Abend machte ich eine heitere Bekanntschaft, indem ich auf der langen
Strae bei einem kleinen Handelsmanne eintrat, um verschiedene Kleinigkeiten
einzukaufen. Als ich vor dem Laden stand, die Ware zu besehen, erhob sich ein
geringer Luftsto, welcher, lngs der Strae herwirbelnd, einen unendlichen
erregten Staub in alle Buden und Fenster sogleich verteilte. Bei allen
Heiligen! sagt mir, rief ich aus, woher kommt die Unreinlichkeit eurer Stadt,
und ist derselben denn nicht abzuhelfen? Diese Strae wetteifert an Lnge und
Schnheit mit dem Corso zu Rom. An beiden Seiten Schrittsteine, die jeder Laden-
und Werkstattbesitzer mit unablssigem Kehren reinlich hlt, indem er alles in
die Mitte hinunterschiebt, welche dadurch nur immer unreinlicher wird und euch
mit jedem Windshauch den Unrat zurcksendet, den ihr der Hauptstrae zugewiesen
habt. In Neapel tragen geschftige Esel jeden Tag das Kehricht nach Grten und
Feldern, sollte denn bei euch nicht irgendeine hnliche Einrichtung entstehen
oder getroffen werden?
Es ist bei uns nun einmal, wie es ist, versetzte der Mann; was wir aus dem
Hause werfen, verfault gleich vor der Tre bereinander. Ihr seht hier Schichten
von Stroh und Rohr, von Kchenabgngen und allerlei Unrat, das trocknet zusammen
auf und kehrt als Staub zu uns zurck. Gegen den wehren wir uns den ganzen Tag.
Aber seht, unsere schnen, geschftigen, niedlichen Besen vermehren, zuletzt
abgestumpft, nur den Unrat vor unsern Husern.
Und lustig genommen, war es wirklich an dem. Sie haben niedliche Beschen von
Zwergpalmen, die man mit weniger Abnderung zum Fcherdienst eignen knnte, sie
schleifen sich leicht ab, und die stumpfen liegen zu Tausenden in der Strae.
Auf meine wiederholte Frage, ob dagegen keine Anstalt zu treffen sei, erwiderte
er, die Rede gehe im Volke, da gerade die, welche fr Reinlichkeit zu sorgen
htten, wegen ihres groen Einflusses nicht gentigt werden knnten, die Gelder
pflichtmig zu verwenden, und dabei sei noch der wunderliche Umstand, da man
frchte, nach weggeschafftem misthaftem Gestrhde werde erst deutlich zum
Vorschein kommen, wie schlecht das Pflaster darunter beschaffen sei, wodurch
denn abermals die unredliche Verwaltung einer andern Kasse zutage kommen wrde.
Das alles aber sei, setzte er mit possierlichem Ausdruck hinzu, nur Auslegung
von belgesinnten, er aber von der Meinung derjenigen, welche behaupten, der
Adel erhalte seinen Karossen diese weiche Unterlage, damit sie des Abends ihre
herkmmliche Lustfahrt auf elastischem Boden bequem vollbringen knnten. Und da
der Mann einmal im Zuge war, bescherzte er noch mehrere Polizeimibruche, mir
zu trstlichem Beweis, da der Mensch noch immer Humor genug hat, sich ber das
Unabwendbare lustig zu machen.

Palermo, den 6. April 1787.
Die heilige Rosalie, Schutzpatronin von Palermo, ist durch die Beschreibung,
welche Brydone von ihrem Feste gegeben 5 hat, so allgemein bekannt geworden, da
es den Freunden gewi angenehm sein mu, etwas von dem Orte und der Stelle, wo
sie besonders verehrt wird, zu lesen.
Der Monte Pellegrino, eine groe Felsenmasse, breiter als hoch, liegt an dem
nordwestlichen Ende des Golfs von Palermo. Seine schne Form lt sich mit
Worten nicht beschreiben; eine unvollkommene Abbildung davon findet sich in dem
Voyage pittoresque de la Sicile. Er bestehet aus einem grauen Kalkstein der
frheren Epoche. Die Felsen sind ganz nackt, kein Baum, kein Strauch wchst auf
ihnen, kaum, da die flachliegenden Teile mit etwas Rasen und Moos bedeckt sind.
In einer Hhle dieses Berges entdeckte man zu Anfang des vorigen Jahrhunderts
die Gebeine der Heiligen und brachte sie nach Palermo. Ihre Gegenwart befreite
die Stadt von der Pest, und Rosalie war seit diesem Augenblicke die
Schutzheilige des Volks; man baute ihr Kapellen und stellte ihr zu Ehren
glnzende Feierlichkeiten an.

Pferderennen beim Fest der hl. Rosalia in Palermo. Kupferstich nach Desprez

Die Andchtigen wallfahrteten fleiig auf den Berg, und man erbaute mit groen
Kosten einen Weg, der wie eine Wasserleitung auf Pfeilern und Bogen ruht und in
einem Zickzack zwischen zwei Klippen hinaufsteigt.
Der Andachtsort selbst ist der Demut der Heiligen, welche sich dahin flchtete,
angemessener als die prchtigen Feste, welche man ihrer vlligen Entuerung von
der Welt zu Ehren anstellte. Und vielleicht hat die ganze Christenheit, welche
nun achtzehnhundert Jahre ihren Besitz, ihre Pracht, ihre feierlichen
Lustbarkeiten auf das Elend ihrer ersten Stifter und eifrigsten Bekenner
grndet, keinen heiligen Ort aufzuweisen, der auf eine so unschuldige und
gefhlvolle Art verziert und verehrt wre.
Wenn man den Berg erstiegen hat, wendet man sich um eine Felsenecke, wo man
einer steilen Felswand nah gegenber steht, an welcher die Kirche und das
Kloster gleichsam festgebaut sind.
Die Auenseite der Kirche hat nichts Einladendes noch Versprechendes; man
erffnet die Tre ohne Erwartung, wird aber auf das wunderbarste berrascht,
indem man hineintritt. Man befindet sich unter einer Halle, welche in der Breite
der Kirche hinluft und gegen das Schiff zu offen ist. Man sieht in derselben
die gewhnlichen Gefe mit Weihwasser und einige Beichtsthle. Das Schiff der
Kirche ist ein offner Hof, der an der rechten Seite von rauhen Felsen, auf der
linken von einer Kontinuation der Halle zugeschlossen wird. Er ist mit
Steinplatten etwas abhngig belegt, damit das Regenwasser ablaufen kann; ein
kleiner Brunnen steht ungefhr in der Mitte.
Die Hhle selbst ist zum Chor umgebildet, ohne da man ihr von der natrlichen
rauhen Gestalt etwas genommen htte. Einige Stufen fhren hinauf: gleich steht
der groe Pult mit dem Chorbuche entgegen, auf beiden Seiten die Chorsthle.
Alles wird von dem aus dem Hofe oder Schiff einfallenden Tageslicht erleuchtet.
Tief hinten in dem Dunkel der Hhle steht der Hauptaltar in der Mitte.
Man hat, wie schon gesagt, an der Hhle nichts verndert; allein da die Felsen
immer von Wasser trufeln, war es ntig, den Ort trocken zu halten. Man hat
dieses durch bleierne Rinnen bewirkt, welche man an den Kanten der Felsen
hergefhrt und verschiedentlich miteinander verbunden hat. Da sie oben breit
sind und unten spitz zulaufen, auch mit einer schmutzig grnen Farbe
angestrichen sind, so sieht es fast aus, als wenn die Hhle inwendig mit groen
Kaktusarten bewachsen wre. Das Wasser wird teils seitwrts, teils hinten in
einen klaren Behlter geleitet, woraus es die Glubigen schpfen und gegen
allerlei bel gebrauchen.
Da ich diese Gegenstnde genau betrachtete, trat ein Geistlicher zu mir und
fragte mich, ob ich etwa ein Genueser sei und einige Messen wollte lesen lassen.
Ich versetzte ihm darauf, ich sei mit einem Genueser nach Palermo gekommen,
welcher morgen als an einem Festtage heraufsteigen wrde. Da immer einer von uns
zu Hause bleiben mte, wre ich heute heraufgegangen, mich umzusehen. Er
versetzte darauf, ich mchte mich aller Freiheit bedienen, alles wohl betrachten
und meine Devotion verrichten. Besonders wies er mich an einen Altar, der links
in der Hhle stand, als ein besonderes Heiligtum und verlie mich.
Ich sah durch die ffnungen eines groen, aus Messing getriebenen Laubwerks
Lampen unter dem Altar hervorschimmern, kniete ganz nahe davor hin und blickte
durch die ffnungen. Es war inwendig noch ein Gitterwerk von feinem geflochtenem
Messingdraht vorgezogen, so da man nur wie durch einen Flor den Gegenstand
dahinter unterscheiden konnte.
Ein schnes Frauenzimmer erblickt' ich bei dem Schein einiger stillen Lampen.
Sie lag wie in einer Art von Entzckung, die Augen halb geschlossen, den Kopf
nachlssig auf die rechte Hand gelegt, die mit vielen Ringen geschmckt war. Ich
konnte das Bild nicht genug betrachten; es schien mir ganz besondere Reize zu
haben. Ihr Gewand ist aus einem vergoldeten Blech getrieben, welches einen reich
von Gold gewirkten Stoff gar gut nachahmt. Kopf und Hnde, von weiem Marmor,
sind, ich darf nicht sagen in einem hohen Stil, aber doch so natrlich und
gefllig gearbeitet, da man glaubt, sie mte Atem holen und sich bewegen.
Ein kleiner Engel steht neben ihr und scheint ihr mit einem Lilienstengel
Khlung zuzuwehen.
Unterdessen waren die Geistlichen in die Hhle gekommen, hatten sich auf ihre
Sthle gesetzt und sangen die Vesper.
Ich setzte mich auf eine Bank gegen dem Altar ber und hrte ihnen eine Weile
zu; alsdann begab ich mich wieder zum Altare, kniete nieder und suchte das
schne Bild der Heiligen noch deutlicher gewahr zu werden. Ich berlie mich
ganz der reizenden Illusion der Gestalt und des Ortes.
Der Gesang der Geistlichen verklang nun in der Hhle, das Wasser rieselte in das
Behltnis gleich neben dem Altare zusammen, die berhangenden Felsen des
Vorhofs, des eigentlichen Schiffs der Kirche, schlossen die Szene noch mehr ein.
Es war eine groe Stille in dieser gleichsam wieder ausgestorbenen Wste, eine
groe Reinlichkeit in einer wilden Hhle; der Flitterputz des katholischen,
besonders sizilianischen Gottesdienstes, hier noch zunchst seiner natrlichen
Einfalt; die Illusion, welche die Gestalt der schnen Schlferin hervorbrchte,
auch einem gebten Auge noch reizend - genug, ich konnte mich nur mit
Schwierigkeit von diesem Orte losreien und kam erst in spter Nacht wieder in
Palermo an.
Palermo, Sonnabend, den 7. April 1787.
In dem ffentlichen Garten unmittelbar an der Reede brachte ich im stillen die
vergngtesten Stunden zu. Es ist der wunderbarste Ort von der Welt. Regelmig
angelegt, scheint er uns doch feenhaft; vor nicht gar langer Zeit gepflanzt,
versetzt er ins Altertum. Grne Beeteinfassungen umschlieen fremde Gewchse,
Zitronenspaliere wlben sich zum niedlichen Laubengange, hohe Wnde des
Oleanders, geschmckt von tausend roten nelkenhaften Blten, locken das Auge.
Ganz fremde, mir unbekannte Bume, noch ohne Laub, wahrscheinlich aus wrmern
Gegenden, verbreiten seltsame Zweige. Eine hinter dem flachen Raum erhhte Bank
lt einen so wundersam verschlungenen Wachstum bersehen und lenkt den Blick
zuletzt auf groe Bassins, in welchen Gold- und Silberfische sich gar lieblich
bewegen, bald sich unter bemooste Rhren verbergen, bald wieder scharenweise
durch einen Bissen Brot gelockt, sich versammeln. An den Pflanzen erscheint
durchaus ein Grn, das wir nicht gewohnt sind, bald gelblicher, bald blaulicher
als bei uns. Was aber dem Ganzen die wundersamste Anmut verlieh, war ein starker
Duft, der sich ber alles gleichfrmig verbreitete, mit so merklicher Wirkung,
da die Gegenstnde, auch nur einige Schritte hintereinander entfernt, sich
entschiedener hellblau voneinander absetzten, so da ihre eigentmliche Farbe
zuletzt verlorenging, oder wenigstens sehr berblut sie sich dem Auge
darstellten.
Welche wundersame Ansicht ein solcher Duft entfernteren Gegenstnden, Schiffen,
Vorgebirgen erteilt, ist fr ein malerisches Auge merkwrdig genug, indem die
Distanzen genau zu unterscheiden, ja zu messen sind; deswegen auch ein
Spaziergang auf die Hhe hchst reizend ward. Man sah keine Natur mehr, sondern
nur Bilder, wie sie der knstlichste Maler durch Lasieren auseinander gestuft
htte.
Aber der Eindruck jenes Wundergartens war mir zu tief geblieben; die
schwrzlichen Wellen am nrdlichen Horizonte, ihr Anstreben an die
Buchtkrmmungen, selbst der eigene Geruch des dnstenden Meeres, das alles rief
mir die Insel der seligen Phaken in die Sinne sowie ins Gedchtnis. Ich eilte
sogleich, einen Homer zu kaufen, jenen Gesang mit groer Erbauung zu lesen und
eine bersetzung aus dem Stegreif Kniepen vorzutragen, der wohl verdiente, bei
einem guten Glase Wein von seinen strengen heutigen Bemhungen behaglich
auszuruhen.
Palermo, den 8. April 1787. Ostersonntag.
Nun aber ging die lrmige Freude ber die glckliche Auferstehung des Herrn mit
Tagesanbruch los. Petarden, Lauffeuer, Schlge, Schwrmer und dergleichen wurden
kastenweis vor den Kirchtren losgebrannt, indessen die Glubigen sich zu den
erffneten Flgelpforten drngten. Glocken- und Orgelschall, Chorgesang der
Prozessionen und der ihnen entgegnenden geistlichen Chre konnten wirklich das
Ohr derjenigen verwirren, die an eine so lrmende Gottesverehrung nicht gewhnt
waren.
Die frhe Messe war kaum geendigt, als zwei wohlgeputzte Laufer des Vizeknigs
unsern Gasthof besuchten, in der doppelten Absicht, einmal den smtlichen
Fremden zum Feste zu gratulieren und dagegen ein Trinkgeld einzunehmen, mich
sodann zur Tafel zu laden, weshalb meine Gabe etwas erhht werden mute.
Nachdem ich den Morgen zugebracht, die verschiedenen Kirchen zu besuchen und die
Volksgesichter und Gestalten zu betrachten, fuhr ich zum Palast des Vizeknigs,
welcher am obern Ende der Stadt liegt. Weil ich etwas zu frh gekommen, fand ich
die groen Sle noch leer, nur ein kleiner, munterer Mann ging auf mich zu, den
ich sogleich fr einen Malteser erkannte.
Als er vernahm, da ich ein Deutscher sei, fragte er, ob ich ihm Nachricht von
Erfurt zu geben wisse, er habe daselbst einige Zeit sehr angenehm zugebracht.
Auf seine Erkundigungen nach der von Dacherdischen Familie, nach dem Koadjutor
von Dalberg konnte ich ihm hinreichende Auskunft geben, worber er sehr vergngt
nach dem brigen Thringen fragte. Mit bedenklichem Anteil erkundigte er sich
nach Weimar. Wie steht es denn, sagte er, mit dem Manne, der, zu meiner Zeit
jung und lebhaft, daselbst Regen und schnes Wetter machte? Ich habe seinen
Namen vergessen, genug aber, es ist der Verfasser des Werthers'.
Nach einer kleinen Pause, als wenn ich mich bedchte, erwiderte ich: Die
Person, nach der Ihr Euch gefllig erkundigt, bin ich selbst! - Mit dem
sichtbarsten Zeichen des Erstaunens fuhr er zurck und rief aus: Da mu sich
viel verndert haben! - O ja! versetzte ich, zwischen Weimar und Palermo
hab' ich manche Vernderung gehabt.
In dem Augenblick trat mit seinem Gefolge der Vizeknig herein und betrug sich
mit anstndiger Freimtigkeit, wie es einem solchen Herrn geziemt. Er enthielt
sich jedoch nicht des Lchelns ber den Malteser, welcher seine Verwunderung,
mich hier zu sehen, auszudrcken fortfuhr. Bei Tafel sprach der Vizeknig, neben
dem ich sa, ber die Absicht meiner Reise und versicherte, da er Befehl geben
wolle, mich in Palermo alles sehen zu lassen und mich auf meinem Wege durch
Sizilien auf alle Weise zu frdern.

Palermo, Montag, den 9. April 1787.
Heute den ganzen Tag beschftigte uns der Unsinn des Prinzen Pallagonia, und
auch diese Torheiten waren ganz etwas anders, als wir uns lesend und hrend
vorgestellt. Denn bei der grten Wahrheitsliebe kommt derjenige, der vom
Absurden Rechenschaft geben soll, immer ins Gedrnge: er will einen Begriff
davon berliefern, und so macht er es schon zu etwas, da es eigentlich ein
Nichts ist, welches fr etwas gehalten sein will. Und so mu ich noch eine
andere allgemeine Reflexion vorausschicken, da weder das Abgeschmackteste noch
das Vortrefflichste ganz unmittelbar aus einem Menschen, aus einer Zeit
hervorspringe, da man vielmehr beiden mit einiger Aufmerksamkeit eine
Stammtafel der Herkunft nachweisen knne.
Jener Brunnen in Palermo gehrt unter die Vorfahren der Pallagonischen Raserei,
nur da diese hier, auf eignem Grund und Boden, in der grten Freiheit und
Breite sich hervortut. Ich will den Verlauf des Entstehens zu entwickeln suchen.
Wenn ein Lustschlo in diesen Gegenden mehr oder weniger in der Mitte des ganzen
Besitztums liegt und man also, um zu der herrschaftlichen Wohnung zu gelangen,
durch gebaute Felder, Kchengrten und dergleichen landwirtschaftliche
Ntzlichkeiten zu fahren hat, erweisen sie sich haushlterischer als die
Nordlnder, die oft eine groe Strecke guten Bodens zu einer Parkanlage
verwenden, um mit unfruchtbarem Gestruche dem Auge zu schmeicheln. Diese
Sdlnder hingegen fhren zwei Mauern auf, zwischen welchen man zum Schlo
gelangt, ohne da man gewahr werde, was rechts oder links vorgeht. Dieser Weg
beginnt gewhnlich mit einem groen Portal, wohl auch mit einer gewlbten Halle
und endigt im Schlohofe. Damit nun aber das Auge zwischen diesen Mauern nicht
ganz unbefriedigt sei, so sind sie oben ausgebogen, mit Schnrkeln und
Postamenten verziert, worauf allenfalls hie und da eine Vase steht. Die Flchen
sind abgetncht, in Felder geteilt und angestrichen. Der Schlohof macht ein
Rund von einstckigen Husern, wo Gesinde und Arbeitsleute wohnen; das viereckte
Schlo steigt ber alles empor.
Dies ist die Art der Anlage, wie sie herkmmlich gegeben ist, wie sie auch schon
frher mag bestanden haben, bis der Vater des Prinzen das Schlo baute, zwar
auch nicht in dem besten, aber doch ertrglichem Geschmack. Der jetzige Besitzer
aber, ohne jene allgemeinen Grundzge zu verlassen, erlaubt seiner Lust und
Leidenschaft zu migestaltetem, abgeschmacktem Gebilde den freisten Lauf, und
man erzeigt ihm viel zuviel Ehre, wenn man ihm nur einen Funken Einbildungskraft
zuschreibt.
Wir treten also in die groe Halle, welche mit der Grenze des Besitztums selbst
anfngt, und finden ein Achteck, sehr hoch zur Breite. Vier ungeheure Riesen mit
modernen, zugeknpften Gamaschen tragen das Gesims, auf welchem dem Eingang
gerade gegenber die heilige Dreieinigkeit schwebt.
Die Villa Palagonia in Bagheria. Aquatinta von Houel
Der Weg nach dem Schlosse zu ist breiter als gewhnlich, die Mauer in einen
fortlaufenden hohen Sockel verwandelt, auf welchem ausgezeichnete Basamente
seltsame Gruppen in die Hhe tragen, indessen in dem Raum von einer zur andern
mehrere Vasen aufgestellt sind. Das Widerliche dieser von den gemeinsten
Steinhauern gepfuschten Mibildungen wird noch dadurch vermehrt, da sie aus dem
losesten Muscheltuff gearbeitet sind; doch wrde ein besseres Material den
Unwert der Form nur desto mehr in die Augen setzen. Ich sagte vorhin Gruppen und
bediente mich eines falschen, an dieser Stelle uneigentlichen Ausdrucks; denn
diese Zusammenstellungen sind durch keine Art von Reflexion oder auch nur
Willkr entstanden, sie sind vielmehr zusammengewrfelt. Jedesmal drei bilden
den Schmuck eines solchen viereckten Postaments, indem ihre Basen so
eingerichtet sind, da sie zusammen in verschiedenen Stellungen den viereckigen
Raum ausfllen. Die vorzglichste besteht gewhnlich aus zwei Figuren, und ihre
Base nimmt den grten vordern Teil des Piedestals ein; diese sind meistenteils
Ungeheuer von tierischer und menschlicher Gestalt. Um nun den hintern Raum der
Piedestalflche auszufllen, bedarf es noch zweier Stcke; das von mittlerer
Gre stellt gewhnlich einen Schfer oder eine Schferin, einen Kavalier oder
eine Dame, einen tanzenden Affen oder Hund vor. Nun bleibt auf dem Piedestal
noch eine Lcke: diese wird meistens durch einen Zwerg ausgefllt, wie denn
berall dieses Geschlecht bei geistlosen Scherzen eine groe Rolle spielt.
Da wir aber die Elemente der Tollheit des Prinzen Pallagonia vollstndig
berliefern, geben wir nachstehendes Verzeichnis. Menschen: Bettler,
Bettlerinnen, Spanier, Spanierinnen, Mohren, Trken, Buckelige, alle Arten
Verwachsene, Zwerge, Musikanten, Pulcinelle, antik kostmierte Soldaten, Gtter,
Gttinnen, altfranzsisch Gekleidete, Soldaten mit Patrontaschen und Gamaschen,
Mythologie mit fratzenhaften Zutaten: Achill und Chiron mit Pulcinell. Tiere:
nur Teile derselben, Pferd mit Menschenhnden, Pferdekopf auf Menschenkrper,
entstellte Affen, viele Drachen und Schlangen, alle Arten von Pfoten an Figuren
aller Art, Verdoppelungen, Verwechslungen der Kpfe. Vasen: alle Arten von
Monstern und Schnrkeln, die unterwrts zu Vasenbuchen und Unterstzen endigen.
Denke man sich nun dergleichen Figuren schockweise verfertigt und ganz ohne Sinn
und Verstand entsprungen, auch ohne Wahl und Absicht zusammengestellt, denke man
sich diesen Sockel, diese Piedestale und Unformen in einer unabsehbaren Reihe,
so wird man das unangenehme Gefhl mit empfinden, das einen jeden berfallen
mu, wenn er durch diese Spitzruten des Wahnsinns durchgejagt wird.
Wir nhern uns dem Schlosse und werden durch die Arme eines halbrunden Vorhofs
empfangen; die entgegenstehende Hauptmauer, wodurch das Tor geht, ist burgartig
angelegt. Hier finden wir eine gyptische Figur eingemauert, einen Springbrunnen
ohne Wasser, ein Monument, zerstreut umherliegende Vasen, Statuen, vorstzlich
auf die Nase gelegt. Wir treten in den Schlohof und finden das herkmmliche,
mit kleinen Gebuden umgebene Rund in kleineren Halbzirkeln ausgebogt, damit es
ja an Mannigfaltigkeit nicht fehle.
Der Boden ist grtenteils mit Gras bewachsen. Hier stehen wie auf einem
verfallenen Kirchhofe seltsam geschnrkelte Marmorvasen vom Vater her, Zwerge
und sonstige Ungestalten aus der neuern Epoche zufllig durcheinander, ohne da
sie bis jetzt einen Platz finden knnen; sogar tritt man vor eine Laube,
vollgepfropft von alten Vasen und anderem geschnrkeltem Gestein.
Das Widersinnige einer solchen geschmacklosen Denkart zeigt sich aber im
hchsten Grade darin, da die Gesimse der kleinen Huser durchaus schief nach
einer oder der andern Seite hinhngen, so da das Gefhl der Wasserwaage und des
Perpendikels, das uns eigentlich zu Menschen macht und der Grund aller
Eurhythmie ist, in uns zerrissen und geqult wird. Und so sind denn auch diese
Dachreihen mit Hydern und kleinen Bsten, mit musizierenden Affenchren und
hnlichem Wahnsinn verbrmt. Drachen, mit Gttern abwechselnd, ein Atlas, der
statt der Himmelskugel ein Weinfa trgt.
Gedenkt man sich aber aus allem diesem in das Schlo zu retten, welches, vom
Vater erbaut, ein relativ vernnftiges ueres Ansehen hat, so findet man nicht
weit vor der Pforte den lorbeerbekrnzten Kopf eines rmischen Kaisers auf einer
Zwerggestalt, die auf einem Delphin sitzt.
Im Schlosse selbst nun, dessen ueres ein leidliches Innere erwarten lt,
fngt das Fieber des Prinzen schon wieder zu rasen an. Die Stuhlfe sind
ungleich abgesgt, so da niemand Platz nehmen kann, und vor den sitzbaren
Sthlen warnt der Kastellan, weil sie unter ihren Sammetpolstern Stacheln
verbergen. Kandelaber von chinesischem Porzellan stehen in den Ecken, welche,
nher betrachtet, aus einzelnen Schalen, Ober- und Untertassen und dergleichen
zusammengekittet sind. Kein Winkel, wo nicht irgendeine Willkr hervorblickte.
Sogar der unschtzbare Blick ber die Vorgebirge ins Meer wird durch farbige
Scheiben verkmmert, welche durch einen unwahren Ton die Gegend entweder
verklten oder entznden. Eines Kabinetts mu ich noch erwhnen, welches aus
alten vergoldeten, zusammengeschnittenen Rahmen aneinander getfelt ist. Alle
die hundertfltigen Schnitzmuster, alle die verschiedenen Abstufungen einer
ltern oder jngern, mehr oder weniger bestaubten und beschdigten Vergoldung
bedecken hier, hart aneinander gedrngt, die smtlichen Wnde und geben den
Begriff von einem zerstckelten Trdel.
Die Kapelle zu beschreiben, wre allein ein Heftchen ntig. Hier findet man den
Aufschlu ber den ganzen Wahnsinn, der nur in einem bigotten Geiste bis auf
diesen Grad wuchern konnte. Wie manches Fratzenbild einer irregeleiteten
Devotion sich hier befinden mag, geb' ich zu vermuten, das Beste jedoch will ich
nicht vorenthalten. Flach an der Decke nmlich ist ein geschnitztes Kruzifix von
ziemlicher Gre befestigt, nach der Natur angemalt, lackiert mit untermischter
Vergoldung. Dem Gekreuzigten in den Nabel ist ein Haken eingeschraubt, eine
Kette aber, die davon herabhngt, befestigt sich in den Kopf eines knieend
betenden, in der Luft schwebenden Mannes, der, angemalt und lackiert wie alle
brigen Bilder der Kirche, wohl ein Sinnbild der ununterbrochenen Andacht des
Besitzers darstellen soll.
brigens ist der Palast nicht ausgebaut: ein groer, von dem Vater bunt und
reich angelegter, aber doch nicht widerlich verzierter Saal war unvollendet
geblieben; wie denn der grenzenlose Wahnsinn des Besitzers mit seinen Narrheiten
nicht zu Rande kommen kann.
Kniepen, dessen Knstlersinn innerhalb dieses Tollhauses zur Verzweiflung
getrieben wurde, sah ich zum erstenmal ungeduldig; er trieb mich fort, da ich
mir die Elemente dieser Unschpfung einzeln zu vergegenwrtigen und zu
schematisieren suchte. Gutmtig genug zeichnete er zuletzt noch eine von den
Zusammenstellungen, die einzige, die noch wenigstens eine Art von Bild gab. Sie
stellt ein Pferdweib auf einem Sessel sitzend, gegen einem unterwrts altmodisch
gekleideten, mit Greifenkopf, Krone und groer Percke gezierten Kavalier Karte
spielend vor und erinnert an das nach aller Tollheit noch immer hchst
merkwrdige Wappen des Hauses Pallagonia: ein Satyr hlt einem Weibe, das einen
Pferdekopf hat, einen Spiegel vor.
Palermo, Dienstag, den 10. April 1787
Heute fuhren wir bergauf nach Monreale. Ein herrlicher Weg, welchen der Abt
jenes Klosters zur Zeit eines berschwenglichen Reichtums angelegt hat; breit,
bequemen Anstiegs, Bume hie und da, besonders aber weitlufige Spring- und
Rhrenbrunnen, beinah pallagonisch verschnrkelt und verziert, desungeachtet
aber Tiere und Menschen erquickend.
Das Kloster San Martin, auf der Hhe liegend, ist eine respektable Anlage. Ein
Hagestolz allein, wie man am Prinzen Pallagonia sieht, hat selten etwas
Vernnftiges hervorgebracht, mehrere zusammen hingegen die allergrten Werke,
wie Kirchen und Klster zeigen. Doch wirkten die geistlichen Gesellschaften wohl
nur deswegen so viel, weil sie noch mehr als irgendein Familienvater einer
unbegrenzten Nachkommenschaft gewi waren.
Die Mnche lieen uns ihre Sammlungen sehen. Von Altertmern und natrlichen
Sachen verwahren sie manches Schne. Besonders fiel uns auf eine Medaille mit
dem Bilde einer jungen Gttin, das Entzcken erregen mute. Gern htten uns die
guten Mnner einen Abdruck mitgegeben, es war aber nichts bei Handen, was zu
irgend einer Art von Form tauglich gewesen wre.
Nachdem sie uns alles vorgezeigt, nicht ohne traurige Vergleichung der vorigen
und gegenwrtigen Zustnde, brachten sie uns in einen angenehmen kleinen Saal,
von dessen Balkon man eine liebliche Aussicht geno; hier war fr uns beide
gedeckt, und es fehlte nicht an einem sehr guten Mittagessen. Nach dem
aufgetragenen Dessert trat der Abt herein, begleitet von seinen ltesten
Mnchen, setzte sich zu uns und blieb wohl eine halbe Stunde, in welcher Zeit
wir manche Frage zu beantworten hatten. Wir schieden aufs freundlichste. Die
jngern begleiteten uns nochmals in die Zimmer der Sammlung und zuletzt nach dem
Wagen.
Wir fuhren mit ganz andern Gesinnungen nach Hause als gestern. Heute hatten wir
eine groe Anstalt zu bedauern, die eben zu der Zeit versinkt, indessen an der
andern Seite ein abgeschmacktes Unternehmen mit frischem Wachstum hervorsteigt.
Der Weg nach San Martin geht das ltere Kalkgebirg' hinauf. Man zertrmmert die
Felsen und brennt Kalk daraus, der sehr wei wird. Zum Brennen brauchen sie eine
starke, lange Grasart, in Bndeln getrocknet. Hier entsteht nun die Calcara. Bis
an die steilsten Hhen liegt roter Ton angeschwemmt, der hier die Dammerde
vorstellt, je hher, je rter, wenig durch Vegetation geschwrzt. Ich sah in der
Entfernung eine Grube fast wie Zinnober.
Das Kloster steht mitten im Kalkgebirg', das sehr quellenreich ist. Die Gebirge
umher sind wohlbebaut.

Palermo, Mittwoch, den 11. April 1787.
Nachdem wir nun zwei Hauptpunkte auerhalb der Stadt betrachtet, begaben wir uns
in den Palast, wo der geschftige Laufer die Zimmer und ihren Inhalt vorzeigte.
Zu unserm groen Schrecken war der Saal, worin die Antiken sonst aufgestellt
sind, eben in der grten Unordnung, weil man eine neue architektonische
Dekoration im Werke hatte. Die Statuen waren von ihren Stellen weggenommen, mit
Tchern verhngt, mit Gersten verstellt, so da wir trotz allem guten Willen
unseres Fhrers und einiger Bemhung der Handwerksleute doch nur einen sehr
unvollstndigen Begriff davon erwerben konnten. Am meisten war mir um die zwei
Widder von Erz zu tun, welche, auch unter diesen Umstnden gesehen, den
Kunstsinn hchlich erbauten. Sie sind liegend vorgestellt, die eine Pfote
vorwrts, als Gegenbilder die Kpfe nach verschiedenen Seiten gekehrt; mchtige
Gestalten aus der mythologischen Familie, Phrixus und Helle zu tragen wrdig.
Die Wolle nicht kurz und kraus, sondern lang und wellenartig herabfallend, mit
groer Wahrheit und Eleganz gebildet, aus der besten griechischen Zeit. Sie
sollen in dem Hafen von Syrakus gestanden haben.
Nun fhrte uns der Laufer auerhalb der Stadt in Katakomben, welche, mit
architektonischem Sinn angelegt, keineswegs zu Grabpltzen benutzte Steinbrche
sind. In einem ziemlich verhrteten Tuff und dessen senkrecht gearbeiteter Wand
sind gewlbte ffnungen und innerhalb dieser Srge ausgegraben, mehrere
bereinander, alles aus der Masse, ohne irgendeine Nachhlfe von Mauerwerk. Die
oberen Srge sind kleiner, und in den Rumen ber den Pfeilern sind Grabsttten
fr Kinder angebracht.
Palermo, Donnerstag, den 12. April 1787.
Man zeigte uns heute das Medaillenkabinett des Prinzen Torremuzza. Gewissermaen
ging ich ungern hin. Ich verstehe von diesem Fach zu wenig, und ein blo
neugieriger Reisender ist wahren Kennern und Liebhabern verhat. Da man aber
doch einmal anfangen mu, so bequemte ich mich und hatte davon viel Vergngen
und Vorteil. Welch ein Gewinn, wenn man auch nur vorlufig bersieht, wie die
alte Welt mit Stdten berset war, deren kleinste, wo nicht eine ganze Reihe
der Kunstgeschichte, wenigstens doch einige Epochen derselben uns in kstlichen
Mnzen hinterlie. Aus diesen Schubkasten lacht uns ein unendlicher Frhling von
Blten und Frchten der Kunst, eines in hherem Sinne gefhrten Lebensgewerbes
und was nicht alles noch mehr hervor. Der Glanz der sizilischen Stdte, jetzt
verdunkelt, glnzt aus diesen geformten Metallen wieder frisch entgegen.
Leider haben wir andern in unserer Jugend nur die Familienmnzen besessen, die
nichts sagen, und die Kaisermnzen, welche dasselbe Profil bis zum berdru
wiederholen: Bilder von Herrschern, die eben nicht als Musterbilder der
Menschheit zu betrachten sind. Wie traurig hat man nicht unsere Jugend auf das
gestaltlose Palstina und auf das gestaltverwirrende Rom beschrnkt! Sizilien
und Neugriechenland lt mich nun wieder ein frisches Leben hoffen.
Da ich ber diese Gegenstnde mich in allgemeine Betrachtungen ergehe, ist ein
Beweis, da ich noch nicht viel davon verstehen gelernt habe; doch das wird sich
mit dem brigen nach und nach schon geben.
Palermo, Donnerstag, den 12. April 1787
Heute am Abend ward mir noch ein Wunsch erfllt, und zwar auf eigene Weise. Ich
stand in der groen Strae auf den Schrittsteinen, an jenem Laden mit dem
Kaufherrn scherzend; auf einmal tritt ein Laufer, gro, wohlgekleidet, an mich
heran, einen silbernen Teller rasch vorhaltend, worauf mehrere Kupferpfennige,
wenige Silberstcke lagen. Da ich nicht wute, was es heien solle, so zuckte
ich, den Kopf duckend, die Achseln, das gewhnliche Zeichen, wodurch man sich
lossagt, man mag nun Antrag oder Frage nicht verstehen, oder nicht wollen.
Ebenso schnell, als er gekommen, war er fort, und nun bemerkte ich auf der
entgegengesetzten Seite der Strae seinen Kameraden in gleicher Beschftigung.
Was das bedeute, fragte ich den Handelsmann, der mit bedenklicher Gebrde,
gleichsam verstohlen, auf einen langen, hagern Herrn deutete, welcher in der
Straenmitte, hofmig gekleidet, anstndig und gelassen ber den Mist
einherschritt. Frisiert und gepudert, den Hut unter dem Arm, in seidenem
Gewande, den Degen an der Seite, ein nettes Fuwerk mit Steinschnallen geziert:
so trat der Bejahrte ernst und ruhig einher; aller Augen waren auf ihn
gerichtet.
Dies ist der Prinz Pallagonia, sagte der Hndler, welcher von Zeit zu Zeit
durch die Stadt geht und fr die in der Barbarei gefangenen Sklaven ein Lsegeld
zusammenheischt. Zwar betrgt dieses Einsammeln niemals viel, aber der
Gegenstand bleibt doch im Andenken, und oft vermachen diejenigen, welche bei
Lebzeiten zurckhielten, schne Summen zu solchem Zweck. Schon viele Jahre ist
der Prinz Vorsteher dieser Anstalt und hat unendlich viel Gutes gestiftete
Statt auf die Torheiten seines Landsitzes, rief ich aus, htte er hierher
jene groen Summen verwenden sollen. Kein Frst in der Welt htte mehr
geleistet.
Dagegen sagte der Kaufmann: Sind wir doch alle so! Unsere Narrheiten bezahlen
wir gar gerne selbst, zu unsern Tugenden sollen andere das Geld hergeben.
Palermo, Freitag, den 13. April 1787
Vorgearbeitet in dem Steinreiche Siziliens hat uns Graf Borch sehr emsig, und
wer nach ihm gleichen Sinnes die Insel besucht, wird ihm recht gern Dank zollen.
Ich finde es angenehm sowie pflichtmig, das Andenken eines Vorgngers zu
feiern. Bin ich doch nur ein Vorfahr von knftigen andern, im Leben wie auf der
Reise!
Die Ttigkeit des Grafen scheint mir brigens grer als seine Kenntnisse; er
verfhrt mit einem gewissen Selbstbehagen, welches dem bescheidenen Ernst
zuwider ist, mit welchem man wichtige Gegenstnde behandeln sollte. Indessen ist
sein Heft in Quart, ganz dem sizilianischen Steinreich gewidmet, mir von groem
Vorteil, und ich konnte, dadurch vorbereitet, die Steinschleifer mit Nutzen
besuchen, welche, frher mehr beschftigt, zur Zeit als Kirchen und Altre noch
mit Marmor und Achaten berlegt werden muten, das Handwerk doch noch immer
forttreiben. Bei ihnen bestellte ich Muster von weichen und harten Steinen; denn
so unterscheiden sie Marmor und Achate hauptschlich deswegen, weil die
Verschiedenheit des Preises sich nach diesem Unterschiede richtet. Doch wissen
sie auer diesen beiden sich noch viel mit einem Material, einem Feuererzeugnis
ihrer Kalkfen. In diesen findet sich nach dem Brande eine Art Glasflu, welcher
von der hellsten blauen Farbe zur dunkelsten, ja zur schwrzesten bergeht.
Diese Klumpen werden wie anderes Gestein in dnne Tafeln geschnitten, nach der
Hhe ihrer Farbe und Reinheit geschtzt und anstatt Lapislazuli beim Furnieren
von Altren, Grabmlern und andern kirchlichen Verzierungen mit Glck
angewendet.
Eine vollstndige Sammlung, wie ich sie wnsche, ist nicht fertig, man wird sie
mir erst nach Neapel schicken. Die Achate sind von der grten Schnheit,
besonders diejenigen, in welchen unregelmige Flecken von gelbem oder rotem
Jaspis mit weiem, gleichsam gefrornem Quarze abwechseln und dadurch die
schnste Wirkung hervorbringen.
Eine genaue Nachahmung solcher Achate, auf der Rckseite dnner Glasscheiben
durch Lackfarben bewirkt, ist das einzige Vernnftige, was ich aus dem
pallagonischen Unsinn jenes Tages herausfand. Solche Tafeln nehmen sich zur
Dekoration schner aus als der echte Achat, indem dieser aus vielen kleinen
Stcken zusammengesetzt werden mu, bei jenen hingegen die Gre der Tafeln vom
Architekten abhngt. Dieses Kunststck verdiente wohl, nachgeahmt zu werden.
Palermo, den 13. April 1787
Italien ohne Sizilien macht gar kein Bild in der Seele: hier ist erst der
Schlssel zu allem.
Vom Klima kann man nicht Gutes genug sagen; jetzt ist's Regenzeit, aber immer
unterbrochen; heute donnert und blitzt es, und alles wird mit Macht grn. Der
Lein hat schon zum Teil Knoten gewonnen, der andere Teil blht. Man glaubt in
den Grnden kleine Teiche zu sehen, so schn blaugrn liegen die Leinfelder
unten. Der reizenden Gegenstnde sind unzhlige! Und mein Geselle ist ein
exzellenter Mensch, der wahre Hoffegut, so wie ich redlich den Treufreund
fortspiele. Er hat schon recht schne Konture gemacht und wird noch das Beste
mitnehmen. Welche Aussicht, mit meinen Schtzen dereinst glcklich nach Hause zu
kommen!
Vom Essen und Trinken hierzuland hab' ich noch nichts gesagt, und doch ist es
kein kleiner Artikel. Die Gartenfrchte sind herrlich, besonders der Salat von
Zartheit und Geschmack wie eine Milch; man begreift, warum ihn die Alten Lactuca
genannt haben. Das l, der Wein alles sehr gut, und sie knnten noch besser
sein, wenn man auf ihre Bereitung mehr Sorgfalt verwendete. Fische die besten,
zartesten. Auch haben wir diese Zeit her sehr gut Rindfleisch gehabt, ob man es
gleich sonst nicht loben will.
Nun vom Mittagsessen ans Fenster! auf die Strae! Es ward ein Missetter
begnadigt, welches immer zu Ehren der heilbringenden Osterwoche geschieht. Eine
Brderschaft fhrt ihn bis unter einen zum Schein aufgebauten Galgen, dort mu
er vor der Leiter eine Andacht verrichten, die Leiter kssen und wird dann
wieder weggefhrt. Es war ein hbscher Mensch vom Mittelstande, frisiert, einen
weien Frack, weien Hut, alles wei. Er trug den Hut in der Hand, und man htte
ihm hie und da nur bunte Bnder anheften drfen, so konnte er als Schfer auf
jede Redoute gehen.

Palermo, den 13. und 14. April 1787.
Und so sollte mir denn kurz vor dem Schlusse ein sonderbares Abenteuer beschert
sein, wovon ich sogleich umstndliche Nachricht erteile.
Schon die ganze Zeit meines Aufenthalts hrte ich an unserm ffentlichen Tische
manches ber Cagliostro, dessen Herkunft und Schicksale reden. Die Palermitaner
waren darin einig, da ein gewisser Joseph Balsamo, in ihrer Stadt geboren,
wegen mancherlei schlechter Streiche berchtigt und verbannt sei. Ob aber dieser
mit dem Grafen Cagliostro nur eine Person sei, darber waren die Meinungen
geteilt. Einige, die ihn ehemals gesehen hatten, wollten seine Gestalt in jenem
Kupferstiche wiederfinden, der bei uns bekannt genug ist und auch nach Palermo
gekommen war.
Unter solchen Gesprchen berief sich einer der Gste auf die Bemhungen, welche
ein palermitanischer Rechtsgelehrter bernommen, diese Sache ins klare zu
bringen. Er war durch das franzsische Ministerium veranlat worden, dem
Herkommen eines Mannes nachzuspren, welcher die Frechheit gehabt hatte, vor dem
Angesichte Frankreichs, ja man darf wohl sagen der Welt, bei einem wichtigen und
gefhrlichen Prozesse die albernsten Mrchen vorzubringen.
Es habe dieser Rechtsgelehrte, erzhlte man, den Stammbaum des Joseph Balsamo
aufgestellt und ein erluterndes Memoire mit beglaubigten Beilagen nach
Frankreich abgeschickt, wo man wahrscheinlich davon ffentlichen Gebrauch machen
werde.
Ich uerte den Wunsch, diesen Rechtsgelehrten, von welchem auerdem viel Gutes
gesprochen wurde, kennen zu lernen, und der Erzhler erbot sich, mich bei ihm
anzumelden und zu ihm zu fhren.
Nach einigen Tagen gingen wir hin und fanden ihn mit seinen Klienten
beschftigt. Als er diese abgefertigt und wir das Frhstck genommen hatten,
brachte er ein Manuskript hervor, welches den Stammbaum Cagliostros, die zu
dessen Begrndung ntigen Dokumente in Abschrift und das Konzept eines Memoire
enthielt, das nach Frankreich abgegangen war.
Er legte mir den Stammbaum vor und gab mir die ntigen Erklrungen darber,
wovon ich hier so viel anfhre, als zu leichterer Einsicht ntig ist.
Joseph Balsamos Urgrovater mtterlicher Seite war Matthus Martello. Der
Geburtsname seiner Urgromutter ist unbekannt. Aus dieser Ehe entsprangen zwei
Tchter, eine namens Maria, die an Joseph Bracconeri verheiratet und Gromutter
Joseph Balsamos ward. Die andere, namens Vincenza, verheiratete sich an Joseph
Cagliostro, der von einem kleinen Orte La Noara, acht Meilen von Messina,
gebrtig war. Ich bemerke hier, da zu Messina noch zwei Glockengieer dieses
Namens leben. Diese Grotante war in der Folge Pate bei Joseph Balsamo; er
erhielt den Taufnamen ihres Mannes und nahm endlich auswrts auch den Zunamen
Cagliostro von seinem Groonkel an.
Die Eheleute Bracconeri hatten drei Kinder: Felicitas, Matthus und Antonin.
Felicitas ward an Peter Balsamo verheiratet, den Sohn eines Bandhndlers in
Palermo, Antonin Balsamo, der vermutlich von jdischem Geschlecht abstammte.
Peter Balsamo, der Vater des berchtigten Josephs, machte Bankerott und starb in
seinem fnfundvierzigsten Jahre. Seine Witwe, welche noch gegenwrtig lebt, gab
ihm auer dem benannten Joseph noch eine Tochter, Johanna Joseph-Maria, welche
an Johann Baptista Capitummino verheiratet wurde, der mit ihr drei Kinder zeugte
und starb.
Das Memoire, welches uns der gefllige Verfasser vorlas und mir auf mein
Ersuchen einige Tage anvertraute, war auf Taufscheine, Ehekontrakte und andere
Instrumente gegrndet, die mit Sorgfalt gesammelt waren. Es enthielt ungefhr
die Umstnde (wie ich aus einem Auszug, den ich damals gemacht, ersehe), die uns
nunmehr aus den rmischen Prozeakten bekannt geworden sind, da Joseph Balsamo
anfangs Juni 1743 zu Palermo geboren, von Vincenza Martello, verheirateter
Cagliostro, aus der Taufe gehoben sei, da er in seiner Jugend das Kleid der
Barmherzigen Brder genommen, eines Ordens, der besonders Kranke verpflegt, da
er bald viel Geist und Geschick fr die Medizin gezeigt, doch aber wegen seiner
beln Auffhrung fortgeschickt worden, da er in Palermo nachher den Zauberer
und Schatzgrber gemacht.
Seine groe Gabe, alle Hnde nachzuahmen, lie er nicht unbenutzt (so fhrt das
Memoire fort). Er verflschte oder verfertigte vielmehr ein altes Dokument,
wodurch das Eigentum einiger Gter in Streit geriet. Er kam in Untersuchung, ins
Gefngnis, entfloh und ward ediktaliter zitiert. Er reiste durch Kalabrien nach
Rom, wo er die Tochter eines Grtlers heiratete. Von Rom kehrte er nach Neapel
unter dem Namen Marchese Pellegrini zurck. Er wagte sich wieder nach Palermo,
ward erkannt, gefnglich eingezogen und kam nur auf eine Weise los, die wert
ist, da ich sie umstndlich erzhle.
Der Sohn eines der ersten sizilianischen Prinzen und groen Gterbesitzers,
eines Mannes, der an dem neapolitanischen Hofe ansehnliche Stellen bekleidete,
verband mit einem starken Krper und einer unbndigen Gemtsart allen bermut,
zu dem sich der Reiche und Groe ohne Bildung berechtigt glaubt.
Donna Lorenza wute ihn zu gewinnen, und auf ihn baute der verstellte Marchese
Pellegrini seine Sicherheit. Der Prinz zeigte ffentlich, da er dies
angekommene Paar beschtze; aber in welche Wut geriet er, als Joseph Balsamo auf
Anrufen der Partei, welche durch seinen Betrug Schaden gelitten, abermals ins
Gefngnis gebracht wurde! Er versuchte verschiedene Mittel, ihn zu befreien, und
da sie ihm nicht gelingen wollten, drohte er im Vorzimmer des Prsidenten, den
Advokaten der Gegenpartei aufs grimmigste zu mihandeln, wenn er nicht sogleich
die Verhaftung des Balsamo wieder aufhbe. Als der gegenseitige Sachwalter sich
weigerte, ergriff er ihn, schlug ihn, warf ihn auf die Erde, trat ihn mit Fen
und war kaum von mehreren Mihandlungen abzuhalten, als der Prsident selbst auf
den Lrm herauseilte und Frieden gebot.
Dieser, ein schwacher, abhngiger Mann, wagte nicht, den Beleidiger zu
bestrafen; die Gegenpartei und ihr Sachwalter wurden kleinmtig, und Balsamo
ward in Freiheit gesetzt, ohne da bei den Akten sich eine Registratur ber
seine Loslassung befindet, weder wer sie verfgt, noch wie sie geschehen.
Bald darauf entfernte er sich von Palermo und tat verschiedene Reisen, von
welchen der Verfasser nur unvollstndige Nachrichten geben konnte.
Das Memoire endigte sich mit einem scharfsinnigen Beweise, da Cagliostro und
Balsamo ebendieselbe Person sei, eine These, die damals schwerer zu behaupten
war, als sie es jetzt ist, da wir von dem Zusammenhang der Geschichte vollkommen
unterrichtet sind.
Htte ich nicht damals vermuten mssen, da man in Frankreich einen ffentlichen
Gebrauch von jenem Aufsatz machen wrde, da ich ihn vielleicht bei meiner
Zurckkunft schon gedruckt antrfe, so wre es mir erlaubt gewesen, eine
Abschrift zu nehmen und meine Freunde und das Publikum frher von manchen
interessanten Umstnden zu unterrichten.
Indessen haben wir das meiste und mehr, als jenes Memoire enthalten konnte, von
einer Seite her erfahren, von der sonst nur Irrtmer auszustrmen pflegten. Wer
htte geglaubt, da Rom einmal zur Aufklrung der Welt, zur vlligen Entlarvung
eines Betrgers so viel beitragen sollte, als es durch die Herausgabe jenes
Auszugs aus den Prozeakten geschehen ist! Denn obgleich diese Schrift weit
interessanter sein knnte und sollte, so bleibt sie doch immer ein schnes
Dokument in den Hnden eines jeden Vernnftigen, der es mit Verdru ansehen
mute, da Betrogene, Halbbetrogene und Betrger diesen Menschen und seine
Possenspiele jahrelang verehrten, sich durch die Gemeinschaft mit ihm ber
andere erhoben fhlten und von der Hhe ihres glubigen Dnkels den gesunden
Menschenverstand bedauerten, wo nicht geringschtzten.
Wer schwieg nicht gern whrend dieser Zeit? und auch nur jetzt, nachdem die
ganze Sache geendigt und auer Streit gesetzt ist, kann ich es ber mich
gewinnen, zu Komplettierung der Akten dasjenige, was mir bekannt ist,
mitzuteilen.
Als ich in dem Stammbaume so manche Personen, besonders Mutter und Schwester,
noch als lebend angegeben fand, bezeigte ich dem Verfasser des Memoire meinen
Wunsch, sie zu sehen und die Verwandten eines so sonderbaren Menschen kennen zu
lernen. Er versetzte, da es schwer sein werde, dazu zu gelangen, indem diese
Menschen, arm, aber ehrbar, sehr eingezogen lebten, keine Fremden zu sehen
gewohnt seien, und der argwhnische Charakter der Nation sich aus einer solchen
Erscheinung allerlei deuten werde; doch er wolle mir seinen Schreiber schicken,
der bei der Familie Zutritt habe und durch den er die Nachrichten und Dokumente,
woraus der Stammbaum zusammengesetzt worden, erhalten.
Den folgenden Tag erschien der Schreiber und uerte wegen des Unternehmens
einige Bedenklichkeiten. Ich habe, sagte er, bisher immer vermieden, diesen
Leuten wieder unter die Augen zu treten; denn um ihre Ehekontrakte, Taufscheine
und andere Papiere in die Hnde zu bekommen und von selbigen legale Kopien
machen zu knnen, mute ich mich einer eigenen List bedienen. Ich nahm
Gelegenheit, von einem Familienstipendio zu reden, das irgendwo vakant war,
machte ihnen wahrscheinlich, da der junge Capitummino sich dazu qualifiziere,
da man vor allen Dingen einen Stammbaum aufsetzen msse, um zu sehen, inwiefern
der Knabe Ansprche darauf machen knne; es werde freilich nachher alles auf
Negoziation ankommen, die ich bernehmen wolle, wenn man mir einen billigen Teil
der zu erhaltenden Summe fr meine Bemhungen verspreche. Mit Freuden willigten
die guten Leute in alles; ich erhielt die ntigen Papiere, die Kopien wurden
genommen, der Stammbaum ausgearbeitet, und seit der Zeit hte ich mich, vor
ihnen zu erscheinen. Noch vor einigen Wochen wurde mich die alte Capitummino
gewahr, und ich wute mich nur mit der Langsamkeit, womit hier dergleichen
Sachen vorwrts gehen, zu entschuldigen.
So sagte der Schreiber. Da ich aber von meinem Vorsatz nicht abging, wurden wir
nach einiger berlegung dahin einig, da ich mich fr einen Englnder ausgeben
und der Familie Nachrichten von Cagliostro bringen sollte, der eben aus der
Gefangenschaft der Bastille nach London gegangen war.
Zur gesetzten Stunde, es mochte etwa drei Uhr nach Mittag sein, machten wir uns
auf den Weg. Das Haus lag in dem Winkel eines Gchens, nicht weit von der
Hauptstrae, il Cassaro genannt. Wir stiegen eine elende Treppe hinauf und kamen
sogleich in die Kche. Eine Frau von mittlerer Gre, stark und breit, ohne fett
zu sein, war beschftigt, das Kchengeschirr aufzuwaschen. Sie war reinlich
gekleidet und schlug, als wir hineintraten, das eine Ende der Schrze hinauf, um
vor uns die schmutzige Seite zu verstecken. Sie sah meinen Fhrer freudig an und
sagte:" Signor Giovanni, bringen Sie uns gute Nachrichten? Haben Sie etwas
ausgerichtet?"
Er versetzte: In unserer Sache hat mir's noch nicht gelingen wollen; hier ist
aber ein Fremder, der einen Gru von Ihrem Bruder bringt und Ihnen erzhlen
kann, wie er sich gegenwrtig befindet.
Der Gru, den ich bringen sollte, war nicht ganz in unserer Abrede; indessen war
die Einleitung einmal gemacht. - Sie kennen meinen Bruder? fragte sie. - Es
kennt ihn ganz Europa, versetzte ich; und ich glaube, es wird Ihnen angenehm
sein, zu hren, da er sich in Sicherheit und wohl befindet, da Sie bisher wegen
seines Schicksals gewi in Sorgen gewesen sind. - Treten Sie hinein, sagte
sie, ich folge Ihnen gleich; und ich trat mit dem Schreiber in das Zimmer.
Es war so gro und hoch, da es bei uns fr einen Saal gelten wrde; es schien
aber auch beinah die ganze Wohnung der Familie zu sein. Ein einziges Fenster
erleuchtete die groen Wnde, die einmal Farbe gehabt hatten und auf denen
schwarze Heiligenbilder in goldenen Rahmen herumhingen. Zwei groe Betten ohne
Vorhnge standen an der einen Wand, ein braunes Schrnkchen, das die Gestalt
eines Schreibtisches hatte, an der andern. Alte, mit Rohr durchflochtene Sthle,
deren Lehnen ehmals vergoldet gewesen, standen daneben, und die Backsteine des
Fubodens waren an vielen Stellen tief ausgetreten. brigens war alles reinlich,
und wir nherten uns der Familie, die am andern Ende des Zimmers an dem einzigen
Fenster versammelt war.
Indes mein Fhrer der alten Balsamo, die in der Ecke sa, die Ursache unsers
Besuchs erklrte und seine Worte wegen der Taubheit der guten Alten mehrmals
laut wiederholte, hatte ich Zeit, das Zimmer und die brigen Personen zu
betrachten. Ein Mdchen von ungefhr sechzehn Jahren, wohlgewachsen, deren
Gesichtszge durch die Blattern undeutlich geworden waren, stand am Fenster;
neben ihr ein junger Mensch, dessen unangenehme, durch die Blattern entstellte
Bildung mir auch auffiel. In einem Lehnstuhl sa oder lag vielmehr gegen dem
Fenster ber eine kranke, sehr ungestaltete Person, die mit einer Art
Schlafsucht behaftet schien.
Als mein Fhrer sich deutlich gemacht hatte, ntigte man uns zum Sitzen. Die
Alte tat einige Fragen an mich, die ich mir aber mute dolmetschen lassen, eh'
ich sie beantworten konnte, da mir der sizilianische Dialekt nicht gelufig war.
Ich betrachtete indessen die alte Frau mit Vergngen. Sie war von mittlerer
Gre, aber wohlgebildet; ber ihre regelmigen Gesichtszge, die das Alter
nicht entstellt hatte, war der Friede verbreitet, dessen gewhnlich die Menschen
genieen, die des Gehrs beraubt sind; der Ton ihrer Stimme war sanft und
angenehm.
Ich beantwortete ihre Fragen, und meine Antworten muten ihr auch wieder
verdolmetscht werden.
Die Langsamkeit unserer Unterredung gab mir Gelegenheit, meine Worte abzumessen.
Ich erzhlte ihr, da ihr Sohn in Frankreich losgesprochen worden und sich
gegenwrtig in England befinde, wo er wohl aufgenommen sei. Ihre Freude, die sie
ber diese Nachrichten uerte, war mit Ausdrcken einer herzlichen Frmmigkeit
begleitet, und da sie nun etwas lauter und langsamer sprach, konnt' ich sie eher
verstehen.
Indessen war ihre Tochter hereingekommen und hatte sich zu meinem Fhrer
gesetzt, der ihr das, was ich erzhlt hatte, getreulich wiederholte. Sie hatte
eine reinliche Schrze vorgebunden und ihre Haare in Ordnung unter das Netz
gebracht. Je mehr ich sie ansah und mit ihrer Mutter verglich, desto
auffallender war mir der Unterschied beider Gestalten. Eine lebhafte, gesunde
Sinnlichkeit blickte aus der ganzen Bildung der Tochter hervor; sie mochte eine
Frau von vierzig Jahren sein. Mit muntern blauen Augen sah sie klug umher, ohne
da ich in ihrem Blick irgendeinen Argwohn spren konnte. Indem sie sa,
versprach ihre Figur mehr Lnge, als sie zeigte, wenn sie aufstand; ihre
Stellung war determiniert, sie sa mit vorwrts gebogenem Krper und die Hnde
auf die Kniee gelegt. brigens erinnerte mich ihre mehr stumpfe als scharfe
Gesichtsbildung an das Bildnis ihres Bruders, das wir in Kupfer kennen. Sie
fragte mich verschiedenes ber meine Reise, ber meine Absicht, Sizilien zu
sehen, und war berzeugt, da ich gewi zurckkommen und das Fest der heiligen
Rosalie mit ihnen feiern wrde.
Da indessen die Gromutter wieder einige Fragen an mich getan hatte und ich ihr
zu antworten beschftigt war, sprach die Tochter halblaut mit meinem Gefhrten,
doch so, da ich Anla nehmen konnte, zu fragen, wovon die Rede sei. Er sagte
darauf, Frau Capitummino erzhle ihm, da ihr Bruder ihr noch vierzehn Unzen
schuldig sei; sie habe bei seiner schnellen Abreise von Palermo versetzte Sachen
fr ihn eingelset; seit der Zeit aber weder etwas von ihm gehrt, noch Geld,
noch irgendeine Untersttzung von ihm erhalten, ob er gleich, wie sie hre,
groe Reichtmer besitze und einen frstlichen Aufwand mache. Ob ich nicht ber
mich nehmen wolle, nach meiner Zurckkunft ihn auf eine gute Weise an die Schuld
zu erinnern und eine Untersttzung fr sie auszuwirken, ja, ob ich nicht einen
Brief mitnehmen oder allenfalls bestellen wolle. Ich erbot mich dazu. Sie
fragte, wo ich wohne, wohin sie den Brief zu schicken habe. Ich lehnte ab, meine
Wohnung zu sagen, und erbot mich, den andern Tag gegen Abend den Brief selbst
abzuholen.
Sie erzhlte mir darauf ihre miliche Lage; sie sei eine Witwe mit drei Kindern,
von denen das eine Mdchen im Kloster erzogen werde; die andere sei hier
gegenwrtig und ihr Sohn eben in die Lehrstunde gegangen. Auer diesen drei
Kindern habe sie ihre Mutter bei sich, fr deren Unter halt sie sorgen msse,
und berdies habe sie aus christlicher Liebe die unglckliche kranke Person zu
sich genommen, die ihre Last noch vergrere; alle ihre Arbeitsamkeit reiche
kaum hin, sich und den Ihrigen das Notdrftige zu verschaffen. Sie wisse zwar,
da Gott diese guten Werke nicht unbelohnt lasse, seufze aber doch sehr unter
der Last, die sie schon so lange getragen habe.
Die jungen Leute mischten sich auch ins Gesprch, und die Unterhaltung wurde
lebhafter. Indem ich mit den andern sprach, hrt' ich, da die Alte ihre Tochter
fragte, ob ich denn auch wohl ihrer heiligen Religion zugetan sei. Ich konnte
bemerken, da die Tochter auf eine kluge Weise der Antwort auszuweichen suchte,
indem sie, soviel ich verstand, der Mutter bedeutete, da der Fremde gut fr sie
gesinnt zu sein schiene, und da es sich wohl nicht schicke, jemanden sogleich
ber diesen Punkt zu befragen.
Da sie hrten, da ich bald von Palermo abreisen wollte, wurden sie dringender
und ersuchten mich, da ich doch ja wiederkommen mchte; besonders rhmten sie
die paradiesischen Tage des Rosalienfestes, dergleichen in der ganzen Welt nicht
msse gesehen und genossen werden.
Mein Begleiter, der schon lange Lust gehabt hatte, sich zu entfernen, machte
endlich der Unterredung durch seine Gebrden ein Ende, und ich versprach, den
andern Tag gegen Abend wiederzukommen und den Brief abzuholen. Mein Begleiter
freute sich, da alles so glcklich gelungen sei, und wir schieden zufrieden
voneinander.
Man kann sich den Eindruck denken, den diese arme, fromme, wohlgesinnte Familie
auf mich gemacht hatte. Meine Neugierde war befriedigt, aber ihr natrliches und
gutes Betragen hatte einen Anteil in mir erregt, der sich durch Nachdenken noch
vermehrte.
Sogleich aber entstand in mir die Sorge wegen des folgenden Tags. Es war
natrlich, da diese Erscheinung, die sie im ersten Augenblick berrascht hatte,
nach meinem Abschiede manches Nachdenken bei ihnen erregen mute. Durch den
Stammbaum war mir bekannt, da noch mehrere von der Familie lebten; es war
natrlich, da sie ihre Freunde zusammenberiefen, um sich in ihrer Gegenwart
dasjenige wiederholen zu lassen, was sie tags vorher mit Verwunderung von mir
gehrt hatten. Meine Absicht hatte ich erreicht, und es blieb mir nur noch
brig, dieses Abenteuer auf eine schickliche Weise zu endigen. Ich begab mich
daher des andern Tags gleich nach Tische allein in ihre Wohnung. Sie
verwunderten sich, da ich hineintrat. Der Brief sei noch nicht fertig, sagten
sie, und einige ihrer Verwandten wnschten mich auch kennen zu lernen, welche
sich gegen Abend einfinden wrden.
Ich versetzte, da ich morgen frh schon abreisen msse, da ich noch Visiten zu
machen, auch einzupacken habe und also lieber frher als gar nicht htte kommen
wollen.
Indessen trat der Sohn herein, den ich des Tags vorher nicht gesehen hatte. Er
glich seiner Schwester an Wuchs und Bildung. Er brachte den Brief, den man mir
mitgeben wollte, den er, wie es in jenen Gegenden gewhnlich ist, auer dem
Hause bei einem der ffentlich sitzenden Notarien hatte schreiben lassen. Der
junge Mensch hatte ein stilles, trauriges und bescheidenes Wesen, erkundigte
sich nach seinem Oheim, fragte nach dessen Reichtum und Ausgaben und setzte
traurig hinzu, warum er seine Familie doch so ganz vergessen haben mchte. Es
wre unser grtes Glck, fuhr er fort, wenn er einmal hieher kme und sich
unserer annehmen wollte; aber, fuhr er fort, wie hat er Ihnen entdeckt, da er
noch Anverwandte in Palermo habe? Man sagt, da er uns berall verleugne und
sich fr einen Mann von groer Geburt ausgebe. Ich beantwortete diese Frage,
welche durch die Unvorsichtigkeit meines Fhrers bei unserm ersten Eintritt
veranlat worden war, auf eine Weise, die es wahrscheinlich machte, da der
Oheim, wenn er gleich gegen das Publikum Ursache habe, seine Abkunft zu
verbergen, doch gegen seine Freunde und Bekannten kein Geheimnis daraus mache.
Die Schwester, welche whrend dieser Unterredung herbeigetreten war und durch
die Gegenwart des Bruders, wahrscheinlich auch durch die Abwesenheit des
gestrigen Freundes mehr Mut bekam, fing gleichfalls an, sehr artig und lebhaft
zu sprechen. Sie baten sehr, sie ihrem Onkel, wenn ich ihm schriebe, zu
empfehlen; ebensosehr aber, wenn ich diese Reise durchs Knigreich gemacht,
wiederzukommen und das Rosalienfest mit ihnen zu begehen.
Die Mutter stimmte mit den Kindern ein. Mein Herr, sagte sie, ob es sich zwar
eigentlich nicht schickt, da ich eine erwachsene Tochter habe, fremde Mnner in
meinem Hause zu sehen, und man Ursache hat, sich sowohl vor der Gefahr als der
Nachrede zu hten, so sollen Sie uns doch immer willkommen sein, wenn Sie in
diese Stadt zurckkehren.
O ja, versetzten die Kinder, wir wollen den Herrn beim Feste herumfhren, wir
wollen ihm alles zeigen, wir wollen uns auf die Gerste setzen, wo wir die
Feierlichkeit am besten sehen knnen. Wie wird er sich ber den groen Wagen und
besonders ber die prchtige Illumination freuen!
Indessen hatte die Gromutter den Brief gelesen und wieder gelesen. Da sie
hrte, da ich Abschied nehmen wollte, stand sie auf und bergab mir das
zusammengefaltete Papier. Sagen Sie meinem Sohn, fing sie mit einer edlen
Lebhaftigkeit, ja einer Art von Begeisterung an, sagen Sie meinem Sohn, wie
glcklich mich die Nachricht gemacht hat, die Sie mir von ihm gebracht haben!
sagen Sie ihm, da ich ihn so an mein Herz schliee - hier streckte sie die
Arme auseinander und drckte sie wieder auf ihre Brust zusammen -, da ich
tglich Gott und unsere heilige Jungfrau fr ihn im Gebet anflehe, da ich ihm
und seiner Frau meinen Segen gebe, und da ich nur wnsche, ihn vor meinem Ende
noch einmal mit diesen Augen zu sehen, die so viele Trnen ber ihn vergossen
haben.
Die eigne Zierlichkeit der italienischen Sprache begnstigte die Wahl und die
edle Stellung dieser Worte, welche noch berdies von lebhaften Gebrden
begleitet wurden, womit jene Nation ber ihre uerungen einen unglaublichen
Reiz zu verbreiten gewohnt ist.
Ich nahm nicht ohne Rhrung von ihnen Abschied. Sie reichten mir alle die Hnde,
die Kinder geleiteten mich hinaus, und indes ich die Treppe hinunterging,
sprangen sie auf den Balkon des Fensters, das aus der Kche auf die Strae ging,
riefen mir nach, winkten mir Gre zu und wiederholten, da ich ja nicht
vergessen mchte, wiederzukommen. Ich sah sie noch auf dem Balkon stehen, als
ich um die Ecke herumging.
Ich brauche nicht zu sagen, da der Anteil, den ich an dieser Familie nahm, den
lebhaften Wunsch in mir erregte, ihr ntzlich zu sein und ihrem Bedrfnis zu
Hlfe zu kommen. Sie war nun durch mich abermals hintergangen, und ihre
Hoffnungen auf eine unerwartete Hlfe waren durch die Neugierde des nrdlichen
Europas auf dem Wege, zum zweitenmal getuscht zu werden.
Mein erster Vorsatz war, ihnen vor meiner Abreise jene vierzehn Unzen
zuzustellen, die ihnen der Flchtling schuldig geblieben, und durch die
Vermutung, da ich diese Summe von ihm wiederzuerhalten hoffte, mein Geschenk zu
bedecken; allein als ich zu Hause meine Rechnung machte, meine Kasse und Papiere
berschlug, sah ich wohl, da in einem Lande, wo durch den Mangel von
Kommunikation die Entfernung gleichsam ins Unendliche wchst, ich mich selbst in
Verlegenheit setzen wrde, wenn ich mir anmate, die Ungerechtigkeit eines
frechen Menschen durch eine herzliche Gutmtigkeit zu verbessern.
Gegen Abend trat ich noch zu meinem Handelsmanne und fragte ihn, wie denn das
Fest morgen ablaufen werde, da eine groe Prozession durch die Stadt ziehen und
der Vizeknig selbst das Heiligste zu Fu begleiten solle. Der geringste
Windsto msse ja Gott und Menschen in die dickste Staubwolke verhllen.
Der muntere Mann versetzte, da man in Palermo sich gern auf ein Wunder
verlasse. Schon mehrmals in hnlichen Fllen sei ein gewaltsamer Platzregen
gefallen und habe die meist abhngige Strae wenigstens zum Teil rein
abgeschwemmt und der Prozession reinen Weg gebahnt. Auch diesmal hege man die
gleiche Hoffnung nicht ohne Grund, denn der Himmel berziehe sich und verspreche
Regen auf die Nacht.

Palermo, Sonntag, den 15. April 1787.
Und so geschah es denn auch! der gewaltsamste Regengu fiel vergangene Nacht vom
Himmel. Sogleich morgens eilte ich auf die Strae, um Zeuge des Wunders zu sein.
Und es war wirklich seltsam genug. Der zwischen den beiderseitigen
Schrittsteinen eingeschrnkte Regenstrom hatte das leichteste Kehricht die
abhngige Strae herunter, teils nach dem Meere, teils in die Abzge, insofern
sie nicht verstopft waren, fortgetrieben, das grbere Gestrhde wenigstens von
einem Orte zum andern geschoben und dadurch wundersame, reine Mander auf das
Pflaster gezeichnet. Nun waren hundert und aber hundert Menschen mit Schaufeln,
Besen und Gabeln dahinterher, diese reinen Stellen zu erweitern und in
Zusammenhang zu bringen, indem sie die noch briggebliebenen Unreinigkeiten bald
auf diese, bald auf jene Seite huften. Daraus erfolgte denn, da die
Prozession, als sie begann, wirklich einen reinlichen Schlangenweg durch den
Morast gebahnt sah und sowohl die smtliche langbekleidete Geistlichkeit als der
nettfige Adel, den Vizeknig an der Spitze, ungehindert und unbesudelt
durchschreiten konnte. Ich glaubte die Kinder Israel zu sehen, denen durch Moor
und Moder von Engelshand ein trockner Pfad bereitet wurde, und veredelte mir in
diesem Gleichnisse den unertrglichen Anblick, so viel andchtige und anstndige
Menschen durch eine Allee von feuchten Kothaufen durchbeten und durchprunken zu
sehen.
Auf den Schrittsteinen hatte man nach wie vor reinlichen Wandel, im Innern der
Stadt hingegen, wohin uns die Absicht, verschiedenes bis jetzt Vernachlssigtes
zu sehen, gerade heute gehen hie, war es fast unmglich, durchzukommen,
obgleich auch hier das Kehren und Aufhufen nicht versumt war.
Diese Feierlichkeit gab uns Anla, die Hauptkirche zu besuchen und ihre
Merkwrdigkeiten zu betrachten, auch, weil wir einmal auf den Beinen waren, uns
nach andern Gebuden umzusehen; da uns denn ein maurisches, bis jetzt
wohlerhaltenes Haus gar sehr ergtzte - nicht gro, aber mit schnen, weiten und
wohlproportionierten, harmonischen Rumen; in einem nrdlichen Klima nicht eben
bewohnbar, im sdlichen ein hchst willkommener Aufenthalt. Die Baukundigen
mgen uns davon Grund- und Aufri berliefern.
Auch sahen wir in einem unfreundlichen Lokal verschiedene Reste antiker
marmorner Statuen, die wir aber zu entziffern keine Geduld hatten.
Palermo, Montag, den 16. April 1787.
Da wir uns nun selbst mit einer nahen Abreise aus diesem Paradies bedrohen
mssen, so hoffte ich, heute noch im ffentlichen Garten ein vollkommenes Labsal
zu finden, mein Pensum in der Odyssee zu lesen und auf einem Spaziergang nach
dem Tale am Fue des Rosalienbergs den Plan der Nausikaa weiter durchzudenken
und zu versuchen, ob diesem Gegenstande eine dramatische Seite abzugewinnen sei.
Dies alles ist, wo nicht mit groem Glck, doch mit vielem Behagen geschehen.
Ich verzeichnete den Plan und konnte nicht unterlassen, einige Stellen, die mich
besonders anzogen, zu entwerfen und auszufhren.
Palermo, Dienstag, den 17. April 1787.
Es ist ein wahres Unglck, wenn man von vielerlei Geistern verfolgt und versucht
wird! Heute frh ging ich mit dem festen, ruhigen Vorsatz, meine dichterischen
Trume fortzusetzen, nach dem ffentlichen Garten, allein eh' ich mich's versah,
erhaschte mich ein anderes Gespenst, das mir schon diese Tage nachgeschlichen.
Die vielen Pflanzen, die ich sonst nur in Kbeln und Tpfen, ja die grte Zeit
des Jahres nur hinter Glasfenstern zu sehen gewohnt war, stehen hier froh und
frisch unter freiem Himmel, und indem sie ihre Bestimmung vollkommen erfllen,
werden sie uns deutlicher. Im Angesicht so vielerlei neuen und erneuten Gebildes
fiel mir die alte Grille wieder ein, ob ich nicht unter dieser Schar die
Urpflanze entdecken knnte. Eine solche mu es denn doch geben! Woran wrde ich
sonst erkennen, da dieses oder jenes Gebilde eine Pflanze sei, wenn sie nicht
alle nach einem Muster gebildet wren?
Ich bemhte mich zu untersuchen, worin denn die vielen abweichenden Gestalten
voneinander unterschieden seien. Und ich fand sie immer mehr hnlich als
verschieden, und wollte ich meine botanische Terminologie anbringen, so ging das
wohl, aber es fruchtete nicht, es machte mich unruhig, ohne da es mir
weiterhalf. Gestrt war mein guter poetischer Vorsatz, der Garten des Alcinous
war verschwunden, ein Weltgarten hatte sich aufgetan. Warum sind wir Neueren
doch so zerstreut, warum gereizt zu Forderungen, die wir nicht erreichen noch
erfllen knnen!
Alcamo, Mittwoch, den 18. April 1787.
Beizeiten ritten wir aus Palermo. Kniep und der Vetturin hatten sich beim Ein-
und Aufpacken vortrefflich erwiesen. Wir zogen langsam die herrliche Strae
hinauf, die uns schon beim Besuch auf San Martino bekannt geworden, und
bewunderten abermals eine der Prachtfontnen am Wege, als wir auf die mige
Sitte dieses Landes vorbereitet wurden. Unser Reitknecht nmlich hatte ein
kleines Weinfchen am Riemen umgehngt, wie unsere Marketenderinnen pflegen,
und es schien fr einige Tage genugsam Wein zu enthalten. Wir verwunderten uns
daher, als er auf eine der vielen Springrhren losritt, den Pfropf erffnete und
Wasser einlaufen lie. Wir fragten mit wahrhaft deutschem Erstaunen, was er da
vorhabe, ob das Fchen nicht voll Wein sei, worauf er mit groer Gelassenheit
erwiderte, er habe ein Drittel davon leer gelassen, und weil niemand
ungemischten Wein trinke, so sei es besser, man mische ihn gleich im ganzen, da
vereinigten sich die Flssigkeiten besser und man sei ja nicht sicher, berall
Wasser zu finden. Indessen war das Fchen gefllt, und wir muten uns diesen
altorientalischen Hochzeitsgebrauch gefallen lassen.
Als wir nun hinter Monreale auf die Hhen gelangten, sahen wir wunderschne
Gegenden, mehr im historischen als konomischen Stil. Wir blickten rechter Hand
bis ans Meer, das zwischen den wundersamsten Vorgebirgen ber baumreiche und
baumlose Gestade seine schnurgerade Horizontallinie hinzog und so, entschieden
ruhig, mit den wilden Kalkfelsen herrlich kontrastierte. Kniep enthielt sich
nicht, deren in kleinem Format mehrere zu umreien.
Nun sind wir in Alcamo, einem stillen, reinlichen Stdtchen, dessen
wohleingerichteter Gasthof als eine schne Anstalt zu rhmen ist, da man von
hier aus den abseits und einsam belegenen Tempel von Segesta bequem besuchen
kann.
Alcamo, Donnerstag, den 19. April 1787.
Die gefllige Wohnung in einem ruhigen Bergstdtchen zieht uns an, und wir
fassen den Entschlu, den ganzen Tag hier zuzubringen. Da mag denn vor allen
Dingen von gestrigen Ereignissen die Rede sein. Schon frher leugnete ich des
Prinzen Pallagonia Originalitt; er hat Vorgnger gehabt und Muster gefunden.
Auf dem Wege nach Monreale stehen zwei Ungeheuer an einer Fontne und auf dem
Gelnder einige Vasen, vllig, als wenn sie der Frst bestellt htte.
Hinter Monreale, wenn man den schnen Weg verlt und ins steinichte Gebirge
kommt, liegen oben auf dem Rcken Steine im Weg, die ich ihrer Schwere und
Anwitterung nach fr Eisenstein hielt. Alle Landesflchen sind bebaut und tragen
besser oder schlechter. Der Kalkstein zeigte sich rot, die verwitterte Erde an
solchen Stellen desgleichen. Diese rote, tonig-kalkige Erde ist weit verbreitet,
der Boden schwer, kein Sand darunter, trgt aber trefflichen Weizen. Wir fanden
alte, sehr starke, aber verstmmelte lbume.
Unter dem Obdach einer luftigen, an der schlechten Herberge vorgebauten Halle
erquickten wir uns an einem migen Imbi. Hunde verzehrten begierig die
weggeworfenen Schalen unserer Wrste, ein Betteljunge vertrieb sie und speiste
mit Appetit die Schalen der pfel, die wir verzehrten, dieser aber ward
gleichfalls von einem alten Bettler verjagt. Handwerksneid ist berall zu Hause.
In einer zerlumpten Toga lief der alte Bettler hin und wider als Hausknecht oder
Kellner. So hatte ich auch schon frher gesehen, da, wenn man etwas von einem
Wirte verlangt, was er gerade nicht im Hause hat, so lt er es durch einen
Bettler beim Krmer holen.
Doch sind wir gewhnlich vor einer so unerfreulichen Bedienung bewahrt, da unser
Vetturin vortrefflich ist - Stallknecht, Cicerone, Garde, Einkufer, Koch und
alles.
Auf den hheren Bergen findet sich noch immer der lbaum, Caruba, Fraxinus. Ihr
Feldbau ist auch in drei Jahre geteilt. Bohnen, Getreide und Ruhe, wobei sie
sagen: Mist tut mehr Wunder als die Heiligen. Der Weinstock wird sehr niedrig
gehalten.
Die Lage von Alcamo ist herrlich auf der Hhe in einiger Entfernung vom
Meerbusen, die Groheit der Gegend zog uns an. Hohe Felsen, tiefe Tler dabei,
aber Weite und Mannigfaltigkeit. Hinter Monreale rckt man in ein schnes
doppeltes Tal, in dessen Mitte sich noch ein Felsrcken herzieht. Die
fruchtbaren Felder stehen grn und still, indes auf dem breiten Wege wildes
Gebsch und Staudenmassen wie unsinnig von Blten glnzt: der Linsenbusch, ganz
gelb von Schmetterlingsblumen berdeckt, kein grnes Blatt zu sehen, der
Weidorn, Strau an Strau, die Aloen rcken in die Hhe und deuten auf Blten,
reiche Teppiche von amarantrotem Klee, die Insektenophrys, Alpenrslein,
Hyazinthen mit geschlossenen Glocken, Borra, Allien, Asphodelen.
Das Wasser, das von Segesta herunterkommt, bringt auer Kalksteinen viele
Hornsteingeschiebe, sie sind sehr fest, dunkelblau, rot, gelb, braun, von den
verschiedensten Schattierungen. Auch anstehend als Gnge fand ich Horn- oder
Feuersteine in Kalkfelsen, mit Sahlband von Kalk. Von solchem Geschiebe findet
man ganze Hgel, ehe man nach Alcamo kommt.
Segesta, den 20. April 1787.
Der Tempel von Segesta ist nie fertig geworden, und man hat den Platz um
denselben nie verglichen, man ebnete nur den Umkreis, worauf die Sulen
gegrndet werden sollten; denn noch jetzt stehen die Stufen an manchen Orten
neun bis zehn Fu in der Erde, und es ist kein Hgel in der Nhe, von dem Steine
und Erdreich htten herunterkommen knnen. Auch liegen die Steine in ihrer meist
natrlichen Lage, und man findet keine Trmmer darunter.

Segesta. Kupferstich von Chatelet

Die Sulen stehen alle; zwei, die umgefallen waren, sind neuerdings wieder
hergestellt. Inwiefern die Sulen Sockel haben sollten, ist schwer zu bestimmen
und ohne Zeichnung nicht deutlich zu machen. Bald sieht es aus, als wenn die
Sule auf der vierten Stufe stnde, da mu man aber wieder eine Stufe zum Innern
des Tempels hinab, bald ist die oberste Stufe durchschnitten, dann sieht es aus,
als wenn die Sulen Basen htten, bald sind diese Zwischenrume wieder
ausgefllt, und da haben wir wieder den ersten Fall. Der Architekt mag dies
genauer bestimmen.
Die Nebenseiten haben zwlf Sulen ohne die Ecksulen, die vordere und hintere
Seite sechs mit den Ecksulen. Die Zapfen, an denen man die Steine
transportiert, sind an den Stufen des Tempels ringsum nicht weggehauen, zum
Beweis, da der Tempel nicht fertig geworden. Am meisten zeugt davon aber der
Fuboden: derselbe ist von den Seiten herein an einigen Orten durch Platten
angegeben, in der Mitte aber steht noch der rohe Kalkfels hher als das Niveau
des angelegten Bodens; er kann also nie geplattet gewesen sein. Auch ist keine
Spur von innerer Halle. Noch weniger ist der Tempel mit Stuck berzogen gewesen,
da es aber die Absicht war, lt sich vermuten: an den Platten der Kapitle
sind Vorsprnge, wo sich vielleicht der Stuck anschlieen sollte. Das Ganze ist
aus einem travertinhnlichen Kalkstein gebaut, jetzt sehr verfressen. Die
Restauration von 1781 hat dem Gebude sehr wohl getan. Der Steinschnitt, der die
Teile zusammenfgt, ist einfach, aber schn. Die groen besonderen Steine, deren
Riedesel erwhnt, konnt' ich nicht finden, sie sind vielleicht zu Restauration
der Sulen verbraucht worden.
Die Lage des Tempels ist sonderbar: am hchsten Ende eines weiten, langen Tales,
auf einem isolierten Hgel, aber doch noch von Klippen umgeben, sieht er ber
viel Land in eine weite Ferne, aber nur ein Eckchen Meer. Die Gegend ruht in
trauriger Fruchtbarkeit, alles bebaut und fast nirgends eine Wohnung. Auf
blhenden Disteln schwrmten unzhlige Schmetterlinge. Wilder Fenchel stand acht
bis neun Fu hoch verdorret von vorigem Jahr her so reichlich und in scheinbarer
Ordnung, da man es fr die Anlage einer Baumschule htte halten knnen. Der
Wind sauste in den Sulen wie in einem Walde, und Raubvgel schwebten schreiend
ber dem Geblke.
Die Mhseligkeit, in den unscheinbaren Trmmern eines Theaters herumzusteigen,
benahm uns die Lust, die Trmmer der Stadt zu besuchen. Am Fue des Tempels
finden sich groe Stcke jenes Hornsteins, und der Weg nach Alcamo ist mit
unendlichen Geschieben desselben gemischt. Hiedurch kommt ein Anteil Kieselerde
in den Boden, wodurch er lockerer wird. An frischem Fenchel bemerkte ich den
Unterschied der unteren und oberen Bltter, und es ist doch nur immer dasselbe
Organ, das sich aus der Einfachheit zur Mannigfaltigkeit entwickelt. Man gtet
hier sehr fleiig, die Mnner gehen wie bei einem Treibjagen das ganze Feld
durch. Insekten lassen sich auch sehen. In Palermo hatte ich nur Gewrm bemerkt,
Eidechsen, Blutegel, Schnecken, nicht schner gefrbt als unsere, ja nur grau.

Castel Vetrano, Sonnabend, den 21. April 1787
Von Alcamo auf Castel Vetrano kommt man am Kalkgebirge her ber Kieshgel.
Zwischen den steilen, unfruchtbaren Kalkbergen weite, hglige Tler, alles
bebaut, aber fast kein Baum. Die Kieshgel voll groer Geschiebe, auf alte
Meeresstrmungen hindeutend; der Boden schn gemischt, leichter als bisher,
wegen des Anteils von Sand. Salemi blieb uns eine Stunde rechts, hier kamen wir
ber Gipsfelsen, dem Kalke vorliegend, das Erdreich immer trefflicher gemischt.
In der Ferne sieht man das westliche Meer. Im Vordergrund das Erdreich durchaus
hglig. Wir fanden ausgeschlagne Feigenbume, was aber Lust und Bewunderung
erregte, waren unbersehbare Blumenmassen, die sich auf dem berbreiten Wege
angesiedelt hatten und in groen, bunten, aneinander stoenden Flchen sich
absonderten und wiederholten. Die schnsten Winden, Hibiscus und Malven,
vielerlei Arten Klee herrschten wechselsweise, dazwischen das Allium,
Galegagestruche. Und durch diesen bunten Teppich wand man sich reitend
hindurch, denen sich kreuzenden unzhligen schmalen Pfaden nachfolgend.
Dazwischen weidet schnes rotbraunes Vieh, nicht gro, sehr nett gebaut,
besonders zierliche Gestalt der kleinen Hrner.
Die Gebirge in Nordost stehen alle reihenweis, ein einziger Gipfel, Cuniglione,
ragt aus der Mitte hervor. Die Kieshgel zeigen wenig Wasser, auch mssen wenig
Regengsse hier niedergehen, man findet keine Wasserrisse, noch sonst
Verschwemmtes.
In der Nacht begegnete mir ein eignes Abenteuer. Wir hatten uns in einem
freilich nicht sehr zierlichen Lokal sehr mde auf die Betten geworfen, zu
Mitternacht wach' ich auf und erblicke ber mir die angenehmste Erscheinung -
einen Stern, so schn, als ich ihn nie glaubte gesehen zu haben. Ich erquicke
mich an dem lieblichen, alles Gute weissagenden Anblick, bald aber verschwindet
mein holdes Licht und lt mich in der Finsternis allein. Bei Tagesanbruch
bemerkte ich erst die Veranlassung dieses Wunders; es war eine Lcke im Dach,
und einer der schnsten Sterne des Himmels war in jenem Augenblick durch meinen
Meridian gegangen. Dieses natrliche Ereignis jedoch legten die Reisenden mit
Sicherheit zu ihren Gunsten aus.
Sciacca, den 22. April 1787.
Der Weg hieher, mineralogisch uninteressant, geht immerfort ber Kieshgel. Man
gelangt ans Ufer des Meers, dort ragen mitunter Kalkfelsen hervor. Alles flache
Erdreich unendlich fruchtbar, Gerste und Hafer von dem schnsten Stande; Salsola
Kali gepflanzt; die Aloen haben schon hhere Fruchtstmme getrieben als gestern
und ehegestern. Die vielerlei Kleearten verlieen uns nicht. Endlich kamen wir
an ein Wldchen, buschig, die hheren Bume nur einzeln; endlich auch
Pantoffelholz!
Girgenti, den 23. April. Abends.
Von Sciacca hieher starke Tagereise. Gleich vor genanntem Orte betrachteten wir
die Bder; ein heier Quell dringt aus dem Felsen mit sehr starkem
Schwefelgeruch, das Wasser schmeckt sehr salzig, aber nicht faul. Sollte der
Schwefeldunst nicht im Augenblick des Hervorbrechens sich erzeugen? Etwas hher
ist ein Brunnen, khl, ohne Geruch. Ganz oben liegt das Kloster, wo die
Schwitzbder sind, ein starker Dampf steigt davon in die reine Luft.
Das Meer rollt hier nur Kalkgeschiebe, Quarz und Hornstein sind abgeschnitten.
Ich beobachtete die kleinen Flsse; Calata Bellotta und Macasoli bringen auch
nur Kalkgeschiebe, Platani gelben Marmor und Feuersteine, die ewigen Begleiter
dieses edlern Kalkgesteins. Wenige Stckchen Lava machten mich aufmerksam,
allein ich vermute hier in der Gegend nichts Vulkanisches, ich denke vielmehr,
es sind Trmmer von Mhlsteinen, oder zu welchem Gebrauch man solche Stcke aus
der Ferne geholt hat. Bei Monte allegro ist alles Gips: dichter Gips und
Fraueneis, ganze Felsen vor und zwischen dem Kalk. Die wunderliche Felsenlage
von Calata Bellotta!
Girgenti, Dienstag, den 24. April 1787
So ein herrlicher Frhlingsblick wie der heutige bei aufgehender Sonne ward uns
freilich nie durchs ganze Leben. Auf dem hohen, uralten Burgraume liegt das neue
Girgenti, in einem Umfang, gro genug, um Einwohner zu fassen. Aus unsern
Fenstern erblicken wir den weiten und breiten sanften Abhang der ehemaligen
Stadt, ganz von Grten und Weinbergen bedeckt, unter deren Grn man kaum eine
Spur ehemaliger groer bevlkerten Stadtquartiere vermuten drfte. Nur gegen das
mittgige Ende dieser grnenden und blhenden Flche sieht man den Tempel der
Konkordia hervorragen, in Osten die wenigen Trmmer des Junotempels; die
brigen, mit den genannten in grader Linie gelegenen Trmmer anderer heiliger
Gebude bemerkt das Auge nicht von oben, sondern eilt weiter sdwrts nach der
Strandflche, die sich noch eine halbe Stunde bis gegen das Meer erstreckt.
Versagt ward heute, uns in jene so herrlich grnenden, blhenden,
fruchtversprechenden Rume zwischen Zweige und Ranken hinabzubegeben, denn unser
Fhrer, ein kleiner guter Weltgeistlicher, ersuchte uns, vor allen Dingen diesen
Tag der Stadt zu widmen.
Erst lie er uns die ganz wohlgebauten Straen beschauen, dann fhrte er uns auf
hhere Punkte, wo sich der Anblick durch grere Weite und Breite noch mehr
verherrlichte, sodann zum Kunstgenu in die Hauptkirche. Diese enthlt einen
wohlerhaltenen Sarkophag, zum Altar gerettet: Hippolyt mit seinen Jagdgesellen
und Pferden wird von der Amme Phdras aufgehalten, die ihm ein Tfelchen
zustellen will. Hier war die Hauptabsicht, schne Jnglinge darzustellen,
deswegen auch die Alte, ganz klein und zwergenhaft, als ein Nebenwerk, das nicht
stren soll, dazwischen gebildet ist. Mich dnkt, von halberhabener Arbeit
nichts Herrlichers gesehen zu haben, zugleich vollkommen erhalten. Es soll mir
einstweilen als ein Beispiel der anmutigsten Zeit griechischer Kunst gelten.
Der Phdrasarkophag von Agrigent. Aquatinta von Houel
In frhere Epochen wurden wir zurckgefhrt durch Betrachtung einer kstlichen
Vase von bedeutender Gre und vollkommener Erhaltung. Ferner schienen sich
manche Reste der Baukunst in der neuen Kirche hie und da untergesteckt zu haben.
Da es hier keine Gasthfe gibt, so hatte uns eine freundliche Familie Platz
gemacht und einen erhhten Alkoven an einem groen Zimmer eingerumt. Ein grner
Vorhang trennte uns und unser Gepck von den Hausgliedern, welche in dem groen
Zimmer Nudeln fabrizierten, und zwar von der feinsten, weitesten und kleinsten
Sorte, davon diejenigen am teuersten bezahlt werden, die, nachdem sie erst in
die Gestalt von gliedslangen Stiften gebracht sind, noch von spitzen
Mdchenfingern einmal in sich selbst gedreht, eine schneckenhafte Gestalt
annehmen. Wir setzten uns zu den hbschen Kindern, lieen uns die Behandlung
erklren und vernahmen, da sie aus dem besten und schwersten Weizen, Grano
forte genannt, fabriziert wrden. Dabei kommt viel mehr Handarbeit als
Maschinen- und Formwesen vor. Und so hatten sie uns denn auch das trefflichste
Nudelgericht bereitet, bedauerten jedoch, da grade von der allervollkommensten
Sorte, die auer Girgent, ja, auer ihrem Hause nicht gefertigt werden knnte,
nicht einmal ein Gericht vorrtig sei. An Weie und Zartheit schienen diese
ihresgleichen nicht zu haben.
Auch den ganzen Abend wute unser Fhrer die Ungeduld zu besnftigen, die uns
hinabwrts trieb, indem er uns abermals auf die Hhe zu herrlichen
Aussichtspunkten fhrte und uns dabei die bersicht der Lage gab alle der
Merkwrdigkeiten, die wir morgen in der Nhe sehen sollten.
Girgenti, Mittwoch, den 25. April 1787
Mit Sonnenaufgang wandelten wir nun hinunter, wo sich bei jedem Schritt die
Umgebung malerischer anlie. Mt dem Bewutsein, da es zu unserm Besten
gereiche, fhrte uns der kleine Mann unaufhaltsam quer durch die reiche
Vegetation an tausend Einzelheiten vorber, wovon jede das Lokal zu idyllischen
Szenen darbot. Hierzu trgt die Ungleichheit des Bodens gar vieles bei, der sich
wellenfrmig ber verborgene Ruinen hinbewegt, die um so eher mit fruchtbarer
Erde berdeckt werden konnten, als die vormaligen Gebude aus einem leichten
Muscheltuff bestanden. Und so gelangten wir an das stliche Ende der Stadt, wo
die Trmmer des Junotempels jhrlich mehr verfallen, weil eben der lockre Stein
von Luft und Witterung aufgezehrt wird. Heute sollte nur eine kursorische
Beschauung angestellt werden, aber schon whlte sich Kniep die Punkte, von
welchen aus er morgen zeichnen wollte.
Der Tempel steht gegenwrtig auf einem verwitterten Felsen; von hier aus
erstreckten sich die Stadtmauern gerade ostwrts auf einem Kalklager hin,
welches senkrecht ber dem flachen Strande, den das Meer frher und spter,
nachdem es diese Felsen gebildet und ihren Fu besplt, verlassen hatte. Teils
aus den Felsen gehauen, teils aus denselben erbaut waren die Mauern, hinter
welchen die Reihe der Tempel hervorragte. Kein Wunder also, da der untere, der
aufsteigende und der hchste Teil von Girgenti zusammen von dem Meere her einen
bedeutenden Anblick gewhrte.
Der Tempel der Konkordia hat so vielen Jahrhunderten widerstanden; seine
schlanke Baukunst nhert ihn schon unserm Mastabe des Schnen und Geflligen,
er verhlt sich zu denen von Pstum wie Gttergestalt zum Riesenbilde. Ich will
mich nicht beklagen, da der neuere lbliche Vorsatz, diese Monumente zu
erhalten, geschmacklos ausgefhrt worden, indem man die Lcken mit blendend
weiem Gips ausbesserte; dadurch steht dieses Monument auch auf gewisse Weise
zertrmmert vor dem Auge; wie leicht wre es gewesen, dem Gips die Farbe des
verwitterten Steins zu geben! Sieht man freilich den so leicht sich brckelnden
Muschelkalk der Sulen und Mauern, so wundert man sich da er noch so lange
gehalten. Aber die Erbauer, hoffend auf eine hnliche Nachkommenschaft, hatten
deshalb Vorkehrung getroffen: man findet noch berreste eines feinen Tnchs an
den Sulen, der zugleich dem Auge schmeicheln und die Dauer verbergen sollte.
Geblkfragment vom Zeustempel in Agrigent (Girgenti). Gouache von Houel
Die nchste Station ward Godann bei den Ruinen des Jupitertempels gehalten.
Dieser liegt weit gestreckt, wie die Knochenmasse eines Riesengerippes inner-
und unterhalb mehrerer kleinen Besitzungen, von Zunen durchschnitten, von
hhern und niedern Pflanzen durchwachsen. Alles Gebildete ist aus diesen
Schutthaufen verschwunden auer einem ungeheueren Triglyph und einem Stck einer
demselben proportionierten Halbsule. Jenen ma ich mit ausgespannten Armen und
konnte ihn nicht erklaftern, von der Kannelierung der Sule hingegen kann dies
einen Begriff geben, da ich, darin stehend, dieselbe als eine kleine Nische
ausfllte, mit beiden Schultern anstoend. Zweiundzwanzig Mnner, im Kreise
nebeneinander gestellt, wrden ungefhr die Peripherie einer solchen Sule
bilden. Wir schieden mit dem unangenehmen Gefhle, da hier fr den Zeichner gar
nichts zu tun sei.
Der Tempel des Herkules hingegen lie noch Spuren vormaliger Symmetrie
entdecken. Die zwei Sulenreihen, die den Tempel hben und drben begleiteten,
lagen in gleicher Richtung wie auf einmal zusammen hingelegt, von Norden nach
Sden; jene einen Hgel hinaufwrts, diese hinabwrts. Der Hgel mochte aus der
zerfallenen Zelle entstanden sein. Die Sulen, wahrscheinlich durch das Geblk
zusammengehalten, strzten auf einmal, vielleicht durch Sturmwut
niedergestreckt, und sie liegen noch regelmig, in die Stcke, aus denen sie
zusammengesetzt waren, zerfallen. Dieses merkwrdige Vorkommen genau zu
zeichnen, spitzte Kniep schon in Gedanken seine Stifte.
Der Tempel des skulap, von dem schnsten Johannisbrotbaum beschattet und in ein
kleines feldwirtschaftliches Haus beinahe eingemauert, bietet ein freundliches
Bild.
Nun stiegen wir zum Grabmal Therons hinab und erfreuten uns der Gegenwart dieses
so oft nachgebildet gesehenen Monuments, besonders da es uns zum Vordergrunde
diente einer wundersamen Ansicht; denn man schaute von Westen nach Osten an dem
Felslager hin, auf welchem die lckenhaften Stadtmauern sowie durch sie und ber
ihnen die Reste der Tempel zu sehen waren. Unter Hackerts kunstreicher Hand ist
diese Ansicht zum erfreulichen Bilde geworden; Kniep wird einen Umri auch hier
nicht fehlen lassen.

Girgenti, Donnerstag, den 26. April 1787.
Als ich erwachte, war Kniep schon bereit, mit einem Knaben, der ihm den Weg
zeigen und die Pappen tragen sollte, seine zeichnerische Reise anzutreten. Ich
geno des herrlichsten Morgens am Fenster, meinen geheimen, stillen, aber nicht
stummen Freund an der Seite. Aus frommer Scheu habe ich bisher den Namen nicht
genannt des Mentors, auf den ich von Zeit zu Zeit hinblicke und hinhorche; es
ist der treffliche von Riedesel, dessen Bchlein ich wie ein Brevier oder
Talisman am Busen trage. Sehr gern habe ich mich immer in solchen Wesen
bespiegelt, die das besitzen, was mir abgeht, und so ist es grade hier: ruhiger
Vorsatz, Sicherheit des Zwecks, reinliche, schickliche Mittel, Vorbereitung und
Kenntnis, inniges Verhltnis zu einem meisterhaft Belehrenden, zu Winckelmann;
dies alles geht mir ab und alles brige, was daraus entspringt. Und doch kann
ich mir nicht feind sein, da ich das zu erschleichen, zu erstrmen, zu erlisten
suche, was mir whrend meines Lebens auf dem gewhnlichen Wege versagt war. Mge
jener treffliche Mann in diesem Augenblick mitten in dem Weltgetmmel empfinden,
wie ein dankbarer Nachfahr seine Verdienste feiert, einsam in dem einsamen Orte,
der auch fr ihn so viel Reize hatte, da er sogar hier, vergessen von den
Seinigen und ihrer vergessend, seine Tage zuzubringen wnschte.
Nun durchzog ich die gestrigen Wege mit meinem kleinen geistlichen Fhrer, die
Gegenstnde von mehrern Seiten betrachtend und meinen fleiigen Freund hie und
da besuchend.
Auf eine schne Anstalt der alten mchtigen Stadt machte mich mein Fhrer
aufmerksam. In den Felsen und Gemuermassen, welche Girgenti zum Bollwerk
dienten, finden sich Grber, wahrscheinlich den Tapfern und Guten zur Ruhesttte
bestimmt. Wo konnten diese schner, zu eigener Glorie und zu ewig lebendiger
Nacheiferung, beigesetzt werden!
In dem weiten Raume zwischen den Mauern und dem Meere finden sich noch die Reste
eines kleinen Tempels, als christliche Kapelle erhalten. Auch hier sind
Halbsulen mit den Quaderstcken der Mauer aufs schnste verbunden, und beides,
ineinander gearbeitet, hchst erfreulich dem Auge. Man glaubt genau den Punkt zu
fhlen, wo die dorische Ordnung ihr vollendetes Ma erhalten hat.
Manches unscheinbare Denkmal des Altertums ward obenhin angesehen, sodann mit
mehr Aufmerksamkeit die jetzige Art, den Weizen unter der Erde in groen
ausgemauerten Gewlben zu verwahren. ber den brgerlichen und kirchlichen
Zustand erzhlte mir der gute Alte gar manches. Ich hrte von nichts, was nur
einigermaen in Aufnahme wre. Das Gesprch schickte sich recht gut zu den
unaufhaltsam verwitternden Trmmern.
Die Schichten des Muschelkalks fallen alle gegen das Meer. Wundersam von unten
und hinten ausgefressene Felsbnke, deren Oberes und Vorderes sich teilweise
erhalten, so da sie wie herunterhngende Fransen aussehen. Ha auf die
Franzosen, weil sie mit den Barbaresken Frieden haben und man ihnen schuld gibt,
sie verrieten die Christen an die Unglubigen.
Vom Meere her war ein antikes Tor in Felsen gehauen. Die noch bestehenden Mauern
stufenweis auf den Felsen gegrndet. Unser Cicerone hie Don Michael Vella,
Antiquar, wohnhaft bei Meister Gerio in der Nhe von St. Maria.
Die Puffbohnen zu pflanzen, verfahren sie folgendermaen: Sie machen in
gehriger Weite voneinander Lcher in die Erde, darein tun sie eine Handvoll
Mist, sie erwarten Regen, und dann stecken sie die Bohnen. Das Bohnenstroh
verbrennen sie, mit der daraus entstehenden Asche waschen sie die Leinwand. Sie
bedienen sich keiner Seife. Auch die uern Mandelschalen verbrennen sie und
bedienen sich derselben statt Soda. Erst waschen sie die Wsche mit Wasser und
dann mit solcher Lauge.
Die Folge ihres Fruchtbaus ist Bohnen, Weizen, Tumenia, das vierte Jahr lassen
sie es zur Wiese liegen. Unter Bohnen werden hier die Puffbohnen verstanden. Ihr
Weizen ist unendlich schn. Tumenia, deren Namen sich von bimenia oder
trimenia herschreiben soll, ist eine herrliche Gabe der Ceres: es ist eine Art
von Sommerkorn, das in drei Monaten reif wird. Sie sen es vom ersten Januar bis
zum Juni, wo es denn immer zur bestimmten Zeit reif ist. Sie braucht nicht viel
Regen, aber starke Wrme; anfangs hat sie ein sehr zartes Blatt, aber sie wchst
dem Weizen nach und macht sich zuletzt sehr stark. Das Korn sen sie im Oktober
und November, es reift im Juni. Die im November geste Gerste ist den ersten
Juni reif, an der Kste schneller, in Gebirgen langsamer.
Der Lein ist schon reif. Der Akanth hat seine prchtigen Bltter entfaltet.
Salsola fruticosa wchst ppig.
Auf unbebauten Hgeln wchst reichlicher Esparsett. Er wird teilweis verpachtet
und bndelweis in die Stadt gebracht. Ebenso verkaufen sie bndelweis den Hafer,
den sie aus dem Weizen ausgten.
Sie machen artige Einteilungen mit Rndchen in dem Erdreich, wo sie Kohl
pflanzen wollen, zum Behuf der Wsserung.
An den Feigen waren alle Bltter heraus, und die Frchte hatten angesetzt. Sie
werden zu Johanni reif, dann setzt der Baum noch einmal an. Die Mandeln hingen
sehr voll; ein gestutzter Karubenbaum trug unendliche Schoten. Die Trauben zum
Essen werden an Lauben gezogen, durch hohe Pfeiler untersttzt. Melonen legen
sie im Mrz, die im Juni reifen. In den Ruinen des Jupitertempels wachsen sie
munter ohne eine Spur von Feuchtigkeit.
Der Vetturin a mit grtem Appetit rohe Artischocken und Kohlrabi; freilich mu
man gestehen, da sie viel zrter und saftiger sind als wie bei uns. Wenn man
durch cker kommt, so lassen die Bauern z. B. junge Puffbohnen essen, soviel man
will.
Als ich auf schwarze, feste Steine aufmerksam ward, die einer Lava glichen,
sagte mir der Antiquar, sie seien vom tna, auch am Hafen oder vielmehr
Landungsplatz stnden solche.
Der Vgel gibt's hierzulande nicht viel: Wachteln. Die Zugvgel sind:
Nachtigallen, Lerchen und Schwalben. Rinnine, kleine schwarze Vgel, die aus der
Levante kommen, in Sizilien hecken und weiter gehen oder zurck. Ridene, kommen
im Dezember und Januar aus Afrika, fallen auf dem Akragas nieder, und dann
ziehen sie sich in die Berge.
Von der Vase des Doms noch ein Wort. Auf derselben steht ein Held in vlliger
Rstung gleichsam als Ankmmling vor einem sitzenden Alten, der durch Kranz und
Szepter als Knig bezeichnet ist. Hinter diesem steht ein Weib, das Haupt
gesenkt, die linke Hand unter dem Kinn; aufmerksam nachdenkende Stellung.
Gegenber hinter dem Helden ein Alter, gleichfalls bekrnzt, er spricht mit
einem spietragenden Manne, der von der Leibwache sein mag. Der Alte scheint den
Helden eingefhrt zu haben und zu der Wache zu sagen: Lat ihn nur mit dem
Knig reden, es ist ein braver Mann.
Das Rote scheint der Grund dieser Vase, das Schwarze darauf gesetzt. Nur an dem
Frauengewande scheint Rot auf Schwarz zu sitzen.
Girgenti, Freitag, den 27. April 1787.
Wenn Kniep alle Vorstze ausfhren will, mu er unablssig zeichnen, indes ich
mit meinem alten kleinen Fhrer umherziehe. Wir spazierten gegen das Meer, von
woher sich Girgenti, wie uns die Alten versichern, sehr gut ausgenommen habe.
Der Blick ward in die Wellenweite gezogen, und mein Fhrer machte mich
aufmerksam auf einen langen Wolkenstreif, der sdwrts, einem Bergrcken gleich,
auf der Horizontallinie aufzuliegen schien: dies sei die Andeutung der Kste von
Afrika, sagte er. Mir fiel indes ein anderes Phnomen als seltsam auf; es war
aus leichtem Gewlk ein schmaler Bogen, welcher, mit dem einen Fu auf Sizilien
aufstehend, sich hoch am blauen, brigens ganz reinen Himmel hinwlbte und mit
dem andern Ende in Sden auf dem Meer zu ruhen schien. Von der niedergehenden
Sonne gar schn gefrbt und wenig Bewegung zeigend, war er dem Auge eine so
seltsame als erfreuliche Erscheinung. Es stehe dieser Bogen, versicherte man
mir, gerade in der Richtung nach Malta und mge wohl auf dieser Insel seinen
andern Fu niedergelassen haben, das Phnomen komme manchmal vor. Sonderbar
genug wre es, wenn die Anziehungskraft der beiden Inseln gegeneinander sich in
der Atmosphre auf diese Art kundtte.
Durch dieses Gesprch ward bei mir die Frage wieder rege, ob ich den Vorsatz,
Malta zu besuchen, aufgeben sollte. Allein die schon frher berdachten
Schwierigkeiten und Gefahren blieben noch immer dieselben, und wir nahmen uns
vor, unsern Vetturin bis Messina zu dingen.
Dabei aber sollte wieder nach einer gewissen eigensinnigen Grille gehandelt
werden. Ich hatte nmlich auf dem bisherigen Wege in Sizilien wenig kornreiche
Gegenden gesehen, sodann war der Horizont berall von nahen und fernen Bergen
beschrnkt, so da es der Insel ganz an Flchen zu fehlen schien und man nicht
begriff, wie Ceres dieses Land so vorzglich begnstigt haben sollte. Als ich
mich darnach erkundigte, erwiderte man mir, da ich, um dieses einzusehen, statt
ber Syrakus, quer durchs Land gehen msse, wo ich denn der Weizenstriche genug
antreffen wrde. Wir folgten dieser Lockung, Syrakus aufzugeben, indem uns nicht
unbekannt war, da von dieser herrlichen Stadt wenig mehr als der prchtige Name
geblieben sei. Allenfalls war sie von Catania aus leicht zu besuchen.
Caltanisetta, Sonnabend, den 28. April 1787
Heute knnen wir denn endlich sagen, da uns ein anschaulicher Begriff geworden,
wie Sizilien den Ehrennamen einer Kornkammer Italiens erlangen knnen. Eine
Strecke, nachdem wir Girgent verlassen, fing der fruchtbare Boden an. Es sind
keine groen Flchen, aber sanft gegeneinander laufende Berg- und Hgelrcken,
durchgngig mit Weizen und Gerste bestellt, die eine ununterbrochene Masse von
Fruchtbarkeit dem Auge darbieten. Der diesen Pflanzen geeignete Boden wird so
genutzt und so geschont, da man nirgends einen Baum sieht, ja, alle die kleinen
Ortschaften und Wohnungen liegen auf Rcken der Hgel, wo eine hinstreichende
Reihe Kalkfelsen den Boden ohnehin unbrauchbar macht. Dort wohnen die Weiber das
ganze Jahr, mit Spinnen und Weben beschftigt, die Mnner hingegen bringen zur
eigentlichen Epoche der Feldarbeit nur Sonnabend und Sonntag bei ihnen zu, die
brigen Tage bleiben sie unten und ziehen sich nachts in Rohrhtten zurck. Und
so war denn unser Wunsch bis zum berdru erfllt, wir htten uns Triptolems
Flgelwagen gewnscht, um dieser Einfrmigkeit zu entfliehen.
Nun ritten wir bei heiem Sonnenschein durch diese wste Fruchtbarkeit und
freuten uns, in dem wohlgelegenen und wohlgebauten Caltanisetta zuletzt
anzukommen, wo wir jedoch abermals vergeblich um eine leidliche Herberge bemht
waren. Die Maultiere stehen in prchtig gewlbten Stllen, die Knechte schlafen
auf dem Klee, der den Tieren bestimmt ist, der Fremde aber mu seine Haushaltung
von vorn anfangen. Ein allenfalls zu beziehendes Zimmer mu erst gereinigt
werden. Sthle und Bnke gibt es nicht, man sitzt auf niedrigen Bcken von
starkem Holz, Tische sind auch nicht zu finden.
Will man jene Bcke in Bettfe verwandeln, so geht man zum Tischler und borgt
so viel Bretter, als ntig sind, gegen eine gewisse Miete. Der groe
Juchtensack, den uns Hackert geliehen, kam diesmal sehr zugute und ward
vorlufig mit Hckerling angefllt.
Vor allem aber mute wegen des Essens Anstalt getroffen werden. Wir hatten
unterwegs eine Henne gekauft, der Vetturin war gegangen, Reis, Salz und
Spezereien anzuschaffen, weil er aber nie hier gewesen, so blieb lange
unerrtert, wo denn eigentlich gekocht werden sollte, wozu in der Herberge
selbst keine Gelegenheit war. Endlich bequemte sich ein ltlicher Brger, Herd
und Holz, Kchen- und Tischgerte gegen ein billiges herzugeben und uns,
indessen gekocht wrde, in der Stadt herumzufhren, endlich auf den Markt, wo
die angesehensten Einwohner nach antiker Weise umhersaen, sich unterhielten und
von uns unterhalten sein wollten.
Wir muten von Friederich dem Zweiten erzhlen, und ihre Teilnahme an diesem
groen Knige war so lebhaft, da wir seinen Tod verhehlten, um nicht durch eine
so unselige Nachricht unsern Wirten verhat zu werden.

Caltanisetta, Sonnabend, den 28. April 1787.
Geologisches, nachtrglich. Von Girgent die Muschelkalkfelsen hinab zeigt sich
ein weiliches Erdreich, das sich nachher erklrt: man findet den lteren Kalk
wieder und Gips unmittelbar daran. Weite flache Tler, Fruchtbau bis an die
Gipfel, oft darberweg; lterer Kalk mit verwittertem Gips gemischt. Nun zeigt
sich ein loseres, gelbliches, leicht verwitterndes neues Kalkgestein: in den
geackerten Feldern kann man dessen Farbe deutlich erkennen, die oft ins
Dunklere, ja ins Violette zieht. Etwas ber halben Weg tritt der Gips wieder
hervor. Auf demselben wchst hufig ein schn violettes, fast rosenrotes Sedum
und an den Kalkfelsen ein schnes gelbes Moos.
Jenes verwitterliche Kalkgestein zeigt sich fters wieder, am strksten gegen
Caltanisetta, wo es in Lagern liegt, die einzelne Muscheln enthalten; dann zeigt
sich's rtlich, beinahe wie Mennige, mit wenigem Violett, wie oben bei San
Martino bemerkt worden.
Quarzgeschiebe habe ich nur etwa auf halbem Wege in einem Tlchen gefunden, das,
an drei Seiten geschlossen, gegen Morgen und also gegen das Meer zu offenstand.
Links in der Ferne war der hohe Berg bei Camerata merkwrdig und ein anderer wie
ein gestutzter Kegel. Die groe Hlfte des Wegs kein Baum zu sehen. Die Frucht
stand herrlich, obgleich nicht so hoch wie zu Girgent und am Meeresufer, jedoch
so rein als mglich; in den unabsehbaren Weizenckern kein Unkraut. Erst sahen
wir nichts als grnende Felder, dann gepflgte, an feuchtlichen rtern ein
Stckchen Wiese. Hier kommen auch Pappeln vor. Gleich hinter Girgent fanden wir
pfel und Birnen, brigens an den Hhen und in der Nhe der wenigen Ortschaften
etwas Feigen.
Diese dreiig Miglien, nebst allem, was ich rechts und links erkennen konnte,
ist lterer und neuerer Kalk, dazwischen Gips. Der Verwitterung und Verarbeitung
dieser drei untereinander hat das Erdreich seine Fruchtbarkeit zu verdanken.
Wenig Sand mag es enthalten, es knirscht unter den Zhnen. Eine Vermutung wegen
des Flusses Achates wird sich morgen besttigen.
Die Tler haben eine schne Form, und ob sie gleich nicht ganz flach sind, so
bemerkt man doch keine Spur von Regengssen, nur kleine Bche, kaum merklich,
rieseln hin, denn alles fliet gleich unmittelbar nach dem Meere. Wenig roter
Klee ist zu sehen, die niedrige Palme verschwindet auch sowie alle Blumen und
Struche der sdwestlichen Seite. Den Disteln ist nur erlaubt, sich der Wege zu
bemchtigen, alles andere gehrt der Ceres an. brigens hat die Gegend viel
hnliches mit deutschen hgeligen und fruchtbaren Gegenden, z. B. mit der
zwischen Erfurt und Gotha, besonders wenn man nach den Gleichen hinsieht. Sehr
vieles mute zusammenkommen, um Sizilien zu einem der fruchtbarsten Lnder der
Welt zu machen.
Man sieht wenig Pferde auf der ganzen Tour, sie pflgen mit Ochsen, und es
besteht ein Verbot, keine Khe und Klber zu schlachten. Ziegen, Esel und
Maultiere begegneten uns viele. Die Pferde sind meist Apfelschimmel mit
schwarzen Fen und Mhnen, man findet die prchtigsten Stallrume mit
gemauerten Bettstellen. Das Land wird zu Bohnen und Linsen gedngt, die brigen
Feldfrchte wachsen nach dieser Smmerung. In hren geschote, noch grne Gerste
in Bndeln, roter Klee desgleichen werden dem Vorbeireitenden zu Kauf angeboten.
Auf dem Berg ber Caltanisetta fand sich fester Kalkstein mit Versteinerungen:
die groen Muscheln lagen unten, die kleinen obenauf. Im Pflaster des Stdtchens
fanden wir Kalkstein mit Pektiniten.
Zum 28. April 1787.
Hinter Caltanisetta senken sich die Hgel jh herunter in mancherlei Tler, die
ihre Wasser in den Flu Salso ergieen. Das Erdreich ist rtlich, sehr tonig,
vieles lag unbestellt, auf dem bestellten die Frchte ziemlich gut, doch, mit
den vorigen Gegenden verglichen, noch zurck.
Castro Giovanni, Sonntag, den 29. April 1787.
Noch grere Fruchtbarkeit und Menschende hatten wir heute zu bemerken.
Regenwetter war eingefallen und machte den Reisezustand sehr unangenehm, da wir
durch mehrere stark angeschwollene Gewsser hindurch muten. Am Fiume Salso, wo
man sich nach einer Brcke vergeblich umsieht, berraschte uns eine wunderliche
Anstalt. Krftige Mnner waren bereit, wovon immer zwei und zwei das Maultier
mit Reiter und Gepck in die Mitte faten und so durch einen tiefen Stromteil
hindurch bis auf eine groe Kiesflche fhrten; war nun die smtliche
Gesellschaft hier beisammen, so ging es auf eben diese Weise durch den zweiten
Arm des Flusses, wo die Mnner denn abermals durch Stemmen und Drngen das Tier
auf dem rechten Pfade und im Stromzug aufrecht erhielten. An dem Wasser her ist
etwas Buschwerk, das sich aber landeinwrts gleich wieder verliert. Der Fiume
Salso bringt Granit, einen bergang in Gneis, breccierten und einfarbigen
Marmor.
Nun sahen wir den einzeln stehenden Bergrcken vor uns, worauf Castro Giovanni
liegt und welcher der Gegend einen ernsten, sonderbaren Charakter erteilt. Als
wir den langen, an der Seite sich hinanziehenden Weg ritten, fanden wir den Berg
aus Muschelkalk bestehend; groe, nur kalzinierte Schalen wurden aufgepackt. Man
sieht Castro Giovanni nicht eher, als bis man ganz oben auf den Bergrcken
gelangt; denn es liegt am Felsabhang gegen Norden. Das wunderliche Stdtchen
selbst, der Turm, links in einiger Entfernung das rtchen Caltascibetta stehen
gar ernsthaft gegeneinander. In der Plaine sah man die Bohnen in voller Blte,
wer htte sich aber dieses Anblicks erfreuen knnen! Die Wege waren entsetzlich,
noch schrecklicher, weil sie ehemals gepflastert gewesen, und es regnete immer
fort. Das alte Enna empfing uns sehr unfreundlich: ein Estrichzimmer mit Lden
ohne Fenster, so da wir entweder im Dunkeln sitzen, oder den Sprhregen, dem
wir soeben entgangen waren, wieder erdulden muten. Einige berreste unseres
Reisevorrats wurden verzehrt, die Nacht klglich zugebracht. Wir taten ein
feierliches Gelbde, nie wieder nach einem mythologischen Namen unser Wegeziel
zu richten.
Montag, den 30. April 1787.
Von Castro Giovanni herab fhrt ein rauher, unbequemer Stieg, wir muten die
Pferde fhren. Die Atmosphre vor uns tief herab mit Wolken bedeckt, wobei sich
ein wunderbar Phnomen in der grten Hhe sehen lie. Es war wei und grau
gestreift und schien etwas Krperliches zu sein; aber wie kme das Krperliche
in den Himmel! Unser Fhrer belehrte uns, diese unsere Verwunderung gelte einer
Seite des tna, welche durch die zerrissenen Wolken durchsehe: Schnee und
Bergrcken abwechselnd bildeten die Streifen, es sei nicht einmal der hchste
Gipfel.
Des alten Enna steiler Felsen lag nun hinter uns, wir zogen durch lange, lange,
einsame Tler; unbebaut und unbewohnt lagen sie da, dem weidenden Vieh
berlassen, das wir schn braun fanden, nicht gro, mit kleinen Hrnern, gar
nett, schlank und munter wie die Hirschchen. Diese guten Geschpfe hatten zwar
Weide genug, sie war ihnen aber doch durch ungeheure Distelmassen beengt und
nach und nach verkmmert. Diese Pflanzen finden hier die schnste Gelegenheit,
sich zu besamen und ihr Geschlecht auszubreiten, sie nehmen einen unglaublichen
Raum ein, der zur Weide von ein paar groen Landgtern hinreichte. Da sie nicht
perennieren, so wren sie jetzt, vor der Blte niedergemht, gar wohl zu
vertilgen.
Indessen wir nun diese landwirtlichen Kriegsplane gegen die Disteln ernstlich
durchdachten, muten wir zu unserer Beschmung bemerken, da sie doch nicht ganz
unntz seien. Auf einem einsam stehenden Gasthofe, wo wir ftterten, waren
zugleich ein Paar sizilianische Edelleute angekommen, welche quer durch das Land
eines Prozesses wegen nach Palermo zogen. Mit Verwundrung sahen wir diese beiden
ernsthaften Mnner mit scharfen Taschenmessern vor einer solchen Distelgruppe
stehen und die obersten Teile dieser emporstrebenden Gewchse niederhauen; sie
faten alsdann diesen stachligen Gewinn mit spitzen Fingern, schlten den
Stengel und verzehrten das Innere desselben mit Wohlgefallen. Damit
beschftigten sie sich eine lange Zeit, indessen wir uns an Wein, diesmal
ungemischt, und gutem Brot erquickten. Der Vetturin bereitete uns dergleichen
Stengelmark und versicherte, es sei eine gesunde, khlende Speise, sie wollte
uns aber so wenig schmecken als der rohe Kohlrabi zu Segeste.
Unterwegs, den 30. April.
In das Tal gelangt, wodurch der Flu St. Paolo sich schlngelt, fanden wir das
Erdreich rtlich schwarz und verwitterlichen Kalk; viel Brache, sehr weite
Felder, schnes Tal, durch das Flchen sehr angenehm. Der gemischte gute
Lehmboden ist mitunter zwanzig Fu tief und meistens gleich. Die Aloen hatten
stark getrieben. Die Frucht stand schn, doch mitunter unrein und, gegen die
Mittagseite berechnet, weit zurck. Hie und da kleine Wohnungen; kein Baum als
unmittelbar unter Castro Giovanni. Am Ufer des Flusses viel Weide, durch
ungeheure Distelmassen eingeschrnkt. Im Flugeschiebe das Quarzgestein wieder,
teils einfach, teils breccienartig.
Molimenti, ein neues rtchen, sehr klug in der Mitte schner Felder angelegt, am
Flchen St. Paolo. Der Weizen stand in der Nhe ganz unvergleichlich, schon den
zwanzigsten Mai zu schneiden. Die ganze Gegend zeigt noch keine Spur von
vulkanischem Wesen, auch selbst der Flu fhrt keine dergleichen Geschiebe. Der
Boden, gut gemischt, eher schwer als leicht, ist im ganzen
kaffeebraun-violettlich anzusehen. Alle Gebirge links, die den Flu
einschlieen, sind Kalk- und Sandstein, deren Abwechselung ich nicht beobachten
konnte, welche jedoch, verwitternd, die groe, durchaus gleiche Fruchtbarkeit
des untern Tals bereitet haben.
Dienstag, den 1. Mai 1787
Durch ein so ungleich angebautes, obwohl von der Natur zu durchgngiger
Fruchtbarkeit bestimmtes Tal ritten wir einigermaen verdrielich herunter, weil
nach so viel ausgestandenen Unbilden unsern malerischen Zwecken gar nichts
entgegenkam. Kniep hatte eine recht bedeutende Ferne umrissen, weil aber der
Mittel- und Vordergrund gar zu abscheulich war, setzte er, geschmackvoll
scherzend, ein Poussinsches Vorderteil daran, welches ihm nichts kostete und das
Blatt zu einem ganz hbschen Bildchen machte. Wieviel malerische Reisen mgen
dergleichen Halbwahrheiten enthalten.
Unser Reitmann versprach, um unser mrrisches Wesen zu begtigen, fr den Abend
eine gute Herberge, brachte uns auch wirklich in einen vor wenig Jahren gebauten
Gasthof, der auf diesem Wege, gerade in gehriger Entfernung von Catania
gelegen, dem Reisenden willkommen sein mute, und wir lieen es uns bei einer
leidlichen Einrichtung seit zwlf Tagen wieder einigermaen bequem werden.
Merkwrdig aber war uns eine Inschrift, an die Wand bleistiftlich mit schnen
englischen Schriftzgen geschrieben; sie enthielt folgendes: Reisende, wer ihr
auch seid, htet euch in Catania vor dem Wirtshause zum goldenen Lwen; es ist
schlimmer, als wenn ihr Kyklopen, Sirenen und Skyllen zugleich in die Klauen
fielet. Ob wir nun schon dachten, der wohlmeinende Warner mchte die Gefahr
etwas mythologisch vergrert haben, so setzten wir uns doch fest vor, den
Goldenen Lwen zu vermeiden, der uns als ein so grimmiges Tier angekndigt war.
Als uns daher der Maultiertreibende befragte, wo wir in Catania einkehren
wollten, so versetzten wir: berall, nur nicht im Lwen!, worauf er den
Vorschlag tat, da vorliebzunehmen, wo er seine Tiere unterstelle, nur mten wir
uns daselbst auch verkstigen, wie wir es schon bisher getan. Wir waren alle
zufrieden: dem Rachen des Lwen zu entgehen, war unser einziger Wunsch.
Gegen Ibla Major melden sich Lavageschiebe, welche das Wasser von Norden
herunterbringt. ber der Fhre findet man Kalkstein, welcher allerlei Arten
Geschiebe, Hornstein, Lava und Kalk verbunden hat, dann verhrtete vulkanische
Asche, mit Kalktuff berzogen. Die gemischten Kieshgel dauern immer fort bis
gegen Catania, bis an dieselben und ber dieselben finden sich Lavastrme des
tna. Einen wahrscheinlichen Krater lt man links. (Gleich unter Molimenti
rauften die Bauern den Flachs.) Wie die Natur das Bunte liebt, lt sie hier
sehen, wo sie sich an der schwarzblaugrauen Lava erlustigt; hochgelbes Moos
berzieht sie, ein schn rotes Sedum wchst ppig darauf, andere schne violette
Blumen. Eine sorgsame Kultur beweist sich an den Kaktuspflanzungen und
Weinranken. Nun drngen sich ungeheure Lavaflsse heran. Motta ist ein schner,
bedeutender Fels. Hier stehen die Bohnen als sehr hohe Stauden. Die cker sind
vernderlich, bald sehr kiesig, bald besser gemischt.
Der Vetturin, der diese Frhlingsvegetation der Sdostseite lange nicht gesehen
haben mochte, verfiel in groes Ausrufen ber die Schnheit der Frucht und
fragte uns mit selbstgeflligem Patriotismus, ob es in unsern Landen auch wohl
solche gbe. Ihr ist hier alles aufgeopfert, man sieht wenig, ja gar keine
Bume. Allerliebst war ein Mdchen von prchtiger, schlanker Gestalt, eine
ltere Bekanntschaft unseres Vetturins, die seinem Maultiere gleich lief,
schwatzte und dabei mit solcher Zierlichkeit als mglich ihren Faden spann. Nun
fingen gelbe Blumen zu herrschen an. Gegen Misterbianco standen die Kaktus schon
wieder in Zunen; Zune aber, ganz von diesen wundersam gebildeten Gewchsen,
werden in der Nhe von Catania immer regelmiger und schner.

Catania, Mittwoch, den 2. Mai 1787.
In unserer Herberge befanden wir uns freilich sehr bel. Die Kost, wie sie der
Maultierknecht bereiten konnte, war nicht die beste. Eine Henne, in Reis
gekocht, wre dennoch nicht zu verachten gewesen, htte sie nicht ein unmiger
Safran so gelb als ungeniebar gemacht. Das unbequemste Nachtlager htte uns
beinahe gentigt, Hackerts Juchtensack wieder hervorzuholen, deshalb sprachen
wir morgens zeitig mit dem freundlichen Wirte. Er bedauerte, da er uns nicht
besser versorgen knne: Da drben aber ist ein Haus, wo Fremde gut aufgehoben
sind und alle Ursache haben zufrieden zu sein. - Er zeigte uns ein groes
Eckhaus, von welchem die uns zugekehrte Seite viel Gutes versprach. Wir eilten
sogleich hinber, fanden einen rhrigen Mann, der sich als Lohnbedienter angab
und in Abwesenheit des Wirts uns ein schnes Zimmer neben einem Saal anwies,
auch zugleich versicherte, da wir aufs billigste bedient werden sollten. Wir
erkundigten uns ungesumt hergebrachterweise, was fr Quartier, Tisch, Wein,
Frhstck und sonstiges Bestimmbare zu bezahlen sei. Das war alles billig, und
wir schafften eilig unsere Wenigkeiten herber, sie in die weitlufigen
vergoldeten Kommoden einzuordnen. Kniep fand zum ersten Male Gelegenheit, seine
Pappe auszubreiten; er ordnete seine Zeichnungen, ich mein Bemerktes. Sodann,
vergngt ber die schnen Rume, traten wir auf den Balkon des Saals, der
Aussicht zu genieen. Nachdem wir diese genugsam betrachtet und gelobt, kehrten
wir um nach unsern Geschften, und siehe! da droben ber unserm Haupte ein
groer goldener Lwe. Wir sahen einander bedenklich an, lchelten und lachten.
Von nun an aber blickten wir umher, ob nicht irgendwo eins der Homerischen
Schreckbilder hervorschauen mchte.
Nichts dergleichen war zu sehen, dagegen fanden wir im Saal eine hbsche junge
Frau, die mit einem Kinde von etwa zwei Jahren herumtndelte, aber sogleich von
dem beweglichen Halbwirt derb ausgescholten dastand: sie solle sich hinweg
verfgen! hie es, sie habe hier nichts zu tun. - Es ist doch hart, da du mich
fortjagst, sagte sie, das Kind ist zu Hause nicht zu begtigen, wenn du weg
bist, und die Herren erlauben mir gewi, in deiner Gegenwart das Kleine zu
beruhigen. Der Gemahl lie es dabei nicht bewenden, sondern suchte sie
fortzuschaffen, das Kind schrie in der Tre ganz erbrmlich, und wir muten
zuletzt ernstlich verlangen, da das hbsche Madamchen dabliebe.
Durch den Englnder gewarnt, war es keine Kunst, die Komdie zu durchschauen,
wir spielten die Neulinge, die Unschuldigen, er aber machte seine liebreiche
Vaterschaft auf das beste gelten. Das Kind wirklich war am freundlichsten mit
ihm, wahrscheinlich hatte es die angebliche Mutter unter der Tre gekneipt.
Und so war sie auch in der grten Unschuld dageblieben, als der Mann wegging,
ein Empfehlungsschreiben an den Hausgeistlichen des Prinzen Biscaris zu
berbringen. Sie dahlte fort, bis er zurckkam und anzeigte, der Abb wrde
selbst erscheinen, uns von dem Nheren zu unterrichten.
Catania, Donnerstag, den 3. Mai 1787
Der Abb, der uns gestern abend schon begrt hatte, erschien heute zeitig und
fhrte uns in den Palast, welcher auf einem hohen Sockel einstckig gebaut ist,
und zwar sahen wir zuerst das Museum, wo marmorne und eherne Bilder, Vasen und
alle Arten solcher Altertmer beisammenstehen. Wir hatten abermals Gelegenheit,
unsere Kenntnisse zu erweitern, besonders aber fesselte uns der Sturz eines
Jupiters, dessen Abgu ich schon aus Tischbeins Werkstatt kannte und welcher
grere Vorzge besitzt, als wir zu beurteilen vermochten. Ein Hausgenosse gab
die ntigste historische Auskunft, und nun gelangten wir in einen groen, hohen
Saal. Die vielen Sthle an den Wnden umher zeugten, da groe Gesellschaft sich
manchmal hier versammle. Wir setzten uns in Erwartung einer gnstigen Aufnahme.
Da kamen ein Paar Frauenzimmer herein und gingen der Lnge nach auf und ab. Sie
sprachen angelegentlich miteinander. Als sie uns gewahrten, stand der Abb auf,
ich desgleichen, wir neigten uns. Ich fragte, wer sie seien, und erfuhr, die
jngere sei die Prinzessin, die ltere eine edle Catanierin. Wir hatten uns
wieder gesetzt, sie gingen auf und ab, wie man auf einem Marktplatze tun wrde.
Wir wurden zum Prinzen gefhrt, der, wie man mir schon bemerkt hatte, uns seine
Mnzsammlung aus besonderem Vertrauen vorwies, da wohl frher seinem Herrn Vater
und auch ihm nachher bei solchem Vorzeigen manches abhanden gekommen und seine
gewhnliche Bereitwilligkeit dadurch einigermaen vermindert worden. Hier konnte
ich nun schon etwas kenntnisreicher scheinen, indem ich mich bei Betrachtung der
Sammlung des Prinzen Torremuzza belehrt hatte. Ich lernte wieder und half mir an
jenem dauerhaften Winckelmannischen Faden, der uns durch die verschiedenen
Kunstepochen durchleitet, so ziemlich hin. Der Prinz, von diesen Dingen vllig
unterrichtet, da er keine Kenner, aber aufmerksame Liebhaber vor sich sah,
mochte uns gern in allem, wornach wir forschten, belehren.
Nach dem wir diesen Betrachtungen geraume Zeit, aber doch noch immer zu wenig
gewidmet, standen wir im Begriff, uns zu beurlauben, als er uns zu seiner Frau
Mutter fhrte, woselbst die brigen kleineren Kunstwerke zu sehen waren.
Wir fanden eine ansehnliche, natrlich edle Frau, die uns mit den Worten
empfing:" Sehen Sie sich bei mir um, meine Herren, Sie finden hier alles noch,
wie es mein seliger Gemahl gesammelt und geordnet hat. Dies danke ich der
Frmmigkeit meines Sohnes, der mich in seinen besten Zimmern nicht nur wohnen,
sondern auch hier nicht das geringste entfernen oder verrcken lt, was sein
seliger Herr Vater anschaffte und aufstellte; wodurch ich den doppelten Vorteil
habe, sowohl auf die so lange Jahre her gewohnte Weise zu leben, als auch wie
von jeher die trefflichen Fremden zu sehen und nher zu kennen, die, unsere
Schtze zu betrachten, von so weiten Orten herkommen."
Sie schlo uns darauf selbst den Glasschrank auf, worin die Arbeiten in
Bernstein aufbewahrt standen. Der sizilianische unterscheidet sich von dem
nordischen darin, da er von der durchsichtigen und undurchsichtigen Wachs- und
Honigfarbe durch alle Abschattungen eines gesttigten Gelbs bis zum schnsten
Hyazinthrot hinansteigt. Urnen, Becher und andere Dinge waren daraus
geschnitten, wozu man groe, bewundernswrdige Stcke des Materials mitunter
voraussetzen mute. An diesen Gegenstnden sowie an geschnittenen Muscheln, wie
sie in Trapani gefertigt werden, ferner an ausgesuchten Elfenbeinarbeiten hatte
die Dame ihre besondere Freude und wute dabei manche heitere Geschichte zu
erzhlen. Der Frst machte uns auf die ernsteren Gegenstnde aufmerksam, und so
flossen einige Stunden vergngt und belehrend vorber.
Indessen hatte die Frstin vernommen, da wir Deutsche seien, sie fragte daher
nach Herrn von Riedesel, Bartels, Mnter, welche sie smtlich gekannt und, ihren
Charakter und Betragen gar wohl unterscheidend, zu wrdigen wute. Wir trennten
uns ungern von ihr, und sie schien uns ungern wegzulassen. Dieser Inselzustand
hat doch immer etwas Einsames, nur durch vorbergehende Teilnahme aufgefrischt
und erhalten.
Uns fhrte der Geistliche alsdann in das Benediktinerkloster, in die Zelle eines
Bruders, dessen bei migem Alter trauriges und in sich zurckgezogenes Ansehn
wenig frohe Unterhaltung versprach. Er war jedoch der kunstreiche Mann, der die
ungeheure Orgel dieser Kirche allein zu bndigen wute. Als er unsere Wnsche
mehr erraten als vernommen, erfllte er sie schweigend; wir begaben uns in die
sehr gerumige Kirche, die er, das herrliche Instrument bearbeitend, bis in den
letzten Winkel mit leisestem Hauch sowohl als gewaltsamsten Tnen durchsuselte
und durchschmetterte.
Wer den Mann nicht vorher gesehen, htte glauben mssen, es sei ein Riese, der
solche Gewalt ausbe; da wir aber seine Persnlichkeit schon kannten,
bewunderten wir nur, da er in diesem Kampf nicht schon lngst aufgerieben sei.
Catania, Freitag, den 4. Mai 1787.
Bald nach Tische kam der Abb mit einem Wagen, da er uns den entferntern Teil
der Stadt zeigen sollte. Beim Einsteigen ereignete sich ein wundersamer
Rangstreit. Ich war zuerst eingestiegen und htte ihm zur linken Hand gesessen,
er, einsteigend, verlangte ausdrcklich, da ich herumrcken und ihn zu meiner
Linken nehmen sollte; ich bat ihn, dergleichen Zeremonien zu unterlassen.
Verzeiht, sagte er, da wir also sitzen, denn wenn ich meinen Platz zu Eurer
Rechten nehme, so glaubt jedermann, da ich mit Euch fahre, sitze ich aber zur
Linken, so ist es ausgesprochen, da Ihr mit mir fahrt, mit mir nmlich, der ich
Euch im Namen des Frsten die Stadt zeige. Dagegen war freilich nichts
einzuwenden, und also geschah es.
Wir fuhren die Straen hinaufwrts, wo die Lava, welche 1669 einen groen Teil
dieser Stadt zerstrte, noch bis auf unsere Tage sichtbar blieb. Der starre
Feuerstrom ward bearbeitet wie ein anderer Fels, selbst auf ihm waren Straen
vorgezeichnet und teilweise gebaut. Ich schlug ein unbezweifeltes Stck des
Geschmolzenen herunter, bedenkend, da vor meiner Abreise aus Deutschland schon
der Streit ber die Vulkanitt der Basalte sich entzndet hatte. Und so tat
ich's an mehrern Stellen, um zu mancherlei Abnderungen zu gelangen.
Wren jedoch Einheimische nicht selbst Freunde ihrer Gegend, nicht selbst
bemht, entweder eines Vorteils oder der Wissenschaft willen, das, was in ihrem
Revier merkwrdig ist, zusammenzustellen, so mte der Reisende sich lang
vergebens qulen. Schon in Neapel hatte mich der Lavenhndler sehr gefrdert,
hier in einem weit hheren Sinne der Ritter Gioeni. Ich fand in seiner reichen,
sehr galant aufgestellten Sammlung die Laven des tna, die Basalte am Fu
desselben, verndertes Gestein, mehr oder weniger zu erkennen; alles wurde
freundlichst vorgezeigt. Am meisten hatte ich Zeolithe zu bewundern aus den
schroffen, im Meere stehenden Felsen unter Jaci.
Als wir den Ritter um die Mittel befragten, wie man sich benehmen msse, um den
tna zu besteigen, wollte er von einer Wagnis nach dem Gipfel, besonders in der
gegenwrtigen Jahreszeit, gar nichts hren. berhaupt, sagte er, nachdem er
uns um Verzeihung gebeten, die hier ankommenden Fremden sehen die Sache fr
allzu leicht an; wir andern Nachbarn des Berges sind schon zufrieden, wenn wir
ein paarmal in unserm Leben die beste Gelegenheit abgepat und den Gipfel
erreicht haben. Brydone, der zuerst durch seine Beschreibung die Lust nach
diesem Feuergipfel entzndet, ist gar nicht hinaufgekommen; Graf Borch lt den
Leser in Ungewiheit, aber auch er ist nur bis auf eine gewisse Hhe gelangt,
und so knnte ich von mehrern sagen. Fr jetzt erstreckt sich der Schnee noch
allzuweit herunter und breitet unberwindliche Hindernisse entgegen. Wenn Sie
meinem Rate folgen mgen, so reiten Sie morgen bei guter Zeit bis an den Fu des
Monte Rosso, besteigen Sie diese Hhe; Sie werden von da des herrlichsten
Anblicks genieen und zugleich die alte Lava bemerken, welche dort, 1669
entsprungen, unglcklicherweise sich nach der Stadt hereinwlzte. Die Aussicht
ist herrlich und deutlich; man tut besser, sich das brige erzhlen zu lassen.
Catania, Sonnabend, den 5. Mai 1787.
Folgsam dem guten Rate, machten wir ans zeitig auf den Weg und erreichten, auf
unsern Maultieren immer rckwrts schauend, die Region der durch die Zeit noch
ungebndigten Laven. Zackige Klumpen und Tafeln starrten uns entgegen, durch
welche nur ein zuflliger Pfad von den Tieren gefunden wurde. Auf der ersten
bedeutenden Hhe hielten wir still. Kniep zeichnete mit groer Przision, was
hinaufwrts vor uns lag: die Lavenmassen im Vordergrunde, den Doppelgipfel des
Monte Rosso links, gerade ber uns die Wlder von Nicolosi, aus denen der
beschneite, wenig rauchende Gipfel hervorstieg. Wir rckten dem roten Berge
nher, ich stieg hinauf: er ist ganz aus rotem vulkanischem Grus, Asche und
Steinen zusammengehuft. Um die Mndung htte sich bequem herumgehen lassen,
htte nicht ein gewaltsam strmender Morgenwind jeden Schritt unsicher gemacht;
wollte ich nur einigermaen fortkommen, so mute ich den Mantel ablegen, nun
aber war der Hut jeden Augenblick in Gefahr, in den Krater getrieben zu werden
und ich hintendrein. Deshalb setzte ich mich nieder, um mich zu fassen und die
Gegend zu berschauen; aber auch diese Lage half mir nichts: der Sturm kam
gerade von Osten her ber das herrliche Land, das nah und fern bis ans Meer
unter mir lag. Den ausgedehnten Strand von Messina bis Syrakus mit seinen
Krmmungen und Buchten sah ich vor Augen, entweder ganz frei oder durch Felsen
des Ufers nur wenig bedeckt. Als ich ganz betubt wieder herunterkam, hatte
Kniep im Schauer seine Zeit gut angewendet und mit zarten Linien auf dem Papier
gesichert, was der wilde Sturm mich kaum sehen, viel weniger festhalten lie.
Die Monti Rossi am Aetna. Aquatinta von Houel
In dem Rachen des Goldenen Lwen wieder angelangt, fanden wir den Lohnbedienten,
den wir nur mit Mhe uns zu begleiten abgehalten hatten. Er lobte, da wir den
Gipfel aufgegeben, schlug aber fr morgen eine Spazierfahrt auf dem Meere zu den
Felsen von Jaci andringlich vor: das sei die schnste Lustpartie, die man von
Catania aus machen knne! Man nehme Trank und Speise mit, auch wohl
Gertschaften, um etwas zu wrmen. Seine Frau erbiete sich, dieses Geschft zu
bernehmen. Ferner erinnerte er sich des Jubels, wie Englnder wohl gar einen
Kahn mit Musik zur Begleitung genommen htten, welche Lust ber alle Vorstellung
sei.
Die Felsen von Jaci zogen mich heftig an, ich hatte groes Verlangen, mir so
schne Zeolithe herauszuschlagen, als ich bei Gioeni gesehen. Man konnte ja die
Sache kurz fassen, die Begleitung der Frau ablehnen. Aber der warnende Geist des
Englnders behielt die Oberhand, wir taten auf die Zeolithe Verzicht und dnkten
uns nicht wenig wegen dieser Enthaltsamkeit.

Catania, Sonntag, den 6. Mai 1787
Unser geistlicher Begleiter blieb nicht aus. Er fhrte uns, die Reste alter
Baukunst zu sehen, zu welchen der Beschauer freilich ein starkes
Restaurationstalent mitbringen mu. Man zeigte die Reste von Wasserbehltern,
einer Naumachie und andere dergleichen Ruinen, die aber bei der vielfachen
Zerstrung der Stadt durch Laven, Erdbeben und Krieg dergestalt verschttet und
versenkt sind, da Freude und Belehrung nur dem genauesten Kenner altertmlicher
Baukunst daraus entspringen kann.
Eine nochmalige Aufwartung beim Prinzen lehnte der Pater ab, und wir schieden
beiderseits mit lebhaften Ausdrcken der Dankbarkeit und des Wohlwollens.
Taormina, Montag, den 7. Mai 1787
Gott sei Dank, da alles, was wir heute gesehen, schon genugsam beschrieben ist,
mehr aber noch, da Kniep sich vorgenommen hat, morgen den ganzen Tag oben zu
zeichnen. Wenn man die Hhe der Felsenwnde erstiegen hat, welche unfern des
Meeresstrandes in die Hhe steilen, findet man zwei Gipfel durch ein Halbrund
verbunden. Was dies auch von Natur fr eine Gestalt gehabt haben mag, die Kunst
hat nachgeholfen und daraus den amphitheatralischen Halbzirkel fr Zuschauer
gebildet; Mauern und andere Angebude von Ziegelsteinen, sich anschlieend,
supplierten die ntigen Gnge und Hallen. Am Fue des stufenartigen Halbzirkels
erbaute man die Szene quer vor, verband dadurch die beiden Felsen und vollendete
das ungeheuerste Natur- und Kunstwerk.
Setzt man sich nun dahin, wo ehmals die obersten Zuschauer saen, so mu man
gestehen, da wohl nie ein Publikum im Theater solche Gegenstnde vor sich
gehabt. Rechts zur Seite auf hheren Felsen erheben sich Kastelle, weiter unten
liegt die Stadt, und obschon diese Baulichkeiten aus neueren Zeiten sind, so
standen doch vor alters wohl eben dergleichen auf derselben Stelle. Nun sieht
man an dem ganzen langen Gebirgsrcken des tna hin, links das Meerufer bis nach
Catania, ja Syrakus; dann schliet der ungeheure, dampfende Feuerberg das weite,
breite Bild, aber nicht schrecklich, denn die mildernde Atmosphre zeigt ihn
entfernter und sanfter, als er ist.
Wendet man sich von diesem Anblick in die an der Rckseite der Zuschauer
angebrachten Gnge, so hat man die smtlichen Felswnde links, zwischen denen
und dem Meere sich der Weg nach Messina hinschlingt. Felsgruppen und Felsrcken
im Meere selbst, die Kste von Kalabrien in der weitesten Ferne, nur mit
Aufmerksamkeit von gelind sich erhebenden Wolken zu unterscheiden.
Wir stiegen gegen das Theater hinab, verweilten in dessen Ruinen, an welchen ein
geschickter Architekt seine Restaurationsgabe wenigstens auf dem Papier
versuchen sollte, unternahmen sodann, uns durch die Grten eine Bahn nach der
Stadt zu brechen. Allein hier erfuhren wir, was ein Zaun von nebeneinander
gepflanzten Agaven fr ein undurchdringliches Bollwerk sei: durch die
verschrnkten Bltter sieht man durch und glaubt auch hindurchdringen zu knnen,
allein die krftigen Stacheln der Blattrnder sind empfindliche Hindernisse;
tritt man auf ein solches kolossales Blatt, in Hoffnung, es werde uns tragen, so
bricht es zusammen, und anstatt hinber ins Freie zu kommen, fallen wir einer
Nachbarpflanze in die Arme. Zuletzt entwickelten wir uns doch diesem Labyrinthe,
genossen weniges in der Stadt, konnten aber vor Sonnenuntergang von der Gegend
nicht scheiden. Unendlich schn war es zu beobachten, wie diese in allen Punkten
bedeutende Gegend nach und nach in Finsternis versank.
Unter Taormina, am Meer, Dienstag, den 8. Mai 1787
Kniepen, mir vom Glck zugefhrt, kann ich nicht genug preisen, da er mich einer
Brde entledigt, die mir unertrglich wre, und mich meiner eigenen Natur
wiedergibt. Er ist hinausgegangen, im einzelnen zu zeichnen, was wir obenhin
betrachtet. Er wird seine Bleistifte manchmal spitzen, und ich sehe nicht, wie
er fertig werden will. Das htte ich nun auch alles wiedersehen knnen! Erst
wollte ich mit hinaufgehen, dann aber reizte mich's, hier zu bleiben, die Enge
sucht' ich wie der Vogel, der sein Nest bauen mchte. In einem schlechten,
verwahrlosten Bauergarten habe ich mich auf Orangenste gesetzt und mich in
Grillen vertieft. Orangenste, worauf der Reisende sitzt, klingt etwas
wunderbar, wird aber ganz natrlich, wenn man wei, da der Orangenbaum, seiner
Natur berlassen, sich bald ber der Wurzel in Zweige trennt, die mit der Zeit
zu entschiedenen sten werden.
Und so sa ich, den Plan zu Nausikaa weiter denkend, eine dramatische
Konzentration der Odyssee. Ich halte sie nicht fr unmglich, nur mte man
den Grundunterschied des Drama und der Epope recht ins Auge fassen.
Kniep ist herabgekommen und hat zwei ungeheure Bltter, reinlichst gezeichnet,
zufrieden und vergngt zurckgebracht. Beide wird er zum ewigen Gedchtnis an
diesen herrlichen Tag fr mich ausfhren.
Zu vergessen ist nicht, da wir auf dieses schne Ufer unter dem reinsten Himmel
von einem kleinen Altan herabschauten, Rosen erblickten und Nachtigallen hrten.
Diese singen hier, wie man uns versichert, sechs Monate hindurch.
Aus der Erinnerung
War ich nun durch die Gegenwart und Ttigkeit eines geschickten Knstlers und
durch eigne, obgleich nur einzelne und schwchere Bemhungen gewi, da mir von
den interessantesten Gegenden und ihren Teilen feste, wohlgewhlte Bilder, im
Umri und nach Belieben auch ausgefhrt, bleiben wrden, so gab ich um so mehr
einem nach und nach auflebenden Drange nach: die gegenwrtige herrliche
Umgebung, das Meer, die Inseln, die Hfen, durch poetische wrdige Gestalten zu
beleben und mir auf und aus diesem Lokal eine Komposition zu bilden, in einem
Sinne und in einem Ton, wie ich sie noch nicht hervorgebracht. Die Klarheit des
Himmels, der Hauch des Meeres, die Dfte, wodurch die Gebirge mit Himmel und
Meer gleichsam in ein Element aufgelst wurden, alles dies gab Nahrung meinen
Vorstzen; und indem ich in jenem schnen ffentlichen Garten zwischen blhenden
Hecken von Oleander, durch Lauben von fruchttragenden Orangen- und
Zitronenbumen wandelte und zwischen andern Bumen und Struchen, die mir
unbekannt waren, verweilte, fhlte ich den fremden Einflu auf das
allerangenehmste.
Ich hatte mir, berzeugt, da es fr mich keinen bessern Kommentar zur Odyssee
geben knne als eben gerade diese lebendige Umgebung, ein Exemplar verschafft
und las es nach meiner Art mit unglaublichem Anteil. Doch wurde ich gar bald zu
eigner Produktion angeregt, die, so seltsam sie auch im ersten Augenblicke
schien, mir doch immer lieber ward und mich endlich ganz beschftigte. Ich
ergriff nmlich den Gedanken, den Gegenstand der Nausikaa als Tragdie zu
behandeln.
Es ist mir selbst nicht mglich, abzusehen, was ich daraus wrde gemacht haben,
aber ich war ber den Plan bald mit mir einig. Der Hauptsinn war der: in der
Nausikaa eine treffliche, von vielen umworbene Jungfrau darzustellen, die, sich
keiner Neigung bewut, alle Freier bisher ablehnend behandelt, durch einen
seltsamen Fremdling aber gerhrt, aus ihrem Zustand heraustritt und durch eine
voreilige uerung ihrer Neigung sich kompromittiert, was die Situation
vollkommen tragisch macht. Diese einfache Fabel sollte durch den Reichtum der
subordinierten Motive und besonders durch das Meer- und Inselhafte der
eigentlichen Ausfhrung und des besondern Tons erfreulich werden.
Der erste Akt begann mit dem Ballspiel. Die unerwartete Bekanntschaft wird
gemacht, und die Bedenklichkeit, den Fremden nicht selbst in die Stadt zu
fhren, wird schon ein Vorbote der Neigung.
Der zweite Akt exponierte das Haus des Alcinous, die Charaktere der Freier, und
endigte mit Eintritt des Ulysses.
Der dritte war ganz der Bedeutsamkeit des Abenteurers gewidmet, und ich hoffte,
in der dialogierten Erzhlung seiner Abenteuer, die von den verschiedenen
Zuhrern sehr verschieden aufgenommen werden, etwas Knstliches und Erfreuliches
zu leisten. Whrend der Erzhlung erhhen sich die Leidenschaften, und der
lebhafte Anteil Nausikaas an dem Fremdling wird durch Wirkung und Gegenwirkung
endlich hervorgeschlagen.
Im vierten Akte bettigt Ulysses auer der Szene seine Tapferkeit, indessen die
Frauen zurckbleiben und der Neigung, der Hoffnung und allen zarten Gefhlen
Raum lassen. Bei den groen Vorteilen, welche der Fremdling davontrgt, hlt
sich Nausikaa noch weniger zusammen und kompromittiert sich unwiderruflich mit
ihren Landsleuten. Uly, der, halb schuldig, halb unschuldig, dieses alles
veranlat, mu sich zuletzt als einen Scheidenden erklren, und es bleibt dem
guten Mdchen nichts brig, als im fnften Akte den Tod zu suchen.
Es war in dieser Komposition nichts, was ich nicht aus eignen Erfahrungen nach
der Natur htte ausmalen knnen. Selbst auf der Reise, selbst in Gefahr,
Neigungen zu erregen, die, wenn sie auch kein tragisches Ende nehmen, doch
schmerzlich genug, gefhrlich und schdlich werden knnen; selbst in dem Falle,
in einer so groen Entfernung von der Heimat abgelegne Gegenstnde,
Reiseabenteuer, Lebensvorflle zu Unterhaltung der Gesellschaft mit lebhaften
Farben auszumalen, von der Jugend fr einen Halbgott, von gesetztern Personen
fr einen Aufschneider gehalten zu werden, manche unverdiente Gunst, manches
unerwartete Hindernis zu erfahren; das alles gab mir ein solches Attachement an
diesen Plan, an diesen Vorsatz, da ich darber meinen Aufenthalt zu Palermo, ja
den grten Teil meiner brigen sizilianischen Reise vertrumte. Weshalb ich
denn auch von allen Unbequemlichkeiten wenig empfand, da ich mich auf dem
berklassischen Boden in einer poetischen Stimmung fhlte, in der ich das, was
ich erfuhr, was ich sah, was ich bemerkte, was mir entgegenkam, alles auffassen
und in einem erfreulichen Gef bewahren konnte.
Nach meiner lblichen oder unlblichen Gewohnheit schrieb ich wenig oder nichts
davon auf, arbeitete aber den grten Teil bis aufs letzte Detail im Geiste
durch, wo es denn, durch nachfolgende Zerstreuungen zurckgedrngt,
liegengeblieben, bis ich gegenwrtig nur eine flchtige Erinnerung davon
zurckrufe.
Den 8. Mai. Auf dem Wege nach Messina.
Man hat hohe Kalkfelsen links. Sie werden farbiger und machen schne Meerbusen;
dann folgt eine Art Gestein, das man Tonschiefer oder Grauwacke nennen mchte.
In den Bchen finden sich schon Granitgeschiebe. Die gelben pfel des Solanum,
die roten Blten des Oleanders machen die Landschaft lustig. Der Fiume Nisi
bringt Glimmerschiefer sowie auch die folgenden Bche.
Mittwoch, den 9. Mai 1787.
Vom Ostwinde bestrmt, ritten wir zwischen dem rechter Hand wogenden Meere und
den Felswnden hin, an denen wir vorgestern oben herab gesehen hatten, diesen
Tag bestndig mit dem Wasser im Kampfe; wir kamen ber unzhlige Bche, unter
welchen ein grerer, Nisi, den Ehrentitel eines Flusses fhrt; doch diese
Gewsser sowie das Gerlle, das sie mitbringen, waren leichter zu berwinden als
das Meer, das heftig strmte und an vielen Stellen ber den Weg hinweg bis an
die Felsen schlug und zurck auf die Wanderer spritzte. Herrlich war das
anzusehen, und die seltsame Begebenheit lie uns das Unbequeme bertragen.
Zugleich sollte es nicht an mineralogischer Betrachtung fehlen. Die ungeheuren
Kalkfelsen, verwitternd, strzen herunter, deren weiche Teile, durch die
Bewegung der Wellen aufgerieben, die zugemischten, festeren briglassen, und so
ist der ganze Strand mit bunten, hornsteinartigen Feuersteinen berdeckt, wovon
mehrere Muster aufgepackt worden.
Messina, Donnerstag, den 10. Mai 1787.
Und so gelangten wir nach Messina, bequemten uns, weil wir keine Gelegenheit
kannten, die erste Nacht in dem Quartier des Vetturins zuzubringen, um uns den
andern Morgen nach einem bessern Wohnort umzusehen. Dieser Entschlu gab gleich
beim Eintritt den frchterlichsten Begriff einer zerstrten Stadt; denn wir
ritten eine Viertelstunde lang an Trmmern nach Trmmern vorbei, ehe wir zur
Herberge kamen, die, in diesem ganzen Revier allein wieder aufgebaut, aus den
Fenstern des obern Stocks nur eine zackige Ruinenwste bersehen lie. Auer dem
Bezirk dieses Gehftes sprte man weder Mensch noch Tier, es war nachts eine
furchtbare Stille. Die Tren lieen sich weder verschlieen noch verriegeln, auf
menschliche Gste war man hier so wenig eingerichtet als in hnlichen
Pferdewohnungen, und doch schliefen wir ruhig auf einer Matratze, welche der
dienstfertige Vetturin dem Wirte unter dem Leibe weggeschwatzt hatte.

Freitag, den 11. Mai 1787.
Heute trennten wir uns von dem wackern Fhrer, ein gutes Trinkgeld belohnte
seine sorgfltigen Dienste. Wir schieden freundlich, nachdem er uns vorher noch
einen Lohnbedienten verschafft, der uns gleich in die beste Herberge bringen und
alles Merkwrdige von Messina vorzeigen sollte. Der Wirt, um seinen Wunsch, uns
loszuwerden, schleunigst erfllt zu sehen, half Koffer und smtliches Gepck auf
das schnellste in eine angenehme Wohnung schaffen, nher dem belebten Teile der
Stadt, das heit, auerhalb der Stadt selbst. Damit aber verhlt es sich
folgendermaen. Nach dem ungeheuren Unglck, das Messina betraf, blieb nach
zwlftausend umgekommenen Einwohnern fr die brigen dreiigtausend keine
Wohnung: die meisten Gebude waren niedergestrzt, die zerrissenen Mauern der
brigen gaben einen unsichern Aufenthalt; man errichtete daher eiligst im Norden
von Messina auf einer groen Wiese eine Bretterstadt, von der sich am
schnellsten derjenige einen Begriff macht, der zu Mezeiten den Rmerberg zu
Frankfurt, den Markt zu Leipzig durchwanderte, denn alle Kramlden und
Werksttte sind gegen die Strae geffnet, vieles ereignet sich auerhalb. Daher
sind nur wenig grere Gebude, auch nicht sonderlich gegen das ffentliche
verschlossen, indem die Bewohner manche Zeit unter freiem Himmel zubringen. So
wohnen sie nun schon drei Jahre, und diese Buden-, Htten-, ja Zeltwirtschaft
hat auf den Charakter der Einwohner entschiedenen Einflu. Das Entsetzen ber
jenes ungeheure Ereignis, die Furcht vor einem hnlichen treibt sie, der Freuden
des Augenblicks mit gutmtigem Frohsinn zu genieen. Die Sorge vor neuem Unheil
ward am einundzwanzigsten April, also ungefhr vor zwanzig Tagen, erneuert, ein
merklicher Erdsto erschtterte den Boden abermals. Man zeigte uns eine kleine
Kirche, wo eine Masse Menschen, gerade in dem Augenblick zusammengedrngt, diese
Erschtterung empfanden. Einige Personen, die darin gewesen, schienen sich von
ihrem Schrecken noch nicht erholt zu haben.
Beim Aufsuchen und Betrachten dieser Gegenstnde leitete uns ein freundlicher
Konsul, der, unaufgefordert, vielfache Sorge fr uns trug - in dieser
Trmmerwste mehr als irgendwo dankbar anzuerkennen. Zugleich auch, da er
vernahm, da wir bald abzureisen wnschten, machte er uns einem franzsischen
Kauffahrer bekannt, der im Begriff stehe, nach Neapel zu segeln. Doppelt
erwnscht, da die weie Flagge vor den Seerubern sichert.
Eben hatten wir unserm gtigen Fhrer den Wunsch zu erkennen gegeben, eine der
grern, obgleich auch nur einstckigen Htten inwendig, ihre Einrichtung und
extemporierte Haushaltung zu sehen, als ein freundlicher Mann sich an uns
anschlo, der sich bald als franzsischer Sprachmeister bezeichnete, welchem der
Konsul nach vollbrachtem Spaziergange unsern Wunsch, solch ein Gebude zu sehen,
erffnete, mit dem Ersuchen, uns bei sich einzufhren und mit den Seinigen
bekannt zu machen.
Wir traten in die mit Brettern beschlagene und gedeckte Htte. Der Eindruck war
vllig wie der jener Mebuden, wo man wilde Tiere oder sonstige Abenteuer fr
Geld sehen lt: das Zimmerwerk an den Wnden wie am Dache sichtbar, ein grner
Vorhang sonderte den vordern Raum, der, nicht gedielt, tennenartig geschlagen
schien. Sthle und Tische befanden sich da, nichts weiter von Hausgerte.
Erleuchtet war der Platz von oben durch zufllige ffnungen der Bretter. Wir
diskutierten eine Zeitlang, und ich betrachtete mir die grne Hlle und das
darber sichtbare innere Dachgeblke, als auf einmal hben und drben des
Vorhangs ein paar allerliebste Mdchenkpfchen neugierig herausguckten,
schwarzugig, schwarzlockig, die aber, sobald sie sich bemerkt sahen, wie der
Blitz verschwanden, auf Ansuchen des Konsuls jedoch nach so viel verflossener
Zeit, als ntig war, sich anzuziehen, auf wohlgeputzten und niedlichen
Krperchen wieder hervortraten und sich mit ihren bunten Kleidern gar zierlich
vor dem grnen Teppich ausnahmen. Aus ihren Fragen konnten wir wohl merken, da
sie uns fr fabelhafte Wesen aus einer andern Welt hielten, in welchem
liebenswrdigen Irrtum sie unsere Antworten nur mehr bestrken muten. Auf eine
heitere Weise malte der Konsul unsere mrchenhafte Erscheinung aus; die
Unterhaltung war sehr angenehm, schwer, sich zu trennen. Vor der Tr erst fiel
uns auf, da wir die innern Rume nicht gesehen und die Hauskonstruktion ber
die Bewohnerinnen vergessen hatten.
Messina, Sonnabend, den 12. Mai 1787.
Der Konsul unter andern sagte, da es, wo nicht unumgnglich ntig, doch
wohlgetan sei, dem Gouverneur aufzuwarten, der, ein wunderlicher alter Mann,
nach Laune und Vorurteil ebensogut schaden als nutzen knne; dem Konsul werde es
zu Gunsten gerechnet, wenn er bedeutende Fremde vorstelle, auch wisse der
Ankmmling nie, ob er dieses Mannes auf eine oder andere Weise bedrfe. Dem
Freunde zu Gefallen ging ich mit.
Ins Vorzimmer tretend, hrten wir drinne ganz entsetzlichen Lrm, ein Laufer mit
Pulcinellgebrden raunte dem Konsul ins Ohr: Bser Tag! gefhrliche Stunde!
Doch traten wir hinein und fanden den uralten Gouverneur, uns den Rcken
zugewandt, zunchst des Fensters an einem Tische sitzen. Groe Haufen vergelbter
alter Briefschaften lagen vor ihm, von denen er die unbeschriebenen Bltter mit
grter Gelassenheit abschnitt und seinen haushltischen Charakter dadurch zu
erkennen gab. Whrend dieser friedlichen Beschftigung schalt und fluchte er
frchterlich auf einen anstndigen Mann los, der seiner Kleidung nach mit Malta
verwandt sein konnte und sich mit vieler Gemtsruhe und Przision verteidigte,
wozu ihm jedoch wenig Raum blieb. Der Gescholtene und Angeschriene suchte mit
Fassung einen Verdacht abzulehnen, den der Gouverneur, so schien es, auf ihn als
einen ohne Befugnis mehrmals An- und Abreisenden mochte geworfen haben, der Mann
berief sich auf seine Psse und bekannten Verhltnisse in Neapel. Dies aber half
alles nichts, der Gouverneur zerschnitt seine alten Briefschaften, sonderte das
weie Papier sorgfltig und tobte fortwhrend.
Auer uns beiden standen noch etwa zwlf Personen in einem weiten Kreise, dieses
Tiergefechtes Zeugen, uns wahrscheinlich den Platz an der Tre beneidend, als
gute Gelegenheit, wenn der Erzrnte allenfalls den Krckenstock erheben und
dreinschlagen sollte. Die Gesichtszge des Konsuls hatten sich bei dieser Szene
merklich verlngert; mich trstete des Laufers possenhafte Nhe, der drauen vor
der Schwelle hinter mir allerlei Faxen schnitt, mich, wenn ich manchmal
umblickte, zu beruhigen, als habe das so viel nicht zu bedeuten.
Auch entwirrte sich der grliche Handel noch ganz gelinde, der Gouverneur
schlo damit, es halte ihn zwar nichts ab, den Betretenen einzustecken und in
Verwahrung zappeln zu lassen, allein es mge diesmal hingehen, er solle die paar
bestimmten Tage in Messina bleiben, alsdann aber sich fortpacken und niemals
wiederkehren. Ganz ruhig, ohne die Miene zu verndern, beurlaubte sich der Mann,
grte anstndig die Versammlung und uns besonders, die er durchschneiden mute,
um zur Tre zu gelangen. Als der Gouverneur, ihm noch etwas nachzuschelten, sich
ingrimmig umkehrte, erblickte er uns, fate sich sogleich, winkte dem Konsul,
und wir traten an ihn heran.
Ein Mann von sehr hohem Alter, gebckten Hauptes, unter grauen, struppigen
Augenbrauen schwarze, tiefliegende Blicke hervorsendend; nun ein ganz anderer
als kurz zuvor. Er hie mich zu sich sitzen, fragte, in seinem Geschft
ununterbrochen fortfahrend, nach mancherlei, worber ich ihm Bescheid gab,
zuletzt fgte er hinzu, ich sei, so lange ich hier bliebe, zu seiner Tafel
geladen. Der Konsul, zufrieden wie ich, ja noch zufriedener, weil er die Gefahr,
der wir entronnen, besser kannte, flog die Treppe hinunter, und mir war alle
Lust vergangen, dieser Lwenhhle je wieder nah zu treten.

Messina, Sonntag, den 13. Mai 1787
Zwar bei hellstem Sonnenschein in einer angenehmem Wohnung erwachend, fanden wir
uns doch immer in dem unseligen Messina. Einzig unangenehm ist der Anblick der
sogenannten Palazzata, einer sichelfrmigen Reihe von wahrhaften Palsten, die
wohl in der Lnge einer Viertelstunde die Reede einschlieen und bezeichnen.
Alles waren steinerne, vierstockige Gebude, von welchen mehrere Vorderseiten
bis aufs Hauptgesims noch vllig stehen, andere bis auf den dritten, zweiten,
ersten Stock heruntergebrochen sind, so da diese ehemalige Prachtreihe nun aufs
widerlichste zahnlckig erscheint und auch durchlchert; denn der blaue Himmel
schaut beinahe durch alle Fenster. Die inneren eigentlichen Wohnungen sind
smtlich zusammengestrzt.
An diesem seltsamen Phnomen ist Ursache, da nach der von Reichen begonnenen
architektonischen Prachtanlage weniger begterte Nachbarn, mit dem Scheine
wetteifernd, ihre alten, aus grern und kleinern Flugeschieben und vielem Kalk
zusammengekneteten Huser hinter neuen, aus Quaderstcken aufgefhrten
Vorderseiten versteckten. Jenes an sich schon unsichere Gefge mute, von der
ungeheuern Erschtterung aufgelst und zerbrckelt, zusammenstrzen; wie man
denn unter manchen bei so groem Unglck vorgekommenen wunderbaren Rettungen
auch folgendes erzhlt: der Bewohner eines solchen Gebudes sei im furchtbaren
Augenblick gerade in die Mauervertiefung eines Fensters getreten, das Haus aber
hinter ihm vllig zusammengestrzt; und so habe er, in der Hhe gerettet, den
Augenblick seiner Befreiung aus diesem luftigen Kerker beruhigt abgewartet. Da
jene aus Mangel naher Bruchsteine so schlechte Bauart hauptschlich schuld an
dem vlligen Ruin der Stadt gewesen, zeigt die Beharrlichkeit solider Gebude.
Der Jesuiten Kollegium und Kirche, von tchtigen Quadern aufgefhrt, stehen noch
unverletzt in ihrer anfnglichen Tchtigkeit. Dem sei aber, wie ihm wolle,
Messinas Anblick ist uerst verdrielich und erinnert an die Urzeiten, wo
Sikaner und Sikuler diesen unruhigen Erdboden verlieen und die westliche Kste
Siziliens bebauten.
Und so brachten wir unsern Morgen zu, gingen dann, im Gasthof ein frugales Mahl
zu verzehren. Wir saen noch ganz vergngt beisammen, als der Bediente des
Konsuls atemlos hereinsprang und mir verkndigte, der Gouverneur lasse mich in
der ganzen Stadt suchen; er habe mich zur Tafel geladen, und nun bleibe ich aus.
Der Konsul lasse mich aufs anstndigste bitten, auf der Stelle hinzugeben, ich
mchte gespeist haben oder nicht, mchte aus Vergessenheit oder aus Vorsatz die
Stunde versumt haben. Nun fhlte ich erst den unglaublichen Leichtsinn, womit
ich die Einladung des Zyklopen aus dem Sinne geschlagen, froh, da ich das erste
Mal entwischt. Der Bediente lie mich nicht zaudern, seine Vorstellungen waren
die dringendsten und triftigsten: der Konsul riskiere, hie es, da jener
wtende Despot ihn und die ganze Nation auf den Kopf stelle.
Indessen ich nun Haare und Kleider zurechte putzte, fate ich mir ein Herz und
folgte mit heiterm Sinne meinem Fhrer, Odysseus, den Patron, anrufend und mir
seine Vorsprache bei Pallas Athene erbittend.
In der Hhle des Lwen angelangt, ward ich vom lustigen Laufer in einen groen
Speisesaal gefhrt, wo etwa vierzig Personen, ohne da man einen Laut vernommen
htte, an einer lnglichrunden Tafel saen. Der Platz zur Rechten des
Gouverneurs war offen, wohin mich der Laufer geleitete.
Nachdem ich den Hausherrn und die Gste mit einer Verbeugung gegrt, setzte ich
mich neben ihn, entschuldigte mein Auenbleiben mit der Weitluftigkeit der
Stadt und dem Irrtum, in welchen mich die ungewhnliche Stundenzahl schon
mehrmals gefhrt. Er versetzte mit glhendem Blick, man habe sich in fremden
Landen nach den jedesmaligen Gewohnheiten zu erkundigen und zu richten. Ich
erwiderte, dies sei jederzeit mein Bestreben, nur htte ich gefunden, da bei
den besten Vorstzen man gewhnlich die ersten Tage, wo uns ein Ort noch neu und
die Verhltnisse unbekannt seien, in gewisse Fehler verfalle, welche
unverzeihlich scheinen mten, wenn man nicht die Ermdung der Reise, die
Zerstreuung durch Gegenstnde, die Sorge fr ein leidliches Unterkommen, ja
sogar fr eine weitere Reise als Grnde der Entschuldigung mchte gelten lassen.
Er fragte darauf, wie lange ich hier zu bleiben gedchte. Ich versetzte, da ich
mir einen recht langen Aufenthalt wnsche, damit ich ihm die Dankbarkeit fr die
mir erwiesene Gunst durch die genaueste Befolgung seiner Befehle und Anordnungen
bettigen knnte. Nach einer Pause fragte er sodann, was ich in Messina gesehen
habe. Ich erzhlte krzlich meinen Morgen mit einigen Bemerkungen und fgte
hinzu, da ich am meisten bewundert die Reinlichkeit und Ordnung in den Straen
dieser zerstrten Stadt. Und wirklich war bewunderungswrdig, wie man die
smtlichen Straen von Trmmern gereinigt, indem man den Schutt in die
zerfallenen Mauersttten selbst geworfen, die Steine dagegen an die Huser
angereiht und dadurch die Mitte der Straen frei, dem Handel und Wandel offen
wieder bergeben. Hiebei konnte ich dem Ehrenmanne mit der Wahrheit schmeicheln,
indem ich ihm versicherte, da alle Messineser dankbar erkannten, diese Wohltat
seiner Vorsorge schuldig zu sein. - Erkennen sie es, brummte er, haben sie
doch frher genug ber die Hrte geschrien, mit der man sie zu ihrem Vorteile
ntigen mute. Ich sprach von weisen Absichten der Regierung, von hhern
Zwecken, die erst spter eingesehen und geschtzt werden knnten, und
dergleichen. Er fragte, ob ich die Jesuitenkirche gesehen habe, welches ich
verneinte; worauf er mir denn zusagte, da er mir sie wolle zeigen lassen, und
zwar mit allem Zubehr.
Whrend diesem durch wenige Pausen unterbrochenen Gesprche sah ich die brige
Gesellschaft in dem tiefsten Stillschweigen, nicht mehr sich bewegen als ntig,
die Bissen zum Munde zu bringen. Und so standen sie, als die Tafel aufgehoben
und der Kaffee gereicht war, wie Wachspuppen rings an den Wnden. Ich ging auf
den Hausgeistlichen los, der mir die Kirche zeigen sollte, ihm zum voraus fr
seine Bemhungen zu danken; er wich zur Seite, indem er demtig versicherte, die
Befehle Ihro Exzellenz habe er ganz allein vor Augen. Ich redete darauf einen
jungen, nebenstehenden Fremden an, dem es auch, ob er gleich ein Franzose war,
nicht ganz wohl in seiner Haut zu sein schien; denn auch er war verstummt und
erstarrt wie die ganze Gesellschaft, worunter ich mehrere Gesichter sah, die der
gestrigen Szene mit dem Malteserritter bedenklich beigewohnt hatten.
Der Gouverneur entfernte sich, und nach einiger Zeit sagte mir der Geistliche,
es sei nun an der Stunde, zu gehen. Ich folgte ihm, die brige Gesellschaft
hatte sich stille, stille verloren. Er fhrte mich an das Portal der
Jesuitenkirche, das nach der bekannten Architektur dieser Vter prunkhaft und
wirklich imposant in die Luft steht. Ein Schlieer kam uns schon entgegen und
lud zum Eintritt, der Geistliche hingegen hielt mich zurck mit der Weisung, da
wir zuvor auf den Gouverneur zu warten htten. Dieser fuhr auch bald heran,
hielt auf dem Platze unfern der Kirche und winkte, worauf wir drei ganz nah an
seinem Kutschenschlag uns vereinigten. Er gebot dem Schlieer, da er mir nicht
allein die Kirche in allen ihren Teilen zeigen, sondern auch die Geschichte der
Altre und anderer Stiftungen umstndlich erzhlen solle; ferner habe er auch
die Sakristeien aufzuschlieen und mich auf alles das darin enthaltene
Merkwrdige aufmerksam zu machen. Ich sei ein Mann, den er ehren wolle, der alle
Ursache haben solle, in seinem Vaterlande rhmlich von Messina zu sprechen.
Versumen Sie nicht, sagte er darauf, zu mir gewandt, mit einem Lcheln,
insofern seine Zge dessen fhig waren, versumen Sie nicht, so lange Sie hier
sind, zur rechten Stunde an Tafel zu kommen, Sie sollen immer wohl empfangen
sein. Ich hatte kaum Zeit, ihm hierauf verehrlich zu erwidern. Der Wagen
bewegte sich fort.
Von diesem Augenblick an ward auch der Geistliche heiterer, wir traten in die
Kirche. Der Kastellan, wie man ihn wohl in diesem entgottesdiensteten
Zauberpalaste nennen drfte, schickte sich an, die ihm scharf empfohlene Pflicht
zu erfllen, als der Konsul und Kniep in das leere Heiligtum hereinstrzten,
mich umarmten und eine leidenschaftliche Freude ausdrckten, mich, den sie schon
in Gewahrsam geglaubt, wiederzusehen. Sie hatten in Hllenangst gesessen, bis
der gewandte Laufer, wahrscheinlich vom Konsul gut pensioniert, einen
glcklichen Ausgang des Abenteuers unter hundert Possen erzhlte, worauf denn
ein erheiternder Frohsinn sich ber die beiden ergo, die mich sogleich
aufsuchten, als die Aufmerksamkeit des Gouverneurs wegen der Kirche ihnen
bekannt geworden.
Indessen standen wir vor dem Hochaltare, die Auslegung alter Kostbarkeiten
vernehmend. Sulen von Lapislazuli, durch bronzene, vergoldete Stbe gleichsam
kanneliert, nach florentinischer Art eingelegte Pilaster und Fllungen; die
prchtigen sizilianischen Achate in berflu, Erz und Vergoldung sich
wiederholend und alles verbindend.
Nun war es aber eine wunderbare kontrapunktische Fuge, wenn Kniep und der Konsul
die Verlegenheit des Abenteuers, der Vorzeiger dagegen die Kostbarkeiten der
noch wohl erhaltenen Pracht verschrnkt vortrugen, beide von ihrem Gegenstand
durchdrungen; wobei ich denn das doppelte Vergngen hatte, den Wert meines
glcklichen Entkommens zu fhlen und zugleich die sizilianischen
Gebirgsprodukte, um die ich mir schon manche Mhe gegeben, architektonisch
angewendet zu sehen.
Die genaue Kenntnis der einzelnen Teile, woraus dieser Prunk zusammengesetzt
war, verhalf mir zur Entdeckung, da der sogenannte Lapislazuli jener Sulen
eigentlich nur Calcara sei, aber freilich von so schner Farbe, als ich sie noch
nicht gesehn, und herrlich zusammengefgt. Aber auch so blieben diese Sulen
noch immer ehrwrdig; denn es setzt eine ungeheure Menge jenes Materials voraus,
um Stcke von so schner und gleicher Farbe aussuchen zu knnen, und dann ist
die Bemhung des Schneidens, Schleifens und Polierens hchst bedeutend. Doch was
war jenen Vtern unberwindlich?
Der Konsul hatte indessen nicht aufgehrt, mich ber mein bedrohliches Schicksal
aufzuklren. Der Gouverneur nmlich, mit sich selbst unzufrieden, da ich von
seinem gewaltsamen Betragen gegen den Quasi-Malteser gleich beim ersten Eintritt
Zeuge gewesen, habe sich vorgenommen, mich besonders zu ehren, und sich darber
einen Plan festgesetzt, dieser habe durch mein Auenbleiben gleich zu Anfang der
Ausfhrung einen Strich erlitten. Nach langem Warten sich endlich zur Tafel
setzend, habe der Despot sein ungeduldiges Mivergngen nicht verbergen knnen,
und die Gesellschaft sei in Furcht gestanden, entweder bei meinem Kommen oder
nach aufgehobener Tafel eine Szene zu erleben.
Indessen suchte der Kster immer wieder das Wort zu erhaschen, ffnete die
geheimen Rume, nach schnen Verhltnissen gebaut, anstndig, ja prchtig
verziert, auch war darin noch manches bewegliche Kirchengerte briggeblieben,
dem Ganzen gem geformt und geputzt. Von edeln Metallen sah ich nichts, so
wenig als von ltern und neuern echten Kunstwerken.
Unsere italienisch-deutsche Fuge, denn Pater und Kster psalmodierten in der
ersten, Kniep und Konsul in der zweiten Sprache, neigte sich zu Ende, als ein
Offizier sich zu uns gesellte, den ich bei Tafel gesehen. Er gehrte zum Gefolge
des Gouverneurs. Dies konnte wieder einige Besorgnis erregen, besonders da er
sich erbot, mich an den Hafen zu fhren, wo er mich an Punkte bringen wolle, die
Fremden sonst unzugnglich seien. Meine Freunde sahen sich an, ich lie mich
jedoch nicht abhalten, allein mit ihm zu gehen. Nach einigen gleichgltigen
Gesprchen begann ich, ihn zutraulich anzureden, und gestand, bei Tafel gar wohl
bemerkt zu haben, da mehrere stille Beisitzer mir durch ein freundliches
Zeichen zu verstehen gegeben, da ich nicht unter weltfremden Menschen allein,
sondern unter Freunden, ja Brdern mich befinde und deshalb nichts zu besorgen
habe. Ich halte fr Pflicht, ihm zu danken und um Erstattung gleichen Danks an
die brigen Freunde zu ersuchen. Hierauf erwiderte derselbe, da sie mich um so
mehr zu beruhigen gesucht, als sie bei Kenntnis der Gemtsart ihres Vorgesetzten
fr mich eigentlich nichts befrchtet htten; denn eine Explosion wie die gegen
den Malteser sei nur selten, und gerade wegen einer solchen mache sich der
wrdige Greis selbst Vorwrfe, hte sich lange, lebe dann eine Weile in einer
sorglosen Sicherheit seiner Pflicht, bis er denn endlich, durch einen
unerwarteten Vorfall berrascht, wieder zu neuen Heftigkeiten hingerissen werde.
Der wackere Freund setzte hinzu, da ihm und seinen Genossen nichts
wnschenswerter wre, als mit mir sich genauer zu verbinden, weshalb ich die
Geflligkeit haben mchte, mich nher zu bezeichnen, wozu sich heute nacht die
beste Gelegenheit finden werde. Ich wich diesem Verlangen hflich aus, indem ich
ihn bat, mir eine Grille zu verzeihen: ich wnsche nmlich, auf Reisen blo als
Mensch angesehen zu werden, knne ich als ein solcher Vertrauen erregen und
Teilnahme erlangen, so sei es mir angenehm und erwnscht; in andere Verhltnisse
einzugehen, verbten mir mancherlei Grnde.
berzeugen wollt' ich ihn nicht, denn ich durfte ja nicht sagen, was eigentlich
mein Grund war. Merkwrdig genug aber schien mir's, wie schn und unschuldig die
wohldenkenden Mnner unter einem despotischen Regiment sich zu eignem und zu der
Fremdlinge Schutz verbndet hatten. Ich verhehlte ihm nicht, da ich ihre
Verhltnisse zu andern deutschen Reisenden recht wohl kenne, verbreitete mich
ber die lblichen Zwecke, die erreicht werden sollten, und setzte ihn immer
mehr in Erstaunen ber meine vertrauliche Hartnckigkeit. Er versuchte alles
mgliche, mich aus meinem Inkognito hervorzuziehen, welches ihm nicht gelang,
teils weil ich, einer Gefahr entronnen, mich nicht zwecklos in eine andere
begeben konnte, teils weil ich gar wohl bemerkte, die Ansichten dieser wackern
Insulaner seien von den meinigen so sehr verschieden, da ihnen mein nherer
Umgang weder Freude noch Trost bringen knne.
Dagegen wurden abends mit dem teilnehmenden und ttigen Konsul noch einige
Stunden verbracht, der denn auch die Szene mit dem Malteser aufklrte. Es sei
dieser zwar kein eigentlicher Abenteurer, aber ein unruhiger Ortswechsler. Der
Gouverneur, aus einer groen Familie, wegen Ernst und Tchtigkeit verehrt, wegen
bedeutender Dienste geschtzt, stehe doch im Rufe unbegrenzten Eigenwillens,
zaumloser Heftigkeit und ehernen Starrsinns. Argwhnisch als Greis und Despot,
mehr besorgt als berzeugt, da er Feinde bei Hofe habe, hasse er solche hin und
wider ziehende Figuren, die er durchaus fr Spione halte. Diesmal sei ihm der
Rotrock in die Quer gekommen, da er nach einer ziemlichen Pause sich wieder
einmal im Zorn habe ergehen mssen, um die Leber zu befreien.

Messina und auf der See, Montag, den 13. Mai 1787.
Beide erwachten wir mit gleicher Empfindung, verdrielich, da wir, durch den
ersten wsten Anblick von Messina zur Ungeduld gereizt, uns entschlossen hatten,
mit dem franzsischen Kauffahrer die Rckfahrt abzuschlieen. Nach dem glcklich
beendigten Abenteuer mit dem Gouverneur, bei dem Verhltnis zu wackern Mnnern,
denen ich mich nur nher zu bezeichnen brauchte, aus dem Besuch bei meinem
Bankier, der auf dem Lande in der angenehmsten Gegend wohnte, lie sich fr
einen lngern Aufenthalt in Messina das Angenehmste hoffen. Kniep, von ein paar
hbschen Kindern wohl unterhalten, wnschte nichts mehr als die lngere Dauer
des sonst verhaten Gegenwindes. Indessen war die Lage unangenehm, alles mute
gepackt bleiben und wir jeden Augenblick bereit sein, zu scheiden.
So geschah denn auch dieser Aufruf gegen Mittag, wir eilten an Bord und fanden
unter der am Ufer versammelten Menge auch unsern guten Konsul, von dem wir
dankbar Abschied nahmen. Der gelbe Laufer drngte sich auch herbei, seine
Ergtzlichkeiten abzuholen. Dieser ward nun belohnt und beauftragt, seinem Herrn
unsere Abreise zu melden und mein Auenbleiben von Tafel zu entschuldigen. -
Wer absegelt, ist entschuldigt! rief er aus; sodann mit einem seltsamen Sprung
sich umkehrend, war er verschwunden.
Im Schiffe selbst sah es nun anders aus als auf der neapolitanischen Korvette;
doch beschftigte uns bei allmhlicher Entfernung vom Ufer die herrliche Ansicht
des Palastzirkels, der Zitadelle, der hinter der Stadt aufsteigenden Berge.
Kalabrien an der andern Seite. Nun der freie Blick in die Meerenge nord- und
sdwrts, bei einer ausgedehnten, an beiden Seiten schn beuferten Breite. Als
wir dieses nach und nach anstaunten, lie man uns links in ziemlicher Ferne
einige Bewegung im Wasser, rechts aber etwas nher einen vom Ufer sich
auszeichnenden Felsen bemerken, jene als Charybdis, diesen als Scylla. Man hat
sich bei Gelegenheit beider in der Natur so weit auseinander stehenden, von dem
Dichter so nah zusammengerckten Merkwrdigkeiten ber die Fabelei der Poeten
beschwert und nicht bedacht, da die Einbildungskraft aller Menschen durchaus
Gegenstnde, wenn sie sich solche bedeutend vorstellen will, hher als breit
imaginiert und dadurch dem Bilde mehr Charakter, Ernst und Wrde verschafft.
Tausendmal habe ich klagen hren, da ein durch Erzhlung gekannter Gegenstand
in der Gegenwart nicht mehr befriedige; die Ursache hievon ist immer dieselbe:
Einbildung und Gegenwart verhalten sich wie Poesie und Prosa, jene wird die
Gegenstnde mchtig und steil denken, diese sich immer in die Flche verbreiten.
Landschaftsmaler des sechzehnten Jahrhunderts, gegen die unsrigen gehalten,
geben das auffallendste Beispiel. Eine Zeichnung von Jodocus Momper neben einem
Kniepschen Kontur wrde den ganzen Kontrast sichtbar machen.
Mit solchen und hnlichen Gesprchen unterhielten wir uns, indem selbst fr
Kniep die Ksten, welche zu zeichnen er schon Anstalt getroffen hatte, nicht
reizend genug waren.
Mich aber befiel abermals die unangenehme Empfindung der Seekrankheit, und hier
war dieser Zustand nicht wie bei der berfahrt durch bequeme Absonderung
gemildert; doch fand sich die Kajte gro genug, um mehrere Personen
einzunehmen, auch an guten Matratzen war kein Mangel. Ich nahm die horizontale
Stellung wieder an, in welcher mich Kniep gar vorsorglich mit rotem Wein und
gutem Brot ernhrte. In dieser Lage wollte mir unsere ganze sizilianische Reise
in keinem angenehmen Lichte erscheinen. Wir hatten doch eigentlich nichts
gesehen, als durchaus eitle Bemhungen des Menschengeschlechts, sich gegen die
Gewaltsamkeit der Natur, gegen die hmische Tcke der Zeit und gegen den Groll
ihrer eigenen feindseligen Spaltungen zu erhalten. Die Karthager, Griechen und
Rmer und so viele nachfolgende Vlkerschaften haben gebaut und zerstrt.
Selinunt liegt methodisch umgeworfen; die Tempel von Girgenti niederzulegen,
waren zwei Jahrtausende nicht hinreichend, Catania und Messina zu verderben,
wenige Stunden, wo nicht gar Augenblicke. Diese wahrhaft seekranken
Betrachtungen eines auf der Woge des Lebens hin und wider Geschaukelten lie ich
nicht Herrschaft gewinnen.
Auf der See, Dienstag, den 13. Mai 1787.
Meine Hoffnung, diesmal schneller nach Neapel zu gelangen, oder von der
Seekrankheit eher befreit zu sein, war nicht eingetroffen. Verschiedenemal
versuchte ich, durch Kniep angeregt, auf das Verdeck zu treten, allein der Genu
eines so mannigfaltigen Schnen war mit versagt, nur einige Vorflle lieen mich
meinen Schwindel vergessen. Der ganze Himmel war mit einem weilichen
Wolkendunst umzogen, durch welchen die Sonne, ohne da man ihr Bild htte
unterscheiden knnen, das Meer berleuchtete, welches die schnste Himmelsblue
zeigte, die man nur sehen kann. Eine Schar Delphine begleitete das Schiff,
schwimmend und springend blieben sie ihm immer gleich. Mich deucht, sie hatten
das aus der Tiefe und Ferne ihnen als ein schwarzer Punkt erscheinende
Schwimmgebude fr irgendeinen Raub und willkommene Zehrung gehalten. Vom Schiff
aus wenigstens behandelte man sie nicht als Geleitsmnner, sondern wie Feinde:
einer ward mit dem Harpun getroffen, aber nicht herangebracht.
Der Wind blieb ungnstig, den unser Schiff, in verschiedenen Richtungen
fortstreichend, nur berlisten konnte. Die Ungeduld hierber ward vermehrt, als
einige erfahrne Reisende versicherten, weder Hauptmann noch Steurer verstnden
ihr Handwerk, jener mge wohl als Kaufmann, dieser als Matrose gelten, fr den
Wert so vieler Menschen und Gter seien sie nicht geeignet einzustehen.
Ich ersuchte diese brigens braven Personen, ihre Besorgnisse geheimzuhalten.
Die Anzahl der Passagiere war gro, darunter Weiber und Kinder von verschiedenem
Alter, denn alles hatte sich auf das franzsische Fahrzeug gedrngt, die
Sicherheit der weien Flagge vor Seerubern, sonst nichts weiter bedenkend. Ich
stellte vor, da Mitrauen und Sorge jeden in die peinlichste Lage versetzen
wrde, da bis jetzt alle in der farb- und wappenlosen Leinwand ihr Heil gesehen.
Und wirklich ist zwischen Himmel und Meer dieser weie Zipfel als entscheidender
Talisman merkwrdig genug. Wie sich Abfahrende und Zurckbleibende noch mit
geschwungenen weien Taschentchern begren und dadurch wechselseitig ein sonst
nie zu empfindendes Gefhl der scheidenden Freundschaft und Neigung erregen, so
ist hier in dieser einfachen Fahne der Ursprung geheiligt; eben als wenn einer
sein Taschentuch an eine Stange befestigte, um der ganzen Welt anzukndigen, es
komme ein Freund ber Meer.
Mit Wein und Brot von Zeit zu Zeit erquickt zum Verdru des Hauptmanns, welcher
verlangte, da ich essen sollte, was ich bezahlt hatte, konnte ich doch auf dem
Verdeck sitzen und an mancher Unterhaltung teilnehmen. Kniep wute mich zu
erheitern, indem er nicht wie auf der Korvette, ber die vortreffliche Kost
triumphierend, meinen Neid zu erregen suchte, mich vielmehr diesmal glcklich
pries, da ich keinen Appetit habe.
Montag, den 14. Mai 1787.
Und so war der Nachmittag vorbeigegangen, ohne da wir unsern Wnschen gem in
den Golf von Neapel eingefahren wren. Wir wurden vielmehr immer westwrts
getrieben, und das Schiff, indem es sich der Insel Capri nherte, entfernte sich
immer mehr von dem Kap Minerva. Jedermann war verdrielich und ungeduldig, wir
beiden aber, die wir die Welt mit malerischen Augen betrachteten, konnten damit
sehr zufrieden sein; denn bei Sonnenuntergang genossen wir des herrlichsten
Anblicks, den uns die ganze Reise gewhrt hatte. In dem glnzendsten
Farbenschmuck lag Kap Minerva mit den daranstoenden Gebirgen vor unsern Augen,
indes die Felsen, die sich sdwrts hinabziehen, schon einen blaulichen Ton
angenommen hatten. Vom Kap an zog sich die ganze erleuchtete Kste bis Sorrent
hin. Der Vesuv war uns sichtbar, eine ungeheure Dampfwolke ber ihm aufgetrmt,
von der sich ostwrts ein langer Streif weit hinzog, so da wir den strksten
Ausbruch vermuten konnten. Links lag Capri, steil in die Hhe strebend; die
Formen seiner Felswnde konnten wir durch den durchsichtigen blulichen Dunst
vollkommen unterscheiden. Unter einem ganz reinen, wolkenlosen Himmel glnzte
das ruhige, kaum bewegte Meer, das bei einer vlligen Windstille endlich wie ein
klarer Teich vor uns lag. Wir entzckten uns an dem Anblick, Kniep trauerte, da
alle Farbenkunst nicht hinreiche, diese Harmonie wiederzugeben, so wie der
feinste englische Bleistift die gebteste Hand nicht in den Stand setze, diese
Linien nachzuziehen. Ich dagegen, berzeugt, da ein weit geringeres Andenken,
als dieser geschickte Knstler zu erhalten vermochte, in der Zukunft hchst
wnschenswert sein wrde, ich ermunterte ihn, Hand und Auge zum letztenmal
anzustrengen; er lie sich bereden und lieferte eine der genausten Zeichnungen,
die er nachher kolorierte und ein Beispiel zurcklie, da bildlicher
Darstellung das Unmgliche mglich wird. Den bergang vorn Abend zur Nacht
verfolgten wir mit ebenso begierigen Augen. Capri lag nun ganz finster vor uns,
und zu unserm Erstaunen entzndete sich die vesuvische Wolke sowie auch der
Wolkenstreif, je lnger, je mehr, und wir sahen zuletzt einen ansehnlichen
Strich der Atmosphre im Grunde unseres Bildes erleuchtet, ja, wetterleuchten.
ber diese uns so willkommenen Szenen hatten wir unbemerkt gelassen, da uns ein
groes Unheil bedrohe; doch lie uns die Bewegung unter den Passagieren nicht
lange in Ungewiheit. Sie, der Meeresereignisse kundiger als wir, machten dem
Schiffsherrn und seinem Steuermanne bittre Vorwrfe; da ber ihre
Ungeschicklichkeit nicht allein die Meerenge verfehlt sei, sondern auch die
ihnen anvertraute Personenzahl, Gter und alles umzukommen in Gefahr schwebe.
Wir erkundigten uns nach der Ursache dieser Unruhe, indem wir nicht begriffen,
da bei vlliger Windstille irgendein Unheil zu befrchten sei. Aber eben diese
Windstille machte jene Mnner trostlos. Wir befinden uns, sagten sie, schon
in der Strmung, die sich um die Insel bewegt und durch einen sonderbaren
Wellenschlag so langsam als unwiderstehlich nach dem schroffen Felsen hinzieht,
wo uns auch nicht ein Fubreit Vorsprung oder Bucht zur Rettung gegeben ist.
Aufmerksam durch diese Reden, betrachteten wir nun unser Schicksal mit Grauen;
denn obgleich die Nacht die zunehmende Gefahr nicht unterscheiden lie, so
bemerkten wir doch, da das Schiff, schwankend und schwippend, sich den Felsen
nherte, die immer finsterer vor uns standen, whrend ber das Meer hin noch ein
leichter Abendschimmer verbreitet lag. Nicht die geringste Bewegung war in der
Luft zu bemerken: Schnupftcher und leichte Bnder wurden von jedem in die Hhe
und ins Freie gehalten, aber keine Andeutung eines erwnschten Hauches zeigte
sich. Die Menge ward immer lauter und wilder. Nicht etwa betend knieten die
Weiber mit ihren Kindern auf dem Verdeck, sondern weil der Raum zu eng war, sich
darauf zu bewegen, lagen sie gedrngt aneinander. Sie noch mehr als die Mnner,
welche besonnen auf Hlfe und Rettung dachten, schalten und tobten gegen den
Kapitn. Nun ward ihm alles vorgeworfen, was man auf der ganzen Reise schweigend
zu erinnern gehabt: fr teures Geld einen schlechten Schiffsraum, geringe Kost,
ein zwar nicht unfreundliches, aber doch stummes Betragen. Er hatte niemand von
seinen Handlungen Rechenschaft gegeben, ja, selbst noch den letzten Abend ein
hartnckiges Stillschweigen ber seine Manoeuvres beobachtet. Nun hie er und
der Steuermann hergelaufene Krmer, die ohne Kenntnis der Schiffskunst sich aus
bloem Eigennutz den Besitz eines Fahrzeuges zu verschaffen gewut und nun durch
Unfhigkeit und Ungeschicklichkeit alle, die ihnen anvertraut, zugrunde
richteten. Der Hauptmann schwieg und schien immer noch auf Rettung zu sinnen;
mir aber, dem von Jugend auf Anarchie verdrielicher gewesen als der Tod selbst,
war es unmglich, lnger zu schweigen. Ich trat vor sie hin und redete ihnen zu,
mit ungefhr ebensoviel Gemtsruhe als den Vgeln von Malcesine. Ich stellte
ihnen vor, da gerade in diesem Augenblick ihr Lrmen und Schreien denen, von
welchen noch allein Rettung zu hoffen sei, Ohr und Kopf verwirrten, so da sie
weder denken noch sich untereinander verstndigen knnten. Was euch betrifft,
rief ich aus, kehrt in euch selbst zurck und dann wendet euer brnstiges Gebet
zur Mutter Gottes, auf die es ganz allein ankommt, ob sie sich bei ihrem Sohne
verwenden mag, da er fr euch tue, was er damals fr seine Apostel getan, als
auf dem strmenden See Tiberias die Wellen schon in das Schiff schlugen, der
Herr aber schlief, der jedoch, als ihn die Trost- und Hlflosen aufweckten,
sogleich dem Winde zu ruhen gebot, wie er jetzt der Luft gebieten kann, sich zu
regen, wenn es anders sein heiliger Wille ist.
Diese Worte taten die beste Wirkung. Eine unter den Frauen, mit der ich mich
schon frher ber sittliche und geistliche Gegenstnde unterhalten hatte, rief
aus: Ah! il Barlam! benedetto il Barlam! und wirklich fingen sie, da sie
ohnehin schon auf den Knieen lagen, ihre Litaneien mit mehr als herkmmlicher
Inbrunst leidenschaftlich zu beten an. Sie konnten dies mit desto grerer
Beruhigung tun, als die Schiffsleute noch ein Rettungsmittel versuchten, das
wenigstens in die Augen fallend war: sie lieen das Boot hinunter, das freilich
nur sechs bis acht Mnner fassen konnte, befestigten es durch ein langes Seil an
das Schiff, welches die Matrosen durch Ruderschlge nach sich zu ziehen krftig
bemht waren. Auch glaubte man einen Augenblick, da sie es innerhalb der
Strmung bewegten, und hoffte es bald aus derselben herausgerettet zu sehen. Ob
aber gerade diese Bemhungen die Gegengewalt der Strmung vermehrt, oder wie es
damit beschaffen sein mochte, so ward mit einmal an dem langen Seile das Boot
und seine Mannschaft im Bogen rckwrts nach dem Schiffe geschleudert, wie die
Schmitze einer Peitsche, wenn der Fuhrmann einen Zug tut. Auch diese Hoffnung
ward aufgegeben! - Gebet und Klagen wechselten ab, und der Zustand wuchs um so
schauerlicher, da nun oben auf den Felsen die Ziegenhirten, deren Feuer man
schon lngst gesehen hatte, hohl aufschrien, da unten strande das Schiff! Sie
riefen einander noch viel unverstndliche Tne zu, in welchen einige, mit der
Sprache bekannt, zu vernehmen glaubten, als freuten sie sich auf manche Beute,
die sie am andern Morgen aufzufischen gedchten. Sogar der trstliche Zweifel,
ob denn auch wirklich das Schiff dem Felsen sich so drohend nhere, war leider
nur zu bald gehoben, indem die Mannschaft zu groen Stangen griff, um das
Fahrzeug, wenn es zum uersten kme, damit von den Felsen abzuhalten, bis denn
endlich auch diese brchen und alles verloren sei. Immer strker schwankte das
Schiff, die Brandung schien sich zu vermehren, und meine durch alles dieses
wiederkehrende Seekrankheit drngte mir den Entschlu auf, hinunter in die
Kajte zu steigen. Ich legte mich halb betubt auf meine Matratze, doch aber mit
einer gewissen angenehmen Empfindung, die sich vom See Tiberias herzuschreiben
schien; denn ganz deutlich schwebte mir das Bild aus Merians Kupferbibel vor
Augen. Und so bewhrt sich die Kraft aller sinnlich-sittlichen Eindrcke
jedesmal am strksten, wenn der Mensch ganz auf sich selbst zurckgewiesen ist.
Wie lange ich so in halbem Schlafe gelegen, wte ich nicht zu sagen, aufgeweckt
aber ward ich durch ein gewaltsames Getse ber mir; ich konnte deutlich
vernehmen, da es die groen Seile waren, die man auf dem Verdeck hin und wider
schleppte, dies gab mir Hoffnung, da man von den Segeln Gebrauch mache. Nach
einer kleinen Weile sprang Kniep herunter und kndigte mir an, da man gerettet
sei, der gelindeste Windshauch habe sich erhoben; in dem Augenblick sei man
bemht gewesen, die Segel aufzuziehen, er selbst habe nicht versumt, Hand
anzulegen. Man entferne sich schon sichtbar vom Felsen, und obgleich noch nicht
vllig auer der Strmung, hoffe man nun doch, sie zu berwinden. Oben war alles
stille; sodann kamen mehrere der Passagiere, verkndigten den glcklichen
Ausgang und legten sich nieder.
Als ich frh am vierten Tage unserer Fahrt erwachte, befand ich mich frisch und
gesund, so wie ich auch bei der berfahrt zu eben dieser Epoche gewesen war; so
da ich also auf einer lngern Seereise wahrscheinlich mit einer dreitgigen
Unplichkeit meinen Tribut wrde bezahlt haben.
Vom Verdeck sah ich mit Vergngen die Insel Capri in ziemlicher Entfernung zur
Seite liegen und unser Schiff in solcher Richtung, da wir hoffen konnten, in
den Golf hineinzufahren, welches denn auch bald geschah. Nun hatten wir die
Freude, nach einer ausgestandenen harten Nacht dieselben Gegenstnde, die uns
abends vorher entzckt hatten, in entgegengesetztem Lichte zu bewundern. Bald
lieen wir jene gefhrliche Felseninsel hinter uns. Hatten wir gestern die
rechte Seite des Golfs von weitem bewundert, so erschienen nun auch die Kastelle
und die Stadt gerade vor uns, sodann links der Posilipo und die Erdzungen, die
sich bis gegen Procida und Ischia erstreckten. Alles war auf dem Verdeck, voran
ein fr seinen Orient sehr eingenommener griechischer Priester, der den
Landesbewohnern, die ihr herrliches Vaterland mit Entzcken begrten, auf ihre
Frage, wie sich denn Neapel zu Konstantinopel verhalte, sehr pathetisch
antwortete: Anche questa  una citt! - Auch dieses ist eine Stadt! - Wir
langten zur rechten Zeit im Hafen an, umsummt von Menschen; es war der
lebhafteste Augenblick des Tages. Kaum waren unsere Koffer und sonstigen
Gertschaften ausgeladen und standen am Ufer, als gleich zwei Lasttrger sich
derselben bemchtigten, und kaum hatten wir ausgesprochen, da wir bei Moriconi
logieren wrden, so liefen sie mit dieser Last wie mit einer Beute davon, so da
wir ihnen durch die menschenreichen Straen und ber den bewegten Platz nicht
mit den Augen folgen konnten. Kniep hatte das Portefeuille unter dem Arm, und
wir htten wenigstens die Zeichnungen gerettet, wenn jene Trger, weniger
ehrlich als die neapolitanischen armen Teufel, uns um dasjenige gebracht htten,
was die Brandung verschont hatte.

Neapel
An Herder
Neapel, den 17. Mai 1787.
Hier bin ich wieder, meine Lieben, frisch und gesund. Ich habe die Reise durch
Sizilien leicht und schnell getrieben, wenn ich wiederkomme, sollt Ihr
beurteilen, wie ich gesehen habe. Da ich sonst so an den Gegenstnden klebte
und haftete, hat mir nun eine unglaubliche Fertigkeit verschafft, alles
gleichsam vom Blatt wegzuspielen, und ich finde mich recht glcklich, den
groen, schnen, unvergleichbaren Gedanken von Sizilien so klar, ganz und lauter
in der Seele zu haben. Nun bleibt meiner Sehnsucht kein Gegenstand mehr im
Mittag, da ich auch gestern von Pstum zurckgekommen bin. Das Meer und die
Inseln haben mir Genu und Leiden gegeben, und ich kehre befriedigt zurck. Lat
mich jedes Detail bis zu meiner Wiederkehr aufsparen. Auch ist hier in Neapel
kein Besinnens; diesen Ort werde ich Euch nun besser schildern, als es meine
ersten Briefe taten. Den ersten Juni reise ich nach Rom, wenn mich nicht eine
hhere Macht hindert, und Anfangs Juli denke ich von dort wieder abzugehen. Ich
mu Euch so bald als mglich wiedersehen, es sollen gute Tage werden. Ich habe
unsglich aufgeladen und brauche Ruhe, es wieder zu verarbeiten.
Fr alles, was Du Liebes und Gutes an meinen Schriften tust, danke ich Dir
tausendmal, ich wnschte immer, etwas Besseres auch Dir zur Freude zu machen.
Was mir auch von Dir begegnen wird und wo, soll mir willkommen sein, wir sind so
nah in unsern Vorstellungsarten, als es mglich ist, ohne eins zu sein, und in
den Hauptpunkten am nchsten. Wenn Du diese Zeit her viel aus Dir selbst
geschpft hast, so hab' ich viel erworben, und ich kann einen guten Tausch
hoffen.
Ich bin freilich, wie Du sagst, mit meiner Vorstellung sehr ans Gegenwrtige
geheftet, und je mehr ich die Welt sehe, desto weniger kann ich hoffen, da die
Menschheit je eine weise, kluge, glckliche Masse werden knne. Vielleicht ist
unter den Millionen Welten eine, die sich dieses Vorzugs rhmen kann; bei der
Konstitution der unsrigen bleibt mit so wenig fr sie, als fr Sizilien bei der
seinigen zu hoffen.
In einem beiliegenden Blatte sag' ich etwas ber den Weg nach Salerno und ber
Pstum selbst; es ist die letzte und, fast mcht' ich sagen, herrlichste Idee,
die ich nun nordwrts vollstndig mitnehme. Auch ist der mittlere Tempel nach
meiner Meinung allem vorzuziehen, was man noch in Sizilien sieht.
Was den Homer betrifft, ist mir wie eine Decke von den Augen gefallen. Die
Beschreibungen, die Gleichnisse etc. kommen uns poetisch vor und sind doch
unsglich natrlich, aber freilich mit einer Reinheit und Innigkeit gezeichnet,
vor der man erschrickt. Selbst die sonderbarsten erlogenen Begebenheiten haben
eine Natrlichkeit, die ich nie so gefhlt habe als in der Nhe der
beschriebenen Gegenstnde. La mich meinen Gedanken kurz so ausdrcken: sie
stellten die Existenz dar, wir gewhnlich den Effekt; sie schilderten das
Frchterliche, wir schildern frchterlich; sie das Angenehme, wir angenehm
u.s.w. Daher kommt alles bertriebene, alles Manierierte, alle falsche Grazie,
aller Schwulst. Denn wenn man den Effekt und auf den Effekt arbeitet, so glaubt
man ihn nicht fhlbar genug machen zu knnen. Wenn, was ich sage, nicht neu ist,
so hab' ich es doch bei neuem Anla recht lebhaft gefhlt. Nun ich alle diese
Ksten und Vorgebirge, Golfe und Buchten, Inseln und Erdzungen, Felsen und
Sandstreifen, buschige Hgel, sanfte Weiden, fruchtbare Felder, geschmckte
Grten, gepflegte Bume, hngende Reben, Wolkenberge und immer heitere Ebnen,
Klippen und Bnke und das alles umgebende Meer mit so vielen Abwechselungen und
Mannigfaltigkeiten im Geiste gegenwrtig habe, nun ist mir erst die Odyssee ein
lebendiges Wort.
Ferner mu ich Dir vertrauen, da ich dem Geheimnis der Pflanzenzeugung und
-organisation ganz nahe bin und da es das einfachste ist, was nur gedacht
werden kann. Unter diesem Himmel kann man die schnsten Beobachtungen machen.
Den Hauptpunkt, wo der Keim steckt, habe ich ganz klar und zweifellos gefunden;
alles brige seh' ich auch schon im ganzen, und nur noch einige Punkte mssen
bestimmter werden. Die Urpflanze wird das wunderlichste Geschpf von der Welt,
um welches mich die Natur selbst beneiden soll. Mit diesem Modell und dem
Schlssel dazu kann man alsdann noch Pflanzen ins Unendliche erfinden, die
konsequent sein mssen, das heit, die, wenn sie auch nicht existieren, doch
existieren knnten und nicht etwa malerische oder dichterische Schatten und
Scheine sind, sondern eine innerliche Wahrheit und Notwendigkeit haben. Dasselbe
Gesetz wird sich auf alles brige Lebendige anwenden lassen.
Neapel, den 18. Mai 1787.
Tischbein, der nach Rom wieder zurckgekehrt ist, hat, wie wir merken, hier in
der Zwischenzeit so fr uns gearbeitet, da wir seine Abwesenheit nicht
empfinden sollen. Er scheint seinen smtlichen hiesigen Freunden so viel
Zutrauen zu uns eingeflt zu haben, da sie sich alle offen, freundlich und
ttig gegen uns erweisen, welches ich besonders in meiner gegenwrtigen Lage
sehr bedarf, weil kein Tag vergeht, wo ich nicht jemand um irgendeine
Geflligkeit und Beistand anzurufen htte. Soeben bin ich im Begriff, ein
summarisches Verzeichnis aufzusetzen von dem, was ich noch zu sehen wnschte; da
denn die Krze der Zeit Meisterin bleiben und andeuten wird, was denn auch
wirklich nachgeholt werden knne.
Neapel, den 22. Mai 1787.
Heute begegnete mir ein angenehmes Abenteuer, welches mich wohl zu einigem
Nachdenken bewegen konnte und des Erzhlens wert ist.
Eine Dame, die mich schon bei meinem ersten Aufenthalt vielfach begnstigt,
ersuchte mich, abends Punkt fnf Uhr bei ihr einzutreffen: es wolle mich ein
Englnder sprechen, der mir ber meinen Werther etwas zu sagen habe.
Vor einem halben Jahre wrde hierauf, und wre sie mir doppelt wert gewesen,
gewi eine abschlgige Antwort erfolgt sein; aber daran, da ich zusagte, konnte
ich wohl merken, meine sizilianische Reise habe glcklich auf mich gewirkt, und
ich versprach zu kommen.
Leider aber ist die Stadt zu gro und der Gegenstnde so viel, da ich eine
Viertelstunde zu spt die Treppe hinaufstieg und eben an der verschlossenen Tre
auf der Schilfmatte stand, um zu klingeln, als die Tre schon aufging und ein
schner Mann in mittlern Jahren heraustrat, den ich sogleich fr den Englnder
erkannte. Er hatte mich kaum angesehen, als er sagte: Sie sind der Verfasser
des  Werther ! Ich bekannte mich dazu und entschuldigte mich, nicht frher
gekommen zu sein.
Ich konnte nicht einen Augenblick lnger warten, versetzte derselbe, was ich
Ihnen zu sagen habe, ist ganz kurz und kann ebensogut hier auf der Schilfmatte
geschehen. Ich will nicht wiederholen, was Sie von Tausenden gehrt, auch hat
das Werk nicht so heftig auf mich gewirkt als auf andere; sooft ich aber daran
denke, was dazu gehrte, um es zu schreiben, so mu ich mich immer aufs neue
verwundern.
Ich wollte irgend etwas dankbar dagegen erwidern, als er mir ins Wort fiel und
ausrief: Ich darf keinen Augenblick lnger sumen, mein Verlangen ist erfllt,
Ihnen dies selbst gesagt zu haben, leben Sie recht wohl und glcklich! und so
fuhr er die Treppe hinunter. Ich stand einige Zeit ber diesen ehrenvollen Text
nachdenkend und klingelte endlich. Die Dame vernahm mit Vergngen unser
Zusammentreffen und erzhlte manches Vorteilhafte von diesem seltenen und
seltsamen Manne.
Neapel, Freitag, den 25. Mai 1787
Mein lockeres Prinzechen werde ich wohl nicht wiedersehen; sie ist wirklich
nach Sorrent und hat mir die Ehre angetan, vor ihrer Abreise auf mich zu
schelten, da ich das steinichte und wste Sizilien ihr habe vorziehen knnen.
Einige Freunde gaben mir Auskunft ber diese sonderbare Erscheinung. Aus einem
guten, doch unvermgenden Hause geboren, im Kloster erzogen, entschlo sie sich,
einen alten und reichen Frsten zu heiraten, und man konnte sie um so eher dazu
berreden, als die Natur sie zu einem zwar guten, aber zur Liebe vllig
unfhigen Wesen gebildet hatte. In dieser reichen, aber durch
Familienverhltnisse hchst beschrnkten Lage suchte sie sich durch ihren Geist
zu helfen und, da sie in Tun und Lassen gehindert war, wenigstens ihrem Mundwerk
freies Spiel zu geben. Man versicherte mir, da ihr eigentlichster Wandel ganz
untadelig sei, da sie sich aber fest vorgesetzt zu haben scheine, durch ein
unbndiges Reden allen Verhltnissen ins Angesicht zu schlagen. Man bemerkte
scherzend, da keine Zensur ihre Diskurse, wren sie schriftlich verfat, knne
durchgehen lassen, weil sie durchaus nichts vorbringe, als was Religion, Staat
oder Sitten verletze.
Man erzhlte die wunderlichsten und artigsten Geschichten von ihr, wovon eine
hier stehen mag, ob sie gleich nicht die anstndigste ist.
Kurz vor dem Erdbeben, das Kalabrien betraf, war sie auf die dortigen Gter
ihres Gemahls gezogen. Auch in der Nhe ihres Schlosses war eine Baracke gebaut,
das heit ein hlzernes einstckiges Haus, unmittelbar auf den Boden aufgesetzt;
brigens tapeziert, mbliert und schicklich eingerichtet. Bei den ersten
Anzeigen des Erdbebens flchtete sie dahin. Sie sa auf dem Sofa, Kntchen
knpfend, vor sich ein Nhtischchen, gegen ihr ber ein Abb, ein alter
Hausgeistlicher. Auf einmal wogte der Boden, das Gebude sank an ihrer Seite
nieder, indem die entgegengesetzte sich emporhob, der Abb und das Tischchen
wurde also auch in die Hhe gehoben. Pfui! rief sie, an der sinkenden Wand mit
dem Kopfe gelehnt, schickt sich das fr einen so ehrwrdigen Mann? Ihr gebrdet
Euch ja, als wenn Ihr auf mich fallen wolltet. Das ist ganz gegen alle Sitte und
Wohlstand.
Indessen hatte das Haus sich wieder niedergesetzt, und sie wute sich vor Lachen
nicht zu lassen ber die nrrische, lsterne Figur, die der gute Alte sollte
gespielt haben, und sie schien ber diesen Scherz von allen Kalamitten, ja dem
groen Verlust, der ihre Familie und so viel tausend Menschen betraf, nicht das
mindeste zu empfinden. Ein wundersam glcklicher Charakter, dem noch eine Posse
gelingt, indem ihn die Erde verschlingen will.
Neapel, Sonnabend, den 26. Mai 1787
Genau betrachtet, mchte man doch wohl gutheien, da es so viele Heilige gibt;
nun kann jeder Glubige den seinigen auslesen und mit vollem Vertrauen sich
gerade an den wenden, der ihm eigentlich zusagt. Heute war der Tag des meinigen,
den ich denn ihm zu Ehren nach seiner Weise und Lehre andchtig-munter beging.
Philippus Neri steht in hohem Ansehn und zugleich heiterm Andenken; man wird
erbaut und erfreut, wenn man von ihm und von seiner hohen Gottesfurcht vernimmt,
zugleich aber hrt man auch von seiner guten Laune sehr viel erzhlen. Seit
seinen ersten Jugendjahren fhlte er die brnstigsten Religionstriebe, und im
Laufe seines Lebens entwickelten sich in ihm die hchsten Gaben des religisen
Enthusiasmus: die Gabe des unwillkrlichen Gebets, der tiefen, wortlosen
Anbetung, die Gabe der Trnen, der Ekstase und zuletzt sogar des Aufsteigens vom
Boden und Schwebens ber demselben, welches vor allen fr das Hchste gehalten
wird.
Zu so vielen geheimnisvollen, seltsamen Innerlichkeiten gesellte er den klarsten
Menschenverstand, die reinste Wrdigung oder vielmehr Abwrdigung der irdischen
Dinge, den ttigsten Beistand, in leiblicher und geistlicher Not seinem
Nebenmenschen gewidmet. Streng beobachtete er alle Obliegenheiten, wie sie auch
an Festen, Kirchenbesuchen, Beten, Fasten und sonst von dem glubigen,
kirchlichen Manne gefordert werden. Ebenso beschftigte er sich mit Bildung der
Jugend, mit musikalischer und rednerischer bung derselben, indem er nicht
allein geistliche, sondern auch geistreiche Themata vorlegte und sonst
aufregende Gesprche und Disputationen veranlate. Hiebei mchte denn wohl das
Sonderbarste scheinen, da er das alles aus eignem Trieb und Befugnis tat und
leistete, seinen Weg viele Jahre stetig verfolgte, ohne zu irgendeinem Orden
oder Kongregation zu gehren, ja ohne die geistliche Weihe zu haben.
Doch bedeutender mu es auffallen, da gerade dies zu Luthers Zeit geschah, und
da mitten in Rom ein tchtiger, gottesfrchtiger, energischer, ttiger Mann
gleichfalls den Gedanken hatte, das Geistliche, ja das Heilige mit dem
Weltlichen zu verbinden, das Himmlische in das Skulum einzufhren und dadurch
ebenfalls eine Reformation vorzubereiten. Denn hier liegt doch ganz allein der
Schlssel, der die Gefngnisse des Papsttums ffnen und der freien Welt ihren
Gott wiedergeben soll.
Der ppstliche Hof jedoch, der einen so bedeutenden Mann in der Nhe, im Bezirk
von Rom, unter seinem Gewahrsam hatte, lie nicht nach, bis dieser, der ohnehin
ein geistliches Leben fhrte, schon seine Wohnung in Klstern nahm, daselbst
lehrte, ermunterte, ja sogar, wo nicht einen Orden, doch eine freie Versammlung
zu stiften im Begriff war, endlich beredet ward, die Weihe zu nehmen und alle
die Vorteile damit zu empfangen, die ihm denn doch bisher auf seinem Lebenswege
ermangelt hatten.
Will man auch seine krperliche wunderbare Erhebung ber den Boden, wie billig,
in Zweifel ziehen, so war er doch dem Geiste nach hoch ber dieser Welt erhoben
und deswegen ihm nichts so sehr zuwider als Eitelkeit, Schein, Anmaung, gegen
die er auch immer, als gegen die grten Hindernisse eines wahren gottseligen
Lebens, krftig wirkte, und zwar, wie uns manche Geschichte berliefert, immer
mit gutem Humor.
Er befindet sich z. B. eben in der Nhe des Papstes, als diesem berichtet wird,
da in der Nhe von Rom eine Klosterfrau mit allerlei wunderlichen geistlichen
Gaben sich hervortue. Die Wahrhaftigkeit dieser Erzhlungen zu untersuchen,
erhlt Neri den Auftrag. Er setzt sich sogleich zu Maultier und ist bei sehr
bsem Wetter und Weg bald im Kloster. Eingefhrt, unterhlt er sich mit der
btissin, die ihm von allen diesen Gnadenzeichen mit vollkommener Beistimmung
genaueste Kenntnis gibt. Die geforderte Nonne tritt ein, und er, ohne sie weiter
zu begren, reicht ihr den kotigen Stiefel hin, mit dem Ansinnen, da sie ihn
ausziehen solle. Die heilige, reinliche Jungfrau tritt erschrocken zurck und
gibt ihre Entrstung ber dieses Zumuten mit heftigen Worten zu erkennen. Neri
erhebt sich ganz gelassen, besteigt sein Maultier und findet sich wieder vor dem
Papst, ehe dieser es nur vermuten konnte; denn wegen Prfung solcher
Geistesgaben sind katholischen Beichtvtern bedeutende Vorsichtsmaregeln aufs
genaueste vorgeschrieben, weil die Kirche zwar die Mglichkeit solcher
himmlischen Begnstigungen zugibt, aber die Wirklichkeit derselben nicht ohne
die genaueste Prfung zugesteht. Dem verwunderten Papste erffnete Neri krzlich
das Resultat: Sie ist keine Heilige, ruft er aus, sie tut keine Wunder! denn
die Haupteigenschaft fehlt ihr, die Demut.
Diese Maxime kann man als leitendes Prinzip seines ganzen Lebens ansehen; denn,
um nur noch eins zu erzhlen: als er die Kongregation der Padri dell' Oratorio
gestiftet hatte, die sich bald ein groes Ansehn erwarb und gar vielen den
Wunsch einflte, Mitglied derselben zu werden, kam ein junger rmischer Prinz,
um Aufnahme bittend, welchem denn auch das Noviziat und die demselben
angewiesene Kleidung zugestanden wurde. Da aber selbiger nach einiger Zeit um
wirklichen Eintritt nachsuchte, hie es, da vorher noch einige Prfungen zu
bestehen seien; wozu er sich denn auch bereit erklrte. Da brachte Neri einen
langen Fuchsschwanz hervor und forderte, der Prinz solle diesen sich hinten an
das lange Rckchen anheften lassen und ganz ernsthaft durch alle Straen von Rom
gehen. Der junge Mann entsetzte sich, wie oben die Nonne, und uerte, er habe
sich gemeldet, nicht um Schande, sondern um Ehre zu erlangen. Da meinte denn
Vater Neri, dies sei von ihrem Kreise nicht zu erwarten, wo die hchste
Entsagung das erste Gesetz bleibe. Worauf denn der Jngling seinen Abschied
nahm.
In einem kurzen Wahlspruch hatte Neri seine Hauptlehre verfat: Spernere
mundum, spernere te ipsum, spernere te sperni. Und damit war freilich alles
gesagt. Die beiden ersten Punkte bildet sich ein Hypochondrist wohl manchmal ein
erfllen zu knnen, um aber sich zum dritten zu bequemen, mte man auf dem Wege
sein, ein Heiliger zu werden.

Neapel, den 27. Mai 1787.
Die smtlichen lieben Briefe vom Ende des vorigen Monats habe ich gestern alle
auf einmal von Rom her durch Graf Fries erhalten und mir mit Lesen und
Wiederlesen etwas Rechts zugute getan. Das sehnlich erwartete Schchtelchen war
auch dabei, und ich danke tausendmal fr alles.
Nun wird es aber bald Zeit, da ich von hier flchte; denn indem ich mir Neapel
und seine Umgebungen noch recht zu guter Letzt vergegenwrtigen, den Eindruck
erneuern und ber manches abschlieen mchte, so reit der Strom des Tages mich
fort, und nun schlieen auch vorzgliche Menschen sich an, die ich als alte und
neue Bekannte unmglich so geradezu abweisen kann. Ich fand eine liebenswrdige
Dame, mit der ich vorigen Sommer in Karlsbad die angenehmsten Tage verlebt
hatte. Um wie manche Stunde betrogen wir die Gegenwart in heiterster Erinnerung.
Alle die Lieben und Werten kamen wieder an die Reihe, vor allem der heitere
Humor unseres teuren Frsten. Sie besa das Gedicht noch, womit ihn bei seinem
Wegritt die Mdchen von Engelhaus berraschten. Es rief die lustigen Szenen alle
zurck, die witzigen Neckereien und Mystifikationen, die geistreichen Versuche,
das Vergeltungsrecht aneinander auszuben. Schnell fhlten wir uns auf deutschem
Boden in der besten deutschen Gesellschaft, eingeschrnkt von Felswnden, durch
ein seltsames Lokal zusammengehalten, mehr noch durch Hochachtung, Freundschaft
und Neigung vereinigt. Sobald wir jedoch ans Fenster traten, rauschte der
neapolitanische Strom wieder so gewaltsam an uns vorbei, da jene friedlichen
Erinnerungen nicht festzuhalten waren.
Der Bekanntschaft des Herzogs und der Herzogin von Ursel konnt' ich ebensowenig
ausweichen. Treffliche Personen von hohen Sitten, reinem Natur- und
Menschensinn, entschiedener Kunstliebe, Wohlwollen fr Begegnende. Eine
fortgesetzte und wiederholte Unterhaltung war hchst anziehend.
Hamilton und seine Schne setzten gegen mich ihre Freundlichkeit fort. Ich
speiste bei ihnen, und gegen Abend produzierte Mi Harte auch ihre musikalischen
und melischen Talente.
Auf Antrieb Freund Hackerts, der sein Wohlwollen gegen mich steigert und mir
alles Merkwrdige zur Kenntnis bringen mchte, fhrte uns Hamilton in sein
geheimes Kunst- und Germpelgewlbe. Da sieht es denn ganz verwirrt aus; die
Produkte aller Epochen zufllig durcheinander gestellt: Bsten, Torse, Vasen,
Bronze, von sizilianischen Achaten allerlei Hauszierat, sogar ein Kapellchen,
Geschnitztes, Gemaltes und was er nur zufllig zusammenkaufte. In einem langen
Kasten an der Erde, dessen aufgebrochenen Deckel ich neugierig beiseiteschob,
lagen zwei ganz herrliche Kandelaber von Bronze. Mit einem Wink machte ich
Hackerten aufmerksam und lispelte ihm die Frage zu, ob diese nicht ganz denen in
Portici hnlich seien. Er winkte mir dagegen Stillschweigen; sie mochten sich
freilich aus den pompejischen Grften seitwrts hieher verloren haben. Wegen
solcher und hnlicher glcklicher Erwerbnisse mag der Ritter diese verborgenen
Schtze nur wohl seinen vertrautesten Freunden sehen lassen.
Auffallend war mir ein aufrechtstehender, an der Vorderseite offener, inwendig
schwarz angestrichener Kasten, von dem prchtigsten goldenen Rahmen eingefat.
Der Raum gro genug, um eine stehende menschliche Figur aufzunehmen, und
demgem erfuhren wir auch die Absicht. Der Kunst- und Mdchenfreund, nicht
zufrieden, das schne Gebild als bewegliche Statue zu sehen, wollte sich auch an
ihr als an einem bunten, unnachahmbaren Gemlde ergtzen, und so hatte sie
manchmal innerhalb dieses goldenen Rahmens, auf schwarzem Grund vielfarbig
gekleidet, die antiken Gemlde von Pompeji und selbst neuere Meisterwerke
nachgeahmt. Diese Epoche schien vorber zu sein, auch war der Apparat schwer zu
transportieren und ins rechte Licht zu setzen; uns konnte also ein solches
Schauspiel nicht zuteil werden.
Hier ist der Ort, noch einer andern entschiedenen Liebhaberei der Neapolitaner
berhaupt zu gedenken. Es sind die Krippchen (presepe), die man zu Weihnachten
in allen Kirchen sieht, eigentlich die Anbetung der Hirten, Engel und Knige
vorstellend, mehr oder weniger vollstndig, reich und kostbar zusammen
gruppiert. Diese Darstellung ist in dem heitern Neapel bis auf die flachen
Hausdcher gestiegen; dort wird ein leichtes httenartiges Gerste erbaut, mit
immergrnen Bumen und Struchen aufgeschmckt. Die Mutter Gottes, das Kind und
die smtlichen Umstehenden und Umschwebenden, kostbar ausgeputzt, auf welche
Garderobe das Haus groe Summen verwendet. Was aber das Ganze unnachahmlich
verherrlicht, ist der Hintergrund, welcher den Vesuv mit seinen Umgebungen
einfat.
Da mag man nun manchmal auch lebendige Figuren zwischen die Puppen mit
eingemischt haben, und nach und nach ist eine der bedeutendsten Unterhaltungen
hoher und reicher Familien geworden, zu ihrer Abendergtzung auch weltliche
Bilder, sie mgen nun der Geschichte oder der Dichtkunst angehren, in ihren
Palsten aufzufhren.
Darf ich mir eine Bemerkung erlauben, die freilich ein wohlbehandelter Gast
nicht wagen sollte, so mu ich gestehen, da mir unsere schne Unterhaltende
doch eigentlich als ein geistloses Wesen vorkommt, die wohl mit ihrer Gestalt
bezahlen, aber durch keinen seelenvollen Ausdruck der Stimme, der Sprache sich
geltend machen kann. Schon ihr Gesang ist nicht von zusagender Flle.
Und so mag es sich auch am Ende mit jenen starren Bildern verhalten. Schne
Personen gibt's berall, tiefempfindende, zugleich mit gnstigen Sprachorganen
versehene viel seltener, am allerseltensten solche, wo zu allem diesen noch eine
einnehmende Gestalt hinzutritt.
Auf Herders dritten Teil freu' ich mich seht. Hebet mir ihn auf, bis ich sagen
kann, wo er mir begegnen soll. Er wird gewi den schnen Traumwunsch der
Menschheit, da es dereinst besser mit ihr werden solle, trefflich ausgefhrt
haben. Auch, mu ich selbst sagen, halt' ich es fr wahr, da die Humanitt
endlich siegen wird, nur frcht' ich, da zu gleicher Zeit die Welt ein groes
Hospital und einer des andern humaner Krankenwrter sein werde.
Neapel, den 28. Mai 1787
Der gute und so brauchbare Volkmann ntigt mich, von Zeit zu Zeit von seiner
Meinung abzugehen. Er spricht z. B., da dreiig- bis vierzigtausend Miggnger
in Neapel zu finden wren, und wer spricht's ihm nicht nach! Ich vermutete zwar
sehr bald nach einiger erlangter Kenntnis des sdlichen Zustandes, da dies wohl
eine nordische Ansicht sein mchte, wo man jeden fr einen Miggnger hlt, der
sich nicht den ganzen Tag ngstlich abmht. Ich wendete deshalb vorzgliche
Aufmerksamkeit auf das Volk, es mochte sich bewegen oder in Ruhe verharren, und
konnte zwar sehr viel belgekleidete Menschen bemerken, aber keine
unbeschftigten.
Ich fragte deswegen einige Freunde nach den unzhligen Miggngern, welche ich
doch auch wollte kennen lernen; sie konnten mir aber solche ebensowenig zeigen,
und so ging ich, weil die Untersuchung mit Betrachtung der Stadt genau
zusammenhing, selbst auf die Jagd aus.
Ich fing an, mich in dem ungeheuren Gewirre mit den verschiedenen Figuren
bekannt zu machen, sie nach ihrer Gestalt, Kleidung, Betragen, Beschftigung zu
beurteilen und zu klassifizieren. Ich fand diese Operation hier leichter als
irgendwo, weil der Mensch sich hier mehr selbst gelassen ist und sich seinem
Stande auch uerlich gem bezeigt.
Ich fing meine Beobachtung bei frher Tageszeit an, und alle die Menschen, die
ich hie und da stillstehen oder ruhen fand, waren Leute, deren Beruf es in dem
Augenblick mit sich brachte.
Die Lasttrger, die an verschiedenen Pltzen ihre privilegierten Stnde haben
und nur erwarten, bis sich jemand ihrer bedienen will; die Kalessaren, ihre
Knechte und Jungen, die bei den einspnnigen Kaleschen auf den groen Pltzen
stehen, ihre Pferde besorgen und einem jeden, der sie verlangt, zu Diensten
sind; Schiffer, die auf dem Molo ihre Pfeife rauchen; Fischer, die an der Sonne
liegen, weil vielleicht ein ungnstiger Wind weht, der ihnen auf das Meer
auszufahren verbietet. Ich sah auch wohl noch manche hin und wider gehen, doch
trug meist ein jeder ein Zeichen seiner Ttigkeit mit sich. Von Bettlern war
keiner zu bemerken als ganz alte, vllig unfhige und krppelhafte Menschen. Je
mehr ich mich umsah, je genauer ich beobachtete, desto weniger konnt' ich, weder
von der geringen noch von der mittlern Klasse, weder am Morgen noch den grten
Teil des Tages, ja, von keinem Alter und Geschlecht, eigentliche Miggnger
finden.
Ich gehe in ein nheres Detail, um das, was ich behaupte, glaubwrdiger und
anschaulicher zu machen. Die kleinsten Kinder sind auf mancherlei Weise
beschftigt. Ein groer Teil derselben trgt Fische zum Verkauf von Santa Lucia
in die Stadt; andere sieht man sehr oft in der Gegend des Arsenals, oder wo
sonst etwas gezimmert wird, wobei es Spne gibt, auch am Meere, welches Reiser
und kleines Holz auswirft, beschftigt, sogar die kleinsten Stckchen in
Krbchen aufzulesen. Kinder von einigen Jahren, die nur auf der Erde so
hinkriechen in Gesellschaft lterer Knaben von fnf bis sechs Jahren, befassen
sich mit diesem kleinen Gewerbe. Sie gehen nachher mit den Krbchen tiefer in
die Stadt und setzen sich mit ihren kleinen Holzportionen gleichsam zu Markte.
Der Handwerker, der kleine Brger kauft es ihnen ab, brennt es auf seinem
Dreifu zu Kohlen, um sich daran zu erwrmen, oder verbraucht es in seiner
sparsamen Kche.
Andere Kinder tragen das Wasser der Schwefelquellen, welches besonders im
Frhjahr sehr stark getrunken wird, zum Verkauf herum. Andere suchen einen
kleinen Gewinn, indem sie Obst, gesponnenen Honig, Kuchen und Zuckerware
einkaufen und wieder als kindische Handelsleute den brigen Kindern anbieten und
verkaufen; allenfalls, nur um ihren Teil daran umsonst zu haben. Es ist wirklich
artig anzusehen, wie ein solcher Junge, dessen ganzer Kram und Gertschaft in
einem Brett und Messer besteht, eine Wassermelone oder einen halben gebratenen
Krbis herumtrgt, wie sich um ihn eine Schar Kinder versammelt, wie er sein
Brett niedersetzt und die Frucht in kleine Stcke zu zerteilen anfngt. Die
Kufer spannen sehr ernsthaft, ob sie auch fr ihr klein Stckchen Kupfergeld
genug erhalten sollen, und der kleine Handelsmann traktiert gegen die Begierigen
die Sache ebenso bedchtig, damit er ja nicht um ein Stckchen betrogen werde.
Ich bin berzeugt, da man bei lngerem Aufenthalt noch manche Beispiele solches
kindischen Erwerbes sammeln knnte.
Eine sehr groe Anzahl von Menschen, teils mittlern Alters, teils Knaben, welche
meistenteils sehr schlecht gekleidet sind, beschftigen sich, das Kehricht auf
Eseln aus der Stadt zu bringen. Das nchste Feld um Neapel ist nur ein
Kchengarten, und es ist eine Freude, zu sehen, welche unsgliche Menge von
Kchengewchsen alle Markttage hereingeschafft wird und wie die Industrie der
Menschen sogleich die berflssigen, von den Kchen verworfenen Teile wieder in
die Felder bringt, um den Zirkel der Vegetation zu beschleunigen. Bei der
unglaublichen Konsumtion von Gemse machen wirklich die Strnke und Bltter von
Blumenkohl, Broccoli, Artischocken, Kohl, Salat, Knoblauch einen groen Teil des
neapolitanischen Kehrichts aus; diesen wird denn auch besonders nachgestrebt.
Zwei groe biegsame Krbe hngen auf dem Rcken eines Esels und werden nicht
allein ganz voll gefllt, sondern noch auf jeden mit besonderer Kunst ein Haufen
aufgetrmt. Kein Garten kann ohne einen solchen Esel bestehen. Ein Knecht, ein
Knabe, manchmal der Patron selbst eilen des Tags so oft als mglich nach der
Stadt, die ihnen zu allen Stunden eine reiche Schatzgrube ist. Wie aufmerksam
diese Sammler auf den Mist der Pferde und Maultiere sind, lt sich denken.
Ungern verlassen sie die Strae, wenn es Nacht wird, und die Reichen, die nach
Mitternacht aus der Oper fahren, denken wohl nicht, da schon vor Anbruch des
Tages ein emsiger Mensch sorgfltig die Spuren ihrer Pferde aufsuchen wird. Man
hat mir versichert, da ein paar solche Leute, die sich zusammentun, sich einen
Esel kaufen und einem grern Besitzer ein Stckchen Krautland abpachten, durch
anhaltenden Flei in dem glcklichen Klima, in welchem die Vegetation niemals
unterbrochen wird, es bald so weit bringen, da sie ihr Gewerbe ansehnlich
erweitern.
Ich wrde zu weit aus meinem Wege gehen, wenn ich hier von der mannigfaltigen
Krmerei sprechen wollte, welche man mit Vergngen in Neapel wie in jedem andern
groen Orte bemerkt; allein ich mu doch hier von den Herumtrgern sprechen,
weil sie der letztern Klasse des Volks besonders angehren. Einige gehen herum
mit Fchen Eiswasser, Glsern und Zitronen, um berall gleich Limonade machen
zu knnen, einen Trank, den auch der Geringste nicht zu entbehren vermag; andere
mit Kredenztellern, auf welchen Flaschen mit verschiedenen Likren und
Spitzglsern in hlzernen Ringen vor dem Fallen gesichert stehen; andere tragen
Krbe allerlei Backwerks, Nscherei, Zitronen und anderes Obst umher, und es
scheint, als wolle jeder das groe Fest des Genusses, das in Neapel alle Tage
gefeiert wird, mitgenieen und vermehren.
Wie diese Art Herumtrger geschftig sind, so gibt es noch eine Menge kleine
Krmer, welche gleichfalls herumgehen und ohne viele Umstnde auf einem Brett,
in einem Schachteldeckel ihre Kleinigkeiten, oder auf Pltzen geradezu auf
flacher Erde ihren Kram ausbieten. Da ist nicht von einzelnen Waren die Rede,
die man auch in grern Lden fnde, es ist der eigentliche Trdelkram. Kein
Stckchen Eisen, Leder, Tuch, Leinewand, Filz u. s. w., das nicht wieder als
Trdelware zu Markte kme und das nicht wieder von einem oder dem andern gekauft
wrde. Noch sind viele Menschen der niedern Klasse bei Handelsleuten und
Handwerkern als Beilufer und Handlanger beschftigt.
Es ist wahr, man tut nur wenig Schritte, ohne einem sehr belgekleideten, ja
sogar einem zerlumpten Menschen zu begegnen, aber dies ist deswegen noch kein
Faulenzer, kein Tagedieb! Ja, ich mchte fast das Paradoxon aufstellen, da zu
Neapel verhltnismig vielleicht noch die meiste Industrie in der ganz niedern
Klasse zu finden sei. Freilich drfen wir sie nicht mit einer nordischen
Industrie vergleichen, die nicht allein fr Tag und Stunde, sondern am guten und
heitern Tage fr den bsen und trben, im Sommer fr den Winter zu sorgen hat.
Dadurch, da der Nordlnder zur Vorsorge, zur Einrichtung von der Natur
gezwungen wird, da die Hausfrau einsalzen und ruchern mu, um die Kche das
ganze Jahr zu versorgen, da der Mann den Holz- und Fruchtvorrat, das Futter fr
das Vieh nicht aus der Acht lassen darf u. s. w., dadurch werden die schnsten
Tage und Stunden dem Genu entzogen und der Arbeit gewidmet. Mehrere Monate lang
entfernt man sich gern aus der freien Luft und verwahrt sich in Husern vor
Sturm, Regen, Schnee und Klte; unaufhaltsam folgen die Jahreszeiten
aufeinander, und jeder, der nicht zugrunde gehen will, mu ein Haushlter
werden. Denn es ist hier gar nicht die Frage, ob er entbehren wolle; er darf
nicht entbehren wollen, er kann nicht entbehren wollen, denn er kann nicht
entbehren; die Natur zwingt ihn, zu schaffen, vorzuarbeiten. Gewi haben diese
Naturwirkungen, welche sich Jahrtausende gleich bleiben, den Charakter der in so
manchem Betracht ehrwrdigen nordischen Nationen bestimmt. Dagegen beurteilen
wir die sdlichen Vlker, mit welchen der Himmel so gelinde umgegangen ist, aus
unserm Gesichtspunkte zu streng. Was Herr von Pauw in seinen Recherches sur les
Grecs bei Gelegenheit, da er von den zynischen Philosophen spricht, zu uern
wagt, pat vllig hierher. Man mache sich, glaubt er, von dem elenden Zustande
solcher Menschen nicht den richtigsten Begriff; ihr Grundsatz, alles zu
entbehren, sei durch ein Klima sehr begnstigt, das alles gewhrt. Ein armer,
uns elend scheinender Mensch knne in den dortigen Gegenden die ntigsten und
nchsten Bedrfnisse nicht allein befriedigen, sondern die Welt aufs schnste
genieen; und ebenso mchte ein sogenannter neapolitanischer Bettler die Stelle
eines Vizeknigs in Norwegen leicht verschmhen und die Ehre ausschlagen, wenn
ihm die Kaiserin von Ruland das Gouvernement von Sibirien bertragen wollte.
Gewi wrde in unsern Gegenden ein zynischer Philosoph schlecht ausdauern,
dahingegen in sdlichen Lndern die Natur gleichsam dazu einladet. Der zerlumpte
Mensch ist dort noch nicht nackt; derjenige, der weder ein eigenes Haus hat,
noch zur Miete wohnt, sondern im Sommer unter den berdchern, auf den Schwellen
der Palste und Kirchen, in ffentlichen Hallen die Nacht zubringt und sich bei
schlechtem Wetter irgendwo gegen ein geringes Schlafgeld untersteckt, ist
deswegen noch nicht verstoen und elend; ein Mensch noch nicht arm, weil er
nicht fr den andern Tag gesorgt hat. Wenn man nur bedenkt, was das fischreiche
Meer, von dessen Produkten sich jene Menschen gesetzmig einige Tage der Woche
nhren mssen, fr eine Masse von Nahrungsmitteln anbietet; wie allerlei Obst
und Gartenfrchte zu jeder Jahreszeit in berflu zu haben sind; wie die Gegend,
worin Neapel liegt, den Namen Terra di Lavoro (nicht das Land der Arbeit,
sondern das Land des Ackerbaues) sich verdienet hat und die ganze Provinz den
Ehrentitel der glcklichen Gegend (Campagna felice) schon Jahrhunderte trgt, so
lt sich wohl begreifen, wie leicht dort zu leben sein mge.
berhaupt wrde jenes Paradoxon, welches ich oben gewagt habe, zu manchen
Betrachtungen Anla geben, wenn jemand ein ausfhrliches Gemlde von Neapel zu
schreiben unternehmen sollte; wozu denn freilich kein geringes Talent und
manches Jahr Beobachtung erforderlich sein mchte. Man wrde alsdann im ganzen
vielleicht bemerken, da der sogenannte Lazarone nicht um ein Haar unttiger ist
als alle brigen Klassen, zugleich aber auch wahrnehmen, da alle in ihrer Art
nicht arbeiten, um blo zu leben, sondern um zu genieen, und da sie sogar bei
der Arbeit des Lebens froh werden wollen. Es erklrt sich hiedurch gar manches:
da die Handwerker beinahe durchaus gegen die nordischen Lnder sehr zurck
sind; da Fabriken nicht zustande kommen; da auer Sachwaltern und rzten in
Verhltnis zu der groen Masse von Menschen wenig Gelehrsamkeit angetroffen
wird, so verdiente Mnner sich auch im einzelnen bemhen mgen; da kein Maler
der neapolitanischen Schule jemals grndlich gewesen und gro geworden ist; da
sich die Geistlichen im Miggange am wohlsten sein lassen und auch die Groen
ihre Gter meist nur in sinnlichen Freuden, Pracht und Zerstreuung genieen
mgen.
Ich wei wohl, da dies viel zu allgemein gesagt ist und da die Charakterzge
jeder Klasse nur erst nach einer genauern Bekanntschaft und Beobachtung rein
gezogen werden knnen, allein im ganzen wrde man doch, glaube ich, auf diese
Resultate treffen.
Ich kehre wieder zu dem geringen Volke in Neapel zurck. Man bemerkt bei ihnen,
wie bei frohen Kindern, denen man etwas auftrgt, da sie zwar ihr Geschft
verrichten, aber auch zugleich einen Scherz aus dem Geschft machen. Durchgngig
ist diese Klasse von Menschen eines sehr lebhaften Geistes und zeigt einen
freien, richtigen Blick. Ihre Sprache soll figrlich, ihr Witz sehr lebhaft und
beiend sein. Das alte Atella lag in der Gegend von Neapel, und wie ihr
geliebter Pulcinell noch jene Spiele fortsetzt, so nimmt die ganz gemeine Klasse
von Menschen noch jetzt Anteil an dieser Laune.
Plinius im fnften Kapitel des dritten Buchs seiner Naturgeschichte hlt
Kampanien allein einer weitlufigen Beschreibung wert. So glcklich, anmutig,
selig sind jene Gegenden, sagt er, da man erkennt, an diesem Ort habe die
Natur sich ihres Werks erfreut. Denn diese Lebensluft, diese immer heilsame
Milde des Himmels, so fruchtbare Felder, so sonnige Hgel, so unschdliche
Waldungen, so schattige Haine, so nutzbare Wlder, so luftige Berge, so
ausgebreitete Saaten, solch eine Flle von Reben und lbumen, so edle Wolle der
Schafe, so fette Nacken der Stiere, so viel Seen, so ein Reichtum von
durchwssernden Flssen und Quellen, so viele Meere, so viele Hafen! Die Erde
selbst, die ihren Scho berall dem Handel erffnet und, gleichsam dem Menschen
nachzuhelfen begierig, ihre Arme in das Meer hinausstreckt.
Ich erwhne nicht die Fhigkeiten der Menschen, ihre Gebruche, ihre Krfte und
wie viele Vlker sie durch Sprache und Hand berwunden haben.
Von diesem Lande fllten die Griechen, ein Volk, das sich selbst unmig zu
rhmen pflegte, das ehrenvollste Urteil, indem sie einen Teil davon
Grogriechenland nannten.
Neapel, den 29. Mai 1787
Eine ausgezeichnete Frhlichkeit erblickt man berall mit dem grten
teilnehmenden Vergngen. Die vielfarbigen bunten Blumen und Frchte, mit welchen
die Natur sich ziert, scheinen den Menschen einzuladen, sich und alle seine
Gertschaften mit so hohen Farben als mglich auszuputzen. Seidene Tcher und
Binden, Blumen auf den Hten schmcken einen jeden, der es einigermaen vermag.
Sthle und Kommoden in den geringsten Husern sind auf vergoldetem Grund mit
bunten Blumen geziert; sogar die einspnnigen Kaleschen hochrot angestrichen,
das Schnitzwerk vergoldet, die Pferde davor mit gemachten Blumen, hochroten
Quasten und Rauschgold ausgeputzt. Manche haben Federbsche, andere sogar kleine
Fhnchen auf den Kpfen, die sich im Laufe nach jeder Bewegung drehen. Wir
pflegen gewhnlich die Liebhaberei zu bunten Farben barbarisch und geschmacklos
zu nennen, sie kann es auch auf gewisse Weise sein und werden, allein unter
einem recht heitern und blauen Himmel ist eigentlich nichts bunt, denn nichts
vermag den Glanz der Sonne und ihren Widerschein im Meer zu berstrahlen. Die
lebhafteste Farbe wird durch das gewaltige Licht gedmpft, und weil alle Farben,
jedes Grn der Bume und Pflanzen, das gelbe, braune, rote Erdreich in vlliger
Kraft auf das Auge wirken, so treten dadurch selbst die farbigen Blumen und
Kleider in die allgemeine Harmonie. Die scharlachnen Westen und Rcke der Weiber
von Nettuno, mit breitem Gold und Silber besetzt, die andern farbigen
Nationaltrachten, die gemalten Schiffe, alles scheint sich zu beeifern, unter
dem Glanze des Himmels und des Meeres einigermaen sichtbar zu werden.
Und wie sie leben, so begraben sie auch ihre Toten; da strt kein schwarzer,
langsamer Zug die Harmonie der lustigen Welt.
Ich sah ein Kind zu Grabe tragen. Ein rotsammetner, groer, mit Gold breit
gestickter Teppich berdeckte eine breite Bahre, darauf stand ein geschnitztes,
stark vergoldetes und versilbertes Kstchen, worin das weigekleidete Tote mit
rosenfarbnen Bndern ganz berdeckt lag. Auf den vier Ecken des Kstchens waren
vier Engel, ungefhr jeder zwei Fu hoch, angebracht, welche groe Blumenbschel
ber das ruhende Kind hielten, und, weil sie unten nur an Drhten befestigt
waren, sowie die Bahre sich bewegte, wackelten und mild belebende Blumengerche
auszustreuen schienen. Die Engel schwankten um desto heftiger, als der Zug sehr
ber die Straen wegeilte und die vorangehenden Priester und die Kerzentrger
mehr liefen als gingen.
Es ist keine Jahreszeit, wo man sich nicht berall von Ewaren umgeben she, und
der Neapolitaner freut sich nicht allein des Essens, sondern er will auch, da
die Ware zum Verkauf schn aufgeputzt sei.
Bei Santa Lucia sind die Fische nach ihren Gattungen meist in reinlichen und
artigen Krben, Krebse, Austern, Scheiden, kleine Muscheln, jedes besonders
aufgetischt und mit grnen Blttern unterlegt. Die Lden von getrocknetem Obst
und Hlsenfrchten sind auf das mannigfaltigste herausgeputzt. Die
ausgebreiteten Pomeranzen und Zitronen von allen Sorten, mit dazwischen
hervorstechendem grnem Laub, dem Auge sehr erfreulich. Aber nirgends putzen sie
mehr als bei den Fleischwaren, nach welchen das Auge des Volks besonders lstern
gerichtet ist, weil der Appetit durch periodisches Entbehren nur mehr gereizt
wird.
In den Fleischbnken hngen die Teile der Ochsen, Klber, Schpse niemals aus,
ohne da neben dem Fett zugleich die Seite oder die Keule stark vergoldet sei.
Es sind verschiedne Tage im Jahr, besonders die Weihnachtsfeiertage, als
Schmausfeste berhmt; alsdann feiert man eine allgemeine Cocagna, wozu sich
fnfhunderttausend Menschen das Wort gegeben haben. Dann ist aber auch die
Strae Toledo und neben ihr mehrere Straen und Pltze auf das appetitlichste
verziert. Die Butiken, wo grne Sachen verkauft werden, wo Rosinen, Melonen und
Feigen aufgesetzt sind, erfreuen das Auge auf das allerangenehmste. Die Ewaren
hngen in Girlanden ber die Straen hinber; groe Paternoster von vergoldeten,
mit roten Bndern geschnrten Wrsten; welsche Hhne, welche alle eine rote
Fahne unter dem Brzel stecken haben. Man versicherte, da deren dreiigtausend
verkauft worden, ohne die zu rechnen, welche die Leute im Hause gemstet hatten.
Auer diesem werden noch eine Menge Esel, mit grner Ware, Kapaunen und jungen
Lmmern beladen, durch die Stadt und ber den Markt getrieben, und die Haufen
Eier, welche man hier und da sieht, sind so gro, da man sich ihrer niemals so
viel beisammen gedacht hat. Und nicht genug, da alles dieses verzehret wird:
alle Jahre reitet ein Polizeidiener mit einem Trompeter durch die Stadt und
verkndet auf allen Pltzen und Kreuzwegen, wieviel tausend Ochsen, Klber,
Lmmer, Schweine u. s. w. der Neapolitaner verzehrt habe. Das Volk hret
aufmerksam zu, freut sich unmig ber die groen Zahlen, und jeder erinnert
sich des Anteils an diesem Genusse mit Vergngen.
Was die Mehl- und Milchspeisen betrifft, welche unsere Kchinnen so mannigfaltig
zu bereiten wissen, ist fr jenes Volk, das sich in dergleichen Dingen gerne
kurz fat und keine wohleingerichtete Kche hat, doppelt gesorgt. Die Makkaroni,
ein zarter, stark durchgearbeiteter, gekochter, in gewisse Gestalten gepreter
Teig von feinem Mehle, sind von allen Sorten berall um ein geringes zu haben.
Sie werden meistens nur in Wasser abgekocht, und der geriebene Kse schmlzt und
wrzt zugleich die Schssel. Fast an der Ecke jeder groen Strae sind die
Backwerkverfertiger mit ihren Pfannen voll siedenden ls, besonders an
Fasttagen, beschftigt, Fische und Backwerk einem jeden nach seinem Verlangen
sogleich zu bereiten. Diese Leute haben einen unglaublichen Abgang, und viele
tausend Menschen tragen ihr Mittag- und Abendessen von da auf einem Stckchen
Papier davon.
Neapel, den 30. Mai 1787.
Nachts durch die Stadt spazierend, gelangt' ich zum Molo. Dort sah ich mit einem
Blick den Mond, den Schein desselben auf den Wolkensumen, den sanft bewegten
Abglanz im Meere, heller und lebhafter auf dem Saum der nchsten Welle. Und nun
die Sterne des Himmels, die Lampen des Leuchtturms, das Feuer des Vesuvs, den
Widerschein davon im Wasser und viele einzelne Lichter ausgest ber die
Schiffe. Eine so mannigfaltige Aufgabe htt' ich wohl von Van der Neer gelst
sehen mgen.

Neapel, Donnerstag, den 31. Mai 1787.
Ich hatte das rmische Fronleichnamfest und dabei besonders die nach Raffael
gewirkten Teppiche so fest in den Sinn gefat, da ich mich alle diese
herrlichen Naturerscheinungen, ob sie schon in der Welt ihresgleichen nicht
haben knnen, keineswegs irren lie, sondern die Anstalten zur Reise hartnckig
fortsetzte. Ein Pa war bestellt, ein Vetturin hatte mir den Mietpfennig
gegeben; denn es geschieht dort zur Sicherheit der Reisenden umgekehrt als bei,
uns. Kniep war beschftigt, sein neues Quartier zu beziehen, an Raum und Lage
viel besser als das vorige.
Schon frher, als diese Vernderung im Werke war, hatte mir der Freund einigemal
zu bedenken gegeben, es sei doch unangenehm und gewissermaen unanstndig, wenn
man in ein Haus ziehe und gar nichts mitbringe; selbst ein Bettgestell fle den
Wirtsleuten schon einigen Respekt ein. Als wir nun heute durch den unendlichen
Trdel der Kastellweitung hindurchgingen, sah ich so ein paar eiserne Gestelle,
bronzeartig angestrichen, welche ich sogleich feilschte und meinem Freund als
knftigen Grund zu einer ruhigen und soliden Schlafsttte verehrte. Einer der
allezeit fertigen Trger brachte sie nebst den erforderlichen Brettern in das
neue Quartier, welche Anstalt Kniepen so sehr freute, da er sogleich von mir
weg und hier einzuziehen gedachte, groe Reibretter, Papier und alles Ntige
schnell anzuschaffen besorgt war. Einen Teil der Konturen, in beiden Sizilien
gezogen, bergab ich ihm nach unserer Verabredung.
Neapel, den 1. Juni 1787.
Die Ankunft des Marquis Lucchesini hat meine Abreise auf einige Tage weiter
geschoben; ich habe viel Freude gehabt, ihn kennen zu lernen. Er scheint mir
einer von denen Menschen zu sein, die einen guten moralischen Magen haben, um an
dem groen Welttische immer mitgenieen zu knnen; anstatt da unsereiner wie
ein wiederkuendes Tier sich zuzeiten berfllt und dann nichts weiter zu sich
nehmen kann, bis er eine wiederholte Kauung und Verdauung geendigt hat. Sie
gefllt mir auch recht wohl, sie ist ein wackres deutsches Wesen.
Ich gehe nun gern aus Neapel, ja, ich mu fort. Diese letzten Tage berlie ich
mich der Geflligkeit, Menschen zu sehen; ich habe meist interessante Personen
kennen lernen und bin mit den Stunden, die ich ihnen gewidmet, sehr zufrieden,
aber noch vierzehn Tage, so htte es mich weiter und weiter und abwrts von
meinem Zwecke gefhrt. Und dann wird man hier immer unttiger. Seit meiner
Rckkunft von Pstum habe ich auer den Schtzen von Portici wenig gesehen, und
es bleibt mir manches zurck, um dessentwillen ich nicht den Fu aufheben mag.
Aber jenes Museum ist auch das A und W aller Antiquittensammlungen; da sieht
man recht, was die alte Welt an freudigem Kunstsinn voraus war, wenn sie gleich
in strenger Handwerksfertigkeit weit hinter uns zurckblieb.
Zum 1. Juni 1787.
Der Lohnbediente, welcher mir den ausgefertigten Pa zustellte, erzhlte
zugleich, meine Abreise bedauernd, da eine starke Lava, aus dem Vesuv
hervorgebrochen, ihren Weg nach dem Meere zu nehme; an steileren Abhngen des
Berges sei sie beinahe schon herab und knne wohl in einigen Tagen das Ufer
erreichen. Nun befand ich mich in der grten Klemme. Der heutige Tag ging auf
Abschiedsbesuche hin, die ich so vielen wohlwollenden und befrdernden Personen
schuldig war; wie es mir morgen ergehen wird, sehe ich schon. Einmal kann man
sich auf seinem Wege den Menschen doch nicht vllig entziehen, was sie uns aber
auch nutzen und zu genieen geben, sie reien uns doch zuletzt von unsern
ernstlichen Zwecken zur Seite hin, ohne da wir die ihrigen frdern. Ich bin
uerst verdrielich.
Abends.
Auch meine Dankbesuche waren nicht ohne Freude und Belehrung, man zeigte mir
noch manches freundlich vor, was man bisher verschoben oder versumt. Cavaliere
Venuti lie mich sogar noch verborgene Schtze sehen. Ich betrachtete abermals
mit groer Verehrung seinen, obgleich verstmmelten, doch unschtzbaren Ulysses.
Er fhrte mich zum Abschied in die Porzellanfabrik, wo ich mir den Herkules
mglichst einprgte und mir an den kampanischen Gefen die Augen noch einmal
recht voll sah.
Wahrhaft gerhrt und freundschaftlich Abschied nehmend, vertraute er mir dann
noch zuletzt, wo ihn eigentlich der Schuh drcke, und wnschte nichts mehr, als
da ich noch eine Zeitlang mit ihm verweilen knnte. Mein Bankier, bei dem ich
gegen Tischzeit eintraf, lie mich nicht los; das wre nun alles schn und gut
gewesen, htte nicht die Lava meine Einbildungskraft an sich gezogen. Unter
mancherlei Beschftigungen, Zahlungen und Einpacken kam die Nacht heran, ich
aber eilte schnell nach dem Molo.
Hier sah ich nun alle die Feuer und Lichter und ihre Widerscheine, nur bei
bewegtem Meer noch schwankender; den Vollmond in seiner ganzen Herrlichkeit
neben dem Sprhfeuer des Vulkans, und nun die Lava, die neulich fehlte, auf
ihrem glhenden ernsten Wege. Ich htte noch hinausfahren sollen, aber die
Anstalten waren zu weitschichtig, ich wre erst am Morgen dort angekommen. Den
Anblick, wie ich ihn geno, wollte ich mir durch Ungeduld nicht verderben, ich
blieb auf dem Molo sitzen, bis mir ungeachtet des Zu- und Abstrmens der Menge,
ihres Deutens, Erzhlens, Vergleichens, Streitens, wohin die Lava strmen werde,
und was dergleichen Unfug noch mehr sein mochte, die Augen zufallen wollten.
Neapel, Sonnabend, den 2. Juni 1787.
Und so htte ich auch diesen schnen Tag zwar mit vorzglichen Personen
vergnglich und ntzlich, aber doch ganz gegen meine Absichten und mit schwerem
Herzen zugebracht. Sehnsuchtsvoll blickte ich nach dem Dampfe, der, den Berg
herab langsam nach dem Meer ziehend, den Weg bezeichnete, welchen die Lava
stndlich nahm. Auch der Abend sollte nicht frei sein. Ich hatte versprochen,
die Herzogin von Giovane zu besuchen, die auf dem Schlosse wohnte, wo man mich
denn viele Stufen hinauf durch manche Gnge wandern lie, deren oberste verengt
waren durch Kisten, Schrnke und alles Mifllige eines Hofgarderobewesens. Ich
fand in einem groen und hohen Zimmer, das keine sonderliche Aussicht hatte,
eine wohlgestaltete junge Dame von sehr zarter und sittlicher Unterhaltung. Als
einer gebornen Deutschen war ihr nicht unbekannt, wie sich unsere Literatur zu
einer freieren, weit umherblickenden Humanitt gebildet; Herders Bemhungen und
was ihnen hnelte, schtzte sie vorzglich, auch Garvens reiner Verstand hatte
ihr aufs innigste zugesagt. Mit den deutschen Schriftstellerinnen suchte sie
gleichen Schritt zu halten, und es lie sich wohl bemerken, da es ihr Wunsch
sei, eine gebte und belobte Feder zu fhren. Dahin bezogen sich ihre Gesprche
und verrieten zugleich die Absicht, auf die Tchter des hchsten Standes zu
wirken; ein solches Gesprch kennt keine Grenzen. Die Dmmerung war schon
eingebrochen, und man hatte noch keine Kerzen gebracht. Wir gingen im Zimmer auf
und ab, und sie, einer durch Lden verschlossenen Fensterseite sich nhernd,
stie einen Laden auf, und ich erblickte, was man in seinem Leben nur einmal
sieht. Tat sie es absichtlich, mich zu berraschen, so erreichte sie ihren Zweck
vollkommen. Wir standen an einem Fenster des oberen Geschosses, der Vesuv gerade
vor uns; die herabflieende Lava, deren Flamme bei lngst niedergegangener Sonne
schon deutlich glhte und ihren begleitenden Rauch schon zu vergolden anfing;
der Berg gewaltsam tobend, ber ihm eine ungeheure feststehende Dampfwolke, ihre
verschiedenen Massen bei jedem Auswurf blitzartig gesondert und krperhaft
erleuchtet. Von da herab bis gegen das Meer ein Streif von Gluten und glhenden
Dnsten; brigens Meer und Erde, Fels und Wachstum deutlich in der
Abenddmmerung, klar, friedlich, in einer zauberhaften Ruhe. Dies alles mit
einem Blick zu bersehen und den hinter dem Bergrcken hervortretenden Vollmond
als die Erfllung des wunderbarsten Bildes zu schauen, mute wohl Erstaunen
erregen.
Dies alles konnte von diesem Standpunkt das Auge mit einmal fassen, und wenn es
auch die einzelnen Gegenstnde zu mustern nicht imstande war, so verlor es doch
niemals den Eindruck des groen Ganzen. War unser Gesprch durch dieses
Schauspiel unterbrochen, so nahm es eine desto gemtlichere Wendung. Wir hatten
nun einen Text vor uns, welchen Jahrtausende zu kommentieren nicht hinreichen.
Je mehr die Nacht wuchs, desto mehr schien die Gegend an Klarheit zu gewinnen;
der Mond leuchtete wie eine zweite Sonne; die Sulen des Rauchs, dessen Streifen
und Massen durchleuchtet bis ins einzelne deutlich, ja, man glaubte mit halbweg
bewaffnetem Auge die glhend ausgeworfenen Felsklumpen auf der Nacht des
Kegelberges zu unterscheiden. Meine Wirtin, so will ich sie nennen, weil mir
nicht leicht ein kstlichers Abendmahl zubereitet war, lie die Kerzen an die
Gegenseite des Zimmers stellen, und die schne Frau, vom Monde beleuchtet, als
Vordergrund dieses unglaublichen Bildes, schien mir immer schner zu werden, ja
ihre Lieblichkeit vermehrte sich besonders dadurch, da ich in diesem sdlichen
Paradiese eine sehr angenehme deutsche Mundart vernahm. Ich verga, wie spt es
war, so da sie mich zuletzt aufmerksam machte, sie msse mich, wiewohl ungerne,
entlassen, die Stunde nahe schon, wo ihre Galerien klostermig verschlossen
wrden. Und so schied ich zaudernd von der Ferne und von der Nhe, mein Geschick
segnend, das mich fr die widerwillige Artigkeit des Tages noch schn am Abend
belohnt hatte. Unter den freien Himmel gelangt, sagte ich mir vor, da ich in
der Nhe dieser grern Lava doch nur die Wiederholung jener kleinern wrde
gesehen haben, und da mir ein solcher berblick, ein solcher Abschied aus
Neapel nicht anders als auf diese Weise htte werden knnen. Anstatt nach Hause
zu gehen, richtete ich meine Schritte nach dem Molo, um das groe Schauspiel mit
einem andern Vordergrund zu sehen; aber ich wei nicht, ob die Ermdung nach
einem so reichen Tage oder ein Gefhl, da man das letzte, schne Bild nicht
verwischen msse, mich wieder nach Moriconi zurckzog, wo ich denn auch Kniepen
fand, der aus seinem neu bezognen Quartier mir einen Abendbesuch abstattete. Bei
einer Flasche Wein besprachen wir unsere knftigen Verhltnisse; ich konnte ihm
zusagen, da er, sobald ich etwas von seinen Arbeiten in Deutschland vorzeigen
knne, gewi dem trefflichen Herzog Ernst von Gotha empfohlen sein und von dort
Bestellungen erhalten wrde. Und so schieden wir mit herzlicher Freude, mit
sicherer Aussicht knftiger wechselseitig wirkender Ttigkeit.
Neapel, Sonntag, den 3. Juni 1787. Dreieinigkeitsfest.
Und so fuhr ich denn durch das unendliche Leben dieser unvergleichlichen Stadt,
die ich wahrscheinlich nicht wiedersehen sollte, halb betubt hinaus; vergngt
jedoch, da weder Reue noch Schmerz hinter mir blieb. Ich dachte an den guten
Kniep und gelobte ihm auch in der Ferne meine beste Vorsorge.
An den uersten Polizeischranken der Vorstadt strte mich einen Augenblick ein
Marqueur, der mir freundlich ins Gesicht sah, aber schnell wieder hinwegsprang.
Die Zollmnner waren noch nicht mit dem Vetturin fertig geworden, als aus der
Kaffeebudentre, die grte chinesische Tasse voll schwarzen Kaffee auf einem
Prsentierteller tragend, Kniep heraustrat. Er nahte sich dem Wagenschlag
langsam mit einem Ernst, der, von Herzen gehend, ihn sehr gut kleidete. Ich war
erstaunt und gerhrt, eine solche erkenntliche Aufmerksamkeit hat nicht
ihresgleichen. Sie haben, sagte er, mir so viel Liebes und Gutes, auf mein
ganzes Leben Wirksames erzeigt, da ich Ihnen hier ein Gleichnis anbieten
mchte, was ich Ihnen verdanke.
Da ich in solchen Gelegenheiten ohnehin keine Sprache habe, so brachte ich nur
sehr lakonisch vor, da er durch seine Ttigkeit mich schon zum Schuldner
gemacht und durch Benutzung und Bearbeitung unserer gemeinsamen Schtze mich
noch immer mehr verbinden werde.
Wir schieden, wie Personen selten voneinander scheiden, die sich zufllig auf
kurze Zeit verbunden. Vielleicht htte man viel mehr Dank und Vorteil vom Leben,
wenn man sich wechselsweise gerade heraus sprche, was man voneinander erwartet.
Ist das geleistet, so sind beide Teile zufrieden, und das Gemtliche, was das
Erste und Letzte von allem ist, erscheint als reine Zugabe.
Unterwegs, am 4., 5. und 6. Juni.
Da ich diesmal allein reise, habe ich Zeit genug, die Eindrcke der vergangenen
Monate wieder hervorzurufen; es geschieht mit vielem Behagen. Und doch tritt gar
oft das Lckenhafte der Bemerkungen hervor, und wenn die Reise dem, der sie
vollbracht hat, in einem Flusse vorberzuziehen scheint und in der
Einbildungskraft als eine stetige Folge hervortritt, so fhlt man doch, da eine
eigentliche Mitteilung unmglich sei. Der Erzhlende mu alles einzeln
hinstellen: wie soll daraus in der Seele des Dritten ein Ganzes gebildet werden?
Deshalb konnte mir nichts Trstlicheres und Erfreulicheres begegnen als die
Versicherungen eurer letzten Briefe, da ihr euch fleiig mit Italien und
Sizilien beschftigt, Reisebeschreibungen leset und Kupferwerke betrachtet; das
Zeugnis, da dadurch meine Briefe gewinnen, ist mein hchster Trost. Httet ihr
es frher getan oder ausgesprochen, ich wre noch eifriger gewesen, als ich war.
Da treffliche Mnner wie Bartels, Mnter, Architekten verschiedener Nationen
vor mir hergingen, die gewi uere Zwecke sorgfltiger verfolgten als ich, der
ich nur die innerlichsten im Auge hatte, hat mich oft beruhigt, wenn ich alle
meine Bemhungen fr unzulnglich halten mute.
berhaupt, wenn jeder Mensch nur als ein Supplement aller brigen zu betrachten
ist und am ntzlichsten und liebenswrdigsten erscheint, wenn er sich als einen
solchen gibt, so mu dieses vorzglich von Reiseberichten und Reisenden gltig
sein. Persnlichkeit, Zwecke, Zeitverhltnisse, Gunst und Ungunst der
Zuflligkeiten, alles zeigt sich bei einem jeden anders. Kenn' ich seine
Vorgnger, so werd' ich auch an ihm mich freuen, mich mit ihm behelfen, seinen
Nachfolger erwarten und diesem, wre mir sogar inzwischen das Glck geworden,
die Gegend selbst zu besuchen, gleichfalls freundlich begegnen.

Zweiter Rmischer Aufenthalt
vom Juni 1787 bis April 1788
Longa sit huic aetas dominaeque potentia terrae,
Sitque sub hac oriens occiduusque dies.
Juni
Korrespondenz
Rom, den 8. Juni 1787
Vorgestern bin ich glcklich wieder hier angelangt, und gestern hat der
feierliche Fronleichnamstag mich sogleich wieder zum Rmer eingeweiht. Gern will
ich gestehen, meine Abreise von Neapel machte mir einige Pein; nicht sowohl die
herrliche Gegend als eine gewaltige Lava hinter mir lassend, die von dem Gipfel
aus ihren Weg nach dem Meere zu nahm, die ich wohl htte in der Nhe betrachten,
deren Art und Weise, von der man so viel gelesen und erzhlt hat, ich in meine
Erfahrungen htte mit aufnehmen sollen.

Goethe auf zurckgelehntem Stuhl. Zeichnung von Tischbein

Heute jedoch ist meine Sehnsucht nach dieser groen Naturszene schon wieder ins
gleiche gebracht; nicht sowohl das fromme Festgewirre, das bei einem imposanten
Ganzen doch hie und da durch abgeschmacktes Einzelne den innern Sinn verletzt,
sondern die Anschauung der Teppiche nach Raffaels Kartonen hat mich wieder in
den Kreis hherer Betrachtungen zurckgefhrt. Die vorzglichsten, die ihm am
gewissesten ihren Ursprung verdanken, sind zusammen ausgebreitet, andere,
wahrscheinlich von Schlern, Zeit- und Kunstgenossen erfundene, schlieen sich
nicht unwrdig an und bedecken die grenzenlosen Rume.
Rom, den 16. Juni.
Lat mich auch wieder, meine Lieben, ein Wort zu euch reden. Mir geht es sehr
wohl, ich finde mich immer mehr in mich zurck und lerne unterscheiden, was mir
eigen und was mir fremd ist. Ich bin fleiig und nehme von allen Seiten ein und
wachse von innen heraus. Diese Tage war ich in Tivoli und habe eins der ersten
Naturschauspiele gesehen. Es gehren die Wasserflle dort mit den Ruinen und dem
ganzen Komplex der Landschaft zu denen Gegenstnden, deren Bekanntschaft uns im
tiefsten Grunde reicher macht.
Am letzten Posttage habe ich versumt zu schreiben. In Tivoli war ich sehr mde
vom Spazierengehen und vom Zeichnen in der Hitze. Ich war mit Herrn Hackert
drauen, der eine unglaubliche Meisterschaft hat, die Natur abzuschreiben und
der Zeichnung gleich eine Gestalt zu geben. Ich habe in diesen wenigen Tagen
viel von ihm gelernt.

Die Maecenasvilla in Tivoli. Zeichnung von Hackert

Weiter mag ich gar nichts sagen. Das ist wieder ein Gipfel irdischer Dinge. Ein
sehr komplizierter Fall in der Gegend bringt die herrlichsten Wirkungen hervor.
Herr Hackert hat mich gelobt und getadelt und mir weiter geholfen. Er tat mir
halb im Scherz, halb im Ernst den Vorschlag, achtzehn Monate in Italien zu
bleiben und mich nach guten Grundstzen zu ben; nach dieser Zeit, versprach er
mir, sollte ich Freude an meinen Arbeiten haben. Ich sehe auch wohl, was und wie
man studieren mu, um ber gewisse Schwierigkeiten hinauszukommen, unter deren
Last man sonst sein ganzes Leben hinkriecht.
Noch eine Bemerkung. Jetzt fangen erst die Bume, die Felsen, ja Rom selbst an,
mir lieb zu werden; bisher hab' ich sie immer nur als fremd gefhlt; dagegen
freuten mich geringe Gegenstnde, die mit denen hnlichkeit hatten, die ich in
der Jugend sah. Nun mu ich auch erst hier zu Hause werden, und doch kann ich's
nie so innig sein als mit jenen ersten Gegenstnden des Lebens. Ich habe
verschiednes bezglich auf Kunst und Nachahmung bei dieser Gelegenheit gedacht.
Whrend meiner Abwesenheit hatte Tischbein ein Gemlde von Daniel von Volterra
im Kloster an der Porta del Popolo entdeckt; die Geistlichen wollten es fr
tausend Skudi hergeben, welche Tischbein als Knstler nicht aufzutreiben wute.
Er machte daher an Madame Angelika durch Meyer den Vorschlag, in den sie
willigte, gedachte Summe auszahlte, das Bild zu sich nahm und spter Tischbein
die ihm kontraktmige Hlfte um ein Namhaftes abkaufte. Es war ein
vortreffliches Bild, die Grablegung vorstellend, mit vielen Figuren. Eine von
Meyer darnach sorgfltig hergestellte Zeichnung ist noch vorhanden.
Rom, den 20. Juni.
Nun hab' ich hier schon wieder treffliche Kunstwerke gesehen, und mein Geist
reinigt und bestimmt sich. Doch brauchte ich wenigstens noch ein Jahr allein in
Rom, um nach meiner Art den Aufenthalt nutzen zu knnen, und ihr wit, ich kann
nichts auf andre Art. Jetzt, wenn ich scheide, werde ich nur wissen, welcher
Sinn mir noch nicht aufgegangen ist, und so sei es denn eine Weile genug.
Der Herkules Farnese ist fort, ich hab' ihn noch auf seinen echten Beinen
gesehen, die man ihm nach so langer Zeit wiedergab. Nun begreift man nicht, wie
man die ersten, von Porta, hat so lange gut finden knnen. Es ist nun eins der
vollkommensten Werke alter Zeit. In Neapel wird der Knig ein Museum bauen
lassen, wo alles, was er von Kunstsachen besitzt, das Herkulanische Museum, die
Gemlde von Pompeji, die Gemlde von Capo di Monte, die ganze farnesische
Erbschaft, vereinigt aufgestellt werden sollen. Es ist ein groes und schnes
Unternehmen. Unser Landsmann Hackert ist die erste Triebfeder dieses Werks.
Sogar der Toro Farnese soll nach Neapel wandern und dort auf der Promenade
aufgestellt werden. Knnten sie die Carraccische Galerie aus dem Palaste
mitnehmen, sie tten's auch.
Rom, den 27. Juni.
Ich war mit Hackert in der Galerie Colonna, wo Poussins, Claudes, Salvator Rosas
Arbeiten zusammen hngen. Er sagte mir viel Gutes und grndlich Gedachtes ber
diese Bilder, er hat einige davon kopiert und die andern recht aus dem Fundament
studiert. Es freute mich, da ich im allgemeinen bei den ersten Besuchen in der
Galerie eben dieselbe Vorstellung gehabt hatte. Alles, was er mir sagte, hat
meine Begriffe nicht gendert, sondern nur erweitert und bestimmt. Wenn man nun
gleich wieder die Natur ansehn und wieder finden und lesen kann, was jene
gefunden und mehr oder weniger nachgeahmt haben, das mu die Seele erweitern,
reinigen und ihr zuletzt den hchsten anschauenden Begriff von Natur und Kunst
geben. Ich will auch nicht mehr ruhen, bis mir nichts mehr Wort und Tradition,
sondern lebendiger Begriff ist. Von Jugend auf war mit dieses mein Trieb und
meine Plage, jetzt, da das Alter kommt, will ich wenigstens das Erreichbare
erreichen und das Tunliche tun, da ich so lange verdient und unverdient das
Schicksal des Sisyphus und Tantalus erduldet habe.
Bleibt in der Liebe und Glauben an mich. Mit den Menschen hab' ich jetzt ein
leidlich Leben und eine gute Art Offenheit, ich bin wohl und freue mich meiner
Tage.
Tischbein ist sehr brav, doch frchte ich, er wird nie in einen solchen Zustand
kommen, in welchem er mit Freude und Freiheit arbeiten kann. Mndlich mehr von
diesem auch wunderbaren Menschen. Mein Portrt wird glcklich, es gleicht sehr,
und der Gedanke gefllt jedermann; Angelika malt mich auch, daraus wird aber
nichts. Es verdriet sie sehr, da es nicht gleichen und werden will. Es ist
immer ein hbscher Bursche, aber keine Spur von mir.
Rom, den 30. Juni.
Das groe Fest St. Peter und Paul ist endlich auch herangekommen; gestern haben
wir die Erleuchtung der Kuppel und das Feuerwerk vom Kastell gesehn. Die
Erleuchtung ist ein Anblick wie ein ungeheures Mrchen, man traut seinen Augen
nicht. Da ich neuerdings nur die Sachen und nicht wie sonst bei und mit den
Sachen sehe, was nicht da ist, so mssen mir so groe Schauspiele kommen, wenn
ich mich freuen soll. Ich habe auf meiner Reise etwa ein halb Dutzend gezhlt,
und dieses darf allerdings unter den ersten stehn. Die schne Form der
Kolonnade, der Kirche und besonders der Kuppel erst in einem feurigen Umrisse
und, wenn die Stunde vorbei ist, in einer glhenden Masse zu sehn, ist einzig
und herrlich. Wenn man bedenkt, da das ungeheure Gebude in diesem Augenblick
nur zum Gerste dient, so wird man wohl begreifen, da etwas hnliches in der
Welt nicht sein kann. Der Himmel war rein und hell, der Mond schien und dmpfte
das Feuer der Lampen zum angenehmen Schein, zuletzt aber, wie alles durch die
zweite Erleuchtung in Glut gesetzt wurde, ward das Licht des Mondes ausgelscht.
Das Feuerwerk ist wegen des Ortes schn, doch lange nicht verhltnismig zur
Erleuchtung. Heute abend sehen wir beides noch einmal.
Auch das ist vorber. Es war ein schner klarer Himmel und der Mond voll,
dadurch ward die Erleuchtung sanfter, und es sah ganz aus wie ein Mrchen. Die
schne Form der Kirche und der Kuppel gleichsam in einem feurigen Aufri zu
sehen, ist ein groer und reizender Anblick.
Rom, Ende Juni.
Ich habe mich in eine zu groe Schule begeben, als da ich geschwind wieder aus
der Lehre gehen drfte. Meine Kunstkenntnisse, meine kleinen Talente mssen hier
ganz durchgearbeitet, ganz reif werden, sonst bring' ich wieder euch einen
halben Freund zurck, und das Sehnen, Bemhen, Krabbeln und Schleichen geht von
neuem an. Ich wrde nicht fertig werden, wenn ich euch erzhlen sollte, wie mir
auch wieder alles diesen Monat hier geglckt ist, ja, wie mir alles auf einem
Teller ist prsentiert worden, was ich nur gewnscht habe. Ich habe ein schnes
Quartier, gute Hausleute. Tischbein geht nach Neapel, und ich beziehe sein
Studium, einen groen khlen Saal. Wenn ihr mein gedenkt, so denkt an mich als
an einen Glcklichen; ich will oft schreiben, und so sind und bleiben wir
zusammen.
Auch neue Gedanken und Einflle hab' ich genug, ich finde meine erste Jugend bis
auf Kleinigkeiten wieder, indem ich mir selbst berlassen bin, und dann trgt
mich die Hhe und Wrde der Gegenstnde wieder so hoch und weit, als meine
letzte Existenz nur reicht. Mein Auge bildet sich unglaublich, und meine Hand
soll nicht ganz zurckbleiben. Es ist nur ein Rom in der Welt, und ich befinde
mich hier wie der Fisch im Wasser und schwimme oben wie eine Stckkugel im
Quecksilber, die in jedem andern Fluidum untergeht. Nichts trbt die Atmosphre
meiner Gedanken, als da ich mein Glck nicht mit meinen Geliebten teilen kann.
Der Himmel ist jetzt herrlich heiter, so da Rom nur morgens und abends einigen
Nebel hat. Auf den Gebirgen aber, Albano, Castello, Frascati, wo ich vergangene
Woche drei Tage zubrachte, ist eine immer heitre reine Luft. Da ist eine Natur
zu studieren.

Blick vom Pincio in Rom. Zeichnung von Goethe

Bemerkung
Indem ich nun meine Mitteilungen den damaligen Zustnden, Eindrcken und
Gefhlen gem einrichten mchte und daher aus eigenen Briefen, welche freilich
mehr als irgendeine sptere Erzhlung das Eigentmliche des Augenblicks
darstellen, die allgemein interessanten Stellen auszuziehen anfange, so find'
ich auch Freundesbriefe mir unter der Hand, welche hiezu noch vorzglicher
dienen mchten. Deshalb ich denn solche briefliche Dokumente hie und da
einzuschalten mich entschliee und hier sogleich damit beginne, von dem aus Rom
scheidenden, in Neapel anlangenden Tischbein die lebhaftesten Erzhlungen
einzufhren. Sie gewhren den Vorteil, den Leser sogleich in jene Gegenden und
in die unmittelbarsten Verhltnisse der Personen zu versetzen, besonders auch
den Charakter des Knstlers aufzuklren, der so lange bedeutend gewirkt, und,
wenn er auch mitunter gar wunderlich erscheinen mochte, doch immer so in seinem
Bestreben als in seinem Leisten ein dankbares Erinnern verdient.

Tischbein an Goethe

Neapel, den 10. Juli 1787.
Unsere Reise von Rom bis Capua war sehr glcklich und angenehm. In Albano kam
Hackert zu uns; in Velletri speisten wir bei Kardinal Borgia und besahen dessen
Museum, zu meinem besondern Vergngen, weil ich manches bemerkte, das ich im
ersten Mal bergangen hatte. Um drei Uhr nachmittags reisten wir wieder ab,
durch die pontinischen Smpfe, die mir dieses Mal auch viel besser gefielen als
im Winter, weil die grnen Bume und Hecken diesen groen Ebenen eine anmutige
Verschiedenheit geben. Wir fanden uns kurz vor der Abenddmmerung in Mitte der
Smpfe, wo die Post wechselt. Whrend der Zeit aber, als die Postillons alle
Beredsamkeit anwendeten, uns Geld abzuntigen, fand ein mutiger Schimmelhengst
Gelegenheit, sich loszureien und fortzurennen; das gab ein Schauspiel, welches
uns viel Vergngen machte. Es war ein schneeweies schnes Pferd von prchtiger
Gestalt; er zerri die Zgel, womit er angebunden war, hackte mit den
Vorderfen nach dem, der ihn aufhalten wollte, schlug hinten aus und machte ein
solches Geschrei mit Wiehern, da alles aus Furcht beiseitetrat. Nun sprang er
bern Graben und galoppierte ber das Feld, bestndig schnaubend und wiehernd.
Schweif und Mhnen flatterten hoch in die Luft auf, und seine Gestalt in freier
Bewegung war so schn, da alles ausrief: O che bellezze! che bellezze! Dann
lief er nah an einem andern Graben hin und wider und suchte eine schmale Stelle,
um berzuspringen und zu den Fohlen und Stuten zu kommen, deren viele hundert
jenseits weideten. Endlich gelang es ihm, hinberzuspringen, und nun setzte er
unter die Stuten, die ruhig graseten. Die erschraken vor seiner Wildheit und
seinem Geschrei, liefen in langer Reihe und flohen ber das flache Feld vor ihm
hin; er aber immer hintendrein, indem er aufzuspringen versuchte.
Endlich trieb er eine Stute abseits; die eilte nun auf ein ander Feld zu einer
andern zahlreichen Versammlung von Stuten. Auch diese, von Schrecken ergriffen,
schlugen hinber zu dem ersten Haufen. Nun war das Feld schwarz von Pferden, wo
der weie Hengst immer drunter herumsprang, alles in Schrecken und Wildheit. Die
Herde lief in langen Reihen auf dem Felde hin und her, es sauste die Luft und
donnerte die Erde, wo die Kraft der schweren Pferde berhinflog. Wir sahen lange
mit Vergngen zu, wie der Trupp von so vielen Hunderten auf dem Feld
herumgaloppierte, bald in einem Klump, bald geteilt, jetzt zerstreut einzeln
umherlaufend, bald in langen Reihen ber den Boden hinrennend.
Endlich beraubte uns die Dunkelheit der einbrechenden Nacht dieses einzigen
Schauspiels, und als der klarste Mond hinter den Bergen aufstieg, verlosch das
Licht unsrer angezndeten Laternen. Doch da ich mich lange an seinem sanften
Schein vergngt hatte, konnte ich mich des Schlafs nicht mehr erwehren, und mit
aller Furcht vor der ungesunden Luft schlief ich lnger als eine Stunde und
erwachte nicht eher, bis wir zu Terracina ankamen, wo wir die Pferde wechselten.
Hier waren die Postillons sehr artig, wegen der Furcht, welche ihnen der
Marchese Lucchesini eingejagt hatte; sie gaben uns die besten Pferde und Fhrer,
weil der Weg zwischen den groen Klippen und dem Meer gefhrlich ist. Hier sind
schon manche Unglcke geschehen, besonders nachts, wo die Pferde leicht scheu
werden. Whrend des Anspannens und indessen man den Pa an die letzte rmische
Wache vorzeigte, ging ich zwischen den hohen Felsen und dem Meer spazieren und
erblickte den grten Effekt: der dunkle Fels vom Mond glnzend erleuchtet, der
eine lebhaft flimmernde Sule in das blaue Meer warf und bis auf die am Ufer
schwankenden Wellen heranflimmerte.
Da oben auf der Zinne des Berges im dmmernden Blau lagen die Trmmer von
Genserichs zerfallener Burg; sie machte mich an vergangene Zeiten denken, ich
fhlte des unglcklichen Konradins Sehnsucht, sich zu retten, wie des Cicero und
des Marius, die sich alle in dieser Gegend gengstigt hatten.
Schn war es nun fernerhin an dem Berg, zwischen den groen herabgerollten
Felsenklumpen am Saume des Meers im Mondenlicht herzufahren. Deutlich beleuchtet
waren die Gruppen der Olivenbume, Palmen und Pinien bei Fondi; aber die Vorzge
der Zitronenwlder vermite man, sie stehen nur in ihrer ganzen Pracht, wenn die
Sonne auf die goldglnzenden Frchte scheint. Nun ging es ber den Berg, wo die
vielen Oliven- und Johannisbrotbume stehen, und es war schon Tag geworden, als
wir bei den Ruinen der antiken Stadt, wo die vielen berbleibsel von Grabmlern
sind, ankamen. Das grte darunter soll dem Cicero errichtet worden sein, eben
an dem Ort, wo er ermordet worden. Es war schon einige Stunden Tag, als wir an
den erfreulichen Meerbusen zu Mola di Gaeta ankamen. Die Fischer mit ihrer Beute
kehrten schon wieder zurck, das machte den Strand sehr lebhaft. Einige trugen
die Fische und Meerfrchte in Krben weg, die andern bereiteten die Garne schon
wieder auf einen knftigen Fang. Von da fuhren wir nach Garigliano, wo Cavaliere
Venuti graben lt. Hier verlie uns Hackert, denn er eilte nach Caserta, und
wir gingen abwrts von der Strae herunter an das Meer, wo ein Frhstck fr uns
bereitet war, welches wohl fr ein Mittagessen gelten konnte. Hier waren die
ausgegrabenen Antiken aufgehoben, die aber jmmerlich zerschlagen sind. Unter
andern schnen Sachen findet sich ein Bein von einer Statue, die dem Apoll von
Belvedere nicht viel nachgeben mag. Es wr' ein Glck, wenn man das brige dazu
fnde.
Wir hatten uns aus Mdigkeit etwas schlafen gelegt, und da wir wieder erwachten,
fanden wir uns in Gesellschaft einer angenehmen Familie, die in dieser Gegend
wohnt und hierher gekommen war, um uns ein Mittagsmahl zu geben; welche
Aufmerksamkeit wir freilich Herrn Hackert schuldig sein mochten, der sich aber
schon entfernt hatte. Es stand also wieder aufs neue ein Tisch bereitet; ich
aber konnte nicht essen noch sitzenbleiben, so gut auch die Gesellschaft war,
sondern ging am Meer spazieren zwischen den Steinen, worunter sich sehr
wunderliche befanden, besonders vieles durch Meerinsekten durchlchert, deren
einige aussahen wie ein Schwamm.
Hier begegnete mir auch etwas recht Vergngliches: ein Ziegenhirt trieb an den
Strand des Meeres; die Ziegen kamen in das Wasser und khlten sich ab. Nun kam
auch der Schweinehirt dazu, und unter der Zeit, da die beiden Herden sich in
den Wellen erfrischten, setzten sich beide Hirten in den Schatten und machten
Musik; der Schweinehirt auf einer Flte, der Ziegenhirt auf dem Dudelsack.
Endlich ritt ein erwachsener Knabe nackend heran und ging so tief in das Wasser,
so tief, da das Pferd mit ihm schwamm. Das sah nun gar schn aus, wenn der
wohlgewachsene Junge so nah ans Ufer kam, da man seine ganze Gestalt sah, und
er sodann wieder in das tiefe Meer zurckkehrte, wo man nichts weiter sah als
den Kopf des schwimmenden Pferdes, ihn aber bis an die Schultern.
Um drei Uhr nachmittags fuhren wir weiter, und als wir Capua drei Meilen hinter
uns gelassen hatten, es war schon eine Stunde in der Nacht, zerbrachen wir das
Hinterrad unsres Wagens. Das hielt uns einige Stunden auf, um ein andres an die
Stelle zu nehmen. Da aber dieses geschehen war und wir abermals einige Meilen
zurckgelegt hatten, brach die Achse. Hierber wurden wir sehr verdrielich; wir
waren so nah bei Neapel und konnten doch unsre Freunde nicht sprechen. Endlich
langten wir einige Stunden nach Mitternacht daselbst an, wo wir noch so viele
Menschen auf der Strae fanden, als man in einer andern Stadt kaum um Mittag
findet.
Hier hab' ich nun alle unsre Freunde gesund und wohl angetroffen, die sich alle
freuten, dasselbe von Ihnen zu hren. Ich wohne bei Herrn Hackert im Hause;
vorgestern war ich mit Ritter Hamilton zu Pausilipo auf seinem Lusthause. Da
kann man denn freilich nichts Herrlicheres auf Gottes Erdboden schauen. Nach
Tische schwammen ein Dutzend Jungen in dem Meere, das war schn anzusehen. Die
vielen Gruppen und Stellungen, welche sie in ihren Spielen machten! Er bezahlt
sie dafr, damit er jeden Nachmittag diese Lust habe. Hamilton gefllt mir
auerordentlich wohl; ich sprach vieles mit ihm, sowohl hier im Haus, als auch
da wir auf dem Meer spazierenfuhren. Es freute mich auerordentlich, so viel von
ihm zu erfahren, und hoffe noch viel Gutes von diesem Manne. Schreiben Sie mir
doch die Namen Ihrer brigen hiesigen Freunde, damit ich auch sie kennen lernen
und gren kann. Bald sollen Sie mehreres von hier vernehmen. Gren Sie alle
Freunde, besonders Angelika und Reiffenstein.
N. S. Ich finde es in Neapel sehr viel heier als in Rom, nur mit dem
Unterschied, da die Luft gesnder ist und auch bestndig etwas frischer Wind
weht, aber die Sonne hat viel mehr Kraft; die ersten Tage war es mir fast
unertrglich. Ich habe blo von Eis- und Schneewasser gelebt.
Spter, ohne Datum.
Gestern htt' ich Sie in Neapel gewnscht: einen solchen Lrmen, eine solche
Volksmenge, die nur da war, um Ewaren einzukaufen, hab' ich in meinem Leben
nicht gesehen; aber auch so viele dieser Ewaren sieht man nie wieder beisammen.
Von allen Sorten war die groe Strae Toledo fast bedeckt. Hier bekommt man erst
eine Idee von einem Volk, das in einer so glcklichen Gegend wohnt, wo die
Jahreszeit tglich Frchte wachsen lt. Denken Sie sich, da heute 500 000
Menschen im Schmausen begriffen sind und das auf Neapolitaner Art. Gestern und
heute war ich an einer Tafel, wo gefressen ist worden, da ich erstaunt bin; ein
sndiger berflu war da. Kniep sa auch dabei und bernahm sich so, von allen
den leckern Speisen zu essen, da ich frchtete, er platze; aber ihn rhrte es
nicht, und er erzhlte dabei immer von dem Appetit, den er auf dem Schiff und in
Sizilien gehabt habe, indessen Sie fr Ihr gutes Geld, teils aus belbefinden,
teils aus Vorsatz, gefastet und so gut als gehungert.
Heute ist schon alles aufgefressen worden, was gestern verkauft wurde, und man
sagt, morgen sei die Strae wieder so voll, als sie gestern war. Toledo scheint
ein Theater, wo man den berflu zeigen will. Die Butiken sind alle ausgeziert
mit Ewaren, die sogar ber die Strae in Girlanden hinberhngen, die Wrstchen
zum Teil vergoldet und mit roten Bndern gebunden; die welschen Hahnen haben
alle eine rote Fahne im Hintern stecken, deren sind gestern dreiigtausend
verkauft worden, dazu rechne man die, welche die Leute im Hause fett machen. Die
Zahl der Esel mit Kapaunen beladen sowie der andern mit kleinen Pomeranzen
belastet, die groen auf dem Pflaster aufgeschtteten Haufen solcher Goldfrchte
erschreckten einen. Aber am schnsten mchten doch die Butiken sein, wo grne
Sachen verkauft werden, und die, wo Rosinentrauben, Feigen und Melonen
ausgesetzt sind: alles so zierlich zur Schau geordnet, da es Auge und Herz
erfreut. Neapel ist ein Ort, wo Gott hufig seinen Segen gibt fr alle Sinne.
Spter, ohne Datum.
Hier haben Sie eine Zeichnung von den Trken, die hier gefangen liegen. Der
Herkules, wie es erst hie, hat sie nicht genommen, sondern ein Schiff,
welches die Korallenfischer begleitete. Die Trken sahen dieses christliche
Fahrzeug und machten sich dran, um es wegzunehmen, aber sie fanden sich
betrogen; denn die Christen waren strker, und so wurden sie berwltigt und
gefangen hierher gefhrt. Es waren dreiig Mann auf dem christlichen Schiffe,
vierundzwanzig auf dem trkischen; sechs Trken blieben im Gefechte, einer ist
verwundet. von den Christen ist kein einziger geblieben, die Madonna hat sie
beschtzt.
Der Schiffer hat eine groe Beute gemacht; er fand sehr viel Geld und Waren,
Seidenzeug und Kaffee, auch einen reichen Schmuck, welcher einer jungen Mohrin
gehrte.
Es war merkwrdig, die vielen tausend Menschen zu sehen, welche Kahn an Kahn
dahinfuhren, um die Gefangenen zu beschauen, besonders die Mohrin. Es fanden
sich verschiedene Liebhaber, die sie kaufen wollten und viel Geld boten, aber
der Kapitn will sie nicht weggeben.
Ich fuhr alle Tage hin und fand einmal den Ritter Hamilton und Mi Hart, die
sehr gerhrt war und weinte. Da das die Mohrin sah, fing sie auch an zu weinen;
die Mi wollte sie kaufen, der Kapitn aber hartnckig sie nicht hergeben. Jetzo
sind sie nicht mehr hier; die Zeichnung besagt das Weitere.

Nachtrag
Ppstliche Teppiche
Die groe Aufopferung, zu der ich mich entschlo, eine von dem Gipfel des Bergs
bis beinahe ans Meer herabstrmende Lava hinter mir zu lassen, ward mir durch
den erreichten Zweck reichlich vergolten, durch den Anblick der Teppiche,
welche, am Fronleichnamstag aufgehngt, uns an Raffael, seine Schler, seine
Zeit auf das glnzendste erinnerten.
In den Niederlanden hatte das Teppichwirken mit stehendem Zettel, Hautelisse
genannt, sich schon auf den hchsten Grad erhoben. Es ist mir nicht bekannt
geworden, wie sich nach und nach die Fertigung der Teppiche entwickelt und
gesteigert hat. In dem zwlften Jahrhundert mag man noch die einzelnen Figuren
durch Stickerei oder auf sonst eine Weise fertig gemacht und sodann durch
besonders gearbeitete Zwischenstcke zusammengesetzt haben. Dergleichen finden
wir noch ber den Chorsthlen alter Domkirchen, und hat die Arbeit etwas
hnliches mit den bunten Fensterscheiben, welche auch zuerst aus ganz kleinen
farbigen Glasstckchen ihre Bilder zusammengesetzt haben. Bei den Teppichen
vertrat Nadel und Faden das Lot und die Zinnstbchen. Alle frhen Anfnge der
Kunst und Technik sind von dieser Art; wir haben kostbare chinesische Teppiche,
auf gleiche Weise gefertigt, vor Augen gehabt.
Wahrscheinlich durch orientalische Muster veranlat, hatte man in den handels-
und prachtreichen Niederlanden zu Anfang des sechzehnten Jahrhunderts diese
kunstreiche Technik schon aufs Hchste getrieben; dergleichen Arbeiten gingen
schon wieder nach dem Orient zurck und waren gewi auch in Rom bekannt,
wahrscheinlich nach unvollkommenen, in byzantinischem Sinne gemodelten Mustern
und Zeichnungen. Der groe und in manchem, besonders auch sthetischem Sinn
freie Geist Leo X. mochte nun auch, was er auf Wnden abgebildet sah,
gleichmig frei und gro in seiner Umgebung auf Teppichen erblicken, und auf
seine Veranlassung fertigte Raffael die Kartone: glcklicherweise solche
Gegenstnde, welche Christi Bezug zu seinen Aposteln, sodann aber die Wirkungen
solcher begabten Mnner nach dem Heimgange des Meisters vorstellten.
Am Fronleichnamstage nun lernte man erst die wahre Bestimmung der Teppiche
kennen, hier machten sie Kolonnaden und offene Rume zu prchtigen Slen und
Wandelgngen, und zwar indem sie das Vermgen des begabtesten Mannes uns
entschieden vor Augen stellen und uns das glcklichste Beispiel geben, wo Kunst
und Handwerk in beiderseitiger Vollendung sich auf ihrem hchsten Punkte
lebendig begegnen.
Die Raffaelischen Kartone, wie sie bis jetzt in England verwahrt sind, bleiben
noch immer die Bewunderung der Welt; einige rhren gewi von dem Meister allein
her, andere mgen nach seinen Zeichnungen, seiner Angabe, andere sogar erst
nachdem er abgeschieden war, gefertigt sein. Alles bezeugte groe
bereintreffende Kunstbestimmung, und die Knstler aller Nationen strmten hier
zusammen, um ihren Geist zu erheben und ihre Fhigkeiten zu steigern.
Dies gibt uns Veranlassung, ber die Tendenz der deutschen Knstler zu denken,
welche Hochschtzung und Neigung gegen seine ersten Werke hinzog und wovon schon
damals leise Spuren sich bemerken lieen.
Mit einem talentreichen zarten Jngling, der im Sanften, Anmutigen, Natrlichen
verweilt, fhlt man sich in jeder Kunst nher verwandt, man wagt es zwar nicht,
sich mit ihm zu vergleichen, doch im stillen mit ihm zu wetteifern, von sich zu
hoffen, was er geleistet hat.
Nicht mit gleichem Behagen wenden wir uns an den vollendeten Mann; denn wir
ahnen die furchtbaren Bedingungen, unter welchen allein sich selbst das
entschiedenste Naturell zum Letztmglichen des Gelingens erheben kann, und
wollen wir nicht verzweifeln, so mssen wir uns zurckwenden und uns mit dem
Strebenden, dem Werdenden vergleichen.
Dies ist die Ursache, warum die deutschen Knstler Neigung, Verehrung, Zutrauen
zu dem lteren, Unvollkommenen wendeten, weil sie sich daneben auch fr etwas
halten konnten und sich mit der Hoffnung schmeicheln durften, das in ihrer
Person zu leisten, wozu dennoch eine Folge von Jahrhunderten erforderlich
gewesen.
Kehren wir zu Raffaels Kartonen zurck und sprechen aus, da sie alle mnnlich
gedacht sind; sittlicher Ernst, ahnungsvolle Gre walten berall, und obgleich
hie und da geheimnisvoll, werden sie doch denjenigen durchaus klar, welche von
dem Abschiede des Erlsers und den wundervollen Gaben, die er seinen Jngern
hinterlie, aus den heiligen Schriften genugsam unterrichtet sind.
Nehmen wir vor allen die Beschmung und Bestrafung des Ananias vor Augen, da uns
denn jederzeit der kleine, dem Mark Anton nicht unbillig zugeschriebene
Kupferstich, nach einer ausfhrlichen Zeichnung Raffaels, die Nachbildung der
Kartone von Dorigny und die Vergleichung beider hinlnglichen Dienst leisten.
Wenig Kompositionen wird man dieser an die Seite setzen knnen; hier ist ein
groer Begriff, eine in ihrer Eigentmlichkeit hchst wichtige Handlung in ihrer
vollkommensten Mannigfaltigkeit auf das klarste dargestellt.
Die Apostel als fromme Gabe das Eigentum eines jeden, in den allgemeinen Besitz
dargebracht, erwartend; die heranbringenden Glubigen auf der einen, die
empfangenden Drftigen auf der andern Seite, und in der Mitte der Defraudierende
grlich bestraft: eine Anordnung, deren Symmetrie aus dem Gegebenen hervorgeht
und welche wieder durch die Erfordernisse des Darzustellenden nicht sowohl
verborgen als belebt wird; wie ja die unerlliche symmetrische Proportion des
menschlichen Krpers erst durch mannigfaltige Lebensbewegung eindringliches
Interesse gewinnt.
Wenn nun bei Anschauung dieses Kunstwerkes der Bemerkungen kein Ende sein wrde,
so wollen wir hier nur noch ein wichtiges Verdienst dieser Darstellung
auszeichnen. Zwei mnnliche Personen, welche herankommend zusammengepackte
Kleidungsstcke tragen, gehren notwendig zu Ananias; aber wie will man hieraus
erkennen, da ein Teil davon zurckgeblieben und dem Gemeingut unterschlagen
worden? Hier werden wir aber auf eine junge hbsche Weibsperson aufmerksam
gemacht, welche mit einem heitern Gesichte aus der rechten Hand Geld in die
linke zhlt; und sogleich erinnern wir uns an das edle Wort: Die Linke soll
nicht wissen, was die Rechte gibt, und zweifeln nicht, da hier Saphira gemeint
sei, welche das den Aposteln einzureichende Geld abzhlt, um noch einiges
zurckzubehalten, welches ihre heiter listige Miene anzudeuten scheint. Dieser
Gedanke ist erstaunenswrdig und furchtbar, wenn man sich ihm hingibt. Vor uns
der Gatte, schon verrenkt und bestraft am Boden in grlicher Zuckung sich
windend; wenig hinterwrts, das Vorgehende nicht gewahr werdend, die Gattin,
sicher arglistig sinnend, die Gttlichen zu bevorteilen, ohne Ahnung, welchem
Schicksal sie entgegengeht. berhaupt steht dieses Bild als ein ewiges Problem
vor uns da, welches wir immer mehr bewundern, je mehr uns dessen Auflsung
mglich und klar wird. Die Vergleichung des Mark-Antonischen Kupfers, nach einer
gleich groen Zeichnung Raffaels, und des greren von Dorigny, nach dem Karton,
fhrt uns abermals in die Tiefe der Betrachtung, mit welcher Weisheit ein
solches Talent bei einer zweiten Behandlung derselben Komposition Vernderungen
und Steigerungen zu bewirken gewut hat. Bekennen wir gern, da ein solches
Studium uns zu den schnsten Freuden eines langen Lebens gedient hat.

Juli
Korrespondenz
Rom, den 5. Juli 1787
Mein jetziges Leben sieht einem Jugendtraume vllig hnlich, wir wollen sehen,
ob ich bestimmt bin, ihn zu genieen, oder zu erfahren, da auch dieses, wie so
vieles andre, nur eitel ist. Tischbein ist fort, sein Studium aufgerumt,
ausgestubt und ausgewaschen, so da ich nun gerne drin sein mag. Wie ntig
ist's, in der jetzigen Zeit ein angenehmes Zuhause zu haben. Die Hitze ist
gewaltig. Morgens mit Sonnenaufgang steh' ich auf und gehe nach der Acqua
acetosa, einem Sauerbrunnen, ungefhr eine halbe Stunde von dem Tor, an dem ich
wohne, trinke das Wasser, das wie ein schwacher Schwalbacher schmeckt, in diesem
Klima aber schon sehr wirksam ist. Gegen acht Uhr bin ich wieder zu Hause und
bin fleiig auf alle Weise, wie es die Stimmung nur geben will. Ich bin recht
wohl. Die Hitze schafft alles Fluartige weg und treibt, was Schrfe im Krper
ist, nach der Haut, und es ist besser, da ein bel jckt, als da es reit und
zieht. Im Zeichnen fahr' ich fort, Geschmack und Hand zu bilden, ich habe
Architektur angefangen ernstlicher zu treiben, es wird mir alles erstaunend
leicht (das heit der Begriff, denn die Ausbung erfordert ein Leben). Was das
Beste war: ich hatte keinen Eigendnkel und keine Prtension, ich hatte nichts
zu verlangen, als ich herkam. Und nun dringe ich nur drauf, da mir nichts Name,
nichts Wort bleibe. Was schn, gro, ehrwrdig gehalten wird, will ich mit
eignen Augen sehn und erkennen. Ohne Nachahmung ist dies nicht mglich. Nun mu
ich mich an die Gipskpfe setzen. (Die rechte Methode wird mir von Knstlern
angedeutet. Ich halte mich zusammen, was mglich ist.) Am Anfang der Woche
konnt' ich's nicht absagen, hier und da zu essen. Nun wollen sie mich hier- und
dahin haben; ich lasse es vorbergehn und bleibe in meiner Stille. Moritz,
einige Landsleute im Hause, ein wackerer Schweizer sind mein gewhnlicher
Umgang. Zu Angelika und Rat Reiffenstein geh' ich auch; berall mit meiner
nachdenklichen Art, und niemand ist, dem ich mich erffnete. Lucchesini ist
wieder hier, der alle Welt sieht und den man sieht wie alle Welt. Ein Mann, der
sein Metier recht macht, wenn ich mich nicht sehr irre. Nchstens schreib' ich
dir von einigen Personen, die ich bald zu kennen hoffe.
Egmont ist in der Arbeit, und ich hoffe, er wird geraten. Wenigstens hab' ich
immer unter dem Machen Symptome gehabt, die mich nicht betrogen haben. Es ist
recht sonderbar, da ich so oft bin abgehalten worden, das Stck zu endigen, und
da es nun in Rom fertig werden soll. Der erste Akt ist ins Reine und zur Reife,
es sind ganze Szenen im Stcke, an die ich nicht zu rhren brauche.
Ich habe ber allerlei Kunst so viel Gelegenheit zu denken, da mein Wilhelm
Meister recht anschwillt. Nun sollen aber die alten Sachen voraus weg; ich bin
alt genug, und wenn ich noch etwas machen will, darf ich mich nicht sumen. Wie
du dir leicht denken kannst, hab' ich hundert neue Dinge im Kopfe, und es kommt
nicht aufs Denken, es kommt aufs Machen an; das ist ein verwnschtes Ding, die
Gegenstnde hinzusetzen, da sie nun einmal so und nicht anders dastehen. Ich
mchte nun recht viel von der Kunst sprechen, doch ohne die Kunstwerke was will
man sagen? Ich hoffe, ber manche Kleinheit wegzurcken, drum gnnt mit meine
Zeit, die ich hier so wunderbar und sonderbar zubringe, gnnt mir sie durch den
Beifall eurer Liebe.
Ich mu diesmal schlieen und wider Willen eine leere Seite schicken. Die Hitze
des Tages war gro, und gegen Abend bin ich eingeschlafen.
Rom, den 9. Juli.
Ich will knftig einiges die Woche ber schreiben, da nicht die Hitze des
Posttags oder ein andrer Zufall mich hindre, euch ein vernnftiges Wort zu
sagen. Gestern hab' ich vieles gesehen und wieder gesehen, ich bin vielleicht in
zwlf Kirchen gewesen, wo die schnsten Altarbltter sind.
Dann war ich mit Angelika bei dem Englnder Moore, einem Landschaftsmaler,
dessen Bilder meist trefflich gedacht sind. Unter andern hat er eine Sndflut
gemalt, das etwas Einziges ist. Anstatt da andere ein offnes Meer genommen
haben, das immer nur die Idee von einem weiten, aber nicht hohen Wasser gibt,
hat er ein geschlossenes hohes Bergtal vorgestellt, in welches die immer
steigenden Wasser endlich auch hereinstrzen. Man sieht an der Form der Felsen,
da der Wasserstand sich dem Gipfel nhert, und dadurch, da es hinten quervor
zugeschlossen ist, die Klippen alle steil sind, macht es einen frchterlichen
Effekt. Es ist gleichsam nur grau in grau gemalt, das schmutzige aufgewhlte
Wasser, der triefende Regen verbinden sich aufs innigste, das Wasser strzt und
trieft von den Felsen, als wenn die ungeheuren Massen sich auch in dem
allgemeinen Elemente auflsen wollten, und die Sonne blickt wie ein trber Mond
durch den Wasserflor durch, ohne zu erleuchten, und doch ist es nicht Nacht. In
der Mitte des Vordergrundes ist eine flache isolierte Felsenplatte, auf die sich
einige hlflose Menschen retten in dem Augenblick, da die Flut heranschwillt
und sie bedecken will. Das Ganze ist unglaublich gut gedacht. Das Bild ist gro.
Es kann 7-8 Fu lang und 5-6 Fu hoch sein. Von den andern Bildern, einem
herrlich schnen Morgen, einer trefflichen Nacht, sag' ich gar nichts.
Drei volle Tage war Fest auf Ara coeli wegen der Beatifikation zweier Heiligen
aus dem Orden des heiligen Franziskus. Die Dekoration der Kirche, Musik,
Illumination und Feuerwerk des Nachts zog eine groe Menge Volks dahin. Das nah
gelegene Kapitol war mit erleuchtet und die Feuerwerke auf dem Platz des
Kapitols abgebrannt. Das Ganze zusammen machte sich sehr schn, obgleich es nur
ein Nachspiel von St. Peter war. Die Rmerinnen zeigen sich bei dieser
Gelegenheit, von ihren Mnnern oder Freunden begleitet, des Nachts wei
gekleidet mit einem schwarzen Grtel und sind schn und artig. Auch ist im Korso
jetzt des Nachts hufiger Spaziergang und Fahrt, da man des Tags nicht aus dem
Hause geht. Die Hitze ist sehr leidlich und diese Tage her immer ein khles
Windchen wehend. Ich halte mich in meinem khlen Saale und bin still und
vergngt.
Ich bin fleiig, mein Egmont rckt sehr vor. Sonderbar ist's, da sie eben
jetzt in Brssel die Szene spielen, wie ich sie vor zwlf Jahren aufschrieb, man
wird vieles jetzt fr Pasquill halten.
Rom, den 16. Juli.
Es ist schon weit in der Nacht, und man merkt es nicht, denn die Strae ist voll
Menschen, die singend, auf Zithern und Violinen spielend, miteinander wechselnd,
auf und ab gehn. Die Nchte sind khl und erquickend, die Tage nicht unleidlich
hei.
Gestern war ich mit Angelika in der Farnesina, wo die Fabel der Psyche gemalt
ist. Wie oft und unter wie manchen Situationen hab' ich die bunten Kopien dieser
Bilder in meinen Zimmern mit euch angesehn! Es fiel mir recht auf, da ich sie
eben durch jene Kopien fast auswendig wei. Dieser Saal oder vielmehr Galerie
ist das Schnste, was ich von Dekoration kenne, so viel auch jetzt dran
verdorben und restauriert ist.
Heute war Tierhetze in dem Grabmal des August. Dieses groe, inwendig leere,
oben offene, ganz runde Gebude ist jetzt zu einem Kampfplatz, zu einer
Ochsenhetze eingerichtet wie eine Art Amphitheater. Es wird vier- bis
fnftausend Menschen fassen knnen. Das Schauspiel selbst hat mich nicht sehr
erbaut.
Dienstag, den 17. Juli, war ich abends bei Albacini, dem Restaurator antiker
Statuen, um einen Torso zu sehen, den sie unter den farnesinischen Besitzungen,
die nach Neapel gehen, gefunden haben. Es ist ein Torso eines sitzenden Apolls
und hat an Schnheit vielleicht nicht seinesgleichen, wenigstens kann er unter
die ersten Sachen gesetzt werden, die vom Altertum brig sind.
Ich speiste bei Graf Fries; Abbate Casti, der mit ihm reist, rezitierte eine
seiner Novellen, Der Erzbischof von Prag, die nicht sehr ehrbar, aber
auerordentlich schn, in Ottave rime, geschrieben ist. Ich schtzte ihn schon
als den Verfasser meines beliebten Re Teodoro in Venezia. Er hat nun einen Re
Teodoro in Corsica geschrieben, wovon ich den ersten Akt gelesen habe, auch ein
ganz allerliebstes Werk.
Graf Fries kauft viel und hat unter andern eine Madonna von Andrea del Sarto fr
600 Zechinen gekauft. Im vergangenen Mrz hatte Angelika schon 450 drauf
geboten, htte auch das Ganze dafr gegeben, wenn ihr attenter Gemahl nicht
etwas einzuwenden gehabt htte. Nun reut sie's beide. Es ist ein unglaublich
schn Bild, man hat keine Idee von so etwas, ohne es gesehn zu haben.
Und so kommt tagtglich etwas Neues zum Vorschein, was, zu dem Alten und
Bleibenden gesellt, ein groes Vergngen gewhrt. Mein Auge bildet sich gut aus,
mit der Zeit knnte ich Kenner werden.
Tischbein beschwert sich in einem Briefe ber die entsetzliche Hitze in Neapel.
Hier ist sie auch stark genug. Am Dienstag soll es so hei gewesen sein, als
Fremde es nicht in Spanien und Portugal empfunden.
Egmont ist schon bis in den vierten Akt gediehen, ich hoffe, er soll euch
Freude machen. In drei Wochen denke ich fertig zu sein, und ich schicke ihn
gleich an Herdern ab.
Gezeichnet und illuminiert wird auch fleiig. Man kann s nicht aus dem Hause
gehn, nicht die kleinste Promenade machen, ohne die wrdigsten Gegenstnde
zutreffen. Meine Vorstellung, mein Gedchtnis fllt sich voll unendlich schner
Gegenstnde.

Rom, den 20. Juli. 20
Ich habe recht diese Zeit her zwei meiner Kapitalfehler, die mich mein ganzes
Leben verfolgt und gepeinigt haben, entdecken knnen. Einer ist, da ich nie das
Handwerk einer Sache, die ich treiben wollte oder sollte, lernen mochte. Daher
ist gekommen, da ich mit so viel natrlicher Anlage so wenig gemacht und getan
habe. Entweder es war durch die Kraft des Geistes gezwungen, gelang oder
milang, wie Glck und Zufall es wollten, oder wenn ich eine Sache gut und mit
berlegung machen wollte, war ich furchtsam und konnte nicht fertig werden. Der
andere, nah verwandte Fehler ist, da ich nie so viel Zeit auf eine Arbeit oder
Geschft wenden mochte, als dazu erfordert wird. Da ich die Glckseligkeit
geniee, sehr viel in kurzer Zeit denken und kombinieren zu knnen, so ist mir
eine schrittweise Ausfhrung nojos und unertrglich. Nun, dcht' ich, wre Zeit
und Stunde da, sich zu korrigieren. Ich bin im Land der Knste, lat uns das
Fach durcharbeiten, damit wir fr unser briges Leben Ruh' und Freude haben und
an was anders gehen knnen.
Rom ist ein herrlicher Ort dazu. Nicht allein die Gegenstnde aller Art sind
hier, sondern auch Menschen aller Art, denen es Ernst ist, die auf den rechten
Wegen gehen, mit denen man sich unterhaltend gar bequem und schleunig weiter
bringen kann. Gott sei Dank, ich fange an, von andern lernen und annehmen zu
knnen.
Und so befinde ich mich an Leib und Seele wohler als jemals! Mchtet ihr es an
meinen Produktionen sehen und meine Abwesenheit preisen. Durch das, was ich
mache und denke, hng' ich mit euch zusammen, brigens bin ich freilich sehr
allein und mu meine Gesprche modifizieren. Doch das ist hier leichter als
irgendwo, weil man mit jedem etwas Interessantes zu reden hat.
Mengs sagt irgendwo vom Apoll von Belvedere, da eine Statue, die zu gleich
groem Stil mehr Wahrheit des Fleisches gesellte, das Grte wre, was der
Mensch sich denken knnte. Und durch jenen Torso eines Apolls oder Bacchus,
dessen ich schon gedacht, scheint sein Wunsch, seine Prophezeiung erfllt zu
sein. Mein Auge ist nicht genug gebildet, um in einer so delikaten Materie zu
entscheiden; aber ich bin selbst geneigt, diesen Rest fr das Schnste zu
halten, was ich je gesehn habe. Leider ist es nicht allein nur Torso, sondern
auch die Epiderm ist an vielen Orten weggewaschen, er mu unter einer Traufe
gestanden haben.
Sonntags, den 22. Juli,
a ich bei Angelika; es ist nun schon hergebracht, da ich ihr Sonntagsgast bin.
Vorher fuhren wir nach dem Palast Barberini, den trefflichen Leonard da Vinci
und die Geliebte des Raffaels, von ihm selbst gemalt, zu sehen. Mit Angelika ist
es gar angenehm, Gemlde zu betrachten, da ihr Auge sehr gebildet und ihre
mechanische Kunstkenntnis so gro ist. Dabei ist sie sehr fr alles Schne,
Wahre, Zarte empfindlich und unglaublich bescheiden.

Angelika Kauffmann, Selbstbildnis. Zeichnung

Nachmittags war ich beim Chevalier d'Agincourt, einem reichen Franzosen, der
seine Zeit und sein Geld anwendet, eine Geschichte der Kunst von ihrem Verfall
bis zur Auflebung zu schreiben. Die Sammlungen, die er gemacht hat, sind hchst
interessant. Man sieht, wie der Menschengeist whrend der trben und dunkeln
Zeit immer geschftig war. Wenn das Werk zusammenkommt, wird es sehr merkwrdig
sein.
Jetzt habe ich etwas vor, daran ich viel lerne; ich habe eine Landschaft
erfunden und gezeichnet, die ein geschickter Knstler, Dies, in meiner Gegenwart
koloriert; dadurch gewhnt sich Auge und Geist immer mehr an Farbe und Harmonie.
berhaupt geht es gut. fort, ich treibe nur, wie immer, zuviel. Meine grte
Freude ist, da mein Auge sich an sichern Formen bildet und sich an Gestalt und
Verhltnis leicht gewhnt und dabei mein alt Gefhl fr Haltung und Ganzes recht
lebhaft wiederkehrt. Auf bung kme nun alles an.
Montag, den 23. Juli,
bestieg ich abends die Trajanische Sule, um des unschtzbaren Anblicks zu
genieen. Von dort oben herab, bei untergehender Sonne, nimmt sich das Koliseum
ganz herrlich aus, das Kapitol ganz nahe, der Palatin dahinter, die Stadt, die
sich anschliet. Ich ging erst spt und langsam durch die Straen zurck. Ein
merkwrdiger Gegenstand ist der Platz von Monte Cavallo mit dem Obelisk.
Dienstag, den 24. Juli
Nach der Villa Patrizzi, um die Sonne untergehen zu sehen, der frischen Luft zu
genieen, meinen Geist recht mit dem Bilde der groen Stadt anzufllen, durch
die langen Linien meinen Gesichtskreis auszuweiten und zu vereinfachen, durch
die vielen schnen und mannigfaltigen Gegenstnde zu bereichern. Diesen Abend
sah ich den Platz der Antoninischen Sule, den Palast Chigi vom Mond erleuchtet,
und die Sule, von Alter schwarz, vor dem helleren Nachthimmel, mit einem weien
glnzenden Piedestal. Und wie viel andere unzhlige schne einzelne Gegenstnde
trifft man auf so einer Promenade an. Aber wie viel dazu gehrt, sich nur einen
geringen Teil von allem diesem zuzueignen! Es gehrt ein Menschenleben dazu, ja
das Leben vieler Menschen, die immer stufenweis voneinander lernen.

Eingang zur Villa Chigi in Ariccia. Zeichnung von Goethe

Mittwoch, den 25. Juli
Ich war mit dem Grafen Fries, die Gemmensammlung des Prinzen von Piombino zu
sehen.
Freitag, den 27sten.
brigens helfen mir alle Knstler, alt und jung, um mein Talentchen zuzustutzen
und zu erweitern. In der Perspektiv und Baukunst bin ich vorgerckt, auch in der
Komposition der Landschaft. An den lebendigen Kreaturen hngt's noch, da ist ein
Abgrund, doch wre mit Ernst und Applikation hier auch weiterzukommen.
Ich wei nicht, ob ich ein Wort von dem Konzert sagte, das ich zu Ende voriger
Woche gab. Ich lud diejenigen Personen dazu, die mir hier manches Vergngen
verschafft haben, und lie durch die Snger der komischen Oper die besten Stcke
der letzten Intermezzen auffhren. Jedermann war vergngt und zufrieden.
Nun ist mein Saal schn aufgerumt und aufgeputzt; es lebt sich bei der groen
Wrme aufs angenehmste darin. Wir haben einen trben, einen Regentag, ein
Donnerwetter, nun einige heitere, nicht sehr heie Tage gehabt.
Sonntag, den 29. Juli 1787,
war ich mit Angelika in dem Palast Rondanini. Ihr werdet euch aus meinen ersten
rmischen Briefen einer Meduse erinnern, die mir damals schon so sehr
einleuchtete, jetzt nun aber mir die grte Freude gibt. Nur einen Begriff zu
haben, da so etwas in der Welt ist, da so etwas zu machen mglich war, macht
einen zum doppelten Menschen. Wie gern sagt' ich etwas drber, wenn nicht alles,
was man ber so ein Werk sagen kann, leerer Windhauch wre. Die Kunst ist
deshalb da, da man sie sehe, nicht davon spreche, als hchstens in ihrer
Gegenwart. Wie schme ich mich alles Kunstgeschwtzes, in das ich ehmals
einstimmte. Wenn es mglich ist, einen guten Gipsabgu von dieser Meduse zu
haben, so bring' ich ihn mit, doch sie mte neu geformt werden. Es sind einige
hier zu Kaufe, die ich nicht mchte; denn sie verderben mehr die Idee, als da
sie uns den Begriff gben und erhielten. Besonders ist der Mund unaussprechlich
und unnachahmlich gro.
Montag, den 30sten,
blieb ich den ganzen Tag zu Hause und war fleiig. Egmont rckt zum Ende, der
vierte Akt ist so gut wie fertig. Sobald er abgeschrieben ist, schick' ich ihn
mit der reitenden Post. Welche Freude wird mir's sein, von euch zu hren, da
ihr dieser Produktion einigen Beifall gebt! Ich fhle mich recht jung wieder, da
ich das Stck schreibe; mchte es auch auf den Leser einen frischen Eindruck
machen. Abends war ein kleiner Ball in dem Garten hinter dem Hause, wozu wir
auch eingeladen wurden. Ungeachtet jetzt keine Jahrszeit des Tanzes ist, so war
man doch ganz lustig. Die italienischen Muschen haben ihre Eigentmlichkeiten,
vor zehn Jahren htten einige passieren knnen, nun ist diese Ader vertrocknet,
und es gab mir diese kleine Feierlichkeit kaum so viel Interesse, um sie bis ans
Ende auszuhalten. Die Mondnchte sind ganz unglaublich schn; der Aufgang, eh'
sich der Mond durch die Dnste heraufgearbeitet hat, ganz gelb und warm, come il
sole d'Inghilterra, die brige Nacht klar und freundlich. Ein khler Wind, und
alles fngt an zu leben. Bis gegen Morgen sind immer Partien auf der Strae, die
singen und spielen, man hrt mancherlei Duette, so schn und schner als in
einer Oper oder Konzert.
Dienstag, den 31. Juli,
wurden einige Mondscheine aufs Papier gebracht, dann sonst allerlei gute Kunst
getrieben. Abends ging ich mit einem Landsmann spazieren, und wir stritten ber
den Vorzug von Michelangelo und Raffael; ich hielt die Partie des ersten, er des
andern, und wir schlossen zuletzt mit einem gemeinschaftlichen Lob auf Leonard
da Vinci. Wie glcklich bin ich, da nun alle diese Namen aufhren, Namen zu
sein, und lebendige Begriffe des Wertes dieser trefflichen Menschen nach und
nach vollstndig werden.
Nachts in die komische Oper. Ein neues Intermezz, L'Impresario in angustie,
ist ganz vortrefflich und wird uns manche Nacht unterhalten, so hei es auch im
Schauspiele sein mag. Ein Quintett, da der Poeta sein Stck vorliest, der
Impresar und die prima donna auf der einen Seite ihm Beifall geben, der
Komponist und die seconda donna auf der andern ihn tadeln, worber sie zuletzt
in einen allgemeinen Streit geraten, ist gar glcklich. Die als Frauenzimmer
verkleideten Kastraten machen ihre Rollen immer besser und gefallen immer mehr.
Wirklich fr eine kleine Sommertruppe, die sich nur so zusammengefunden hat, ist
sie recht artig. Sie spielen mit einer groen Natrlichkeit und gutem Humor. Von
der Hitze stehen die armen Teufel erbrmlich aus.

Bericht
Juli
Um Nachstehendes, welches ich nunmehr einzufhren gedenke, schicklicherweise
vorzubereiten, halte fr ntig, einige Stellen aus dem vorigen Bande, welche
dort, im Lauf der Ereignisse, der Aufmerksamkeit mchten entgangen sein, hier
einzuschalten und die mir so wichtige Angelegenheit den Freunden der
Naturwissenschaft dadurch abermals zu empfehlen.
Palermo, Dienstag, den 17. April 1787.
Es ist ein wahres Unglck, wenn man von vielerlei Geistern verfolgt und versucht
wird! Heute frh ging ich mit dem festen, ruhigen Vorsatz, meine dichterischen
Trume fortzusetzen, nach dem ffentlichen Garten, allein eh' ich mich's versah,
erhaschte mich ein anderes Gespenst, das mir schon diese Tage nachgeschlichen.
Die vielen Pflanzen, die ich sonst nur in Kbeln und Tpfen, ja die grte Zeit
des Jahres nur hinter Glasfenstern zu sehen gewohnt war, stehen hier froh und
frisch unter freiem Himmel, und indem sie ihre Bestimmung vollkommen erfllen,
werden sie uns deutlicher. Im Angesicht so vielerlei neuen und erneuten Gebildes
fiel mir die alte Grille wieder ein, ob ich nicht unter dieser Schar die
Urpflanze entdecken knnte. Eine solche mu es denn doch geben! Woran wrde ich
sonst erkennen, da dieses oder jenes Gebilde eine Pflanze sei, wenn sie nicht
alle nach einem Muster gebildet wren?
Ich bemhte mich, zu untersuchen, worin denn die vielen abweichenden Gestalten
voneinander unterschieden seien. Und ich fand sie immer mehr hnlich als
verschieden, und wollte ich meine botanische Terminologie anbringen, so ging das
wohl, aber es fruchtete nicht, es machte mich unruhig, ohne da es mir
weiterhalf. Gestrt war mein guter poetischer Vorsatz, der Garten des Alcinous
war verschwunden, ein Weltgarten hatte sich aufgetan. Warum sind wir Neueren
doch so zerstreut, warum gereizt zu Forderungen, die wir nicht erreichen noch
erfllen knnen!
Neapel, den 17. Mai 1787.
Ferner mu ich dir vertrauen, da ich dem Geheimnis der Pflanzenzeugung und
-organisation ganz nahe bin, und da es das Einfachste ist, was nur gedacht
werden kann. Unter diesem Himmel kann man die schnsten Beobachtungen machen.
Den Hauptpunkt, wo der Keim steckt, habe ich ganz klar und zweifellos gefunden,
alles brige seh' ich auch schon im ganzen, und nur noch einige Punkte mssen
bestimmter werden. Die Urpflanze wird das wunderlichste Geschpf von der Welt,
um welches mich die Natur selbst beneiden soll. Mit diesem Modell und dem
Schlssel dazu kann man alsdann noch Pflanzen ins Unendliche erfinden, die
konsequent sein mssen, das heit: die, wenn sie auch nicht existieren, doch
existieren knnten und nicht etwa malerische oder dichterische Schatten und
Scheine sind, sondern eine innerliche Wahrheit und Notwendigkeit haben. Dasselbe
Gesetz wird sich auf alles brige Lebendige anwenden lassen.
So viel aber sei hier, ferneres Verstndnis vorzubereiten, krzlich
ausgesprochen: Es war mir nmlich aufgegangen, da in demjenigen Organ der
Pflanze, welches wir als Blatt gewhnlich anzusprechen pflegen, der wahre
Proteus verborgen liege, der sich in allen Gestaltungen verstecken und
offenbaren knne. Vorwrts und rckwrts ist die Pflanze immer nur Blatt, mit
dem knftigen Keime so unzertrennlich vereint, da man eins ohne das andere
nicht denken darf. Einen solchen Begriff zu fassen, zu ertragen, ihn in der
Natur aufzufinden, ist eine Aufgabe, die uns in einen peinlich sen Zustand
versetzt.

Strende Naturbetrachtungen
Wer an sich erfahren hat, was ein reichhaltiger Gedanke heien will, er sei nun
aus uns selbst entsprungen oder von andern mitgeteilt und eingeimpft, wird
gestehen, was dadurch fr eine leidenschaftliche Bewegung in unserm Geiste
hervorgebracht werde, wie wir uns begeistert fhlen, indem wir alles dasjenige
in Gesamtheit vorausahnen, was in der Folge sich mehr und mehr entwickeln, wozu
das Entwickelte weiter fhren soll. Dieses bedenkend, wird man mir zugestehen,
da ich von einem solchen Gewahrwerden wie von einer Leidenschaft eingenommen
und getrieben worden, und, wo nicht ausschlielich, doch durch alles brige
Leben hindurch mich damit beschftigen mssen.
So sehr nun auch diese Neigung mich innerlichst ergriffen hatte, so war doch an
kein geregeltes Studium nach meiner Rckkehr in Rom zu denken; Poesie, Kunst und
Altertum, jedes forderte mich gewissermaen ganz, und ich habe in meinem Leben
nicht leicht operosere, mhsamer beschftigte Tage zugebracht. Mnnern vom Fach
wird es vielleicht gar zu naiv vorkommen, wenn ich erzhle, wie ich tagtglich
in einem jeden Garten, auf Spaziergngen, kleinen Lustfahrten mich der neben mir
bemerkten Pflanzen bemchtigte. Besonders bei der eintretenden Samenreife war es
mir wichtig, zu beobachten, wie manche davon an das Tageslicht hervortraten. So
wendete ich meine Aufmerksamkeit auf das Keimen des whrend seines Wachstums
unfrmlichen Cactus opuntia und sah mit Vergngen, da er ganz unschuldig
dikotyledonisch sich in zwei zarten Blttchen enthllte, sodann aber bei
fernerem Wuchse sich die knftige Unform entwickelte.
Auch mit Samenkapseln begegnete mir etwas Auffallendes; ich hatte derselben
mehrere von Acanthus mollis nach Hause getragen und in einem offenen Kstchen
niedergelegt; nun geschah es in einer Nacht, da ich ein Knistern hrte und bald
darauf das Umherspringen an Decke und Wnde, wie von kleinen Krpern. Ich
erklrte mir's nicht gleich, fand aber nachher meine Schoten aufgesprungen und
die Samen umher zerstreut. Die Trockne des Zimmers hatte die Reife bis zu
solcher Elastizitt in wenigen Tagen vollendet.
Unter den vielen Samen, die ich auf diese Weise beobachtete, mu ich einiger
noch erwhnen, weil sie zu meinem Andenken krzer oder lnger in dem alten Rom
fortwuchsen. Pinienkerne gingen gar merkwrdig auf, sie huben sich wie in einem
Ei eingeschlossen empor, warfen aber diese Haube bald ab und zeigten in einem
Kranze von grnen Nadeln schon die Anfnge ihrer knftigen Bestimmung.
Galt das Bisherige der Fortpflanzung durch Samen, so ward ich auf die
Fortpflanzung durch Augen nicht weniger aufmerksam gemacht, und zwar durch Rat
Reiffenstein, der auf allen Spaziergngen, hier und dort einen Zweig abreiend,
bis zur Pedanterie behauptete, in die Erde gesteckt, msse jeder sogleich
fortwachsen. Zum entscheidenden Beweis zeigte er dergleichen Stecklinge gar wohl
angeschlagen in seinem Garten. Und wie bedeutend ist nicht in der Folgezeit eine
solche allgemein versuchte Vermehrung fr die botanische Grtnerei geworden, die
ich ihm wohl zu erleben gewnscht htte.
Am auffallendsten war mir jedoch ein strauchartig in die Hhe gewachsener
Nelkenstock. Man kennt die gewaltige Lebens- und Vermehrungskraft dieser
Pflanze; Auge ist ber Auge an ihren Zweigen gedrngt, Knoten in Knoten
hineingetrichtert; dieses wird nun hier durch Dauer gesteigert und die Augen aus
unerforschlicher Enge zur hchstmglichen Entwickelung getrieben, so da selbst
die vollendete Blume wieder vier vollendete Blumen aus ihrem Busen
hervorbrachte.
Zur Aufbewahrung dieser Wundergestalt kein Mittel vor mir sehend, unternahm ich
es, sie genau zu zeichnen, wobei ich immer zu mehrerer Einsicht in den
Grundbegriff der Metamorphose gelangte. Allein die Zerstreuung durch so
vielerlei Obliegenheiten ward nur desto zudringlicher, und mein Aufenthalt in
Rom, dessen Ende ich voraussah, immer peinlicher und belasteter.
Nachdem ich mich nun so geraume Zeit ganz im stillen gehalten und von aller
hheren zerstreuenden Gesellschaft fern geblieben, begingen wir einen Fehler,
der die Aufmerksamkeit des ganzen Quartiers, nicht weniger der nach neuen und
seltsamen Vorfllen sich umschauenden Soziett auf uns richtete. Die Sache
verhielt sich aber also: Angelika kam nie ins Theater, wir untersuchten nicht,
aus welcher Ursache; aber da wir als leidenschaftliche Bhnenfreunde in ihrer
Gegenwart die Anmut und Gewandtheit der Snger sowie die Wirksamkeit der Musik
unseres Cimarosa nicht genugsam zu rhmen wuten und nichts sehnlicher
wnschten, als sie solcher Gensse teilhaftig zu machen, so ergab sich eins aus
dem andern, da nmlich unsere jungen Leute, besonders Bury, der mit den Sngern
und Musikverwandten in dem besten Vernehmen stand, es dahin brachte, da diese
sich in heiterer Gesinnung erboten, auch vor uns, ihren leidenschaftlichen
Freunden und entschieden Beifall Gebenden, gelegentlich einmal in unserm Saale
Musik machen und singen zu wollen. Dergleichen Vorhaben, fters besprochen,
vorgeschlagen und verzgert, gelangte doch endlich nach dem Wunsche der jngern
Teilnehmer zur frhlichen Wirklichkeit. Konzertmeister Kranz, ein gebter
Violinist, in herzogl. weimarischen Diensten, der sich in Italien auszubilden
Urlaub hatte, gab zuletzt durch seine unvermutete Ankunft eine baldige
Entscheidung. Sein Talent legte sich auf die Waage der Musiklustigen, und wir
sahen uns in den Fall versetzt, Madam Angelika, ihren Gemahl, Hofrat
Reiffenstein, die Herren Jenkins, Volpato und wem wir sonst eine Artigkeit
schuldig waren, zu einem anstndigen Feste einladen zu knnen. Juden und
Tapezier hatten den Saal geschmckt, der nchste Kaffeewirt die Erfrischungen
bernommen, und so ward ein glnzendes Konzert aufgefhrt in der schnsten
Sommernacht, wo sich groe Massen von Menschen unter den Fenstern versammelten
und, als wren sie im Theater gegenwrtig, die Gesnge gehrig beklatschten.
Ja, was das Auffallendste war, ein groer mit einem Orchester von Musikfreunden
besetzter Gesellschaftswagen, der soeben durch die nchtliche Stadt seine
Lustrunde zu machen beliebte, hielt unter unsern Fenstern stille, und nachdem er
den obern Bemhungen lebhaften Beifall geschenkt hatte, lie sich eine wackre
Bastimme vernehmen, die eine der beliebtesten Arien eben der Oper, welche wir
stckweise vortrugen, von allen Instrumenten begleitet, hinzugesellte. Wir
erwiderten den vollsten Beifall, das Volk klatschte mit drein, und jedermann
versicherte, an so mancher Nachtlust, niemals aber an einer so vollkommenen,
zufllig gelungenen teilgenommen zu haben.
Auf einmal nun zog unsere zwar anstndige, aber doch stille Wohnung dem Palast
Rondanini gegenber die Aufmerksamkeit des Korso auf sich. Ein reicher Mylordo,
hie es, msse da eingezogen sein, niemand aber wute ihn unter den bekannten
Persnlichkeiten zu finden und zu entziffern. Freilich, htte ein dergleichen
Fest sollen mit barem Gelde geleistet werden, so wrde dasjenige, was hier von
Knstlern Knstlern zuliebe geschah und mit migem Aufwand zur Ausfhrung zu
bringen war, bedeutende Kosten verursacht haben. Wir setzten nun zwar unser
voriges stilles Leben fort, konnten aber das Vorurteil von Reichtum und
vornehmer Geburt nicht mehr von uns ablehnen.
Zu einer lebhaftern Geselligkeit gab die Ankunft des Grafen Fries jedoch neuen
Anla. Er hatte den Abbate Casti bei sich, welcher durch Vorlesung seiner damals
noch ungedruckten galanten Erzhlungen groe Lust erregte; sein heiterer freier
Vortrag schien jene geistreichen, bermig genialen Darstellungen vollkommen
ins Leben zu bringen. Wir bedauerten nur, da ein so gutgesinnter reicher
Kunstliebhaber nicht immer von den zuverlssigsten Menschen bedient werde. Der
Ankauf eines untergeschobenen geschnittenen Steines machte viel Reden und
Verdru. Er konnte sich indessen ber den Ankauf einer schnen Statue gar wohl
erfreuen, die einen Paris, nach der Auslegung anderer einen Mithras, vorstellte.
Das Gegenbild steht jetzt im Museo Pio-Clementino, beide waren zusammen in einer
Sandgrube gefunden worden. Doch waren es nicht die Unterhndler in
Kunstgeschften allein, die ihm auflauerten, er hatte manches Abenteuer zu
bestehen; und da er sich berhaupt in der heien Jahrszeit nicht zu schonen
wute, so konnt' es nicht fehlen, da er von mancherlei beln angefallen wurde,
welche die letzten Tage seines Aufenthalts verbitterten. Mir aber war es um so
schmerzlicher, als ich seiner Geflligkeit gar manches schuldig geworden; wie
ich denn auch die treffliche Gemmensammlung des Prinzen von Piombino mit ihm zu
betrachten gnstige Gelegenheit fand.
Beim Grafen Fries fanden sich auer den Kunsthndlern auch wohl derart
Literatoren, wie sie hier in Abbtracht herumwandern. Mit diesen war kein
angenehmes Gesprch. Kaum hatte man von nationaler Dichtung zu sprechen
angefangen und sich ber ein und andern Punkt zu belehren gesucht, so mute man
unmittelbar und ohne weiteres die Frage vernehmen, ob man Ariost oder Tasso,
welchen von beiden man fr den grten Dichter halte. Antwortete man: Gott und
der Natur sei zu danken, da sie zwei solche vorzgliche Mnner einer Nation
gegnnt, deren jeder uns nach Zeit und Umstnden, nach Lagen und Empfindungen
die herrlichsten Augenblicke verliehen, uns beruhigt und entzckt - dies
vernnftige Wort lie niemand gelten. Nun wurde derjenige, fr den man sich
entschieden hatte, hoch und hher gehoben, der andere tief und tiefer dagegen
herabgesetzt. Die ersten Male sucht' ich die Verteidigung des Herabgesetzten zu
bernehmen und seine Vorzge geltend zu machen; dies aber verfing nicht, man
hatte Partei ergriffen und blieb auf seinem Sinne. Da nun ebendasselbe immerfort
und fort sich wiederholte und es mir zu ernst war, um dialektisch ber
dergleichen Gegenstnde zu kontroversieren, so vermied ich ein solches Gesprch,
besonders da ich merkte, da es nur Phrasen waren, die man, ohne eigentliches
Interesse an dem Gegenstande zu finden, aussprach und behauptete.
Viel schlimmer aber war es, wenn Dante zur Sprache kam. Ein junger Mann von
Stande und Geist und wirklichem Anteil an jenem auerordentlichen Manne nahm
meinen Beifall und Billigung nicht zum besten auf, indem er ganz unbewunden
versicherte, jeder Auslnder msse Verzicht tun auf das Verstndnis eines so
auerordentlichen Geistes, dem ja selbst die Italiener nicht in allem folgen
knnten. Nach einigen Hin- und Widerreden verdro es mich denn doch zuletzt, und
ich sagte, ich msse bekennen, da ich geneigt sei, seinen uerungen Beifall zu
geben; denn ich habe nie begreifen knnen, wie man sich mit diesen Gedichten
beschftigen mge. Mir komme die Hlle ganz abscheulich vor, das Fegefeuer
zweideutig und das Paradies langweilig; womit er sehr zufrieden war, indem er
daraus ein Argument fr seine Behauptung zog: dies eben beweise, da ich nicht
die Tiefe und Hhe dieser Gedichte zum Verstndnis bringen knne. Wir schieden
als die besten Freunde; er versprach mit sogar einige schwere Stellen, ber die
er lange nachgedacht und ber deren Sinn er endlich mit sich einig geworden sei,
mitzuteilen und zu erklren.
Leider war die Unterhaltung mit Knstlern und Kunstfreunden nicht erbaulicher.
Man verzieh jedoch endlich andern den Fehler, den man an sich bekennen mute.
Bald war es Raffael, bald Michelangelo, dem man den Vorzug gab, woraus denn am
Schlu nur hervorging, der Mensch sei ein so beschrnktes Wesen, da, wenn sein
Geist sich auch dem Groen geffnet habe, er doch niemals die Groheiten
verschiedener Art ebenmig zu wrdigen und anzuerkennen Fhigkeit erlange.
Wenn wir Tischbeins Gegenwart und Einflu vermiten, so hielt er uns dagegen
durch sehr lebendige Briefe mglichst schadlos. Auer manchen geistreich
aufgefaten wunderlichen Vorfllen und genialen Ansichten erfuhren wir das
Nhere durch Zeichnung und Skizze von einem Gemlde mit welchem er sich daselbst
hervortat. In halben Figuren sah man darauf Oresten, wie er am Opferaltar von
Iphigenien erkannt wird und die ihn bisher verfolgenden Furien soeben
entweichen. Iphigenie war das wohlgetroffene Bildnis der Lady Hamilton, welche
damals auf dem hchsten Gipfel der Schnheit und des Ansehens glnzte. Auch eine
der Furien war durch die hnlichkeit mit ihr veredelt, wie sie denn berhaupt
als Typus fr alle Heroinen, Musen und Halbgttinnen gelten mute. Ein Knstler,
der dergleichen vermochte, war in dem bedeutenden geselligen Kreise eines Ritter
Hamilton sehr wohl aufgenommen.

August
Korrespondenz
Den 1. August 1787.
Den ganzen Tag fleiig und still wegen der Hitze. Meine beste Freude bei der
groen Wrme ist die berzeugung, da ihr auch einen guten Sommer in Deutschland
haben werdet. Hier das Heu einfhren zu sehen, ist die grte Lust, da es in
dieser Zeit gar nicht regnet und so der Feldbau nach Willkr behandelt werden
kann, wenn sie nur Feldbau htten.
Abends ward in der Tiber gebadet, in wohlangelegten sichern Badhuschen; dann
auf Trinit de' Monti spaziert und frische Luft im Mondschein genossen. Die
Mondscheine sind hier, wie man sie sich denkt oder fabelt.
Der vierte Akt von Egmont ist fertig, im nchsten Brief hoff' ich dir den
Schlu des Stckes anzukndigen.
Den 11. August.
Ich bleibe noch bis knftige Ostern in Italien. Ich kann jetzt nicht aus der
Lehre laufen. Wenn ich aushalte, komme ich gewi so weit, da ich meinen
Freunden mit mir Freude machen kann. Ihr sollt immer Briefe von mir haben ,
meine Schriften kommen nach und nach, so habt ihr den Begriff von mir als eines
abwesend Lebenden, da ihr mich so oft als einen gegenwrtig Toten bedauert habt.
Egmont ist fertig und wird zu Ende dieses Monats abgehen knnen. Alsdann
erwarte ich mit Schmerzen euer Urteil.
Kein Tag vergeht, da ich nicht in Kenntnis und Ausbung der Kunst zunehme. Wie
eine Flasche sich leicht fllt, die man oben offen unter das Wasser stt, so
kann man hier leicht sich ausfllen, wenn man empfnglich und bereitet ist; es
drngt das Kunstelement von allen Seiten zu.
Den guten Sommer, den ihr habt, konnte ich hier voraussagen. Wir haben ganz
gleichen reinen Himmel und am hohen Tag entsetzliche Hitze, der ich in meinem
khlen Saale ziemlich entgehe. September und Oktober will ich auf dem Lande
zubringen und nach der Natur zeichnen. Vielleicht geh' ich wieder nach Neapel,
um Hackerts Unterricht zu genieen. Er hat mich in vierzehn Tagen, die ich mit
ihm auf dem Lande war, weiter gebracht, als ich in Jahren fr mich wrde
vorgerckt sein. Noch schicke ich dir nichts und halte ein Dutzend kleine
Skizzchen zurck, um dir auf mal etwas Gutes zu senden.
Diese Woche ist still und fleiig hingegangen. Besonders hab' ich in der
Perspektiv manches gelernt. Verschaffelt, ein Sohn des Mannheimer Direktors, hat
diese Lehre recht durchgedacht und teilt mir seine Kunststcke mit. Auch sind
einige Mondscheine aufs Brett gekommen und ausgetuscht worden, nebst einigen
andern Ideen, die fast zu toll sind, als da man sie mitteilen sollte.
Rom, den 11. August 1787.
Ich habe der Herzogin einen langen Brief geschrieben und ihr geraten, die Reise
nach Italien noch ein Jahr zu verschieben. Geht sie im Oktober, so kommt sie
gerade zur Zeit in dies schne Land, wenn sich das Wetter umkehrt, und sie hat
einen bsen Spa. Folgt sie mir in diesem und andrem, so kann sie Freude haben,
wenn das Glck gut ist. Ich gnne ihr herzlich diese Reise.
Es ist sowohl fr mich als fr andere gesorgt, und die Zukunft wollen wir
geruhig erwarten. Niemand kann sich umprgen und niemand seinem Schicksale
entgehn. Aus eben diesem Briefe wirst du meinen Plan sehn und ihn hoffentlich
billigen. Ich wiederhole hier nichts.
Ich werde oft schreiben und den Winter durch immer im Geiste unter euch sein.
Tasso kommt nach dem neuen Jahre. Faust soll auf seinem Mantel als Kurier meine
Ankunft melden. Ich habe alsdann eine Hauptepoche zurckgelegt, rein geendigt,
und kann wieder anfangen und eingreifen, wo es ntig ist. Ich fhle mir einen
leichtern Sinn und bin fast ein andrer Mensch als vorm Jahr.
Ich lebe in Reichtum und berflu alles dessen, was mir eigens lieb und wert
ist, und habe erst diese paar Monate meine Zeit hier recht genossen. Denn es
legt sich nun auseinander, und die Kunst wird mir wie eine zweite Natur, die
gleich der Minerva aus dem Haupte Jupiters, so aus dem Haupte der grten
Menschen geboren worden. Davon sollt ihr in der Folge tagelang, wohl jahrelang
unterhalten werden.
Ich wnsche euch allen einen guten September. Am Ende Augusts, wo alle unsre
Geburtstage zusammentreffen, will ich eurer fleiig gedenken. Wie die Hitze
abnimmt, geh' ich aufs Land, dort zu zeichnen, indes tu' ich, was in der Stube
zu tun ist, und mu oft pausieren. Abends besonders mu man sich vor Verkltung
in acht nehmen.
Rom, den 18. August 1787.
Diese Woche hab' ich einigermaen von meiner nordischen Geschftigkeit
nachlassen mssen, die ersten Tage waren gar zu hei. Ich habe also nicht so
viel getan, als ich wnschte. Nun haben wir seit zwei Tagen die schnste
Tramontane und eine gar freie Luft. September und Oktober mssen ein paar
himmlische Monate werden.
Gestern fuhr ich vor Sonnenaufgang nach Acqua acetosa; es ist wirklich zum
Nrrischwerden, wenn man die Klarheit, die Mannigfaltigkeit, duftige
Durchsichtigkeit und himmlische Frbung der Landschaft, besonders der Fernen
ansieht.
Moritz studiert jetzt die Antiquitten und wird sie zum Gebrauch der Jugend und
zum Gebrauch eines jeden Denkenden vermenschlichen und von allem Bchermoder und
Schulstaub reinigen. Er hat eine gar glckliche richtige Art, die Sachen
anzusehn, ich hoffe, da er sich auch Zeit nehmen wird, grndlich zu sein. Wir
gehen des Abends spazieren, und er erzhlt mir, welchen Teil er des Tags
durchgedacht, was er in den Autoren gelesen, und so fllt sich auch diese Lcke
aus, die ich bei meinen brigen Beschftigungen lassen mute und nur spt und
mit Mhe nachholen knnte. Ich sehe indes Gebude, Straen, Gegend, Monumente
an, und wenn ich abends nach Hause komme, wird ein Bild, das mir besonders
aufgefallen, unterm Plaudern aufs Papier gescherzt. Ich lege dir eine solche
Skizze von gestern abend bei. Es ist die ungefhre Idee, wenn man von hinten das
Kapitol heraufkommt.
Mit der guten Angelika war ich Sonntags die Gemlde des Prinzen Aldobrandini,
besonders einen trefflichen Leonard da Vinci zu sehen. Sie ist nicht glcklich,
wie sie es zu sein verdiente bei dem wirklich groen Talent und bei dem
Vermgen, das sich tglich mehrt. Sie ist mde, auf den Kauf zu malen, und doch
findet ihr alter Gatte es gar zu schn, da so schweres Geld fr oft leichte
Arbeit einkommt. Sie mchte nun sich selbst zur Freude, mit mehr Mue, Sorgfalt
und Studium arbeiten und knnte es. Sie haben keine Kinder, knnen ihre
Interessen nicht verzehren, und sie verdient tglich auch mit miger Arbeit
noch genug hinzu. Das ist nun aber nicht und wird nicht. Sie spricht sehr
aufrichtig mit mir, ich hab' ihr meine Meinung gesagt, hab' ihr meinen Rat
gegeben und muntre sie auf, wenn ich bei ihr bin. Man rede von Mangel und
Unglck, wenn die, welche genug besitzen, es nicht brauchen und genieen knnen!
Sie hat ein unglaubliches und als Weib wirklich ungeheures Talent. Man mu sehen
und schtzen, was sie macht, nicht das, was sie zurcklt. Wie vieler Knstler
Arbeiten halten Stich, wenn man rechnen will, was fehlt!
Und so, meine Lieben, wird mir Rom, das rmische Wesen, Kunst und Knstler immer
bekannter, und ich sehe die Verhltnisse ein, sie werden mir nah und natrlich,
durchs Mitleben und Hin- und Herwandeln. Jeder bloe Besuch gibt falsche
Begriffe. Sie mchten mich auch hier aus meiner Stille und Ordnung bringen und
in die Welt ziehen, ich wahre mich, so gut ich kann. Verspreche, verzgre,
weiche aus, versprach wieder und spiele den Italiener mit den Italienern. Der
Kardinal Staatssekretr, Buoncompagni, hat mir es gar zu nahe legen lassen, ich
werde aber ausweichen, bis ich halb September aufs Land gehe. Ich scheue mich
vor den Herren und Damen wie vor einer bsen Krankheit, es wird mir schon weh,
wenn ich sie fahren sehe.
Rom, den 23. August 1787
Euren lieben Brief Nr. 24 erhielt ich vorgestern, eben als ich nach dem Vatikan
ging, und habe ihn unterwegs und in der Sixtinischen Kapelle aber- und abermals
gelesen, sooft ich ausruhte von dem Sehen und Aufmerken. Ich kann euch nicht
ausdrcken, wie sehr ich euch zu mir gewnscht habe, damit ihr nur einen Begriff
httet, was ein einziger und ganzer Mensch machen und ausrichten kann; ohne die
Sixtinische Kapelle gesehen zu haben, kann man sich keinen anschauenden Begriff
machen, was ein Mensch vermag. Man hrt und liest von viel groen und braven
Leuten, aber hier hat man es noch ganz lebendig ber dem Haupte, vor den Augen.
Ich habe mich viel mit euch unterhalten und wollte, es stnde alles auf dem
Blatte. Ihr wollt von mir wissen! Wie vieles knnt' ich sagen! denn ich bin
wirklich umgeboren und erneuert und ausgefllt. Ich fhle, da sich die Summe
meiner Krfte zusammenschliet, und hoffe noch etwas zu tun. ber Landschaft und
Architektur habe ich diese Zeit her ernstlich nachgedacht, auch einiges versucht
und sehe nun, wo es damit hinaus will, auch wie weit es zu bringen wre.
Nun hat mich zuletzt das A und O aller uns bekannten Dinge, die menschliche
Figur, angefat, und ich sie, und ich sage: Herr, ich lasse dich nicht, du
segnest mich denn, und sollt' ich mich lahm ringen. Mit dem Zeichnen geht es
gar nicht, und ich habe also mich zum Modellieren entschlossen, und das scheint
rcken zu wollen. Wenigstens bin ich auf einen Gedanken gekommen, der mir vieles
erleichtert. Es wre zu weitlufig, es zu detaillieren, und es ist besser zu tun
als zu reden. Genug, es luft darauf hinaus, da mich nun mein hartnckig
Studium der Natur, meine Sorgfalt, mit der ich in der komparierenden Anatomie zu
Werke gegangen bin, nunmehr in den Stand setzen, in der Natur und den Antiken
manches im ganzen zu sehen, was den Knstlern im einzelnen aufzusuchen schwer
wird, und das sie, wenn sie es endlich erlangen, nur fr sich besitzen und
andern nicht mitteilen knnen.
Ich habe alle meine physiognomischen Kunststckchen, die ich aus Pik auf den
Propheten in den Winkel geworfen, wieder hervorgesucht, und sie kommen mir gut
zu passe. Ein Herkuleskopf ist angefangen; wenn dieser glckt, wollen wir
weitergehen.
So entfernt bin ich jetzt von der Welt und allen weltlichen Dingen, es kommt mir
recht wunderbar vor, wenn ich eine Zeitung lese. Die Gestalt dieser Welt
vergeht, ich mchte mich nur mit dem beschftigen, was bleibende Verhltnisse
sind, und so nach der Lehre des XXX meinem Geiste erst die Ewigkeit verschaffen.
Gestern sah ich bei Ch. v. Worthley, der eine Reise nach Griechenland, gypten
etc. gemacht hat, viele Zeichnungen. Was mich am meisten interessierte, waren
Zeichnungen nach Basreliefs, welche im Fries des Tempels der Minerva zu Athen
sind, Arbeiten des Phidias. Man kann sich nichts Schneres denken als die
wenigen einfachen Figuren. brigens war wenig Reizendes an den vielen
gezeichneten Gegenstnden; die Gegenden waren nicht glcklich, die Architektur
besser.
Lebe wohl fr heute. Es wird meine Bste gemacht, und das hat mir drei Morgen
dieser Woche gekostet.
Den 28. August 1787.
Mir ist diese Tage manches Gute begegnet, und heute zum Feste kam mir Herders
Bchlein voll wrdiger Gottesgedanken. Es war mir trstlich und erquicklich, sie
in diesem Babel, der Mutter so vieles Betrugs und Irrtums, so rein und schn zu
lesen, und zu denken, da doch jetzt die Zeit ist, wo sich solche Gesinnungen,
solche Denkarten verbreiten knnen und drfen. Ich werde das Bchlein in meiner
Einsamkeit noch oft lesen und beherzigen, auch Anmerkungen dazu machen, welche
Anla zu knftigen Unterredungen geben knnen.
Ich habe diese Tage immer weiter um mich gegriffen in Betrachtung der Kunst, und
bersehe nun fast das ganze Pensum, das mir zu absolvieren bleibt; und wenn es
absolviert ist, ist noch nichts getan. Vielleicht gibt's andern Anla, dasjenige
leichter und besser zu tun, wozu Talent und Geschick bestimmt.
Die franzsische Akademie hat ihre Arbeiten ausgestellt; es sind interessante
Sachen drunter. Pindar, der die Gtter um ein glckliches Ende bittet, fllt in
die Arme eines Knaben, den er sehr liebt, und stirbt. Es ist viel Verdienst in
dem Bilde. Ein Architekt hat eine gar artige Idee ausgefhrt, er hat das jetzige
Rom von einer Seite gezeichnet, wo es sich mit allen seinen Teilen gut ausnimmt.
Dann hat er auf einem andern Blatte das alte Rom vorgestellt, als wenn man es
aus demselben Standpunkt she. Die Orte, wo die alten Monumente gestanden, wei
man, ihre Form auch meistens, von vielen stehen noch die Ruinen. Nun hat er
alles Neue weggetan und das Alte wiederhergestellt, wie es etwa zu Zeiten
Diokletians ausgesehen haben mag, und mit ebensoviel Geschmack als Studium, und
allerliebst gefrbt.
Was ich tun kann, tu' ich, und hufe so viel von allen diesen Begriffen und
Talenten auf mich, als ich schleppen kann, und bringe auf diese Weise doch das
Reellste mit.
Hab' ich dir schon gesagt, da Trippel meine Bste arbeitet? Der Frst von
Waldeck hat sie bei ihm bestellt. Er ist schon meist fertig, und es macht ein
gutes Ganze. Sie ist in einem sehr soliden Stil gearbeitet. Wenn das Modell
fertig ist, wird er eine Gipsform darber machen und dann gleich den Marmor
anfangen, welchen er dann zuletzt nach dem Leben auszuarbeiten wnscht; denn was
sich in dieser Materie tun lt, kann man in keiner andern erreichen.
Angelika malt jetzt ein Bild, das sehr glcken wird: die Mutter der Gracchen,
wie sie einer Freundin, welche ihre Juwelen auskramte, ihre Kinder als die
besten Schtze zeigt. Es ist eine natrliche und sehr glckliche Komposition.
Wie schn ist es, zu sen, damit geerntet werde! Ich habe hier durchaus
verschwiegen, da heute mein Geburtstag sei, und dachte beim Aufstehen: sollte
mir denn von Hause nichts zur Feier kommen? Und siehe, da wird mir euer Paket
gebracht, das mich unsglich erfreut. Gleich setzte ich mich hin, es zu lesen,
und bin nun zu Ende und schreibe gleich meinen herzlichsten Dank nieder.
Nun mchte ich denn erst bei euch sein, da sollte es an ein Gesprch gehen, zu
Ausfhrung einiger angedeuteten Punkte. Genug, das wird uns auch werden, und ich
danke herzlich, da eine Sule gesetzt ist, von welcher an wir nun unsre Meilen
zhlen knnen. Ich wandle starken Schrittes in den Gefilden der Natur und Kunst
herum und werde dir mit Freuden von da aus entgegenkommen.
Ich habe es heute nach Empfang deines Briefes noch einmal durchgedacht und mu
darauf beharren: mein Kunststudium, mein Autorwesen, alles fordert noch diese
Zeit. In der Kunst mu ich es so weit bringen, da alles anschauende Kenntnis
werde, nichts Tradition und Name bleibe, und ich zwinge es in diesem halben
Jahre, auch ist es nirgends als in Rom zu zwingen. Meine Schelchen (denn sie
kommen mir sehr im Diminutiv vor) mu ich wenigstens mit Sammlung und
Freudigkeit enden.
Dann zieht mich alles nach dem Vaterlande zurck. Und wenn ich auch ein
isoliertes, privates Leben fhren sollte, habe ich so viel nachzuholen und zu
vereinigen, da ich fr zehn Jahre keine Ruhe sehe.
In der Naturgeschichte bring' ich dir Sachen mit, die du nicht erwartest. Ich
glaube dem Wie der Organisation sehr nahe zu rcken. Du sollst diese
Manifestationen (nicht Fulgurationen) unsres Gottes mit Freuden beschauen und
mich belehren, wer in der alten und neuen Zeit dasselbe gefunden, gedacht, es
von eben der Seite oder aus einem wenig abweichenden Standpunkte betrachtet.

Bericht
August
Zu Anfang dieses Monats reifte bei mir der Vorsatz, noch den nchsten Winter in
Rom zu bleiben; Gefhl und Einsicht, da ich aus diesem Zustande noch vllig
unreif mich entfernen, auch da ich nirgends solchen Raum und solche Ruhe fr
den Abschlu meiner Werke finden wrde, bestimmten mich endlich; und nun, als
ich solches nach Hause gemeldet hatte, begann ein Zeitraum neuer Art.
Die groe Hitze, welche sich nach und nach steigerte und einer allzu raschen
Ttigkeit Ziel und Ma gab, machte solche Rume angenehm und wnschenswert, wo
man seine Zeit ntzlich in Ruh' und Khlung zubringen konnte. Die Sixtinische
Kapelle gab hiezu die schnste Gelegenheit. Gerade zu dieser Zeit hatte
Michelangelo aufs neue die Verehrung der Knstler gewonnen; neben seinen brigen
groen Eigenschaften sollt' er sogar auch im Kolorit nicht bertroffen worden
sein, und es wurde Mode, zu streiten, ob er oder Raffael mehr Genie gehabt. Die
Transfiguration des letzteren wurde mitunter sehr strenge getadelt und die
Disputa das beste seiner Werke genannt; wodurch sich denn schon die spter
aufgekommene Vorliebe fr Werke der alten Schule ankndigte, welche der stille
Beobachter nur fr ein Symptom halber und unfreier Talente betrachten und sich
niemals damit befreunden konnte.
Es ist so schwer, ein groes Talent zu fassen, geschweige denn zwei zugleich.
Wir erleichtern uns dieses durch Parteilichkeit; deshalb denn die Schtzung von
Knstlern und Schriftstellern immer schwankt und einer oder der andere immer
ausschlielich den Tag beherrscht. Mich konnten dergleichen Streitigkeiten nicht
irremachen, da ich sie auf sich beruhen lie und mich mit unmittelbarer
Betrachtung alles Werten und Wrdigen beschftigte. Diese Vorliebe fr den
groen Florentiner teilte sich von den Knstlern gar bald auch den Liebhabern
mit, da denn auch gerade zu jener Zeit Bury und Lips Aquarellkopien in der
Sixtinischen Kapelle fr Grafen Fries zu fertigen hatten. Der Kustode ward gut
bezahlt, er lie uns durch die Hintertr neben dem Altar hinein, und wir
hauseten darin nach Belieben. Es fehlte nicht an einiger Nahrung, und ich
erinnere mich, ermdet von groer Tageshitze, auf dem ppstlichen Stuhle einem
Mittagsschlaf nachgegeben zu haben.
Sorgfltige Durchzeichnungen der unteren Kpfe und Figuren des Altarbildes, die
man mit der Leiter erreichen konnte, wurden gefertigt, erst mit weier Kreide
auf schwarze Florrahmen, dann mit Rtel auf groe Papierbogen durchgezeichnet.
Ebnermaen ward denn auch, indem man sich nach dem Altern hinwendete, Leonard da
Vinci berhmt, dessen hochgeschtztes Bild, Christus unter den Pharisern, in
der Galerie Aldobrandini ich mit Angelika besuchte. Es war herkmmlich geworden,
da sie Sonntag um Mittag mit ihrem Gemahl und Rat Reiffenstein bei mir vorfuhr
und wir sodann mit mglichster Gemtsruhe uns durch eine Backofenhitze in
irgendeine Sammlung begaben, dort einige Stunden verweilten und sodann zu einer
wohlbesetzten Mittagstafel bei ihr einkehrten. Es war vorzglich belehrend, mit
diesen drei Personen, deren eine jede in ihrer Art theoretisch, praktisch,
sthetisch und technisch gebildet war, sich in Gegenwart so bedeutender
Kunstwerke zu besprechen.
Ritter Worthley, der aus Griechenland zurckgekommen war, lie uns wohlwollend
seine mitgebrachten Zeichnungen sehen, unter welchen die Nachbildungen der
Arbeiten des Phidias im Fronton der Akropolis einen entschiedenen und
unauslschlichen Eindruck in mir zurcklieen, der um desto strker war, als
ich, durch die mchtigen Gestalten des Michelangelo veranlat, dem menschlichen
Krper mehr als bisher Aufmerksamkeit und Studium zugewendet hatte.
Eine bedeutende Epoche jedoch in dem regsamen Kunstleben machte die Ausstellung
der franzsischen Akademie zu Ende des Monats. Durch Davids Horatier hatte
sich das bergewicht auf die Seite der Franzosen hingeneigt. Tischbein wurde
dadurch veranlat, seinen Hektor, der den Paris in Gegenwart der Helena
auffordert, lebensgro anzufangen. Durch Drouais, Gagneraux, Desmarais,
Gauffier, St. Ours erhlt sich nunmehr der Ruhm der Franzosen, und Boquet
erwirbt als Landschaftsmaler im Sinne Poussins einen guten Namen.
Indessen hatte Moritz sich um die alte Mythologie bemht; er war nach Rom
gekommen, um nach frherer Art durch eine Reisebeschreibung sich die Mittel
einer Reise zu verschaffen. Ein Buchhndler hatte ihm Vorschu geleistet; aber
bei seinem Aufenthalt in Rom wurde er bald gewahr, da ein leichtes loses
Tagebuch nicht ungestraft verfat werden knne. Durch tagtgliche Gesprche,
durch Anschauen so vieler wichtiger Kunstwerke regte sich in ihm der Gedanke,
eine Gtterlehre der Alten in rein menschlichem Sinne zu schreiben und solche
mit belehrenden Umrissen nach geschnittenen Steinen knftig herauszugeben Er
arbeitete fleiig daran, und unser Verein ermangelte nicht, sich mit demselben
einwirkend darber zu unterhalten.
Eine hchst angenehme, belehrende Unterhaltung, mit meinen Wnschen und Zwecken
unmittelbar zusammentreffend, knpfte ich mit dem Bildhauer Trippel in seiner
Werkstatt an, als er meine Bste modellierte, welche er fr den Frsten von
Waldeck in Marmor ausarbeiten sollte. Gerade zum Studium der menschlichen
Gestalt, und um ber ihre Proportionen als Kanon und als abweichender Charakter
aufgeklrt zu werden, war nicht wohl unter andern Bedingungen zu kommen. Dieser
Augenblick ward auch doppelt interessant dadurch, da Trippel von einem
Apollokopf Kenntnis erhielt, der sich in der Sammlung des Palasts Giustiniani
bisher unbeachtet befunden hatte. Er hielt denselben fr eins der edelsten
Kunstwerke und hegte Hoffnung, ihn zu kaufen, welches jedoch nicht gelang. Diese
Antike ist seitdem berhmt geworden und spter an Herrn von Pourtals nach
Neufchatel gekommen.
Aber wie derjenige, der sich einmal zur See wagt, durch Wind und Wetter bestimmt
wird, seinen Lauf bald dahin, bald dorthin zu nehmen, so erging es auch mir.
Verschaffelt erffnete einen Kurs der Perspektive, wo wir uns des Abends
versammelten und eine zahlreiche Gesellschaft auf seine Lehren horchte und sie
unmittelbar ausbte. Das Vorzglichste war dabei, da man gerade das
Hinreichende und nicht zuviel lernte.
Aus dieser kontemplativ ttigen, geschftigen Ruhe htte man mich gerne
herausgerissen. Das unglckliche Konzert war in Rom, wo das Hin- und Widerreden
des Tags wie an kleinen Orten herkmmlich ist, vielfach besprochen; man war auf
mich und meine schriftstellerischen Arbeiten aufmerksam geworden; ich hatte die
Iphigenie und sonstiges unter Freunden vorgelesen, worber man sich
gleichfalls besprach. Kardinal Buoncompagni verlangte, mich zu sehen, ich aber
hielt fest in meiner wohlbekannten Einsiedelei, und ich konnte dies um so eher,
als Rat Reiffenstein fest und eigensinnig behauptete, da ich mich durch ihn
nicht habe prsentieren lassen, so knne es kein anderer tun. Dies gereichte mir
sehr zum Vorteil, und ich benutzte immer sein Ansehn, um mich in einmal
gewhlter und ausgesprochener Abgeschiedenheit zu erhalten.

September
Korrespondenz
Den 1. September 1787
Heute, kann ich sagen, ist Egmont fertig geworden; ich habe diese Zeit her
immer noch hier und da daran gearbeitet. Ich schicke ihn ber Zrich, denn ich
wnsche, da Kayser Zwischenakte dazu und was sonst von Musik ntig ist,
komponieren mge. Dann wnsch' ich euch Freude daran.
Meine Kunststudien gehen sehr vorwrts, mein Prinzip pat berall und schliet
mir alles auf. Alles, was Knstler nur einzeln mhsam zusammensuchen mssen,
liegt nun zusammen offen und frei vor mir. Ich sehe jetzt, wie viel ich nicht
wei, und der Weg ist offen, alles zu wissen und zu begreifen.
Moritzen hat Herders Gotteslehre sehr wohl getan, er zhlt gewi Epoche seines
Lebens davon, er hat sein Gemt dahin geneigt und war durch meinen Umgang
vorbereitet, er schlug gleich wie wohl getrocknet Holz in lichte Flammen.
Rom, den 3. September.
Heute ist es jhrig, da ich mich aus Karlsbad entfernte. Welch ein Jahr! und
welch eine sonderbare Epoche fr mich dieser Tag, des Herzogs Geburtstag und ein
Geburtstag fr mich zu einem neuen Leben. Wie ich dieses Jahr genutzt, kann ich
jetzt weder mir noch andern berechnen; ich hoffe, es wird die Zeit kommen, die
schne Stunde, da ich mit euch alles werde summieren knnen.
Jetzt gehn hier erst meine Studien an, und ich htte Rom gar nicht gesehen, wenn
ich frher weggegangen wre. Man denkt sich gar nicht, was hier zu sehen und zu
lernen ist; auswrts kann man keinen Begriff davon haben.
Ich bin wieder in die gyptischen Sachen gekommen. Diese Tage war ich einigemal
bei dem groen Obelisk, der noch zerbrochen zwischen Schutt und Kot in einem
Hofe liegt. Es war der Obelisk des Sesostris, in Rom zu Ehren des Augusts
aufgerichtet, und stand als Zeiger der groen Sonnenuhr, die auf dem Boden des
Campus Martius gezeichnet war. Dieses lteste und herrlichste vieler Monumente
liegt nun da zerbrochen, einige Seiten (wahrscheinlich durchs Feuer)
verunstaltet. Und doch liegt es noch da, und die unzerstrten Seiten sind noch
frisch, wie gestern gemacht und von der schnsten Arbeit (in ihrer Art). Ich
lasse jetzt eine Sphinx der Spitze und die Gesichter von Sphinxen, Menschen,
Vgeln abformen und in Gips gieen. Diese unschtzbaren Sachen mu man besitzen,
besonders da man sagt, der Papst wolle ihn aufrichten lassen, da man denn die
Meroglyphen nicht mehr erreichen kann. So will ich es auch mit den besten
hetrurischen Sachen tun u. s. w. Nun modelliere ich nach diesen Bildungen in
Ton, um mir alles recht eigen zu machen.
Den 5. September.
Ich mu an einem Morgen schreiben, der ein festlicher Morgen fr mich wird. Denn
heute ist Egmont eigentlich recht vllig fertig geworden. Der Titel und die
Personen sind geschrieben und einige Lcken, die ich gelassen hatte, ausgefllt
worden; nun freu' ich mich schon zum voraus auf die Stunde, in welcher ihr ihn
erhalten und lesen werdet. Es sollen auch einige Zeichnungen beigelegt werden.
Den 6. September.
Ich hatte mir vorgenommen, euch recht viel zu schreiben und auf den letzten
Brief allerlei zu sagen, nun bin ich unterbrochen worden, und morgen geh' ich
nach Frascati. Dieser Brief mu Sonnabends fort, und nun sag' ich nur noch zum
Abschied wenige Worte. Wahrscheinlich habt ihr jetzt auch schnes Wetter, wie
wir es unter diesem freieren Himmel genieen. Ich habe immer neue Gedanken, und
da die Gegenstnde um mich tausendfach sind, so wecken sie mich bald zu dieser,
bald zu jener Idee. Von vielen Wegen rckt alles gleichsam auf einen Punkt
zusammen, ja, ich kann sagen, da ich nun Licht sehe, wo es mit mir und meinen
Fhigkeiten hinaus will; so alt mu man werden, um nur einen leidlichen Begriff
von seinem Zustande zu haben. Es sind also die Schwaben nicht allein, die
vierzig Jahre brauchen, um klug zu werden.
Ich hre, da Herder nicht wohl ist, und bin darber in Sorge, ich hoffe bald
bessere Nachrichten zu vernehmen.
Mir geht es immer an Leib und Seele gut, und fast kann ich hoffen, radikaliter
kuriert zu werden; alles geht mir leicht von der Hand, und manchmal kommt ein
Hauch der Jugendzeit, mich anzuwehen. Egmont geht mit diesem Brief ab, wird
aber spter kommen, weil ich ihn auf die fahrende Post gebe. Recht neugierig und
verlangend bin ich, was ihr dazu sagen werdet.
Vielleicht wre gut, mit dem Druck bald anzufangen. Es wrde mich freuen, wenn
das Stck so frisch ins Publikum kme. Seht, wie ihr das einrichtet, ich will
mit dem Rest des Bandes nicht zurckbleiben.
Der Gott leistet mir die beste Gesellschaft. Moritz ist dadurch wirklich
aufgebaut worden, es fehlte gleichsam nur an diesem Werke, das nun als
Schlustein seine Gedanken schliet, die immer auseinander fallen wollten. Es
wird recht brav. Mich hat er aufgemuntert, in natrlichen Dingen weiter
vorzudringen, wo ich denn, besonders in der Botanik, auf ein en kai pan gekommen
bin, das mich in Erstaunen setzt; wie weit es um sich greift, kann ich selbst
noch nicht sehn.
Mein Prinzip, die Kunstwerke zu erklren und das auf einmal aufzuschlieen,
woran Knstler und Kenner sich schon seit der Wiederherstellung der Kunst
zersuchen und zerstudieren, find' ich bei jeder Anwendung richtiger. Eigentlich
ist's auch ein Kolumbisches Ei. Ohne zu sagen, da ich einen solchen
Kapitalschlssel besitze, sprech' ich nun die Teile zweckmig mit den Knstlern
durch und sehe, wie weit sie gekommen sind, was sie haben und wo es widerstt.
Die Tre hab' ich offen und stehe auf der Schwelle und werde leider mich von da
aus nur im Tempel umsehen knnen und wieder scheiden.
So viel ist gewi, die alten Knstler haben ebenso groe Kenntnis der Natur und
einen ebenso sichern Begriff von dem, was sich vorstellen lt und wie es
vorgestellt werden mu, gehabt als Homer. Leider ist die Anzahl der Kunstwerke
der ersten Klasse gar zu klein. Wenn man aber auch diese sieht, so hat man
nichts zu wnschen, als sie recht zu erkennen und dann in Friede hinzufahren.
Diese hohen Kunstwerke sind zugleich als die hchsten Naturwerke von Menschen
nach wahren und natrlichen Gesetzen hervorgebracht worden. Alles Willkrliche,
Eingebildete fllt zusammen, da ist die Notwendigkeit, da ist Gott.
In einigen Tagen werde ich die Arbeiten eines geschickten Architekten sehen, der
selbst in Palmyra war und die Gegenstnde mit groem Verstand und Geschmack
gezeichnet hat. Ich gebe gleich Nachricht davon und erwarte mit Verlangen eure
Gedanken ber diese wichtigen Ruinen.
Freut euch mit mir, da ich glcklich bin, ja, ich kann wohl sagen, ich war es
nie in dem Mae: mit der grten Ruhe und Reinheit eine eingeborne Leidenschaft
befriedigen zu knnen und von einem anhaltenden Vergngen einen dauernden Nutzen
sich versprechen zu drfen, ist wohl nichts Geringes. Knnte ich meinen
Geliebten nur etwas von meinem Genu und meiner Empfindung mitteilen.
Ich hoffe, die trben Wolken am politischen Himmel sollen sich zerstreuen. Unsre
modernen Kriege machen viele unglcklich, indessen sie dauern, und niemand
glcklich, wenn sie vorbei sind.
Den 17. September 1787
Es bleibt wohl dabei, meine Lieben, da ich ein Mensch bin, der von der Mhe
lebt. Diese Tage her habe ich wieder mehr gearbeitet als genossen. Nun geht die
Woche zu Ende und ihr sollt ein Blatt haben.
Es ist ein Leid, da die Aloe in Belvedere eben das Jahr meiner Abwesenheit
whlt, um zu blhen. In Sizilien war ich zu frh, hier blht dies Jahr nur eine,
nicht gro, und sie steht so hoch, da man nicht dazu kann. Es ist allerdings
ein indianisch Gewchs auch in diesen Gegenden nicht recht zu Hause.
Des Englnders Beschreibungen machen mir wenig Freude. Die Geistlichen mssen
sich in England sehr in acht nehmen, dagegen haben sie auch das brige Publikum
in der Flucht. Der freie Englnder mu in sittlichen Schriften sehr
eingeschrnkt einhergehn.
Die Schwanzmenschen wundern mich nicht, nach der Beschreibung ist es etwas sehr
Natrliches. Es stehen weit wunderbarere Sachen tglich vor unsern Augen, die
wir nicht achten, weil sie nicht so nah mit uns verwandt sind.
Da B. wie mehr Menschen, die kein Gefhl echter Gottesverehrung whrend ihres
Lebens gehabt haben, in ihrem Alter fromm werden, wie man's heit, ist auch
recht gut, wenn man nur sich nicht mit ihnen erbauen soll.
Einige Tage war ich in Frascati mit Rat Reiffenstein, Angelika kam Sonntags, uns
abzuholen. Es ist ein Paradies.
Erwin und Elmire ist zur Hlfte schon umgeschrieben. Ich habe gesucht dem
Stckchen mehr Interesse und Leben zu verschaffen und habe den uerst platten
Dialog ganz weggeschmissen. Es ist Schlerarbeit oder vielmehr Sudelei. Die
artigen Gesnge, worauf sich alles dreht, bleiben alle, wie natrlich.
Die Knste werden auch fortgetrieben, da es saust und braust.
Meine Bste ist sehr gut geraten; jedermann ist damit zufrieden. Gewi ist sie
in einem schnen und edlen Stil gearbeitet, und ich habe nichts dagegen, da die
Idee, als htte ich so ausgesehen, in der Welt bleibt. Sie wird nun gleich in
Marmor angefangen und zuletzt auch in den Marmor nach der Natur gearbeitet. Der
Transport ist so lstig, sonst schickte ich gleich einen Abgu; vielleicht
einmal mit einem Schiffstransport, denn einige Kisten werd' ich doch zuletzt
zusammenpacken.
Ist denn Kranz noch nicht angekommen, dem ich eine Schachtel fr die Kinder
mitgab?
Sie haben jetzt wieder eine gar graziose Operette auf dem Theater in Valle,
nachdem zwei jmmerlich verunglckt waren. Die Leute spielen mit viel Lust, und
es harmoniert alles zusammen. Nun wird es bald aufs Land gehen. Es hat einigemal
geregnet, das Wetter ist abgekhlt, und die Gegend macht sich wieder grn.
Von der groen Eruption des tna werden euch die Zeitungen gesagt haben oder
sagen.
Den 15. September.
Nun hab' ich auch Trencks Leben gelesen. Es ist interessant genug, und lassen
sich Reflexionen genug darber machen.
Mein nchster Brief wird meine Bekanntschaft mit einem merkwrdigen Reisenden
erzhlen, die ich morgen machen soll.
Freuet euch brigens meines hiesigen Aufenthalts! Rom ist mir nun ganz familir,
und ich habe fast nichts mehr drin, was mich berspannte. Die Gegenstnde haben
mich nach und nach zu sich hinaufgehoben. Ich geniee immer reiner, immer mit
mehr Kenntnis, das gute Glck wird immer weiter helfen.
Hier liegt ein Blatt bei, das ich, abgeschrieben, den Freunden mitzuteilen
bitte. Auch darum ist der Aufenthalt in Rom so interessant, weil es ein
Mittelpunkt ist, nach dem sich so vieles hinzieht. Die Sachen des Cassas sind
auerordentlich schn. Ich habe ihm manches in Gedanken gestohlen, das ich euch
mitbringen will.
Ich bin immer fleiig. Nun hab' ich ein Kpfchen nach Gips gezeichnet, um zu
sehen, ob mein Prinzipium Stich hlt. Ich finde, es pat vollkommen und
erleichtert erstaunend das Machen. Man wollte nicht glauben, da ich's gemacht
habe, und doch ist es noch nichts. Ich sehe nun wohl, wie weit sich's mit
Applikation bringen liee.
Montag geht es wieder nach Frascati. Ich will sorgen, da doch heute ber acht
Tage ein Brief abgehen kann. Dann werd' ich wohl nach Albano gehen. Es wird
recht fleiig nach der Natur gezeichnet werden. Ich mag nun von gar nichts mehr
wissen, als etwas hervorzubringen und meinen Sinn recht zu ben. Ich liege an
dieser Krankheit von Jugend auf krank, und gebe Gott, da sie sich einmal
auflse.
Den 22. September.
Gestern war eine Prozession, wo sie das Blut des heiligen Franziskus
herumtrugen; ich spekulierte auf Kpfe und Gesichter, indes die Reihen von
Ordensgeistlichen vorbeizogen.
Ich habe mir eine Sammlung von zweihundert der besten Antikengemmen-Abdrcke
angeschafft. Es ist das Schnste, was man von alter Arbeit hat, und zum Teil
sind sie auch wegen der artigen Gedanken gewhlt. Man kann von Rom nichts
Kostbareres mitnehmen, besonders da die Abdrcke so auerordentlich schn und
scharf sind.
Wie manches Gute werd' ich mitbringen, wenn ich mit meinem Schiffchen
zurckkehre, doch vor allem ein frhliches Herz, fhiger, das Glck, was mir
Liebe und Freundschaft zudenkt, zu genieen. Nur mu ich nichts wieder
unternehmen, was auer dem Kreise meiner Fhigkeit liegt, wo ich mich nur
abarbeite und nichts fruchte.
Den 22. September.
Noch ein Blatt, meine Lieben, mu ich euch mit dieser Post eilig schicken. Heute
war mir ein sehr merkwrdiger Tag. Briefe von vielen Freunden, von der
Herzogin-Mutter, Nachricht von meinem gefeierten Geburtsfeste und endlich meine
Schriften.
Es ist mir wirklich sonderbar zumute, da diese vier zarten Bndchen, die
Resultate eines halben Lebens, mich in Rom aufsuchen. Ich kann wohl sagen: es
ist kein Buchstabe drin, der nicht gelebt, empfunden, genossen, gelitten,
gedacht wre, und sie sprechen mich nun alle desto lebhafter an. Meine Sorge und
Hoffnung ist, da die vier folgenden nicht hinter diesen bleiben. Ich danke euch
fr alles, was ihr an diesen Blttern getan habt, und wnsche euch auch Freude
bringen zu knnen. Sorgt auch fr die folgenden mit treuen Herzen!
Ihr vexiert mich ber die Provinzen, und ich gestehe, der Ausdruck ist sehr
uneigentlich. Da kann man aber sehen, wie man sich in Rom angewhnt, alles
grandios zu denken. Wirklich schein' ich mich zu nationalisieren, denn man gibt
den Rmern schuld, da sie nur von cose grosse wissen und reden mgen.
Ich bin immer fleiig und halte mich nun an die menschliche Figur. O wie weit
und lang ist die Kunst, und wie unendlich wird die Welt, wenn man sich nur
einmal recht ans Endliche halten mag.
Dienstag, den 25., geh' ich nach Frascati und werde auch dort mhen und
arbeiten. Es fngt nun an zu gehen. Wenn es nur einmal recht ginge.
Mir ist aufgefallen, da in einer groen Stadt, in einem weiten Kreis auch der
rmste, der Geringste sich empfindet, und an einem kleinen Orte der Beste, der
Reichste sich nicht fhlen, nicht Atem schpfen kann.
Frascati, den 28. September 1787.
Ich bin hier sehr glcklich, es wird den ganzen Tag bis in die Nacht gezeichnet,
gemalt, getuscht, geklebt, Handwerk und Kunst recht ex professo getrieben. Rat
Reiffenstein, mein Wirt, leistet Gesellschaft, und wir sind munter und lustig.
Abends werden die Villen im Mondschein besucht, und sogar im Dunkeln die
frappantesten Motive nachgezeichnet. Einige haben wir aufgejagt, die ich nur
einmal auszufhren wnsche. Nun hoff' ich, da auch die Zeit des Vollendens
kommen wird. Die Vollendung liegt nur zu weit, wenn man weit sieht.
Gestern fuhren wir nach Albano und wieder zurck; auch auf diesem Wege sind
viele Vgel im Fluge geschossen worden. Hier, wo man recht in der Flle sitzt,
kann man sich was zugute tun, auch brenne ich recht vor Leidenschaft, mir alles
zuzueignen, und ich fhle, da sich mein Geschmack reinigt, nach dem Mae, wie
meine Seele mehr Gegenstnde fat. Wenn ich nur statt all des Redens einmal
etwas Gutes schicken knnte! Einige Kleinigkeiten gehen mit einem Landsmann an
euch ab.
Wahrscheinlich hab' ich die Freude, Kaysern in Rom zu sehen. So wird sich denn
auch noch die Musik zu mir gesellen, um den Reihen zu schlieen, den die Knste
um mich ziehen, gleichsam als wollten sie mich verhindern, nach meinen Freunden
zu sehen. Und doch darf ich kaum das Kapitel berhren, wie sehr allein ich mich
oft fhle, und welche Sehnsucht mich ergreift, bei euch zu sein. Ich lebe doch
nur im Grunde im Taumel weg, will und kann nicht weiter denken.
Mit Moritz hab' ich recht gute Stunden, und habe angefangen, ihm mein
Pflanzensystem zu erklren, und jedesmal in seiner Gegenwart aufzuschreiben, wie
weit wir gekommen sind. Auf diese Art konnt' ich allein etwas von meinen
Gedanken zu Papier bringen. Wie falich aber das Abstrakteste von dieser
Vorstellungsart wird, wenn es mit der rechten Methode vorgetragen wird und eine
vorbereitete Seele findet, seh' ich an meinem neuen Schler. Er hat eine groe
Freude daran und ruckt immer selbst mit Schlssen vorwrts. Doch auf alle Flle
ist's schwer zu schreiben und unmglich aus dem bloen Lesen zu begreifen, wenn
auch alles noch so eigentlich und scharf geschrieben wre.
So lebe ich denn glcklich, weil ich in dem bin, was meines Vaters ist. Grt
alle, die mir's gnnen und mir direkt oder indirekt helfen, mich frdern und
erhalten!

Bericht
September
Der dritte September war mir heute doppelt und dreifach merkwrdig, um ihn zu
feiern. Es war der Geburtstag meines Frsten, welcher eine treue Neigung mit so
mannigfaltigem Guten zu erwidern wute; es war der Jahrestag meiner Hegire von
Karlsbad, und noch durfte ich nicht zurckschauen, was ein so bedeutend
durchlebter, vllig fremder Zustand auf mich gewirkt, mir gebracht und
verliehen; wie mir auch nicht Raum zu vielem Nachdenken brigblieb.
Rom hat den eignen groen Vorzug, da es als Mittelpunkt knstlerischer
Ttigkeit anzusehen ist. Gebildete Reisende sprechen ein, sie sind ihrem
krzeren oder lngeren Aufenthalte hier gar vieles schuldig; sie ziehen weiter,
wirken und sammeln, und wenn sie bereichert nach Hause kommen, so rechnen sie
sich's zur Ehre und Freude, das Erworbene auszulegen und ein Opfer der
Dankbarkeit ihren entfernten und gegenwrtigen Lehrern darzubringen.
Ein franzsischer Architekt mit Namen Cassas kam von seiner Reise in den Orient
zurck; er hatte die wichtigsten alten Monumente, besonders die noch nicht
herausgegebenen, gemessen, auch die Gegenden, wie sie anzuschauen sind,
gezeichnet, nicht weniger alte zerfallene und zerstrte Zustnde bildlich
wiederhergestellt und einen Teil seiner Zeichnungen, von groer Przision und
Geschmack, mit der Feder umrissen und mit Aquarellfarben belebt dem Auge
dargestellt.
1. Das Serail von Konstantinopel von der Seeseite mit einem Teil der Stadt und
der Sophienmoschee. Auf der reizendsten Spitze von Europa ist der Wohnort des
Groherrn so lustig angebaut, als man es nur denken kann. Hohe und immer
respektierte Bume stehen in groen, meist verbundenen Gruppen hintereinander,
darunter sieht man nicht etwa groe Mauern und Palste, sondern Huschen,
Gitterwerke, Gnge, Kiosken, ausgespannte Teppiche, so huslich, klein und
freundlich durcheinander gemischt, da es eine Lust ist. Da die Zeichnung mit
Farben ausgefhrt ist, macht es einen gar freundlichen Effekt. Eine schne
Strecke Meer besplt die so bebaute Kste. Gegenber liegt Asien, und man sieht
in die Meerenge, die nach den Dardanellen fhrt. Die Zeichnung ist bei sieben
Fu lang und drei bis vier hoch.
2. Generalaussicht der Ruinen von Palmyra, in derselben Gre.
Er zeigte uns vorher einen Grundri der Stadt, wie er ihn aus den Trmmern
herausgesucht.
Eine Kolonnade, auf eine italienische Meile lang, ging vorn Tore durch die Stadt
bis zum Sonnentempel, nicht in ganz gerader Linie, sie macht in der Mitte ein
sanftes Knie. Die Kolonnade war von vier Sulenreihen, die Sule zehn Diameter
hoch. Man sieht nicht, da sie oben bedeckt gewesen; er glaubt, es sei durch
Teppiche geschehen. Auf der groen Zeichnung erscheint ein Teil der Kolonnade
noch aufrecht stehend im Vordergrunde. Eine Karawane, die eben quer durchzieht,
ist mit vielem Glck angebracht. Im Hintergrunde steht der Sonnentempel, und auf
der rechten Seite zieht sich eine groe Flche hin, auf welcher einige
Janitscharen in Karriere forteilen. Das sonderbarste Phnomen ist: eine blaue
Linie wie eine Meereslinie schliet das Bild. Er erklrte es uns, da der
Horizont der Wste, der in der Ferne blau werden mu, so vllig wie das Meer den
Gesichtskreis schliet, da es ebenso in der Natur das Auge trgt, wie es uns im
Bilde anfangs getrogen, da wir doch wuten, da Palmyra vom Meer entfernt genug
sei.
3. Grber von Palmyra.
4. Restauration des Sonnentempels zu Balbeck, auch eine Landschaft mit den
Ruinen, wie sie stehen.
5. Die groe Moschee zu Jerusalem, auf den Grund des Salomonischen Tempels
gebaut.
6. Ruinen eines kleinen Tempels in Phnizien.
7. Gegend am Fue des Bergs Libanon, anmutig, wie man sich denken mag. Ein
Pinienwldchen, ein Wasser, daran Hngeweiden und Grber drunter, der Berg in
der Entfernung.
8. Trkische Grber. Jeder Grabstein trgt den Hauptschmuck des Verstorbenen,
und da sich die Trken durch den Kopfschmuck unterscheiden, so sieht man gleich
die Wrde des Begrabenen. Auf den Grbern der Jungfrauen werden Blumen mit
groer Sorgfalt erzogen.
9. gyptische Pyramide mit dem groen Sphinxkopfe. Er sei, sagt Cassas, in einen
Kalkfelsen gehauen, und weil derselbe Sprnge gehabt und Ungleichheiten, habe
man den Kolo mit Stuck berzogen und gemalt, wie man noch in den Falten des
Kopfschmuckes bemerke. Eine Gesichtspartie ist etwa zehn Schuh hoch. Auf der
Unterlippe hat er bequem spazieren knnen.
10. Eine Pyramide, nach einigen Urkunden, Anlssen und Mutmaungen restauriert.
Sie hat von vier Seiten vorspringende Hallen mit danebenstehenden Obelisken;
nach den Hallen gehen Gnge hin, mit Sphinxen besetzt, wie sich solche noch in
Obergypten befinden. Es ist diese Zeichnung die ungeheuerste Architekturidee,
die ich zeitlebens gesehen, und ich glaube nicht, da man weiter kann.
Abends, nachdem wir alle diese schnen Sachen mit behaglicher Mue betrachtet,
gingen wir in die Grten auf dem Palatin, wodurch die Rume zwischen den Ruinen
der Kaiserpalste urbar und anmutig gemacht worden. Dort auf einem freien
Gesellschaftsplatze, wo man unter herrlichen Bumen die Fragmente verzierter
Kapitler, glatter und kannelierter Sulen, zerstckte Basreliefe und was noch
der Art im weiten Kreise umhergelegt hatte, wie man sonsten Tische, Sthle und
Bnke zu heiterer Versammlung im Freien anzubringen pflegt - dort genossen wir
der reizenden Zeit nach Herzenslust, und als wir die mannigfaltigste Aussicht
mit frisch gewaschenen und gebildeten Augen bei Sonnenuntergang berschauten,
muten wir gestehen, da dieses Bild auf alle die andern, die man uns heute
gezeigt, noch recht gut anzusehen sei. In demselbigen Geschmack von Cassas
gezeichnet und gefrbt, wrde es berall Entzcken erregen. Und so wird uns
durch knstlerische Arbeiten nach und nach das Auge so gestimmt, da wir fr die
Gegenwart der Natur immer empfnglicher und fr die Schnheiten, die sie
darbietet, immer offener werden.

Der Palatin. Zeichnung von Goethe

Nun aber mute des nchsten Tages uns zu scherzhaften Unterhaltungen dienen, da
gerade das, was wir bei dem Knstler Groes und Grenzenloses gesehen, uns in
eine niedrige, unwrdige Enge zu begeben veranlassen sollte. Die herrlichen
gyptischen Denkmale erinnerten uns an den mchtigen Obelisk, der auf dem
Marsfelde, durch August errichtet, als Sonnenweiser diente, nunmehr aber in
Stcken, umzunt von einem Bretterverschlag, in einem schmutzigen Winkel auf den
khnen Architekten wartete, der ihn aufzuerstehen berufen mchte. (NB. Jetzt ist
er auf dem Platz Monte Citorio wieder aufgerichtet und dient wie zur Rmerzeit
abermals als Sonnenweiser.) Er ist aus dem echtesten gyptischen Granit gehauen,
berall mit zierlichen naiven Figuren, obgleich in dem bekannten Stil, berset.
Merkwrdig war es, als wir neben der sonst in die Luft gerichteten Spitze
standen, auf den Zuschrfungen derselben Sphinx nach Sphinxen auf das
zierlichste abgebildet zu sehen, frher keinem menschlichen Auge, sondern nur
den Strahlen der Sonne erreichbar. Hier tritt der Fall ein, da das
Gottesdienstliche der Kunst nicht auf einen Effekt berechnet ist, den es auf den
menschlichen Anblick machen soll. Wir machten Anstalt, diese heiligen Bilder
abgieen zu lassen, um das bequem nah vor Augen zu sehen, was sonst gegen die
Wolkenregion hinaufgerichtet war.
In dem widerwrtigen Raume, worin wir uns mit dem wrdigsten Werke befanden,
konnten wir uns nicht entbrechen, Rom als ein Quodlibet anzusehen, aber als ein
einziges in seiner Art: denn auch in diesem Sinne hat diese ungeheure Lokalitt
die grten Vorzge. Hier brachte der Zufall nichts hervor, er zerstrte nur;
alles auf den Fen Stehende ist herrlich, alles Zertrmmerte ist ehrwrdig, die
Unform der Ruinen deutet auf uralte Regelmigkeit, welche sich in neuen groen
Formen der Kirchen und Palste wieder hervortat.
Jene bald gefertigten Abgsse brachten in Erinnerung, da in der groen
Dehnischen Pastensammlung, wovon die Abdrcke im ganzen und teilweise
verkuflich waren, auch einiges gyptische zu sehen sei; und wie sich denn eins
aus dem andern ergibt, so whlte ich aus gedachter Sammlung die vorzglichsten
und bestellte solche bei den Inhabern. Solche Abdrcke sind der grte Schatz
und ein Fundament, das der in seinen Mitteln beschrnkte Liebhaber zu knftigem
groen mannigfaltigen Vorteil bei sich niederlegen kann.
Die vier ersten Bnde meiner Schriften bei Gschen waren angekommen und das
Prachtexemplar sogleich in die Hnde Angelikas gegeben, die daran ihre
Muttersprache aufs neue zu beloben Ursach' zu finden glaubte.
Ich aber durfte den Betrachtungen nicht nachhngen, die sich mir bei dem
Rckblick auf meine frheren Ttigkeiten lebhaft aufdrngen. Ich wute nicht,
wie weit der eingeschlagene Weg mich fhren wrde, ich konnte nicht einsehen,
inwiefern jenes frhere Bestreben gelingen und wiefern der Erfolg dieses Sehnens
und Wandelns die aufgewendete Mhe belohnen wrde.
Aber es blieb mir auch weder Zeit noch Raum, rckwrts zu schauen und zu denken.
Die ber organische Natur, deren Bilden und Umbilden mir gleichsam eingeimpften
Ideen erlaubten keinen Stillstand, und indem mir Nachdenkendem eine Folge nach
der andern sich entwickelte, so bedurfte ich zu eigner Ausbildung tglich und
stndlich irgendeiner Art von Mitteilung. Ich versuchte es mit Moritz und trug
ihm, soviel ich vermochte, die Metamorphose der Pflanzen vor; und er, ein
seltsames Gef, das, immer leer und inhaltsbedrftig, nach Gegenstnden
lechzte, die er sich aneignen knnte, griff redlich mit ein, dergestalt
wenigstens, da ich meine Vortrge fortzusetzen Mut behielt.
Hier aber kam uns ein merkwrdiges Buch, ich will nicht fragen, ob zustatten,
aber doch zu bedeutender Anregung: Herders Werk, das, unter einem lakonischen
Titel, ber Gott und gttliche Dinge die verschiedenen Ansichten in
Gesprchsform vorzutragen bemht war. Mich versetzte diese Mitteilung in jene
Zeiten, wo ich an der Seite des trefflichen Freundes ber diese Angelegenheiten
mich mndlich zu unterhalten oft veranlat war. Wundersam jedoch kontrastierte
dieser in den hchsten frommen Betrachtungen versierende Band mit der Verehrung,
zu der uns das Fest eines besondern Heiligen aufrief.
Am 21. September ward das Andenken des heiligen Franziskus gefeiert und sein
Blut in langgedehnter Prozession von Mnchen und Glubigen in der Stadt
umhergetragen. Aufmerksam ward ich bei dem Vorbeiziehen so vieler Mnche, deren
einfache Kleidung das Auge nur auf die Betrachtung des Kopfes hinzog. Es war mir
auffallend, da eigentlich Haar und Bart dazu gehren, um sich von dem
mnnlichen Individuum einen Begriff zu machen. Erst mit Aufmerksamkeit, dann mit
Erstaunen musterte ich die vor mir vorberziehende Reihe und war wirklich
entzckt, zu sehen, da ein Gesicht, von Haar und Bart in einen Rahmen
eingefat, sich ganz anders ausnahm, als das bartlose Volk umher. Und ich konnte
nun wohl finden, da dergleichen Gesichter, in Gemlden dargestellt, einen ganz
unnennbaren Reiz auf den Beschauer ausben muten.
Hofrat Reiffenstein, welcher sein Amt, Fremde zu fhren und zu unterhalten,
gehrig ausstudiert hatte, konnte freilich im Laufe seines Geschfts nur
allzubald gewahr werden, da Personen, welche wenig mehr nach Rom bringen als
Lust zu sehen und sich zu zerstreuen, mitunter an der grimmigsten Langweile zu
leiden haben, indem ihnen die gewohnte Ausfllung miger Stunden in einem
fremden Lande durchaus zu fehlen pflegt. Auch war dem praktischen Menschenkenner
gar wohl bekannt, wie sehr ein bloes Beschauen ermde, und wie ntig es sei,
seine Freunde durch irgendeine Selbstttigkeit zu unterhalten und zu beruhigen.
Zwei Gegenstnde hatte er sich deshalb ausersehn, worauf er ihre Geschftigkeit
zu richten pflegte: die Wachsmalerei und die Pastenfabrikation. Jene Kunst, eine
Wachsseife zum Bindemittel der Farben anzuwenden, war erst vor kurzem wieder in
den Gang gekommen, und da es in der Kunstwelt hauptschlich darum zu tun ist,
die Knstler auf irgendeine Weise zu beschftigen, so gibt eine neue Art, das
Gewohnte zu tun, immer wieder frische Aufmerksamkeit und lebhaften Anla, etwas,
was man auf die alte Weise zu unternehmen nicht Lust htte, in einer neuen zu
versuchen.
Das khne Unternehmen, fr die Kaiserin Katharine die Raffaelschen Logen in
einer Kopie zu verwirklichen und die Wiederholung smtlicher Architektur mit der
Flle ihrer Zieraten in Petersburg mglich zu machen, ward durch diese neue
Technik begnstigt, ja, wre vielleicht ohne dieselbe nicht auszufhren gewesen.
Man lie dieselben Felder, Wandteile, Sockel, Pilaster, Kapitler, Gesimse aus
den strksten Bohlen und Kltzen eines dauerhaften Kastanienholzes verfertigen,
berzog sie mit Leinwand, welche grundiert sodann der Enkaustik zur sichern
Unterlage diente. Dieses Werk, womit sich besonders Unterberger nach Anleitung
Reiffensteins mehrere Jahre beschftigt hatte, mit groer Gewissenhaftigkeit
ausgefhrt, war schon abgegangen, als ich ankam, und es konnte mir nur, was von
jenem groen Unternehmen brigblieb, bekannt und anschaulich werden.
Nun aber war durch eine solche Ausfhrung die Enkaustik zu hohen Ehren gelangt;
Fremde von einigem Talent sollten praktisch damit bekannt werden; zugerichtete
Farbengarnituren waren um leichten Preis zu haben; man kochte die Seife selbst,
genug, man hatte immer etwas zu tun und zu kramen, wo sich nur ein miger loser
Augenblick zeigte. Auch mittlere Knstler wurden als Lehrende und Nachhelfende
beschftigt, und ich habe wohl einigemal Fremde gesehen, welche ihre rmischen
enkaustischen Arbeiten hchst behaglich als selbstverfertigt einpackten und mit
zurck ins Vaterland nahmen.
Die andere Beschftigung, Pasten zu fabrizieren, war mehr fr Mnner geeignet.
Ein groes altes Kchengewlbe im Reiffensteinischen Quartier gab dazu die beste
Gelegenheit. Hier hatte man mehr als ntigen Raum zu einem solchen Geschft. Die
refraktre, in Feuer unschmelzbare Masse wurde aufs zarteste pulverisiert und
durchgesiebt, der daraus geknetete Teig in Pasten eingedruckt, sorgfltig
getrocknet und sodann, mit einem eisernen Ring umgeben, in die Glut gebracht,
ferner die geschmolzene Glasmasse darauf gedruckt, wodurch doch immer ein
kleines Kunstwerk zum Vorschein kam, das einen jeden freuen mute, der es seinen
eignen Fingern zu verdanken hatte.
Hofrat Reiffenstein, welcher mich zwar willig und geschftig in diese
Ttigkeiten eingefhrt hatte, merkte gar bald, da mir eine fortgesetzte
Beschftigung der Art nicht zusagte, da mein eigentlicher Trieb war, durch
Nachbildung von Natur- und Kunstgegenstnden Hand und Augen mglichst zu
steigern. Auch war die groe Hitze kaum vorbergegangen, als er mich schon in
Gesellschaft von einigen Knstlern nach Frascati fhrte, wo man in einem
wohleingerichteten Privathause Unterkommen und das nchste Bedrfnis fand und
nun, den ganzen Tag im Freien, sich abends gern um einen groen Ahorntisch
versammelte. Georg Schtz, ein Frankfurter, geschickt, ohne eminentes Talent,
eher einem gewissen anstndigen Behagen als anhaltender knstlerischer Ttigkeit
ergeben, weswegen ihn die Rmer auch il Barone nannten, begleitete mich auf
meinen Wanderungen und ward mir vielfach ntzlich. Wenn man bedenkt, da
Jahrhunderte hier im hchsten Sinne architektonisch gewartet, da auf
briggebliebenen mchtigen Substruktionen die knstlerischen Gedanken
vorzglicher Geister sich hervorgehoben und den Augen dargestellt, so wird man
begreifen, wie sich Geist und Aug' entzcken mssen, wenn man unter jeder
Beleuchtung diese vielfachen horizontalen und tausend vertikalen Linien
unterbrochen und geschmckt wie eine stumme Musik mit den Augen auffat, und wie
alles, was klein und beschrnkt in uns ist, nicht ohne Schmerz erregt und
ausgetrieben wird. Besonders ist die Flle der Mondscheinbilder ber alle
Begriffe, wo das einzeln Unterhaltende, vielleicht strend zu Nennende durchaus
zurcktritt und nur die groen Massen von Licht und Schatten ungeheuer anmutige,
symmetrisch harmonische Riesenkrper dem Auge entgegentragen. Dagegen fehlte es
denn auch abends nicht an unterrichtender, oft aber auch neckischer
Unterhaltung.
So darf man nicht verschweigen, da junge Knstler, die Eigenheiten des wackern
Reiffensteins, die man Schwachheiten zu nennen pflegt, kennend und bemerkend,
darber sich oft im stillen scherzhaft und spottend unterhielten. Nun war eines
Abends der Apoll von Belvedere als eine unversiegbare Quelle knstlerischer
Unterhaltung wieder zum Gesprch gelangt, und bei der Bemerkung, da die Ohren
an diesem trefflichen Kopfe doch nicht sonderlich gearbeitet seien, kam die Rede
ganz natrlich auf die Wrde und Schnheit dieses Organs, die Schwierigkeit, ein
schnes in der Natur zu finden und es knstlerisch ebenmig nachzubilden. Da
nun Schtz wegen seiner hbschen Ohren bekannt war, ersuchte ich ihn, mir bei
der Lampe zu sitzen, bis ich das vorzglich gut gebildete, es war ohne Frage das
rechte, sorgfltig abgezeichnet htte. Nun kam er mit seiner starren
Modellstellung gerade dem Rat Reiffenstein gegenber zu sitzen, von welchem er
die Augen nicht abwenden konnte noch durfte. Jener fing nun an, seine wiederholt
angepriesenen Lehren vorzutragen: man mte sich nmlich nicht gleich
unmittelbar an das Beste wenden, sondern erst bei den Carraccis anfangen, und
zwar in der Farnesischen Galerie, dann zum Raffael bergehen und zuletzt den
Apoll von Belvedere so oft zeichnen, bis man ihn auswendig kenne, da denn nicht
viel Weiteres zu wnschen und zu hoffen sein wrde.
Der gute Schtz ward von einem solchen innerlichen Anfall von Lachen ergriffen,
den er uerlich kaum zu bergen wute, welche Pein sich immer vermehrte, je
lnger ich ihn in ruhiger Stellung zu halten trachtete. So kann sich der Lehrer,
der Wohltter immer wegen seines individuellen, unbillig aufgenommenen Zustandes
einer spttischen Undankbarkeit erwarten.
Eine herrliche, obgleich nicht unerwartete Aussicht ward uns aus den Fenstern
der Villa des Frsten Aldobrandini, der, gerade auf dem Lande gegenwrtig, uns
freundlich einlud und uns in Gesellschaft seiner geistlichen und weltlichen
Hausgenossen an einer gut besetzten Tafel festlich bewirtete. Es lt sich
denken, da man das Schlo dergestalt angelegt hat, die Herrlichkeit der Hgel
und des flachen Landes mit einem Blick bersehen zu knnen. Man spricht viel von
Lusthusern; aber man mte von hier aus umherblicken, um sich zu berzeugen,
da nicht leicht ein Haus lustiger gelegen sein knne.
Hier aber finde ich mich gedrngt, eine Betrachtung einzufgen, deren ernste
Bedeutung ich wohl empfehlen darf. Sie gibt Licht ber das Vorgetragene und
verbreitet's ber das Folgende; auch wird mancher gute, sich heranbildende Geist
Anla daher zur Selbstprfung gewinnen.
Lebhaft vordringende Geister begngen sich nicht mit dem Genusse, sie verlangen
Kenntnis. Diese treibt sie zur Selbstttigkeit, und wie es ihr nun auch gelingen
mge, so fhlt man zuletzt, da man nichts richtig beurteilt, als was man selbst
hervorbringen kann. Doch hierber kommt der Mensch nicht leicht ins klare, und
daraus entstehen gewisse falsche Bestrebungen, welche um desto ngstlicher
werden, je redlicher und reiner die Absicht ist. Indes fingen mir in dieser Zeit
an Zweifel und Vermutungen aufzusteigen, die mich mitten in diesen angenehmen
Zustnden beunruhigten; denn ich mute bald empfinden, da der eigentliche
Wunsch und die Absicht meines Hierseins schwerlich erfllt werden drfte.
Nunmehr aber, nach Verlauf einiger vergngter Tage, kehrten wir nach Rom zurck,
wo wir durch eine neue, hchst anmutige Oper im hellen, vollgedrngten Saal fr
die vermite Himmelsfreiheit entschdigt werden sollten. Die deutsche
Knstlerbank, eine der vordersten im Parterre, war wie sonst dicht besetzt, und
auch diesmal fehlte es nicht an Beifallklatschen und Rufen, um sowohl wegen der
gegenwrtigen als vergangenen Gensse unsre Schuldigkeit abzutragen. Ja, wir
hatten es erreicht, da wir durch ein knstliches, erst leiseres, dann
strkeres, zuletzt gebietendes Zitti-Rufen jederzeit mit dem Ritornell einer
eintretenden beliebten Arie oder sonst geflligen Partie das ganze laut
schwtzende Publikum zum Schweigen brachten, weshalb uns denn unsere Freunde von
oben die Artigkeit erwiesen, die interessantesten Exhibitionen nach unsrer Seite
zu richten.

Oktober
Korrespondenz
Frascati, den 2. Oktober.
Ich mu beizeiten ein Blttchen anfangen, wenn ihr es zur rechten Zeit erhalten
sollt. Eigentlich hab' ich viel und nicht viel zu sagen. Es wird immerfort
gezeichnet, und ich denke dabei im stillen an meine Freunde. Diese Tage empfand
ich wieder viel Sehnsucht nach Hause, vielleicht eben, weil es mir hier so wohl
geht und ich doch fhle, da mir mein Liebstes fehlt.
Ich bin in einer recht wunderlichen Lage und will mich eben zusammennehmen,
jeden Tag nutzen, tun, was zu tun ist, und so diesen Winter durch arbeiten.
Ihr glaubt nicht, wie ntzlich, aber auch wie schwer es mir war, dieses ganze
Jahr absolut unter fremden Menschen zu leben, besonders da Tischbein - dies sei
unter uns gesagt - nicht so einschlug, wie ich hoffte. Es ist ein wirklich guter
Mensch, aber er ist nicht so rein, so natrlich, so offen wie seine Briefe.
Seinen Charakter kann ich nur mndlich schildern, um ihm nicht unrecht zu tun,
und was will eine Schilderung heien, die man so macht! Das Leben eines Menschen
ist sein Charakter. Nun hab' ich Hoffnung, Kaysern zu besitzen, dieser wird mir
zu groer Freude sein. Gebe der Himmel, da sich nichts dazwischen stelle!
Meine erste Angelegenheit ist und bleibt, da ich es im Zeichnen zu einem
gewissen Grade bringe, wo man mit Leichtigkeit etwas macht und nicht wieder
zurcklernt, noch so lange still steht, wie ich wohl leider die schnste Zeit
des Lebens versumt habe. Doch mu man sich selbst entschuldigen. Zeichnen, um
zu zeichnen, wre wie reden, um zu reden. Wenn ich nichts auszudrcken habe,
wenn mich nichts anreizt, wenn ich wrdige Gegenstnde erst mhsam aufsuchen
mu, ja, mit allem Suchen sie kaum finde, wo soll da der Nachahmungstrieb
herkommen? In diesen Gegenden mu man zum Knstler werden, so dringt sich alles
auf, man wird voller und voller und gezwungen, etwas zu machen. Nach meiner
Anlage und meiner Kenntnis des Weges bin ich berzeugt, da ich hier in einigen
Jahren sehr weit kommen mte.
Ihr verlangt, meine Lieben, da ich von mir selbst schreibe, und seht, wie ich's
tue; wenn wir wieder zusammenkommen, sollt ihr gar manches hren. Ich habe
Gelegenheit gehabt, ber mich selbst und andre, ber Welt und Geschichte viel
nachzudenken, wovon ich manches Gute, wenngleich nicht Neue, auf meine Art
mitteilen werde. Zuletzt wird alles im Wilhelm gefat und geschlossen.
Moritz ist bisher mein liebster Gesellschafter geblieben, ob ich gleich bei ihm
frchtete und fast noch frchte, er mchte aus meinem Umgange nur klger und
weder richtiger, besser noch glcklicher werden, eine Sorge, die mich immer
zurckhlt, ganz offen zu sein.
Auch im allgemeinen mit mehreren Menschen zu leben, geht mir ganz gut. Ich sehe
eines jeden Gemtsart und Handelsweise. Der eine spielt sein Spiel, der andre
nicht, dieser wird vorwrts kommen, jener schwerlich. Einer sammelt, einer
zerstreut. Einem gengt alles, dem andern nichts. Der hat Talent und bt's
nicht, jener hat keins und ist fleiig etc. etc. Das alles sehe ich und mich
mitten drin; es vergngt mich und gibt mir, da ich keinen Teil an den Menschen,
nichts an ihnen zu verantworten habe, keinen bsen Humor. Nur alsdann, meine
Lieben, wenn jeder nach seiner Weise handelt und zuletzt noch prtendiert, da
ein Ganzes werden, sein und bleiben solle, es zunchst von mir prtendiert, dann
bleibt einem nichts brig, als zu scheiden oder toll zu werden.
Albano, den 5. Oktober 1787.
Ich will sehen, da ich diesen Brief noch zur morgenden Post nach Rom schaffe,
da ich auf diesem Blatt nur den tausendsten Teil sage von dem, was ich zu sagen
habe.
Eure Bltter hab' ich zu gleicher Zeit mit den Zerstreuten, besser
gesammelten Blttern, den Ideen und den vier Saffianbnden erhalten,
gestern, als ich im Begriff war, von Frascati abzufahren. Es ist mir nun ein
Schatz auf die ganze Villeggiatur.
Persepolis habe ich gestern nacht gelesen. Es freut mich unendlich, und ich
kann nichts dazusetzen, indem jene Art und Kunst nicht herbergekommen ist. Ich
will nun die angefhrten Bcher auf irgendeiner Bibliothek sehen und euch aufs
neue danken. Fahret fort, ich bitte euch, oder fahret fort, weil ihr mt,
beleuchtet alles mit eurem Lichte!
Die Ideen, die Gedichte sind noch nicht berhrt. Meine Schriften mgen nun
gehen, ich will treulich fortfahren. Die vier Kupfer zu den letzten Bnden
sollen hier werden.
Mit den Genannten war unser Verhltnis nur ein gutmtiger Waffenstillstand von
beiden Seiten, ich habe das wohl gewut, nur was werden kann, kann werden. Es
wird immer weitere Entfernung und endlich, wenn's recht gut geht, leise, lose
Trennung werden. Der eine ist ein Narr, der voller Einfaltsprtensionen steckt.
Meine Mutter hat Gnse singt sich mit bequemerer Naivett als ein: Allein
Gott in der Hh' sei Ehr. Er ist einmal auch ein -: Sie lassen sich das Heu
und Stroh, das Heu und Stroh nicht irren etc. etc. Bleibt von diesem Volke! der
erste Undank ist besser als der letzte. Der andere denkt, er komme aus einem
fremden Lande zu den Seinigen, und er kommt zu Menschen, die sich selbst suchen,
ohne es gestehn zu wollen. Er wird sich fremd finden und vielleicht nicht wissen
warum. Ich mte mich sehr irren, oder die Gromut des Alcibiades ist ein
Taschenspielerstreich des Zricher Propheten, der klug genug und gewandt genug
ist, groe und kleine Kugeln mit unglaublicher Behendigkeit einander zu
substituieren, durcheinander zu mischen, um das Wahre und Falsche nach seinem
theologischen Dichtergemt gelten und verschwinden zu machen. Hole oder erhalte
ihn der Teufel, der ein Freund der Lgen, Dmonologie, Ahnungen, Sehnsuchten
etc. ist von Anfang!
Und ich mu ein neues Blatt nehmen und bitten, da ihr lest, wie ich schreibe,
mit dem Geiste mehr als den Augen, wie ich mit der Seele mehr als den Hnden.
Fahre du fort, lieber Bruder, zu finden, zu vereinigen, zu dichten, zu
schreiben, ohne dich um andre zu bekmmern. Man mu schreiben, wie man lebt,
erst um sein selbst willen, und dann existiert man auch fr verwandte Wesen.
Plato wollte keinen agewmetrhton in seiner Schule leiden; wre ich imstande,
eine zu machen, ich litte keinen, der sich nicht irgendein Naturstudium ernst
und eigentlich gewhlt. Neulich fand ich in einer leidig
apostolisch-kapuzinermigen Deklamation des Zrcher Propheten die unsinnigen
Worte: Alles, was Leben hat, lebt durch etwas auer sich. Oder so ungefhr
klang's. Das kann nun so ein Heidenbekehrer hinschreiben, und bei der Revision
zupft ihn der Genius nicht beim rmel. Nicht die ersten, simpelsten
Naturwahrheiten haben sie gefat und mchten doch gar zu gern auf den Sthlen um
den Thron sitzen, wo andre Leute hingehren oder keiner hingehrt. Lat das
alles gut sein, wie ich auch tue, der ich es freilich jetzt leichter habe!
Ich mchte von meinem Leben keine Beschreibung machen, es sieht gar zu lustig
aus. Vor allem beschftigt mich das Landschaftszeichnen, wozu dieser Himmel und
diese Erde vorzglich einldt. Sogar hab' ich einige Idyllen gefunden. Was werd'
ich nicht noch alles machen! Das seh' ich wohl, unsereiner mu nur immer neue
Gegenstnde um sich haben, dann ist er geborgen.
Lebt wohl und vergngt, und wenn es euch weh werden will, so fhlt nur recht,
da ihr beisammen seid und was ihr einander seid, indes ich, durch eignen Willen
exiliert, mit Vorsatz irrend, zweckmig unklug, berall fremd und berall zu
Hause, mein Leben mehr laufen lasse als fhre und auf alle Flle nicht wei, wo
es hinaus will.
Lebt wohl, empfehlt mich der Frau Herzogin. Ich habe mit Rat Reiffenstein in
Frascati ihren ganzen Aufenthalt projektiert. Wenn alles gelingt, so ist's ein
Meisterstck. Wir sind jetzt in Negotiation wegen einer Villa begriffen, welche
gewissermaen sequestriert ist und also vermietet wird, anstatt da die andern
entweder besetzt sind oder von den groen Familien nur aus Geflligkeit
abgetreten wrden, dagegen man in Obligationen und Relationen gert. Ich
schreibe, sobald nur etwas Gewisseres zu sagen ist. In Rom ist auch ein schnes
freiliegendes Quartier mit einem Garten fr sie bereit. Und so wnscht' ich, da
sie sich berall zu Hause fnde, denn sonst geniet sie nichts; die Zeit
verstreicht, das Geld ist ausgegeben, und man sieht sich um wie nach einem
Vogel, der einem aus der Hand entwischt ist. Wenn ich ihr alles einrichten kann,
da ihr Fu an keinen Stein stoe, so will ich es tun.
Nun kann ich nicht weiter, wenngleich noch Raum da ist. Lebt wohl und verzeiht
die Eilfertigkeit dieser Zeilen.
Castel Gandolfo, den 8. Oktober, eigentlich den 12ten,
denn diese Woche ist hingegangen, ohne da ich zum Schreiben kommen konnte. Also
geht dieses Blttchen nur eilig nach Rom, da es noch zu euch gelange.
Wir leben hier, wie man in Bdern lebt, nur mache ich mich des Morgens beiseite,
um zu zeichnen, dann mu man den ganzen Tag der Gesellschaft sein, welches mir
denn auch ganz recht ist fr diese kurze Zeit; ich sehe doch auch einmal
Menschen ohne groen Zeitverlust und viele auf einmal.
Castel Gandolfo. Radierung von Mechau
Angelika ist auch hier und wohnt in der Nhe, dann sind einige muntere Mdchen,
einige Frauen, Herr von Maron, Schwager von Mengs, mit der seinigen, teils im
Hause, teils in der Nachbarschaft; die Gesellschaft ist lustig, und es gibt
immer was zu lachen. Abends geht man in die Komdie, wo Pulcinell die
Hauptperson ist, und trgt sich dann einen Tag mit den bonmots des vergangnen
Abends. Tout comme chez nous - nur unter einem heitern, kstlichen Himmel. Heute
hat sich ein Wind erhoben, der mich zu Hause hlt. Wenn man mich auer mir
selbst herausbringen knnte, mten es diese Tage tun, aber ich falle immer
wieder in mich zurck, und meine ganze Neigung ist auf die Kunst gerichtet.
Jeden Tag geht mir ein neues Licht auf, und es scheint, als wenn ich wenigstens
wrde sehen lernen.
Erwin und Elmire ist so gut als fertig; es kommt auf ein paar schreibselige
Morgen an; gedacht ist alles.
Herder hat mich aufgefordert, Forstern auf seine Reise um die Welt auch Fragen
und Mutmaungen mitzugeben. Ich wei nicht, wo ich Zeit und Sammlung hernehmen
soll, wenn ich es auch von Herzen gerne tte. Wir wollen sehen.
Ihr habt wohl schon kalte, trbe Tage, wir hoffen noch einen ganzen Monat zum
Spazierengehn. Wie sehr mich Herders Ideen freuen, kann ich nicht sagen. Da
ich keinen Messias zu erwarten habe, so ist mir dies das liebste Evangelium.
Grt alles, ich bin in Gedanken immer mit euch, und liebt mich.
Den letzten Posttag, meine Lieben, habt ihr keinen Brief erhalten, die Bewegung
in Castello war zuletzt gar zu arg, und ich wollte doch auch zeichnen. Es war
wie bei uns im Bade, und da ich in einem Hause wohnte, das immer Zuspruch hat,
so mute ich mich drein geben. Bei dieser Gelegenheit habe ich mehr Italiener
gesehen als bisher in einem Jahre, und bin auch mit dieser Erfahrung zufrieden.
Eine Mailnderin interessierte mich die acht Tage ihres Bleibens, sie zeichnete
sich durch ihre Natrlichkeit, ihren Gemeinsinn, ihre gute Art sehr vorteilhaft
vor den Rmerinnen aus. Angelika war, wie sie immer ist, verstndig, gut,
gefllig, zuvorkommend. Man mu ihr Freund sein, man kann viel von ihr lernen,
besonders arbeiten, denn es ist unglaublich, was sie alles endigt.
Diese letzten Tage war das Wetter khl, und ich bin recht vergngt, wieder in
Rom zu sein.
Gestern abend, als ich zu Bette ging, fhlt' ich recht das Vergngen, hier zu
sein. Es war mir, als wenn ich mich auf einen recht breiten, sichern Grund
niederlegte.
ber seinen Gott mcht' ich gern mit Herdern sprechen. Zu bemerken ist mir ein
Hauptpunkt: man nimmt dieses Bchlein, wie andre, fr Speise, da es eigentlich
die Schssel ist. Wer nichts hineinzulegen hat, findet sie leer. Lat mich ein
wenig weiter allegorisieren, und Herder wird meine Allegorie am besten erklren.
Mit Hebel und Walzen kann man schon ziemliche Lasten fortbringen; die Stcke des
Obelisks zu bewegen, brauchen sie Erdwinden, Flaschenzge und so weiter. Je
grer die Last oder je feiner der Zweck (wie z. E. bei einer Uhr), desto
zusammengesetzter, desto knstlicher wird der Mechanismus sein und doch im
Innern die grte Einheit haben. So sind alle Hypothesen oder vielmehr alle
Prinzipien. - Wer nicht viel zu bewegen hat, greift zum Hebel und verschmht
meinen Flaschenzug, was will der Steinhauer mit einer Schraube ohne Ende? Wenn
L. seine ganze Kraft anwendet, um ein Mrchen wahr zu machen, wenn J. sich
abarbeitet, eine hohle Kindergehirnempfindung zu vergttern, wenn C. aus einem
Fuboten ein Evangelist werden mchte, so ist offenbar, da sie alles, was die
Tiefen der Natur nher aufschliet, verabscheuen mssen. Wrde der eine
ungestraft sagen: Alles, was lebt, lebt durch etwas auer sich? wrde der andere
sich der Verwirrung der Begriffe, der Verwechslung der Worte von Wissen und
Glauben, von berlieferung und Erfahrung nicht schmen? wrde der dritte nicht
um ein paar Bnke tiefer hinunter mssen, wenn sie nicht mit aller Gewalt die
Sthle um den Thron des Lamms aufzustellen bemht wren; wenn sie nicht sich
sorgfltig hteten, den festen Boden der Natur zu betreten, wo jeder nur ist,
was er ist, wo wir alle gleiche Ansprche haben?
Halte man dagegen ein Buch wie den dritten Teil der Ideen, sehe erst, was es
ist, und frage sodann, ob der Autor es htte schreiben knnen, ohne jenen
Begriff von Gott zu haben? Nimmermehr; denn eben das Echte, Groe, Innerliche,
was es hat, hat es in, aus und durch jenen Begriff von Gott und der Welt.
Wenn es also irgendwo fehlt, so mangelt's nicht an der Ware, sondern an Kufern,
nicht an der Maschine, sondern an denen, die sie zu brauchen wissen. Ich habe
immer mit stillem Lcheln zugesehen, wenn sie mich in metaphysischen Gesprchen
nicht fr voll ansahen; da ich aber ein Knstler bin, so kann mir's gleich sein.
Mir knnte vielmehr dran gelegen sein, da das Prinzipium verborgen bliebe, aus
dem und durch das ich arbeite. Ich lasse einem jeden seinen Hebel und bediene
mich der Schraube ohne Ende schon lange, und nun mit noch mehr Freude und
Bequemlichkeit.

Castel Gandolfo, den 12. Oktober 1787.
An Herder
Nur ein flchtig Wort, und zuerst den lebhaftesten Dank fr die Ideen! Sie
sind mir als das liebenswerteste Evangelium gekommen, und die interessantesten
Studien meines Lebens laufen alle da zusammen. Woran man sich so lange geplackt
hat, wird einem nun so vollstndig vorgefhrt. Wie viel Lust zu allem Guten hast
du mir durch dieses Buch gegeben und erneut! Noch bin ich erst in der Hlfte.
Ich bitte dich, la mir so bald als mglich die Stelle aus Camper, die du pag.
159 anfhrst, ganz ausschreiben, damit ich sehe welche Regeln des griechischen
Knstlerideals er ausgefunden hat. Ich erinnere mich nur an den Gang seiner
Demonstration des Profils aus dem Kupfer. Schreibe mir dazu und exzerpiere mir
sonst, was du mir ntzlich dnkst, da ich das Ultimum wisse, wie weit man in
dieser Spekulation gekommen ist; denn ich bin immer das neugeborne Kind. Hat
Lavaters Physiognomik etwas Kluges darber? Deinem Aufruf wegen Forsters will
ich gerne gehorchen, wenn ich gleich noch nicht recht sehe, wie es mglich ist;
denn ich kann keine einzelnen Fragen tun, ich mu meine Hypothesen vllig
auseinandersetzen und vortragen. Du weit, wie sauer mir das schriftlich wird.
Schreibe mir nur den letzten Termin, wann es fertig sein, und wohin es geschickt
werden soll. Ich sitze jetzt im Rohre und kann vor Pfeifenschneiden nicht zum
Pfeifen kommen. Wenn ich es unternehme, mu ich zum Diktieren mich wenden; denn
eigentlich seh' ich es als einen Wink an. Es scheint, ich soll von allen Seiten
mein Haus bestellen und meine Bcher schlieen.
Was mir am schwersten sein wird, ist: da ich absolut alles aus dem Kopfe nehmen
mu, ich habe doch kein Blttchen meiner Kollektaneen, keine Zeichnung, nichts
hab' ich bei mir, und alle neusten Bcher fehlen hier ganz und gar.
Noch vierzehn Tage bleib' ich wohl in Castello und treibe ein Badeleben. Morgens
zeichne ich, dann gibt's Menschen auf Menschen. Es ist mir lieb, da ich sie
beisammen sehe, einzeln wre es eine groe Sekkatur. Angelika ist hier und hilft
alles bertragen.
Der Papst soll Nachricht haben, Amsterdam sei von den Preuen eingenommen. Die
nchsten Zeitungen werden uns Gewiheit bringen. Das wre die erste Expedition,
wo sich unser Jahrhundert in seiner ganzen Gre zeigt. Das hei' ich eine
sodezza! Ohne Schwertstreich, mit ein paar Bomben, und niemand, der sich der
Sache weiter annimmt! Lebt wohl. Ich bin ein Kind des Friedens und will Friede
halten fr und fr, mit der ganzen Welt, da ich ihn einmal mit mir selbst
geschlossen habe.
Rom, den 27. Oktober 1787.
Ich bin in diesem Zauberkreise wieder angelangt und befinde mich gleich wieder
wie bezaubert, zufrieden, stille hinarbeitend, vergessend alles, was auer mir
ist, und die Gestalten meiner Freunde besuchen mich friedlich und freundlich.
Diese ersten Tage hab' ich mit Briefschreiben zugebracht, habe die Zeichnungen,
die ich auf dem Lande gemacht, ein wenig gemustert, die nchste Woche soll es an
neue Arbeit gehn. Es ist zu schmeichelhaft, als da ich es sagen drfte, was mir
Angelika fr Hoffnungen ber mein Landschaftszeichnen unter gewissen Bedingungen
gibt. Ich will wenigstens fortfahren, um mich dem zu nhern, was ich wohl nie
erreiche.
Ich erwarte mit Verlangen Nachricht, da Egmont angelangt und wie ihr ihn
aufgenommen. Ich habe doch schon geschrieben, da Kayser herkommt? Ich erwarte
ihn in einigen Tagen, mit der nun vollendeten Partitur unsrer Scapinereien. Du
kannst denken, was das fr ein Fest sein wird! Sogleich wird Hand an eine neue
Oper gelegt, und Claudine mit Erwin in seiner Gegenwart, mit seinem Beirat
verbessert.
Herders Ideen hab' ich nun durchgelesen und habe mich des Buches
auerordentlich gefreut. Der Schlu ist herrlich, wahr und erquicklich, und er
wird, wie das Buch selbst, erst mit der Zeit und vielleicht unter fremdem Namen
den Menschen wohltun. Je mehr diese Vorstellungsart gewinnt, je glcklicher wird
der nachdenkliche Mensch werden. Auch habe ich dieses Jahr unter fremden
Menschen achtgegeben und gefunden, da alle wirklich kluge Menschen mehr oder
weniger, zrter oder grber, darauf kommen und bestehen: da der Moment alles
ist, und da nur der Vorzug eines vernnftigen Menschen darin bestehe: sich so
zu betragen, da sein Leben, insofern es von ihm abhngt, die mglichste Masse
von vernnftigen, glcklichen Momenten enthalte.
Ich mte wieder ein Buch schreiben, wenn ich sagen sollte, was ich bei dem und
jenem Buch gedacht habe. Ich lese jetzt wieder Stellen, so wie ich sie
aufschlage, um mich an jeder Seite zu ergtzen, denn es ist durchaus kstlich
gedacht und geschrieben.
Besonders schn find' ich das griechische Zeitalter; da ich am rmischen, wenn
ich mich so ausdrcken darf, etwas Krperlichkeit vermisse, kann man vielleicht
denken, ohne da ich es sage. Es ist auch natrlich. Gegenwrtig ruht in meinem
Gemt die Masse des, was der Staat war, an und fr sich; mir ist er wie
Vaterland etwas Ausschlieendes. Und ihr mtet im Verhltnis mit dem ungeheuern
Weltganzen den Wert dieser einzelnen Existenz bestimmen, wo denn freilich vieles
zusammenschrumpfte und in Rauch aufgehn mag.
So bleibt mir das Coliseo immer imposant, wenn ich gleich denke, zu welcher Zeit
es gebaut worden, und da das Volk, welches diesen ungeheuren Kreis ausfllte,
nicht mehr das altrmische Volk war.
Ein Buch ber Malerei und Bildhauerkunst in Rom ist auch zu uns gekommen. Es ist
ein deutsches Produkt und, was schlimmer ist, eines deutschen Kavaliers. Es
scheint ein junger Mann zu sein, der Energie hat, aber voller Prtension steckt,
der sich Mhe gegeben hat, herumzulaufen, zu notieren, zu hren, zu horchen, zu
lesen. Er hat gewut, dem Werke einen Anschein von Ganzheit zu geben, es ist
darin viel Wahres und Gutes, gleich darneben Falsches und Albernes, Gedachtes
und Nachgeschwtztes, Longueurs und Echappaden. Wer es auch in der Entfernung
durchsieht, wird bald merken, welch monstroses Mittelding zwischen Kompilation
und eigen gedachtem Werk dieses voluminose Opus geworden sei.
Die Ankunft Egmonts erfreut und beruhigt mich, und ich verlange auf ein Wort
darber, das nun wohl unterwegs ist. Das Saffianexemplar ist angelangt, ich hab'
es der Angelika gegeben. Mit Kaysers Oper wollen wir es klger machen, als man
uns geraten hat; euer Vorschlag ist sehr gut, wenn Kayser kommt, sollt ihr mehr
hren.
Die Rezension ist recht im Stil des Alten, zuviel und zu wenig. Mir ist jetzt
nur dran gelegen, zu machen, seitdem ich sehe, wie sich am Gemachten, wenn es
auch nicht das Vollkommenste ist, Jahrtausende rezensieren, das heit, etwas von
seinem Dasein hererzhlen lt.
Jedermann verwundert sich, wie ich ohne Tribut durchgekommen bin; man wei aber
auch nicht, wie ich mich betragen habe. Unser Oktober war nicht der schnste, ob
wir gleich himmlische Tage gehabt haben.
Es geht mit mir jetzt eine neue Epoche an. Mein Gemt ist nun durch das viele
Sehen und Erkennen so ausgeweitet, da ich mich auf irgendeine Arbeit
beschrnken mu. Die Individualitt eines Menschen ist ein wunderlich Ding, die
meine hab' ich jetzt recht kennen lernen, da ich einerseits dieses Jahr blo von
mir selbst abgehangen habe und von der andern Seite mit vllig fremden Menschen
umzugehen hatte.

Bericht
Oktober
Zu Anfang dieses Monats bei mildem, durchaus heiterem, herrlichem Wetter
genossen wir eine frmliche Villeggiatur in Castel Gandolfo, wodurch wir uns
denn in die Mitte dieser unvergleichlichen Gegend eingeweiht und eingebrgert
sahen. Herr Jenkins, der wohlhabende englische Kunsthndler, bewohnte daselbst
ein sehr stattliches Gebude, den ehemaligen Wohnsitz des Jesuitergenerals, wo
es einer Anzahl von Freunden weder an Zimmern zu bequemer Wohnung, noch an Slen
zu heiterem Beisammensein, noch an Bogengngen zu munterem Lustwandel fehlte.
Man kann sich von einem solchen Herbstaufenthalte den besten Begriff machen,
wenn man sich ihn wie den Aufenthalt an einem Badorte gedenkt. Personen ohne den
mindesten Bezug aufeinander werden durch Zufall augenblicklich in die
unmittelbarste Nhe versetzt. Frhstck und Mittagessen, Spaziergnge,
Lustpartien, ernst- und scherzhafte Unterhaltung bewirken schnell Bekanntschaft
und Vertraulichkeit; da es denn ein Wunder wre, wenn, besonders hier, wo nicht
einmal Krankheit und Kur eine Art von Diversion macht, hier im vollkommensten
Miggange, sich nicht die entschiedensten Wahlverwandtschaften zunchst
hervortun sollten. Hofrat Reiffenstein hatte fr gut befunden, und zwar mit
Recht, da wir zeitig hinausgehen sollten, um zu unseren Spaziergngen und
sonstigen artistischen Wanderungen ins Gebirg die ntige Zeit zu finden, ehe
noch der Schwall der Gesellschaft sich herandrngte und uns zur Teilnahme an
gemeinschaftlicher Unterhaltung aufforderte. Wir waren die ersten und versumten
nicht, uns in der Gegend, nach Anleitung des erfahrenen Fhrers, zweckmig
umzusehen, und ernteten davon die schnsten Gensse und Belehrungen.
Nach einiger Zeit sah ich eine gar hbsche rmische Nachbarin, nicht weit von
uns im Korso wohnend, mit ihrer Mutter heraufkommen. Sie hatten beide seit
meiner Mylordschaft meine Begrungen freundlicher als sonst erwidert, doch
hatte ich sie nicht angesprochen, ob ich gleich an ihnen, wenn sie abends vor
der Tr saen, fters nah genug vorbeiging; denn ich war dem Gelbde, mich durch
dergleichen Verhltnisse von meinem Hauptzwecke nicht abhalten zu lassen,
vollkommen treu geblieben. Nun aber fanden wir uns auf einmal wie vllig alte
Bekannte; jenes Konzert gab Stoff genug zur ersten Unterhaltung, und es ist wohl
nichts angenehmer als eine Rmerin der Art, die sich in natrlichem Gesprch
heiter gehen lt und ein lebhaftes, auf die reine Wirklichkeit gerichtetes
Aufmerken, eine Teilnahme mit anmutigem Bezug auf sich selbst in der
wohlklingenden rmischen Sprache schnell, doch deutlich vortrgt; und zwar in
einer edlen Mundart, die auch die mittlere Klasse ber sich selbst erhebt und
dem Allernatrlichsten, ja dem Gemeinen einen gewissen Adel verleiht. Diese
Eigenschaften und Eigenheiten waren mir zwar bekannt, aber ich hatte sie noch
nie in einer so einschmeichelnden Folge vernommen.
Zu gleicher Zeit stellten sie mich einer jungen Mailnderin vor, die sie
mitgebracht hatten, der Schwester eines Kommis von Herrn Jenkins, eines jungen
Mannes, der wegen Fertigkeit und Redlichkeit bei seinem Prinzipal in groer
Gunst stand. Sie schienen genau miteinander verbunden und Freundinnen zu sein.
Diese beiden Schnen, denn schn durfte man sie wirklich nennen, standen in
einem nicht schroffen, aber doch entschiedenen Gegensatz; dunkelbraune Haare die
Rmerin, hellbraune die Mailnderin; jene braun von Gesichtsfarbe, diese klar,
von zarter Haut; diese zugleich mit fast blauen Augen, jene mit braunen; die
Rmerin einigermaen ernst, zurckhaltend, die Mailnderin von einem offnen,
nicht sowohl ansprechenden, als gleichsam anfragenden Wesen. Ich sa bei einer
Art Lottospiel zwischen beiden Frauenzimmern und hatte mit der Rmerin Kasse
zusammen gemacht; im Laufe des Spiels fgte es sich nun, da ich auch mit der
Mailnderin mein Glck versuchte durch Wetten oder sonst. Genug, es entstand
auch auf dieser Seite eine Art von Partnerschaft, wobei ich in meiner Unschuld
nicht gleich bemerkte, da ein solches geteiltes Interesse nicht gefiel, bis
endlich nach aufgehobener Partie die Mutter, mich abseits findend, zwar hflich,
aber mit wahrhaftem Matronenernst dem werten Fremden versicherte, da, da er
einmal mit ihrer Tochter in solche Teilnahme gekommen sei, es sich nicht wohl
zieme, mit einer andern gleiche Verbindlichkeiten einzugehen; man halte es in
einer Villeggiatur fr Sitte, da Personen, die sich einmal auf einen gewissen
Grad verbunden, dabei in der Gesellschaft verharrten und eine unschuldig
anmutige Wechselgeflligkeit durchfhrten. Ich entschuldigte mich aufs beste,
jedoch mit der Wendung, da es einem Fremden nicht wohl mglich sei, dergleichen
Verpflichtungen anzuerkennen, indem es in unsern Landen herkmmlich sei, da man
den smtlichen Damen der Gesellschaft, einer wie der andern, mit und nach der
andern, sich dienstlich und hflich erweise, und da dieses hier um desto mehr
gelten werde, da von zwei so eng verbundenen Freundinnen die Rede sei.
Aber leider! indessen ich mich so auszureden suchte, empfand ich auf die
wundersamste Weise, da meine Neigung fr die Mailnderin sich schon entschieden
hatte, blitzschnell und eindringlich genug, wie es einem migen Herzen zu gehen
pflegt, das in selbstgeflligem ruhigem Zutrauen nichts befrchtet, nichts
wnscht, und das nun auf einmal dem Wnschenswertesten unmittelbar nahe kommt.
bersieht man doch in solchem Augenblicke die Gefahr nicht, die uns unter diesen
schmeichelhaften Zgen bedroht.
Den nchsten Morgen fanden wir uns drei allein, und da vermehrte sich denn das
bergewicht auf die Seite der Mailnderin. Sie hatte den groen Vorzug vor ihrer
Freundin, da in ihren uerungen etwas Strebsames zu bemerken war. Sie beklagte
sich nicht ber vernachlssigte, aber allzu ngstliche Erziehung: Man lehrt uns
nicht schreiben, sagte sie, weil man frchtet, wir wrden die Feder zu
Liebesbriefen benutzen; man wrde uns nicht lesen lassen, wenn wir uns nicht mit
dem Gebetbuch beschftigen mten; uns in fremden Sprachen zu unterrichten,
daran wird niemand denken; ich gbe alles darum, Englisch zu knnen. Herrn
Jenkins mit meinem Bruder, Mad. Angelika, Herrn Zucchi, die Herren Volpato und
Camuccini hr' ich oft sich untereinander englisch unterhalten mit einem Gefhl,
das dem Neid hnlich ist: und die ellenlangen Zeitungen da liegen vor mir auf
dem Tische, es stehen Nachrichten darin aus der ganzen Welt, wie ich sehe, und
ich wei nicht, was sie bringen.
Es ist desto mehr schade, versetzte ich, da das Englische sich so leicht
lernen lt; Sie mten es in kurzer Zeit fassen und begreifen. Machen wir
gleich einen Versuch, fuhr ich fort, indem ich eins der grenzenlosen englischen
Bltter aufhob, die hufig umherlagen.
Ich blickte schnell hinein und fand einen Artikel, da ein Frauenzimmer ins
Wasser gefallen, glcklich aber gerettet und den Ihrigen wiedergegeben worden.
Es fanden sich Umstnde bei dem Falle, die ihn verwickelt und interessant
machten, es blieb zweifelhaft, ob sie sich ins Wasser gestrzt, um den Tod zu
suchen, sowie auch, welcher von ihren Verehrern, der Begnstigte oder
Verschmhte, sich zu ihrer Rettung gewagt. Ich wies ihr die Stelle hin und bat
sie, aufmerksam darauf zu schauen. Darauf bersetzt' ich ihr erst alle
Substantiva und examinierte sie, ob sie auch ihre Bedeutung wohl behalten. Gar
bald berschaute sie die Stellung dieser Haupt- und Grundworte und machte sich
mit dem Platz bekannt, den sie im Perioden eingenommen hatten. Ich ging darauf
zu den einwirkenden, bewegenden, bestimmenden Worten ber und machte nunmehr,
wie diese das Ganze belebten, auf das heiterste bemerklich und katechisierte sie
so lange, bis sie mir endlich unaufgefordert die ganze Stelle, als stnde sie
italienisch auf dem Papiere, vorlas, welches sie nicht ohne Bewegung ihres
zierlichen Wesens leisten konnte. Ich habe nicht leicht eine so herzlichgeistige
Freude gesehen, als sie ausdrckte, indem sie mir fr den Einblick in dieses
neue Feld einen allerliebsten Dank aussprach. Sie konnte sich kaum fassen, indem
sie die Mglichkeit gewahrte, die Erfllung ihres sehnlichsten Wunsches so nahe
und schon versuchsweise erreicht zu sehen.
Die Gesellschaft hatte sich vermehrt, auch Angelika war angekommen; an einer
groen gedeckten Tafel hatte man ihr mich rechter Hand gesetzt, meine Schlerin
stand an der entgegengesetzten Seite des Tisches und besann sich keinen
Augenblick, als die brigen sich um die Tafelpltze komplimentierten, um den
Tisch herumzugehen und sich neben mir niederzulassen. Meine ernste Nachbarin
schien dies mit einiger Verwunderung zu bemerken, und es bedurfte nicht des
Blicks einer klugen Frau, um zu gewahren, da hier was vorgegangen sein msse
und da ein zeither bis zur trockenen Unhflichkeit von den Frauen sich
entfernender Freund wohl selbst sich endlich zahm und gefangen berrascht
gesehen habe.
Ich hielt zwar uerlich noch ziemlich gut stand, eine innere Bewegung aber gab
sich wohl eher kund durch eine gewisse Verlegenheit, in der ich mein Gesprch
zwischen den Nachbarinnen teilte, indem ich die ltere zarte, diesmal
schweigsame Freundin belebend zu unterhalten und jene, die sich immer noch in
der fremden Sprache zu ergehen schien und sich in dem Zustande befand
desjenigen, der mit einem Mal, von dem erwnscht aufgehenden Lichte geblendet,
sich nicht gleich in der Umgebung zu finden wei, durch eine freundlich ruhige,
eher ablehnende Teilnahme zu beschwichtigen suchte.
Dieser aufgeregte Zustand jedoch hatte sogleich die Epoche einer merkwrdigen
Umwlzung zu erleben. Gegen Abend die jungen Frauenzimmer aufsuchend, fand ich
die lteren Frauen in einem Pavillon, wo die herrlichste der Aussichten sich
darbot; ich schweifte mit meinem Blick in die Runde, aber es ging vor meinen
Augen etwas anders vor als das Landschaftlich-Malerische; es hatte sich ein Ton
ber die Gegend gezogen, der weder dem Untergang der Sonne noch den Lften des
Abends allein zuzuschreiben war. Die glhende Beleuchtung der hohen Stellen, die
khlende blaue Beschattung der Tiefe schien herrlicher als jemals in l oder
Aquarell; ich konnte nicht genug hinsehen, doch fhlte ich, da ich den Platz zu
verlassen Lust hatte, um in teilnehmender kleiner Gesellschaft dem letzten Blick
der Sonne zu huldigen.
Doch hatte ich leider der Einladung der Mutter und Nachbarinnen nicht absagen
knnen, mich bei ihnen niederzulassen, besonders da sie mir an dem Fenster der
schnsten Aussicht Raum gemacht hatten. Als ich auf ihre Reden merkte, konnt'
ich vernehmen, da von Ausstattung die Rede sei, einem immer wiederkehrenden und
nie zu erschpfenden Gegenstande. Die Erfordernisse aller Art wurden gemustert,
Zahl und Beschaffenheit der verschiedenen Gaben, Grundgeschenke der Familie,
vielfache Beitrge von Freunden und Freundinnen, teilweise noch ein Geheimnis,
und was nicht alles in genauer Hererzhlung die schne Zeit hinnahm, mute von
mir geduldig angehrt werden, weil die Damen mich zu einem spteren Spaziergang
festgenommen hatten.
Endlich gelangte denn das Gesprch zu den Verdiensten des Brutigams, man
schilderte ihn gnstig genug, wollte sich aber seine Mngel nicht verbergen, in
getroster Hoffnung, da diese zu mildern und zu bessern die Anmut, der Verstand,
die Liebenswrdigkeit seiner Braut im knftigen Ehstande hinreichen werde.
Ungeduldig zuletzt, als eben die Sonne sich in das entfernte Meer niedersenkte
und einen unschtzbaren Blick durch die langen Schatten und die zwar gedmpften,
doch mchtigen Streiflichter gewhrte, fragt' ich auf das bescheidenste, wer
denn aber die Braut sei. Mit Verwunderung erwiderte man mir, ob ich denn das
allgemein Bekannte nicht wisse; und nun erst fiel es ihnen ein, da ich kein
Hausgenosse, sondern ein Fremder sei.
Hier ist es freilich nun nicht ntig auszusprechen, welch Entsetzen mich
ergriff, als ich vernahm, es sei eben die kurz erst so liebgewonnene Schlerin.
Die Sonne ging unter, und ich wute mich unter irgendeinem Vorwand von der
Gesellschaft loszumachen, die, ohne es zu wissen, mich auf eine so grausame
Weise belehrt hatte.
Da Neigungen, denen man eine Zeitlang unvorsichtig nachgegeben, endlich aus dem
Traume geweckt, in die schmerzlichsten Zustnde sich umwandeln, ist herkmmlich
und bekannt, aber vielleicht interessiert dieser Fall durch das Seltsame, da
ein lebhaftes wechselseitiges Wohlwollen in dem Augenblicke des Keimens zerstrt
wird und damit die Vorahnung alles des Glcks, das ein solches Gefhl sich in
knftiger Entwickelung unbegrenzt vorspiegelt. Ich kam spt nach Hause, und des
andern Morgens frh machte ich, meine Mappe unter dem Arm, einen weiteren Weg
mit der Entschuldigung, nicht zur Tafel zu kommen.
Ich hatte Jahre und Erfahrungen hinreichend, um mich, obwohl schmerzhaft, doch
auf der Stelle zusammenzunehmen. Es wre wunderbar genug, rief ich aus, wenn
ein wertherhnliches Schicksal dich in Rom aufgesucht htte, um dir so
bedeutende, bisher wohlbewahrte Zustnde zu verderben.
Ich wendete mich abermals rasch zu der inzwischen vernachlssigten
landschaftlichen Natur und suchte sie so treu als mglich nachzubilden, mehr
aber gelang mir, sie besser zu sehen. Das wenige Technische, was ich besa,
reichte kaum zu dem unscheinbarsten Umri hin, aber die Flle der
Krperlichkeit, die uns jene Gegend in Felsen und Bumen, Auf- und Abstiegen,
stillen Seen, belebten Bchen entgegenbringt, war meinem Auge beinahe fhlbarer
als sonst, und ich konnte dem Schmerz nicht feind werden, der mir den innern und
uern Sinn in dem Grade zu schrfen geeignet war.
Von nun an aber hab' ich mich kurz zu fassen; die Menge von Besuchenden fllte
das Haus und die Huser der Nachbarschaft, man konnte sich ohne Affektation
vermeiden, und eine wohlempfundene Hflichkeit, zu der uns eine solche Neigung
stimmt, ist in der Gesellschaft berall gut aufgenommen. Mein Betragen gefiel,
und ich hatte keine Unannehmlichkeiten, keinen Zwist auer ein einziges Mal mit
dem Wirt, Herrn Jenkins. Ich hatte nmlich von einer weiten Berg- und Waldtour
die appetitlichsten Pilze mitgebracht und sie dem Koch bergeben, der, ber eine
zwar seltene, aber in jenen Gegenden sehr berhmte Speise hchst vergngt, sie
aufs schmackhafteste zubereitet auf die Tafel gab. Sie schmeckten jedermann ganz
herrlich, nur als zu meinen Ehren verraten wurde, da ich sie aus der Wildnis
mitgebracht, ergrimmte unser englischer Wirt, obgleich nur im verborgenen,
darber, da ein Fremder eine Speise zum Gastmahl beigetragen habe, von welcher
der Hausherr nichts wisse, die er nicht befohlen und angeordnet; es zieme sich
nicht wohl, jemanden an seiner eignen Tafel zu berraschen, Speisen aufzusetzen,
von denen er nicht Rechenschaft geben knne. Dies alles mute mir Rat
Reiffenstein nach Tafel diplomatisch erffnen, wogegen ich, der ich an ganz
anderm Weh, als das sich von Schwmmen herleiten kann, innerlichst zu dulden
hatte, bescheidentlich erwiderte, ich htte vorausgesetzt, der Koch wrde das
dem Herrn melden, und versicherte, wenn mir wieder dergleichen Edulien unterwegs
in die Hnde kmen, solche unserm trefflichen Wirte selbst zur Prfung und
Genehmigung vorzulegen. Denn wenn man billig sein will, mu man gestehen, sein
Verdru entsprang daher, da diese berhaupt zweideutige Speise ohne gehrige
Untersuchung auf die Tafel gekommen war. Der Koch freilich hatte mir versichert
und brachte auch dem Herrn ins Gedchtnis, da dergleichen zwar nicht oft, aber
doch immer, als besondere Raritt, mit groem Beifall in dieser Jahrszeit
vorgesetzt worden.
Dieses kulinarische Abenteuer gab mir Anla, in stillem Humor zu bedenken, da
ich selbst, von einem ganz eignen Gifte angesteckt, in Verdacht gekommen sei,
durch gleiche Unvorsichtigkeit eine ganze Gesellschaft zu vergiften.
Es war leicht, meinen gefaten Vorsatz fortzufhren. Ich suchte sogleich den
englischen Studien auszuweichen, indem ich mich morgens entfernte und meiner
heimlich geliebten Schlerin niemals anders als im Zusammentritt von mehrern
Personen zu nhern wute.
Gar bald legte sich auch dieses Verhltnis in meinem so viel beschftigten
Gemte wieder zurechte, und zwar auf eine sehr anmutige Weise; denn indem ich
sie als Braut, als knftige Gattin ansah, erhob sie sich vor meinen Augen aus
dem trivialen Mdchenzustande, und indem ich ihr nun eben dieselbe Neigung, aber
in einem hhern uneigenntzigen Begriff zuwendete, so war ich als einer, der
ohnehin nicht mehr einem leichtsinnigen Jngling glich, gar bald gegen sie in
dem freundlichsten Behagen. Mein Dienst, wenn man eine freie Aufmerksamkeit so
nennen darf, bezeichnete sich durchaus ohne Zudringlichkeit und beim Begegnen
eher mit einer Art von Ehrfurcht. Sie aber, welche nun auch wohl wute, da ihr
Verhltnis mir bekannt geworden, konnte mit meinem Benehmen vollkommen zufrieden
sein. Die brige Welt aber, weil ich mich mit jedermann unterhielt, merkte
nichts oder hatte kein Arges daran, und so gingen Tage und Stunden einen ruhigen
behaglichen Gang.
Von der mannigfaltigsten Unterhaltung wre viel zu sagen. Genug, es war auch ein
Theater daselbst, wo der von uns so oft im Karneval beklatschte Pulcinell,
welcher die brige Zeit sein Schusterhandwerk trieb und auch brigens hier als
ein anstndiger kleiner Brger erschien, uns mit seinen
pantomimisch-mimisch-lakonischen Absurditten aufs beste zu vergngen und uns in
die so hchst behagliche Nullitt des Daseins zu versetzen wute.
Briefe von Haus hatten mich indessen bemerken lassen, da meine nach Italien so
lang projektierte, immer verschobene und endlich so rasch unternommene Reise bei
den Zurckgelassenen einige Unruhe und Ungeduld erregt, ja sogar den Wunsch, mir
nachzufolgen und das gleiche Glck zu genieen, von dem meine heitern, auch wohl
unterrichtenden Briefe den gnstigsten Begriff gaben. Freilich in dem
geistreichen und kunstliebenden Kreise unserer Herzogin Amalie war es
herkmmlich, da Italien jederzeit als das neue Jerusalem wahrer Gebildeten
betrachtet wurde und ein lebhaftes Streben dahin, wie es nur Mignon ausdrcken
konnte, sich immer in Herz und Sinn erhielt. Der Damm war endlich gebrochen, und
es ergab sich nach und nach ganz deutlich, da Herzogin Amalie mit ihrer
Umgebung von einer, Herder und der jngere Dalberg von der andern Seite ber die
Alpen zu gehen ernstliche Anstalt machten. Mein Rat war, sie mchten den Winter
vorbergehen lassen, in der mittleren Jahreszeit bis Rom gelangen und sodann
weiter nach und nach alles des Guten genieen, was die Umgegend der alten
Weltstadt u. s. w., der untere Teil von Italien darbieten knnte.
Dieser mein Rat, redlich und sachgem, wie er war, bezog sich denn doch auch
auf meinen eigenen Vorteil. Merkwrdige Tage meines Lebens hatte ich bisher in
dem fremdesten Zustande mit ganz fremden Menschen gelebt und mich eigentlich
wieder frisch des humanen Zustands erfreut, dessen ich in zwar zuflligen, aber
doch natrlichen Bezgen seit langer Zeit erst wieder gewahr wurde, da ein
geschlossener heimatlicher Kreis, ein Leben unter vllig bekannten und
verwandten Personen uns am Ende in die wunderlichste Lage versetzt. Hier ist es,
wo durch ein wechselseitiges Dulden und Tragen, Teilnehmen und Entbehren ein
gewisses Mittelgefhl von Resignation entsteht, da Schmerz und Freude, Verdru
und Behagen sich in herkmmlicher Gewohnheit wechselseitig vernichten. Es
erzeugt sich gleichsam eine Mittelzahl, die den Charakter der einzelnen
Ergebnisse durchaus aufhebt, so da man zuletzt im Streben nach Bequemlichkeit
weder dem Schmerz noch der Freude sich mit freier Seele hingeben kann.
Ergriffen von diesen Gefhlen und Ahnungen, fhlte ich mich ganz entschieden,
die Ankunft der Freunde in Italien nicht abzuwarten. Denn da meine Art, die
Dinge zu sehen, nicht sogleich die ihrige sein wrde, konnte ich um so
deutlicher wissen, als ich mich selbst seit einem Jahre jenen kimmerischen
Vorstellungen und Denkweisen des Nordens zu entziehen gesucht und unter einem
himmelblauen Gewlbe mich freier umzuschauen und zu atmen gewhnt hatte. In der
mittlern Zeit waren mir aus Deutschland kommende Reisende immerfort hchst
beschwerlich; sie suchten das auf, was sie vergessen sollten, und konnten das,
was sie schon lange gewnscht hatten, nicht erkennen, wenn es ihnen vor Augen
lag. Ich selbst fand es noch immer mhsam genug, durch Denken und Tun mich auf
dem Wege zu erhalten, den ich als den rechten anzuerkennen mich entschieden
hatte.
Fremde Deutsche konnt' ich vermeiden, so nah verbundene, verehrte, geliebte
Personen aber htten mich durch eignes Irren und Halbgewahrwerden, ja, selbst
durch Eingehen in meine Denkweise gestrt und gehindert. Der nordische Reisende
glaubt, er komme nach Rom, um ein Supplement seines Daseins zu finden,
auszufllen, was ihm fehlt; allein er wird erst nach und nach mit groer
Unbehaglichkeit gewahr, da er ganz den Sinn ndern und von vorn anfangen msse.
So deutlich nun auch ein solches Verhltnis mir erschien, so erhielt ich mich
doch ber Tag und Stunde weislich im ungewissen und fuhr unablssig fort in der
sorgfltigsten Benutzung der Zeit. Unabhngiges Nachdenken, Anhren von andern,
Beschauen knstlerischen Bestrebens, eigene praktische Versuche wechselten
unaufhrlich oder griffen vielmehr wechselseitig ineinander ein.
Hiebei frderte mich besonders die Teilnahme Heinrich Meyers von Zrich, dessen
Unterhaltung mir, obgleich seltener, gnstig zustatten kam, indem er als ein
fleiiger und gegen sich selbst strenger Knstler die Zeit besser anzuwenden
wute als der Kreis von jngeren, die einen ernsten Fortschritt in Begriffen und
Technik mit einem raschen lustigen Leben leichtmtig zu verbinden glaubten.

November
Korrespondenz
Rom, den 3. November 1787.
Kayser ist angekommen, und ich habe drber die ganze Woche nicht geschrieben. Er
ist erst am Klavierstimmen, und nach und nach wird die Oper vorgetragen werden.
Es macht seine Gegenwart wieder eine sonderbare anschlieende Epoche, und ich
sehe, man soll seinen Weg nur ruhig fortgehn, die Tage bringen das Beste wie das
Schlimmste.
Die Aufnahme meines Egmont macht mich glcklich; und ich hoffe, er soll beim
Wiederlesen nicht verlieren, denn ich wei, was ich hineingearbeitet habe, und
da sich das nicht auf einmal herauslesen lt. Das, was ihr daran lobt, habe
ich machen wollen; wenn ihr sagt, da es gemacht ist, so habe ich meinen
Endzweck erreicht. Es war eine unsglich schwere Aufgabe, die ich ohne eine
ungemessene Freiheit des Lebens und des Gemts nie zustande gebracht htte. Man
denke, was das sagen will: ein Werk vornehmen, was zwlf Jahre frher
geschrieben ist, es vollenden, ohne es umzuschreiben. Die besondern Umstnde der
Zeit haben mir die Arbeit erschwert und erleichtert. Nun liegen noch so zwei
Steine vor mir: Faust und Tasso. Da die barmherzigen Gtter mir die Strafe
des Sisyphus auf die Zukunft erlassen zu haben scheinen, hoffe ich, auch diese
Klumpen den Berg hinauf zu bringen. Bin ich einmal damit oben, dann soll es aufs
neue angehn, und ich will mein mglichstes tun, euren Beifall zu verdienen, da
ihr mir eure Liebe ohne mein Verdienst schenkt und erhaltet.
Was du von Klrchen sagst, verstehe ich nicht ganz und erwarte deinen nchsten
Brief. Ich sehe wohl, da dir eine Nuance zwischen der Dirne und der Gttin zu
fehlen scheint. Da ich aber ihr Verhltnis zu Egmont so ausschlielich gehalten
habe; da ich ihre Liebe mehr in den Begriff der Vollkommenheit des Geliebten,
ihr Entzcken mehr in den Genu des Unbegreiflichen, da dieser Mann ihr gehrt,
als in die Sinnlichkeit setze; da ich sie als Heldin auftreten lasse; da sie im
innigsten Gefhl der Ewigkeit der Liebe ihrem Geliebten nachgeht und endlich vor
seiner Seele durch einen verklrenden Traum verherrlicht wird: so wei ich
nicht, wo ich die Zwischennuance hinsetzen soll, ob ich gleich gestehe, da aus
Notdurft des dramatischen Pappen- und Lattenwerks die Schattierungen, die ich
oben hererzhle, vielleicht zu abgesetzt und unverbunden, oder vielmehr durch zu
leise Andeutungen verbunden sind; vielleicht hilft ein zweites Lesen, vielleicht
sagt mir dein folgender Brief etwas Nheres.
Angelika hat ein Titelkupfer zum Egmont gezeichnet, Lips gestochen, das
wenigstens in Deutschland nicht gezeichnet, nicht gestochen worden wre.
Rom, den 3. November.
Leider mu ich jetzt die bildende Kunst ganz zurcksetzen, denn sonst werde ich
mit meinen dramatischen Sachen nicht fertig, die auch eine eigne Sammlung und
ruhige Bearbeitung fordern, wenn etwas daraus werden soll. Claudine ist nun in
der Arbeit, wird sozusagen ganz neu ausgefhrt und die alte Spreu meiner
Existenz herausgeschwungen.
Rom, den 10. November.
Kayser ist nun da, und es ist ein dreifach Leben, da die Musik sich anschliet.
Es ist ein trefflich guter Mann und pat zu uns, die wir wirklich ein Naturleben
fhren, wie es nur irgend auf dem Erdboden mglich ist. Tischbein kommt von
Neapel zurck, und da mu leider Quartier und alles verndert werden, doch bei
unsern guten Naturen wird alles in acht Tagen wieder im Gleis sein.
Ich habe der Herzogin-Mutter den Vorschlag getan, sie soll mir erlauben, die
Summe von zweihundert Zechinen nach und nach fr sie in verschiedenen kleinen
Kunstwerken auszugeben. Untersttze diesen Vorschlag, wie du ihn in meinem
Briefe findest, ich brauche das Geld nicht gleich, nicht auf einmal. Es ist
dieses ein wichtiger Punkt, dessen ganzen Umfang du ohne groe Entwicklung
empfinden wirst, und du wrdest die Notwendigkeit und Ntzlichkeit meines Rats
und Erbietens noch mehr erkennen, wenn du die Verhltnisse hier wtest, die vor
mir liegen wie meine Hand. Ich bereite ihr durch Kleinigkeiten groes Vergngen,
und wenn sie die Sachen, die ich nach und nach machen lasse, hier findet, so
stille ich die Begierde zu besitzen, die bei jedem Ankmmling, er sei, wer er
wolle, entsteht, und welche sie nur mit einer schmerzlichen Resignation
unterdrcken oder mit Kosten und Schaden befriedigen knnte. Es lieen sich
davon noch Bltter vollschreiben.
Rom, den 10. November.
Da mein Egmont Beifall erhlt, freut mich herzlich. Kein Stck hab' ich mit
mehr Freiheit des Gemts und mit mehr Gewissenhaftigkeit vollbracht als dieses;
doch fllt es schwer, wenn man schon anderes gemacht hat, dem Leser genugzutun;
er verlangt immer etwas, wie das vorige war.
Rom, den 24. November.
Du fragst in deinem letzten Brief wegen der Farbe der Landschaft dieser
Gegenden. Darauf kann ich dir sagen, da sie bei heitern Tagen, besonders des
Herbstes, so farbig ist, da sie in jeder Nachbildung bunt scheinen mu. Ich
hoffe, dir in einiger Zeit einige Zeichnungen zu schicken, die ein Deutscher
macht, der jetzt in Neapel ist; die Wasserfarben bleiben so weit unter dem Glanz
der Natur, und doch werdet ihr glauben, es sei unmglich. Das Schnste dabei
ist, da die lebhaften Farben in geringer Entfernung schon durch den Luftton
gemildert werden, und da die Gegenstze von kalten und warmen Tnen (wie man
sie nennt) so sichtbar dastehn. Die blauen klaren Schatten stechen so reizend
von allem erleuchteten Grnen, Gelblichen, Rtlichen, Brunlichen ab und
verbinden sich mit der blulich duftigen Ferne. Es ist ein Glanz und zugleich
eine Harmonie, eine Abstufung im ganzen, wovon man nordwrts gar keinen Begriff
hat. Bei euch ist alles entweder hart oder trb, bunt oder eintnig. Wenigstens
erinnere ich mich selten, einzelne Effekte gesehen zu haben, die mir einen
Vorschmack von dem gaben, was jetzt tglich und stndlich vor mir steht.
Vielleicht fnde ich jetzt, da mein Auge gebter ist, auch nordwrts mehr
Schnheiten.
brigens kann ich wohl sagen, da ich nun fast die rechten geraden Wege zu allen
bildenden Knsten vor mir sehe und erkenne, aber auch nun ihre Weiten und Fernen
desto klarer ermesse. Ich bin schon zu alt, um von jetzt an mehr zu tun als zu
pfuschen; wie es andre treiben, seh' ich auch, finde manchen auf dem guten
Pfade, keinen mit groen Schritten. Es ist also auch damit wie mit Glck und
Weisheit, davon uns die Urbilder nur vorschweben, deren Kleidsaum wir hchstens
berhren.
Kaysers Ankunft, und bis wir uns ein wenig mit ihm in husliche Ordnung setzten,
hatte mich einigermaen zurckgebracht, meine Arbeiten stockten. Jetzt geht es
wieder, und meine Opern sind nahe, fertig zu sein. Er ist sehr brav, verstndig,
ordentlich, gesetzt, in seiner Kunst so fest und sicher, als man sein kann,
einer von denen Menschen, durch deren Nhe man gesunder wird. Dabei hat er eine
Herzensgte, einen richtigen Lebens- und Gesellschaftsblick, wodurch sein
brigens strenger Charakter biegsamer wird und sein Umgang eine eigene Grazie
gewinnt.

Bericht
November
Nun aber bei dem stillen Gedanken an ein allmhliches Loslsen ward ein neues
Anknpfen durch die Ankunft eines wackeren frheren Freundes vorbereitet, des
Christoph Kayser, eines gebornen Frankfurters, der zu gleicher Zeit mit Klingern
und uns andern herangekommen war. Dieser, von Natur mit eigentmlichem
musikalischem Talente begabt, hatte schon vor Jahren, indem er Scherz, List und
Rache zu komponieren unternahm, auch eine zu Egmont passende Musik zu liefern
begonnen. Ich hatte ihm von Rom aus gemeldet, das Stck sei abgegangen und eine
Kopie in meinen Hnden geblieben. Statt weitlufiger Korrespondenz darber ward
ttlich gefunden, er solle selbst unverzglich herankommen; da er denn auch
nicht sumend mit dem Kurier durch Italien hindurchflog, sehr bald bei uns
eintraf und in den Knstlerkreis, der sein Hauptquartier im Korso, Rondanini
gegenber, aufgeschlagen hatte, sich freundlich aufgenommen sah.
Hier aber zeigte sich gar bald statt des so ntigen Sammelns und Einens neue
Zerstreuung und Zersplitterung.
Vorerst gingen mehrere Tage hin, bis ein Klavier beigeschafft, probiert,
gestimmt und nach des eigensinnigen Knstlers Willen und Wollen zurechtgerckt
war, wobei denn immer noch etwas zu wnschen und zu fordern brigblieb. Indessen
belohnte sich baldigst der Aufwand von Mhe und Versumnis durch die Leistungen
eines sehr gewandten, seiner Zeit vllig gemen, die damaligen schwierigsten
Werke leicht vortragenden Talentes. Und damit der musikalische Geschichtskenner
sogleich wisse, wovon die Rede sei, bemerke ich, da zu jener Zeit Schubart fr
unerreichbar gehalten, sodann auch, da als Probe eines gebten Klavierspielers
die Ausfhrungen von Variationen geachtet wurde, wo ein einfaches Thema, auf die
knstlichste Weise durchgefhrt, endlich durch sein natrliches Wiedererscheinen
den Hrer zu Atem kommen lie.
Die Symphonie zu Egmont brachte er mit, und so belebte sich von dieser Seite
mein ferneres Bestreben, welches gegenwrtig mehr als jemals aus Notwendigkeit
und Liebhaberei gegen das musikalische Theater gerichtet war.
Erwin und Elmire sowie Claudine von Villa Bella sollten nun auch nach
Deutschland abgesendet werden; ich hatte mich aber durch die Bearbeitung
Egmonts in meinen Forderungen gegen mich selbst dergestalt gesteigert, da ich
nicht ber mich gewinnen konnte, sie in ihrer ersten Form dahinzugeben. Gar
manches Lyrische, das sie enthalten, war mir lieb und wert; es zeugte von vielen
zwar tricht, aber doch glcklich verlebten Stunden, wie von Schmerz und Kummer,
welchen die Jugend in ihrer unberatenen Lebhaftigkeit ausgesetzt bleibt. Der
prosaische Dialog dagegen erinnerte zu sehr an jene franzsischen Operetten,
denen wir zwar ein freundliches Andenken zu gnnen haben, indem sie zuerst ein
heiteres singbares Wesen auf unser Theater herberbrachten, die mir aber jetzt
nicht mehr gengen wollten als einem eingebrgerten Italiener, der den
melodischen Gesang durch einen rezitierenden und deklamatorischen wenigstens
wollte verknpft sehen.
In diesem Sinne wird man nunmehr beide Opern bearbeitet finden; ihre
Kompositionen haben hie und da Freude gemacht, und so sind sie auf dem
dramatischen Strom auch zu ihrer Zeit mit vorbergeschwommen.
Gewhnlich schilt man auf die italienischen Texte, und das zwar in solchen
Phrasen, wie einer dem andern nachsagen kann, ohne was dabei zu denken; sie sind
freilich leicht und heiter, aber sie machen nicht mehr Forderungen an den
Komponisten und an den Snger, als inwieweit beide sich hinzugeben Lust haben.
Ohne hierber weitlufig zu sein, erinnere ich an den Text der Heimlichen
Heirat; man kennt den Verfasser nicht, aber es war einer der geschicktesten,
die in diesem Fache gearbeitet haben, wer er auch mag gewesen sein. In diesem
Sinne zu handeln, in gleicher Freiheit nach bestimmten Zwecken zu wirken, war
meine Absicht, und ich wute selbst nicht zu sagen, inwiefern ich mich meinem
Ziel genhert habe.
Leider aber war ich mit Freund Kayser seit geraumer Zeit schon in einem
Unternehmen befangen, das nach und nach immer bedenklicher und weniger
ausfhrbar schien. Man vergegenwrtige sich jene sehr unschuldige Zeit des
deutschen Opernwesens, wo noch ein einfaches Intermezzo, wie die Serva Padrona
von Pergolese, Eingang und Beifall fand. Damals nun produzierte sich ein
deutscher Buffo namens Berger, mit einer hbschen, stattlichen, gewandten Frau,
welche in deutschen Stdten und Ortschaften mit geringer Verkleidung und
schwacher Musik im Zimmer mancherlei heitere aufregende Vorstellungen gaben, die
denn freilich immer auf Betrug und Beschmung eines alten verliebten Gecken
auslaufen mochten.
Ich hatte mir zu ihnen eine dritte mittlere, leicht zu besetzende Stimme
gedacht, und so war denn schon vor Jahren das Singspiel Scherz, List und Rache
entstanden, das ich an Kaysern nach Zrich schickte, welcher aber als ein
ernster, gewissenhafter Mann das Werk zu redlich angriff und zu ausfhrlich
behandelte. Ich selbst war ja schon ber das Ma des Intermezzo hinausgegangen,
und das kleinlich scheinende Sujet hatte sich in so viel Singstcke entfaltet,
da selbst bei einer vorbergehenden sparsamen Musik drei Personen kaum mit der
Darstellung wren zu Ende gekommen. Nun hatte Kayser die Arien ausfhrlich nach
altem Schnitt behandelt, und man darf sagen, stellenweise glcklich genug, wie
nicht ohne Anmut des Ganzen.
Allein wie und wo sollte das zur Erscheinung kommen? Unglcklicherweise litt es
nach frhern Migkeitsprinzipien an einer Stimmenmagerkeit; es stieg nicht
weiter als bis zum Terzett, und man htte zuletzt die Theriaksbchsen des
Doktors gern beleben mgen, um ein Chor zu gewinnen. Alles unser Bemhen daher,
uns im Einfachen und Beschrnkten abzuschlieen, ging verloren, als Mozart
auftrat. Die Entfhrung aus dem Serail schlug alles nieder, und es ist auf dem
Theater von unserm so sorgsam gearbeiteten Stck niemals die Rede gewesen.
Die Gegenwart unseres Kaysers erhhete und erweiterte nun die Liebe zur Musik,
die sich bisher nur auf theatralische Exhibitionen eingeschrnkt hatte. Er war
sorgfltig, die Kirchenfeste zu bemerken, und wir fanden uns dadurch veranlat,
auch die an solchen Tagen aufgefhrten solennen Musiken mit anzuhren. Wir
fanden sie freilich schon sehr weltlich mit vollstndigstem Orchester, obgleich
der Gesang noch immer vorwaltete. Ich erinnere mich, an einem Ccilientage zum
ersten Male eine Bravourarie mit eingreifendem Chor gehrt zu haben; sie tat auf
mich eine auerordentliche Wirkung, wie sie solche auch noch immer, wenn
dergleichen in den Opern vorkommt, auf das Publikum ausbt.
Nchst diesem hatte Kayser noch eine Tugend, da er nmlich, weil ihm sehr um
alte Musik zu tun war, ihm auch die Geschichte der Tonkunst ernstlich zu
erforschen oblag, sich in Bibliotheken umsah; wie denn sein treuer Flei
besonders in der Minerva gute Aufnahme und Frdernis gefunden hatte. Dabei aber
hatte sein Bcherforschen den Erfolg, da er uns auf die ltern Kupferwerke des
sechzehnten Jahrhunderts aufmerksam machte und z. B. das Speculum romanae
magnificentiae, die Architekturen von Lomazzo, nicht weniger die spteren
Admiranda Romae und was sonst noch dergleichen sein mochte, in Erinnerung zu
bringen nicht unterlie. Diese Bcher- und Blttersammlungen, zu denen wir
andere denn auch wallfahrteten, haben besonders einen groen Wert, wenn man sie
in guten Abdrcken vor sich sieht: sie vergegenwrtigen jene frhere Zeit, wo
das Altertum mit Ernst und Scheu betrachtet und die berbleibsel in tchtigem
Charakter ausgedrckt wurden. So nherte man sich z. B. den Kolossen, wie sie
noch auf dem alten Fleck im Garten Colonna standen; die Halbruine des
Septizoniums Severi gab noch den ungefhren Begriff von diesem verschwundenen
Gebude; die Peterskirche ohne Fassade, das groe Mittel ohne Kuppel, der alte
Vatikan, in dessen Hof noch Turniere gehalten werden konnten, alles zog in die
alte Zeit zurck und lie zugleich aufs deutlichste bemerken, was die zwei
folgenden Jahrhunderte fr Vernderungen hervorgerufen und ungeachtet
bedeutender Hindernisse das Zerstrte herzustellen, das Versumte nachzuholen
getrachtet.
Heinrich Meyer von Zrich, dessen ich schon oft zu gedenken Ursach hatte, so
zurckgezogen er lebte, so fleiig er war, fehlte doch nicht leicht, wo etwas
Bedeutendes zu schauen, zu erfahren, zu lernen war; denn auch die brigen
suchten und wnschten ihn, indem er sich in Gesellschaft so bescheiden als
lehrreich erwies. Er ging den sichern, von Winckelmann und Mengs erffneten Pfad
ruhig fort, und weil er in der Seidelmannischen Manier antike Bsten mit Sepia
gar lblich darzustellen wute, so fand niemand mehr Gelegenheit als er, die
zarten Abstufungen der frhern und sptern Kunst zu prfen und kennen zu lernen.
Als wir nun einen von allen Fremden, Knstlern, Kennern und Laien gleich
gewnschten Besuch bei Fackelschein dem Museum sowohl des Vatikans als auch des
Kapitols abzustatten Anstalt machten, so gesellte er sich uns zu; und ich finde
unter meinen Papieren einen seiner Aufstze, wodurch ein solcher genureicher
Umgang durch die herrlichsten Reste der Kunst, welcher meistenteils wie ein
entzckender, nach und nach verlschender Traum vor der Seele schwebt, auch in
seinen vorteilhaften Einwirkungen auf Kenntnis und Einsicht eine bleibende
Bedeutung erhlt.
Der Gebrauch, die groen rmischen Museen, z. B. das Museo Pio-Clementino im
Vatikan, das Kapitolinische etc., beim Licht von Wachsfackeln zu besehen,
scheinet in den Achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts noch ziemlich neu
gewesen zu sein, indessen ist mir nicht bekannt, wann er eigentlich seinen
Anfang genommen.
Vorteile der Fackelbeleuchtung: jedes Stck wird nur einzeln, abgeschlossen von
allen brigen betrachtet, und die Aufmerksamkeit des Beschauers bleibt lediglich
auf dasselbe gerichtet; dann erscheinen in dem gewaltigen wirksamen Fackellicht
alle zarten Nuancen der Arbeit weit deutlicher, alle strenden Widerscheine
(zumal bei glnzend polierten Statuen beschwerlich) hren auf, die Schatten
werden entschiedener, die beleuchteten Teile treten heller hervor. Ein
Hauptvorteil aber ist unstreitig der, da ungnstig aufgestellte Stcke
hierdurch das ihnen gebhrende Recht erhalten. So konnte man z. B. den Laokoon
in der Nische, wo er stand, nur bei Fackellicht recht sehen, weil kein
unmittelbares Licht auf ihn fiel, sondern blo ein Widerschein aus dem kleinen
runden, mit einer Sulenhalle umgebenen Hof des Belvedere; dasselbe war der Fall
mit dem Apollo und dem sogenannten Antinous (Merkur). Noch ntiger war
Fackelbeleuchtung, um den Nil wie auch den Meleager zu sehen und ihre Verdienste
schtzen zu knnen. Keiner andern Antike ist Fackelbeleuchtung so vorteilhaft
als bei dem sogenannten Phocion, weil man nur dann, nicht aber bei gewhnlichem
Licht, indem er ungnstig aufgestellt ist, die wundersam zart durch das einfache
Gewand durchscheinenden Teile des Krpers wahrnehmen kann. Schn nimmt sich auch
der vortreffliche Sturz eines sitzenden Bacchus aus, ebenso das obere Teil einer
Bacchusstatue mit schnem Kopf und die Halbfigur eines Triton, vor allen aber
das Wunder der Kunst, der nie genug zu preisende berhmte Torso.

Eingang zum Museo Pio-Clementino im Vatican. Kupferstich

Die Denkmale im Kapitolinischen Museum sind zwar berhaupt weniger wichtig als
die im Museo Pio-Clementino, doch gibt es einige von groer Bedeutung, und man
tut wohl, um sich von ihren Verdiensten gehrig zu unterrichten, solche bei
Fackelbeleuchtung zu sehen. Der sogenannte Pyrrhus, vortrefflich gearbeitet,
steht auf der Treppe und erhlt gar kein Tageslicht; auf der Galerie vor den
Sulen steht eine schne halbe Figur, die fr eine bekleidete Venus gehalten
wird, welche von drei Seiten schwaches Licht erhlt. Die nackte Venus, die
schnste Statue dieser Art in Rom, erscheint bei Tageslicht nicht zu ihrem
Vorteil, da sie in einem Eckzimmer aufgestellt ist, und die sogenannte schn
bekleidete Juno steht an der Wand zwischen Fenstern, wo sie blo ein wenig
Streiflicht erhlt; auch der so berhmte Ariadnekopf im Miszellaneenzimmer wird
auer bei Fackellicht nicht in seiner ganzen Herrlichkeit gesehen. Und so sind
noch mehrere Stcke dieses Museums ungnstig aufgestellt, so da
Fackelbeleuchtung durchaus notwendig wird, wenn man solche recht sehen und nach
Verdiensten schtzen soll.
Wie brigens so vieles, was geschieht, um die Mode mitzumachen, zum Mibrauch
wird, so ist es auch mit der Fackelbeleuchtung. Sie kann nur in dem Falle Gewinn
bringen, wenn verstanden wird, wozu sie ntze ist. Monumente zu sehen, die, wie
vorhin von einigen berichtet worden, blo verkmmertes Tageslicht erhalten, ist
sie notwendig, indem alsdann Hhen und Tiefen und bergang der Teile ineinander
richtiger erkannt werden. Vornehmlich aber wird sie Werken aus der allerbesten
Zeit der Kunst gnstig sein (wenn nmlich der, welcher die Fackel fhrt, und der
Beschauer wissen, worauf es ankmmt); sie wird die Massen derselben besser
zeigen und die zartesten Nuancen der Arbeit hervorheben. Werke des alten
Kunststils hingegen, die vom mchtigen, und selbst die vom hohen, haben nicht
viel zu gewinnen, wenn sie anders sonst in hellem Lichte stehen. Denn da die
Knstler damals noch des Lichts und Schattens nicht kundig waren, wie sollten
sie fr ihre Arbeiten auf Licht und Schatten gerechnet haben? So ist es auch mit
spt gearbeiteten Werken, als die Knstler anfingen, nachlssiger zu werden, der
Geschmack schon so weit gesunken war, da auf Licht und Schatten in plastischen
Werken nicht weiter geachtet, die Lehre von den Massen vergessen war. Wozu
sollte Fackelbeleuchtung an Monumenten dieser Art dienen?
Bei einer so feierlichen Gelegenheit ist es der Erinnerung gem, auch Herrn
Hirts zu gedenken, der unserem Verein auf mehr als eine Weise ntzlich und
frderlich gewesen. Im Frstenbergischen 1759 geboren, fand er nach
zurckgelegten Studien der alten Schriftsteller einen unwiderstehlichen Trieb,
sich nach Rom zu verfgen. Er war einige Jahre frher daselbst angekommen als
ich und hatte sich auf die ernstlichste Weise mit alten und neuern Bau- und
Bildwerken jeder Art bekannt gemacht und sich zu einem unterrichtenden Fhrer
von wibegierigen Fremden geeignet. Auch mir erwies er diese Geflligkeit mit
aufopfernder Teilnahme.
Sein Hauptstudium war die Baukunst, ohne da er den klassischen Lokalitten und
so viel andern Merkwrdigkeiten seine Beachtung entzogen htte. Seine
theoretischen Ansichten ber Kunst gaben in dem streit- und parteischtigen Rom
vielfltige Gelegenheit zu lebhaften Diskussionen. Aus der Verschiedenheit der
Ansichten kommen besonders dort, wo immer und berall von Kunst die Rede ist,
gar mannigfaltig Hin- und Widerreden, wodurch der Geist in der Nhe so
bedeutender Gegenstnde lebhaftest angeregt und gefrdert wird. Unsres Hirts
Maxime ruhte auf Ableitungen griechischer und rmischer Architektur von der
ltesten notwendigsten Holzkonstruktion, worauf er denn Lob und Tadel der neuern
Ausfhrung grndete und sich dabei der Geschichte und Beispiele geschickt zu
bedienen wute. Andere behaupteten dagegen, da in der Baukunst wie in jeder
andern geschmackvolle Fiktionen stattfnden, auf welche der Bauknstler niemals
Verzicht tun drfe, indem er sich in den mannigfaltigsten Fllen, die ihm
vorkommen, bald auf diese, bald auf jene Weise zu helfen habe und von der
strengen Regel abzuweichen gentigt sei.
In Absicht auf Schnheit geriet er auch oft mit andern Knstlern in Diskrepanz,
indem er den Grund derselben ins Charakteristische legte, da ihm denn insofern
diejenigen beipflichteten, welche sich berzeugt hielten, da freilich der
Charakter jedem Kunstwerk zum Grunde liegen msse, die Behandlung aber dem
Schnheitssinne und dem Geschmack anempfohlen sei, welche einen jeden Charakter
in seiner Angemessenheit sowohl als in seiner Anmut darzustellen haben.
Weil aber die Kunst im Tun und nicht im Reden besteht, man aber dennoch
immerfort mehr reden als tun wird, so begreift man leicht, da dergleichen
Unterhaltungen damals grenzenlos waren, wie sie es bis in die neusten Zeiten
geblieben sind.
Wenn die differierenden Meinungen der Knstler zu gar mancherlei
Unannehmlichkeiten, ja Entfernungen untereinander Gelegenheit gaben, so traf es
sich auch wohl, obgleich selten, da heitere Vorflle sich bei solcher
Gelegenheit ereigneten. Nachstehendes mag davon ein Beispiel sein.
Eine Anzahl Knstler hatten den Nachmittag im Vatikan zugebracht und gingen
spt, um nicht den langen Weg durch die Stadt zu ihrem Quartier zu nehmen, zu
dem Tor an der Kolonnade hinaus, an den Weinbergen her bis an die Tiber. Sie
hatten sich unterwegs gestritten, kamen streitend ans Ufer und setzten auf der
berfahrt die Unterhaltung lebhaft fort. Nun wren sie, bei Ripetta aussteigend,
in den Fall gekommen, sich zu trennen und die von beiden Seiten noch berflssig
vorhandenen Argumente in der Geburt erstickt zu sehen. Sie wurden also einig,
beisammen zu bleiben und wieder hinber und herber zu fahren und auf der
schwankenden Fhre ihrer Dialektik den ferneren Lauf zu lassen. Einmal aber fand
sich diese Bewegung nicht hinreichend; sie waren einmal im Zuge und verlangten
von dem Fhrmann mehrmalige Wiederholung. Dieser auch lie es sich wohl
gefallen, indem ein jedesmaliges Herber und Hinber ihm von der Person einen
Bajocco eintrug, einen ansehnlichen Gewinn, den er so spt nicht mehr zu
erwarten hatte. Deshalb erfllte er ganz stillschweigend ihr Verlangen; und da
ihn sein Shnchen mit Verwunderung fragte: Was wollen sie denn damit?,
antwortet' er ganz ruhig: Ich wei nicht, aber sie sind toll.
Ungefhr in dieser Zeit erhielt ich in einem Paket von Hause nachstehenden
Brief:
Monsieur, je ne suis pas tonn que vous ayez de mauvais lecteurs; tant de gens
aiment mieux parler que sentir, mais il faut les plaindre et se f1iciter de ne
pas leur ressembler. - Oui, Monsieur, je vous dois la meilleure action de ma
vie, par consquent la racine de plusieurs autres, et pour moi votre livre est
bon. Si j'avois le bonheur d'habiter le mme pays que vous, j'irois vous
embrasser et vous dire mon secret, mais malheureusement j'en habite un o
personne ne croiroit au motif qui vient de me dterminer  cette dmarche. Soyez
satisfait, Monsieur, d'avoir pu,  300 lieues de votre demeure, ramener le coeur
d'un jeune homme  l'honntet et  la vertu, toute une famille va tre
tranquille, et mon coeur jouit d'une bonne action. Si j'avais des talens, des
lumires ou un rang qui me fit influer sur le sort des hommes, je vous dirois
mon nom, mais je ne suis rien et je sais ce que je ne voudrois tre. Je
souhaite, Monsieur, que vous soyez jeune, que vous ayez le got d'crire, que
vous soyez l'poux d'une Charlotte qui n'avait point vu de Werther, et vous
serez le plus heureux des hommes, car je crois que vous aimez la vertu.

Dezember
Korrespondenz
Rom, den 1. Dezember.
So viel versichre ich dir: ich bin ber die wichtigsten Punkte mehr als gewi,
und obgleich die Erkenntnis sich ins Unendliche erweitern knnte, so hab' ich
doch vom Endlich-Unendlichen einen sichern, ja klaren und mitteilbaren Begriff.
Ich habe noch die wunderlichsten Sachen vor und halte mein Erkenntnisvermgen
zurck, da nur meine ttige Kraft einigermaen fortkomme. Denn da sind
herrliche Sachen und so begreiflich wie die Flachhand, wenn man sie nur gefat
hat.
Rom, den 7. Dezember 1787.
Diese Woche ist mit Zeichnen zugebracht worden, da es mit der Dichtung nicht
fort wollte; man mu sehen und suchen, alle Epochen zu nutzen. Unsere
Hausakademie geht immer fort, und wir sind bemht, den alten Aganthyr aus dem
Schlafe zu wecken; die Perspektiv beschftigt uns des Abends, und ich suche
immer dabei einige Teile des menschlichen Krpers besser und sichrer zeichnen zu
lernen. Es ist nur alles Grndliche gar zu schwer und verlangt groe Applikation
in der Ausbung.
Angelika ist gar lieb und gut, sie macht mich auf alle Weise zu ihrem Schuldner.
Den Sonntag bringen wir zusammen zu, und in der Woche sehe ich sie abends
einmal. Sie arbeitet so viel und so gut, da man gar keinen Begriff hat, wie's
mglich ist, und glaubt doch immer, sie mache nichts.
Rom, den 8. Dezember.
Wie sehr es mich ergtzt, da dir mein Liedchen gefallen hat, glaubst du nicht,
wie sehr es mich freut, einen Laut hervorzubringen, der in deine Stimmung
trifft. Eben das wnscht' ich Egmonten, von dem du so wenig sagst und eher,
da dir daran etwas weh als wohl tut. O, wir wissen genug, da wir eine so groe
Komposition schwer ganz rein stimmen knnen, es hat doch im Grunde niemand einen
rechten Begriff von der Schwierigkeit der Kunst als der Knstler selbst.
Es ist weit mehr Positives, das heit Lehrbares und berlieferbares in der
Kunst, als man gewhnlich glaubt; und der mechanischen Vorteile, wodurch man die
geistigsten Effekte (versteht sich immer mit Geist) hervorbringen kann, sind
sehr viele. Wenn man diese kleinen Kunstgriffe wei, ist vieles ein Spiel, was
nach wunder was aussieht, und nirgends glaub' ich, da man mehr lernen kann in
Hohem und Niedrem als in Rom.
Rom, den 15. Dezember.
Ich schreibe dir spte, um nur etwas zu schreiben. Diese Woche hab' ich sehr
vergngt zugebracht. Es wollte die vorige Woche nicht gehen, weder mit einer
noch andrer Arbeit, und da es am Montage so schn Wetter war und meine Kenntnis
des Himmels mich gute Tage hoffen lie, machte ich mich mit Kaysern und meinem
zweiten Fritz auf die Beine und durchging von Dienstag bis heute abend die
Pltze, die ich schon kannte, und verschiedene Seiten, die ich noch nicht
kannte.
Dienstag abend erreichten wir Frascati, Mittwoch besuchten wir die schnsten
Villen und besonders den kstlichen Antinous auf Monte Dragone. Donnerstag
gingen wir von Frascati auf Monte Cavo ber Rocca di Papa, wovon du einmal
Zeichnungen haben sollst, denn Worte und Beschreibungen sind nichts; dann nach
Albano herunter. Freitag schied Kayser von uns, dem es nicht ganz wohl war, und
ich ging mit Fritz dem zweiten auf Aricia, Genzano, am See von Nemi her wieder
auf Albano zurck. Heute sind wir auf Castel Gandolfo und Marino gegangen und
von da nach Rom zurck. Das Wetter hat uns unglaublich begnstigt, es war fast
das schnste Wetter des ganzen Jahrs. Auer den immergrnen Bumen haben noch
einige Eichen ihr Laub, auch junge Kastanien noch das Laub, wenngleich gelb. Es
sind Tne in der Landschaft von der grten Schnheit, und die herrlichen groen
Formen im nchtlichen Dunkel! Ich habe groe Freude gehabt, die ich dir in der
Ferne mitteile. Ich war sehr vergngt und wohl.
Rom, den 21. Dezember.
Da ich zeichne und die Kunst studiere, hilft dem Dichtungsvermgen auf, statt
es zu hindern; denn schreiben mu man nur wenig, zeichnen viel. Dir wnsche ich
nur den Begriff der bildenden Kunst mitteilen zu knnen, den ich jetzt habe; so
subordiniert er auch noch ist, so erfreulich, weil er wahr ist und immer weiter
deutet. Der Verstand und die Konsequenz der groen Meister ist unglaublich. Wenn
ich bei meiner Ankunft in Italien wie neu geboren war, so fange ich jetzt an,
wie neu erzogen zu sein.
Was ich bisher geschickt habe, sind nur leichtsinnige Versuche. Mit Thurneisen
schicke ich eine Rolle, worauf das Beste fremde Sachen sind, die dich erfreuen
werden.
Rom, den 25. Dezember.
Diesmal ist Christus unter Donner und Blitzen geboren worden, wir hatten gerade
um Mitternacht ein starkes Wetter.
Der Glanz der grten Kunstwerke blendet mich nicht mehr, ich wandle nun im
Anschauen, in der wahren unterscheidenden Erkenntnis. Wieviel ich hierin einem
stillen, einsam fleiigen Schweizer, namens Meyer, schuldig bin, kann ich nicht
sagen. Er hat mir zuerst die Augen ber das Detail, ber die Eigenschaften der
einzelnen Formen aufgeschlossen, hat mich in das eigentliche Machen initiiert.
Er ist in wenigem gengsam und bescheiden. Er geniet die Kunstwerke eigentlich
mehr als die groen Besitzer, die sie nicht verstehen, mehr als andere Knstler,
die zu ngstlich von der Nachahmungsbegierde des Unerreichbaren getrieben
werden. Er hat eine himmlische Klarheit der Begriffe und eine englische Gte des
Herzens. Er spricht niemals mit mir, ohne da ich alles aufschreiben mchte, was
er sagt, so bestimmt, richtig, die einzige wahre Linie beschreibend sind seine
Worte. Sein Unterricht gibt mir, was mir kein Mensch geben konnte, und seine
Entfernung wird mir unersetzlich bleiben. In seiner Nhe, in einer Reihe von
Zeit hoffe ich noch auf einen Grad im Zeichnen zu kommen, den ich mir jetzt
selbst kaum denken darf. Alles, was ich in Deutschland lernte, vornahm, dachte,
verhlt sich zu seiner Leitung wie Baumrinde zum Kern der Frucht. Ich habe keine
Worte, die stille, wache Seligkeit auszudrcken, mit der ich nun die Kunstwerke
zu betrachten anfange; mein Geist ist erweitert genug, um sie zu fassen, und
bildet sich immer mehr aus, um sie eigentlich schtzen zu knnen.
Es sind wieder Fremde hier, mit denen ich manchmal eine Galerie sehe; sie kommen
mir wie Wespen in meinem Zimmer vor, die gegen die Fenster fahren und die helle
Scheibe fr Luft halten, dann wieder abprallen und an den Wnden summen.
In den schweigenden zurcktretenden Zustand mag ich einen Feind nicht wnschen.
Und wie sonst fr krank und borniert gehalten zu werden, geziemt mir weniger als
jemals. Denke also, mein Lieber, tue, wirke das Beste fr mich und erhalte mir
mein Leben, das sonst, ohne jemanden zu nutzen, zugrunde geht. Ja, ich mu
sagen, ich bin dieses Jahr moralisch sehr verwhnt worden. Ganz abgeschnitten
von aller Welt, hab' ich eine Zeitlang allein gestanden. Nun hat sich wieder ein
enger Kreis um mich gezogen, die alle gut sind, alle auf dem rechten Wege, und
das ist nur das Kennzeichen, da sie es bei mir aushalten knnen, mich mgen,
Freude in meiner Gegenwart finden, je mehr sie denkend und handelnd auf dem
rechten Wege sind. Denn ich bin unbarmherzig, unduldsam gegen alle, die auf
ihrem Wege schlendern oder irren und doch fr Boten und Reisende gehalten werden
wollen. Mit Scherz und Spott treib' ich's so lang, bis sie ihr Leben ndern oder
sich von mir scheiden. Hier, versteht sich, ist nur von guten, graden Menschen
die Rede, Halb- und Schiefkpfe werden gleich ohne Umstnde mit der Wanne
gesondert. Zwei Menschen danken mir schon ihre Sinnes- und Lebensnderung, ja
dreie, und werden sie mir zeitlebens danken. Da, auf dem Punkte der Wirkung
meines Wesens, fhl' ich die Gesundheit meiner Natur und ihre Ausbreitung; meine
Fe werden nur krank in engen Schuhen, und ich sehe nichts, wenn man mich vor
eine Mauer stellt.

Bericht
Dezember
Der Monat Dezember war mit heiterem, ziemlich gleichem Wetter eingetreten,
wodurch ein Gedanke rege ward, der einer guten frohen Gesellschaft viel
angenehme Tage verschaffen sollte. Man sagte nmlich: Stellen wir uns vor, wir
kmen soeben in Rom an und mten als eilige Fremde geschwind von den
vorzglichsten Gegenstnden uns unterrichten. Beginnen wir einen Umgang in
diesem Sinne, damit das schon Bekannte mchte in Geist und Sinn wieder neu
werden.
Die Ausfhrung des Gedankens ward alsobald begonnen und mit einiger Stetigkeit
so ziemlich durchgesetzt; leider da von manchem Guten, welches bei dieser
Gelegenheit bemerkt und gedacht worden, nur wenig briggeblieben. Briefe,
Notizen, Zeichnungen und Entwrfe mangeln von dieser Epoche fast gnzlich,
einiges werde jedoch hievon krzlich mitgeteilt.
Unterhalb Roms, eine Strecke nicht weit von der Tiber, liegt eine mig groe
Kirche, Zu den drei Brnnlein genannt; diese sind, so erzhlt man, bei
Enthauptung des heiligen Paulus durch sein Blut hervorgerufen worden und quellen
noch bis auf den heutigen Tag.
Ohnehin ist die Kirche niedrig gelegen, und da vermehren denn freilich die in
ihrem Innern hervordringenden Rhrbrunnen eine dunstige Feuchtigkeit. Das Innere
steht wenig geschmckt und beinahe verlassen, nur fr einen seltenen
Gottesdienst, reinlich, wenngleich moderhaft, gehegt und besorgt. Was ihr aber
zur grten Zierde dient, sind Christus und seine Apostel, die Reihe her an den
Pfeilern des Schiffs, nach Zeichnungen Raffaels farbig in Lebensgre gemalt.
Dieser auerordentliche Geist hat jene frommen Mnner, die er sonst am rechten
Orte in versammelter Schar als bereinstimmend gekleidet vorgefhrt, hier, da
jeder Einzelne abgesondert auftritt, jeden auch mit besonderer Auszeichnung
abgebildet, nicht als wenn er im Gefolge des Herrn sich befnde, sondern als
wenn er nach der Heimfahrt desselben, auf seine eignen Fe gestellt, nunmehr
seinem Charakter gem das Leben durchzuwirken und auszudulden habe.
Um uns aber von den Vorzgen dieser Bilder auch in der Ferne zu belehren, sind
uns Nachbildungen der Originalzeichnungen von der treuen Hand Mark Antons
briggeblieben, welche uns fters Gelegenheit und Anla gaben, unser Gedchtnis
aufzufrischen und unsere Bemerkungen niederzuschreiben. Wir fgen den Auszug
eines Aufsatzes bei, der in dem Jahre 1791 in den Deutschen Merkur aufgenommen
worden.
Die Aufgabe, einen verklrten Lehrer mit seinen zwlf ersten und vornehmsten
Schlern, welche ganz an seinen Worten und an seinem Dasein hingen und
grtenteils ihren einfachen Wandel mit einem Mrtyrertode krnten, gebhrend
vorzustellen, hat er mit einer solchen Einfalt, Mannigfaltigkeit, Herzlichkeit
und mit so einem reichen Kunstverstndnis gelst, da wir diese Bltter fr eins
der schnsten Monumente seines glcklichen Daseins halten knnen.
Was uns von ihrem Charakter, Stande, Beschftigung, Wandel und Tode in Schriften
oder durch Traditionen briggeblieben, hat er auf das zarteste benutzt und
dadurch eine Reihe von Gestalten hervorgebracht, welche, ohne einander zu
gleichen, eine innere Beziehung aufeinander haben. Wir wollen sie einzeln
durchgehen, um unsre Leser auf die interessante Sammlung aufmerksam zu machen.
Petrus. Er hat ihn gerad von vorne gestellt und ihm eine feste gedrungene
Gestalt gegeben. Die Extremitten sind bei dieser wie bei einigen andern Figuren
ein wenig gro gehalten, wodurch die Figur etwas krzer scheint. Der Hals ist
kurz, und die kurzen Haare sind unter allen dreizehn Figuren am strksten
gekraust. Die Hauptfalten des Gewandes laufen in der Mitte des Krpers zusammen,
das Gesicht sieht man wie die brige Gestalt ganz von vorn. Die Figur ist in
sich fest zusammengenommen und steht da wie ein Pfeiler, der eine Last zu tragen
imstande ist.
Paulus ist auch stehend abgebildet, aber abgewendet, wie einer, der gehen will
und nochmals zurcksieht; der Mantel ist aufgezogen und ber den Arm, in welchem
er das Buch hlt, geschlagen; die Fe sind frei, es hindert sie nichts am
Fortschreiten; Haare und Bart bewegen sich wie Flammen, und ein schwrmerischer
Geist glht auf dem Gesichte.
Johannes. Ein edler Jngling mit langen, angenehmen, nur am Ende krausen Haaren.
Er scheint zufrieden, ruhig, die Zeugnisse der Religion, das Buch und den Kelch,
zu besitzen und vorzuzeigen. Es ist ein sehr glcklicher Kunstgriff, da der
Adler, indem er die Flgel hebt, das Gewand sogleich mit in die Hhe nimmt, und
durch dieses Mittel die schn angelegten Falten in die vollkommenste Lage
gesetzt werden.
Matthus. Ein wohlhabender, behaglicher, auf seinem Dasein beruhender Mann. Die
allzugroe Ruhe und Bequemlichkeit ist durch einen ernsthaften, beinahe scheuen
Blick ins Gleichgewicht gebracht; die Falten, die ber den Leib geschlagen sind,
und der Geldbeutel geben einen unbeschreiblichen Begriff von behaglicher
Harmonie.
Thomas ist eine der schnsten, in der grten Einfalt ausdruckvollsten Figuren.
Er steht in seinen Mantel zusammengenommen, der auf beiden Seiten fast
symmetrische Falten wirft, die aber durch ganz leise Vernderungen einander
vllig unhnlich gemacht worden sind. Stiller, ruhiger, bescheidner kann wohl
kaum eine Gestalt gebildet werden. Die Wendung des Kopfes, der Ernst, der
beinahe traurige Blick, die Feinheit des Mundes harmonieren auf das schnste mit
dem ruhigen Ganzen. Die Haare allein sind in Bewegung, ein unter einer sanften
Auenseite bewegtes Gemt anzuzeigen.
Jakobus major. Eine sanfte, eingehllte, vorbeiwandelnde Pilgrimsgestalt.
Philippus. Man lege diesen zwischen die beiden vorhergehenden und betrachte den
Faltenwurf aller drei nebeneinander, und es wird auffallen, wie reich, gro,
breit die Falten dieser Gestalt gegen jene gehalten sind. So reich und vornehm
sein Gewand ist, so sicher steht er, so fest hlt er das Kreuz, so scharf sieht
er darauf, und das Ganze scheint eine innere Gre, Ruhe und Festigkeit
anzudeuten.
Andreas umarmt und liebkoset sein Kreuz mehr, als er es trgt; die einfachen
Falten des Mantels sind mit groem Verstande geworfen.
Thaddus. Ein Jngling, der, wie es die Mnche auf der Reise zu tun pflegen,
sein langes berkleid in die Hhe nimmt, da es ihn nicht im Gehen hindere. Aus
dieser einfachen Handlung entstehen sehr schne Falten. Er trgt die Partisane,
das Zeichen seines Mrtyrertodes, als einen Wanderstab in der Hand.
Matthias. Ein munterer Alter in einem durch hchst verstandene Falten
vermannigfaltigten einfachen Kleide lehnt sich auf einen Spie, sein Mantel
fllt hinterwrts herunter.
Simon. Die Falten des Mantels sowohl als des brigen Gewandes, womit diese mehr
von hinten als von der Seite zu sehende Figur bekleidet ist, gehren mit unter
die schnsten der ganzen Sammlung, wie berhaupt in der Stellung, in der Miene,
in dem Haarwuchse eine unbeschreibliche Harmonie zu bewundern ist.
Bartholomus steht in seinen Mantel wild und mit groer Kunst kunstlos
eingewickelt; seine Stellung, seine Haare, die Art, wie er das Messer hlt,
mchte uns fast auf die Gedanken bringen, er sei eher bereit, jemanden die Haut
abzuziehen, als eine solche Operation zu dulden.
Christus zuletzt wird wohl niemanden befriedigen, der die Wundergestalt eines
Gottmenschen hier suchen mchte. Er tritt einfach und still hervor, um das Volk
zu segnen. Von dem Gewand, das von unten herausgezogen ist, in schnen Falten
das Knie sehen lt und wider dem Leibe ruht, wird man mit Recht behaupten, da
es sich keinen Augenblick so erhalten knne, sondern gleich herunterfallen
msse. Wahrscheinlich hat Raffael supponiert, die Figur habe mit der rechten
Hand das Gewand herausgezogen und angehalten und lasse es in dem Augenblicke,
indem sie den Arm zum Segnen aufhebt, los, so da es eben niederfallen mu. Es
wre dieses ein Beispiel von dem schnen Kunstmittel, die kurz vorhergegangene
Handlung durch den berbleibenden Zustand der Falten anzudeuten.
Von diesem kleinen bescheidenen Kirchlein ist jedoch nicht weit zu dem greren,
dem hohen Apostel gewidmeten Denkmal: es ist die Kirche St. Paul vor den Mauern
genannt, ein aus alten herrlichen Resten gro und kunstreich zusammengestelltes
Monument. Der Eintritt in diese Kirche verleiht einen erhabenen Eindruck, die
mchtigsten Sulenreihen tragen hohe gemalte Wnde, welche, oben durch das
verschrnkte Zimmerwerk des Dachs geschlossen, zwar jetzt unserm verwhnten Auge
einen scheunenartigen Anblick geben, obschon das Ganze, wre die Kontignation an
festlichen Tagen mit Teppichen berspannt, von unglaublicher Wirkung sein mte.
Mancher wundersame Rest kolossaler hchst verzierter Architektur an Kapitlen
findet sich hier anstndig aufbewahrt, aus den Ruinen von dem ehmals nahe
gelegenen, jetzo fast ganz verschwundenen Palast des Caracalla entnommen und
gerettet.
Die Rennbahn sodann, die von diesem Kaiser noch jetzt den Namen fhrt, gibt uns,
wennschon groenteils verfallen, doch noch einen Begriff eines solchen immensen
Raumes. Stellte sich der Zeichner an den linken Flgel der zum Wettlauf
Ausfahrenden, so htte er rechts in der Hhe ber den zertrmmerten Sitzen der
Zuschauer das Grab der Ccilia Metella mit dessen neueren Umgebungen, von wo aus
die Linie der ehemaligen Sitze ins Grenzenlose hinausluft und in der Ferne
bedeutende Villen und Lusthuser sich sehen lassen. Kehrt das Auge zurck, so
kann es gerade vor sich die Ruinen der Spina noch gar wohl verfolgen, und
derjenige, dem architektonische Phantasie gegeben ist, kann sich den bermut
jener Tage einigermaen vergegenwrtigen. Der Gegenstand in Trmmern, wie er
jetzt vor unsern Augen liegt, wrde auf jeden Fall, wenn ein geistreicher und
kenntnisgewandter Knstler es unternehmen wollte, immer noch ein angenehmes Bild
geben, das freilich um das Doppelte lnger als hoch sein mte.
Die Pyramide des Cestius ward fr diesmal mit den Augen von auen begrt, und
die Trmmer der Antoninischen oder Caracallischen Bder, von denen uns Piranesi
so manches Effektreiche vorgefabelt, konnten auch dem malerisch gewhnten Auge
in der Gegenwart kaum einige Zufriedenheit geben. Doch sollte bei dieser
Gelegenheit die Erinnerung an Hermann von Schwanefeld lebendig werden, welcher
mit seiner zarten, das reinste Natur- und Kunstgefhl ausdrckenden Nadel diese
Vergangenheiten zu beleben, ja, sie zu den anmutigsten Trgern des lebendig
Gegenwrtigen umzuschauen wute.
Auf dem Platze vor St. Peter in Montorio begrten wir den Wasserschwall der
Acqua Paola, welcher durch eines Triumphbogens Pforten und Tore in fnf Strmen
ein groes verhltnismiges Becken bis an den Rand fllt. Durch einen von Paul
V. wiederhergestellten Aqudukt macht diese Stromflle einen Weg von
fnfundzwanzig Miglien hinter dem See Bracciano her durch ein wunderliches, von
abwechselnden Hhen gebotenes Zickzack bis an diesen Ort, versieht die
Bedrfnisse verschiedener Mhlen und Fabriken, um sich zugleich in Trastevere zu
verbreiten.
Hier nun rhmten Freunde der Baukunst den glcklichen Gedanken, diesen Wassern
einen offen schaubaren triumphierenden Eintritt verschafft zu haben. Man wird
durch Sulen und Bogen, durch Gesims und Attiken an jene Prachttore erinnert,
wodurch ehmals kriegerische berwinder einzutreten pflegten; hier tritt der
friedlichste Ernhrer mit gleicher Kraft und Gewalt ein und empfngt fr die
Mhen seines weiten Laufes sogleich Dank und Bewunderung. Auch sagen uns die
Inschriften, da Vorsehung und Wohlttigkeit eines Papstes aus dem Hause
Borghese hier gleichsam einen ewigen ununterbrochenen stattlichen Einzug halten.
Ein kurz vorher eingetroffener Ankmmling aus Norden fand jedoch, man wrde
besser getan haben, rohe Felsen hier aufzutrmen, um diesen Fluten einen
natrlichen Eintritt ans Tageslicht zu verschaffen. Man entgegnete ihm, da dies
kein Natur-, sondern ein Kunstwasser sei, dessen Ankunft man auf eine
gleichartige Weise zu schmcken gar wohl berechtigt gewesen wre.

Raffael Transfiguration. Kupferstich von Prestel

Doch hierber vereinigte man sich ebensowenig als ber das herrliche Bild der
Transfiguration, welches man in dem zunchst gelegenen Kloster gleich darauf
anzustaunen Gelegenheit fand. Da war denn des Redens viel; der stillere Teil
jedoch rgerte sich, den alten Tadel von doppelter Handlung wiederholt zu sehen.
Es ist aber nicht anders in der Welt, als da eine wertlose Mnze neben einer
gehaltigen auch immer eine gewisse Art von Kurs behlt, besonders da, wo man in
der Krze aus einem Handel zu scheiden und ohne viel berlegung und Zaudern
gewisse Differenzen auszugleichen gedenkt. Wundersam bleibt es indes immer, da
man an der groen Einheit einer solchen Konzeption jemals hat mkeln drfen. In
Abwesenheit des Herren stellen trostlose Eltern einen besessenen Knaben den
Jngern des Heiligen dar; sie mgen schon Versuche gemacht haben, den Geist zu
bannen; man hat sogar ein Buch aufgeschlagen, um zu forschen, ob nicht etwa eine
berlieferte Formel gegen dieses bel wirksam knne gefunden werden; aber
vergebens. In diesem Augenblick erscheint der einzig Krftige, und zwar
verklrt, anerkannt von seinen groen Vorfahren, eilig deutet man hinauf nach
solcher Vision als der einzigen Quelle des Heils. Wie will man nun das Obere und
Untere trennen? Beides ist eins: unten das Leidende, Bedrftige, oben das
Wirksame, Hlfreiche, beides aufeinander sich beziehend, ineinander einwirkend.
Lt sich denn, um den Sinn auf eine andere Weise auszusprechen, ein ideeller
Bezug aufs Wirkliche von diesem lostrennen?
Die Gleichgesinnten bestrkten sich auch diesmal in ihrer berzeugung;
Raffael, sagten sie zueinander, zeichnete sich eben durch die Richtigkeit des
Denkens aus, und der gottbegabte Mann, den man eben hieran durchaus erkennt,
soll in der Blte seines Lebens falsch gedacht, falsch gehandelt haben? Nein! er
hat wie die Natur jederzeit recht, und gerade da am grndlichsten, wo wir sie am
wenigsten begreifen.
Eine Verabredung wie die unsrige, einen flchtigen berblick von Rom sich in
guter vereinigter Gesellschaft zu verschaffen, konnte nicht ganz, wie es wohl
der Vorsatz gewesen, in vlliger Abgesondertheit durchgefhrt werden; ein und
der andere fehlte, vielleicht zufllig abgehalten, wieder andere schlossen sich
an, auf ihrem Wege dieses oder jenes Sehenswrdige zu betrachten. Dabei hielt
jedoch der Kern zusammen und wute bald aufzunehmen, bald abzusondern, bald
zurckzubleiben, bald vorzueilen. Gelegentlich hatte man freilich gar
wunderliche uerungen zu vernehmen. Es gibt eine gewisse Art von empirischem
Urteil, welches seit lngerer Zeit zumal durch englische und franzsische
Reisende besonders in den Gang gekommen; man spricht sein augenblickliches
unvorbereitetes Urteil aus, ohne nur irgend zu bedenken, da jeder Knstler auf
gar vielfache Weise bedingt ist, durch sein besonderes Talent, durch Vorgnger
und Meister, durch Ort und Zeit, durch Gnner und Besteller. Nichts von allem
dem, welches freilich zu einer reinen Wrderung ntig wre, kommt in
Betrachtung, und so entsteht daraus ein grliches Gemisch von Lob und Tadel,
von Bejahen und Verneinen, wodurch jeder eigentmliche Wert der fraglichen
Gegenstnde ganz eigentlich aufgehoben wird.
Unser guter Volkmann, sonst so aufmerksam und als Fhrer ntzlich genug, scheint
sich durchaus an jene fremden Urteiler gehalten zu haben, deswegen denn seine
eigenen Schtzungen gar wunderlich hervortreten. Kann man sich z. B.
unglcklicher ausdrcken, als er sich in der Kirche Maria della Pace vernehmen
lt?
ber der ersten Kapelle hat Raffael einige Sibyllen gemalt, die sehr gelitten
haben. Die Zeichnung ist richtig, aber die Zusammensetzung schwach, welches
vermutlich dem unbequemen Platz beigemessen werden mu. Die zwote Kapelle ist
nach des Michael Angelo Zeichnungen mit Arabesken geziert, die hoch geschtzt
werden, aber nicht simpel genug sind. Unter der Kuppel bemerkt man drei Gemlde,
das erste stellt die Heimsuchung der Maria von Karl Maratti vor, ist frostig
gemalt, aber gut angeordnet; das andere die Geburt der Maria vom Kavalier Vanni,
in der Manier des Peter von Cortona, und das dritte den Tod der Maria von Maria
Morandi. Die Anordnung ist etwas verwirrt und fllt ins Rohe. Am Gewlbe ber
dem Chor hat Albani mit einem schwachen Kolorit die Himmelfahrt der Maria
abgebildet. Die von ihm herrhrenden Malereien an den Pfeilern unter der Kuppel
sind besser geraten. Den Hof des zu dieser Kirche gehrigen Klosters hat
Bramante angegeben.
Dergleichen unzulngliche, schwankende Urteile verwirren durchaus den Beschauer,
der ein solches Buch zum Leitfaden erwhlt. Manches ist denn aber auch ganz
falsch, z. B. was hier von den Sibyllen gesagt ist. Raffael war niemals von dem
Raume geniert, den ihm die Architektur darbot, vielmehr gehrt zu der Groheit
und Eleganz seines Genies, da er jeden Raum auf das zierlichste zu fllen und
zu schmcken wute, wie er augenfllig in der Farnesine dargetan hat. Selbst die
herrlichen Bilder der Messe von Bolsena, der Befreiung des gefangenen
Petrus, des Parnasses wren ohne die wunderliche Beschrnkung des Raumes
nicht so unschtzbar geistreich zu denken. Ebenso ist auch hier in den Sibyllen
die verheimlichte Symmetrie, worauf bei der Komposition alles ankommt, auf eine
hchst geniale Weise obwaltend; denn wie in dem Organismus der Natur, so tut
sich auch in der Kunst innerhalb der genausten Schranke die Vollkommenheit der
Lebensuerung kund.
Wie dem aber auch sei, so mag einem jeden die Art und Weise, Kunstwerke
aufzunehmen, vllig berlassen bleiben. Mir ward bei diesem Umgang das Gefhl,
der Begriff, die Anschauung dessen, was man im hchsten Sinne die Gegenwart des
klassischen Bodens nennen drfte. Ich nenne dies die sinnlich geistige
berzeugung, da hier das Groe war, ist und sein wird. Da das Grte und
Herrlichste vergehe, liegt in der Natur der Zeit und der gegeneinander unbedingt
wirkenden sittlichen und physischen Elemente. Wir konnten in allgemeinster
Betrachtung nicht traurig an dem Zerstrten vorbergehen, vielmehr hatten wir
uns zu freuen, da so viel erhalten, so viel wiederhergestellt war, prchtiger
und bermiger, als es je gestanden.
Innenansicht von St. Peter. Gouache von Desprez
Die Peterskirche ist gewi so gro gedacht und wohl grer und khner als einer
der alten Tempel, und nicht allein was zweitausend Jahre vernichten sollten, lag
vor unsern Augen, sondern zugleich was eine gesteigerte Bildung wieder
hervorzubringen vermochte.
Selbst das Schwanken des Kunstgeschmackes, das Bestreben zum einfachen Groen,
das Wiederkehren zum vervielfachten Kleineren, alles deutete auf Leben und
Bewegung; Kunst- und Menschengeschichte standen synchronistisch vor unseren
Augen.
Es darf uns nicht niederschlagen, wenn sich uns die Bemerkung aufdringt, das
Groe sei vergnglich; vielmehr wenn wir finden, das Vergangene sei gro
gewesen, mu es uns aufmuntern, selbst etwas von Bedeutung zu leisten, das
fortan unsre Nachfolger, und wr' es auch schon in Trmmer zerfallen, zu edler
Ttigkeit aufrege, woran es unsre Vorvordern niemals haben ermangeln lassen.
Diese hchst belehrenden und geisterhebenden Anschauungen wurden, ich darf nicht
sagen gestrt und unterbrochen, aber doch mit einem schmerzlichen Gefhl
durchflochten, das mich berallhin begleitete; ich erfuhr nmlich, da der
Brutigam jener artigen Mailnderin, unter ich wei nicht welchem Vorwande, sein
Wort zurckgenommen und sich von seiner Versprochenen losgesagt habe. Wenn ich
mich nun einerseits glcklich pries, meiner Neigung nicht nachgehangen und mich
sehr bald von dem lieben Kinde zurckgezogen zu haben, wie denn auch nach
genauster Erkundigung unter den Vorwnden jener Villeggiatur auch nicht im
mindesten gedacht worden, so war es mir doch hchst empfindlich, das artige
Bild, das mich bisher so heiter und freundlich begleitet hatte, nunmehr getrbt
und entstellt zu sehen; denn ich vernahm sogleich, das liebe Kind sei aus
Schrecken und Entsetzen ber dieses Ereignis in ein gewaltsames Fieber
verfallen, welches fr ihr Leben frchten lasse. Indem ich mich nun tagtglich
und die erste Zeit zweimal erkundigen lie, hatte ich die Pein, da meine
Einbildungskraft sich etwas Unmgliches hervorzubringen bemht war, jene
heitern, dem offnen, frohen Tag allein gehrigen Zge, diesen Ausdruck
unbefangenen, stillvorschreitenden Lebens nunmehr durch Trnen getrbt, durch
Krankheit entstellt und eine so frische Jugend durch inneres und ueres Leiden
so frhzeitig bla und schmchtig zu denken.
In solcher Stimmung war freilich ein so groes Gegengewicht als eine Reihenfolge
des Bedeutendsten, das teils dem Auge durch sein Dasein, teils der
Einbildungskraft durch nie verschollene Wrde genug zu tun gab, hchst ersehnt
und nichts natrlicher, als das meiste davon mit inniger Trauer anzublicken.
Waren die alten Monumente nach so vielen Jahrhunderten meistens zu unfrmlichen
Massen zerfallen, so mute man bei neueren aufrechtstehenden Prachtgebuden
gleichermaen den Verfall so vieler Familien in der spteren Zeit bedauern, ja,
selbst das noch frisch im Leben Erhaltene schien an einem heimlichen Wurm zu
kranken; denn wie wollte sich das Irdische ohne eigentlich physische Kraft durch
sittliche und religise Sttzen allein in unsern Tagen aufrecht erhalten? Und
wie einem heiteren Sinn auch die Ruine wieder zu beleben, gleich einer frischen,
unsterblichen Vegetation, verfallene Mauern und zerstreute Blcke wieder mit
Leben auszustatten gelingt, so entkleidet ein trauriger Sinn das lebendige
Dasein von seinem schnsten Schmuck und mchte es uns gern als ein nacktes
Gerippe aufdringen.
Auch zu einer Gebirgsreise, die wir noch vor Winters in heiterer Gesellschaft zu
vollbringen gedachten, konnt' ich mich nicht entschlieen, bis ich, einer
erfolgten Besserung gewi und durch sorgfltige Anstalten gesichert, Nachricht
von ihrer Genesung auch an denen Orten erhalten sollte, wo ich sie so munter als
liebenswrdig in den schnsten Herbsttagen kennen gelernt hatte.
Schon die ersten Briefe aus Weimar ber Egmont enthielten einige Ausstellungen
ber dieses und jenes; hiebei erneute sich die alte Bemerkung, da der
unpoetische, in seinem brgerlichen Behagen bequeme Kunstfreund gewhnlich da
einen Ansto nimmt, wo der Dichter ein Problem aufzulsen, zu beschnigen oder
zu verstecken gesucht hat. Alles soll, so will es der behagliche Leser, im
natrlichen Gange fortgehen; aber auch das Ungewhnliche kann natrlich sein,
scheint es aber demjenigen nicht, der auf seinen eigenen Ansichten verharrt. Ein
Brief dieses Inhalts war angekommen, ich nahm ihn und ging in die Villa
Borghese; da mut' ich denn lesen, da einige Szenen fr zu lang gehalten
wrden. Ich dachte nach, htte sie aber auch jetzt nicht zu verkrzen gewut,
indem so wichtige Motive zu entwickeln waren. Was aber am meisten den
Freundinnen tadelnswert schien, war das lakonische Vermchtnis, womit Egmont
sein Klrchen an Ferdinand empfiehlt.
Ein Auszug aus meinem damaligen Antwortschreiben wird ber meine Gesinnungen und
Zustnde den besten Aufschlu geben.
Wie sehr wnscht' ich nun, auch euren Wunsch erfllen und dem Vermchtnis
Egmonts einige Modifikation geben zu knnen! Ich eilte an einem herrlichen
Morgen mit eurem Briefe gleich in die Villa Borghese, dachte zwei Stunden den
Gang des Stcks, die Charaktere, die Verhltnisse durch und konnte nichts
finden, das ich abzukrzen htte. Wie gern mcht' ich euch alle meine
berlegungen, mein Pro und Contra schreiben, sie wrden ein Buch Papier fllen
und eine Dissertation ber die konomie meines Stcks enthalten. Sonntags kam
ich zu Angelika und legte ihr die Frage vor. Sie hat das Stck studiert und
besitzt eine Abschrift davon. Mchtest du doch gegenwrtig gewesen sein, wie
weiblich zart sie alles auseinander legte, und es darauf hinausging: da das,
was ihr noch mndlich von dem Helden erklrt wnschtet, in der Erscheinung
implicite enthalten sei. Angelika sagte: da die Erscheinung nur vorstelle, was
in dem Gemte des schlafenden Helden vorgehe, so knne er mit keinen Worten
strker ausdrcken, wie sehr er sie liebe und schtze, als es dieser Traum tue,
der das liebenswrdige Geschpf nicht zu ihm herauf, sondern ber ihn hinauf
hebe. Ja, es wolle ihr wohl gefallen, da der, welcher durch sein ganzes Leben
gleichsam wachend getrumt, Leben und Liebe mehr als geschtzt, oder vielmehr
nur durch den Genu geschtzt, da dieser zuletzt noch gleichsam trumend wache
und uns still gesagt werde, wie tief die Geliebte in seinem Herzen wohne und
welche vornehme und hohe Stelle sie darin einnehme. - Es kamen noch mehr
Betrachtungen dazu, da in der Szene mit Ferdinand Klrchens nur auf eine
subordinierte Weise gedacht werden konnte, um das Interesse des Abschieds von
dem jungen Freunde nicht zu schmlern, der ohnehin in diesem Augenblicke nichts
zu hren noch zu erkennen imstande war.

Moritz als Etymolog
Schon lngst hat ein weiser Mann das wahre Wort ausgesprochen: Der Mensch,
dessen Krfte zu dem Notwendigen und Ntzlichen nicht hinreichen, mag sich gern
mit dem Unntigen und Unntzen beschftigen! Vielleicht mchte nachstehendes
von manchem auf diese Weise beurteilt werden.
Unser Geselle Moritz lie nicht ab, jetzt, in dem Kreise der hchsten Kunst und
schnsten Natur, ber die Innerlichkeiten des Menschen, seine Anlagen und
Entwickelungen fortwhrend zu sinnen und zu spinnen; deshalb er denn auch sich
mit dem Allgemeinen der Sprache vorzglich beschftigte.
Zu jener Zeit war in Gefolg der Herderischen Preisschrift ber den Ursprung der
Sprache und in Gemheit der damaligen allgemeinen Denkweise die Vorstellung
herrschend: das Menschengeschlecht habe sich nicht von einem Paare aus dem hohen
Orient herab ber die ganze Erde verbreitet, sondern zu einer gewissen
merkwrdig produktiven Zeit des Erdballs sei, nachdem die Natur die
verschiedenartigsten Tiere stufenweis hervorzubringen versucht, da und dort, in
mancher gnstigen Lage die Menschenart mehr oder weniger vollendet
hervorgetreten. Ganz im innerlichsten Bezug auf seine Organe sowohl als seine
Geistesfhigkeiten sei nun dem Menschen die Sprache angeboren. Hier bedrfe es
keiner natrlichen Anleitung, so wenig als einer berlieferung. Und in diesem
Sinne gebe es eine allgemeine Sprache, welche zu manifestieren ein jeder
autochthonische Stamm versucht habe. Die Verwandtschaft aller Sprachen liege in
der bereinstimmung der Idee, wonach die schaffende Kraft das menschliche
Geschlecht und seinen Organismus gebildet. Daher komme denn, da teils aus
innerem Grundtriebe, teils durch uere Veranlassung die sehr beschrnkte Vokal-
und Konsonantenzahl zum Ausdruck von Gefhlen und Vorstellungen richtig oder
unrichtig angewendet worden; da es denn natrlich, ja notwendig sei, da die
verschiedensten Autochthonen teils zusammengetroffen, teils voneinander
abgewichen und sich diese oder jene Sprache in der Folge entweder verschlimmert
oder verbessert habe. Was von den Stammworten gelte, gelte denn auch von den
Ableitungen, wodurch die Bezge der einzelnen Begriffe und Vorstellungen
ausgedrckt und bestimmter bezeichnet werden. Dies mchte denn gut sein und als
ein Unerforschliches, nie mit Gewiheit zu Bestimmendes auf sich beruhen.
Hierber find' ich in meinen Papieren folgendes Nhere:
Mir ist es angenehm, da sich Moritz aus seiner brtenden Trgheit, aus dem
Unmut und Zweifel an sich selbst zu einer Art von Ttigkeit wendet, denn da wird
er allerliebst. Seine Grillenfngereien haben alsdann eine wahre Unterlage und
seine Trumereien Zweck und Sinn. Jetzt beschftigt ihn eine Idee, in welche ich
auch eingegangen bin und die uns sehr unterhlt. Es ist schwer, sie mitzuteilen,
weil es gleich toll klingt. Doch will ich's versuchen:
Er hat ein Verstands- und Empfindungsalphabet erfunden, wodurch er zeigt, da
die Buchstaben nicht willkrlich, sondern in der menschlichen Natur gegrndet
sind und alle gewissen Regionen des inneren Sinnes angehren, welchen sie denn
auch, ausgesprochen, ausdrcken. Nun lassen sich nach diesem Alphabete die
Sprachen beurteilen, und da findet sich, da alle Vlker versucht haben, sich
dem innern Sinn gem auszudrcken, alle sind aber durch Willkr und Zufall vom
rechten Wege abgeleitet worden. Demzufolge suchen wir in den Sprachen die Worte
auf, die am glcklichsten getroffen sind, bald hat's die eine, bald die andre;
dann verndern wir die Worte, bis sie uns recht dnken, machen neue u. s. w. Ja,
wenn wir recht spielen wollen, machen wir Namen fr Menschen, untersuchen, ob
diesem oder jenem sein Name gehre etc. etc.
Das etymologische Spiel beschftigt schon so viele Menschen, und so gibt es auch
uns auf diese heitere Weise viel zu tun. Sobald wir zusammenkommen, wird es wie
ein Schachspiel vorgenommen, und hunderterlei Kombinationen werden versucht, so
da, wer uns zufllig behorchte, uns fr wahnsinnig halten mte. Auch mchte
ich es nur den allernchsten Freunden vertrauen. Genug, es ist das witzigste
Spiel von der Welt und bt den Sprachsinn unglaublich.

Philipp Neri, der humoristische Heilige
Philipp Neri, in Florenz geboren 1515, erscheint von Kindheit auf als ein
folgsamer, sittlicher Knabe von krftigen Anlagen. Sein Bildnis als eines
solchen ist glcklicherweise aufbewahrt in des Fidanza Teste Scelte, Tom. V,
Bl. 31. Man wte sich keinen tchtigern, gesndern, geradsinnigeren Knaben zu
denken. Als Abkmmling einer edlen Familie wird er in allem Guten und
Wissenswerten der Zeit gem unterrichtet und endlich, um seine Studien zu
vollenden, man meldet nicht, in welchem Alter, nach Rom gesandt. Hier entwickelt
er sich zum vollkommnen Jngling; sein schnes Antlitz, seine reichen Locken
zeichnen ihn aus; er ist anziehend und ablehnend zugleich, Anmut und Wrde
begleiten ihn berall.
Hier, zur traurigsten Zeit, wenige Jahre nach der grausamen Plnderung der
Stadt, ergibt er sich, nach Vorgang und Beispiel vieler Edlen, ganz den bungen
der Frmmigkeit, und sein Enthusiasmus steigert sich mit den Krften einer
frischen Jugend. Unablssiges Besuchen der Kirchen, besonders der sieben
Hauptkirchen, brnstiges Beten zu Heranntigung der Hlfe, fleiiges Beichten
und Genu des Abendmahls, Flehen und Ringen nach geistigen Gtern.
In solch einem enthusiastischen Momente wirft er sich einst auf die Stufen des
Altars und zerbricht ein paar Rippen, welche, schlecht geheilt, ihm
lebenslngliches Herzklopfen verursachen und die Steigerung seiner Gefhle
veranlassen.
Um ihn versammeln sich junge Mnner zu ttiger Sittlichkeit und Frmmigkeit, sie
erweisen sich unermdet, die Armen zu versorgen, die Kranken zu pflegen, und
scheinen ihre Studien hintanzusetzen. Wahrscheinlich bedienen sie sich der
Zuschsse von Haus zu wohlttigen Zwecken, genug, sie geben und helfen immer und
behalten nichts fr sich, ja, er lehnt nachher ausdrcklich alle Beihlfe von
den Seinigen ab, um dasjenige, was Wohlttigkeit ihnen zuweiset, an Bedrftige
zu wenden und selbst zu darben.
Dergleichen fromme Handlungen waren jedoch zu herzlich und lebhaft, als da man
nicht htte suchen sollen, sich zugleich auf eine geistliche und gefhlvolle
Weise ber die wichtigsten Gegenstnde zu unterhalten. Die kleine Gesellschaft
besa noch kein eigenes Lokal, sie erbat sich's bald in diesem, bald in jenem
Kloster, wo dergleichen leere Rume wohl zu finden sein mochten. Nach einem
kurzen stillen Gebet ward ein Text der Heiligen Schrift verlesen, worber ein
und der andere sich, auslegend oder anwendend, in einer kurzen Rede vernehmen
lie. Man besprach sich auch wohl hierber, alles in bezug auf unmittelbare
Ttigkeit; dialektische und spitzfindige Behandlung war durchaus verboten. Die
brige Tageszeit ward immerfort einer aufmerksamen Versorgung der Kranken, dem
Dienst in Hospitlern, dem Beistande der Armen und Notleidenden gewidmet.
Da bei diesen Verhltnissen keine Beschrnkung vorwaltete und man ebensogut
kommen als gehen konnte, so vermehrte sich die Zahl der Teilnehmenden ungemein,
so wie sich denn auch jene Versammlung ernster und umgreifender beschftigte.
Auch aus den Leben der Heiligen ward vorgelesen, Kirchenvter und
Kirchengeschichte stellenweise zu Rate gezogen, worauf denn vier der
Teilnehmenden, jeder eine halbe Stunde, zu sprechen das Recht und Pflicht
hatten.
Diese fromme tagtgliche, ja familir-praktische Behandlung der hchsten
Seelenangelegenheiten erregte immer mehr Aufmerksamkeit nicht allein unter
Einzelnen, sondern sogar unter ganzen Krperschaften. Man verlegte die
Versammlungen in die Kreuzgnge und Rume dieser und jener Kirche, der Zudrang
vermehrte sich, besonders zeigte sich der Orden der Dominikaner dieser Art, sich
zu erbauen, sehr geneigt und schlo sich zahlreich an die sich immer mehr
ausbildende Schar an, welche durch die Kraft und den hohen Sinn ihres Anfhrers
sich durchaus gleich und, wenn auch geprft durch mancherlei Widerwrtigkeiten,
auf demselben Pfade fortschreitend finden lie.
Da nun aber nach dem hohen Sinne des trefflichen Vorgesetzten alle Spekulation
verbannt, jede geregelte Ttigkeit aber aufs Leben gerichtet war, und das Leben
sich ohne Heiterkeit nicht denken lt, so wute der Mann auch hierin den
unschuldigen Bedrfnissen und Wnschen der Seinigen entgegenzukommen. Bei
eintretendem Frhling fhrte er sie nach San Onofrio, welches, hoch und breit
gelegen, in solchen Tagen die angenehmste rtlichkeit anbot. Hier, wo bei der
jungen Jahrszeit alles jung erscheinen sollte, trat nach stillen Gebeten ein
hbscher Knabe hervor, rezitierte eine auswendig gelernte Predigt, Gebete
folgten, und ein Chor besonders eingeladener Snger lie sich erfreulich und
eindringlich zum Schlusse hren, welches um so bedeutender war, als die Musik
damals weder ausgebreitet noch ausgebildet gefunden ward und hier vielleicht zum
erstenmal ein religioser Gesang in freier Luft sich mitteilte.
Immer auf diese Weise fortwirkend, vermehrte sich die Kongregation und wuchs, so
wie an Personenzahl, so an Bedeutung. Die Florentiner ntigten gleichsam ihren
Landsmann, das von ihnen abhngige Kloster San Girolamo zu beziehen, wo denn die
Anstalt sich immer mehr ausdehnte und auf gleiche Weise fortwirkte, bis ihnen
endlich der Papst in der Nhe des Platzes Navona ein Kloster als eigentmlich
anwies, welches, von Grund aus neu gebaut, eine gute Anzahl frommer Genossen
aufnehmen konnte. Hier blieb es jedoch bei der frheren Einrichtung, Gotteswort,
das will sagen heilig edle Gesinnungen dem gemeinen Verstande sowie dem gemeinen
Alltagsleben anzunhern und eigen zu machen. Man versammelte sich nach wie vor,
betete, vernahm einen Text, hrte darber sprechen, betete und ward zuletzt
durch Musik ergtzt, und was damals fter, ja tglich geschah, geschieht jetzt
noch Sonntags, und gewi wird jeder Reisende, der nhere Kenntnis von dem
heiligen Stifter genommen, sich knftighin, diesen unschuldigen Funktionen
beiwohnend, vorzglich erbauen, wenn er dasjenige, was wir vorgetragen haben und
zunchst mitteilen, in Gemt und Gedanke vorberwalten lt.
Hier sind wir nun in dem Falle, in Erinnerung zu bringen, da diese ganze
Anstalt noch immer ans Weltliche grenzte. Wie denn nur wenige unter ihnen sich
dem eigentlichen Priesterstande gewidmet hatten und nur so viel geweihte
Geistliche unter ihnen gefunden wurden, als ntig, Beichte zu sitzen und das
Meopfer zu verrichten. Und so war denn auch Philipp Neri selbst sechsunddreiig
Jahre alt geworden, ohne sich zum Priestertum zu melden, denn er fand sich, wie
es scheint, in seinem gegenwrtigen Zustande frei und weit mehr sich selbst
berlassen, als er sich mit kirchlichen Banden gefesselt, als Glied der groen
Hierarchie zwar hochgeehrt, aber doch beschrnkt gefhlt htte.
Allein von oben her lie man es dabei nicht bewenden, sein Beichtvater machte es
ihm zur Gewissenssache, die Weihe zu nehmen und in den Priesterstand zu treten.
Und so geschah es auch; nun hatte die Kirche klglich einen Mann in ihren Kreis
eingeschlossen, der, unabhngigen Geistes bisher, auf einen Zustand losging,
worin das Heilige mit dem Weltlichen, das Tugendsame mit dem Alltglichen sich
vereinigen und vertragen sollte. Diese Vernderung aber, der bergang zur
Priesterschaft, scheint auf sein ueres Benehmen nicht im mindesten eingewirkt
zu haben.
Er bt nur noch strenger als bisher jede Entuerung und lebt in einem
schlechten Klsterchen mit andern kmmerlich zusammen. So gibt er die bei groer
Teurung ihm verehrten Brote einem andern Bedrftigern und setzt seinen Dienst
gegen Unglckliche immer fort.
Aber auf sein Inneres hat das Priestertum einen merkwrdig steigernden Einflu.
Die Verpflichtung zum Meopfer versetzt ihn in einen Enthusiasmus, in eine
Ekstase, wo man den bisher so natrlichen Mann gnzlich verliert. Er wei kaum,
wohin er schreitet, er taumelt auf dem Wege und vor dem Altare. Hebt er die
Hostie in die Hhe, so kann er die Arme nicht wieder herunterbringen; es
scheint, als zge ihn eine unsichtbare Kraft empor. Beim Eingieen des Weins
zittert und schaudert er. Und wenn er nach vollendeter Wandlung dieser
geheimnisvollen Gaben genieen soll, erzeigt er sich auf eine wunderliche, nicht
auszusprechende schwelgerische Weise. Vor Leidenschaft beit er in den Kelch,
indes er ahnungsvoll das Blut zu schlrfen glaubt des kurz vorher gleichsam
gierig verschlungenen Leibes. Ist aber dieser Taumel vorber, so finden wir zwar
immer einen leidenschaftlich wundersamen, aber immer hchst verstndig
praktischen Mann.
Ein solcher Jngling, ein solcher Mann, so lebhaft und seltsam wirkend, mute
den Menschen wunderlich und mitunter gerade durch seine Tugenden beschwerlich
und widerwrtig vorkommen. Wahrscheinlich ist ihm dieses in dem Laufe seines
froherer Lebens oft begegnet; nachdem er aber zum Priester geweiht ist und sich
so eng und kmmerlich, gleichsam als Gast in einem armseligen Kloster behilft,
treten Widersacher auf, die ihn mit Spott und Hohn unablssig verfolgen.
Doch wir gehen weiter und sagen, er sei ein hchst ausgezeichneter Mensch
gewesen, der aber das einem jeden dieser Art angeborne Herrische zu beherrschen
und in Entsagung, Entbehrung, Wohlttigkeit, Demut und Schmach den Glanz seines
Daseins zu verhllen trachtete. Der Gedanke, vor der Welt als tricht zu
erscheinen und dadurch in Gott und gttliche Dinge sich erst recht zu versenken
und zu ben, war sein andauerndes Bestreben, wodurch er sich und sodann auch
seine Schler ausschlielich zu erziehen unternahm. Die Maxime des heiligen
Bernhard:
Spernere mundum,
Spernere neminem,
Spernere se ipsum,
Spernere se sperni.
schien ihn ganz durchdrungen zu haben, ja vielmehr aus ihm frisch wieder
entwickelt zu sein.
hnliche Absichten, hnliche Zustnde ntigen den Menschen, in gleichen Maximen
sich aufzuerbauen. Man kann gewi sein, da die erhabensten, innerlich
stolzesten Menschen sich zu jenen Grundstzen allein bequemen, indem sie das
Widerwrtige einer dem Guten und Groen immer widerstrebenden Welt
vorauszukosten und den bittern Kelch der Erfahrung, eh' er ihnen noch angeboten
ist, bis auf den Grund zu leeren sich entschlieen. Grenzenlos und in
ununterbrochener Reihe machen jene Geschichtchen, wie er seine Schler geprft,
deren viele bis auf uns gekommen sind, jeden lebenslustigen Menschen, der sie
vernimmt, wirklich ungeduldig, so wie diese Gebote demjenigen, der ihnen
gehorchen sollte, hchst schmerzlich und nahezu unertrglich fallen muten.
Deswegen denn auch nicht alle eine solche Feuerprobe bestanden.
Eh' wir aber uns auf dergleichen wunderbare und dem Leser gewissermaen
unwillkommne Erzhlungen einlassen, wenden wir uns lieber noch einmal zu jenen
groen Vorzgen, welche die Zeitgenossen ihm zugestehen und hchlich rhmen. Er
habe, sagen sie, Kenntnisse und Bildung mehr von Natur als durch Unterricht und
Erziehung erhalten; alles, was andere mhsam erwerben, sei ihm gleichsam
eingegossen gewesen. Ferner habe er die groe Gabe zu eigen gehabt, Geister zu
unterscheiden, Eigenschaften und Fhigkeiten der Menschen zu wrdigen und zu
schtzen; zugleich habe er mit dem grten Scharfsinn die weltlichen Dinge
durchdrungen, auf einen Grad, da man ihm den Geist der Wahrsagung zuschreiben
mssen. Auch ward ihm eine entschiedene Anziehungsgabe, welche auszudrcken die
Italiener sich des schnen Wortes attrattiva bedienen, krftig verliehen, die
sich nicht allein auf Menschen erstreckte, sondern auch auf Tiere. Als Beispiel
wird erzhlt, da der Hund eines Freundes sich ihm angeschlossen und durchaus
gefolgt sei, auch bei dem ersten Besitzer, der ihn lebhaft zurckgewnscht und
durch mancherlei Mittel ihn wieder zu gewinnen getrachtet, auf keine Weise
verbleiben wollen, sondern sich immer zu dem anziehenden Manne zurckbegeben,
sich niemals von ihm getrennt, vielmehr zuletzt nach mehreren Jahren in dem
Schlafzimmer seines erwhlten Herrn das Leben geendet habe. Dieses Geschpf
veranlat uns nun, auf jene Prfungen, zu denen es selbst Gelegenheit gegeben,
zurckzukommen. Es ist bekannt, da Hundefhren, Hundetragen im Mittelalter
berhaupt und wahrscheinlich auch in Rom hchst schimpflich gewesen. In dieser
Rcksicht pflegte der fromme Mann jenes Tier an einer Kette durch die Stadt zu
fhren, auch muten seine Schler dasselbe auf den Armen durch die Straen
tragen und sich auf diese Weise dem Gelchter und Spott der Menge preisgeben.
Auch mutete er seinen Schlern und Genossen andere unwrdige uerlichkeiten zu.
Einem jungen rmischen Frsten, welcher der Ehre, fr ein Ordensglied zu gelten,
mitgenieen wollte, wurde angesonnen, er solle mit einem hinten angehefteten
Fuchsschwanze durch Rom spazieren, und, als er dies zu leisten sich weigerte,
die Aufnahme in den Orden versagt. Einen andern schickte er ohne berkleid und
wieder einen mit zerrinen rmeln durch die Stadt. Dieses Letztern erbarmte sich
ein Edelmann und bot ihm ein Paar neue rmel an, die der Jngling ausschlug,
nachher aber auf Befehl des Meisters dankbar abholen und tragen mute. Beim Bau
der neuen Kirche ntigte er die Seinen, gleich Taglhnern die Materialien
herbeizuschaffen und sie den Arbeitern zur Hand zu langen.
Gleichermaen wute er auch jedes geistige Behagen, das der Mensch an sich
empfinden mochte, zu stren und zu vernichten. Wenn die Predigt eines jungen
Mannes wohl zu gelingen und der Redner sich darin selbst zu gefallen schien,
unterbrach er ihn in der Mitte des Worts, um an seiner Stelle weiterzusprechen,
befahl auch wohl weniger fhigen Schlern, ungesumt hinaufzutreten und zu
beginnen, welche denn, so unerwartet angeregt, sich aus dem Stegreife besser als
je zu erweisen das Glck hatten.
Man versetze sich in die zweite Hlfte des sechzehnten Jahrhunderts und den
wsten Zustand, in welchem Rom unter verschiedenen Ppsten wie ein aufgeregtes
Element erschien, und man wird eher begreifen, da ein solches Verfahren wirksam
und mchtig sein mute, indem es durch Neigung und Furcht, durch Ergebenheit und
Gehorsam dem innersten Wollen des Menschen die groe Gewalt verlieh, trotz allem
uern sich zu erhalten, um allem, was sich ereignen konnte, zu widerstehen, da
es befhigt, selbst dem Vernnftigen und Verstndigen, dem Herkmmlichen und
Schicklichen unbedingt zu entsagen.
Eine merkwrdige, obgleich schon bekannte Prfungsgeschichte wird man hier wegen
ihrer besondern Anmut nicht ungern wiederholt finden. Dem heiligen Vater war
angekndigt, in einem Kloster auf dem Lande tue sich eine wunderwirkende Nonne
hervor. Unser Mann erhlt den Auftrag, eine fr die Kirche so wichtige
Angelegenheit nher zu untersuchen; er setzt sich auf sein Maultier, das
Befohlene zu verrichten, kommt aber schneller zurck, als der heilige Vater es
erwartet. Der Verwunderung seines geistlichen Gebieters begegnet Neri mit
folgenden Worten: Heiligster Vater, diese tut keine Wunder, denn es fehlt ihr
an der ersten christlichen Tugend, der Demut; ich komme durch schlimmen Weg und
Wetter bel zugerichtet im Kloster an, ich lasse sie in Eurem Namen vor mich
fordern, sie erscheint, und ich reiche ihr statt des Grues den Stiefel hin, mit
der Andeutung, sie solle mir ihn ausziehen. Entsetzt fhrt sie zurck, und mit
Schelten und Zorn erwidert sie mein Ansinnen; fr was ich sie halte! ruft sie
aus, die Magd des Herrn sei sie, aber nicht eines jeden, der daherkomme, um
knechtische Dienste von ihr zu verlangen. Ich erhub mich gelassen, setzte mich
wieder auf mein Tier, stehe wieder vor Euch, und ich bin berzeugt, Ihr werdet
keine weitere Prfung ntig finden. Lchelnd belie es auch der Papst dabei,
und wahrscheinlich ward ihr das fernere Wundertun untersagt.
Wenn er aber sich dergleichen Prfungen gegen andere erlaubte, so mute er
solche von Mnnern erdulden, welche, gleichen Sinnes, den nmlichen Weg der
Selbstverleugnung einschlugen. Ein Bettelmnch, der aber auch schon im Geruch
der Heiligkeit stand, begegnet ihm in der gangbarsten Strae und bietet ihm
einen Schluck aus der Weinflasche, die er vorsorglich mit sich fhrt. Philipp
Neri bedenkt sich nicht einen Augenblick und setzt die langhalsige Korbflasche,
den Kopf zurckbiegend, dreist an den Mund, indes das Volk laut lacht und
spottet, da zwei fromme Mnner sich dergestalt zutrinken.
Philipp Neri, den es ungeachtet seiner Frmmigkeit und Ergebung einigermaen
durfte verdrossen haben, sagte darauf: Ihr habt mich geprft, nun ist die Reihe
an mir, und drckte zugleich sein vierecktes Barett auf den Kahlkopf, welcher
nun gleichfalls ausgelacht wurde, ganz ruhig fortging und sagte: Wenn mir's
einer vom Kopf nimmt, so mgt Ihr's haben. Neri nahm es ihm ab, und sie
schieden.
Freilich dergleichen zu wagen und dennoch die grten sittlichen Wirkungen
hervorzubringen, bedurfte es eines Mannes wie Philipp Neri, dessen Handlungen
gar oft als Wunder anzusehen waren. Als Beichtiger machte er sich furchtbar und
daher des grten Zutrauens wrdig; er entdeckte seinen Beichtkindern Snden,
die sie verschwiegen, Mngel, die sie nicht beachtet hatten; sein brnstiges
ekstatisches Gebet setzte seine Umgebungen als bernatrlich in Erstaunen, in
einen Zustand, in welchem die Menschen wohl auch durch ihre Sinne zu erfahren
glauben, was ihnen die Einbildungskraft, angeregt durchs Gefhl, vorbilden
mochte. Wozu denn noch kommt, da das Wunderbare, ja das Unmgliche, erzhlt und
wieder erzhlt, endlich vollkommen die Stelle des Wirklichen, des Alltglichen
einnimmt. Hierher gehrt, da man ihn nicht allein verschiedentlich whrend des
Meopfers vor dem Altare wollte emporgehoben gesehen haben, sondern da sich
auch Zeugnisse fanden, man habe ihn, knieend um das Leben eines gefhrlichst
Kranken betend, dergestalt von der Erde emporgehoben erblickt, da er mit dem
Haupte beinahe die Decke des Zimmers berhrt.
Bei einem solchen durchaus dem Gefhl und der Einbildungskraft gewidmeten
Zustande war es ganz natrlich, da die Einmischung auch widerwrtiger Dmonen
nicht ganz auszubleiben schien.
Oben zwischen dem verfallenen Gemuer der Antoninischen Bder sieht wohl einmal
der fromme Mann in ffischer Ungestalt ein widerwrtiges Wesen herumhupfen, das
aber auf sein Gehei alsogleich zwischen Trmmern und Spalten verschwindet.
Bedeutender jedoch als diese Einzelheit ist, wie er gegen seine Schler
verfhrt, die ihn von seligen Erscheinungen, womit sie von der Mutter Gottes und
andern Heiligen beglckt worden, mit Entzcken benachrichtigen. Er, wohl
wissend, da aus dergleichen Einbildungen ein geistlicher Dnkel, der schlimmste
und hartnckigste von allen, gewhnlich entspringe, versichert sie deshalb, da
hinter dieser himmlischen Klarheit und Schnheit gewi eine teuflische, hliche
Finsternis verborgen liege. Dieses zu erproben, gebietet er ihnen: bei der
Wiederkehr einer so holdseligen Jungfrau ihr gerade ins Gesicht zu speien; sie
gehorchen, und der Erfolg bewhrt sich, indem auf der Stelle eine Teufelslarve
hervortritt.
Der groe Mann mag dieses mit Bewutsein oder, was wahrscheinlicher ist, aus
tiefem Instinkt geboten haben; genug, er war sicher, da jenes Bild, welches
eine phantastische Liebe und Sehnsucht hervorgerufen hatte, nun durch das
entgegenwirkende Wagnis von Ha und Verachtung unmittelbar in eine Fratze sich
verwandeln wrde.
Ihn berechtigten jedoch zu einer so seltsamen Pdagogik die auerordentlichsten,
zwischen den hchst geistigen und hchst krperlichen schwebend erscheinenden
Naturgaben: Gefhl einer sich nahenden noch ungesehenen Person, Ahnung
entfernter Begebenheiten, Bewutsein der Gedanken eines vor ihm Stehenden,
Ntigung anderer zu seinen Gedanken.
Diese und dergleichen Gaben sind unter mehreren Menschen ausgeteilt, mancher
kann sich derselben ein und das anderemal rhmen, aber die ununterbrochene
Gegenwart solcher Fhigkeiten, die in jedem Falle bereite Ausbung einer so
staunenswrdigen Wirksamkeit, dies ist vielleicht nur in einem Jahrhundert zu
denken, wo zusammengehaltene unzersplitterte Geistes- und Krperkrfte sich mit
erstaunenswrdiger Energie hervortun konnten.
Betrachten wir aber eine solche nach unabhngigem grenzenlosen, geistigen Wirken
sich hinsehnende und hingetriebene Natur, wie sie durch die streng umfassenden
rmisch-kirchlichen Bande sich wieder zusammengehalten fhlen mu.
Die Wirkungen des heiligen Xaverius unter den abgttischen Heiden mgen freilich
damals in Rom groes Aufsehen gemacht haben. Dadurch aufgeregt, fhlten Neri und
einige seiner Freunde sich gleichfalls nach dem sogenannten Indien gezogen und
wnschten mit ppstlicher Erlaubnis sich dorthin zu verfgen. Allein der
wahrscheinlich von oben her wohl instruierte Beichtvater redete ihnen ab und gab
zu bedenken, da fr gottselige, auf Besserung des Nchsten, auf Ausbreitung der
Religion gerichtete Mnner in Rom selbst ein genugsames Indien zu finden und ein
wrdiger Schauplatz fr deren Ttigkeit offen sei. Man verkndigte ihnen, da
der groen Stadt selbst zunchst ein groes Unheil bevorstehen mchte, indem die
drei Brunnen vor dem Tore St. Sebastian trb und blutig seit einiger Zeit
geflossen, welches als eine untrgliche Andeutung zu betrachten sei.
Mag also der wrdige Neri und seine Gesellen, hiedurch beschwichtigt, innerhalb
Roms ein wohlttiges wunderwirkendes Leben fortgesetzt haben, so viel ist gewi,
da er von Jahr zu Jahr an Vertrauen und Achtung bei Groen und Kleinen, Alten
und Jungen zugenommen.
Bedenke man nun die wundersame Komplikation der menschlichen Natur, in welcher
sich die strksten Gegenstze bereinigen, Materielles und Geistiges,
Gewhnliches und Unmgliches, Widerwrtiges und Entzckendes, Beschrnktes und
Grenzenloses, dergleichen aufzufhren man noch ein langes Register fortsetzen
knnte; bedenke man einen solchen Widerstreit, wenn er in einem vorzglichen
Menschen sich ereignet und zutage tritt, wie er durch das Unbegreifliche, was
sich aufdringt, den Verstand irre macht, die Einbildungskraft losbindet, den
Glauben berflgelt, den Aberglauben berechtigt und dadurch den natrlichen
Zustand mit dem unnatrlichsten in unmittelbare Berhrung, ja zur Vereinigung
bringt; gehe man mit diesen Betrachtungen an das weitlufig berlieferte Leben
unseres Mannes, so wird es uns falich scheinen, was ein solcher, der beinahe
ein ganzes Jahrhundert auf einem so groen Schauplatze in einem ungeheuern
Elemente ununterbrochen und unablssig gewirkt, fr einen Einflu msse erlangt
haben. Die hohe Meinung von ihm ging so weit, da man nicht allein von seinem
gesunden, krftigen Wirken Nutzen, Heil und seliges Gefhl sich zueignete,
sondern da sogar seine Krankheiten das Vertrauen vermehrten, indem man sie als
Zeichen seines innigsten Verhltnisses zu Gott und dem Gttlichsten anzusehen
sich bewogen fand. Hier begreifen wir nun, wie er schon lebend der Wrde eines
Heiligen entgegenging und sein Tod nur bekrftigen konnte, was ihm von den
Zeitgenossen zugedacht und zugestanden war.
Deshalb auch, als man bald nach seinem Verscheiden, welches von noch mehr
Wundern als sein Leben begleitet war, an Papst Clemens VIII. die Frage brachte,
ob man mit der Untersuchung, dem sogenannten Proze, welcher einer
Seligsprechung vorausgeht, den Anfang machen drfe, dieser die Antwort erteilte:
Ich habe ihn immer fr einen Heiligen gehalten und kann daher nichts dagegen
einwenden, wenn ihn die Kirche im allgemeinen den Glubigen als solchen erklren
und vorstellen wird.
Nun aber drfte es auch der Aufmerksamkeit wert gehalten werden, da er in der
langen Reihe von Jahren, die ihm zu wirken gegnnt wurden, funfzehn Ppste
erlebt, indem er, unter Leo X. geboren, unter Clemens VIII. seine Tage beschlo;
daher er denn auch eine unabhngige Stellung gegen den Papst selbst zu behaupten
sich anmate und als Glied der Kirche sich zwar ihren allgemeinen Anordnungen
durchaus gleichstellte, aber im einzelnen sich nicht gebunden, ja sogar
gebieterisch gegen das Oberhaupt der Kirche bewies. Nun lt es sich denn auch
erklren, da er die Kardinalswrde durchaus abschlug und in seiner Chiesa
nuova, gleich einem widerspenstigen Ritter in einer alten Burg, sich gegen den
obersten Schutzherrn unartig zu betragen herausnahm.
Der Charakter jener Verhltnisse jedoch, wie sie sich am Ende des sechzehnten
Jahrhunderts aus den frheren, roheren Zeiten seltsam genug gestaltet erhielten,
kann durch nichts deutlicher vor Augen gestellt, eindringlicher dem Geiste
dargebracht werden als durch ein Memorial, welches Neri kurz vor seinem Tode an
den neuen Papst Clemens VIII. ergehen lie, worauf eine gleich wunderliche
Resolution erfolgte.
Wir sehen hieraus das auf eine andere Weise nicht zu schildernde Verhltnis
eines bald achtzigjhrigen, dem Rang eines Heiligen entgegensehenden Mannes zu
einem bedeutenden, tchtigen, whrend seiner mehrjhrigen Regierung hchst
achtbaren souvernen Oberhaupte der rmisch-katholischen Kirche.
Memorial des Philipp Neri an Clemens VIII.
Heiligster Vater! Und was fr eine Person bin ich denn, da die Kardinle mich
zu besuchen kommen, und besonders gestern abend die Kardinle von Florenz und
Cusano? Und weil ich ein bichen Manna in Blttern ntig hatte, so lie mir
gedachter Kardinal von Florenz zwei Unzen von San Spirito holen, indem der Herr
Kardinal in jenes Hospital eine groe Quantitt geschickt hatte. Er blieb auch
bis zwei Stunden in die Nacht und sagte so viel Gutes von Ew. Heiligkeit, viel
mehr, als mir billig schien; denn da Sie Papst sind, so sollten Sie die Demut
selber sein. Christus kam um sieben Uhr in der Nacht, sich mir einzuverleiben,
und Ew. Heiligkeit knnte auch wohl einmal in unsre Kirche kommen. Christus ist
Mensch und Gott und besucht mich gar manchmal. Ew. Heiligkeit ist nur ein bloer
Mensch, geboren von einem heiligen und rechtschaffenen Mann, jener aber von Gott
Vater. Die Mutter von Ew. Heiligkeit ist Signora Agnesina, eine sehr
gottesfrchtige Dame; aber jenes die Jungfrau aller Jungfrauen. Was htte ich
nicht alles zu sagen, wenn ich meiner Galle freien Lauf lassen wollte. Ich
befehle Ew. Heiligkeit, da Sie meinen Willen tun wegen eines Mdchens, das ich
nach Torre de' specchi schaffen will. Sie ist die Tochter von Claudio Neri, dem
Ew. Heiligkeit versprochen hat, da Sie seine Kinder beschtzen will; und da
erinnere ich Sie, da es hbsch ist, wenn ein Papst sein Wort hlt. Deswegen
bergeben Sie mir gedachtes Geschft, und so, da ich mich im Notfall Ihres
Namens bedienen knne; um so mehr, da ich den Willen des Mdchens wei und gewi
bin, da sie durch gttliche Eingebung bewegt wird, und mit der grten Demut,
die ich schuldig bin, ksse ich die heiligsten Fe.
Eigenhndige Resolution des Papsts, unter das Memorial geschrieben
Der Papst sagt, da dieser Aufsatz in seinem ersten Teil etwas vom Geiste der
Eitelkeit enthlt, indem er dadurch erfahren soll, da die Kardinle Dieselben
so oft besuchen; wenn uns nicht etwa dadurch angedeutet werden soll, da diese
Herren geistlich gesinnt sind; welches man recht gut wei. Da Er nicht gekommen
ist, Dieselben zu sehen, darauf sagt Er, da es Ew. Ehrwrden nicht verdienen,
da Sie das Kardinalat nicht haben annehmen wollen, das Ihnen so oft angetragen
worden. Was den Befehl betrifft, so ist Er zufrieden, da Dieselben mit Ihrer
gewhnlichen Befehlshaberei denen guten Mttern einen tchtigen Filz geben, die
es Denenselben nicht nach Ihrem Sinne machen. Nun befiehlt Er Denselben aber,
da Sie sich wahren und nicht Beichte sitzen ohne seine Erlaubnis. Kommt aber
unser Herr Dieselben besuchen, so bitten Sie fr uns und fr die dringendsten
Notdurften der Christenheit.

Januar
Korrespondenz
Rom, den 5. Januar 1788.
Verzeiht, wenn ich heute nur wenig schreibe. Dieses Jahr ist mit Ernst und Flei
angefangen worden, und ich kann mich kaum umsehen.
Nach einem Stillstand von einigen Wochen, in denen ich mich leidend verhielt,
habe ich wieder die schnsten, ich darf wohl sagen Offenbarungen. Es ist mir
erlaubt, Blicke in das Wesen der Dinge und ihre Verhltnisse zu werfen, die mir
einen Abgrund von Reichtum erffnen. Diese Wirkungen entstehen in meinem Gemte,
weil ich immer lerne, und zwar von andern lerne. Wenn man sich selbst lehrt, ist
die arbeitende und verarbeitende Kraft eins, und die Vorschritte mssen kleiner
und langsamer werden.
Das Studium des menschlichen Krpers hat mich nun ganz. Alles andre verschwindet
dagegen. Es ist mir damit durch mein ganzes Leben, auch jetzt wieder, sonderbar
gegangen. Darber ist nicht zu reden; was ich noch machen werde, mu die Zeit
lehren.
Die Opern unterhalten mich nicht, nur das innig und ewig Wahre kann mich nun
erfreuen.
Es spitzt sich bis gegen Ostern eine Epoche zu, das fhl' ich; was werden wird,
wei ich nicht.
Rom, den 10. Januar.
Erwin und Elmire kommt mit diesem Brief, mge dir das Stckchen auch Vergngen
machen! Doch kann eine Operette, wenn sie gut ist, niemals im Lesen genugtun; es
mu die Musik erst dazu kommen, um den ganzen Begriff auszudrcken, den der
Dichter sich vorstellte. Claudine kommt bald nach. Beide Stcke sind mehr
gearbeitet, als man ihnen ansieht, weil ich erst recht mit Kaysern die Gestalt
des Singspiels studiert habe.
Am menschlichen Krper wird fleiig fortgezeichnet, wie abends in der
Perspektivstunde. Ich bereite mich zu meiner Auflsung, damit ich mich ihr
getrosten Mutes hingebe, wenn die Himmlischen sie auf Ostern beschlossen haben.
Es geschehe, was gut ist.
Das Interesse an der menschlichen Gestalt hebt nun alles andre auf. Ich fhle es
wohl und wendete mich immer davon weg, wie man sich von der blendenden Sonne
wegwendet, auch ist alles vergebens, was man auer Rom darber studieren will.
Ohne einen Faden, den man nur hier spinnen lernt, kann man sich aus diesem
Labyrinthe nicht herausfinden. Leider wird mein Faden nicht lang genug, indessen
hilft er mir doch durch die ersten Gnge.
Wenn es mit Fertigung meiner Schriften unter gleichen Konstellationen fortgeht,
so mu ich mich im Laufe dieses Jahres in eine Prinzessin verlieben, um den
Tasso, ich mu mich dem Teufel ergeben, um den Faust schreiben zu knnen, ob
ich mir gleich zu beiden wenig Lust fhle. Denn bisher ist's so gegangen. Um mir
selbst meinen Egmont interessant zu machen, fing der rmische Kaiser mit den
Brabantern Hndel an, und um meinen Opern einen Grad von Vollkommenheit zu
geben, kam der Zricher Kayser nach Rom. Das heit doch ein vornehmer Rmer, wie
Herder sagt, und ich finde es recht lustig, eine Endursache der Handlungen und
Begebenheiten zu werden, welche gar nicht auf mich gerichtet sind. Das darf man
Glck nennen. Also die Prinzessin und den Teufel wollen wir in Geduld abwarten.
Rom den 10. Januar.
Hier kommt aus Rom abermals ein Prbchen deutscher Art und Kunst, Erwin und
Elmire. Es ward eher fertig als Claudine, doch wnsch' ich nicht, da es
zuerst gedruckt werde.
Du wirst bald sehen, da alles aufs Bedrfnis der lyrischen Bhne gerechnet ist,
das ich erst hier zu studieren Gelegenheit hatte: alle Personen in einer
gewissen Folge, in einem gewissen Ma zu beschftigen, da jeder Snger
Ruhpunkte genug habe etc. Es sind hundert Dinge zu beobachten, welchen der
Italiener allen Sinn des Gedichts aufopfert, ich wnsche, da es mir gelungen
sein mge, jene musikalisch-theatralischen Erfordernisse durch ein Stckchen zu
befriedigen, das nicht ganz unsinnig ist. Ich hatte noch die Rcksicht, da sich
beide Operetten doch auch mssen lesen lassen, da sie ihrem Nachbar Egmont
keine Schande machten. Ein italienisch Opernbchelchen liest kein Mensch, als am
Abend der Vorstellung, und es in einen Band mit einem Trauerspiel zu bringen,
wrde hierzulande fr ebenso unmglich gehalten werden, als da man deutsch
singen knne.
Bei Erwin mu ich noch bemerken, da du das trochische Silbenma, besonders
im zweiten Akt, fter finden wirst; es ist nicht Zufall oder Gewohnheit, sondern
aus italienischen Beispielen genommen. Dieses Silbenma ist zur Musik vorzglich
glcklich, und der Komponist kann es durch mehrere Takt- und Bewegungsarten
dergestalt variieren, da es der Zuhrer nie wiedererkennt. Wie berhaupt die
Italiener auf glatte, einfache Silbenmae und Rhythmen ausschlielich halten.
Der junge Camper ist ein Strudelkopf, der viel wei, leicht begreift und ber
die Sachen hinfhrt.
Glck zum vierten Teil der Ideen! Der dritte ist uns ein heilig Buch, das ich
verschlossen halte; erst jetzt hat es Moritz zu lesen gekriegt, der sich
glcklich preist, da er in dieser Epoche der Erziehung des Menschengeschlechts
lebt. Er hat das Buch recht gut gefhlt und war ber das Ende ganz auer sich.
Wenn ich dich nur einmal fr alle das Gute auf dem Kapitol bewirten knntet Es
ist einer meiner angelegensten Wnsche.
Meine titanischen Ideen waren nur Luftgestalten, die einer ernsteren Epoche
vorspukten. Ich bin nun recht im Studio der Menschengestalt, welche das non plus
ultra alles menschlichen Wissens und Tuns ist. Meine fleiige Vorbereitung im
Studio der ganzen Natur, besonders die Osteologie, hilft mir starke Schritte
machen. Jetzt seh' ich, jetzt genie' ich erst das Hchste, was uns vom Altertum
brigblieb: die Statuen. Ja, ich sehe wohl ein, da man ein ganzes Leben
studieren kann und am Ende doch noch ausrufen mchte: Jetzt seh' ich, jetzt
genie' ich erst.
Ich raffe alles mgliche zusammen, um Ostern eine gewisse Epoche, wohin mein
Auge nun reicht, zu schlieen, damit ich Rom nicht mit entschiedenem Widerwillen
verlasse, und hoffe, in Deutschland einige Studien bequem und grndlich
fortsetzen zu knnen, obgleich langsam genug. Hier trgt einen der Strom fort,
sobald man nur das Schifflein bestiegen hat.

Bericht
Januar
Cupido, loser, eigensinniger Knabe,
Du batst mich um Quartier auf einige Stunden!
Wie viele Tag' und Nchte bist du geblieben,
Und bist nun herrisch und Meister im Hause geworden.
Von meinem breiten Lager bin ich vertrieben,
Nun sitz' ich an der Erde Nchte, gequlet,
Dein Mutwill' schret Flamm' auf Flamme des Herdes,
Verbrennet den Vorrat des Winters und senget mich Armen.
Du hast mir mein Gert verstellt und verschoben,
Ich such' und bin wie blind und irre geworden.
Du lrmst so ungeschickt, ich frchte, das Seelchen
Entflieht, um dir zu entfliehn, und rumet die Htte.
Wenn man vorstehendes Liedchen nicht in buchstblichem Sinne nehmen, nicht jenen
Dmon, den man gewhnlich Amor nennt, dabei denken, sondern eine Versammlung
ttiger Geister sich vorstellen will, die das Innerste des Menschen ansprechen,
auffordern, hin und wider ziehen und durch geteiltes Interesse verwirren, so
wird man auf eine symbolische Weise an dem Zustande teilnehmen, in dem ich mich
befand, und welchen die Auszge aus Briefen und die bisherigen Erzhlungen
genugsam darstellen. Man wird zugestehen, da eine groe Anstrengung gefordert
ward, sich gegen so vieles aufrechtzuerhalten, in Ttigkeit nicht zu ermden und
im Aufnehmen nicht lssig zu werden.

Aufnahme in die Gesellschaft der Arkadier
Schon zu Ende des vorigen Jahrs ward ich mit einem Antrage bestrmt, den ich
auch als Folge jenes unseligen Konzertes ansah, durch welches wir unser
Inkognito leichtsinnigerweise enthllt hatten. Es konnte jedoch andere Anlsse
haben, da man von mehreren Seiten her mich zu bestimmen suchte, mich in die
Arcadia als einen namhaften Schfer aufnehmen zu lassen. Lange widerstand ich,
mute jedoch zuletzt den Freunden, die hierein etwas Besonderes zu setzen
schienen, endlich nachgeben.
Im allgemeinen ist bekannt, was unter dieser Arkadischen Gesellschaft verstanden
wird; doch ist es wohl nicht unangenehm, etwas darber zu vernehmen.
Whrend dem Laufe des siebzehnten Jahrhunderts mag die italienische Poesie sich
auf mancherlei Weise verschlimmert haben; denn gegen Ende dieses Zeitraums
werfen ihr gebildete, wohlgesinnte Mnner vor, sie habe den Gehalt, was man
damals innere Schnheit nannte, vllig versumt; auch sei sie in Absicht auf die
Form, die uere Schnheit, durchaus zu tadeln, denn sie habe mit barbarischen
Ausdrcken, unleidlich harten Versen, fehlerhaften Figuren und Tropen, besonders
mit fortlaufenden und ungemessenen Hyperbeln, Metonymien und Metaphern, auch
ganz und gar das Anmutige und Se verscherzt, welches man am uern zu schtzen
sich erfreue.
Jene auf solchen Irrwegen Befangenen jedoch schalten, wie es zu gehen pflegt,
das Echte und Frtreffliche, damit ihre Mibruche fernerhin unangetastet gelten
mchten. Welches denn doch zuletzt von gebildeten und verstndigen Menschen
nicht mehr erduldet werden konnte, dergestalt, da im Jahr 1690 eine Anzahl
umsichtiger und krftiger Mnner zusammentraf und einen andern Weg einzuschlagen
sich beredete.
Damit aber ihre Zusammenknfte nicht Aufsehen machen und Gegenwirkung
veranlassen mchten, so wendeten sie sich ins Freie, in lndliche
Gartenumgebungen, deren ja Rom selbst in seinen Mauern genugsame bezirkt und
einschliet. Hiedurch ward ihnen zugleich der Gewinn, sich der Natur zu nhern
und in frischer Luft den uranfnglichen Geist der Dichtkunst zu ahnen. Dort, an
zuflligen Pltzen, lagerten sie sich auf dem Rasen, setzten sich auf
architektonische Trmmer und Steinblcke, wo sogar anwesende Kardinle nur durch
ein weicheres Kissen geehrt werden konnten. Hier besprachen sie sich
untereinander von ihren berzeugungen, Grundstzen, Vorhaben; hier lasen sie
Gedichte, in welchen man den Sinn des hheren Altertums, der edlen toskanischen
Schule wieder ins Leben zu fhren trachtete. Da rief denn einer in Entzcken
aus: Hier ist unser Arkadien! Dies veranlate den Namen der Gesellschaft sowie
das Idyllische ihrer Einrichtung. Keine Protektion eines groen und
einflureichen Mannes sollte sie schtzen; sie wollten kein Oberhaupt, keinen
Prsidenten zugeben. Ein Kustos sollte die arkadischen Rume ffnen und
schlieen und in den notwendigsten Fllen ihm ein Rat von zu whlenden ltesten
zur Seite stehn.
Et in Arcadia ego . Aquarell von Reinhart
Hier ist der Name Crescimbeni ehrwrdig, welcher gar wohl als Mitstifter
angesehen werden kann und als erster Kustos sein Amt mehrere Jahre treulich
verrichtet, indem er ber einen bessern, reinern Geschmack Wache hlt und das
Barbarische immer mehr zu verdrngen wei.
Seine Dialogen ber die Poesia volgare, welches nicht etwa Volkspoesie zu
bersetzen ist, sondern Poesie, wie sie einer Nation wohl ansteht, wenn sie
durch entschiedene wahre Talente ausgebt, nicht aber durch Grillen und
Eigenheiten einzelner Wirrkpfe entstellt wird, seine Dialogen, worin er die
bessere Lehre vortrgt, sind offenbar eine Frucht arkadischer Unterhaltungen und
hchst wichtig in Vergleich mit unserm neuen sthetischen Bestreben. Auch die
von ihm herausgegebenen Gedichte der Arkadia verdienen in diesem Sinne alle
Aufmerksamkeit; wir erlauben uns dabei nur folgende Bemerkung.
Zwar hatten die werten Schfer, im Freien auf grnem Rasen sich lagernd, der
Natur hiedurch nherzukommen gedacht, in welchem Falle wohl Liebe und
Leidenschaft ein menschlich Herz zu berschleichen pflegt; nun aber bestand die
Gesellschaft aus geistlichen Herren und sonstigen wrdigen Personen, die sich
mit dem Amor jener rmischen Triumvirn nicht einlassen durften, den sie deshalb
ausdrcklich beseitigten. Hier also blieb nichts brig, da dem Dichter die Liebe
ganz unentbehrlich ist, als sich zu jener berirdischen und gewissermaen
platonischen Sehnsucht hinzuwenden, nicht weniger ins Allegorische sich
einzulassen, wodurch denn ihre Gedichte einen ganz ehrsamen, eigentmlichen
Charakter erhalten, da sie ohnehin ihren groen Vorgngern Dante und Petrarch
hierin auf dem Fue folgen konnten.
Diese Gesellschaft bestand, wie ich nach Rom gelangte, soeben hundert Jahr, und
hatte sich ihrer uern Form nach durch mancherlei Orts- und Gesinnungswechsel
immer mit Anstand, wenn auch nicht in groem Ansehn erhalten; und man lie nicht
leicht einigermaen bedeutende Fremde in Rom verweilen, ohne dieselben zur
Aufnahme anzulocken, um so mehr, als der Hter dieser poetischen Lndereien blo
dadurch sich bei einem migen Einkommen erhalten konnte.
Die Funktion selbst aber ging folgendermaen vor sich: In den Vorzimmern eines
anstndigen Gebudes ward ich einem bedeutenden geistlichen Herrn vorgestellt,
und er mir bekannt gemacht als derjenige, der mich einfhren, meinen Brgen
gleichsam oder Paten vorstellen sollte. Wir traten in einen groen, bereits
ziemlich belebten Saal und setzten uns in die erste Reihe von Sthlen, gerade in
die Mitte einem aufgerichteten Katheder gegenber. Es traten immer mehr Zuhrer
heran; an meine leergebliebene Rechte fand sich ein stattlicher ltlicher Mann,
den ich nach seiner Bekleidung und der Ehrfurcht, die man ihm erwies, fr einen
Kardinal zu halten hatte.
Der Kustode, vom Katheder herab, hielt eine allgemein einleitende Rede, rief
mehrere Personen auf, welche sich teils in Versen, teils in Prosa hren lieen.
Nachdem dieses eine gute Zeit gewhrt, begann jener eine Rede, deren Inhalt und
Ausfhrung ich bergehe, indem sie im ganzen mit dem Diplom zusammentraf,
welches ich erhielt und hier nachzubringen gedenke. Hierauf wurde ich denn
frmlich fr einen der Ihrigen erklrt und unter groem Hndeklatschen
aufgenommen und anerkannt.
Mein sogenannter Pate und ich waren indessen aufgestanden und hatten uns mit
vielen Verbeugungen bedankt. Er aber hielt eine wohlgedachte, nicht allzulange,
sehr schickliche Rede, worauf abermals ein allgemeiner Beifall sich hren lie,
nach dessen Verschallen ich Gelegenheit hatte, den einzelnen zu danken und mich
ihnen zu empfehlen. Das Diplom, welches ich den andern Tag erhielt, folgt hier
im Original und ist, da es in jeder andern Sprache seine Eigentmlichkeit
verlre, nicht bersetzt worden. Indessen suchte ich den Kustode mit seinem
neuen Hutgenossen auf das beste zufriedenzustellen.
C. U. C.
Nivildo Amarinzio
Custode generale d'Arcadia
Trovandosi per avventura a beare le sponde del Tebbro uno di quei Genj di prim'
Ordine, ch' oggi fioriscono nella Germania qual'  l'Inclito ed Erudito Signor
DE GOETHE Consigliere attuale di Stato di Sua Altezza Serenissima il Duca di
Sassonia Weimar, ed avendo celato fra noi con filosofica moderazione la
chiarezza della sua Nascit, de' suoi Ministerj, e della virt sua, non ha
potuto ascondere la luce, che hanno sparso le sue dottissime produzioni tanto in
Prosa ch' in Poesia per cui si  reso celebre a tutto il Mondo Letterario.
Quindi essendosi compiaciuto il suddetto rinomato Signor DE GOETHE d'intervenire
in una delle pubbliche nostre Accademie, appena Egli comparve, come un nuovo
astro di cielo straniero tra le nostre selve, ed in una delle nostre Geniali
Adunanze, che gli Arcadi in gran numero convocati co' segni del pi sincero
giubilo ed applauso vollero distinguerlo come Autore di tante celebrate opere,
con annoverarlo a viva voce tra i pi illustri membri della loro Pastoral
Societ sotto il Nome di Megalio, e vollero altresi assegnare al Medesimo il
possesso delle Campagne Melpomenie sacre alla Tragica Musa dichiarandolo con ci
Pastore Arcade di Numero. Nel tempo stesso il Ceto Universale commise al Custode
Generale di registrare l'Atto pubblico e solenne di si applaudita annoverazione
tra i fasti d'Arcadia, e di presentare al Chiarissimo Novello Compastore Megalio
Melpomenio il presente Diploma in segno dell' altissima stima, che fa la nostra
Pastorale Letteraria Repubblica de' chiari e nobili ingegni a perpetua memoria.
Dato dalla Capanna del Serbatojo dentro il Bosco Parrasio alla Neomenia di
Possideone Olimpiade DCXLI. Anno II. dalla Ristorazione d'Arcadia Olimpiade
XXIV. Anno IV. Giorno lieto per General Chiamata.
Nivildo Amarinzio Custode Generale.
Das Siegel hat in einem Kranze, halb Lorbeer, halb Pinien, in der Mitte
eine Pansflte, darunter
Gli Arcadi. Corimbo,
Melicronio,
Florimonte,
Egiro, Sotto-Custodi.

Das Rmische Karneval
Indem wir eine Beschreibung des Rmischen Karnevals unternehmen, mssen wir den
Einwurf befrchten, da eine solche Feierlichkeit eigentlich nicht beschrieben
werden knne. Eine so groe lebendige Masse sinnlicher Gegenstnde sollte sich
unmittelbar vor dem Auge bewegen und von einem jeden nach seiner Art angeschaut
und gefat werden.
Noch bedenklicher wird diese Einwendung, wenn wir selbst gestehen mssen, da
das Rmische Karneval einem fremden Zuschauer, der es zum erstenmal sieht und
nur sehen will und kann, weder einen ganzen noch einen erfreulichen Eindruck
gebe, weder das Auge sonderlich ergtze, noch das Gemt befriedige.
Die lange und schmale Strae, in welcher sich unzhlige Menschen hin und wider
wlzen, ist nicht zu bersehen; kaum unterscheidet man etwas in dem Bezirk des
Getmmels, den das Auge fassen kann. Die Bewegung ist einfrmig, der Lrm
betubend, das Ende der Tage unbefriedigend. Allein diese Bedenklichkeiten sind
bald gehoben, wenn wir uns nher erklren; und vorzglich wird die Frage sein,
ob uns die Beschreibung selbst rechtfertigt.
Das Rmische Karneval ist ein Fest, das dem Volke eigentlich nicht gegeben wird,
sondern das sich das Volk selbst gibt.
Der Staat macht wenig Anstalten, wenig Aufwand dazu. Der Kreis der Freuden
bewegt sich von selbst, und die Polizei regiert ihn nur mit gelinder Hand.
Hier ist nicht ein Fest, das wie die vielen geistlichen Feste Roms die Augen der
Zuschauer blendete; hier ist kein Feuerwerk, das von dem Kastell Sankt Angelo
einen einzigen berraschenden Anblick gewhrte; hier ist keine Erleuchtung der
Peterskirche und Kuppel, welche so viel Fremde aus allen Landen herbeilockt und
befriedigt; hier ist keine glnzende Prozession, bei deren Annherung das Volk
beten und staunen soll; hier wird vielmehr nur ein Zeichen gegeben, da jeder so
tricht und toll sein drfe, als er wolle, und da auer Schlgen und
Messerstichen fast alles erlaubt sei.
Der Unterschied zwischen Hohen und Niedern scheint einen Augenblick aufgehoben:
alles nhert sich einander, jeder nimmt, was ihm begegnet, leicht auf, und die
wechselseitige Frechheit und Freiheit wird durch eine allgemeine gute Laune im
Gleichgewicht erhalten.
In diesen Tagen freuet sich der Rmer noch zu unsern Zeiten, da die Geburt
Christi das Fest der Saturnalien und seiner Privilegien wohl um einige Wochen
verschieben, aber nicht aufheben konnte.
Wir werden uns bemhen, die Freuden und den Taumel dieser Tage vor die
Einbildungskraft unserer Leser zu bringen. Auch schmeicheln wir uns, solchen
Personen zu dienen, welche dem Rmischen Karneval selbst einmal beigewohnt und
sich nun mit einer lebhaften Erinnerung jener Zeiten vergngen mgen; nicht
weniger solchen, welchen jene Reise noch bevorsteht und denen diese wenigen
Bltter bersicht und Genu einer berdrngten und vorbeirauschenden Freude
verschaffen knnen.
Der Korso
Das Rmische Karneval versammelt sich in dem Korso. Diese Strae beschrnkt und
bestimmt die ffentliche Feierlichkeit dieser Tage. An jedem andern Platz wrde
es ein ander Fest sein; und wir haben daher vor allen Dingen den Korso selbst zu
beschreiben.
Er fhrt den Namen wie mehrere lange Straen italienischer Stdte von dem
Wettrennen der Pferde, womit zu Rom sich jeder Karnevalsabend schliet und womit
an andern Orten andere Feierlichkeiten, als das Fest eines Schutzpatrons, ein
Kirchweihfest, geendigt werden.
Die Strae geht von der Piazza del Popolo schnurgerade bis an den venezianischen
Palast. Sie ist ungefhr viertehalbtausend Schritte lang und von hohen,
meistenteils prchtigen Gebuden eingefat. Ihre Breite ist gegen ihre Lnge und
gegen die Hhe der Gebude nicht verhltnismig. An beiden Seiten nehmen
Pflastererhhungen fr die Fugnger ungefhr sechs bis acht Fu weg. In der
Mitte bleibt fr die Wagen an den meisten Orten nur der Raum von zwlf bis
vierzehn Schritten, und man sieht also leicht, da hchstens drei Fuhrwerke sich
in dieser Breite nebeneinander bewegen knnen.
Der Obelisk auf der Piazza del Popolo ist im Karneval die unterste Grenze dieser
Strae; der venezianische Palast die obere.
Spazierfahrt im Korso
Schon alle Sonn- und Festtage eines Jahres ist der rmische Korso belebt. Die
vornehmern und reichern Rmer fahren hier eine oder anderthalb Stunden vor Nacht
in einer sehr zahlreichen Reihe spazieren; die Wagen kommen vom venezianischen
Palast herunter, halten sich an der linken Seite, fahren, wenn es schn Wetter
ist, an dem Obelisk vorbei, zum Tore hinaus und auf den Flaminischen Weg,
manchmal bis Ponte molle.
Die frher oder spter Umkehrenden halten sich an die andere Seite; so ziehen
die beiden Wagenreihen in der besten Ordnung aneinander hin.
Die Gesandten haben das Recht, zwischen beiden Reihen auf und nieder zu fahren.
Dem Prtendenten, der sich unter dem Namen eines Herzogs von Albanien in Rom
aufhielt, war es gleichfalls zugestanden.
Sobald die Nacht eingelutet wird, ist diese Ordnung unterbrochen; jeder wendet,
wo es ihm beliebt, und sucht seinen nchsten Weg, oft zur Unbequemlichkeit
vieler andern Equipagen, welche in dem engen Raum dadurch gehindert und
aufgehalten werden.
Diese Abendspazierfahrt, welche in allen groen italienischen Stdten brillant
ist und in jeder kleinen Stadt, wre es auch nur mit einigen Kutschen,
nachgeahmt wird, lockt viele Fugnger in den Korso; jedermann kommt, um zu
sehen oder gesehen zu werden.
Das Karneval ist, wie wir bald bemerken knnen, eigentlich nur eine Fortsetzung
oder vielmehr der Gipfel jener gewhnlichen sonn- und festtgigen Freuden; es
ist nichts Neues, nichts Fremdes, nichts Einziges, sondern es schliet sich nur
an die rmische Lebensweise ganz natrlich an.
Klima, geistliche Kleidungen
Ebensowenig fremd wird es uns scheinen, wenn wir nun bald eine Menge Masken in
freier Luft sehen, da wir so manche Lebensszene unter dem heitern frohen Himmel
das ganze Jahr durch zu erblicken gewohnt sind.
Bei einem jeden Feste bilden ausgehngte Teppiche, gestreute Blumen,
bergespannte Tcher die Straen gleichsam zu groen Slen und Galerien um.
Keine Leiche wird ohne vermummte Begleitung der Brderschaften zu Grabe
gebracht; die vielen Mnchskleidungen gewhnen das Auge an fremde und sonderbare
Gestalten; es scheint das ganze Jahr Karneval zu sein, und die Abbaten in
schwarzer Kleidung scheinen unter den brigen geistlichen Masken die edlern
Tabarros vorzustellen.
Erste Zeit
Schon von dem neuen Jahre an sind die Schauspielhuser erffnet, und das
Karneval hat seinen Anfang genommen. Man sieht hie und da in den Logen eine
Schne, welche als Offizier ihre Epauletten mit grter Selbstzufriedenheit dem
Volke zeigt. Die Spazierfahrt im Korso wird zahlreicher; doch die allgemeine
Erwartung ist auf die letzten acht Tage gerichtet.
Vorbereitungen auf die letzten Tage
Mancherlei Vorbereitungen verkndigen dem Publikum diese paradiesischen Stunden.
Der Korso, eine von den wenigen Straen in Rom, welche das ganze Jahr rein
gehalten werden, wird nun sorgfltiger gekehrt und gereinigt. Man ist
beschftigt, das schne, aus kleinen, viereckig zugehauenen, ziemlich gleichen
Basaltstcken zusammengesetzte Pflaster, wo es nur einigermaen abzuweichen
scheint, auszuheben und die Basaltkeile wieder neu instand zu setzen.
Auer diesem zeigen sich auch lebendige Vorboten. Jeder Karnevalsabend schliet
sich, wie wir schon erwhnt haben, mit einem Wettrennen. Die Pferde, welche man
zu diesem Endzweck unterhlt, sind meistenteils klein und werden wegen fremder
Herkunft der besten unter ihnen Barberi genennt.
Ein solches Pferdchen wird mit einer Decke von weier Leinwand, welche am Kopf,
Hals und Leib genau anschliet und auf den Nhten mit bunten Bndern besetzt
ist, vor dem Obelisk an die Stelle gebracht, wo es in der Folge auslaufen soll.
Man gewhnt es, den Kopf gegen den Korso gerichtet, eine Zeitlang stillzustehen,
fhrt es alsdann sachte die Strae hin und gibt ihm oben am venezianischen
Palast ein wenig Hafer, damit es ein Interesse empfinde, seine Bahn desto
geschwinder zu durchlaufen.
Da diese bung mit den meisten Pferden, deren oft funfzehn bis zwanzig an der
Zahl sind, wiederholt und eine solche Promenade immer von einer Anzahl lustig
schreiender Knaben begleitet wird, so gibt es schon einen Vorschmack von einem
grern Lrm und Jubel, der bald folgen soll.
Ehemals nhrten die ersten rmischen Huser dergleichen Pferde in ihren
Marstllen; man schtzte sich es zur Ehre, wenn ein solches den Preis
davontragen konnte. Es wurden Wetten angestellt und der Sieg durch ein Gastmahl
verherrlicht.
In den letzten Zeiten hingegen hat diese Liebhaberei sehr abgenommen, und der
Wunsch, durch seine Pferde Ruhm zu erlangen, ist in die mittlere, ja in die
unterste Klasse des Volks herabgestiegen.
Aus jenen Zeiten mag sich noch die Gewohnheit herschreiben, da der Trupp
Reiter, welcher, von Trompetern begleitet, in diesen Tagen die Preise in ganz
Rom herumzeigt, in die Huser der Vornehmen hineinreitet und nach einem
geblasenen Trompeterstckchen ein Trinkgeld empfngt.
Der Preis bestehet aus einem etwa drittehalb Ellen langen und nicht gar eine
Elle breiten Stck Gold- oder Silberstoff, das an einer bunten Stange wie eine
Flagge befestigt schwebt und an dessen unterm Ende das Bild einiger rennender
Pferde quer eingewirkt ist.
Es wird dieser Preis Palio genannt, und soviel Tage das Karneval dauert, so
viele solcher Quasi-Standarten werden von dem erst erwhnten Zug durch die
Straen von Rom aufgezeigt.
Inzwischen fngt auch der Korso an, seine Gestalt zu verndern; der Obelisk wird
nun die Grenze der Strae. Vor demselben wird ein Gerste mit vielen Sitzreihen
bereinander aufgeschlagen, welches gerade in den Korso hineinsieht. Vor dem
Gerste werden die Schranken errichtet, zwischen welche man knftig die Pferde
zum Ablaufen bringen soll.
An beiden Seiten werden ferner groe Gerste gebaut, welche sich an die ersten
Huser des Korso anschlieen und auf diese Weise die Strae in den Platz herein
verlngern. An beiden Seiten der Schranken stehen kleine, erhhte und bedeckte
Bogen fr die Personen, welche das Ablaufen der Pferde regulieren sollen.
Den Korso hinauf sieht man vor manchen Husern ebenfalls Gerste aufgerichtet.
Die Pltze von Sankt Carlo und der Antoninischen Sule werden durch Schranken
von der Strae abgesondert, und alles bezeichnet genug, da die ganze
Feierlichkeit sich in dem langen und schmalen Korso einschrnken solle und
werde.
Zuletzt wird die Strae in der Mitte mit Puzzolane bestreut, damit die
wettrennenden Pferde auf dem glatten Pflaster nicht so leicht ausgleiten mgen.
Signal der vollkommnen Karnevalsfreiheit
So findet die Erwartung sich jeden Tag genhrt und beschftigt, bis endlich eine
Glocke vom Kapitol bald nach Mittage das Zeichen gibt, es sei erlaubt, unter
freiem Himmel tricht zu sein.
In diesem Augenblick legt der ernsthafte Rmer, der sich das ganze Jahr
sorgfltig vor jedem Fehltritt htet, seinen Ernst und seine Bedchtigkeit auf
einmal ab.
Die Pflasterer, die bis zum letzten Augenblicke geklppert haben, packen ihr
Werkzeug auf und machen der Arbeit scherzend ein Ende. Alle Balkone, alle
Fenster werden nach und nach mit Teppichen behngt, auf den Pflastererhhungen
zu beiden Seiten der Strae werden Sthle herausgesetzt, die geringern
Hausbewohner, alle Kinder sind auf der Strae, die nun aufhrt, eine Strae zu
sein; sie gleicht vielmehr einem groen Festsaal, einer ungeheuren
ausgeschmckten Galerie.
Denn wie alle Fenster mit Teppichen behngt sind, so stehen auch alle Gerste
mit alten gewirkten Tapeten beschlagen; die vielen Sthle vermehren den Begriff
von Zimmer, und der freundliche Himmel erinnert selten, da man ohne Dach sei.
So scheint die Strae nach und nach immer wohnbarer. Indem man aus dem Hause
tritt, glaubt man nicht im Freien und unter Fremden, sondern in einem Saale
unter Bekannten zu sein.

Wache
Indessen da der Korso immer belebter wird und unter den vielen Personen, die in
ihren gewhnlichen Kleidern spazieren, sich hier und da ein Pulcinell zeigt, hat
sich das Militr vor der Porta del Popolo versammelt. Es zieht, angefhrt von
dem General zu Pferde, in guter Ordnung und neuer Montur mit klingendem Spiel
den Korso herauf und besetzt sogleich alle Eingnge in denselben, errichtet ein
paar Wachen auf den Hauptpltzen und bernimmt die Sorge fr die Ordnung der
ganzen Anstalt.
Die Verleiher der Sthle und Gerste rufen nun emsig den Vorbeigehenden an:
Luoghi! Luoghi, Padroni! Luoghi!
Masken
Nun fangen die Masken an, sich zu vermehren. Junge Mnner, geputzt in
Festtagskleidern der Weiber aus der untersten Klasse, mit entbltem Busen und
frecher Selbstgengsamkeit, lassen sich meist zuerst sehen. Sie liebkosen die
ihnen begegnenden Mnner, tun gemein und vertraut mit den Weibern als mit
ihresgleichen, treiben sonst, was ihnen Laune, Witz oder Unart eingeben.
Wir erinnern uns unter andern eines jungen Menschen, der die Rolle einer
leidenschaftlichen, zankschtigen und auf keine Weise zu beruhigenden Frau
vortrefflich spielte und so sich den ganzen Korso hinab zankte, jedem etwas
anhngte, indes seine Begleiter sich alle Mhe zu geben schienen, ihn zu
besnftigen.
Hier kommt ein Pulcinell gelaufen, dem ein groes Horn an bunten Schnren um die
Hften gaukelt. Durch eine geringe Bewegung, indem er sich mit den Weibern
unterhlt, wei er die Gestalt des alten Gottes der Grten in dem heiligen Rom
kecklich nachzuahmen, und seine Leichtfertigkeit erregt mehr Lust als Unwillen.
Hier kommt ein anderer seinesgleichen, der, bescheidner und zufriedner, seine
schne Hlfte mit sich bringt.
Rmische Masken. Radierung von Schtz
Da die Frauen ebensoviel Lust haben, sich in Mannskleidern zu zeigen, als die
Mnner, sich in Frauenskleidern sehen zu lassen, so haben sie die beliebte
Tracht des Pulcinells sich anzupassen nicht verfehlt, und man mu bekennen, da
es ihnen gelingt, in dieser Zwittergestalt oft hchst reizend zu sein.
Mit schnellen Schritten, deklamierend, wie vor Gericht, drngt sich ein Advokat
durch die Menge; er schreit an die Fenster hinauf, packt maskierte und
unmaskierte Spaziergnger an, droht einem jeden mit einem Proze, macht bald
jenem eine lange Geschichtserzhlung von lcherlichen Verbrechen, die er
begangen haben soll, bald diesem eine genaue Spezifikation seiner Schulden. Die
Frauen schilt er wegen ihrer Cicisbeen, die Mdchen wegen ihrer Liebhaber; er
beruft sich auf ein Buch, das er bei sich fhrt, produziert Dokumente, und das
alles mit einer durchdringenden Stimme und gelufigen Zunge. Er sucht jedermann
zu beschmen und konfus zu machen. Wenn man denkt, er hre auf, so fngt er erst
recht an; denkt man, er gehe weg, so kehrt er um; auf den einen geht er gerade
los und spricht ihn nicht an, er packt einen andern, der schon vorbei ist; kommt
nun gar ein Mitbruder ihm entgegen, so erreicht die Tollheit ihren hchsten
Grad.
Aber lange knnen sie die Aufmerksamkeit des Publikums nicht auf sich ziehen;
der tollste Eindruck wird gleich von Menge und Mannigfaltigkeit wieder
verschlungen.
Besonders machen die Quacqueri zwar nicht so viel Lrm, doch ebensoviel Aufsehen
als die Advokaten. Die Maske der Quacqueri scheint so allgemein geworden zu sein
durch die Leichtigkeit, auf dem Trdel altfrnkische Kleidungsstcke finden zu
knnen.
Die Haupterfordernisse dieser Maske sind, da die Kleidung zwar altfrnkisch,
aber wohlerhalten und von edlem Stoff sei. Man sieht sie selten anders als mit
Samt oder Seide bekleidet, sie tragen brokatene oder gestickte Westen, und der
Statur nach mu der Quacquero dickleibig sein; seine Gesichtsmaske ist ganz, mit
Pausbacken und kleinen Augen; seine Percke hat wunderliche Zpfchen; sein Hut
ist klein und meistens bordiert.
Man siehet, da sich diese Figur sehr dem Buffo caricato der komischen Oper
nhert, und wie dieser meistenteils einen lppischen, verliebten, betrogenen
Toren vorstellt, so zeigen sich auch diese als abgeschmackte Stutzer. Sie hpfen
mit groer Leichtigkeit auf den Zehen hin und her, fhren groe schwarze Ringe
ohne Glas statt der Lorgnetten, womit sie in alle Wagen hineingucken, nach allen
Fenstern hinaufblicken. Sie machen gewhnlich einen steifen, tiefen Bckling,
und ihre Freude, besonders wenn sie sich einander begegnen, geben sie dadurch zu
erkennen, da sie mit gleichen Fen mehrmals gerade in die Hhe hpfen und
einen hellen, durchdringenden, unartikulierten Laut von sich geben, der mit den
Konsonanten brr verbunden ist.
Oft geben sie sich durch diesen Ton das Zeichen, und die nchsten erwidern das
Signal, so da in kurzer Zeit, dieses Geschrille den ganzen Korso hin und wider
luft.
Mutwillige Knaben blasen indes in groe gewundne Muscheln und beleidigen das Ohr
mit unertrglichen Tnen.
Man sieht bald, da bei der Enge des Raums, bei der hnlichkeit so vieler
Maskenkleidungen (denn es mgen immer einige hundert Pulcinelle und gegen
hundert Quacqueri im Korso auf und nieder laufen) wenige die Absicht haben
knnen, Aufsehn zu erregen oder bemerkt zu werden. Auch mssen diese frh genug
im Korso erscheinen. Vielmehr geht ein jeder nur aus, sich zu vergngen, seine
Tollheit auszulassen und der Freiheit dieser Tage auf das beste zu genieen.
Besonders suchen und wissen die Mdchen und Frauen sich in dieser Zeit nach
ihrer Art lustig zu machen. Jede sucht nur aus dem Hause zu kommen, sich, auf
welche Art es sei, zu vermummen, und weil die wenigsten in dem Fall sind, viel
Geld aufwenden zu knnen, so sind sie erfinderisch genug, allerlei Arten
auszudenken, wie sie sich mehr verstecken als zieren.
Sehr leicht sind die Masken von Bettlern und Bettlerinnen zu schaffen; schne
Haare werden vorzglich erfordert, dann eine ganz weie Gesichtsmaske, ein
irdenes Tpfchen an einem farbigen Bande, ein Stab und ein Hut in der Hand. Sie
treten mit demtiger Gebrde unter die Fenster und vor jeden hin und empfangen
statt Almosen Zuckerwerk, Nsse und was man ihnen sonst Artiges geben mag.
Andere machen sich es noch bequemer, hllen sich in Pelze oder erscheinen in
einer artigen Haustracht nur mit Gesichtsmasken. Sie gehen meistenteils ohne
Mnner und fhren als Off- und Defensivwaffe ein Besenchen, aus der Blte eines
Rohrs gebunden, womit sie teils die berlstigen abwehren, teils auch, mutwillig
genug, Bekannten und Unbekannten, die ihnen ohne Masken entgegenkommen, im
Gesicht herumfahren.
Wenn einer, auf den sie es gemnzt haben, zwischen vier oder fnf solcher
Mdchen hineinkommt, wei er sich nicht zu retten. Das Gedrnge hindert ihn zu
fliehen, und wo er sich hinwendet, fhlt er die Besenchen unter der Nase. Sich
ernstlich gegen diese oder andere Neckereien zu wehren wrde sehr gefhrlich
sein, weil die Masken unverletzlich sind und jede Wache ihnen beizustehen
beordert ist.
Ebenso mssen die gewhnlichen Kleidungen aller Stnde als Masken dienen.
Stallknechte mit ihren groen Brsten kommen, einem jeden, wenn es ihnen
beliebt, den Rcken auszukehren. Vetturine bieten ihre Dienste mit ihrer
gewhnlichen Zudringlichkeit an. Zierlicher sind die Masken der Landmdchen,
Fraskatanerinnen, Fischer, Neapolitaner Schiffer, neapolitanischer Sbirren und
Griechen.
Manchmal wird eine Maske vom Theatern nachgeahmt. Einige machen sich's sehr
bequem, indem sie sich in Teppiche oder Leintcher hllen, die sie ber dem
Kopfe zusammenbinden.
Die weie Gestalt pflegt gewhnlich andern in den Weg zu treten und vor ihnen zu
hpfen und glaubt auf diese Weise ein Gespenst vorzustellen. Einige zeichnen
sich durch sonderbare Zusammensetzungen aus, und der Tabarro wird immer fr die
edelste Maske gehalten, weil sie sich gar nicht auszeichnet.
Witzige und satirische Masken sind sehr selten, weil diese schon Endzweck haben
und bemerkt sein wollen. Doch sah man einen Pulcinell als Hahnrei. Die Hrner
waren beweglich, er konnte sie wie eine Schnecke heraus- und hineinziehen. Wenn
er unter ein Fenster vor neu Verheiratete trat und ein Horn nur ein wenig sehen
lie, oder vor einem andern beide Hrner recht lang streckte und die an den
obern Spitzen befestigten Schellen recht wacker klingelten, entstand auf
Augenblicke eine heitere Aufmerksamkeit des Publikums und manchmal ein groes
Gelchter.
Ein Zauberer mischt sich unter die Menge, lt das Volk ein Buch mit Zahlen sehn
und erinnert es an seine Leidenschaft zum Lottospiel.
Mit zwei Gesichtern steckt einer im Gedrnge: man wei nicht, welches sein
Vorderteil, welches sein Hinterteil ist, ob er kommt, ob er geht.
Der Fremde mu sich auch gefallen lassen, in diesen Tagen verspottet zu werden.
Die langen Kleider der Nordlnder, die groen Knpfe, die wunderlichen runden
Hte fallen den Rmern auf, und so wird ihnen der Fremde eine Maske.
Weil die fremden Maler, besonders die, welche Landschaften und Gebude
studieren, in Rom berall ffentlich sitzen und zeichnen, so werden sie auch
unter der Karnevalsmenge emsig vorgestellt und zeigen sich mit groen
Portefeuillen, langen Surtouts und kolossalischen Reifedern sehr geschftig.
Die deutschen Bckerknechte zeichnen sich in Rom gar oft betrunken aus, und sie
werden auch mit einer Flasche Wein in ihrer eigentlichen oder auch etwas
verzierten Tracht taumelnd vorgestellt.
Wir erinnern uns einer einzigen anzglichen Maske. Es sollte ein Obelisk vor der
Kirche Trinit de' Monti aufgerichtet werden. Das Publikum war nicht sehr damit
zufrieden, teils weil der Platz eng ist, teils weil man dem kleinen Obelisk, um
ihn in eine gewisse Hhe zu bringen, ein sehr hohes Piedestal unterbauen mute.
Es nahm daher einer den Anla, ein groes weies Piedestal als Mtze zu tragen,
auf welchem oben ein ganz kleiner rtlicher Obelisk befestigt war. An dem
Piedestal standen groe Buchstaben, deren Sinn vielleicht nur wenige errieten.
Kutschen
Indessen die Masken sich vermehren, fahren die Kutschen nach und nach in den
Korso hinein, in derselben Ordnung, wie wir sie oben beschrieben haben, als von
der sonn- und festtgigen Spazierfahrt die Rede war, nur mit dem Unterschied,
da gegenwrtig die Fuhrwerke, welche vom venezianischen Palast an der linken
Seite herunterfahren, da, wo die Strae des Korso aufhrt, wenden und sogleich
an der andern Seite wieder herauffahren.
Wir haben schon oben angezeigt, da die Strae, wenn man die Erhhungen fr die
Fugnger abrechnet, an den meisten Orten wenig ber drei Wagenbreiten hat.
Die Seitenerhhungen sind alle mit Gersten versperrt, mit Sthlen besetzt, und
viele Zuschauer haben schon ihre Pltze eingenommen. An Gersten und Sthlen
geht ganz nahe eine Wagenreihe hinunter und an der andern Seite hinauf. Die
Fugnger sind in eine Breite von hchstens acht Fu zwischen den beiden Reihen
eingeschlossen; jeder drngt sich hin- und herwrts, so gut er kann, und von
allen Fenstern und Balkonen sieht wieder eine gedrngte Menge auf das Gedrnge
herunter.
In den ersten Tagen sieht man meist nur die gewhnlichen Equipagen; denn jeder
verspart auf die folgenden, was er Zierliches oder Prchtiges allenfalls
auffhren will. Gegen Ende des Karnevals kommen mehr offene Wagen zum Vorschein,
deren einige sechs Sitze haben: zwei Damen sitzen erhht gegeneinander ber, so
da man ihre ganze Gestalt sehen kann, vier Herren nehmen die vier brigen Sitze
der Winkel ein, Kutscher und Bediente sind maskiert, die Pferde mit Flor und
Blumen geputzt.
Oft steht ein schner, weier, mit rosenfarbnen Bndern gezierter Pudel dem
Kutscher zwischen den Fen, an dem Geschirre klingen Schellen, und die
Aufmerksamkeit des Publikums wird einige Augenblicke auf diesen Aufzug geheftet.
Man kann leicht denken, da nur schne Frauen sich so vor dem ganzen Volke zu
erhhen wagen, und da nur die Schnste ohne Gesichtsmaske sich sehen lt. Wo
sich denn aber auch der Wagen nhert, der gewhnlich langsam genug fahren mu,
sind alle Augen darauf gerichtet, und sie hat die Freude, von manchen Seiten zu
hren: O quanto  bella!
Ehemals sollen diese Prachtwagen weit hufiger und kostbarer, auch durch
mythologische und allegorische Vorstellungen interessanter gewesen sein;
neuerdings aber scheinen die Vornehmern, es sei nun aus welchem Grunde es wolle,
verloren in dem Ganzen, das Vergngen, das sie noch bei dieser Feierlichkeit
finden, mehr genieen, als sich vor andern auszeichnen zu wollen.
Je weiter das Karneval vorrckt, desto lustiger sehen die Equipagen aus.
Selbst ernsthafte Personen, welche unmaskiert in den Wagen sitzen, erlauben
ihren Kutschern und Bedienten, sich zu maskieren. Die Kutscher whlen
meistenteils die Frauentracht, und in den letzten Tagen scheinen nur Weiber die
Pferde zu regieren. Sie sind oft anstndig, ja reizend gekleidet; dagegen macht
denn auch ein breiter, hlicher Kerl in vllig neumodischem Putz mit hoher
Frisur und Federn eine groe Karikatur; und wie jene Schnheiten ihr Lob zu
hren hatten, so mu er sich gefallen lassen, da ihm einer unter die Nase tritt
und ihm zuruft: O fratello mio, che brutta puttana sei!
Gewhnlich erzeigt der Kutscher einer oder einem paar seiner Freundinnen den
Dienst, wenn er sie im Gedrnge antrifft, sie auf den Bock zu heben. Diese
sitzen denn gewhnlich in Mannstracht an seiner Seite, und oft gaukeln dann die
niedlichen Pulcinellbeinchen mit kleinen Fchen und hohen Abstzen den
Vorbergehenden um die Kpfe.
Ebenso machen es die Bedienten und nehmen ihre Freunde und Freundinnen hinten
auf den Wagen, und es fehlt nichts, als da sie sich noch wie auf die englischen
Landkutschen oben auf den Kasten setzten.
Die Herrschaften selbst scheinen es gerne zu sehen, wenn ihre Wagen recht
bepackt sind; alles ist in diesen Tagen vergnnt und schicklich.

Gedrnge
Man werfe nun einen Blick ber die lange und schmale Strae, wo von allen
Balkonen und aus allen Fenstern ber lang herabhngende bunte Teppiche gedrngte
Zuschauer auf die mit Zuschauern angefllten Gerste, auf die langen Reihen
besetzter Sthle an beiden Seiten der Strae herunterschauen. Zwei Reihen
Kutschen bewegen sich langsam in dem mittlern Raum, und der Platz, den
allenfalls eine dritte Kutsche einnehmen knnte, ist ganz mit Menschen
ausgefllt, welche nicht hin und wider gehen, sondern sich hin und wider
schieben. Da die Kutschen, so lang als es nur mglich ist, sich immer ein wenig
voneinander abhalten, um nicht bei jeder Stockung gleich aufeinander zu fahren,
so wagen sich viele Fugnger, um nur einigermaen Luft zu schpfen, aus dem
Gedrnge der Mitte zwischen die Rder des vorausfahrenden und die Deichsel und
Pferde des nachfahrenden Wagens, und je grer die Gefahr und Beschwerlichkeit
der Fugnger wird, desto mehr scheint ihre Laune und Khnheit zu steigen.
Da die meisten Fugnger, welche zwischen den beiden Kutschenreihen sich
bewegen, um ihre Glieder und Kleidungen zu schonen, die Rder und Achsen
sorgfltig vermeiden, so lassen sie gewhnlich mehr Platz zwischen sich und den
Wagen, als ntig ist; wer nun mit der langsamen Masse sich fortzubewegen nicht
lnger ausstehen mag und Mut hat, zwischen den Rdern und Fugngern, zwischen
der Gefahr und dem, der sich davor frchtet, durchzuschlpfen, der kann in
kurzer Zeit einen groen Weg zurcklegen, bis er sich wieder durch ein anderes
Hindernis aufgehalten sieht.
Schon gegenwrtig scheint unsere Erzhlung auer den Grenzen des Glaubwrdigen
zu schreiten, und wir wrden kaum wagen fortzufahren, wenn nicht so viele, die
dem Rmischen Karneval beigewohnt, bezeugen knnten, da wir uns genau an der
Wahrheit gehalten, und wenn es nicht ein Fest wre, das sich jhrlich wiederholt
und das von manchem mit diesem Buche in der Hand knftig betrachtet werden wird.
Denn was werden unsere Leser sagen, wenn wir ihnen erklren, alles bisher
Erzhlte sei nur gleichsam der erste Grad des Gedrnges, des Getmmels, des
Lrmens und der Ausgelassenheit?
Zug des Gouverneurs und Senators
Indem die Kutschen sachte vorwrts rcken und, wenn es eine Stockung gibt,
stille halten, werden die Fugnger auf mancherlei Weise geplagt.
Einzeln reitet die Garde des Papstes durch das Gedrnge hin und wider, um die
zuflligen Unordnungen und Stockungen der Wagen ins Geleis zu bringen, und indem
einer den Kutschpferden ausweicht, fhlt er, ehe er sich's versieht, den Kopf
eines Reitpferdes im Nacken; allein es folgt eine grere Unbequemlichkeit.
Der Gouverneur fhrt in einem groen Staatswagen mit einem Gefolge von mehreren
Kutschen durch die Mitte zwischen den beiden Reihen der brigen Wagen durch. Die
Garde des Papstes und die vorausgehenden Bedienten warnen und machen Platz, und
dieser Zug nimmt fr den Augenblick die ganze Breite ein, die kurz vorher den
Fugngern noch brigblieb. Sie drngen sich, so gut sie knnen, zwischen die
brigen Wagen hinein und auf eine oder die andere Weise beiseite. Und wie das
Wasser, wenn ein Schiff durchfhrt, sich nur einen Augenblick trennt und hinter
dem Steuerruder gleich wieder zusammenstrzt, so strmt auch die Masse der
Masken und der brigen Fugnger hinter dem Zuge gleich wieder in eins zusammen.
Nicht lange, so strt eine neue Bewegung die gedrngte Gesellschaft.
Der Senator rckt mit einem hnlichen Zuge heran; sein groer Staatswagen und
die Wagen seines Gefolges schwimmen wie auf den Kpfen der erdrckten Menge, und
wenn jeder Einheimische und Fremde von der Liebenswrdigkeit des gegenwrtigen
Senators, des Prinzen Rezzonico, eingenommen und bezaubert wird, so ist
vielleicht dieses der einzige Fall, wo eine Masse von Menschen sich glcklich
preist, wenn er sich entfernt.
Wenn diese beiden Zge der ersten Gerichts- und Polizeiherren von Rom, nur um
das Karneval feierlich zu erffnen, den ersten Tag durch den Korso gedrungen
waren, fuhr der Herzog von Albanien tglich zu groer Unbequemlichkeit der Menge
gleichfalls diesen Weg und erinnerte zur Zeit der allgemeinen Mummerei die alte
Beherrscherin der Knige an das Fastnachtsspiel seiner kniglichen Prtensionen.
Die Gesandten, welche das gleiche Recht haben, bedienen sich dessen sparsam und
mit einer humanen Diskretion.
Schne Welt am Palast Ruspoli
Aber nicht allein durch diese Zge wird die Zirkulation des Korso unterbrochen
und gehindert; am Palast Ruspoli und in dessen Nhe, wo die Strae um nichts
breiter wird, sind die Pflasterwege an beiden Seiten mehr erhht. Dort nimmt die
schne Welt ihren Platz, und alle Sthle sind bald besetzt oder besprochen. Die
schnsten Frauenzimmer der Mittelklasse, reizend maskiert, umgeben von ihren
Freunden, zeigen sich dort dem vorbergehenden neugierigen Auge. Jeder, der in
die Gegend kommt, verweilt, um die angenehmen Reihen zu durchschauen; jeder ist
neugierig, unter den vielen mnnlichen Gestalten, die dort zu sitzen scheinen,
die weiblichen herauszusuchen und vielleicht in einem niedlichen Offizier den
Gegenstand seiner Sehnsucht zu entdecken. Hier an diesem Flecke stockt die
Bewegung zuerst, denn die Kutschen verweilen, so lange sie knnen, in dieser
Gegend, und wenn man zuletzt halten soll, will man doch lieber in dieser
angenehmen Gesellschaft bleiben.
Konfetti
Wenn unsere Beschreibung bisher nur den Begriff von einem engen, ja beinahe
ngstlichen Zustande gegeben hat, so wird sie einen noch sonderbarern Eindruck
machen, wenn wir ferner erzhlen, wie diese gedrngte Lustbarkeit durch eine Art
von kleinem, meist scherzhaftem, oft aber nur allzu ernstlichem Kriege in
Bewegung gesetzt wird.
Wahrscheinlich hat einmal zufllig eine Schne ihren vorbeigehenden guten
Freund, um sich ihm unter der Menge und Maske bemerklich zu machen, mit
verzuckerten Krnern angeworfen, da denn nichts natrlicher ist, als da der
Getroffene sich umkehre und die lose Freundin entdecke; dieses ist nun ein
allgemeiner Gebrauch, und man sieht oft nach einem Wurfe ein Paar freundliche
Gesichter sich einander begegnen. Allein man ist teils zu haushlterisch, um
wirkliches Zuckerwerk zu verschwenden, teils hat der Mibrauch desselben einen
grern und wohlfeilern Vorrat ntig gemacht.
Es ist nun ein eignes Gewerbe, Gipszeltlein, durch den Trichter gemacht, die den
Schein von Drageen haben, in groen Krben zum Verkauf mitten durch die Menge zu
tragen.
Niemand ist vor einem Angriff sicher; jedermann ist im Verteidigungszustande,
und so entsteht aus Mutwillen oder Notwendigkeit bald hier, bald da ein
Zweikampf, ein Scharmtzel oder eine Schlacht. Fugnger, Kutschenfahrer,
Zuschauer aus Fenstern, von Gersten oder Sthlen greifen einander wechselsweise
an und verteidigen sich wechselsweise.
Die Damen haben vergoldete und versilberte Krbchen voll dieser Krner, und die
Begleiter wissen ihre Schnen sehr wacker zu verteidigen. Mit niedergelassenen
Kutschenfenstern erwartet man den Angriff, man scherzt mit seinen Freunden und
wehrt sich hartnckig gegen Unbekannte.
Nirgends aber wird dieser Streit ernstlicher und allgemeiner als in der Gegend
des Palasts Ruspoli. Alle Masken, die sich dort niedergelassen haben, sind mit
Krbchen, Sckchen, zusammengebundnen Schnupftchern versehen. Sie greifen fter
an, als sie angegriffen werden; keine Kutsche fhrt ungestraft vorbei, ohne da
ihr nicht wenigstens einige Masken etwas anhngen. Kein Fugnger ist vor ihnen
sicher, besonders wenn sich ein Abbate im schwarzen Rocke sehen lt, werfen
alle von allen Seiten auf ihn, und weil Gips und Kreide, wohin sie treffen,
abfrben, so sieht ein solcher bald ber und ber wei und grau punktiert aus.
Oft aber werden die Hndel sehr ernsthaft und allgemein, und man sieht mit
Erstaunen, wie Eifersucht und persnlicher Ha sich freien Lauf lassen.
Unbemerkt schleicht sich eine vermummte Figur heran und trifft mit einer Hand
voll Konfetti eine der ersten Schnheiten so heftig und so gerade, da die
Gesichtsmaske widerschallt und ihr schner Hals verletzt wird. Ihre Begleiter zu
beiden Seiten werden heftig aufgereizt, aus ihren Krbchen und Sckchen strmen
sie gewaltig auf den Angreifenden los; er ist aber so gut vermummt, zu stark
geharnischt, als da er ihre wiederholten Wrfe empfinden sollte. Je sicherer er
ist, desto heftiger setzt er seinen Angriff fort; die Verteidiger decken das
Frauenzimmer mit den Tabarros zu, und weil der Angreifende in der Heftigkeit des
Streits auch die Nachbarn verletzt und berhaupt durch seine Grobheit und
Ungestm jedermann beleidigt, so nehmen die Umhersitzenden teil an diesem
Streit, sparen ihre Gipskrner nicht und haben meistenteils auf solche Flle
eine etwas grere Munition, ungefhr wie verzuckerte Mandeln, in Reserve,
wodurch der Angreifende zuletzt so zugedeckt und von allen Seiten her berfallen
wird, da ihm nichts als die Retraite brigbleibt, besonders wenn er sich
verschossen haben sollte.
Gewhnlich hat einer, der auf ein solches Abenteuer ausgeht, einen Sekundanten
bei sich, der ihm Munition zusteckt, inzwischen da die Mnner, welche mit
solchen Gipskonfetti handeln, whrend des Streits mit ihren Krben geschftig
sind und einem jeden, soviel Pfund er verlangt, eilig zuwiegen.
Wir haben selbst einen solchen Streit in der Nhe gesehn, wo zuletzt die
Streitenden aus Mangel an Munition sich die vergoldeten Krbchen an die Kpfe
warfen und sich durch die Warnungen der Wachen, welche selbst heftig mit
getroffen wurden, nicht abhalten lieen.
Gewi wrde mancher solche Handel mit Messerstichen sich endigen, wenn nicht die
an mehreren Ecken aufgezogenen Corden, die bekannten Strafwerkzeuge
italienischer Polizei, jeden mitten in der Lustbarkeit erinnerten, da es in
diesem Augenblicke sehr gefhrlich sei, sich gefhrlicher Waffen zu bedienen.
Unzhlig sind diese Hndel und die meisten mehr lustig als ernsthaft.
So kommt z. E. ein offner Wagen voll Pulcinellen gegen Ruspoli heran. Er nimmt
sich vor, indem er bei den Zuschauern vorbeifhrt, alle nacheinander zu treffen;
allein unglcklicherweise ist das Gedrnge zu gro, und er bleibt in der Mitte
stecken. Die ganze Gesellschaft wird auf einmal eines Sinnes, und von allen
Seiten hagelt es auf den Wagen los. Die Pulcinelle verschieen ihre Munition und
bleiben eine gute Weile dem kreuzenden Feuer von allen Seiten ausgesetzt, so da
der Wagen am Ende ganz wie mit Schnee und Schloen bedeckt, unter einem
allgemeinen Gelchter und von Tnen des Mibilligens begleitet, sich langsam
entfernt.
Dialog am obern Ende des Korso
Indessen in dem Mittelpunkte des Korso diese lebhaften und heftigen Spiele einen
groen Teil der schnen Welt beschftigen, findet ein anderer Teil des Publikums
an dem obern Ende des Korso eine andere Art von Unterhaltung.
Unweit der franzsischen Akademie tritt in spanischer Tracht mit Federhut, Degen
und groen Handschuhen unversehens mitten aus den von einem Gerste zuschauenden
Masken der sogenannte Capitano des italienischen Theaters auf und fngt an,
seine groen Taten zu Land und Wasser in emphatischem Ton zu erzhlen. Es whrt
nicht lange, so erhebt sich gegen ihm ber ein Pulcinell, bringt Zweifel und
Einwendungen vor, und indem er ihm alles zuzugeben scheint, macht er die
Grosprecherei jenes Helden durch Wortspiele und eingeschobene Plattheiten
lcherlich.
Auch hier bleibt jeder Vorbeigehende stehen und hrt dem lebhaften Wortwechsel
zu.
Pulcinellenknig
Ein neuer Aufzug vermehret oft das Gedrnge. Ein Dutzend Pulcinelle tun sich
zusammen, erwhlen einen Knig, krnen ihn, geben ihm ein Zepter in die Hand,
begleiten ihn mit Musik und fhren ihn unter lautem Geschrei auf einem
verzierten Wgelchen den Korso herauf. Alle Pulcinelle springen herbei, wie der
Zug vorwrts geht, vermehren das Gefolge und machen sich mit Geschrei und
Schwenken der Hte Platz.
Alsdann bemerkt man erst, wie jeder diese allgemeine Maske zu vermannigfaltigen
sucht.
Der eine trgt eine Percke, der andere eine Weiberhaube zu seinem schwarzen
Gesicht, der dritte hat statt der Mtze einen Kfig auf dem Kopfe, in welchem
ein Paar Vgel, als Abbate und Dame gekleidet, auf den Stngelchen hin und wider
hpfen.

Nebenstraen
Das entsetzliche Gedrnge, das wir unsern Lesern soviel als mglich zu
vergegenwrtigen gesucht haben, zwingt natrlicherweise eine Menge Masken aus
dem Korso hinaus in die benachbarten Straen. Da gehen verliebte Paare ruhiger
und vertrauter zusammen, da finden lustige Gesellen Platz, allerlei tolle
Schauspiele vorzustellen.
Eine Gesellschaft Mnner in der Sonntagstracht des gemeinen Volkes, in kurzen
Wmsern mit goldbesetzten Westen darunter, die Haare in ein lang
herunterhngendes Netz gebunden, gehen mit jungen Leuten, die sich als Weiber
verkleidet haben, hin und wider spazieren. Eine von den Frauen scheint
hochschwanger zu sein, sie gehen friedlich auf und nieder. Auf einmal entzweien
sich die Mnner, es entstehet ein lebhafter Wortwechsel, die Frauen mischen sich
hinein, der Handel wird immer rger, endlich ziehen die Streitenden groe Messer
von versilberter Pappe und fallen einander an. Die Weiber halten sie mit
grlichem Geschrei auseinander, man zieht den einen da-, den andern dorthin,
die Umstehenden nehmen teil, als wenn es Ernst wre, man sucht jede Partei zu
besnftigen.
Indessen befindet sich die hochschwangere Frau durch den Schrecken bel; es wird
ein Stuhl herbeigebracht, die brigen Weiber stehen ihr bei, sie gebrdet sich
jmmerlich, und ehe man sich's versieht, bringt sie zu groer Erlustigung der
Umstehenden irgendeine unfrmliche Gestalt zur Welt. Das Stck ist aus, und die
Truppe zieht weiter, um dasselbe oder ein hnliches Stck an einem andern Platze
vorzustellen.
So spielt der Rmer, dem die Mordgeschichten immer vor der Seele schweben, gern
bei jedem Anla mit den Ideen von Ammazzieren. Sogar die Kinder haben ein Spiel,
das sie Chiesa nennen, welches mit unserm Frischauf in allen Ecken
bereinkommt, eigentlich aber einen Mrder vorstellt, der sich auf die Stufe
einer Kirche geflchtet hat; die brigen stellen die Sbirren vor und suchen ihn
auf allerlei Weise zu fangen, ohne jedoch den Schutzort betreten zu drfen.
So geht es denn in den Seitenstraen, besonders der Strada Babuino und auf dem
Spanischen Platze, ganz lustig zu.
Auch kommen die Quacqueri zu Scharen, um ihre Galanterien freier anzubringen.
Sie haben ein Manver, welches jeden zu lachen macht. Sie kommen zu zwlf Mann
hoch ganz strack auf den Zehen mit kleinen und schnellen Schritten anmarschiert,
formieren eine sehr gerade Fronte; auf einmal, wenn sie auf einen Platz kommen,
bilden sie mit Rechts- oder Linksum eine Kolonne und trippeln nun hintereinander
weg. Auf einmal wird mit Rechtsum die Fronte wiederhergestellt, und so geht's
eine Strae hinein; dann, ehe man sich's versieht, wieder linksum: die Kolonne
ist wie an einem Spie zu einer Haustre hineingeschoben, und die Toren sind
verschwunden.
Abend
Nun geht es nach dem Abend zu, und alles drngt sich immer mehr in den Korso
hinein. Die Bewegung der Kutschen stockt schon lange, ja, es kann geschehen, da
zwei Stunden vor Nacht schon kein Wagen mehr von der Stelle kann.
Die Garde des Papstes und die Wachen zu Fu sind nun beschftigt, alle Wagen,
soweit es mglich, von der Mitte ab und in eine ganz gerade Reihe zu bringen,
und es gibt bei der Menge hier mancherlei Unordnung und Verdru. Da wird gehuft,
geschoben, gehoben, und indem einer huft, mssen alle hinter ihm auch
zurckweichen, bis einer zuletzt so in die Klemme kommt, da er mit seinen
Pferden in die Mitte hineinlenken mu. Alsdann geht das Schelten der Garde, das
Fluchen und Drohen der Wache an.
Vergebens, da der unglckliche Kutscher die augenscheinliche Unmglichkeit
dartut; es wird auf ihn hineingescholten und gedroht, und entweder es mu sich
wieder fgen, oder wenn ein Nebengchen in der Nhe ist, mu er ohne
Verschulden aus der Reihe hinaus. Gewhnlich sind die Nebengchen auch mit
haltenden Kutschen besetzt, die zu spt kamen und, weil der Umgang der Wagen
schon ins Stocken geraten war, nicht mehr einrcken konnten.
Vorbereitung zum Wettrennen
Der Augenblick des Wettrennens der Pferde nhert sich nun immer mehr, und auf
diesen Augenblick ist das Interesse so vieler tausend Menschen gespannt.
Die Verleiher der Sthle, die Unternehmer der Gerste vermehren nun ihr
anbietendes Geschrei: Luoghi! Luoghi avanti! Luoghi nobili! Luoghi, Padroni!
Es ist darum zu tun, da ihnen wenigstens in diesen letzten Augenblicken, auch
gegen ein geringeres Geld, alle Pltze besetzt werden.
Und glcklich, da hier und da noch Platz zu finden ist; denn der General reitet
nunmehr mit einem Teil der Garde den Korso zwischen den beiden Reihen Kutschen
herunter und verdrngt die Fugnger von dem einzigen Raum, der ihnen noch
brigblieb. Jeder sucht alsdann noch einen Stuhl, einen Platz auf einem Gerste,
auf einer Kutsche, zwischen den Wagen oder bei Bekannten an einem Fenster zu
finden, die denn nun alle von Zuschauern ber und ber strotzen.
Indessen ist der Platz vor dem Obelisk ganz vom Volke gereiniget worden und
gewhrt vielleicht einen der schnsten Anblicke, welche in der gegenwrtigen
Welt gesehen werden knnen.
Die drei mit Teppichen behngten Fassaden der oben beschriebenen Gerste
schlieen den Platz ein. Viele tausend Kpfe schauen bereinander hervor und
geben das Bild eines alten Amphitheaters oder Zirkus. ber dem mittelsten
Gerste steigt die ganze Lnge des Obelisken in die Luft; denn das Gerste
bedeckt nur sein Piedestal, und man bemerkt nun erst seine ungeheure Hhe, da er
der Mastab einer so groen Menschenmasse wird.
Der freie Platz lt dem Auge eine schne Ruhe, und man sieht die leeren
Schranken mit dem vorgespannten Seile voller Erwartung.
Nun kommt der General den Korso herab, zum Zeichen, da er gereiniget ist, und
hinter ihm erlaubt die Wache niemanden, aus der Reihe der Kutschen
hervorzutreten. Er nimmt auf einer der Logen Platz.
Abrennen
Nun werden die Pferde nach geloseter Ordnung von geputzten Stallknechten in die
Schranken hinter das Seil gefhrt. Sie haben kein Zeug noch sonst eine Bedeckung
auf dem Leibe. Man heftet ihnen hier und da Stachelkugeln mit Schnren an den
Leib und bedeckt die Stelle, wo sie spornen sollen, bis zum Augenblicke mit
Leder, auch klebt man ihnen groe Bltter Rauschgold an.
Sie sind meist schon wild und ungeduldig, wenn sie in die Schranken gebracht
werden, und die Reitknechte brauchen alle Gewalt und Geschicklichkeit, um sie
zurckzuhalten.
Die Begierde, den Lauf anzufangen, macht sie unbndig, die Gegenwart so vieler
Menschen macht sie scheu. Sie hauen oft in die benachbarte Schranke hinber, oft
ber das Seil, und diese Bewegung und Unordnung vermehrt jeden Augenblick das
Interesse der Erwartung.
Die Stallknechte sind im hchsten Grade gespannt und aufmerksam, weil in dem
Augenblicke des Abrennens die Geschicklichkeit des Loslassenden sowie zufllige
Umstnde zum Vorteile des einen oder des andern Pferdes entscheiden knnen.
Endlich fllt das Seil, und die Pferde rennen los.
Auf dem freien Platze suchen sie noch einander den Vorsprung abzugewinnen, aber
wenn sie einmal in den engen Raum zwischen die beiden Reihen Kutschen
hineinkommen, wird meist aller Wetteifer vergebens.
Ein paar sind gewhnlich voraus, die alle Krfte anstrengen. Ungeachtet der
gestreuten Puzzolane gibt das Pflaster Feuer, die Mhnen fliegen, das Rauschgold
rauscht, und kaum da man sie erblickt, sind sie vorbei. Die brige Herde
hindert sich untereinander, indem sie sich drngt und treibt; spt kommt
manchmal noch eins nachgesprengt, und die zerrissenen Stcke Rauschgold flattern
einzeln auf der verlassenen Spur. Bald sind die Pferde allem Nachschauen
verschwunden, das Volk drngt zu und fllt die Laufbahn wieder aus.
Schon warten andere Stallknechte am venezianischen Palaste auf die Ankunft der
Pferde. Man wei sie in einem eingeschlossenen Bezirk auf gute Art zu fangen und
festzuhalten. Dem Sieger wird der Preis zuerkannt.
So endigt sich diese Feierlichkeit mit einem gewaltsamen, blitzschnellen,
augenblicklichen Eindruck, auf den so viele tausend Menschen eine ganze Weile
gespannt waren, und wenige knnen sich Rechenschaft geben, warum sie den Moment
erwarteten, und warum sie sich daran ergtzten.
Nach der Folge unserer Beschreibung sieht man leicht ein, da dieses Spiel den
Tieren und Menschen gefhrlich werden knne. Wir wollen nur einige Flle
anfhren: Bei dem engen Raume zwischen den Wagen darf nur ein Hinterrad ein
wenig herauswrts stehen und zuflligerweise hinter diesem Wagen ein etwas
breiterer Raum sein. Ein Pferd, das mit den andern gedrngt herbeieilt, sucht
den erweiterten Raum zu nutzen, springt vor und trifft gerade auf das
herausstehende Rad.
Wir haben selbst einen Fall gesehen, wo ein Pferd von einem solchen Choc
niederstrzte, drei der folgenden ber das erste hinausfielen, sich berschlugen
und die letzten glcklich ber die gefallenen wegsprangen und ihre Reise
fortsetzten.
Oft bleibt ein solches Pferd auf der Stelle tot, und mehrmals haben Zuschauer
unter solchen Umstnden ihr Leben eingebt. Ebenso kann ein groes Unheil
entstehen, wenn die Pferde umkehren.
Es ist vorgekommen, da boshafte, neidische Menschen einem Pferde, das einen
groen Vorsprung hatte, mit dem Mantel in die Augen schlugen und es dadurch
umzukehren und an die Seite zu rennen zwangen. Noch schlimmer ist es, wenn die
Pferde auf dem venezianischen Platze nicht glcklich aufgefangen werden; sie
kehren alsdann unaufhaltsam zurck, und weil die Laufbahn vom Volke schon wieder
ausgefllt ist, richten sie manches Unheil an, das man entweder nicht erfhrt
oder nicht achtet.
Aufgehobne Ordnung
Gewhnlich laufen die Pferde mit einbrechender Nacht erst ab. Sobald sie oben
bei dem venezianischen Palast angelangt sind, werden kleine Mrser gelst;
dieses Zeichen wird in der Mitte des Korso wiederholt und in der Gegend des
Obelisken das letzte Mal gegeben.
In diesem Augenblicke verlt die Wache ihren Posten, die Ordnung der
Kutschenreihen wird nicht lnger gehalten, und gewi ist diese selbst fr den
Zuschauer, der ruhig an seinem Fenster steht, ein ngstlicher und verdrielicher
Zeitpunkt, und es ist wert, da man einige Bemerkungen darber mache.
Wir haben schon oben gesehen, da die Epoche der einbrechenden Nacht, welche so
vieles in Italien entscheidet, auch die gewhnlichen sonn- und festtgigen
Spazierfahrten auflset. Dort sind keine Wachen und keine Garden, es ist ein
altes Herkommen, eine allgemeine Konvention, da man in gebhrender Ordnung auf-
und abfahre; aber sobald Ave Maria gelutet wird, lt sich niemand sein Recht
nehmen, umzukehren, wann und wie er will. Da nun die Umfahrt im Karneval in
derselben Strae und nach hnlichen Gesetzen geschieht, obgleich hier die Menge
und andere Umstnde einen groen Unterschied machen, so will sich doch niemand
sein Recht nehmen lassen, mit einbrechender Nacht aus der Ordnung zu lenken.
Wenn wir nun auf das ungeheure Gedrnge in dem Korso zurckblicken und die fr
einen Augenblick nur gereinigte Rennbahn gleich wieder mit Volk berschwemmt
sehen, so scheinet uns Vernunft und Billigkeit das Gesetz einzugeben, da eine
jede Equipage nur suchen solle, in ihrer Ordnung das nchste ihr bequeme Gchen
zu erreichen und so nach Hause zu eilen.
Allein es lenken gleich nach abgeschossenen Signalen einige Wagen in die Mitte
hinein, hemmen und verwirren das Fuvolk, und weil in dem engen Mittelraume es
einem einfllt, hinunter-, dem andern, hinaufzufahren, so knnen beide nicht von
der Stelle und hindern oft die Vernnftigern, die in der Reihe geblieben sind,
auch vom Platze zu kommen.
Wenn nun gar ein zurckkehrendes Pferd auf einen solchen Knoten trifft, so
vermehrt sich Gefahr, Unheil und Verdru von allen Seiten.

Nacht
Und doch entwickelt sich diese Verwirrung, zwar spter, aber meistens glcklich.
Die Nacht ist eingetreten, und ein jedes wnscht sich zu einiger Ruhe Glck.
Theater
Alle Gesichtsmasken sind von dem Augenblick an abgelegt, und ein groer Teil des
Publikums eilt nach dem Theater. Nur in den Logen sieht man allenfalls noch
Tabarros und Damen in Maskenkleidern; das ganze Parterre zeigt sich wieder in
brgerlicher Tracht.
Die Theater Aliberti und Argentina geben ernsthafte Opern mit eingeschobenen
Balletten; Valle und Capranica Komdien und Tragdien mit komischen Opern als
Intermezzo; Pace ahmt ihnen, wiewohl unvollkommen, nach, und so gibt es bis zum
Puppenspiel und zur Seiltnzerbude herunter noch manche subordinierte
Schauspiele.
Das groe Theater Tordenone, das einmal abbrannte, und, da man es wieder
aufgebauet hatte, gleich zusammenstrzte, unterhlt nun leider das Volk nicht
mehr mit seinen Haupt- und Staatsaktionen und andern wunderbaren Vorstellungen.
Die Leidenschaft der Rmer fr das Theater ist gro und war ehemals in der
Karnevalszeit noch heftiger, weil sie in dieser einzigen Epoche befriedigt
werden konnte. Gegenwrtig ist wenigstens ein Schauspielhaus auch im Sommer und
Herbst offen, und das Publikum kann seine Lust den grten Teil des Jahres durch
einigermaen befriedigen.
Es wrde uns hier zu sehr von unserm Zwecke abfhren, wenn wir uns in eine
umstndliche Beschreibung der Theater, und was die rmischen allenfalls
Besonderes haben mchten, hier einlassen wollten. Unsre Leser erinnern sich, da
an andern Orten von diesem Gegenstande gehandelt worden.
Festine
Gleichfalls werden wir von den sogenannten Festinen wenig zu erzhlen haben; es
sind dieses groe maskierte Blle, welche in dem schn erleuchteten Theater
Aliberti einigemal gegeben werden.
Auch hier werden Tabarros sowohl von den Herren als Damen fr die anstndigste
Maske gehalten, und der ganze Saal ist mit schwarzen Figuren angefllt; wenige
bunte Charaktermasken mischen sich drunter.
Desto grer ist die Neugierde, wenn sich einige edle Gestalten zeigen, die,
wiewohl seltener, aus den verschiedenen Kunstepochen ihre Masken erwhlen und
verschiedene Statuen, welche sich in Rom befinden, meisterlich nachahmen.
So zeigen sich hier gyptische Gottheiten, Priesterinnen, Bacchus und Ariadne,
die tragische Muse, die Muse der Geschichte, eine Stadt, Vestalinnen, ein
Konsul, mehr oder weniger gut und nach dem Kostme ausgefhrt.
Tanz
Die Tnze bei diesen Festen werden gewhnlich in langen Reihen nach Art der
englischen getanzt; nur unterscheiden sie sich dadurch, da sie in ihren wenigen
Touren meistenteils etwas Charakteristisches pantomimisch ausdrcken; zum
Beispiel, es entzweien und vershnen sich zwei Liebende, sie scheiden und finden
sich wieder.
Die Rmer sind durch die pantomimischen Ballette an stark gezeichnete
Gestikulation gewhnt; sie lieben auch in ihren gesellschaftlichen Tnzen einen
Ausdruck, der uns bertrieben und affektiert scheinen wrde. Niemand wagt leicht
zu tanzen, als wer es kunstmig gelernt hat; besonders wird der Menuett ganz
eigentlich als ein Kunstwerk betrachtet und nur von wenigen Paaren gleichsam
aufgefhrt. Ein solches Paar wird dann von der brigen Gesellschaft in einen
Kreis eingeschlossen, bewundert und am Ende applaudiert.
Morgen
Wenn die galante Welt sich auf diese Weise bis an den Morgen erlustiget, so ist
man bei anbrechendem Tage schon wieder in dem Korso beschftigst, denselben zu
reinigen und in Ordnung zu bringen. Besonders sorgt man, da die Puzzolane in
der Mitte der Strae gleich und reinlich ausgebreitet werde.
Nicht lange, so bringen die Stallknechte das Rennpferd, das sich gestern am
schlechtesten gehalten, vor den Obelisk. Man setzt einen kleinen Knaben darauf,
und ein anderer Reiter mit einer Peitsche treibt es vor sich her, so da es alle
seine Krfte anstrengt, um seine Bahn so geschwind als mglich zurckzulegen.
Ungefhr zwei Uhr Nachmittag nach dem gegebenen Glockenzeichen beginnt jeden Tag
der schon beschriebene Zirkel des Festes. Die Spaziergnger finden sich ein, die
Wache zieht auf, Balkone, Fenster, Gerste werden mit Teppichen behngt, die
Masken vermehren sich und treiben ihre Torheiten, die Kutschen fahren auf und
nieder, und die Strae ist mehr oder weniger gedrngt, je nachdem die Witterung
oder andere Umstnde gnstig oder ungnstig ihren Einflu zeigen. Gegen das Ende
des Karnevals vermehren sich, wie natrlich, die Zuschauer, die Masken, die
Wagen, der Putz und der Lrm. Nichts aber reicht an das Gedrnge, an die
Ausschweifungen des letzten Tages und Abends.
Letzter Tag
Meist halten die Kutschenreihen schon zwei Stunden vor Nacht stille, kein Wagen
kann mehr von der Stelle, keiner aus den Seitengassen mehr hereinrcken. Die
Gerste und Sthle sind frher besetzt, obgleich die Pltze teuer gehalten
werden; jeder sucht aufs baldigste unterzukommen, und man erwartet das Ablaufen
der Pferde mit mehrerer Sehnsucht als jemals.
Endlich rauscht auch dieser Augenblick vorbei, die Zeichen werden gegeben, da
das Fest geendigt sei; allein weder Wagen, noch Masken, noch Zuschauer weichen
aus der Stelle.
Alles ist ruhig, alles still, indem die Dmmerung sachte zunimmt.
Moccoli
Kaum wird es in der engen und hohen Strae dster, so siehet man hie und da
Lichter erscheinen, an den Fenstern, auf den Gersten sich bewegen und in kurzer
Zeit die Zirkulation des Feuers dergestalt sich verbreiten, da die ganze Strae
von brennenden Wachskerzen erleuchtet ist.
Die Balkone sind mit durchscheinenden Papierlaternen verziert, jeder hlt seine
Kerze zum Fenster heraus, alle Gerste sind erhellt, und es sieht sich gar artig
in die Kutschen hinein, an deren Decken oft kleine kristallne Armleuchter die
Gesellschaft erhellen; indessen in einem andern Wagen die Damen mit bunten
Kerzen in den Hnden zur Betrachtung ihrer Schnheit gleichsam einzuladen
scheinen.
Die Bedienten bekleben den Rand des Kutschendeckels mit Kerzchen, offne Wagen
mit bunten Papierlaternen zeigen sich, unter den Fugngern erscheinen manche
mit hohen Lichterpyramiden auf den Kpfen, andere haben ihr Licht auf
zusammengebundene Rohre gesteckt und erreichen mit einer solchen Rute oft die
Hhe von zwei, drei Stockwerken.
Nun wird es fr einen jeden Pflicht, ein angezndetes Kerzchen in der Hand zu
tragen, und die Favoritverwnschung der Rmer Sia ammazzato hrt man von allen
Ecken und Enden wiederholen.
Sia ammazzato chi non porta moccolo! Ermordet werde, der kein Lichtstmpfchen
trgt! ruft einer dem andern zu, indem er ihm das Licht auszublasen sucht.
Anznden und ausblasen und ein unbndiges Geschrei: Sia ammazzato, bringt nun
bald Leben und Bewegung und wechselseitiges Interesse unter die ungeheure Menge.
Ohne Unterschied, ob man Bekannte oder Unbekannte vor sich habe, sucht man nur
immer das nchste Licht auszublasen oder das seinige wieder anzuznden und bei
dieser Gelegenheit das Licht des Anzndenden auszulschen. Und je strker das
Gebrll Sia ammazzato von allen Enden widerhallt, desto mehr verliert das Wort
von seinem frchterlichen Sinn, desto mehr vergit man, da man in Rom sei, wo
diese Verwnschung um einer Kleinigkeit willen in kurzem an einem und dem andern
erfllt werden kann.
Die Bedeutung des Ausdrucks verliert sich nach und nach gnzlich. Und wie wir in
andern Sprachen oft Flche und unanstndige Worte zum Zeichen der Bewunderung
und Freude gebrauchen hren, so wird Sia ammazzato diesen Abend zum
Losungswort, zum Freudengeschrei, zum Refrain aller Scherze, Neckereien und
Komplimente.
So hren wir spotten: Sia ammazzato il Signore Abbate che fa l'amore. Oder
einen vorbeigehenden guten Freund anrufen: Sia ammazzato il Signore Filippo.
Oder Schmeichelei und Kompliment damit verbinden: Sia ammazzata la bella
Principessa! Sia ammazzata la Signora Angelica, la prima pittrice del secolo.
Alle diese Phrasen werden heftig und schnell mit einem langen haltenden Ton auf
der vorletzten oder drittletzten Silbe ausgerufen. Unter diesem unaufhrlichen
Geschrei geht das Ausblasen und Anznden der Kerzen immer fort. Man begegne
jemanden im Haus, auf der Treppe, es sei eine Gesellschaft im Zimmer beisammen,
aus einem Fenster ans benachbarte, berall sucht man ber den andern zu gewinnen
und ihm das Licht auszulschen.
Alle Stnde und Alter toben gegeneinander, man steigt auf die Tritte der
Kutschen, kein Hngeleuchter, kaum die Laternen sind sicher, der Knabe lscht
dem Vater das Licht aus und hrt nicht auf zu schreien: Sia ammazzato il
Signore Padre! Vergebens, da ihm der Alte diese Unanstndigkeit verweist; der
Knabe behauptet die Freiheit dieses Abends und verwnscht nur seinen Vater desto
rger. Wie nun an beiden Enden des Korso sich bald das Getmmel verliert, desto
unbndiger huft sich's nach der Mitte zu, und dort entsteht ein Gedrnge, das
alle Begriffe bersteigt, ja, das selbst die lebhafteste Erinnerungskraft sich
nicht wieder vergegenwrtigen kann.
Niemand vermag sich mehr von dem Platze, wo er steht oder sitzt, zu rhren; die
Wrme so vieler Menschen, so vieler Lichter, der Dampf so vieler immer wieder
ausgeblasenen Kerzen, das Geschrei so vieler Menschen, die nur um desto heftiger
brllen, je weniger sie ein Glied rhren knnen, machen zuletzt selbst den
gesundesten Sinn schwindeln; es scheint unmglich, da nicht manches Unglck
geschehen, da die Kutschpferde nicht wild, nicht manche gequetscht, gedrckt
oder sonst beschdigt werden sollten.
Und doch weil sich endlich jeder weniger oder mehr hinweg sehnt, jeder ein
Gchen, an das er gelangen kann, einschlgt oder auf dem nchsten Platze freie
Luft und Erholung sucht, lst sich diese Masse auch auf, schmilzt von den Enden
nach der Mitte zu, und dieses Fest allgemeiner Freiheit und Losgebundenheit,
dieses moderne Saturnal endigt sich mit einer allgemeinen Betubung.
Das Volk eilt nun, sich bei einem wohlbereiteten Schmause an dem bald verbotenen
Fleische bis Mitternacht zu ergtzen, die feinere Welt nach den
Schauspielhusern, um dort von den sehr abgekrzten Theaterstcken Abschied zu
nehmen, und auch diesen Freuden macht die herannahende Mitternachtsstunde ein
Ende.
Aschermittwoch
So ist denn ein ausschweifendes Fest wie ein Traum, wie ein Mrchen vorber, und
es bleibt dem Teilnehmer vielleicht weniger davon in der Seele zurck als unsern
Lesern, vor deren Einbildungskraft und Verstand wir das Ganze in seinem
Zusammenhange gebracht haben.
Wenn uns whrend des Laufs dieser Torheiten der rohe Pulcinell ungebhrlich an
die Freuden der Liebe erinnert, denen wir unser Dasein zu danken haben, wenn
eine Baubo auf ffentlichem Platze die Geheimnisse der Gebrerin entweiht, wenn
so viele nchtlich angezndete Kerzen uns an die letzte Feierlichkeit erinnern,
so werden wir mitten unter dem Unsinne auf die wichtigsten Szenen unsers Lebens
aufmerksam gemacht.
Noch mehr erinnert uns die schmale, lange, gedrngt volle Strae an die Wege des
Weltlebens, wo jeder Zuschauer und Teilnehmer mit freiem Gesicht oder unter der
Maske vom Balkon oder vom Gerste nur einen geringen Raum vor und neben sich
bersieht, in der Kutsche oder zu Fue nur Schritt vor Schritt vorwrts kommt,
mehr geschoben wird als geht, mehr aufgehalten wird als willig stille steht, nur
eifriger dahin zu gelangen sucht, wo es besser und froher zugeht, und dann auch
da wieder in die Enge kommt und zuletzt verdrngt wird.
Drfen wir fortfahren, ernsthafter zu sprechen, als es der Gegenstand zu
erlauben scheint, so bemerken wir, da die lebhaftesten und hchsten Vergngen,
wie die vorbeifliegenden Pferde, nur einen Augenblick uns erscheinen, uns rhren
und kaum eine Spur in der Seele zurcklassen, da Freiheit und Gleichheit nur in
dem Taumel des Wahnsinns genossen werden knnen, und da die grte Lust nur
dann am hchsten reizt, wenn sie sich ganz nahe an die Gefahr drngt und lstern
ngstlich-se Empfindungen in ihrer Nhe genieet.
Und so htten wir, ohne selbst daran zu denken, auch unser Karneval mit einer
Aschermittwochsbetrachtung geschlossen, wodurch wir keinen unsrer Leser traurig
zu machen frchten. Vielmehr wnschen wir, da jeder mit uns, da das Leben im
ganzen wie das Rmische Karneval unbersehlich, ungeniebar, ja bedenklich
bleibt, durch diese unbekmmerte Maskengesellschaft an die Wichtigkeit jedes
augenblicklichen, oft gering scheinenden Lebensgenusses erinnert werden mge.

Februar
Korrespondenz
Rom, den 1. Februar.
Wie froh will ich sein, wenn die Narren knftigen Dienstag abend zur Ruhe
gebracht werden. Es ist eine entsetzliche Sekkatur, andere toll zu sehen, wenn
man nicht selbst angesteckt ist.
Soviel als mglich war, habe ich meine Studien fortgesetzt, auch ist Claudine
gerckt, und wenn nicht alle Genii ihre Hlfe versagen, so geht heute ber acht
Tage der dritte Akt an Herdern ab, und so wre ich den fnften Band los. Dann
geht eine neue Not an, worin mir niemand raten noch helfen kann. Tasso mu
umgearbeitet werden, was da steht, ist zu nichts zu brauchen, ich kann weder so
endigen noch alles wegwerfen. Solche Mhe hat Gott den Menschen gegeben!
Der sechste Band enthlt wahrscheinlich Tasso, Lila, Jery und Btely,
alles um- und ausgearbeitet, da man es nicht mehr kennen soll.
Zugleich habe ich meine kleinen Gedichte durchgesehen und an den achten Band
gedacht, den ich vielleicht vor dem siebenten herausgebe. Es ist ein wunderlich
Ding, so ein Summa Summarum seines Lebens zu ziehen. Wie wenig Spur bleibt doch
von einer Existenz zurck!
Hier sekkieren sie mich mit den bersetzungen meines Werthers und zeigen mir
sie und fragen, welches die beste sei und ob auch alles wahr sei! Das ist nun
ein Unheil, was mich bis nach Indien verfolgen wrde.
Rom, den 6. Februar.
Hier ist der dritte Akt" Claudinens"; ich wnsche, da er dir nur die Hlfte so
wohl gefallen mge, als ich vergngt bin, ihn geendigt zu haben. Da ich nun die
Bedrfnisse des lyrischen Theaters genauer kenne, habe ich gesucht, durch manche
Aufopferungen dem Komponisten und Akteur entgegenzuarbeiten. Das Zeug, worauf
gestickt werden soll, mu weite Fden haben, und zu einer komischen Oper mu es
absolut wie Marli gewoben sein. Doch hab' ich bei dieser wie bei Erwin auch
frs Lesen gesorgt. Genug, ich habe getan, was ich konnte.
Ich bin recht still und rein und, wie ich euch schon versichert habe, jedem Ruf
bereit und ergeben. Zur bildenden Kunst bin ich zu alt, ob ich also ein bichen
mehr oder weniger pfusche, ist eins. Mein Durst ist gestillt, auf dem rechten
Wege bin ich der Betrachtung und des Studiums, mein Genu ist friedlich und
gengsam. Zu dem allen gebt mir euern Segen. Ich habe nichts Nheres nun, als
meine drei letzten Teile zu endigen. Dann soll's an Wilhelm u. s. w.
Rom, den 9. Februar.
Die Narren haben noch Montag und Dienstag was Rechts gelrmt. Besonders Dienstag
abends, wo die Raserei mit den Moccoli in vlligem Flor war. Mittwochs dankte
man Gott und der Kirche fr die Fasten. Auf kein Festin (so nennen sie die
Redouten) bin ich gekommen, ich bin fleiig, was nur mein Kopf halten will. Da
der fnfte Band absolviert ist, will ich nur einige Kunststudien durcharbeiten,
dann gleich an den sechsten gehn. Ich habe diese Tage das Buch Leonards da Vinci
ber die Malerei gelesen und begreife jetzt, warum ich nie etwas darin habe
begreifen knnen.
O wie finde ich die Zuschauer so glcklich! die dnken sich so klug, sie finden
sich was Rechts. So auch die Liebhaber, die Kenner. Du glaubst nicht, was das
ein behgliches Volk, indes der gute Knstler immer kleinlaut bleibt. Ich habe
aber auch neuerdings einen Ekel, jemanden urteilen zu hren, der nicht selbst
arbeitet, da ich es nicht ausdrcken kann. Wie der Tabaksdampf macht mich eine
solche Rede auf der Stelle unbehaglich.
Angelika hat sich das Vergngen gemacht und zwei Gemlde gekauft. Eins von
Tizian, das andere von Paris Bourdon. Beide um einen hohen Preis. Da sie so
reich ist, da sie ihre Renten nicht verzehrt und jhrlich mehr dazu verdient,
so ist es lobenswrdig, da sie etwas anschafft, das ihr Freude macht, und
solche Sachen, die ihren Kunsteifer erhhen. Gleich sobald sie die Bilder im
Hause hatte, fing sie an, in einer neuen Manier zu malen, um zu versuchen, wie
man gewisse Vorteile jener Meister sich eigen machen knne. Sie ist unermdet,
nicht allein zu arbeiten, sondern auch zu studieren. Mit ihr ist's eine groe
Freude, Kunstsachen zu sehen.
Kayser geht auch als ein wackrer Knstler zu Werke. Seine Musik zu Egmont
avanciert stark. Noch habe ich nicht alles gehrt. Mir scheint jedes dem
Endzweck sehr angemessen.
Er wird auch: Cupido kleiner loser etc. komponieren. Ich schicke dir's gleich,
damit es oft zu meinem Andenken gesungen werde. Es ist auch mein Leibliedchen.
Der Kopf ist mir wste vom vielen Schreiben, Treiben und Denken. Ich werde nicht
klger, fordere zuviel von mir und lege mir zuviel auf.
Rom, den 16. Februar.
Mit dem preuischen Kurier erhielt ich vor einiger Zeit einen Brief von unserm
Herzog, der so freundlich, lieb, gut und erfreulich war, als ich nicht leicht
einen erhalten. Da er ohne Rckhalt schreiben konnte, so beschrieb er mir die
ganze politische Lage, die seinige und so weiter. ber mich selbst erklrte er
sich auf das liebreichste.
Rom, den 22. Februar.
Wir haben diese Woche einen Fall gehabt, der das ganze Chor der Knstler in
Betrbnis setzt. Ein Franzose namens Drouais, ein junger Mensch von etwa 25
Jahren, einziger Sohn einer zrtlichen Mutter, reich und schn gebildet, der
unter allen studierenden Knstlern fr den hoffnungsvollsten gehalten ward, ist
an den Blattern gestorben. Es ist eine allgemeine Trauer und Bestrzung. Ich
habe in seinem verlassenen Studio die lebensgroe Figur eines Philoktets
gesehen, welcher mit einem Flgel eines erlegten Raubvogels den Schmerz seiner
Wunde wehend khlt. Ein schn gedachtes Bild, das in der Ausfhrung viel
Verdienste hat, aber nicht fertig geworden.
Ich bin fleiig und vergngt und erwarte so die Zukunft. Tglich wird mir's
deutlicher, da ich eigentlich zur Dichtkunst geboren bin, und da ich die
nchsten zehen Jahre, die ich hchstens noch arbeiten darf, dieses Talent
exkolieren und noch etwas Gutes machen sollte, da mir das Feuer der Jugend
manches ohne groes Studium gelingen lie. Von meinem lngern Aufenthalt in Rom
werde ich den Vorteil haben, da ich auf das Ausben der bildenden Kunst
Verzicht tue.
Angelika macht mir das Kompliment, da sie wenige in Rom kenne, die besser in
der Kunst shen als ich. Ich wei recht gut, wo und was ich noch nicht sehe, und
fhle wohl, da ich immer zunehme, und was zu tun wre, um immer weiter zu sehn.
Genug, ich habe schon jetzt meinen Wunsch erreicht: in einer Sache, zu der ich
mich leidenschaftlich getragen fhle, nicht mehr blind zu tappen.
Ein Gedicht, Amor als Landschaftsmaler, schick' ich dir ehstens und wnsche
ihm gut Glck. Meine kleinen Gedichte hab' ich gesucht in eine gewisse Ordnung
zu bringen, sie nehmen sich wunderlich aus. Die Gedichte auf Hans Sachs und auf
Miedings Tod schlieen den achten Band und so meine Schriften fr diesmal. Wenn
sie mich indessen bei der Pyramide zur Ruhe bringen, so knnen diese beiden
Gedichte statt Personalien und Parentation gelten.
Morgen frhe ist ppstliche Kapelle, und die famosen alten Musiken fangen an,
die nachher in der Karwoche auf den hchsten Grad des Interesse steigen. Ich
will nun jeden Sonntag frhe hin, um mit dem Stil bekannt zu werden. Kayser, der
diese Sachen eigentlich studiert, wird mir den Sinn wohl darber aufschlieen.
Wir erwarten mit jeder Post ein gedrucktes Exemplar der Grndonnerstagsmusik von
Zrich, wo sie Kayser zurcklie. Sie wird alsdann erst am Klavier gespielt und
dann in der Kapelle gehrt.

Bericht
Februar
Wenn man einmal zum Knstler geboren ist und gar mancher Gegenstand der
Kunstanschauung zusagt, so kam diese mir auch mitten unter dem Gewhl der
Fastnachtstorheiten und Absurditten zu Gunsten. Es war das zweite Mal, da ich
das Karneval sah, und es mute mir bald auffallen, da dieses Volksfest wie ein
anderes wiederkehrendes Leben und Weben seinen entschiedenen Verlauf hatte.
Dadurch ward ich nun mit dem Getmmel vershnt, ich sah es an als ein anderes
bedeutendes Naturerzeugnis und Nationalereignis; ich interessierte mich dafr in
diesem Sinne, bemerkte genau den Gang der Torheiten und wie das alles doch in
einer gewissen Form und Schicklichkeit ablief. Hierauf notierte ich mir die
einzelnen Vorkommnisse der Reihe nach, welche Vorarbeit ich spter zu dem soeben
eingeschalteten Aufsatz benutzte, bat auch zugleich unsern Hausgenossen, Georg
Schtz, die einzelnen Masken flchtig zu zeichnen und zu kolorieren, welches er
mit seiner gewohnten Geflligkeit durchfhrte.
Diese Zeichnungen wurden nachher durch Melchior Krause von Frankfurt am Main,
Direktor des freien Zeicheninstituts zu Weimar, in Quarto radiert und nach den
Originalen illuminiert zur ersten Ausgabe bei Unger, welche sich selten macht.
Zu vorgemeldeten Zwecken mute man sich denn mehr, als sonst geschehen wren
unter die verkappte Menge hinunter drngen, welche denn trotz aller
knstlerischen Ansicht oft einen widerwrtigen unheimlichen Eindruck machte. Der
Geist, an die wrdigen Gegenstnde gewhnt, mit denen man das ganze Jahr in Rom
sich beschftigte, schien immer einmal gewahr zu werden, da er nicht recht an
seinem Platze sei.
Aber fr den innern bessern Sinn sollte doch das Erquicklichste bereitet sein.
Auf dem venezianischen Platz, wo manche Kutschen, eh' sie sich den bewegten
Reihen wieder anschlieen, die Vorbeiwallenden sich zu beschauen pflegen, sah
ich den Wagen der Mad. Angelika und trat an den Schlag, sie zu begren. Sie
hatte sich kaum freundlich zu mir herausgeneigt, als sie sich zurckbog, um die
neben ihr sitzende, wieder genesene Mailnderin mir sehen zulassen. Ich fand sie
nicht verndert; denn wie sollte sich eine gesunde Jugend nicht schnell
wiederherstellen; ja, ihre Augen schienen frischer und glnzender mich
anzusehen, mit einer Freudigkeit, die mich bis ins Innerste durchdrang. So
blieben wir eine Zeitlang ohne Sprache, als Mad. Angelika das Wort nahm und,
indessen jene sich vorbog, zu mir sagte: Ich mu nur den Dolmetscher machen,
denn ich sehe, meine junge Freundin kommt nicht dazu, auszusprechen, was sie so
lange gewnscht, sich vorgesetzt und mir fters wiederholt hat, wie sehr sie
Ihnen verpflichtet ist fr den Anteil, den Sie an ihrer Krankheit, ihrem
Schicksal genommen. Das erste, was ihr beim Wiedereintritt in das Leben
trstlich geworden, heilsam und wiederherstellend auf sie gewirkt, sei die
Teilnahme ihrer Freunde und besonders die Ihrige gewesen, sie habe sich auf
einmal wieder aus der tiefsten Einsamkeit unter so vielen guten Menschen in dem
schnsten Kreise gefunden.
Das ist alles wahr, sagte jene, indem sie ber die Freundin her mir die Hand
reichte, die ich wohl mit der meinigen, aber nicht mit meinen Lippen berhren
konnte.
Mit stiller Zufriedenheit entfernt' ich mich wieder in das Gedrng der Toren,
mit dem zartesten Gefhl von Dankbarkeit gegen Angelika, die sich des guten
Mdchens gleich nach dem Unfalle trstend anzunehmen gewut und, was in Rom
selten ist, ein bisher fremdes Frauenzimmer in ihren edlen Kreis aufgenommen
hatte, welches mich um so mehr rhrte, als ich mir schmeicheln durfte, mein
Anteil an dem guten Kinde habe hierauf nicht wenig eingewirkt.
Der Senator von Rom, Graf Rezzonico, war schon frher, aus Deutschland
zurckkehrend, mich zu besuchen gekommen. Er hatte eine innige Freundschaft mit
Herrn und Frau von Diede errichtet und brachte mir angelegentliche Gre von
diesen werten Gnnern und Freunden; aber ich lehnte, wie herkmmlich, ein
nheres Verhltnis ab, sollte aber doch endlich unausweichlich in diesen Kreis
gezogen werden.
Jene genannten Freunde, Herr und Frau von Diede, machten ihrem werten
Lebensgenossen einen Gegenbesuch, und ich konnte mich um so weniger entbrechen,
mancherlei Art von Einladungen anzunehmen, als die Dame, wegen des Flgelspiels
berhmt, in einem Konzerte auf der kapitolinischen Wohnung des Senators sich
hren zu lassen willig war und man unsern Genossen Kayser, dessen
Geschicklichkeit ruchbar geworden, zu einer Teilnahme an jenen Exhibitionen
schmeichelhaft eingeladen hatte. Die unvergleichliche Aussicht bei
Sonnenuntergang aus den Zimmern des Senators nach dem Coliseo zu mit allem dem,
was sich von den andern Seiten anschliet, verlieh freilich unserm Knstlerblick
das herrlichste Schauspiel, dem man sich aber nicht hingeben durfte, um es gegen
die Gesellschaft an Achtung und Artigkeit nicht fehlen zu lassen. Frau von Diede
spielte sodann, sehr groe Vorzge entwickelnd, ein bedeutendes Konzert, und man
bot bald darauf unserm Freunde den Platz an, dessen er sich denn auch ganz
wrdig zu machen schien, wenn man dem Lobe trauen darf, das er einerntete.
Abwechselnd ging es eine Weile fort, auch wurde von einer Dame eine
Lieblingsarie vorgetragen, endlich aber, als die Reihe wieder an Kaysern kam,
legte er ein anmutiges Thema zum Grunde und variierte solches auf die
mannigfaltigste Weise.
Alles war gut vonstatten gegangen, als der Senator mir im Gesprch manches
Freundliche sagte, doch aber nicht bergen konnte und mit jener weichen
venezianischen Art halb bedauernd versicherte, er sei eigentlich von solchen
Variationen kein Freund, werde hingegen von den ausdrucksvollen Adagios seiner
Dame jederzeit ganz entzckt.
Nun will ich gerade nicht behaupten, da mir jene sehnschtigen Tne, die man im
Adagio und Largo hinzuziehen pflegt, jemals seien zuwider gewesen, doch aber
liebt' ich in der Musik immer mehr das Aufregende, da unsere eigenen Gefhle,
unser Nachdenken ber Verlust und Milingen uns nur allzuoft herabzuziehen und
zu berwltigen drohen.
Unserm Senator dagegen konnt' ich keineswegs verargen, ja ich mute ihm aufs
freundlichste gnnen, da er solchen Tnen gern sein Ohr lieh, die ihn
vergewisserten, er bewirte in dem herrlichsten Aufenthalte der Welt eine so sehr
geliebte und hochverehrte Freundin.
Fr uns andere, besonders deutsche Zuhrer blieb es ein unschtzbarer Genu, in
dem Augenblicke, wo wir eine treffliche, lngst gekannte verehrte Dame, in den
zartesten Tnen sich auf dem Flgel ergehend, vernehmen, zugleich hinab vom
Fenster in die einzigste Gegend von der Welt zu schauen und in dem Abendglanz
der Sonne mit weniger Wendung des Hauptes das groe Bild zu berblicken, das
sich linker Hand vom Bogen des Septimius Severus das Campo Vaccino entlang bis
zum Minerven- und Friedenstempel erstreckte, um dahinter das Koliseum
hervorschauen zu lassen, in dessen Gefolge man dann das Auge rechts wendend, an
den Bogen des Titus vorbeigleitend in dem Labyrinthe der palatinischen Trmmer
und ihrer durch Gartenkultur und wilde Vegetation geschmckten Einde sich zu
verwirren und zu verweilen hatte.
(Eine im Jahre 1824 von Fries und Thrmer gezeichnete und gestochene
nordwestliche bersicht von Rom, genommen von dem Turme des Kapitols, bitten wir
hiernchst zu berschauen; sie ist einige Stockwerke hher und nach den neueren
Ausgrabungen gefat, aber im Abendlichte und Beschattung, wie wir sie damals
gesehen, wobei denn freilich die glhende Farbe mit ihren schattig-blauen
Gegenstzen und allem dem Zauber, der daraus entspringt, hinzuzudenken wre.)
Sodann hatten wir in diesen Stunden als Glck zu schtzen, das herrlichste Bild,
welches Mengs vielleicht je gemalt hat, das Portrt Clemens' XIII. Rezzonico,
der unsern Gnner, den Senator, als Nepoten an diesen Posten gesetzt, mit Ruhe
zu beschauen, von dessen Wert ich zum Schlu eine Stelle aus dem Tagebuch
unseres Freundes anfhre:
Unter den von Mengs gemalten Bildnissen, da, wo seine Kunst sich am tchtigsten
bewhrte, ist das Bildnis des Papstes Rezzonico. Der Knstler hat in diesem Werk
die Venezianer im Kolorit und in der Behandlung nachgeahmt und sich eines
glcklichen Erfolgs zu erfreuen; der Ton des Kolorits ist wahr und warm und der
Ausdruck des Gesichtes belebt und geistreich; der Vorhang von Goldstoff, auf dem
sich der Kopf und das brige der Figur schn abheben, gilt fr ein gewagtes
Kunststck in der Malerei, gelang aber vortrefflich, indem das Bild dadurch ein
reiches harmonisches, unser Auge angenehm rhrendes Ansehn erhlt.

Mrz
Korrespondenz
Rom, den 1. Mrz.
Sonntags gingen wir in die Sixtinische Kapelle, wo der Papst mit den Kardinlen
der Messe beiwohnte. Da die letzteren wegen der Fastenzeit nicht rot, sondern
violett gekleidet waren, gab es ein neues Schauspiel. Einige Tage vorher hatte
ich Gemlde von Albert Drer gesehen und freute mich nun, so etwas im Leben
anzutreffen. Das Ganze zusammen war einzig gro und doch simpel, und ich wundere
mich nicht, wenn Fremde, die eben in der Karwoche, wo alles zusammentrifft,
hereinkommen, sich kaum fassen knnen. Die Kapelle selbst kenne ich recht gut,
ich habe vorigen Sommer drin zu Mittag gegessen und auf des Papstes Thron
Mittagsruhe gehalten und kann die Gemlde fast auswendig, und doch, wenn alles
beisammen ist, was zur Funktion gehrt, so ist es wieder was anders, und man
findet sich kaum wieder.
Es ward ein altes Motett, von einem Spanier Morales komponiert, gesungen, und
wir hatten den Vorschmack von dem, was nun kommen wird. Kayser ist auch der
Meinung, da man diese Musik nur hier hren kann und sollte, teils weil nirgends
Snger ohne Orgel und Instrument auf einen solchen Gesang gebt sein knnten,
teils weil er zum antiken Inventario der ppstlichen Kapelle und zu dem Ensemble
der Michelangelos, des jngsten Gerichts, der Propheten und biblischen
Geschichte einzig passe. Kayser wird dereinst ber alles dieses bestimmte
Rechnung ablegen. Er ist ein groer Verehrer der alten Musik und studiert sehr
fleiig alles, was dazu gehrt.
So haben wir eine merkwrdige Sammlung Psalmen im Hause; sie sind in
italienische Verse gebracht und von einem venezianischen Nobile, Benedetto
Marcello, zu Anfang dieses Jahrhunderts in Musik gesetzt. Er hat bei vielen die
Intonation der Juden, teils der spanischen, teils der deutschen, als Motiv
angenommen, zu andern hat er alte griechische Melodien zugrunde gelegt und sie
mit groem Verstand, Kunstkenntnis und Migkeit ausgefhrt. Sie sind teils als
Solo, Duett, Chor gesetzt und unglaublich original, ob man gleich sich erst
einen Sinn dazu machen mu. Kayser schtzt sie sehr und wird einige daraus
abschreiben. Vielleicht kann man einmal das ganze Werk haben, das Venedig 1724
gedruckt ist und die ersten fnfzig Psalmen enthlt. Herder soll doch
aufstellen, er sieht vielleicht in einem Katalogus dies interessante Werk.
Ich habe den Mut gehabt, meine drei letzten Bnde auf einmal zu berdenken, und
ich wei nun genau, was ich machen will; gebe nun der Himmel Stimmung und Glck,
es zu machen.
Es war eine reichhaltige Woche, die mir in der Erinnerung wie ein Monat
vorkommt.
Zuerst ward der Plan zu Faust gemacht, und ich hoffe, diese Operation soll mir
geglckt sein. Natrlich ist es ein ander Ding, das Stck jetzt oder vor
funfzehn Jahren ausschreiben, ich denke, es soll nichts dabei verlieren,
besonders da ich jetzt glaube, den Faden wieder gefunden zu haben. Auch was den
Ton des Ganzen betrifft, bin ich getrstet; ich habe schon eine neue Szene
ausgefhrt, und wenn ich das Papier ruchre, so, dcht' ich, sollte sie mir
niemand aus den alten herausfinden. Da ich durch die lange Ruhe und
Abgeschiedenheit ganz auf das Niveau meiner eignen Existenz zurckgebracht bin,
so ist es merkwrdig, wie sehr ich mir gleiche und wie wenig mein Innres durch
Jahre und Begebenheiten gelitten hat. Das alte Manuskript macht mir manchmal zu
denken, wenn ich es vor mir sehe. Es ist noch das erste, ja in den Hauptszenen
gleich so ohne Konzept hingeschrieben, nun ist es so gelb von der Zeit, so
vergriffen (die Lagen waren nie geheftet), so mrbe und an den Rndern
zerstoen, da es wirklich wie das Fragment eines alten Kodex aussieht, so da
ich, wie ich damals in eine frhere Welt mich mit Sinnen und Ahnden versetzte,
ich mich jetzt in eine selbst gelebte Vorzeit wieder versetzen mu.
Auch ist der Plan von Tasso in Ordnung und die vermischten Gedichte zum
letzten Bande meist ins Reine geschrieben. Des Knstlers Erdewallen soll neu
ausgefhrt und dessen Apotheose hinzugetan werden. Zu diesen Jugendeinfllen
habe ich nun erst die Studien gemacht, und alles Detail ist mir nun recht
lebendig. Ich freue mich auch darauf und habe die beste Hoffnung zu den drei
letzten Bnden, ich sehe sie im ganzen schon vor mir stehen und wnsche mir nur
Mue und Gemtsruhe, um nun Schritt vor Schritt das Gedachte auszufhren.
Zur Stellung der verschiedenen kleinen Gedichte habe ich mir deine Sammlungen
der Zerstreuten Bltter zum Muster dienen lassen und hoffe zur Verbindung so
disparater Dinge gute Mittel gefunden zu haben, wie auch eine Art, die allzu
individuellen und momentanen Stcke einigermaen geniebar zu machen.
Nach diesen Betrachtungen ist die neue Ausgabe von Mengsens Schriften ins Haus
gekommen, ein Buch, das mir jetzt unendlich interessant ist, weil ich die
sinnlichen Begriffe besitze, die notwendig vorausgehen mssen, um nur eine Zeile
des Werks recht zu verstehen. Es ist in allem Sinne ein trefflich Buch, man
liest keine Seite ohne entschiedenen Nutzen. Auch seinen Fragmenten ber die
Schnheit, welche manchem so dunkel scheinen, habe ich glckliche Erleuchtungen
zu danken.
Ferner habe ich allerlei Spekulationen ber Farben gemacht, welche mir sehr
anliegen, weil das der Teil ist, von dem ich bisher am wenigsten begriff. Ich
sehe, da ich mit einiger bung und anhaltendem Nachdenken auch diesen schnen
Genu der Weltoberflche mir werde zueignen knnen.
Ich war einen Morgen in der Galerie Borghese, welche ich in einem Jahr nicht
gesehen hatte, und fand zu meiner Freude, da ich sie mit viel verstndigern
Augen sah. Es sind unsgliche Kunstschtze in dem Besitz des Frsten.
Rom, den 7. Mrz.
Eine gute, reiche und stille Woche ist wieder vorbei. Sonntags versumten wir
die ppstliche Kapelle, dagegen sah' ich mit Angelika ein sehr schnes Gemlde,
das billig fr Correggio gehalten wird.
Ich sah die Sammlung der Akademie St. Luca, wo Raffaels Schdel ist. Diese
Reliquie scheint mir ungezweifelt. Ein trefflicher Knochenbau, in welchem eine
schne Seele bequem spazieren konnte. Der Herzog verlangt einen Abgu davon, den
ich wahrscheinlich werde verschaffen knnen. Das Bild, das von ihm gemalt ist
und in gleichem Saale hngt, ist seiner wert.

Aufgang zum Kapitol. Zeichnung von Verschaffelt

Auch habe ich das Kapitol wieder gesehen und einige andere Sachen, die mir
zurckblieben, vorzglich Cavaceppis Haus, das ich immer versumt hatte zu
sehen. Unter vielen kstlichen Sachen haben mich vorzglich ergtzt zwei Abgsse
der Kpfe von den Kolossalstatuen auf dem Monte Cavallo. Man kann sie bei
Cavaceppi in der Nhe in ihrer ganzen Gre und Schnheit sehn. Leider da der
beste durch Zeit und Witterung fast einen Strohhalm dick der glatten Oberflche
des Gesichts verloren hat und in der Nhe wie von Pocken bel zugerichtet
aussieht.
Heute waren die Exequien des Kardinal Visconti in der Kirche St. Carlo. Da die
ppstliche Kapelle zum Hochamt sang, gingen wir hin, die Ohren auf morgen recht
auszuwaschen. Es ward ein Requiem gesungen zu zwei Sopranen, das Seltsamste, was
man hren kann. NB. Auch dabei war weder Orgel noch andere Musik.
Welch ein leidig Instrument die Orgel sei, ist mir gestern abend in dem Chor von
St. Peter recht aufgefallen, man begleitete damit den Gesang bei der Vesper; es
verbindet sich so gar nicht mit der Menschenstimme und ist so gewaltig. Wie
reizend dagegen in der Sixtinischen Kapelle, wo die Stimmen allein sind.
Das Wetter ist seit einigen Tagen trbe und gelind. Der Mandelbaum hat
grtenteils verblht und grnt jetzt, nur wenige Blten sind auf den Gipfeln
noch zu sehen. Nun folgt der Pfirsichbaum, der mit seiner schnen Farbe die
Grten ziert. Viburnum Tinus blht auf allen Ruinen, die Attichbsche in den
Hecken sind alle ausgeschlagen und andere, die ich nicht kenne. Die Mauern und
Dcher werden nun grner, auf einigen zeigen sich Blumen. In meinem neuen
Kabinett, wohin ich zog, weil wir Tischbein von Neapel erwarten, habe ich eine
mannigfaltige Aussicht in unzhlige Grtchen und auf die hinteren Galerien
vieler Huser. Es ist gar zu lustig.
Ich habe angefangen, ein wenig zu modellieren. Was den Erkenntnispunkt betrifft,
gehe ich sehr rein und sicher fort, in Anwendung der ttigen Kraft bin ich ein
wenig konfus. So geht es mir wie allen meinen Brdern.
Rom, den 14. Mrz.
Die nchste Woche ist hier nichts zu denken noch zu tun, man mu dem Schwall der
Feierlichkeiten folgen. Nach Ostern werde ich noch einiges sehen, was mir
zurckblieb, meinen Faden ablsen, meine Rechnung machen, meinen Bndel packen
und mit Kaysern davonziehn. Wenn alles geht, wie ich wnsche und vorhabe, bin
ich Ende Aprils in Florenz. Inzwischen hrt ihr noch von mir.
Sonderbar war es, da ich auf uere Veranlassung verschiedene Maregeln nehmen
mute, welche mich in neue Verhltnisse setzten, wodurch mein Aufenthalt in Rom
immer schner, ntzlicher und glcklicher ward. Ja, ich kann sagen, da ich die
hchste Zufriedenheit meines Lebens in diesen letzten acht Wochen genossen habe
und nun wenigstens einen uersten Punkt kenne, nach welchem ich das Thermometer
meiner Existenz knftig abmessen kann.
Diese Woche hat sich ungeachtet des blen Wetters gut gehalten. Sonntags hrten
wir in der Sixtinischen Kapelle ein Motett von Palestrina. Dienstag wollte uns
das Glck, da man zu Ehren einer Fremden verschiedene Teile der Karwochsmusik
in einem Saale sang. Wir hrten sie also mit grter Bequemlichkeit und konnten
uns, da wir sie so oft am Klavier durchsangen, einen vorlufigen Begriff davon
machen. Es ist ein unglaublich groes simples Kunstwerk, dessen immer erneuerte
Darstellung sich wohl nirgends als an diesem Orte und unter diesen Umstnden
erhalten konnte. Bei nherer Betrachtung fallen freilich mancherlei
Handwerksburschentraditionen, welche die Sache wunderbar und unerhrt machen,
weg, mit allem dem bleibt es etwas Auerordentliches und ist ein ganz neuer
Begriff. Kayser wird dereinst Rechenschaft davon ablegen knnen. Er wird die
Vergnstigung erhalten, eine Probe in der Kapelle anzuhren, wozu sonst niemand
gelassen wird.
Ferner habe ich diese Woche einen Fu modelliert nach vorgngigem Studio der
Knochen und Muskeln und werde von meinem Meister gelobt. Wer den ganzen Krper
so durchgearbeitet htte, wre um ein gutes Teil klger; versteht sich in Rom,
mit allen Hlfsmitteln und dem mannigfaltigen Rat der Verstndigen. Ich habe
einen Skelettfu, eine schne auf die Natur gegossene Anatomie, ein halb Dutzend
der schnsten antiken Fe, einige schlechte, jene zur Nachahmung, diese zur
Warnung, und die Natur kann ich auch zu Rate ziehen, in jeder Villa, in die ich
trete, finde ich Gelegenheit, nach diesen Teilen zu sehen, Gemlde zeigen mir,
was Maler gedacht und gemacht haben. Drei, vier Knstler kommen tglich auf mein
Zimmer, deren Rat und Anmerkung ich nutze, unter welchen jedoch, genau besehen,
Heinrich Meyers Rat und Nachhlfe mich am meisten frdert. Wenn mit diesem Winde
auf diesem Elemente ein Schiff nicht von der Stelle kme, so mte es keine
Segel oder einen wahnsinnigen Steuermann haben. Bei der allgemeinen bersicht
der Kunst, die ich mir gemacht habe, war es mir sehr notwendig, nun mit
Aufmerksamkeit und Flei an einzelne Teile zu gehn. Es ist angenehm, auch im
Unendlichen vorwrts zu kommen.
Ich fahre fort, berall herumzugehen und vernachlssigte Gegenstnde zu
betrachten. So war ich gestern zum erstenmal in Raffaels Villa, wo er an der
Seite seiner Geliebten den Genu des Lebens aller Kunst und allem Ruhm vorzog.
Es ist ein heilig Monument. Der Frst Doria hat sie akquiriert und scheint sie
behandeln zu wollen, wie sie es verdient. Raffael hat seine Geliebte
achtundzwanzigmal auf die Wand portrtiert in allerlei Arten von Kleidern und
Kostme; selbst in den historischen Kompositionen gleichen ihr die Weiber. Die
Lage des Hauses ist sehr schn. Es wird sich artiger davon erzhlen lassen, als
sich's schreibt. Man mu das ganze Detail bemerken.
Dann ging ich in die Villa Albani und sah mich nur im allgemeinen darin um. Es
war ein herrlicher Tag. Heute nacht hat es sehr geregnet, jetzt scheint die
Sonne wieder, und vor meinem Fenster ist ein Paradies. Der Mandelbaum ist ganz
grn, die Pfirsichblten fangen schon an abzufallen, und die Zitronenblten
brechen auf dem Gipfel des Baumes auf.
Mein Abschied von hier betrbt drei Personen innigst. Sie werden nie wieder
finden, was sie an mir gehabt haben, ich verlasse sie mit Schmerzen. In Rom hab'
ich mich selbst zuerst gefunden, ich bin zuerst bereinstimmend mit mir selbst
glcklich und vernnftig geworden, und als einen solchen haben mich diese dreie
in verschiedenem Sinne und Grade gekannt, besessen und genossen.
Rom, den 22. Mrz.
Heute geh' ich nicht nach St. Peter und will ein Blttchen schreiben. Nun ist
auch die heilige Woche mit ihren Wundern und Beschwerden vorber, morgen nehmen
wir noch eine Benediktion auf uns, und dann wendet sich das Gemt ganz zu einem
andern Leben.
Ich habe durch Gunst und Mhe guter Freunde alles gesehen und gehrt, besonders
ist die Fuwaschung und die Speisung der Pilger nur durch groes Drngen und
Drcken zu erkaufen.
Die Kapellmusik ist undenkbar schn. Besonders das Miserere von Allegri und
die sogenannten Improperien, die Vorwrfe, welche der gekreuzigte Gott seinem
Volke macht. Sie werden Karfreitags frhe gesungen. Der Augenblick, wenn der
aller seiner Pracht entkleidete Papst vom Thron steigt, um das Kreuz anzubeten,
und alles brige an seiner Stelle bleibt, jedermann still ist, und das Chor
anfngt: Populus meus, quid feci tibi?, ist eine der schnsten unter allen
merkwrdigen Funktionen. Das soll nun alles mndlich ausgefhrt werden, und was
von Musik transportabel ist, bringt Kayser mit. Ich habe nach meinem Wunsch
alles, was an den Funktionen geniebar war, genossen und ber das brige meine
stillen Betrachtungen angestellt. Effekt, wie man zu sagen pflegt, hat nichts
auf mich gemacht, nichts hat mir eigentlich imponiert, aber bewundert hab' ich
alles, denn das mu man ihnen nachsagen, da sie die christlichen
berlieferungen vollkommen durchgearbeitet haben. Bei den ppstlichen
Funktionen, besonders in der Sixtinischen Kapelle, geschieht alles, was am
katholischen Gottesdienste sonst unerfreulich erscheint, mit groem Geschmack
und vollkommner Wrde. Es kann aber auch nur da geschehen, wo seit Jahrhunderten
alle Knste zu Gebote standen.
Das Einzelne davon wrde jetzt nicht zu erzhlen sein. Htte ich nicht in der
Zwischenzeit auf jene Veranlassung wieder stille gehalten und an ein lngeres
Bleiben geglaubt, so knnt' ich nchste Woche fort. Doch auch das gereicht mir
zum besten. Ich habe diese Zeit wieder viel studiert, und die Epoche, auf die
ich hoffte, hat sich geschlossen und gerndet. Es ist zwar immer eine sonderbare
Empfindung, eine Bahn, auf der man mit starken Schritten fortgeht, auf einmal zu
verlassen, doch mu man sich darein finden und nicht viel Wesens machen. In
jeder groen Trennung liegt ein Keim von Wahnsinn, man mu sich hten, ihn
nachdenklich auszubrten und zu pflegen.
Schne Zeichnungen hab' ich von Neapel erhalten, von Kniep, dem Maler, der mich
nach Sizilien begleitet hat. Es sind schne liebliche Frchte meiner Reise und
fr euch die angenehmsten; denn was man einem vor die Augen bringen kann, gibt
man ihm am sichersten. Einige drunter sind, dem Ton der Farbe nach, ganz
kstlich geraten, und ihr werdet kaum glauben, da jene Welt so schn ist.
Soviel kann ich sagen, da ich in Rom immer glcklicher geworden bin, da noch
mit jedem Tage mein Vergngen wchst; und wenn es traurig scheinen mchte, da
ich eben scheiden soll, da ich am meisten verdiente, zu bleiben, so ist es doch
wieder eine groe Beruhigung, da ich so lang habe bleiben knnen, um auf den
Punkt zu gelangen.
Soeben steht der Herr Christus mit entsetzlichem Lrm auf. Das Kastell feuert
ab, alle Glocken luten, und an allen Ecken und Enden hrt man Petarden,
Schwrmer und Lauffeuer. Um eilf Uhr morgens.

Bericht
Mrz
Es ist uns erinnerlich, wie Philippus Neri den Besuch der sieben Hauptkirchen
Roms sich fters zur Pflicht gemacht und dadurch von der Inbrunst seiner Andacht
einen deutlichen Beweis gegeben. Hier nun aber ist zu bemerken, da eine
Wallfahrt zu gedachten Kirchen von jedem Pilger, der zum Jubilum herankommt,
notwendig gefordert wird und wirklich wegen der weitentfernten Lage dieser
Stationen, insofern der Weg an einem Tage zurckgelegt werden soll, einer
abermaligen anstrengenden Reise wohl gleichzuachten ist.
Jene sieben Kirchen aber sind: St. Peter, Santa Maria Maggiore, San Lorenzo
auer den Mauern, San Sebastian, San Johann im Lateran, Santa Croce in
Jerusalem, San Paul vor den Mauern.
Einen solchen Umgang nun vollfhren auch einheimische fromme Seelen in der
Karwoche, besonders am Karfreitag. Da man aber zu dem geistlichen Vorteil,
welchen die Seelen durch den damit verknpften Abla erwerben und genieen, noch
einen leiblichen Genu hinzugetan, so wird in solcher Hinsicht Ziel und Zweck
noch reizender.
Wer nmlich nach vollbrachter Wallfahrt mit gehrigen Zeugnissen zum Tore von
San Paul endlich wieder hereintritt, erhlt daselbst ein Billet, um an einem
frommen Volksfeste in der Villa Mattei an bestimmten Tagen teilnehmen zu knnen.
Dort erhalten die Eingelassenen eine Kollation von Brot, Wein, etwas Kse oder
Eiern; die Genieenden sind dabei im Garten umher gelagert, vornehmlich in dem
kleinen daselbst befindlichen Amphitheater. Gegenber in dem Kasino der Villa
findet sich die hhere Gesellschaft zusammen; Kardinle, Prlaten, Frsten und
Herren, um sich an dem Anblick zu ergtzen und somit auch ihren Teil an der
Spende, von der Familie Mattei gestiftet, hinzunehmen.
Wir sahen eine Prozession von etwa zehn- bis zwlfjhrigen Knaben herankommen,
nicht im geistlichen Gewand, sondern wie es etwa Handwerkslehrlingen am Festtage
zu erscheinen geziemen mchte, in Kleidern gleicher Farbe, gleichen Schnitts,
paarweise, es konnten ihrer vierzig sein. Sie sangen und sprachen ihre Litaneien
fromm vor sich hin und wandelten still und zchtig.
Ein alter Mann von krftigem handwerksmigen Ansehn ging an ihnen her und
schien das Ganze zu ordnen und zu leiten. Auffallend war es, die vorberziehende
wohlgekleidete Reihe durch ein halb Dutzend bettelhafte, barfu und zerlumpt
einhergehende Kinder geschlossen zu sehen welche jedoch in gleicher Zucht und
Sitte dahinwandelten. Erkundigung deshalb gab uns zu vernehmen: Dieser Mann, ein
Schuster von Profession und kinderlos, habe sich frher bewogen gefhlt, einen
armen Knaben auf- und in die Lehre zu nehmen, mit Beistand von Wohlwollenden ihn
zu kleiden und weiterzubringen. Durch ein solches gegebenes Beispiel sei es ihm
gelungen, andere Meister zu gleicher Aufnahme von Kindern zu bewegen, die er
ebenfalls zu befrdern alsdann besorgt gewesen. Auf diese Weise habe sich ein
kleines Huflein gesammelt, welches er zu gottesfrchtigen Handlungen, um den
schdlichen Miggang an Sonn- und Feiertagen zu verhten, ununterbrochen
angehalten, ja sogar den Besuch der weit auseinander liegenden Hauptkirchen an
einem Tage von ihnen gefordert. Auf diese Weise nun sei diese fromme Anstalt
immer gewachsen; er verrichte seine verdienstlichen Wanderungen nach wie vor,
und weil sich zu einer so augenfllig nutzbaren Anstalt immer mehr hinzudrngen,
als aufgenommen werden knnten, so bediene er sich des Mittels, um die
allgemeine Wohlttigkeit zu erregen, da er die noch zu versorgenden, zu
bekleidenden Kinder seinem Zuge anschliee, da es ihm denn jedesmal gelinge, zur
Versorgung eines und des andern hinreichende Spende zu erhalten.
Whrend wir uns hievon unterrichteten, war einer der lteren und bekleideten
Knaben auch in unsere Nhe gekommen, bot uns einen Teller und verlangte mit
gutgesetzten Worten fr die nackten und sohlenlosen bescheiden eine Gabe. Er
empfing sie nicht nur von uns gerhrten Fremden reichlich, sondern auch von den
anstehenden sonst pfennigkargen Rmern und Rmerinnen, die einer migen Spende
mit viel Worten segnender Anerkennung jenes Verdienstes noch ein frommes Gewicht
beizufgen nicht unterlieen.
Man wollte wissen, da der fromme Kindervater jedesmal seine Pupillen an jener
Spende teilnehmen lasse, nachdem sie sich durch vorhergegangene Wanderung
erbaut, wobei es denn niemals an leidlicher Einnahme zu seinem edlen Zwecke
fehlen kann.

ber die bildende Nachahmung des Schnen
von Karl Philipp Moritz. Braunschweig 1788.
Unter diesem Titel ward ein Heft von kaum vier Bogen gedruckt, wozu Moritz das
Manuskript nach Deutschland geschickt hatte, um seinen Verleger ber den
Vorschu einer Reisebeschreibung nach Italien einigermaen zu beschwichtigen.
Freilich war eine solche nicht so leicht als die einer abenteuerlichen
Fuwanderung durch England niederzuschreiben.
Gedachtes Heft aber darf ich nicht unerwhnt lassen; es war aus unsern
Unterhaltungen hervorgegangen, welche Moritz nach seiner Art benutzt und
ausgebildet. Wie es nun damit auch sei, so kann es geschichtlich einiges
Interesse haben, um daraus zu ersehen, was fr Gedanken sich in jener Zeit vor
uns auftaten, welche, spterhin entwickelt, geprft, angewendet und verbreitet,
mit der Denkweise des Jahrhunderts glcklich zusammentrafen.
Einige Bltter aus der Mitte des Vortrags mgen hier eingeschaltet stehen,
vielleicht nimmt man hievon Veranlassung, das Ganze wieder abzudrucken.
Der Horizont der ttigen Kraft aber mu bei dem bildenden Genie so weit wie die
Natur selber sein: das heit, die Organisation mu so fein gewebt sein und so
unendlich viele Berhrungspunkte der allumstrmenden Natur darbieten, da
gleichsam die uersten Enden von allen Verhltnissen der Natur im groen, hier
im kleinen sich nebeneinander stellend, Raum genug haben, um sich einander nicht
verdrngen zu drfen.
Wenn nun eine Organisation von diesem feinern Gewebe bei ihrer vlligen
Entwicklung auf einmal in der dunklen Ahndung ihrer ttigen Kraft ein Ganzes
fat, das weder in ihr Auge noch in ihr Ohr, weder in ihre Einbildungskraft noch
in ihre Gedanken kam, so mu notwendig eine Unruhe, ein Miverhltnis zwischen
den sich wgenden Krften so lange entstehen, bis sie wieder in ihr
Gleichgewicht kommen.
Bei einer Seele, deren blo ttige Kraft schon das edle groe Ganze der Natur in
dunkler Ahndung fat, kann die deutlich erkennende Denkkraft, die noch lebhafter
darstellende Einbildungskraft und der am hellsten spiegelnde ure Sinn mit der
Betrachtung des einzelnen im Zusammenhange der Natur sich nicht mehr begngen.
Alle die in der ttigen Kraft blo dunkel geahndeten Verhltnisse jenes groen
Ganzen mssen notwendig auf irgendeine Weise entweder sichtbar, hrbar oder doch
der Einbildungskraft fabar werden; und um dies zu werden, mu die Tatkraft,
worin sie schlummern, sie nach sich selber, aus sich selber bilden. - Sie mu
alle jene Verhltnisse des groen Ganzen und in ihnen das hchste Schne wie an
den Spitzen seiner Strahlen in einen Brennpunkt fassen. - Aus diesem Brennpunkte
mu sich nach des Auges gemessener Weite ein zartes und doch getreues Bild des
hchsten Schnen rnden, das die vollkommensten Verhltnisse des groen Ganzen
der Natur ebenso wahr und richtig wie sie selbst in seinem kleinen Umfang fat.
Weil nun aber dieser Abdruck des hchsten Schnen notwendig an etwas haften mu,
so whlt die bildende Kraft, durch ihre Individualitt bestimmt, irgendeinen
sichtbaren, hrbaren oder doch der Einbildungskraft fabaren Gegenstand, auf den
sie den Abglanz des hchsten Schnen im verjngenden Mastabe bertrgt. - Und
weil dieser Gegenstand wiederum, wenn er wirklich, was er darstellt, wre, mit
dem Zusammenhange der Natur, die auer sich selber kein wirklich eigenmchtiges
Ganze duldet, nicht ferner bestehen knnte, so fhret uns dies auf den Punkt, wo
wir schon einmal waren: da jedesmal das innre Wesen erst in die Erscheinung
sich verwandeln msse, ehe es durch die Kunst zu einem fr sich bestehenden
Ganzen gebildet werden und ungehindert die Verhltnisse des groen Ganzen der
Natur in ihrem vlligen Umfange spiegeln kann.
Da nun aber jene groen Verhltnisse, in deren vlligem Umfange eben das Schne
liegt, nicht mehr unter das Gebiet der Denkkraft fallen, so kann auch der
lebendige Begriff von der bildenden Nachahmung des Schnen nur im Gefhl der
ttigen Kraft, die es hervorbringt, im ersten Augenblick der Entstehung
stattfinden, wo das Werk, als schon vollendet, durch alle Grade seines
allmhlichen Werdens in dunkler Ahndung auf einmal vor die Seele tritt und in
diesem Moment der ersten Erzeugung gleichsam vor seinem wirklichen Dasein da
ist; wodurch alsdann auch jener unnennbare Reiz entsteht, welcher das schaffende
Genie zur immerwhrenden Bildung treibt.
Durch unser Nachdenken ber die bildende Nachahmung des Schnen, mit dem reinen
Genu der schnen Kunstwerke selbst vereint, kann zwar etwas jenem lebendigen
Begriff Nherkommendes in uns entstehen, das den Genu der schnen Kunstwerke
uns erhht. - Allein da unser hchster Genu des Schnen dennoch sein Werden auf
unsrer eignen Kraft unmglich mit in sich fassen kann, so bleibt der einzige
hchste Genu desselben immer dem schaffenden Genie, das es hervorbringt,
selber, und das Schne hat daher seinen hchsten Zweck in seiner Entstehung, in
seinem Werden schon erreicht; unser Nachgenu desselben ist nur eine Folge
seines Daseins - und das bildende Genie ist daher im groen Plane der Natur
zuerst um sein selbst, und dann erst um unsertwillen da; weil es nun einmal
auer ihm noch Wesen gibt, die selbst nicht schaffen und bilden, aber doch das
Gebildete, wenn es einmal hervorgebracht ist, mit ihrer Einbildungskraft
umfassen knnen.
Die Natur des Schnen besteht ja eben darin, da sein innres Wesen auer den
Grenzen der Denkkraft, in seiner Entstehung, in seinem eignen Werden liegt. Eben
darum, weil die Denkkraft beim Schnen nicht mehr fragen kann, warum es schn
sei, ist es schn. - Denn es mangelt ja der Denkkraft vllig an einem
Vergleichungspunkte, wornach sie das Schne beurteilen und betrachten knnte.
Was gibt es noch fr einen Vergleichungspunkt fr das echte Schne, als mit dem
Inbegriff aller harmonischen Verhltnisse des groen Ganzen der Natur, die keine
Denkkraft umfassen kann? Alles einzelne, hin und her in der Natur zerstreute
Schne ist ja nur insofern schn, als sich dieser Inbegriff aller Verhltnisse
jenes groen Ganzen mehr oder weniger darin offenbart. Es kann also nie zum
Vergleichungspunkte fr das Schne der bildenden Knste, ebensowenig als der
wahren Nachahmung des Schnen zum Vorbilde dienen; weil das hchste Schne im
Einzelnen der Natur immer noch nicht schn genug fr die stolze Nachahmung der
groen und majesttischen Verhltnisse des allumfassenden Ganzen der Natur ist.
Das Schne kann daher nicht erkannt, es mu hervorgebracht - oder empfunden
werden.
Denn weil in gnzlicher Ermangelung eines Vergleichungspunktes einmal das Schne
kein Gegenstand der Denkkraft ist, so wrden wir, insofern wir es nicht selbst
hervorbringen knnen, auch seines Genusses ganz entbehren mssen, indem wir uns
nie an etwas halten knnten, dem das Schne nher kme als das Minderschne -
wenn nicht etwas die Stelle der hervorbringenden Kraft in uns ersetzte, das ihr
so nahe wie mglich kmmt, ohne doch sie selbst zu sein: - dies ist nun, was wir
Geschmack oder Empfindungsfhigkeit fr das Schne nennen, die, wenn sie in
ihren Grenzen bleibt, den Mangel des hhern Genusses bei der Hervorbringung des
Schnen durch die ungestrte Ruhe der stillen Betrachtung ersetzen kann.
Wenn nmlich das Organ nicht fein genug gewebt ist, um dem einstrmenden Ganzen
der Natur so viele Berhrungspunkte darzubieten, als ntig sind, um alle ihre
groen Verhltnisse vollstndig im kleinen abzuspiegeln, und uns noch ein Punkt
zum vlligen Schlu des Zirkels fehlt, so knnen wir statt der Bildungskraft nur
Empfindungsfhigkeit fr das Schne haben: jeder Versuch, es auer uns wieder
darzustellen, wrde uns milingen und uns desto unzufriedner mit uns selber
machen, je nher unser Empfindungsvermgen fr das Schne an das uns mangelnde
Bildungsvermgen grenzt.
Weil nmlich das Wesen des Schnen eben in seiner Vollendung in sich selbst
besteht, so schadet ihm der letzte fehlende Punkt so viel als tausend, denn er
verrckt alle brigen Punkte aus der Stelle, in welche sie gehren. - Und ist
dieser Vollendungspunkt einmal verfehlt, so verlohnt ein Werk der Kunst nicht
der Mhe des Anfangs und der Zeit seines Werdens; es fllt unter das Schlechte
bis zum Unntzen herab, und sein Dasein mu notwendig durch die Vergessenheit,
worin es sinkt, sich wieder aufheben.
Ebenso schadet auch dem in das feinere Gewebe der Organisation gepflanzten
Bildungsvermgen der letzte zu seiner Vollstndigkeit fehlende Punkt so viel als
tausend. Der hchste Wert, den es als Empfindungsvermgen haben knnte, kmmt
bei ihm als Bildungskraft ebensowenig wie der geringste in Betrachtung. Auf dem
Punkte, wo das Empfindungsvermgen seine Grenzen berschreitet, mu es notwendig
unter sich selber sinken, sich aufheben und vernichten.
Je vollkommener das Empfindungsvermgen fr eine gewisse Gattung des Schnen
ist, um desto mehr ist es in Gefahr, sich zu tuschen, sich selbst fr
Bildungskraft zu nehmen und auf die Weise durch tausend milungene Versuche
seinen Frieden mit sich selbst zu stren.
Es blickt z. B. beim Genu des Schnen in irgendeinem Werke der Kunst zugleich
durch das Werden desselben in die bildende Kraft, die es schuf, hindurch; und
ahndet dunkel den hhern Grad des Genusses eben dieses Schnen im Gefhl dieser
Kraft, die mchtig genug war, es aus sich selbst hervorzubringen.
Um sich nun diesen hhern Grad des Genusses, welchen sie an einem Werke, das
einmal schon da ist, unmglich haben kann, auch zu verschaffen, strebt die
einmal zu lebhaft gerhrte Empfindung vergebens, etwas hnliches aus sich selbst
hervorzubringen, hat ihr eignes Werk, verwirft es und verleidet sich zugleich
den Genu alle des Schnen, das auer ihr schon da ist, und woran sie nun eben
deswegen, weil es ohne ihr Zutun da ist, keine Freude findet.
Ihr einziger Wunsch und Streben ist, des ihr versagten hhern Genusses, den sie
nur dunkel ahndet, teilhaftig zu werden: in einem schnen Werke, das ihr sein
Dasein dankt, mit dem Bewutsein von eigner Bildungskraft sich selbst zu
spiegeln. -
Allein sie wird ihres Wunsches ewig nicht gewhrt, weil Eigennutz ihn erzeugte
und das Schne sich nur um sein selbst willen von der Hand des Knstlers greifen
und willig und folgsam von ihm sich bilden lt.
Wo sich nun in den schaffenwollenden Bildungstrieb sogleich die Vorstellung vom
Genu des Schnen mischt, den es, wenn es vollendet ist, gewhren soll; und wo
diese Vorstellung der erste und strkste Antrieb unsrer Tatkraft wird, die sich
zu dem, was sie beginnt, nicht in und durch sich selbst gedrungen fhlt, da ist
der Bildungstrieb gewi nicht rein: der Brennpunkt oder Vollendungspunkt des
Schnen fllt in die Wirkung ber das Werk hinaus; die Strahlen gehen
auseinander; das Werk kann sich nicht in sich selber rnden.
Dem hchsten Genu des aus sich selbst hervorgebrachten Schnen sich so nah zu
dnken und doch darauf Verzicht zu tun, scheint freilich ein harter Kampf - der
dennoch uerst leicht wird, wenn wir aus diesem Bildungstriebe, den wir uns
einmal zu besitzen schmeicheln, um doch sein Wesen zu veredeln, jede Spur des
Eigennutzes, die wir noch finden, tilgen und jede Vorstellung des Genusses, den
uns das Schne, das wir hervorbringen wollen, wenn es nun da sein wird, durch
das Gefhl unsrer eignen Kraft gewhren soll, soviel wie mglich zu verbannen
suchen, so da, wenn wir auch mit dem letzten Atemzuge es erst vollenden
knnten, es dennoch zu vollenden strebten. -
Behlt alsdann das Schne, das wir ahnden, blo an und fr sich selbst, in
seiner Hervorbringung, noch Reiz genug, unsre Tatkraft zu bewegen, so drfen wir
getrost unserm Bildungstriebe folgen, weil er echt und rein ist. -
Verliert sich aber mit der gnzlichen Hinwegdenkung des Genusses und der Wirkung
auch der Reiz, so bedarf es ja keines Kampfes weiter, der Frieden in uns ist
hergestellt, und das nun wieder in seine Rechte getretene Empfindungsvermgen
erffnet sich zum Lohne fr sein bescheidnes Zurcktreten in seine Grenzen dem
reinsten Genu des Schnen, der mit der Natur seines Wesens bestehen kann.
Freilich kann nun der Punkt, wo Bildungs- und Empfindungskraft sich scheidet, so
uerst leicht verfehlt und berschritten werden, da es gar nicht zu verwundern
ist, wenn immer tausend falsche, angemate Abdrcke des hchsten Schnen gegen
einen echten durch den falschen Bildungstrieb in den Werken der Kunst entstehen.
Denn da die echte Bildungskraft sogleich bei der ersten Entstehung ihres Werks
auch schon den ersten, hchsten Genu desselben als ihren sichern Lohn in sich
selber trgt und sich nur dadurch von dem falschen Bildungstriebe unterscheidet,
da sie den allerersten Moment ihres Anstoes durch sich selber und nicht durch
die Ahndung des Genusses von ihrem Werke erhlt; und weil in diesem Moment der
Leidenschaft die Denkkraft selbst kein richtiges Urteil fllen kann, so ist es
fast unmglich, ohne eine Anzahl milungner Versuche dieser Selbsttuschung zu
entkommen.
Und selbst auch diese milungnen Versuche sind noch nicht immer ein Beweis von
Mangel an Bildungskraft, weil diese selbst da, wo sie echt ist, oft eine ganz
falsche Richtung nimmt, indem sie vor ihre Einbildungskraft stellen will, was
vor ihr Auge, oder vor ihr Auge, was vor ihr Ohr gehrt.
Eben weil die Natur die inwohnende Bildungskraft nicht immer zur vlligen Reife
und Entwicklung kommen oder sie einen falschen Weg einschlagen lt, auf dem sie
sich nie entwickeln kann, so bleibt das echte Schne selten.
Und weil sie auch aus dem angematen Bildungstriebe das Gemeine und Schlechte
ungehindert entstehen lt, so unterscheidet sich eben dadurch das echte Schne
und Edle durch seinen seltenen Wert vom Schlechten und Gemeinen.
In dem Empfindungsvermgen bleibt also stets die Lcke, welche nur durch das
Resultat der Bildungskraft sich ausfllt. - Bildungskraft und
Empfindungsfhigkeit verhalten sich zueinander wie Mann und Weib. Denn auch die
Bildungskraft ist bei der ersten Entstehung ihres Werks im Moment des hchsten
Genusses zugleich Empfindungsfhigkeit und erzeugt wie die Natur den Abdruck
ihres Wesens aus sich selber.
Empfindungsvermgen sowohl als Bildungskraft sind also in dem feinern Gewebe der
Organisation gegrndet, insofern dieselbe in allen ihren Berhrungspunkten von
den Verhltnissen des groen Ganzen der Natur ein vollstndiger oder doch fast
vollstndiger Abdruck ist.
Empfindungskraft sowohl als Bildungskraft umfassen mehr als Denkkraft, und die
ttige Kraft, worin sich beide grnden, fat zugleich auch alles, was die
Denkkraft fat, weil sie von allen Begriffen, die wir je haben knnen, die
ersten Anlsse, stets sie aus sich herausspinnend, in sich trgt.
Insofern nun diese ttige Kraft alles, was nicht unter das Gebiet der Denkkraft
fllt, hervorbringend in sich fat, heiet sie Bildungskraft: und insofern sie
das, was auer den Grenzen der Denkkraft liegt, der Hervorbringung sich
entgegenneigend, in sich begreift, heit sie Empfindungskraft.
Bildungskraft kann nicht ohne Empfindung und ttige Kraft, die blo ttige Kraft
hingegen kann ohne eigentliche Empfindungs- und Bildungskraft, wovon sie nur die
Grundlage ist, fr sich allein stattfinden.
Insofern nun diese blo ttige Kraft ebenfalls in dem feinern Gewebe der
Organisation sich grndet, darf das Organ nur berhaupt in allen seinen
Berhrungspunkten ein Abdruck der Verhltnisse des groen Ganzen sein, ohne da
eben der Grad der Vollstndigkeit erfordert wrde, welche die Empfindungs- und
Bildungskraft voraussetzt.
Von den Verhltnissen des groen Ganzen, das uns umgibt, treffen nmlich immer
so viele in allen Berhrungspunkten unsres Organs zusammen, da wir dies groe
Ganze dunkel in uns fhlen, ohne es doch selbst zu sein. Die in unser Wesen
hineingesponnenen Verhltnisse jenes Ganzen streben, sich nach allen Seiten
wieder auszudehnen; das Organ wnscht sich nach allen Seiten bis ins Unendliche
fortzusetzen. Es will das umgebende Ganze nicht nur in sich spiegeln, sondern,
soweit es kann, selbst dies umgebende Ganze sein.
Daher ergreift jede hhere Organisation ihrer Natur nach die ihr untergeordnete
und trgt sie in ihr Wesen ber. Die Pflanze den unorganisierten Stoff durch
bloes Werden und Wachsen; das Tier die Pflanzen durch Werden, Wachsen und
Genu; der Mensch verwandelt nicht nur Tier und Pflanze durch Werden, Wachsen
und Genu in sein innres Wesen, sondern fat zugleich alles, was seiner
Organisation sich unterordnet, durch die unter allen am hellsten geschliffne,
spiegelnde Oberflche seines Wesens, in den Umfang seines Daseins auf und stellt
es, wenn sein Organ sich bildend in sich selbst vollendet, verschnert auer
sich wieder dar.
Wo nicht, so mu er das, was um ihn her ist, durch Zerstrung in den Umfang
seines wirklichen Daseins ziehn und verheerend um sich greifen, so weit er kann,
da einmal die reine unschuldige Beschauung seinen Durst nach ausgedehntem
wirklichem Dasein nicht ersetzen kann.

April
Korrespondenz
Rom, den 10. April.
Noch bin ich in Rom mit dem Leibe, nicht mit der Seele. Sobald der Entschlu
fest war, abzugehen, hatte ich auch kein Interesse mehr, und ich wre lieber
schon vierzehn Tage fort. Eigentlich bleibe ich noch um Kaysers willen und um
Burys willen. Ersterer mu noch einige Studien absolvieren, die er nur hier in
Rom machen kann, noch einige Musikalien sammeln; der andere mu noch die
Zeichnung zu einem Gemlde nach meiner Erfindung ins reine bringen, dabei er
meines Rats bedarf.
Doch hab' ich den 21. oder 22. April zur Abreise festgesetzt.
Rom den 11. April.
Die Tage vergehn, und ich kann nichts mehr tun. Kaum mag ich noch etwas sehen;
mein ehrlicher Meyer steht mir noch bei, und ich geniee noch zuletzt seines
unterrichtenden Umgangs. Htte ich Kaysern nicht bei mir, so htte ich jenen
mitgebracht. Wenn wir ihn nur ein Jahr gehabt htten, so wren wir weit genug
gekommen. Besonders htte er bald ber alle Skrupel im Kpfezeichnen
hinausgeholfen.
Ich war mit meinem guten Meyer diesen Morgen in der franzsischen Akademie, wo
die Abgsse der besten Statuen des Altertums beisammenstehn. Wie knnt' ich
ausdrcken, was ich hier wie zum Abschied empfand? In solcher Gegenwart wird man
mehr, als man ist; man fhlt, das Wrdigste, womit man sich beschftigen sollte,
sei die menschliche Gestalt, die man hier in aller mannigfaltigen Herrlichkeit
gewahr wird. Doch wer fhlt bei einem solchen Anblick nicht alsobald, wie
unzulnglich er sei; selbst vorbereitet steht man wie vernichtet. Hatte ich doch
Proportion, Anatomie, Regelmigkeit der Bewegung mir einigermaen zu
verdeutlichen gesucht, hier aber fiel mir nur zu sehr auf, da die Form zuletzt
alles einschliee, der Glieder Zweckmigkeit, Verhltnis, Charakter und
Schnheit.
Rom, den 14. April.
Die Verwirrung kann wohl nicht grer werden! Indem ich nicht ablie, an jenem
Fu fortzumodellieren, ging mir auf, da ich nunmehr Tasso unmittelbar
angreifen mte, zu dem sich denn auch meine Gedanken hinwendeten, ein
willkommener Gefhrte zur bevorstehenden Reise. Dazwischen wird eingepackt, und
man sieht in solchem Augenblicke erst, was man alles um sich versammelt und
zusammengeschleppt hat.

Bericht
April
Meine Korrespondenz der letzten Wochen bietet wenig Bedeutendes; meine Lage war
zu verwickelt zwischen Kunst und Freundschaft, zwischen Besitz und Bestreben,
zwischen einer gewohnten Gegenwart und einer wieder neu anzugewhnenden Zukunft.
In diesen Zustnden konnten meine Briefe wenig enthalten; die Freude, meine
alten geprften Freunde wiederzusehen, war nur mig ausgesprochen, der Schmerz
des Loslsens dagegen kaum verheimlicht. Ich fasse daher in gegenwrtigen
nachtrglichen Bericht manches zusammen und nehme nur das auf, was aus jener
Zeit mir teils durch andere Papiere und Denkmale bewahrt, teils in der
Erinnerung wieder hervorzurufen ist.
Tischbein verweilte noch immer in Neapel, ob er schon seine Zurckkunft im
Frhling wiederholt angekndigt hatte. Es war sonst mit ihm gut leben, nur ein
gewisser Tik ward auf die Lnge beschwerlich. Er lie nmlich alles, was er zu
tun vorhatte, in einer Art Unbestimmtheit, wodurch er oft ohne eigentlich bsen
Willen andere zu Schaden und Unlust brachte. So erging es mir nun auch in diesem
Falle; ich mute, wenn er zurckkehrte, um uns alle bequem logiert zu sehen, das
Quartier verndern, und da die obere Etage unsers Hauses eben leer ward, sumte
ich nicht, sie zu mieten und sie zu beziehen, damit er bei seiner Ankunft in der
untern alles bereit fnde.
Die oberen Rume waren den unteren gleich, die hintere Seite jedoch hatte den
Vorteil einer allerliebsten Aussicht ber den Hausgarten und die Grten der
Nachbarschaft, welche, da unser Haus ein Eckhaus war, sich nach allen Seiten
ausdehnte.
Hier sah man nun die verschiedensten Grten, regelmig durch Mauern getrennt,
in unendlicher Mannigfaltigkeit gehalten und bepflanzt; dieses grnende und
blhende Paradies zu verherrlichen, trat berall die einfach edle Baukunst
hervor: Gartensle, Balkone, Terrassen, auch auf den hhern Hinterhuschen eine
offne Loge, dazwischen alle Baum- und Pflanzenarten der Gegend.
In unserm Hausgarten versorgte ein alter Weltgeistlicher eine Anzahl
wohlgehaltener Zitronenbume von miger Hhe in verzierten Vasen von gebrannter
Erde, welche im Sommer der freien Luft genossen, im Winter jedoch im Gartensaale
verwahrt standen. Nach vollkommen geprfter Reife wurden die Frchte sorgfltig
abgenommen, jede einzeln in weiches Papier gewickelt, so zusammengepackt und
versendet. Sie sind wegen besonderer Vorzge im Handel beliebt. Eine solche
Orangerie wird als ein kleines Kapital in brgerlichen Familien betrachtet,
wovon man alle Jahre die gewissen Interessen zieht.
Dieselbigen Fenster, aus welchen man so viel Anmut beim klarsten Himmel
ungestrt betrachtete, gaben auch ein vortreffliches Licht zu Beschauung
malerischer Kunstwerke. Soeben hatte Kniep verschiedene Aquarellzeichnungen,
ausgefhrt nach Umrissen, die er auf unsrer Reise durch Sizilien sorgfltig zog,
verabredetermaen eingesendet, die nunmehr bei dem gnstigsten Licht allen
Teilnehmenden zu Freude und Bewunderung gereichten. Klarheit und luftige Haltung
ist vielleicht in dieser Art keinem besser gelungen als ihm, der sich mit
Neigung gerade hierauf geworfen hatte. Die Ansicht dieser Bltter bezauberte
wirklich, denn man glaubte, die Feuchte des Meers, die blauen Schatten der
Felsen, die gelbrtlichen Tne der Gebirge, das Verschweben der Ferne in dem
glanzreichsten Himmel wieder zu sehen, wieder zu empfinden. Aber nicht allein
diese Bltter erschienen in solchem Grade gnstig, jedes Gemlde, auf dieselbe
Staffelei, an denselben Ort gestellt, erschien wirksamer und auffallender; ich
erinnere mich, da einigemal, als ich ins Zimmer trat, mir ein solches Bild wie
zauberisch entgegenwirkte.
Das Geheimnis einer gnstigen oder ungnstigen, direkten oder indirekten
atmosphrischen Beleuchtung war damals noch nicht entdeckt, sie selbst aber
durchaus gefhlt, angestaunt und als nur zufllig und unerklrbar betrachtet.
Diese neue Wohnung gab nun Gelegenheit, eine Anzahl von Gipsabgssen, die sich
nach und nach um uns gesammelt hatten, in freundlicher Ordnung und gutem Lichte
aufzustellen, und man geno jetzt erst eines hchst wrdigen Besitzes. Wenn man,
wie in Rom der Fall ist, sich immerfort in Gegenwart plastischer Kunstwerke der
Alten befindet, so fhlt man sich wie in Gegenwart der Natur vor einem
Unendlichen, Unerforschlichen. Der Eindruck des Erhabenen, des Schnen, so
wohlttig er auch sein mag, beunruhigt uns, wir wnschen unsre Gefhle, unsre
Anschauung in Worte zu fassen: dazu mten wir aber erst erkennen, einsehen,
begreifen; wir fangen an zu sondern, zu unterscheiden, zu ordnen, und auch
dieses finden wir, wo nicht unmglich, doch hchst schwierig, und so kehren wir
endlich zu einer schauenden und genieenden Bewunderung zurck.
berhaupt aber ist dies die entschiedenste Wirkung aller Kunstwerke, da sie uns
in den Zustand der Zeit und der Individuen versetzen, die sie hervorbrachten.
Umgeben von antiken Statuen, empfindet man sich in einem bewegten Naturleben,
man wird die Mannigfaltigkeit der Menschengestaltung gewahr und durchaus auf den
Menschen in seinem reinsten Zustande zurckgefhrt, wodurch denn der Beschauer
selbst lebendig und rein menschlich wird. Selbst die Bekleidung, der Natur
angemessen, die Gestalt gewissermaen noch hervorhebend, tut im allgemeinen
Sinne wohl. Kann man dergleichen Umgebung in Rom tagtglich genieen, so wird
man zugleich habschtig darnach; man verlangt, solche Gebilde neben sich
aufzustellen, und gute Gipsabgsse als die eigentlichsten Faksimiles geben hiezu
die beste Gelegenheit. Wenn man des Morgens die Augen aufschlgt, fhlt man sich
von dem Vortrefflichsten gerhrt; alles unser Denken und Sinnen ist von solchen
Gestalten begleitet, und es wird dadurch unmglich, in Barbarei zurckzufallen.
Den ersten Platz bei uns behauptete Juno Ludovisi, um desto hher geschtzt und
verehrt, als man das Original nur selten, nur zufllig zu sehen bekam und man es
fr ein Glck achten mute, sie immerwhrend vor Augen zu haben; denn keiner
unsrer Zeitgenossen, der zum erstenmal vor sie hintritt, darf behaupten, diesem
Anblick gewachsen zu sein.
Noch einige kleinere Junonen standen zur Vergleichung neben ihr, vorzglich
Bsten Jupiters und, um anderes zu bergehen, ein guter alter Abgu der Medusa
Rondanini; ein wundersames Werk, das, den Zwiespalt zwischen Tod und Leben,
zwischen Schmerz und Wollust ausdrckend, einen unnennbaren Reiz wie irgendein
anderes Problem ber uns ausbt.
Doch erwhn' ich noch eines Herkules Anax, so krftig und gro, als verstndig
und mild; sodann eines allerliebsten Merkur, deren beider Originale sich jetzt
in England befinden.
Halberhobene Arbeiten, Abgsse von manchen schnen Werken gebrannter Erde, auch
die gyptischen, von dem Gipfel des groen Obelisk genommen, und was nicht sonst
an Fragmenten, worunter einige marmorne waren, standen wohl eingereiht umher.
Ich spreche von diesen Schtzen, welche nur wenige Wochen in die neue Wohnung
gereiht standen, wie einer, der sein Testament berdenkt, den ihn umgebenden
Besitz mit Fassung, aber doch gerhrt ansehen wird. Die Umstndlichkeit, die
Bemhung und Kosten und eine gewisse Unbehlflichkeit in solchen Dingen hielten
mich ab, das Vorzglichste sogleich nach Deutschland zu bestimmen. Juno Ludovisi
war der edlen Angelika zugedacht, weniges andere den nchsten Knstlern, manches
gehrte noch zu den Tischbeinischen Besitzungen, anderes sollte unangetastet
bleiben und von Bury, der das Quartier nach mir bezog, nach seiner Weise benutzt
werden.
Indem ich dieses niederschreibe, werden meine Gedanken in die frhsten Zeiten
hingefhrt und die Gelegenheiten hervorgerufen, die mich anfnglich mit solchen
Gegenstnden bekannt machten, meinen Anteil erregten, bei einem vllig
ungengenden Denken einen berschwenglichen Enthusiasmus hervorriefen und die
grenzenlose Sehnsucht nach Italien zur Folge hatten.
In meiner frhsten Jugend ward ich nichts Plastisches in meiner Vaterstadt
gewahr; in Leipzig machte zuerst der gleichsam tanzend auftretende, die Zimbeln
schlagende Faun einen tiefen Eindruck, so da ich mir den Abgu noch jetzt in
seiner Individualitt und Umgebung denken kann. Nach einer langen Pause ward ich
auf einmal in das volle Meer gestrzt, als ich mich von der Mannheimer Sammlung
in dem von oben wohlbeleuchteten Saale pltzlich umgeben sah.
Nachher fanden sich Gipsgieer in Frankfurt ein, sie hatten sich mit manchen
Originalabgssen ber die Alpen begeben, welche sie sodann abformten und die
Originale fr einen leidlichen Preis ablieen. So erhielt ich einen ziemlich
guten Laokoons-Kopf, Niobes Tchter, ein Kpfchen, spter fr eine Sappho
angesprochen, und noch sonst einiges. Diese edlen Gestalten waren eine Art von
heimlichem Gegengift, wenn das Schwache, Falsche, Manierierte ber mich zu
gewinnen drohte. Eigentlich aber empfand ich immer innerliche Schmerzen eines
unbefriedigten, sich aufs Unbekannte beziehenden, oft gedmpften und immer
wieder auflebenden Verlangens. Gro war der Schmerz daher, als ich, aus Rom
scheidend, von dem Besitz des endlich Erlangten, sehnlichst Gehofften mich
lostrennen sollte.
Die Gesetzlichkeit der Pflanzenorganisation, die ich in Sizilien gewahr worden,
beschftigte mich zwischen allem durch, wie es Neigungen zu tun pflegen, die
sich unsres Innern bemchtigen und sich zugleich unsern Fhigkeiten angemessen
erzeigen. Ich besuchte den botanischen Garten, welcher, wenn man will, in seinem
veralteten Zustande geringen Reiz ausbte, auf mich aber doch, dem vieles, was
er dort vorfand, neu und unerwartet schien, einen gnstigen Einflu hatte. Ich
nahm daher Gelegenheit, manche seltenere Pflanzen um mich zu versammeln und
meine Betrachtungen darber fortzusetzen, sowie die von mir aus Samen und Kernen
erzogenen fernerhin pflegend zu beobachten.
In diese letzten besonders wollten bei meiner Abreise mehrere Freunde sich
teilen. Ich pflanzte den schon einigermaen erwachsenen Piniensprling,
Vorbildchen eines knftigen Baumes, bei Angelika in den Hausgarten, wo er durch
manche Jahre zu einer ansehnlichen Hhe gedieh, wovon mir teilnehmende Reisende
zu wechselseitigem Vergngen, wie auch von meinem Andenken an jenem Platze, gar
manches zu erzhlen wuten. Leider fand der nach dem Ableben jener unschtzbaren
Freundin eintretende neue Besitzer es unpassend, auf seinen Blumenbeeten ganz
unrtlich Pinien hervorwachsen zu sehen. Spterhin fanden wohlwollende, darnach
forschende Reisende die Stelle leer und hier wenigstens die Spur eines anmutigen
Daseins ausgelscht.
Glcklicher waren einige Dattelpflanzen, die ich aus Kernen gezogen hatte. Wie
ich denn berhaupt die merkwrdige Entwicklung derselben durch Aufopferung
mehrerer Exemplare von Zeit zu Zeit beobachtete; die berbliebenen, frisch
aufgeschossenen bergab ich einem rmischen Freunde, der sie in einen Garten der
Sixtinischen Strae pflanzte, wo sie noch am Leben sind, und zwar bis zur
Manneshhe herangewachsen, wie ein erhabener Reisende mir zu versichern die
Gnade hatte. Mgen sie den Besitzern nicht unbequem werden und fernerhin zu
meinem Andenken grnen, wachsen und gedeihen!
Auf dem Verzeichnisse, was vor der Abreise von Rom allenfalls nachzuholen sein
mchte, fanden sich zuletzt sehr disparate Gegenstnde, die Cloaca Massima und
die Katakomben bei St. Sebastian. Die erste erhhte wohl noch den kolossalen
Begriff, wozu uns Piranesi vorbereitet hatte; der Besuch des zweiten Lokals
geriet jedoch nicht zum besten, denn die ersten Schritte in diese dumpfigen
Rume erregten mir alsobald ein solches Mibehagen, da ich sogleich wieder ans
Tageslicht hervorstieg und dort im Freien in einer ohnehin unbekannten, fernen
Gegend der Stadt die Rckkunft der brigen Gesellschaft abwartete, welche,
gefater als ich, die dortigen Zustnde getrost beschauen mochte.
In dem groen Werke Roma sotterranea, di Antonio Bosio Romano belehrt' ich
mich lange Zeit nachher umstndlich von allem dem, was ich dort gesehen oder
auch wohl nicht gesehen htte, und glaubte mich dadurch hinlnglich entschdigt.
Eine andere Wallfahrt wurde dagegen mit mehr Nutzen und Folge unternommen: es
war zu der Akademie S. Luca, dem Schdel Raffaels unsre Verehrung zu bezeigen,
welcher dort als ein Heiligtum aufbewahrt wird, seitdem er aus dem Grabe dieses
auerordentlichen Mannes, das man bei einer baulichen Angelegenheit erffnet
hatte, daselbst entfernt und hierher gebracht worden.
Ein wahrhaft wundersamer Anblick! Eine so schn als nur denkbar zusammengefate
und abgerundete Schale, ohne eine Spur von jenen Erhhungen, Beulen und Buckeln,
welche, spter an andern Schdeln bemerkt, in der Gallischen Lehre zu so
mannigfaltiger Bedeutung geworden sind. Ich konnte mich von dem Anblick nicht
losreien und bemerkte beim Weggehen, wie bedeutend es fr Natur- und
Kunstfreunde sein mte, einen Abgu davon zu haben, wenn es irgend mglich
wre. Hofrat Reiffenstein, dieser einflureiche Freund, gab mir Hoffnung und
erfllte sie nach einiger Zeit, indem er mir wirklich einen solchen Abgu nach
Deutschland sendete, dessen Anblick mich noch oft zu den mannigfaltigsten
Betrachtungen aufruft.
Das liebenswrdige Bild von des Knstlers Hand, St. Lucas, dem die Mutter Gottes
erscheint, damit er sie in ihrer vollen gttlichen Hoheit und Anmut wahr und
natrlich darstellen mge, gewhrte den heitersten Anblick. Raffael selbst, noch
jung, steht in einiger Entfernung und sieht dem Evangelisten bei der Arbeit zu.
Anmutiger kann man wohl nicht einen Beruf, zu dem man sich entschieden
hingezogen fhlt, ausdrcken und bekennen.
Peter von Cortona war ehmals der Besitzer dieses Werks und hat solches der
Akademie vermacht. Es ist freilich an manchen Stellen beschdigt und
restauriert, aber doch immer ein Gemlde von bedeutendem Wert.
In diesen Tagen jedoch ward ich durch eine ganz eigene Versuchung geprft, die
meine Reise zu verhindern und mich in Rom aufs neue zu fesseln drohte. Es kam
nmlich von Neapel Herr Antonio Rega, Knstler und ebenfalls Kunsthndler, zu
Freund Meyer, ihm vertraulich ankndigend, er sei mit einem Schiffe hier
angekommen, welches drauen an Ripa grande liege, wohin er ihn mitzugehen
hiedurch einlade, denn er habe auf demselben eine bedeutende antike Statue, jene
Tnzerin oder Muse, welche in Neapel im Hofe des Palasts Caraffa Colombrano
nebst andern in einer Nische seit undenklichen Jahren gestanden und durchaus fr
ein gutes Werk gehalten worden sei. Er wnsche diese zu verkaufen, aber in der
Stille, und frage deshalb an, ob nicht etwa Herr Meyer selbst oder einer seiner
vertrauten Freunde sich zu diesem Handel entschlieen knnte. Er biete das edle
Kunstwerk zu einem auf alle Flle hchst migen Preise von dreihundert
Zechinen, welche Forderung sich ohne Frage erhhen mchte, wenn man nicht in
Betracht der Verkufer und des Kufers mit Vorsicht zu verfahren Ursache htte.
Mir ward die Sache sogleich mitgeteilt, und wir eilten selbdritte zu dem von
unsrer Wohnung ziemlich entfernten Landungsplatz. Rega hub sogleich ein Brett
von der Kiste, die auf dem Verdeck stand, und wir sahen ein allerliebstes
Kpfchen, das noch nie vom Rumpfe getrennt gewesen, unter freien Haarlocken
hervorblickend, und nach und nach aufgedeckt eine lieblich bewegte Gestalt, im
anstndigsten Gewande, brigens wenig versehrt und die eine Hand vollkommen gut
erhalten.
Sogleich erinnerten wir uns recht gut, sie an Ort und Stelle gesehen zu haben,
ohne zu ahnen, da sie uns je so nah kommen knnte.
Hier nun fiel uns ein, und wem htte es nicht einfallen sollen: Gewi, sagten
wir, wenn man ein ganzes Jahr mit bedeutenden Kosten gegraben htte und zuletzt
auf einen solchen Schatz gestoen wre, man htte sich hchst glcklich
gefunden. Wir konnten uns kaum von der Betrachtung losreien, denn ein so
reines, wohlerhaltenes Altertum in einem leicht zu restaurierenden Zustande kam
uns wohl niemals zu Gesicht. Doch schieden wir zuletzt mit Vorsatz und Zusage,
baldigste Antwort vernehmen zu lassen.
Wir waren beiderseits in einem wahrhaften Kampf begriffen, es schien uns in
mancher Betrachtung unrtlich, diesen Ankauf zu machen; wir entschlossen uns
daher, den Fall der guten Frau Angelika zu melden, als wohl vermgend zum Ankauf
und durch ihre Verbindung zu Restauration und sonstigen Vorkommenheiten
hinlnglich geeignet. Meyer bernahm die Meldung, wie frher die wegen des
Bildes von Daniel von Volterra, und wir hofften deshalb das beste Gelingen.
Allein die umsichtige Frau, mehr aber noch der konomische Gemahl lehnten das
Geschft ab, indem sie wohl auf Malereien bedeutende Summen verwendeten, sich
aber auf Statuen einzulassen keineswegs den Entschlu fassen knnten.
Nach dieser ablehnenden Antwort wurden wir nun wieder zu neuer berlegung
aufgeregt; die Gunst des Glckes schien ganz eigen; Meyer betrachtete den Schatz
noch einmal und berzeugte sich, da das Bildwerk nach seinen Gesamtzeichen wohl
als griechische Arbeit anzuerkennen sei, und zwar geraume Zeit vor Augustus
hinauf, vielleicht bis an Hiero II. geordnet werden knnte.
Den Kredit hatte ich wohl, dieses bedeutende Kunstwerk anzuschaffen, Rega schien
sogar auf Stckzahlung eingehen zu wollen, und es war ein Augenblick, wo wir uns
schon im Besitz des Bildnisses und solches in unserm groen Saal wohlbeleuchtet
aufgestellt zu sehen glaubten.
Wie aber denn doch zwischen einer leidenschaftlichen Liebesneigung und einem
abzuschlieenden Heiratskontrakt noch manche Gedanken sich einzudringen pflegen,
so war es auch hier, und wir durften ohne Rat und Zustimmung unsrer edlen
Kunstverwandten, des Herrn Zucchi und seiner wohlmeinenden Gattin, eine solche
Verbindung nicht unternehmen, denn eine Verbindung war es im
ideell-pygmalionischen Sinne, und ich leugne nicht, da der Gedanke, dieses
Wesen zu besitzen, bei mir tiefe Wurzel gefat hatte. Ja, als ein Beweis, wie
sehr ich mir hierin schmeichelte, mag das Bekenntnis gelten, da ich dieses
Ereignis als einen Wink hherer Dmonen ansah, die mich in Rom festzuhalten und
alle Grnde, die mich zum Entschlu der Abreise vermocht, auf das ttigste
niederzuschlagen gedchten.
Glcklicherweise waren wir schon in den Jahren, wo die Vernunft dem Verstand in
solchen Fllen zu Hlfe zu kommen pflegt, und so mute denn Kunstneigung,
Besitzeslust und was ihnen sonst beistand, Dialektik und Aberglaube, vor den
guten Gesinnungen weichen, welche die edle Freundin Angelika mit Sinn und
Wohlwollen an uns zu wenden die Geneigtheit hatte. Bei ihren Vorstellungen
traten daher aufs klarste die smtlichen Schwierigkeiten und Bedenklichkeiten an
den Tag, die sich einem solchen Unternehmen entgegenstellten. Ruhige, bisher den
Kunst- und Altertumstudien sich widmende Mnner griffen auf einmal in den
Kunsthandel ein und erregten die Eifersucht der zu solchem Geschft herkmmlich
Berechtigten. Die Schwierigkeiten der Restauration seien mannigfaltig, und es
frage sich, inwiefern man dabei werde billig und redlich bedient werden. Wenn
ferner bei der Absendung auch alles in mglichster Ordnung gehe, so knnten doch
wegen der Erlaubnis der Ausfuhr eines solchen Kunstwerkes am Schlu noch
Hindernisse entstehen, und was alsdann noch wegen der berfahrt und des
Anlandens und Ankommens zu Hause alles noch fr Widerwrtigkeiten zu befrchten
seien. ber solche Betrachtungen, hie es, gehe der Handelsmann hinaus, sowohl
Mhe als Gefahr setze sich in einem groen Ganzen ins Gleichgewicht, dagegen sei
ein einzelnes Unternehmen dieser Art auf jede Weise bedenklich.
Durch solche Vorstellungen wurde denn nach und nach Begierde, Wunsch und Vorsatz
gemildert, geschwcht, doch niemals ganz ausgelscht, besonders da sie endlich
zu groen Ehren gelangte; denn sie steht gegenwrtig im Museo Pio-Clementino in
einem kleinen angebauten, aber mit dem Museum in Verbindung stehenden Kabinett,
wo im Fuboden die wunderschnen Mosaiken von Masken und Laubgewinden eingesetzt
sind. Die brige Gesellschaft von Statuen in jenem Kabinett besteht 1) aus der
auf der Ferse sitzenden Venus, an deren Base der Name des Bupalus eingegraben
steht; 2) ein sehr schner kleiner Ganymedes; 3) die schne Statue eines
Jnglings, dem, ich wei nicht ob mit Recht, der Name Adonis beigelegt wird; 4)
ein Faun aus Rosso Antico; 5) der ruhig stehende Discobolus.
Visconti hat im dritten, gedachtem Museum gewidmeten Bande dieses Denkmal
beschrieben, nach seiner Weise erklrt und auf der dreiigsten Tafel abbilden
lassen; da denn jeder Kunstfreund mit uns bedauern kann, da es uns nicht
gelungen, sie nach Deutschland zu schaffen und sie irgendeiner vaterlndischen
groen Sammlung hinzuzugesellen.
Man wird es natrlich finden, da ich bei meinen Abschiedsbesuchen jene anmutige
Mailnderin nicht verga. Ich hatte die Zeit her von ihr manches Vergngliche
gehrt: wie sie mit Angelika immer vertrauter geworden und sich in der hhern
Gesellschaft, wohin sie dadurch gelangt, gar gut zu benehmen wisse. Auch konnte
ich die Vermutung nhren und den Wunsch, da ein wohlhabender junger Mann,
welcher mit Zucchis im besten Vernehmen stand, gegen ihre Anmut nicht
unempfindlich und ernstere Absichten durchzufhren nicht abgeneigt sei.
Nun fand ich sie im reinlichen Morgenkleide, wie ich sie zuerst in Castel
Gandolfo gesehen; sie empfing mich mit offner Anmut und drckte mit natrlicher
Zierlichkeit den wiederholten Dank fr meine Teilnahme gar liebenswrdig aus.
Ich werd' es nie vergessen, sagte sie, da ich, aus Verwirrung mich wieder
erholend, unter den anfragenden geliebten und verehrten Namen auch den Eurigen
nennen hrte; ich forschte mehrmals, ob es denn auch wahr sei. Ihr setztet Eure
Erkundigungen durch mehrere Wochen fort, bis endlich mein Bruder Euch besuchend
fr uns beide danken konnte. Ich wei nicht, ob er's ausgerichtet hat, wie ich's
ihm auftrug, ich wre gern mitgegangen, wenn sich's geziemte. Sie fragte nach
dem Weg, den ich nehmen wollte, und als ich ihr meinen Reiseplan vorerzhlte,
versetzte sie: Ihr seid glcklich, so reich zu sein, da Ihr Euch dies nicht zu
versagen braucht; wir andern mssen uns in die Stelle finden, welche Gott und
seine Heiligen uns angewiesen. Schon lange seh' ich vor meinem Fenster Schiffe
kommen und abgehen, ausladen und einladen; das ist unterhaltend, und ich denke
manchmal, woher und wohin das alles? Die Fenster gingen gerade auf die Treppen
von Ripetta, die Bewegung war eben sehr lebhaft.
Sie sprach von ihrem Bruder mit Zrtlichkeit, freute sich, seine Haushaltung
ordentlich zu fhren, ihm mglich zu machen, da er bei miger Besoldung noch
immer etwas zurck in einem vorteilhaften Handel anlegen knne; genug, sie lie
mich zunchst mit ihren Zustnden durchaus vertraut werden. Ich freute mich
ihrer Gesprchigkeit; denn eigentlich macht' ich eine gar wunderliche Figur,
indem ich schnell alle Momente unsres zarten Verhltnisses vom ersten Augenblick
an bis zum letzten mir wieder vorzurollen gedrngt war. Nun trat der Bruder
herein, und der Abschied schlo sich in freundlicher, miger Prosa.
Als ich vor die Tre kam, fand ich meinen Wagen ohne den Kutscher, den ein
geschftiger Knabe zu holen lief. Sie sah heraus zum Fenster des Entresols, den
sie in einem stattlichen Gebude bewohnten; es war nicht gar hoch, man htte
geglaubt, sich die Hand reichen zu knnen.
Man will mich nicht von Euch wegfhren, seht Ihr, rief ich aus, man wei, so
scheint es, da ich ungern von Euch scheide.
Was sie darauf erwiderte, was ich versetzte, den Gang des anmutigsten
Gesprches, das, von allen Fesseln frei, das Innere zweier sich nur halbbewut
Liebenden offenbarte, will ich nicht entweihen durch Wiederholung und Erzhlung;
es war ein wunderbares, zufllig eingeleitetes, durch innern Drang abgentigtes
lakonisches Schlubekenntnis der unschuldigsten und zartesten wechselseitigen
Gewogenheit, das mir auch deshalb nie aus Sinn und Seele gekommen ist.
Auf eine besonders feierliche Weise sollte jedoch mein Abschied aus Rom
vorbereitet werden; drei Nchte vorher stand der volle Mond am klarsten Himmel,
und ein Zauber, der sich dadurch ber die ungeheure Stadt verbreitet, so oft
empfunden, ward nun aufs eindringlichste fhlbar. Die groen Lichtmassen, klar,
wie von einem milden Tage beleuchtet, mit ihren Gegenstzen von tiefen Schatten,
durch Reflexe manchmal erhellt, zur Ahnung des Einzelnen, setzen uns in einen
Zustand wie von einer andern, einfachern, grern Welt.
Nach zerstreuenden, mitunter peinlich zugebrachten Tagen macht' ich den Umgang
mit wenigen Freunden einmal ganz allein. Nachdem ich den langen Korso, wohl zum
letztenmal, durchwandert hatte, bestieg ich das Kapitol, das wie ein Feenpalast
in der Wste dastand. Die Statue Mark Aurels rief den Kommandeur in Don Juan
zur Erinnerung und gab dem Wanderer zu verstehen, da er etwas Ungewhnliches
unternehme. Dessenungeachtet ging ich die hintere Treppe hinab. Ganz finster,
finstern Schatten werfend, stand mir der Triumphbogen des Septimius Severus
entgegen; in der Einsamkeit der Via Sacra erschienen die sonst so bekannten
Gegenstnde fremdartig und geisterhaft. Als ich aber den erhabenen Resten des
Koliseums mich nherte und in dessen verschlossenes Innere durchs Gitter
hineinsah, darf ich nicht leugnen, da mich ein Schauer berfiel und meine
Rckkehr beschleunigte.

Alles Massenhafte macht einen eignen Eindruck zugleich als erhaben und falich,
und in solchen Umgngen zog ich gleichsam ein unbersehbares Summa Summarum
meines ganzen Aufenthaltes. Dieses, in aufgeregter Seele tief und gro
empfunden, erregte eine Stimmung, die ich heroisch-elegisch nennen darf, woraus
sich in poetischer Form eine Elegie zusammenbilden wollte.

Und wie sollte mir gerade in solchen Augenblicken Ovids Elegie nicht ins
Gedchtnis zurckkehren, der, auch verbannt, in einer Mondnacht Rom verlassen
sollte. Cum repeto noctem! seine Rckerinnerung, weit hinten am Schwarzen
Meere, im trauer- und jammervollen Zustande, kam mir nicht aus dem Sinn, ich
wiederholte das Gedicht, das mir teilweise genau im Gedchtnis hervorstieg, aber
mich wirklich an eigner Produktion irre werden lie und hinderte; die auch,
spter unternommen, niemals zustande kommen konnte.

Wandelt von jener Nacht mir das traurige Bild vor die Seele,
Welche die letzte fr mich ward in der rmischen Stadt,
Wiederhol' ich die Nacht, wo des Teuren soviel mir zurckblieb,
Gleitet vom Auge mir noch jetzt eine Trne herab.
Und schon ruhten bereits die Stimmen der Menschen und Hunde,
Luna, sie lenkt' in der Hh' nchtliches Rossegespann.
Zu ihr schaut' ich hinan, sah dann kapitolische Tempel,
Welchen umsonst so nah unsere Laren gegrenzt. -

Cum subit illius tristissima noctis imago,
Quae mihi supremum tempus in Urbe fuit;
Cum repeto noctem, qua tot mihi cara reliqui;
Labitur ex oculis nunc quoque gutta meis.
Iamque quiescebant voces hominumque canumque:
Lunaque nocturnos alta regebat equos.
Hanc ego suspiciens, et ab hac Capitolia cernens,
Quae nostro frustra iuncta fuere Lari. -


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